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Wenn eine Tür des Glücks sich schließt, öffnet sich eine andere, aber oft starren wir solange auf die geschlossene Türe, dass wir die, die sich uns geöffnet hat, nicht sehen … Helen Keller
Emily durfte sich gerade noch vorher eine Hose und Shirt überstreifen, dann schleppte er sich schon vor die Tür. Er zwang sie auf den Fahrersitz seines Autos und kettete ihre rechte Hand am Lenkrad fest. Das Messer presste er gegen ihre Seite. Sie wusste es noch nicht, aber sobald er bei Cassandra war, würde er sie töten. Nervös strich sich Emily mit der Zunge über die Lippen. Er hatte sie nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen und so war es ihr weder möglich an ihre Waffe zu kommen, noch an ihr Handy. Für den Schichtwechsel war es noch zu früh. Keiner würde sie vermissen, wenn man sie nicht rein zufällig anrufen würde und selbst wenn. Falls sie nicht ranging, nahm man höchstens an sie würde noch schlafen, oder schlicht und ergreifend das Telefon nicht hören. Ihre einzige Hoffnung war, dass Hotch bereits Männer nahe dem Motel abgestellt hatte und dass diese ihre Augen offen hatten. Langsam fuhr sie los, hielt sich übergenau an die erlaubten Höchstgeschwindigkeiten.
Leroy schien das nicht zu stören. Er wippte lediglich unruhig mit dem Fuß und schwieg. Von Zeit zu Zeit fühlte sie die Spitze des Messers, wie es sich schmerzhaft in ihrer Seite bohrt. Immer dann, wenn er seine Position veränderte. Emily biss jedes Mal die Zähne zusammen. Sie wollte ihm mit keinem Laut zu verstehen geben, dass er ihr wehtat. Diesen Triumph war sie ihm nicht vergönnt. Durch das erstellen seines Profils wusste sie, wie sehr es ihm gefiel seine Opfer leiden zu sehen. Ihm ging es nicht nur um das Töten alleine, sondern auch um das wie. Emily wechselte die Spur und fuhr auf den Highway auf. Schon bald, in knapp einer halben Stunde, würden sie am Motel sein.
Still arbeitete sie Stunde um Stunde die Akten der einzelnen Mitarbeiter durch. Eine Akte hatte sie sich bis zum Schluss aufgehoben. Melissa kannte sie bereits, aber da sie vermutlich morgen dem Rest des Teams gegenüber stehen würde, konnte es nicht schaden sich über jeden einzelnen noch einmal genau zu informieren. Die erste Akte gehörte SSA Aaron Hotchner. Dieser war früher Staatsanwalt gewesen und wechselte dann zum FBI. Strauss beschrieb ihn als schwierig. Er handelte mehr als einmal gegen ihren Befehl. Ungeachtet ihrer Ermahnungen und Drohungen, beschritt er eigenmächtig seinen Weg. Zweimal war sie versucht ihn abzusetzen.
Beinahe wäre es ihr auch gelungen, freiwillig überließ er seinen Posten Derek Morgan. Strauss hätte es gerne gesehen, wenn SSA Morgan in dieser Position geblieben wäre, aber es kam anders. Hotchner leitete wieder das Team. Eine interessante Wendung. Bei ihrem ersten Treffen mit ihm verlor er nicht einmal die Fassung. Zeigte sich freundlich und respektvoll und das obwohl ihm ihre Art sicher gegen den Strich gehen musste. Strauss hatte sie gut auf ihn vorbereitet und sie würde bestimmt nicht den Fehler machen ihn zu unterschätzen, was auch für den Rest des Teams galt. Emily Prentiss war eine Senatorentochter.
Durch die Reisen ihrer Eltern wuchs sie mehrsprachig auf. Auch sie war nur schwer aus der Ruhe zu bringen und zeichnete sich vor allem gerade wegen ihrer Kühle aus, die sie anderen gegenüber oftmals überlegen wirken ließ. Jennifer Jareau entschied welche Fälle am vorrangigsten zu behandeln waren und bildete das Verbindungsglied zur Presse. Dann war da noch Derek Morgan. Sein eigenes Temperament stand ihm manchmal im Weg, aber er war auch ein herausragender Ermittler und wie alle anderen auch ein Teamspieler. Interessant war auch Penelope Garcia. Sie hat ihren Job aufgrund ihrer technischen Fähigkeiten bekommen. So lautete ihre Einstellung hoch offiziell, inoffiziell weil sie den FBI Computer gehackt hatte.
Solchen Menschen konnte man nie ganz trauen. Jedenfalls war das ihre Meinung. Dr. Reid war auch so ein Kandidat. Hochintelligent und hochbegabt mit einem eidetischen Gedächtnis ausgestattet, bestand auf der anderen Seite die Gefahr dass er eines Tages wie seine Mutter endete. Waren es nicht gerade die Großen, die tief fielen? Seufzend wandte sie sich der letzten Akte zu. SSA David Rossi. Als erfolgreicher Buchautor hatte er es nicht nötig zu arbeiten, aber er kam freiwillig ins Team zurück, was ihn am unberechenbarsten machte. Ihn in seine Schranken zu weisen, war fast nicht möglich, denn er hatte am wenigsten zu verlieren. Ging deshalb von ihm eine so starke Faszination aus? Melissa zog aus einem ihrer mitgebrachten Kartons ein Buch und drehte es auf den Rücken. Auf der Rückseite war SSA Rossi abgebildet. Ernst blickte ihr entgegen.
„In wenige Stunden kommen Emily und Derek zurück!", erzählte Aaron Maggie. Stumm nickend nahm sie diese Information zur Kenntnis. Was sollte sie auch dazu sagen? Sie würde hier bleiben, alle andern wechselten sich ab. „Ich kann nicht ewig hier bleiben.", sagte sie leise. „J.J. hat heute eine Presskonferenz abgehalten und dabei falsche Informationen preisgegeben. Wir erhoffen uns so Leroy Cook zu schnappen!", erwiderte er zuversichtlich. Maggie blickte konzentriert in die Ferne, damit er ihren skeptischen Gesichtsausdruck nicht bemerkte. Sie standen immer noch draußen vor der Tür. Eigentlich hätte er sie schon längst wieder ins Innere des Hauses schicken sollen, aber es war so friedlich hier. „Ich sollte dich noch auf Morgen vorbereiten. Meine Vorgesetzte Melissa Caveniss möchte dich kennen lernen und wird vorbeikommen." Seine Stimme klang leicht gepresst.
„Du hast kein gutes Gefühl bei dieser Frau?" Tief holte er Luft. „Es ist kompliziert.", meinte er ausweichend. „Ist es das nicht immer? Was macht dir an ihr zu schaffen?" Was ihm an ihr zu schaffen machte? Es gab so vieles, aber das wichtigste war, dass er sie noch nicht endgültig einschätzen konnte. „Es ist mir nicht gestattet …", begann er und brach ab. „Das mit uns – sie darf es nie erfahren!", verlangte er eindringlich. Betroffen biss sich Maggie auf die Lippen. Also hatte sie mit ihrer Vermutung die ganze Zeit recht gehabt und es war sogar noch schlimmer, als sie befürchtet hatte. Er schämte sich für sie und für das was zwischen ihnen gewesen war. „Es ist frisch geworden!", kam es ruhig von ihr und ohne auf eine Antwort zu warten kehrte sie ins Haus zurück. Aaron verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ins Leere. Schwermütig dachte er an ihre letzten Worte. Sie hatte recht, es war kalt geworden.
Angeregt plauderte sie mit Robert. Penelope hatte das Gefühl sie würde ihn schon ewig kennen. „Für mich klingt das unheimlich spannend was Sie machen.", heuchelte er Bewunderung. „Es mag so klingen, aber es ist nicht spannend. Meist eher langweilig und manchmal richtig schlimm!" Bekümmert blickte sie in ihren Kaffeebecher. Manche Bilder wurde man nicht mehr los, sobald man sie einmal gesehen hatte. „Tut mir leid, falls ich da bei Ihnen einen wunden Punkt getroffen habe.", entschuldigte er sich bei ihr. Robert hatte eigentlich keine Zeit für leichte Plauderei, andererseits konnte er so hoffen vielleicht doch noch eine nützliche Information von ihr zu bekommen. Immerhin hing auch sein Leben davon ab. Da gab er sich keinen falschen Illusionen hin.
Wenn es ihm nicht gelang den Aufenthaltsort von Cassandra zu finden, würde ihn auch nicht seine Verwandtschaft zu Leroy vor ihm und dessen Messer schützen. Angespannt holte er Luft. Erneut machte er sich klar, dass er einem Mörder half. Leroy war kein Mensch mehr, sondern eine mordlüsterne Bestie. „Ist schon gut. Ich versuche so wenig wie möglich an all die schrecklichen Dinge zu denken und mich ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren.", kam es gespielt fröhlich von ihr. Penelope trank ihren Kaffee aus und erhob sich. Es war vielleicht besser, wenn sie ging.
Sie hatte sowieso noch viel zu tun. Immerhin sollte sie noch so viel wie möglich, am Besten alles, über Leroy Cook herausfinden. Irgendwo musste er doch auftauchen. Robert erhob sich ebenfalls. „Müssen Sie wirklich schon gehen, oder liegt es an meinen albernen Fragen?" Garcia wich seinem Blick aus. Ihr fiel Lügen schon immer schwer. „Ja! Ich… es wartet eine Menge Arbeit auf mich." Sie winkte ihm zum Abschied noch zu und machte sich auf dem Weg zurück ins Büro. SSA Rossi wartete bestimmt schon auf ihren Bericht.
Er hatte nichts erreicht. Ihr jetzt noch hinter zulaufen, würde nur ihr Misstrauen wecken. Robert sah angestrengt auf ihren Rücken und ihre wippenden Hüften. Bunt, schrill und auffallend so war sie, aber auch warmherzig und nett, aber auf all das konnte er keine Rücksicht nehmen. Vielleicht konnte er später noch einen Versuch starten. Zumindest hatte er bereits eine Beziehung zu ihr aufgebaut. Nicht länger war er vollkommen Fremder für sie. Langsam machte auch er sich auf den Weg zurück in sein Büro. Neben seinen Botendiensten für Leroy hatte er auch noch eine Job zu erledigen.
Lauernd schielte Rossi immer wieder auf den Gang vor seinem Büro. Er redete sich ein, er würde einzig auf den Bericht von Garcia warten, aber das war nicht die ganze Wahrheit. Immer noch schwirrte ihm Melissa Caviness im Kopf herum. In erster Linie, weil er sie für kalt und berechnend hielt, aber sie war auch ein attraktives Energiebündel. Er könnte sich gut vorstellen, dass diese Dame in der richtigen Situation richtig charmant sein konnte. Seufzend verdrehte er die Augen. Drei gescheiterte Ehen sollten eigentlich genug sein. Er hatte mit diesem Thema schon lange abgeschlossen und Melissa Caviness trug außerdem ein dickes Reklameschild über ihrem Haupt auf dem in riesigen Leuchtbuchstaben Ich bringe Probleme zu lesen stand. Nein, auf keinen Fall hatte er vor noch weiter über sie zu grübeln, außer rein dienstlich natürlich. J.J. kam in sein Büro. Sie wirkte etwas flatterig auf ihn. „Hast du es gesehen? Weißt du wie es war? Haben sie es geglaubt?" Rossi war ein erstklassiger Profiler und ihm würde keine Nuance auf den Gesichtern den Reportern entgehen.
Im ersten Moment wusste er gar nicht wovon sie eigentlich sprach. Erst langsam fiel ihm die Pressekonferenz wieder ein. „Ich war nicht dort. Gibt es einen Aufzeichnung davon?" Stumm schüttelte J.J. den Kopf. „Dann werde ich auf die Ausstrahlung warten und sie mir genau ansehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du, wie immer, deine Sache gut gemacht hast!" Zweifelnd blickte J.J. ihn an. Sie war sich da nicht so sicher. In diesem Augenblick kam Garcia hereingeschneit. In ihren Händen hielt sie einen braunen Umschlag. Unschlüssig drehte sie ihn in ihren Händen. SSA Rossi wollte bestimmt keine große Sache draus machen, dass er hinter ihrer neuen Chefin herschnüffelte.
„Verdammt!", zischte Derek in den Hörer und legte rasch auf, ehe sich die Mobilbox einschaltete. Er hatte Emily schon zwei Nachrichten hinterlassen und keine Lust darauf noch eine weitere auf ihre Mobilbox zu quatschen. Er wollte eigentlich nur wissen, ob er auf dem Weg zu ihr gleich Brötchen besorgen sollte, oder ob sie das schon erledigt hatte. Schön langsam begann er sich Sorgen zu machen. Prentiss hatte keinen sehr tiefen Schlaf und bis jetzt hatte er es nur einmal erlebt, dass sie für einen längeren Zeitraum nicht erreichbar war. Bis heute wusste er nicht was sie alleine in Vegas getrieben hatte. Für ein Wochenende war sie hingeflogen um an einem Sinn and Winspiel teilzunehmen.
Standhaft weigerte sie sich ihm zu sagen, was es damit auf sich hatte. Aber das war jetzt unwichtig. Kurz überlegte er Penelope anzurufen, vielleicht wusste sie etwas, was ihm entgangen war. Verwarf aber dann diesen Gedanken wieder, weil er sich dachte er würde überreagieren. Schließlich war sie nicht überfällig, sondern ging lediglich nicht ans Telefon – aus welchen Gründen auch immer. Seufzend ging er unter die Dusche. Er würde es später noch einmal bei ihr probieren. Sein Hund folgte ihm auf dem Fuß. Eigentlich war er kein gutes Herrchen. Ständig war durch seinen Job unterwegs. Vielleicht sollte er einen besseren Platz für ihn suchen? Er hätte es verdient bei Menschen leben die Zeit für ihn hatten.
Er stellte sich unter den warmen Strahl des Wassers und ließ es sich über den Kopf und das Gesicht rieseln. Nichts hören und nichts sehen, manchmal war das gar nicht mal so schlecht. Er gönnte sich eine ausgiebige Dusche und stieg dann angenehm erfrischt aus der Duschkabine. Kaum hatte er sich abgetrocknet und angezogen, griff er auch schon sofort nach seinem Telefon. Kein Anruf in Abwesenheit. Erneut wählte er Emilys Nummer. Wieder ging nur die Mobilbox an. Nun begann er sich ernsthaft Sorgen zu machen. Hier stimmte etwas nicht. Emily musste etwas passiert sein. Automatisch dachte er an Leroy Cook. Ob dieser dahinter steckte? Aber andererseits entsprach Emily nicht seinem Opfertyp. Sogleich fiel ihm die Hotch Theorie über einen Spitzel sein. Was, wenn dieser Leroy Cook verraten hatte, dass sie es waren die Maggie beschützten? Würde das nicht automatisch sie alle in Gefahr bringen? Er würde Garcia anrufen und dann sofort zu Emily fahren.
Emily stoppte den Wagen vor dem Motel. Nichts und niemand war zu sehen. Was nicht viel bedeutete. Es konnte sein, dass sich ihre Leute sich gut verborgen im Hintergrund aufhielten, oder aber das tatsächlich keine Seele hier war. Angespannt leckte sie sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Sie musste damit rechnen, dass ihr keine Seele zur Hilfe kam. Unwillkürlich musste sie an Ian Doyle denken. Sie hatte immer geglaubt nur ihm allein würde es gelingen sie zu töten, aber Ian wurde eines besseren belehrt. Als sie das überlebt hatte, dachte sie, das ihr so etwas nie wieder passieren würde und nun war sie wieder eine Geisel. Cook löste ihre Handschelle vom Lenkrad und zwang sie auszusteigen. „Welches Zimmer?" herrschte er sie grob an. Erschrocken zuckte Emily zusammen. Sie hatte keine Ahnung welches Zimmer vorgesehen war. „Ich …ich weiß es nicht." Der Schlag traf sie unvorbereitet. Sie schmeckte Blut. Ihr war die Lippe aufgeplatzt.
„Das nächste Mal schlitze ich dir die Kehle auf – also noch einmal welches Zimmer?" Leroy war mit seiner Geduld am Ende. Wenn sich in diesem Gebäude seine Frau versteckte, dann wollte er gottverdammt noch mal wissen wo! Das war sein ihm von Gott gegebenes Recht. Biss das der Tod uns scheidet – ob sich diese misse Schlampe an ihr Versprechen noch erinnerte, während sie mit dem verfluchten Bullen im Bett rum machte? Leroy spürte wie erneut die Wut in ihm hoch kroch. Am liebsten hätte er sich sofort an der Frau neben sich abreagiert. Wenn er sie nicht brauchen würde, würde er ihr wieder und wieder seine Klinge in Bauch rammen.
