Kapitel 9: Clara & Gabriel 1
Albus Dumbledores Lieblingszeit des Tages war die eine Stunde, die er nachmittags nicht mit Schulleiterpflichten verbringen musste. Ab halb vier hatte er Zeit die Hallen seines geliebten Schlosses zu durchwandern. Der Unterricht endete um vier, was ihm nur eine halbe Stunde vollkommener Ruhe ließ.
„Severus?" rief er dem mürrischen Tränkemeister hinterher, der in diesem Moment den Krankenflügel verließ.
„Schulleiter…" Severus hielt abrupt inne. Er wandte die Augen vom wissenden Blick des Schulleiters ab.
„Ich nahm an, du würdest noch im Krankenflügel sein, Severus," sagte Albus und sah ihn streng an. Severus mied seine Augen.
„Schulleiter, es ist sinnlos neben dem Bett einer kranken Schülerin zu sitzen," begann er. „Es ist lächerlich. Ich habe Dinge zu erledigen und kann nicht das bisschen Zeit, die ich habe, damit verbringen Miss Granger zu bewachen. Das ist Poppys Aufgabe."
Severus drehte sich um und begann den so bekannten Weg zu seinem Kerker hinab zu schreiten.
„Severus, warte!" befahl Dumbledore.
„Ja?" Er war nicht glücklich und die Nachhaltigkeit seines Schulleiters begann an seinen sowieso schon strapazierten Nerven zu zerren.
„Ich erwarte, dass du im Krankenflügel bist, wenn Miss Granger aufwacht."
Albus Dumbledore verließ den Professor, um seinen täglichen Rundgang im Schloss fortzusetzen. Nur in wenigen Minuten würden die Hunderten von Hogwartsschülern die Gänge zurückerobern. Er drehte sich noch einmal um und sah zu wie Professor Snape zurück zu seinen Kerkern schritt.
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Es gab nur ein Wort mit dem Hermine ihre neue Umgebung beschreiben konnte: chaotisch. Explosionen ertönten nur wenige Meter von ihr entfernt und sie hörte die Rufe von Männern aus allen Richtungen.
„Das wird wirklich lächerlich," zischte sie genervt. „Wo bin ich denn jetzt?"
Sie nahm ihre Umgebung auf und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder zurück zwischen den vertrauten Steinmauern von Hogwarts zu sein. Das Land um sie herum war fremd. Sie wusste, dass sie nirgends in der Nähe ihres Zuhauses war, aber dies war ja nicht das erste mal, dass sie fort von zu Hause war. Das bedeutendste Kennzeichen dieser Landschaft war die dunkelrote Erde. Das Gras war grün und die Erde rot. Die Luft kühl, aber sie roch nach Feuer und Schießpulver.
„Ich hätte es wissen müssen," murmelte Hermine.
Eine junge Frau, die nicht überraschend das gleiche Aussehen, wie Hermine besaß, stand keine zehn Meter entfernt. Sie war in ein hellgrünes Gewand gekleidet, das nach Hermines Urteil recht einfach war. Mode der Vergangenheit oder Gegenwart waren keineswegs ihre Expertise. Parvati und Lavender könnten das Kleid der jungen Frau sicher auf fünf Jahre genau einordnen.
Trotz des Chaos, das sie umgab, blieb Hermine gelassen. Sie hatte inzwischen gelernt, dass egal was um sie herum geschah, sie es nicht ändern konnte.
„Es ist als ob ich jemandes Erinnerungen sehe," sagte sie zu sich selbst, als sie mit dem Arm die helle, heiße Sonne abschirmte, um die riesigen Bäume um sich herum zu begutachten. „Aber wessen Erinnerungen?"
Die junge Frau tat ihr bestes, ihren voluminösen, glockenartigen Rock hinter einem Baumstamm zu verstecken. Sie war nervös; ihr Gesicht sprach Bände über ihre Erregung. Hermine trat näher heran. Mit jeder neuen Explosion, die immer näher zu kommen schienen, keuchte die Frau auf und wrang mit den Händen.
„Was passiert hier?" Hermine wusste, dass niemand sie hören konnte, aber sie fühlte sich besser, wenn sie es aussprach.
Ein merkwürdiger Schrei hallte durch die Senke, die die Frau als Versteck auserkoren hatte. Es war ein ungewohnter Laut für Hermine. Plötzlich brachen ein Dutzend Männer rennend durch die Bäume.
„Oh nein!" flüsterte die Frau nehmen Hermine.
Sie befanden sich nur 50 Meter von einem heftigen, blutigen Kampf entfernt. Das Dutzend kämpfender Männer wurde schnell zu Hunderten. Obwohl der Tumult in sicherer Entfernung stattfand und sich stetig in die entgegen gesetzte Richtung bewegte, wurde die junge Frau immer aufgeregter. Angst schien sie allerdings mit den Füßen festgeklebt zu haben.
Ein stetiger Strom aus blau und grau uniformierten Soldaten lieferte sich in einiger Entfernung weiterhin ein heftiges Gefecht.
„Welcher Krieg ist das?" Hermine konnte sich irgendwie entsinnen, was vor ihren Auen geschah, aber im Moment konnte sie sich nicht an die Details erinnern.
„Du kannst hier nicht einfach stehen und auf deinen Tod warten, Clara," sprach die junge Frau zu sich selbst.
Sie war Amerikanerin, da war sich Hermine sicher. Ihren Akzent ordnete sie in die südlichen Staaten des Landes ein.
„Natürlich! Der amerikanische Bürgerkrieg!" rief Hermine aus, wieder zu sich selbst. Sie war langsam frustriert von ihrer isolierten Situation in dieser Welt.
Sie hatte vor ein paar Sommern einige Bücher zu diesem Thema gelesen. Sie fand diese Zeit sehr interessant in einem Land, dass sie hoffentlich einmal bereisen würde.
„Ich muss hier weg", sagte Clara, bevor sie loslief, dem Kampf zu entkommen.
Clara nahm ihren Rock hoch und rannte tiefer in den Wald hinein. Hermine konnte ihr ohne Probleme folgen. Man konnte doch sehr fiel besser durch Unterholz laufen, wenn man nicht durch die damals übliche Frauenkleidung eingeschränkt war. Sie holte sie nach kurzer Zeit ein.
Eine kleine, heruntergekommene Hütte kam zwischen den Bäumen in Sicht. Clara lief zur Tür, warf sie auf und verschwand drinnen.
„Alles in Ordnung, Miezi," sagte Clara zu einer räudigen, rot-orange Katze, die beim Eintreten der beiden Frauen zu fauchen begonnen hatte. „Ich bin's doch nur."
Hermine war geschockt, dass jemand, noch dazu eine junge Frau, an so einem jämmerlichen Ort leben konnte. Die Hütte war nicht größer als vier mal vier Meter. Eine Feuerstelle mit einem Kessel darüber nahm einen Großteil des Platzes ein. In einer dunklen Ecke stand ein kleines Feldbett, gerade groß genug, dass eine Person dort schlafen konnte. Die einzigen anderen Möbel der kleinen, aber aufgeräumten Behausung waren eine schwere Truhe, ein kleiner Tisch und zwei einfache Lehnstühle. An den Wänden verstreut waren plumpe Regale mit persönlichen Artefakten, Nähzeug, ein wenig Geschirr und etwas Lebensmittel. Clara war offensichtlich eine gute Haushälterin, so sauber wie die bedrückende Unterkunft war.
„Der Kampf war wirklich nah dieses Mal, Tuffy." Clara setzte sich und zog die halbverhungerte Katze auf ihren Schoß. „Sieht so aus als würden sie sich weiter von hier entfernen. Vielleicht sind sie bald ganz verschwunden."
Tuffy hob den Kopf um ihre unruhige Herrin anzumiauen.
„Es gibt nicht mehr viel, dass die Yankees noch nehmen könnten," seufzte sie. „Bald müssen sie gehen. Ich hoffe nur, dass sie unser Versteck nicht vorher finden. Ich konnte nicht viel vor diesen Geiern retten, als sie mein geliebtes Sycamore Creek überfallen haben, aber was ich habe, könnte ich nicht ertragen zu verlieren."
Sie sah sich nach ihren wenigen Besitztümern um. Es waren nur wenige, bemerkte Hermine, aber sie bedeuteten Clara anscheinend sehr viel. Hogwarts Schulsprecherin ging langsam durchs Zimmer und sah sich jedes Schmuckstück genau an. Nichts schien besonders wertvoll, außer vielleicht an sentimentalem Wert.
Die Hütte war dunkler und Clara saß nicht mehr, als Hermine sich wieder zu ihr umdrehte. Offensichtlich hatte die Szene wieder gewechselt. Der Lärm draußen hatte sich ebenfalls gelegt und eine beunruhigende Stille lag auf dem Wald. Merkwürdigerweise zog Hermine die Explosionen dieser Stille vor. Clara stand aus der gebückten Haltung, die sie zum Feuermachen eingenommen hatte, auf. Sie nahm eine kleine Schale aus dem Regal und lief zur Tür.
„Ich bin nur für ein paar Minuten fort, Tuffy," versicherte sie ihrer Katze, die den Kopf aus ihrer Schlafposition auf dem Bett gehoben hatte.
Hermine folgte Clara aus der Tür. Die Nachtluft war süß, aber sie konnte immer noch einen Hauch von Schießpulver von den Kämpfen riechen. Clara schlich langsam an der Hütte vorbei. Sie hielt immer wieder an und sah sich um. Allein im Wald zu leben, während rundherum Krieg herrschte, hatte sie offensichtlich gelehrt vorsichtig zu sein. Hermine war dankbar, dass sie eine Geräusche verursachen konnte, die Clara oder irgendjemand anderes im Wald hätte hören können. Sie war nie besonders gut im Schleichen gewesen, außer sie hexte ihre Schuhe lautlos. Ihr Zauberstab war nicht in ihrer Tasche, also wäre das keine Möglichkeit gewesen.
Clara fand ihren Weg lautlos zu einem nahe gelegenen Bach. Sie hielt erneut inne, um sicher zu gehen, dass niemand in der Nähe war, bevor sie sich von einem Busch versteckt zum Wasser hinunterbeugte, um ihre Schale zu füllen. Selbst das tat sie ohne Geräusche. Danach schlich sie mit Leichtigkeit denselben Weg zurück. Hermine war davon so beeindruckt, dass sie erst nicht bemerkte, wie Clara zögerlich vor der Hütte anhielt.
Ein Mann lag nur einen Meter von der Tür entfernt. Clara und Hermine krochen leise vorwärts, um ihn sich genauer anzusehen. Sein Gesicht war an den Boden gedrückt, aber selbst ohne Bestätigung war Hermine sicher, dass er genau wie ihr Zaubertränkeprofessor aussehen würde.
„Natürlich," seufzte Hermine. „Ich kann ja nirgends hingehen, ohne dass er kurze Zeit später auftaucht."
Clara sagte nichts, als sie sich den offensichtlich verwundeten Soldaten genauer ansah. Seine Uniform war zu dreckig und blutverschmiert, als dass man sie den Yankees oder Konföderierten zuordnen könnte. Aber das schien Clara nicht zu kümmern. Ihr Ausdruck hatte sich verändert, als sie den Mann erblickte. Vorher sah man Härte und Angst, doch nun sah Hermine nur noch Besorgnis. Clara schüttelte ihn sanft. Er ließ ein leises Grunzen hören, öffnete aber nicht die Augen.
„Schhhh!" kam eine Stimme aus dem Wald und erschreckte Clara und Hermine. „Ich habe dort drüben etwas gehört!"
Ohne zu zögern zog Clara den verwundeten Soldaten durch die Tür in die kleine Hütte. Er war ohnmächtig. Was auch immer mit ihm passiert war, war ernst. Sie zog ihn zur Feuerstelle und verscheuchte Tuffy vom Bett. Mit einer flinken Bewegung schob sie das Bett beiseite und öffnete eine Falltür, die zu einem Keller zu führen schien. Mit einer Kraft, die sie vermutlich durch die Angst aufbringen konnte, hob sie den Mann vorsichtig durch die Luke und die Leiter hinunter in den Keller.
Hermine war geschockt von der Größe des Kellers, als sie hinter Clara die Leiter hinab stieg. Er musste bestimmt dreimal so groß, wie der Raum oben sein. Jede Ecke war gefüllt mit schweren Möbeln, Truhen, Gemälden und allem möglichen anderen Kram. Ein großes, dick gepolstertes Sofa stand an der Rückwand. Clara hatte den Mann dort abgelegt und seinen zitternden Körper mit einem dicken Umhang zugedeckt. Als sie merkte, dass Clara die Leiter wieder hoch kommen würde, beeilte sich Hermine ihr zuvor zu kommen. Sie wollte nicht hier unten im Dunkeln feststecken.
Klopf. Klopf. KLOPF. KLOPF. Klopf. Das Klopfen an der Tür hatte einen Rhythmus. Zweimal leise, zweimal laut, einmal leise.
Clara war offensichtlich erleichtert, als sie das Klopfen hörte und warf die Tür auf, sobald sie das Feldbett an die richtige Stelle zurückgerückt hatte. Zwei müde Konföderierte Soldaten standen vor der Tür.
„Joshua!" quietschte Clara und sprang einem jungen Mann mit haselnussbraunen Haaren in die Arme. Der andere trat zur Seite, um ihnen mehr Raum zur Umarmung zu geben.
„Benjamin und ich können nicht lang bleiben, Clara," sagte Joshua ernst, als die drei die Hütte betraten.
„Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht, Joshie," weinte Clara.
Sie und Joshua setzten sich auf die beiden Stühle, während Benjamin an der Tür Wache hielt.
„Ich war nicht sicher, dass du zurückkehren würdest," fuhr sie fort.
Joshua zog ein Taschentuch hervor und bot es ihr an.
„Nicht zurückkommen?" sagte er. „Natürlich komme ich zurück. Ich habe versprochen auf dich aufzupassen als Pa gestorben ist. Ich werde immer zu meiner Schwester zurückkehren."
„Nicht gerade was ich erwartet habe," sprach Hermine zu sich selbst. Sie hatte nie einen Bruder. Das nächste zu einem Bruder, das sie hatte war Harry Potter.
„Der Kampf sah heute so schrecklich aus," Clara wischte die Tränen mit dem Taschentuch ihres Bruders ab.
„Du hast die Kabine verlassen!" Seine Stimme war kaum lauter als ain Flüstern , aber dennoch heftig. „Ich hab dir doch gesagt tagsüber hier zu bleiben und nur nachts wenn es absolut notwendig ist hinauszugehen. Deshalb schicke ich doch immer Big Joe mit Vorräten vorbei."
„Es tut mir leid. Ich weiß, ich hätte nicht hinausgehen sollen, aber ich musste es sehen. Es war soviel lauter als sonst. Ich musste sichergehen, dass es nicht zu nah war."
„Man hätte dich sehen können! Oder töten. Bitte, Clara, du musst vorsichtiger sein."
Die drei hielten inne, als von draußen weitere Stimmen zu hören waren. Benjamin hielt sein Gewehr fester und öffnete die Tür einen Spalt. Erleichtert stieß er den Atem aus.
„Es sind unsere Jungs," verkündete er. „Tom und Johnny… sie müssen gesehen haben, dass wir hier entlang sind."
„Sind die Yankees schon bis zu euch nach Hause gekommen, Benji?" fragte Clara zögerlich.
„Zum Glück nein. Ma sagt, sie wünschte du würdest bei ihnen bleiben, anstatt hier draußen so ganz allein. Sie sagt eine junge Dame sollte nicht an so einem Ort hausen. Eingesperrt in einer Jagdhütte, umgeben vom Krieg."
„Nein!" protestierte Clara bestimmt. „Ich werde diese Wälder nicht verlassen, bis die Yankees den Süden verlassen haben!"
Der bekannte Rhythmus erklang an der Tür. Benjamin öffnete sie und ließ zwei weitere Soldaten ein, von denen Hermine annahm, dass sie Tom und Johnny waren.
„Wir müssen weiter," sagte Benjamin zu Joshua. „Wir müssen den verdammten Yankee finden, der es an uns vorbei geschafft hat."
„Ein Yankee?" fragte Clara.
„Nichts, worüber du dir Sorgen machen musst, Schwester," versicherte Joshua. „Wir glauben er ist ein Deserteur. Er ist verletzt und kommt nur langsam voran, aber er hat es trotzdem an uns vorbei geschafft."
Joshua stand auf und ging zur Tür hinüber.
„Wir sollten los, bevor er zu weit kommt. Verbarrikadier die Tür, Clara, und öffne für niemanden," wies Joshua sie an als sie ihn noch einmal umarmte.
„Sei vorsichtig," bat sie ihn.
„Nichts zu befürchten, Miss Richmond," sagte einer der neuen Soldaten. „Der Krieg wird bald vorbei sein."
„Wird er das wirklich?" fragte Clara.
„Ich fürchte ja," antwortete Benjamin. „Nur fürchte ich, wir werden nicht die Sieger sein."
"Sag so was nicht!" gab Clara zurück.
Ein einzelner Schuss erklang durch die Stille der Nacht.
„Das ist das Signal," sagte Joshua. „Sie müssen ihn gefunden haben. Ich versuche so bald wie möglich wieder zu kommen."
Er küsste Clara auf die Stirn und verschwand in der Nacht.
Sobald sie die Tür verbarrikadiert hatte, lief sie wieder zur Fall tür hinüber, die zum Lagerraum der Richmond Familienschätze führte. Der verletzte Soldat war immer noch nicht wach. Clara zündete eine Lampe an, die auf dem nahen Tischchen stand. Sie sah sich den Mann bei Licht genauer an.
Ja, er sah genauso aus wie Professor Snape. Eins zu eins bis zur Hakennase und schwarzem Haar. Und er war in der blauen Uniform von Claras Feind gekleidet. Aber Yankee oder nicht, sie fing an ihm die tiefen Wunden zu säubern und würde ihn wieder zu Gesundheit bringen.
A/N: Hoffe es gefällt! :) R&R pleeeeeeeze!
