Kapitel 8: In den Ruinen Myth Drannors
Zurk versuchte sich aufrecht zu halten, als er sich der Höhle nährte. Der Gestank von Schwefel und die rußige Luft schlugen ihm schon entgegen. Als Ork war er schlechte, stinkende Gänge gewohnt, aber die Drachenhöhle machte selbst seinen Organen zu schaffen und dazu kam noch der Bewohner der Zuflucht, der den Besuch erst recht unangenehm machte.
Zurk atmete noch mal tief ein, sammelte sich und betrat dann die Höhle. Sofort wurde ihm warm und die hohe Temperatur lag nicht nur an den diversen Fackeln, die den riesigen Hohlraum erleuchteten. Der Anführer der Ork versuchte sich von seinem Ungemach nichts anmerken zu lassen und schritt zügig auf das kolossale Lebewesen in der Mitte der Höhle, zwischen großen Bergen von Gold und Edelsteinen, zu.
„Mächtiger Nalavarauthatoryl! Ihr habt mich gerufen!", rief Zurk aus respektvoller Entfernung und warf sich auf den Boden, bevor der rote Wyrm ihm in die Augen sehen konnte. Der Drache war leicht reizbar und Augenkontakt mochte er gar nicht. Nalavarauthatoryl reagierte erst einmal nicht auf die Anwesenheit seines Verbündeten, sondern kaute genüsslich weiter. Dann spuckte er ein Metallteil aus, das nach dem deformierten Stück einer Ritterrüstung aussah und wandte den mächtigen Kopf seinem Besuch zu.
„Ja, kleiner Ork", grollte die tiefe Stimme des Drachens durch dessen provisorische Wohnstätte, während er auf den winzigen Haufen Lumpen herabsah. Er mochte die Goblinoiden nicht, aber er brauchte sie leider, um die Zauber und Pfeile der Menschen von sich abzulenken. Zurk mochte den großen Drachen auch nicht, aus einer Vielzahl von Gründen, aber war schlau genug, seine Abneigung nicht zu zeigen und dafür gab es nur einen Grund und der hatte viele scharfe Zähne.
„Meine Spione berichten mir, dass mein Plan aufgeht. Die Talländer werden den hiesigen Menschen nicht zur Hilfe kommen." Zurk biss sich auf die Unterlippe. Immerhin war es sein Plan gewesen, die Menschen zu entzweien. Genauso war er es gewesen, der die Orkstämme der Anauroch unter seinem Banner vereint und zum Raubzug gegen die Menschen aufgewiegelt hatte. Und dann war die überdimensionierte Echse aufgekreuzt und hatte alles für sich beansprucht und er hatte machtlos mit ansehen müssen, wie der größte Raubzug der Orks seit dem Fall der Reiche zum sinnlosen Eroberungszug wurde, in dem seine Brüder abgeschlachtet wurden ohne dafür etwas zu erbeuten.
„Das bedeutet wir werden weiterziehen und du kannst meine Truppe in Bewegung setzen. Wir greifen Suzail an", informierte der Wyrm seinen unliebsamen Befehlshaber und Zurk verkrampfte sich. Sie würden alle sterben! Das war Wahnsinn, dass wusste sogar der ambitionierte Ork. Sie würden über flache Ebenen marschieren müssen um zur Hauptstadt Cormyrs zu kommen, den Angriffen der menschlichen Kavallerie schutzlos ausgeliefert, ohne Deckung vor feindlichen Zauberern, nur um vor der stärksten Befestigung zu stehen, die die Menschen in diesem Land erbaut hatten. Galle stieg dem Ork hoch, aber er zwang sie herunter und sagte gepresst, „Wie Ihr befiehlt."
„Gut. Doch bevor du die Armee los schickst, musste du noch eine Gruppe deiner besten Kämpfer nach Cormanthor in die Nähe von Myth Drannor entsenden", befahl der Wyrm und der Befehl überraschte Zurk, sodass er sich nicht zurückhalten konnte und, „Wozu?", grunzte. Zu seinem Entsetzen hörte er, dass seine Missbilligung deutlich mitschwank und Angst packte ihn. Doch Nalavarauthatoryl lies sich nicht anmerken ob er den Ton seines Besuchers bemerkt hatte oder nicht. „Ein Zauber hat mir verraten, dass der Schwächling Elminster dort zwei Getreue versteckt hält. Einen Kämpfer und einen Jüngling, wie es scheint und ich möchte, dass diese Personen verschwinden. Sie dürften keine Gefahr darstellen, aber ich gehe kein Risiko ein. Schick deine 50 besten Kämpfer und ein paar Drachenreiter. Das sollte ausreichen, falls der Trupp einer Patrouille der Menschen begegnet."
Zurks Mund war staubtrocken. Nicht mehr aus Angst vor dem Drachen, der in guter Stimmung zu sein schien, sonst hätte er seinen Plan nicht so ausführlich erläutert, sondern wegen Elminster. Der Drache mochte ihn als Schwächling bezeichnen, aber der Ork zweifelte ernsthaft daran, dass der Wyrm dem Zauberer schon einmal gegenüber gestanden hatte. Nur sehr, sehr wenige Lebewesen hatten einen Kampf gegen Elminster überlebt und jeder Ork kannte den Ruf des Magiers, auch wenn sein Name so gut wie nie gesprochen wurde und die Erzählungen über den Magier ließen ihn nicht als Schwächling erscheinen.
Seine besten Krieger auch nur in die mögliche Nähe dieses Mannes zu schicken, machte Zurk Angst, aber wie immer hatte er keine Wahl. Immerhin durfte er seine „besten" Krieger selber bestimmen. Der Ork grinste den Boden an. Wenn er schon seine Krieger in einen sicheren Tod schicken musste, konnte er wenigstens noch seine eigenen Ziele verfolgen, sollte er wider allen Erwartens diesen Feldzug überleben. „Sofort, mächtigster aller Drache. Erlaubt, dass ich mich zurückziehe und eure Befehle befolge", sagte Zurk so ergeben wie möglich. Die Hitze brachte ihn zum schwitzen und er wusste, dass Drachen empfindliche Sinne hatten und Orks verabscheuten, besonders wenn sie schwitzten.
Der Drache schien seine Gesellschaft auch nicht über Gebühr dulden zu wollen und grollte, „Du bis entlassen, aber schicke mir noch einen Gefangenen. Das Pläne schmieden macht mich hungrig." Zurk erhob sich mit gesenktem Blick, drehte sich um und verließ die Höhle so schnell es die Höflichkeit erlaubte.
„Hey, Harry. Komm rüber und sieh dir das an!", rief Kareth an Harrys drittem Zehntag in Faerûn. Der Zauberer sah von dem Folianten des klaren Denkens auf und schlug diesen nach kurzem zögern zu. Mühsam kämpfte er sich aus der selbstgeflochtenen Hängematte aus Flechtengewächsen heraus und streckte sich. Dann schlenderte er zu seinem Mentor, der an der Klippe stand und dort Wasser gelassen hatte. Jetzt sah er auf die dichte Waldfläche unter ihnen und deutete mit seinem ausgestrecktem Arm wortlos auf einen Punkt im Nordosten als Harry neben ihn trat.
Der Junge lenkte seinen Blick auf die angewiesene Stelle und sah erst nur eine verschwommene grüne Ebene, dann klärte sich sein Blick und er konnte schwarze, fliegende Punkte und graue Umrisse, die über die Wipfel ragten, ausmachen. Er wusste immer noch nicht, warum er die Brille plötzlich nicht mehr brauchte und warum sich sein Sehvermögen immer weiter zu verbessern schien, aber Harry vermutete einen Zusammenhang zwischen Elminsters Büchern oder Mystras Einflüsterungen und der Nutzlosigkeit seiner Brille.
Die schwarzen Punkte waren flüchtende Vögel und die grauen Umrisse wurden nach konzentriertem Hinsehen die verfallenen Überreste der Stadt Myth Drannors, deren andere Ausläufer sich nach Kareths Erzählungen bis zum Horizont erstreckten. Kareth hatte auch erzählt, das Myth Drannor einmal die größte und prachtvollste Stadt in Faerûn gewesen war, von den Elfen erbaut und mit einem mächtigen, magischen Schild umgeben. Doch das war vor langer Zeit gewesen und die Pracht und die Elfen waren verschwunden und der Zauber wirkte nur noch an einigen wenigen Stellen und würde bald gänzlich verschwinden. Myth Drannor hatte neue Bewohner, angelockt von den verborgenen Schätzen und der Magie, die noch in Artefakten gespeichert, in den Ruinen der Stadt gelagert waren.
Viele Abenteuergruppen kamen mit der Hoffnung auf Reichtum in das gefährliche Gebiet und erhöhten mit der Ausrüstung an ihren verwesenden Körpern den Einsatz für die Gruppen, die nach ihnen kamen. Ihr Tod war meist leise durch Hunger und Durst herbeigeführt, denn die Ruinen waren ein Labyrinth und zuverlässige Karten waren selten. Sehr selten. Dazu kamen magische Fallen, mit denen die Elfen ihr Hab und Gut geschützt hatten, und die Monster, die sich im Schutz der Nacht an eine lagernde Gruppe anschlichen und ihnen den Gar ausmachten.
Dann gab es noch zwei kleinere Gruppen. Die eine bestand aus den Leuten die vernünftig und gut ausgerüstet waren und es heil wieder herausschafften und die andere, die vielleicht gut ausgerüstet, aber so unvorsichtig waren und einen der Jäger weckten und dann auch noch dumm genug nicht alles stehen und liegen zu lassen und um ihr Leben zu laufen. Die starben nicht leise, sondern laut. Denn ein Kampf in den Ruinen brachte den Stein ins rollen, der die Lawine auslöst. Andere Jäger erwachen und noch mehr Jäger und egal wie viele Jäger eine Gruppe tötet, bisher hatte Myth Drannor und seine Bewohner immer den längeren Atem, so auch jetzt.
Lichtblitze und Feuer zuckten zwischen den Ruinen hin und her, während Harry und der Halbdrache das Schauspiel aus großer Entfernung verfolgten. „Sie sind gut", sagte Harry nach ein paar Minuten. Er klang nicht wirklich amüsiert, aber auch nicht mitfühlend. Es war mehr eine sehr distanzierte Anspannung, die seine Worte ein wenig rau klingen ließen. „Jedenfalls besser, als die letzte Gruppe vor 13 Tagen. Die da haben wenigstens einen Magier dabei", sagte Kareth und Harry nickte. Schweigend sahen sie dem Spektakel noch ein paar weitere Minuten zu, dann brach Harry wieder die Stille, „Es müssen zwei Magier sein, vielleicht sogar drei." „Ja", antwortete der Halbdrache kurz und bald darauf folgte ein „Hui", als ein menschlicher Umriss mehrere Meter weit aus dem grünen Meer herausgeschleudert wurde und dann wieder auf nimmer Wiedersehen darin versank.
Einer der Ruinentürme verschwand ein paar Augenblicke später und schleuderte eine Staubwolke empor. Die Zauber wurden weniger und erstarben wenige Minuten danach. Es wurde wieder ruhig zwischen den Bäumen und nichts wies mehr darauf hin, dass gerade Menschen, wahrscheinlich eine Menge, von den alten Gemäuern geschluckt worden waren. Ein wenig Reumütig wandte sich Harry ab und sagte leise, „Wir hätten ihnen helfen können." „Ja, ich weiß", sagte Kareth und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter, „aber mit welchem Ergebnis? Gegen Myth Drannor gibt es keine Hilfe und Elminster hat mir aufgetragen dich auszubilden, bis er sagt, dass du bereit bist und nicht mit dir Rücken an Rücken in einer ehrenhaften, aber fruchtlosen Tat zu sterben."
Harry nickte und zog die Nase hoch. Kareth war sein Lehrmeister und hatte wahrscheinlich Recht. Der Zauberer sah hoch in die Wolken, hinter denen matt die runde Scheibe der Sonne hing, die sich langsam ihrem Zenit nährte. Er seufzte und nahm wieder den Folianten zur Hand, während Kareth sich den Bogen umschwank und jagen ging. Harry war kurz versucht zu fragen ob er mit durfte, aber verzichtete dann doch darauf. Sein Studium ging erstmal vor.
Harry verlor sich in den Zeilen und der Magie des Buches, das ihn besser denken lies und erst ein lautes Grummeln seines Magens lies ihn aufschrecken. Er trat unter dem Vordach der Hütte hervor und sah nach dem Stand der Sonne. Er konnte noch nicht so gut die Zeit ablesen wie sein Lehrer, aber trotzdem erkannte er zu seiner Verwunderung, dass sein Mentor schon mehrere Stunden fort war. Das war ungewöhnlich und Harry legte die Stirn in Falten. Er überlegte, ob er den Spuren seines Meisters folgen konnte, als es hinter ihm im Unterholz knackte.
Harry fuhr herum und als er seinen Mentor erkannte, rief er mit einem breiten Grinsen, „Wo bleibst du denn so…". Das lange blieb ihm im Hals stecken, als er sah, dass der Halbdrache nicht auf ihn zu ging, sondern rannte. „Harry, ich hoffe du weißt noch den Flugzauber den Mystra dir letzen Zehntag geschickt hat", rief Kareth und war fast bei Harry angekommen, bevor dieser antworten konnte. „Klar, aber wieso? Was geht…" Wieder wurde Harry unterbrochen. Sein Mentor hatte ihn unsanft am Kragen und am Gürtel gepackt und schleuderte ihn mit einem gewaltigen Wurf über den Rand der Klippe.
Während er fiel, sah der Zauberer wie eine Vielzahl von menschengroßen Figuren, die ein breites Arsenal an Waffen bei sich trugen, auf die Lichtung stürmten begleitet von Grunzlauten, die Harry vorher überhört haben musste. Kareth hatte seine Waffen gezogen, brüllte etwas und verschwand aus Harrys Blickfeld. Einer der Eindringlinge brüllte jemanden so laut an, dass sogar Harry es noch hören konnte, auch wenn er es nicht verstand. Mittlerweile fiel er rückwärts dem Boden entgegen und nahm wurde immer schneller. Er wollte gerade den Flugzauber sprechen, als vier große, schwarze Schatten über den Rand der Klippe hinausschossen und Harry brauchte Kareth nicht um zu wissen, was sich da über ihm befand. Es konnten nur Drachen sein und das war nicht gut.
Fluchend drehte sich der Zauberer rum und schoss mit rasender Geschwindigkeit kopfüber dem grünen, undurchsichtigen Blätterdach entgegen. Ein schriller Schrei über ihm, sagte ihm das seine Verfolger, an dieser Tatsache zweifelte er keine Sekunde, ihn gefunden hatten. Harry presste die Lippen zusammen, der Wind schlug ihm ins Gesicht, zerzauste seine Haare und er war froh die Brille nicht mehr zu brauchen. Er versuchte sich noch länger zu machen und mit seinem Willen seinen Sturz noch zu beschleunigen. Ein Hochgefühl ergriff den Jungen, das er sonst nur vom fliegen auf seinem Feuerblitz kannte, auch wenn dieses keine Dutzend Sekunden anhalten sollte.
Er musste sich schließlich ermahnen den Zauber zu sprechen, um nicht ungebremst durch die Baumkronen zu jagen. Mit der natürlichen Gabe, die ihn zum jüngsten Sucher des Jahrhunderts gemacht hatte, glitt er zwischen zwei Baumriesen hindurch, umflog ein paar Baumstämme, durchdrang die Blätterschicht und nährte sich im flachen Winkel dem Boden. Aus dem Flug wurde flüssig eine Laufbewegung und während um ihn herum verkohlte Blätter niederregnetten, schlug er Hacken um Hacken um seine Verfolger abzuschütteln. Nebenbei schüttelte er die Blätter aus seinen Haaren und Kleidung und wischte das Blut von den vielen kleinen Kratzern, die er im Gesicht und an Händen hatte an seinem T-Shirt ab, das seine Zeit in Faerûn bisher gut überstanden hatte, jetzt aber mehr Risse hatte als ein Drache Schuppen.
Mehrmals fühlte Harry die Hitze von Flammenstößen, die das Laub über ihm verbrannten, aber die Bäume hielten die Drachen auf Abstand und das tödliche Feuer erreichte ihn nicht. Dann knackte es mehrmals heftig als seine großen Verfolger mit brachialer Direktheit durch das Gehölz brachen und mit deutlich vernehmbarem Rumsen auf dem Boden landeten. Eins der Monster landete unmittelbar vor Harry der schnell seine Richtung änderte. Eine Wand aus Feuer in der neuen Laufrichtung überzeugte ihn aber doch, wieder den ursprünglichen Kurs einzuschlagen.
Harry begann zu schwitzen und das nicht nur weil jetzt in regelmäßigen Abständen Feuer um ihn herum züngelte. Zum ersten Mal sah Harry seine Verfolger, entweder wenn sie plötzlich neben ihm auftauchten oder sich parallel zu ihm bewegen, bis das dichte Unterholz sie zu Umwegen zwang. Der Kopf, der einem Basilisken nicht unähnlich war, saß auf einem langen Hals der in einen vierbeinigen, muskulösem Körper überging, der wiederum in einem Schwanz endete, der noch mal so lang wie der Körper war. Aus dem Rücken wuchsen zwei lederne Schwingen, die die Drachen eng am Körper gefaltet trugen. Ein Kamm lief vom Nacken bis zur Schwanzspitze und der ganze Körper war in Schuppen gekleidet, die die Farben von hellem Purpur hatten.
Als Harry die Farbe der Schuppen erkannte, verschwand das Bedürfnis zu Lachen. Der Laufschritt der Riesenechsen sah zwar saukomisch aus, aber für ihre Größe waren die Viecher verdammt schnell, doch zu Harrys Glück nicht allzu wendig. Allerdings lieferte das Färbung der Haut die letzte Gewissheit, dass es sich um rote Drachen handelte, eben die, vor denen Kareth Harry am meisten gewarnt hatte, weil sie die gefährlichsten, stärksten, hinterhältigsten und mächtigsten Vertreter der Spezies waren, die sowieso schon alle diese Attribute in sich vereinte.
Der einzige Hoffnungsschimmer den Harry in diesem Moment sah war der, dass die Drachen, wenn sie sich komplett streckten um schnellst möglich laufen zu können, „nur" um die zehn Meter lang waren und damit noch recht jung waren und außerdem waren sie gesattelt und wurden von Kreaturen geritten die, nach den Erklärungen von Kareth Orks sein mussten und so zu den gewöhnlichen Übeln von Faerûn zählten und obgleich sie stark und ausdauernd doch recht beschränkt waren und deshalb ihre Reittiere sichtlich behinderten. Die Reiter zogen wie verrückt an den Zügeln und Harry interpretierte ihre Rufe teilweise als Verwünschungen und andererseits als Anfeuerungen, doch er nahm sich vor sich später darüber zu wundern.
Jetzt musste er sich erstmal auf den Boden konzentrieren. Weitere Kratzer gesellte sich zu den anderen hinzu und durch ein paar schmerzhafte Manöver durch dichtes Unterholz kamen der eine oder andere Schnitt hinzu, aber seine Verfolger mussten weitere Wege in Kauf nehmen und der Abstand vergrößerte sich deutlich. Nach wenigen Minuten in denen er die Verfolger nicht hören konnte, lehnte sich der Zauberer an einen Baum und atmete tief durch. Seine Haut brannte wie von tausend glühenden Nadeln gestochen und Schweiß lief ihm in die Augen.
Wieder wischte er sich das Blut und den Schweiß aus dem Gesicht und klopfte die Blätter von T-Shirt und Jeans. Dabei ertastete er seinen Zauberstab, den er wundersamer Weise nicht verloren hatte und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Natürlich hatte er versucht seine Verfolger mit Kugeln von Magie zu treffen, aber seine Angriffe waren an der Haut der Drachen einfach abgeprallt und die Reiter waren zu bewegliche Ziele um sie im Laufen zu treffen. Feuerbälle waren gegen die Feuerdrachen nutzlos und mehr aggressive Zauber beherrschte Harry nicht ohne Zauberstab, aber warum hatte er nicht versucht sich zu teleportieren?
Sofort konzentrierte sich der Junge und versuchte sich zur Quelle im Wald zu bringen, doch überraschender Weise passierte nichts, als er die magischen Worte sprach, die Mystra ihm eingegeben hatte. Verwundert probierte er es erneut, aber es wollte nicht gelingen. Er schloss die Augen und versuchte sich noch mehr zu konzentrieren. Der Boden begann leicht zu schwingen, die Verfolger kamen wieder näher. Noch einmal sprach er die arkanen Worte des Transportzaubers, aber das Gekreische der Orkreiter und die hungrigen Rufe der Drachen, vermittelten das Scheitern seiner Bemühungen bevor er die Augen öffneten.
Es war düster unter dem Laubdach und nur hin und wieder durchbrach ein Lichtstrahl die Decke aus Ästen und Blättern. Harry konnte die Verfolger nicht sehen und sie ihn bestimmt auch nicht, aber sie näherten sich definitiv schnell, mindestens zwei von ihnen. Widerwillig lief er los und die Hatz begann von neuem. Für einen kurzen Moment kam ihm der Gedanke, dass er vor 30 Tagen nie im Leben solange durchgehalten hätte, aber wirkliche Freude wollte mit der Erkenntnis nicht auftauchen. Weitere Ernüchterung kam als das Unterholz spärlicher wurde und das Knacken von brechenden Ästen verschwand. Die Reiter und die Drachen wurden still, sich ihrer Beute sicher und nur noch das stärker werdende, sanfte Vibrieren des Bodens sagte Harry, dass seine Verfolger aufholten.
Er hastete weiter und langsam machte sich Verzweiflung in ihm breit. Er konnte sich nicht mehr länger beherrschen und drehte sich um. Seine Verfolger konnte er noch nicht wieder sehen, aber er stolperte fast über eine Wurzel. Er strauchelte, fing sich wieder und lief weiter. Dann tauchte wieder ein Zauber aus den tiefen seines Verstandes auf, in den Mystra ihr Wissen gepflanzt hatte und Harry zögerte nicht eine Sekunde den Zauber auszusprechen. Die Bäume hinter ihm raschelten und versanken ein paar Meter. Weiter achtete er nicht auf den Effekt seines Zaubers, sondern rannte weiter, aber ein zufriedenes und zuversichtliches Lächeln breitete sich auf seinem schweißüberströmten Gesicht aus, als es hinter ihm zwei Mal laut platschte und seine Gegner ein unfreiwilliges Schlammbad nahmen.
Sicher, das würde so große Kreaturen nicht ewig aufhalten, aber zumindest ein wenig. Blieben erstmal nur zwei Gegner um die er sich sorgen musste. Noch immer im Laufschritt, sah er sich um und versuchte das Laubdach zu durchblicken, doch er konnte keine Anzeichen finden, dass sich seine anderen Verfolger noch in der Nähe befanden. Er wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn und ZACK, krachte er mit etwas zusammen. Zwei Schmerzensschrei hallten durch den Wald und Harry prallte zurück. Schmerz pochte in seiner Stirn, seiner Brust und seinem rechten Knie, dass ihm die Augen tränten, doch er rappelte sich hoch und schüttelte den Kopf.
Das plötzlich auftauchende Hindernis entpuppte sich als spektakulär unspektakulärer Mensch um die 40 Jahre. Das braune Haar trug der Mann schulterlang und ein Lederriemen verhinderte, dass es ihm ins Gesicht fiel. Die Gesichtszüge waren vom Wetter und der Wildnis gezeichnet und eine Narbe an der Schläfe zeichnete sich blass von der sonst leicht gebräunten Haut ab. Graue Augen sahen überrascht in Harrys und der Mund zeigte gelbliche Zähne in einem angespannten Grinsen, als der andere sah, dass er zumindest einem Menschen gegenüberstand.
Von der Statur her glich der Fremde Harry sehr, auch wenn Harry schon fast muskulöser war als der Mann. Angetan war der Mann in Hemd und Hose aus groben, erdfarbenen Leinen über die er einen Lederwams trug. Ein Dolch steckte im Gürtel und ein Langschwert baumelte an der Hüfte. Der einzige Schmuck den Harry sehen konnte war ein silberner Anhänger in Schildform, den der Mann um den Hals trug. Der Mann machte auf den ersten Blick einen vertrauenswürdigen Eindruck.
„Holla", rief der Mann überrascht und rieb sich den Bauch, während Harry sich gerade schüttelte. „Mir düngt wir sollten hier verschwinden, bevor wir uns weiter unterhalten", sagte der Fremde und Harry nickte. „Da entlang", sagten beide gleichzeitig und deutete jeweils in ihre ursprüngliche Fluchtrichtung. „Schlechte Idee, daher kommt der Ärger", erklärten beide unisono und zeigten in die Richtungen aus denen sie gekommen waren. Beide zogen fragend die Augenbrauen hoch und der Fremde machte eine ungeduldige Geste mit der Hand und sah nach hinten, als ob er sagen wollte „Wir haben keine Zeit dafür".
„Rote Drachen", beantwortete Harry die ungestellte Frage und der Kopf des anderen zuckte erschrocken zurück. „Junge Drachen", räumte der Zauberer ein und sein Gegenüber entspannte sich kaum merklich. Dann packte er den Jungen am Arm, zog ihn von Harry aus gesehen nach rechts und verfiel wieder in den Laufschritt, den er anscheinend vor dem Zusammenstoß vorgelegt hatte. Harry ließ sich nicht lange ziehen und lief ebenfalls in die Richtung, die nach seinem Gefühl Osten sein musste.
Während der Fremde ihn hinter sich herzog, bemerkte Harry noch ein paar interessante Dinge. Zum einen trug der Mann einen Rucksack an den eine zusammengerollte Decke und ein Leinensack festgezurrt waren und Kochgeschirr baumelte an den Seiten. Nein, korrigierte sich Harry, das Geschirr baumelte nicht, es war auch festgebunden. Der Mann musste ein erfahrener Wanderer sein, denn sein Gepäck störte ihn weder, noch verursachte es verräterische Geräusche. Dann entdeckte Harry noch den Schweiß, der über die Arme des Fremden lief.
„Vor wem oder was lauft Ihr davon", fragte Harry seinen unerwarteten Begleiter, als er sich auf gleicher Höhe mit ihm befand. „Spinnen", erwiderte der Mann und Harry hob erstaunt die Augenbraue, was der andere nicht sehen konnte, aber wohl spürte. „Große Spinnen", erklärte der Mann und Harry schluckte, als der Mann seine Arme kurz weit ausbreitete. Der Zauberer erinnerte sich an seine Ausflüge in den Verbotenen Wald und ein klammes Gefühl überkam ihn. „Wie heißen Sie eigentlich?", fragte Harry nach einiger Zeit und diesmal konnte er das Lächeln des Mannes spüren, der sich die ganze Zeit neben ihm schnell durch das Laub arbeitete.
„Quirin von Dolchtal, wenn's beliebt. Wie ist Euer Name?" „Harry, Harry Potter", sagte der Zauberer und stellte resignierend fest, dass er am keuchen war. „Harry? Ein ungewöhnlicher Na –" Quirin brach mitten im Wort ab und bremste scharf. Bei Harry hatten plötzlich alle Sinne Alarm geschlagen und er hatte sich nach vorne geworfen, als der Mann noch seinen Namen wiederholt hatte. Er landete mit dem Gesicht im Laub und schrie seinen Schmerz in die verfaulenden Blätter, als sein Bein mit großer Gewalt durchbohrt wurde.
Der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig und wie ein gequältes Tier wand er sich. Er versuchte sich zu rollen um von dem Schmerz fort zukommen und die Quelle sehen zu können, doch sein Bein war wie festgenagelt und der Versuch bereitete ihm nur noch mehr Schmerzen. Dem Zauberer wurde plötzlich egal, was ihm den Schmerz bereitete, solang es aufhörte. Er streckte seine Hand nach hinten, ballte seine Hand zur Faust und streckte Zeigefinger und kleinen Finger in Richtung Schmerz.
Seine Hand zitterte, ebenso wie seine Stimme und die Silbe „zair" kam unsicher, kaum verständlich über seine Lippen, aber Mystra musste es verstanden haben. Harry wusste es nicht, aber „Zair" war das uralte Wort der Elfen für Blitz und ein eben solcher brannte sich auf seinen Befehl durch das Blattwerk und stach für einen Moment wie ein Schwert aus dem Grün hervor. Der beißende Geruch von verbranntem Ozon und Fleisch hing plötzlich in Luft und der Schmerz in Harrys Bein verdoppelte sich noch einmal als, was immer in ihm steckte sich abrupt drehte. Diesmal bewahrte ihn die Bewusstlosigkeit vor einem weiteren Schrei.
Wenig später wachte er wieder auf und fand sich mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt. Ein besorgter Quirin war über ihn gebeugt und musterte ihn scharf. Sein Bein tat höllisch weh und als er hinsah, erschreckte er. Eine Klinge schien durch sein Schienbein gedrungen zu sein und ein roter Dorn ragte aus seiner blutgetränkten Jeans. „Scheiße", fluchte Harry und sein Blick glitt an Quirin vorbei zu einem Knäuel, das immer noch ein wenig dampfte. „Große Spinnen?", frage Harry mit einem schiefen Lächeln und Quirin nickte bitter. „Du hast Glück gehabt, so eine Schwertspinne kann tödlich sein", sagte der Mann überflüssiger Weise und fügte leicht grinsend hinzu, „So wie du."
Harrys Lächeln wurde zu einer schmerzverzerrten Grimasse als er sein Bein bewegte. „Wir müssen weiter. Ich habe die Drachen im Schlamm versinken lassen, aber sie werden bald hier sein", presste Harry hervor. Der Dolchtaler sah sich und schien zu zögern. „Na los", drängte Harry, „Zieh das verdammte Scheißteil aus mir raus und weiter geht's." „Nein, du verblutest wenn ich die Klinge rausziehe und die Wunde nicht mit meinen Heilzaubern verschließe." „Wo ist dein Problem wenn du einen Heilzauber wirken kannst. Zieh endlich das verfluchte Ding aus meinem Bein!", schrie Harry, der vor Schmerz schwitzte und zitterte.
„Du bist ein Zauberer, du musst doch wissen wie gefährlich Zauber in einer Zone wilder Magie sind", warnte Quirin, der Harry verwundert musterte. „Was für wilde Magie? Mach endlich, dass der Schmerz aufhört", brüllte Harry und machte sich daran, selbst das Bein der Spinne aus seinem Unterschenkel zu ziehen. Quirin fing seine Hand auf und versuchte Harry zu beruhigen, „Schon gut, schon gut. Ich mach es, aber du solltest beten, das es nicht schlimmer wird". Harry bemühte sich, sich zu entspannen. Der Mann zog seinen Dolch und befahl Harry fest auf den Griff zu beißen.
Dann hob er das verletzte Bein an, legte es auf sein gebeugtes Knie und umfasste den klingenförmigen Stumpf des Beines so fest wie möglich mit beiden Händen. „Bereit?" Harry nickte nur und dann wurde er vor Schmerz fast wieder ohnmächtig. Ohne zu zögern hatte der Abenteurer das Bein mit einem Ruck raus gezogen und weggeworfen. Dann umschloss die eine Hand den Anhänger und die andere legte sich auf die Wunde, aus der Blut Harrys Schenkel herunter lief und sich warm im Schritt sammelte.
Quirin stimmte leise ein Gebet an, das Harry nicht verstand, nur das Wort „Tyr" tauchte mehrmals auf, da war Harry sich sicher. Das Brennen der Wunde hörte allmählich auf und wurde zu einer angenehmen Wärme, die sich in seinem ganzen Körper ausbreitete. Der Schmerz verebbte und seine Kräfte kehrten zurück. Er musste die Augen schließen und sich entspannen, während die heilende Wärme ihr Werk tat. Der Dolch fiel ihm aus dem Mund, jetzt mit deutlichen Zahnabdrücken im Griff. Kurz danach war der Schmerz nur noch ein sehr fernes Echo und Harry flüsterte ein zufriedenes „Danke".
Quirin nahm die Hand von Harrys Bein, lies seinen Anhänger los und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter, wie Kareth es zu tun pflegte. „Du hattest Glück, dass wir grade in keiner toten Zone der Magie sind. Hier in der Gegend kann man der Magie nicht trauen." Harry erinnerte sich jetzt daran, dass Kareth ihn mal vor solchen Zonen gewarnt hatte und ihm erklärt hatte, dass das Gewebe gestört werden konnte, wenn sehr mächtige Magie falsch gewirkt wurde oder aufeinander traf.
Harry fuhr sich über die Augen um die letzten Tränen wegzuwischen und bemerkte dabei, dass seine Schnittwunden ebenfalls verheilt waren. „Hier scheint die Magie normal zu funktionieren", gab der Zauberer zu bedenken, „ich könnte versuchen uns zu teleportieren". „Nein, der Schein trügt. Wir sind zumindest in einer Zone schwach gestörter Magie und außerdem kann ich nicht fort. Mein Partner ist noch hier und ich geh nicht ohne ihn", lehnte der Heiler Harrys Angebot ab und Harry nickte. „Gut, dann bleibe ich auch. Ich schulde dir was."
Beide Männer erhoben sich wieder und Harry probierte vorsichtig sein Bein aus, doch die Vorsicht war unnötig. Es war als hätte die Verletzung nie existiert. „Wo ist dein Partner?", frage der Junge und sah seinen Begleiter an. „Wir wollten uns wieder auf einer Lichtung treffen, ein paar Meilen von hier in diese Richtung", antwortete Quirin und zeigte in die Richtung in der sie vor der Begegnung mit der Spinne unterwegs gewesen waren. „Bevor ich dir begegnet bin, wollte ich einen größeren Bogen schlagen, aber im Moment ist Eile geboten."
Sie waren nur ein paar Schritte gegangen, als sie lautes Knacken von brechenden Ästen und einen schrillen Schrei hinter sich hörten. Harrys Verfolger waren wieder da. Sofort verfielen Harry und Quirin in einen schnellen Laufschritt und hasteten erneut durch das Labyrinth von Baumstämmen. Ein kleiner Weiler vor ihnen lichtete das Blätterdach genug, das Harry kurz das Grau der Wolken sehen konnte, aber als er über den Bachlauf sprang sah er noch was anderes, nämlich den großen Schatten eines fliegenden Drachen, der sich genau über ihm befand. „Quirin, die anderen beiden Drachen sind über uns", rief Harry seinem Begleiter zu, der ihm ein paar Schritte voraus war.
„Die anderen beiden?", fragte der Dolchtaler ungläubig, „Was hast du getan?" „Nichts! Ich schwöre, dass ich nicht weiß, wo die alle herkommen", beteuerte Harry und der Heiler schnaubte ungehalten. Der Boden unter ihnen begann stärker zu beben und sie spürten wie die anderen Drachen über ihnen kreisten. „Wir sind gleich da! Hoffentlich ist Belgos schon dort." „Sind wir immer noch in der Zone wilder Magie?", fragte der Zauberer ohne große Hoffnung. „Ich befürchte ja, aber wir werden keine Wahl haben als den Teleportzauber zu riskieren", antwortete der Abenteurer.
Nach einem finalen Endspurt und einer kleinen Kurskorrektur, erreichten die beiden Abenteurer die Lichtung und Quirin brüllte so laut er konnte, „Belgos! Belgos, du Sohn eines Drow, wo bist du?" Anstatt Belgos tauchten die beiden Drachen vor Harry und seinem Begleiter auf und mit einem erderschütternden Rums landeten die magischen Bestien am anderen Ende der Lichtung. Schlitternd kamen der Hexenmeister und der Heiler in der Mitte des Freiraumes zum stehen und Harry sah sich vorsichtig um. Die Bäume standen ungefähr ein halbes Quidditchfeld entfernt und zu seiner Rechten versperrte eine halbverfallene, aber immer noch hohe, Mauer auf ganzer Länge der Lichtung den Weg.
Das Gras war braun und verdorrt, manche Stellen waren ganz kahl und zeigten blutrote Erde. Hinter ihnen knackte es und ihre Verfolger schoben sich zwischen den Baumstämmen hindurch. Harry musste schlucken. „Harry, wir sollten verschwinden", schlug Quirin behutsam vor, als könnte ein lautes Geräusch die Monster zum Angriff bewegen. Die Drachen verhielten sich noch ruhig und musterten sie nur aus den gelben Augen, während ihre Reiter abstiegen und ihre eigenen Waffen zogen. „Was ist mit ihrem Partner?", fragte Harry aus dem Mundwinkel und behielt alle Gegner so gut wie möglich im Auge. Er bemerkte das einer der Reiter fehlte, hatte er vielleicht doch einmal mit einem Zauber getroffen?
„Der kann auf sich selber aufpassen und wenn er bisher noch nicht hier ist, wird er wahrscheinlich sowieso ganz andere Probleme haben", meinte Quirin und Harry glaubte einen Unterton zu hören, der nicht ganz passte. War der Mann etwa amüsiert? Nein, seine Anspannung ließ ihn Sachen hören, die nicht da waren, beruhigte der Junge sich. „Also gut, dann nichts wie weg hier", bestätigte Harry und packte Quirin an der Schulter. In dem Moment stürmten die Drachen auf sie los. „Harry", zischte der Dolchtaler unruhig. „Ich versuch's ja, aber es geht nicht", presste Harry hervor, während er immer wieder die magischen Worte aussprach, die sie fort bringen sollten.
„Harry!", drängte der ältere Mann und klammerte sich, ein Gebet murmelnd, an seinen Anhänger. Der Boden zitterte, die Drachen kreischten, die Angst packte Harry. Die Kreaturen waren nur noch ein Dutzend Meter entfernt, Rauch stieg ihnen aus den Nüstern, die bösen Augen waren zu Schlitzen verengt, ihre Rachen öffneten sich und ein Feuersturm ergoss sich über Harry und seinen Begleiter. Die Lichtung verwandelte sich für ein paar Sekunden in ein waberndes Inferno und das Gras verbrannte und verging zu Asche, die vom tosenden Wind empor gehoben wurde.
Als Harry die Augen wieder öffnete, lag er bäuchlings auf dem Boden und musste husten. „Sind wir tot?", fragte er schwach. „Nein, und jetzt beweg deinen Hintern", fuhr ihn Quirin an, der neben ihm lag. Noch ein wenig benommen und ein, zwei Gedanken hinter der Wirklichkeit rappelte sich Harry hoch und trabte über die Asche, die vor wenigen Momenten noch nicht da gewesen war. „Wie-", begann Harry, doch der Heiler war nicht für Fragespielchen zu haben, sondern brüllte nur, „Lauf!" Ein schriller Schrei hinter Harry unterstrich die Worte des Mannes und Harry blickte über seine Schulter.
Die Drachen hatten gestoppt, um zu warten bis sich der Feuersturm legt und sie nach den verkohlten Leichen ihrer Beute suchen konnten. Jetzt sahen sie ihre Beute quicklebendig auf die Baumlinie zuhalten und setzen ihre massigen Körper behäbig wieder in Bewegung, wobei sie sich gegenseitig Anfeuerungen zukreischten. Drachen waren nun mal Jäger, die es zwar nicht gewohnt waren ihre Beute längere Zeit zu verfolgen, dazu waren sie eigentlich zu erfolgreich, aber das hieß nicht, das die Halbstarken eine gute Beute nicht zu schätzen wussten. Das war wie Sport und der Weg zur Speisekammer auf einmal.
Harry stolperte und fiel mehr vorwärts als das er lief, während sein Hirn versuchte wieder mit seiner Umwelt in den Gleichschritt zu kommen. Er erinnerte sich daran, das sein Zauber nicht funktioniert hatte und das die Drachen auf ihn zugestürmt waren und an die orange Flammenwand, die auf ihn zugewalzt kam. Dann hatten ihn etwas fortgezogen und er war ein paar Meter weit gekommen, bevor von beiden Seiten und von Hinten die Flammen auf ihn eingeschlagen hatten und ihn von den Beinen geholt hatten. Es war warm geworden, aber war merkwürdiger Weise nicht heiß gewesen. Er hatte die Flammen vor seinen Augen tanzen sehen und war nicht verbrannt. Dann hatte er die Augen schließen müssen, weil er das Flackern nicht mehr ertragen konnte und hatte auf den sicheren Tot gewartet, der aus irgendeinem, ihm unerfindlichen Grund, nicht eingetreten war.
Mittlerweile hatten sich seine Beine geordnet und er hetzte hinter Quirin her, der ihm wieder ein paar Schritte voraus war. „Du mir das Leben gerettet", japste Harry im Laufen. „Red nicht, tu was oder lauf schneller", rief Quirin, der sich als hervorragender Sprinter präsentierte, trotz Rucksack, ohne sich umzudrehen. Harry drehte den Kopf und blickte in ein Maul voller rasiermesserscharfer, gelber Zähne das sich keine zwei Armlängen von ihm entfernt befand. Einer der Drachen hatte sich von seinen Artgenossen abgesetzt und brüllte triumphierend, den Geschmack von Blut schon auf der Zunge.
„Ahhhhh!", schrie Harry aus vollem Hals und zog seinen Spurt noch einmal an. Jetzt flog er praktisch über den roten Boden, aber sein vierbeiniger Verfolger hielt problemlos mit. Schwanz hoch erhoben, den Körper gestreckt, die Flügel eng an den Körper gepresst, galoppierte das massige Tier mit der Eleganz und der Geschwindigkeit eines Rennpferdes über die Lichtung, wo ihm keine Bäume mehr den Weg versperrten und keine Büsche es aufhielten. Harry war alles andere als erfreut als er den warmen, feuchten Atem weiter in seinem Nacken spürte und in ihm reifte die Erkenntnis, dass er es niemals bis zu den Bäumen schaffen würde.
In einer Verzweiflungstat versuchte er weiter zu rennen und Gleichzeitig mit seiner Hand auf seinen Verfolger zu zielen. Er ballte sie zur Faust, spreizte Zeige- und kleinen Finger ab und sprach die arkane Silbe. Wie gegen die Spinne zuckte ein Blitz aus seinen Finger hervor, aber diesmal war er nicht so stark, was ganz gut war. Denn der Blitz verfehlte sein Ziel trotz der kurzen Distanz und zischte dem Drachen über den Kamm, doch nicht nur das. Nach ein paar Metern bog sich der Blitzstrahl nach oben, beschrieb einen Looping und bohrte sich einem nichts ahnenden Harry in den Rücken, was ganz gut war.
Vom Schlag getroffen, wurde Harry nach vorn katapultiert und die Zähne des Drachen bissen ins leere. Der Zauberer segelte durch die Luft, fiel zu Boden, rollte über Gras und Erde, bis er zuckend auf dem Rücken liegen blieb. Quirin sah seinen Begleiter an sich vorbeifliegen und kam auf Knien rutschend bei diesem zum halten. „Harry!", brüllte der Mann und packte den Jungen bei den Schultern. Harry sah den Heiler benommen an und grinste schief. Mit den rauchenden Haaren, die noch mehr abstanden als sonst und dem Grinsen sah der Junge ein wenig Irre aus, dachte sich der Dolchtaler, aber immerhin lebte er noch. Noch.
Harrys Blick rutschte an Quirins rechtem Ohr vorbei und mit einem Schlag wurde der Zauberer wieder klar im Kopf, jedenfalls für eine Sekunde, dann ergriff ihn die Panik, aber die Sekunde reichte aus, um ein weiteres Puzzelteil an seinen Platz zu verweisen. „Ahhhhh!", schrie der Junge seinem Begleiter ins Gesicht, streckte die Arme dem anstürmenden Drachen entgegen, der sich anschickte die beiden Menschen zu überrennen, als ob er ihn damit aufhalten könnte und schloss die Augen in erneuter Erwartung des unabwendbaren Todes.
Quirin starrte auf die zugekniffenen Augen des Jungen und hörte ein feines Knirschen, das seinen Ursprung rechts und links hinter ihm gleichzeitig zu haben schien. Darauf folgten ein Rums, als ob etwas schweres, wie zum Beispiel ein Drache, gegen etwas Unnachgiebiges wie eine Mauer gelaufen wäre. Kurz danach gab es drei schrille Schrei und drei weitere, sanftere Rumse, als ob etwas langsamere Drachen gegen eine Wand gelaufen wären.
Harry öffnete ganz langsam und vorsichtig die Augen. „Sind wir tot?" „Ich weiß nicht, ob ich dich verfluchen oder segnen soll", beschwerte sich Quirin und rollte mit den Augen. Harry lächelte flüchtig, dann rappelten sich die beiden auf und sahen zurück. „Nicht schlecht", kommentierte der Heiler und sah die Mauer aus Eis entlang, die sich einen Meter hinter seinem Rücken aus der Luft kristallisiert hatte, während auf der anderen Seite der semitransparenten Wand ein Drachenkopf betont langsam nach unten rutschte. „Wie fühlst du dich?", fragte der Dolchtaler den Hexenmeister, nachdem er sich von dem magischen Schutz losgerissen hatte und das große Loch auf der Rückseite von Harrys T-Shirt bemerkt hatte, dass der Blitz herein gebrannt hatte.
„Geladen", antwortete Harry mit einem Grinsen, jetzt sichtlich entspannter als noch wenige Sekunden bevor. „Interessant", murmelte Quirin leicht abwesend und rief sich dann selbst zur Ordnung. „Wir sollten weiter, bevor unsere Freunde wieder auf die Beine kommen", schlug der Heiler vor und setzte sich wieder in Richtung Bäume in Bewegung. Während die beiden Männer im Laufschritt Distanz zwischen sich und die Drachen brachten, sagte Harry halblaut, „Ich hab das weglaufen satt." Quirin zog die Augenbraue hoch und sah den Hexenmeister fragend an, „Wie bitte?" „Ich sagte, das Weglaufen macht keinen Spaß mehr", murmelte Harry verdrossen. „Was?" Quirin starrte seinen Begleiter an. War das Irre doch keine Nebenwirkung des Blitzschlages gewesen, oder hatte der Schock doch dauerhaft ein paar Leitungen geröstet?
Bevor Harry antworten konnte, ertönte hinter ihnen ein Fauchen und die Eiswand schmolz schneller als Quirins Hoffnung. Wasserdampf schoss in die Höhe und gab den Blick auf drei Drachen frei, denen Rauch aus den Nüstern und zwischen den Lefzen hervor quoll. Der vierte Drache kam grad wieder auf die Beine. Harry und Quirin waren unfreiwillig stehen geblieben, um in Ruhe zurückzublicken. Hinter den gewaltigen Echsen hatten sich die drei Orks an der Ruine versammelte und gestikulierten wild untereinander. Das Duo schien den anderen zu fragen, wo sein Kumpan war, begleitet von vielen Beleidigungen und Referenzen zu sexuellen Praktiken.
Die Drachen warteten bis ihr ungestümer Freund sich aufgerappelt und geschüttelt hatte, schrieen sich Aufmunterungen zu und wandten sich ihrer hartnäckig flüchtenden Beute zu. Die Beute wollte sich gerade der Flucht zuwenden, als ein Kampfschrei sie wieder umfahren lies. Auch die Bestien hielten inne, um die Situation neu zu beurteilen. Ein Mann in grauer Kleidung und grauem Umhang hatte sich mit dem Schrei aus einem Fenster oder Balkontür der Ruine gestürzt unter dem sich die Orks getroffen hatten. Mit seiner linken Hand schleuderte er eine Kugel dunkelvioletter Energie auf die überraschten Kreaturen und mit der rechten hob er einen Streitkolben zum Schlag.
Die Kugel schlug dem einen Ork den Kopf ein und zuckte von dort weiter zu seinem Artgenossen, der ihm gerade mit der Faust gedroht hatte. Diesem riss sie die Schulter und einen Teil der Brust weg. Schreiend fiel der Getroffene zu Boden, während dem letzen Ork von dem Streitkolben der Schädel von den Schultern gehauen wurde. „Ich nehme an, das ist Belgos", vermutete Harry und sah seinen Begleiter fragend an und lächelte dabei wissend. „Ja, das ist Belgos", stimmte Quirin grimmig zu und sah sauer zu seinem Partner hinüber, der auf der anderen Seite der Lichtung dem verletzten Ork den Gnadenstoß verpasste.
Die Drachen brüllten sich an und schienen eine Entscheidung zu treffen. Einer drehte schwerfällig bei und die drei anderen warfen hungrige Blicke auf Harry und Quirin. Es begann in Harrys Händen zu kribbeln. „Wir müssen deinem Freund helfen", stellte Harry kategorisch fest. „Der kann sich selber helfen", erwiderte der Heiler barsch und ein wenig überhastet und sah dem Zauberer in die Augen. Dann seufzte er als er den rebellischen Starrsinn darin sah. „Dem hat der Blitz das Gehirn verschmort", murmelte er leise, zog sein Schwert und sagte dann laut, „Du hast Recht, ich habe auch keine Lust mehr zu laufen."
Harry grinste zufrieden und sagte, „Sieh es mal so, jetzt sind es nur noch drei." „Hat dir schon jemand gesagt, dass du Wahnsinnig bist?" „Ja." „Dachte ich mir." Die Drachen trabten wieder an und Harry fiel etwas ein. Er fingerte an seiner Tasche rum und produzierte seinen Zauberstab. Ihm fielen grad keine neuen Zaubersprüche ein, die gegen die Drache helfen könnten, also warum es nicht mit Altbewährtem probieren? Die Drachen nährten sich vorsichtiger und deshalb blieb ihnen noch ein wenig Zeit. „Harry, wenn wir schon sterben, lass mich deine Seele noch wenigstens Tyr anempfehlen", bat Quirin, der in der Zwischenzeit seinen Rucksack abgestreift hatte, und als Harry nickte, legte der Heiler dem Jungen die Hand auf die Stirn und sprach einen kurzen Zweizeiler zu Ehren des Gottes Tyr.
Danach fühlte Harry sich tatsächlich besser und lächelte seinem Gefährten noch einmal zu, bevor er seinen Zauberstab hob, auf den Drachen ganz rechts zielte und brüllte, „Impedimenta!" Nichts passierte. Neben ihm hatte Quirin seinen Anhänger umklammert und rasselte ein Gebet herunter. Eine Flammensäule schoss aus dem Himmel herab und schmetterte in den Rücken des Drachen in der Mitte. Wundersamer Weise presste das Feuer das Wesen nicht nur zu Boden, sondern brannte ihm auch die Flügel und den Kamm vom Rücken. Vor Schmerzen schrie die Kreatur markerschütternd, was seine Artgenossen noch mehr anstachelte. Gelobt sei Tyr, dachte sich Harry und versuchte noch mal seinen Gegner zu verlangsamen. Wieder ohne Erfolg. Ob es an ihm, der wilden Magie oder dem Drachen lag, konnte Harry nicht sagen.
Frustriert schrie Harry, „Scheiße!", und warf seinen Zauberstab Richtung Drache, beziehungsweise versuchte es, denn das klappte auch nicht. Der Zauberstab klebte plötzlich an seiner Hand. Der Drache war mittlerweile bedrohlich nah, Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und der Hals blähte sich. Ein unheilvolles Summen ging von Harrys Zauberstab aus und er begann zu zittern. Der Drache zog seinen Kopf zurück und bereitete sich darauf vor seinen Gegner einzuäschern. Harry war merkwürdig distanziert und starrte wie gebannt auf seinen eigenlebigen Zauberstab, so als ob das alles ihn nichts angehen würde. Entfernt registrierte er, dass jemand seinen Namen rief.
Der Drache öffnete sein Maul um das Inferno zu entfesseln, da zersplitterten die elf Zoll Stechpalme, biegsam, mit einer von zwei Federn von Fawkes und rissen ihrem Besitzer die Hand weg. Bevor sich der Zauberstab allerdings in Schrapnell verwandelte, entwich ihm ein dünner Lichtstrahl, nicht dicker als ein Daumen und traf den Drachen in den geöffneten Rachen. In der einen Sekunde waren zweieinhalb Tonnen magische Bestie drauf und dran Tod und Verderben zu spucken und in der nächsten trieb der Wind die letzten Körnchen Überreste in alle Himmelsrichtungen. Von der Kreatur blieb nur eine kleine Flamme in der Luft, die schnell verpuffte und der Sattel auf dem es seinen Reiter getragen hatte.
Harry nahm das Schicksal seines Gegners nicht mehr wahr, auch den entsetzen Ausdruck im Gesicht von Quirin sah er nicht mehr. Für ihn bestand die Welt nur noch aus Schmerz. Splitter steckten überall in seinem Körper und peinigten ihn. Sein Arm endete in einem blutigen Stumpf und der Schmerz war gewaltig, aber nicht gewaltig genug um ihn in selige Bewusstlosigkeit zu schicken. Der Schmerz vom durchbohrten Bein war schrecklich gewesen, aber er war unvermittelt gekommen, hatte ihn geschockt und sein Körper hatte eine Notabschaltung gemacht. Jetzt war er darauf vorbereitet gewesen, in seinen Adern war mehr Adrenalin als Blut und der Schmerz war wie eine Bestätigung.
So konnte er den ganzen Schrecken auskosten und erst dann versagte das Adrenalin. Seine Augen verdrehten sich und er kippte um. Aber nicht nur Harry lag am Boden, auch der dritte Drache fiel zu Boden, erst der Körper, dann der Kopf. Kareth saß in seiner Halbdrachenform auf dem Rücken des Wesens. Im entschlossenen Ansturm auf seine Beute hatte der junge Drache den Schatten über sich nicht bemerkt und als Kareth sich erstmal in Position gebracht hatte, hatten die beiden magischen Säbel keine Mühe gehabt selbst durch die Drachenhaut zu schneiden.
Quirin hatte sich nach dem Initialschock auch wieder gefangen, seine Waffe gesegnet und mit einem kraftvollem Schlag den verkrüppelten Drachen enthauptet, nachdem er durch das Feuer des Drachenodems gegangen war. Durch die Hilfe seines Patrons Tyr hatte er aber nur leichte Verbrennungen davongetragen und seine Kleidung war zum Teufel. Nachdem der Drache verendet war, stürzte der Heiler zu Harry bei dem schon Kareth hockte. Der Halbdrache war wieder in Menschenform und seine Säbel in ihren Scheiden. Jetzt kniete er neben seinem Schüler, hielt dessen verbliebene Hand und befreite das Gesicht von Splittern, obwohl er selbst einige üble Schnitte am Körper hatte.
Die Begrüßung zwischen Kämpfer und Heiler fiel stumm aus, beide hatten wichtigeres im Kopf, als sich mit formalen Begrüßungen aufzuhalten. Der Dolchtaler ließ sich auf der anderen Seite von Harry nieder und schickte ein stummes Gebet zu Tyr. „Kannst du ihm helfen?", fragte Kareth den Fremden, der sich darüber wunderte, wie ein so großer und kräftiger Mann eine so zaghafte, brüchige Stimme haben konnte. Quirin wusste sofort, dass der Fremde Harry sehr nah stand, auch wenn er die genaue Konstellation nicht einordnen konnte.
„Ich nicht, aber mein Gott", antwortete der Heiler, zeigte sein Amulett vor und versuchte ein aufmunterndes Lächeln zustande zu bringen, was ihm nicht leicht viel. Er vertraute seinem Gott, seinem Glauben und seinen eigenen Fähigkeiten, aber er wusste, dass er noch nie so viel von sich und seinem Gott verlangt hatte. Er legte eine Hand auf Harrys Brust, bemüht keinen Splitter weiter in die Haut zu drücken, und die andere Hand auf den Bauch und dann betete er zu Tyr, wie er noch nie gebetet hatte. Er lobte den Gott der Gerechtigkeit auf alle erdenklichen Weisen, versprach Opfer und Taten, flehte und appellierte an das Gewissen seines Gottes und forderte jede Gefälligkeit ein, die er sich im Dienst seines Gottes erworben hatte.
Mit geschlossenen Augen suchte er das Ohr Tyr und er fand es. Langsam wurden die Splitter aus der Haut gedrückt und goldenes, flüssiges Licht füllten die Löcher in der Haut. Goldenes Licht lief auch aus dem Armstumpf und formte sich zu einer neuen Hand. Dann, ohne Vorwarnung, wurden Kareth und Quirin von einer Explosion goldenen Lichtes erfasst und schreiend fortgeschleudert. Sofort kämpfte sich der Halbdrache wieder an die Seite seines Schülers, der geheilt auf dem roten Boden lag. Das Licht war zu festem Gewebe geworden und der Junge war zwar blass aber seine Atmung gleichmäßig.
Quirin und Kareth sahen sich über Harry hinweg an und grinsten sich erleichtert an. Dann weiteten sich ihre Augen vor Überraschung und die beiden sahen an sich herunter. Auch ihre Wunden waren mit dem goldenen Licht bedeckt, das langsam zu Fleisch wurde. „Fühlst du dich auch … anders?", fragte der Heiler den anderen Mann und Kareth nickte. „Besser als je zuvor", sagte der Halbdrache und fügte hinzu, „Dank sei Tyr, dem Gerechten." Quirin wollte etwas sagen, doch plötzlich verdrehten sich seine Augen und er fiel neben Harry zu Boden. „Klasse", brummte Kareth, wieder zum alten Wesen zurückfindend, „den Priester hat der eigene Segen umgehauen. Typisch Quacksalber. Verzeihung, Tyr, aber deine Leute sind wirklich ein wenig empfindlich."
Bevor der Kämpfer weitere Blasphemie begehen konnte, lenkte ein Schrei seine Aufmerksamkeit zu den Überresten der Eisbarriere. Das musste der Mann sein, den er von oben mit dem einzelnen Drachen hatte kämpfen sehen. Die Sorgen um Harry hatten ihn diesen Kampf vergessen lassen, aber jetzt hatte er den Kopf wieder frei. Er zog seine Säbel, aktivierte ihre Magie und wirbelte sie probeweise mit neuer Geschicklichkeit und Kraft umher. Er fühlte sich nicht nur besser, er war besser.
Der andere Mann hatte mittlerweile die intakten Überreste der Eiswand erreicht und verschwand aus dem Blickfeld von Kareth, dicht gefolgt von einem sichtlich wütenden Drachen. Dann tauchte der Fremde auf der mehr als mannshohen Mauer auf, die er irgendwie mit nur einem Arm erklommen hatte. Er war unbewaffnet und sein rechter Arm hing nutzlos an seiner Seite, während er die Linke wieder auf den tiefen Schnitt in seiner rechten Schulter drückte, als er von seiner erhöhten Position herunter sprang.
Mit linkischen Bewegungen, durch seine unvorteilhafte Körperhaltung herbeigeführt, eilte er so schnell er konnte auf Kareth und die beiden Bewusstlosen zu. Dabei brüllte, „Heiliger, hilf mir! Bei dem Kriegshammers Tyrs ich hab die Scheiße an den Hacken!" Wie auf Kommando zerbarst die Eiswand hinter dem Flüchtenden als sein letztes Wort verklang und ein wirklich angepisster Drache nahm schreiend und kreischend die Verfolgung auf. Die Kreatur war in einem Zustand der Raserei in dem ihn solide Mauern aus gefrorenem Wasser und Vernunft nicht mehr aufhielten. Der Kopf der Bestie war zerschunden von den scharfen Eiskristallen in die es sich ohne zu denken hereingestürzt hatte, die Augen fest auf die Beute gerichtet.
Kareth registrierte sofort die Verletzung am Hinterlauf, die den Drachen hinken lies und die große Wunde an der Flanke, aus der hellrotes Blut lief. Trotzdem würde der Drache seine Beute erlegen, bevor der Mann Kareth erreichen konnte, denn seine Wut stachelte den Drachen zu neuen Höchstleistungen an. Kareth seufzte, umschloss die Griffe seiner Waffe fester und atmete tief durch. Dann rief er die ihm inne wohnende Magie zur Hilfe, erschaffte eine Tür aus gleißendem, weißem Licht und schritt hindurch. Der Drache der eben noch sichere 50 Meter entfernt gewesen war, war auf einmal direkt neben ihm und für den Bruchteil einer Sekunde sah Kareth seinem Blutsverwandten in das Auge und sah die Mordlust darin.
Dann war der Kopf der Kreatur vorbei, aber der Hass auf seine unfreiwilligen Vorfahren blieb und der Halbdrache führte einen halbherzigen Angriff aus einer Körperdrehung mit der näheren Klinge, die nur die Haut des Drachen ritzte und keinen Schaden anrichtete. Dafür legte er seine ganze Kraft in den zweiten Schlag, der mit dem Schwung der vollen Drehung sein Ziel fand. Der eiskalte Stahl fraß sich durch Haut, Knochen und Muskeln wie durch eine Flamme und Kareth sah seinem Opfer hinterher, das noch einen Sprung tat, dann zur Seite wegknickte, das Gleichgewicht verlor und eine Blutspur hinter sich herziehend über den Boden rutschte.
Der Kämpfer sprang über das abgetrennte Hinterbein, das vor ihm ins Gras fiel, ohne es eines Blickes zu würdigen und setzte seiner Beute nach. Der Drache lag jetzt still, seine Kraft war erschöpft und trotz der Schmerzen, gab es keinen Laut von sich, als der Halbdrache sich vor ihm aufbaute, nachdem dieser sich versichert hatte, dass der Drache aufgeben hatte. Nun lag das gewaltige Tier röchelt im Dreck, die Augen müde zu Schlitzen verengt und nur die sanften Bewegungen, die den Körper leicht auf und ab stiegen ließen, zeigten, dass noch leben in dem Wesen steckte.
Plötzlich war die mörderische Bestie ein hilfloser Haufen Haut und Knochen, doch Kareth kannte kein Mitleid mit seinem Erzfeind. Er packte seinen Eissäbel mit beiden Händen, die Klinge nach unten und bohrte sie der Kreatur durch den Schädel. Nachdem das Blutwerk vollbracht war, sah er sich nach dem Fremden um. Der lag ein paar Meter vor seinem toten Verfolger im Gras und war so leblos wie dieser. Kareth lief zu dem Mann herüber und drehte ihn vorsichtig auf den Rücken. Überrascht und vor Schreck sog er die Luft ein und starrte auf den Mann, den er gerettet hatte. Der Fremde hatte die Augen geschlossen und sein Gesicht war eine schmerzverzerrte Grimasse, aber die graue Haut, die spitzen Ohren und das silberweiße Haar waren untrügliche Zeichen für die Rasse seines Gegenübers.
Kareth war noch nie einem Drow, einem Dunkelelfen, persönlich begegnet, doch die Geschichten, die man sich über diese Kreaturen der Unterreiche erzählte, ließen selbst ihn, der schon vieles Gesehen und Getan hatte, erschaudern. Dazu kam, dass die Verletzungen noch schlimmer waren als er zunächst angenommen hatte. Die ganze Kleidung der rechten Seite war dunkelrot von Blut und der Schnitt so tief, dass es ein Wunder war, dass der Drow überhaupt noch atmete. Kareth sah sich in einem Dilemma, denn einerseits unterstand der Mann nach den Praktiken der Kirche Helms unter seinem Schutz und das oberste Gebot von Helm selbst war es, niemals die Pflicht als Beschützer zu vernachlässigen.
Aber galt diese Regelung auch für Angehörige einer durch und durch bösen Rasse? Kareth war unentschlossen, aber da dieser Tag sowieso ein Tag der Götter zu sein schien, sah er einen Ausweg. Er legte dem Verletzten die Hände auf, wie Quirin es getan hatte und flüsterte, „Helm, du Wachsamer und Beschützer alles Guten, hilf einem deiner Diener, der dir immer gefolgt ist und in seinem Glauben nie wankt. Steh mir jetzt mit deiner Weisheit bei und richte über das Schicksal dieses Mannes, der mir anvertraut wurde. Ich sehe nur die sterbliche Hülle und er ist mir fremd, doch du kennst seine unsterbliche Seele, also zeige einem verirrten Diener den Weg, ich bitte dich."
Kareth schloss die Augen, wie es Quirin getan hatte und wartete auf eine Antwort seines Gottes. Aber sein Gott blieb stumm, wie er es meistens tat. Stattdessen wurden seine Handflächen warm und eine angenehme Energie begann in seinem Inneren zu vibrieren. Seine Augen flogen auf und er sah, wie das goldene Licht die Wunde an der Schulter verschloss und zu Haut wurde. Man sah immer noch deutlich, wo der Schnitt war und der Arm wirkte merkwürdig verdreht und die kleinen Kratzer waren nicht verschwunden, aber die Atmung des Drows war wieder gleichmäßig und die Grimasse entspannte sich.
Kareth dankte seinem Gott und sah sich um. Harry und der Fremde lagen immer noch im Gras und rührten sich nicht. Die Drachen waren offensichtlich tot, genauso wie die Orks. Es roch nach verbranntem Fleisch, Blut und Russ. Die Mauer aus Eis begann zu tauen und über ihnen braute sich ein Gewitter zusammen. „Danke, Freund", flüsterte plötzlich jemand und Kareth sah wieder auf den Drow hinab, der ihn mit Platinfarbenen Augen ansah. „Gern geschehen", antwortete der Halbdrache und meinte es auch so, „aber beim nächsten Mal, versuch bitte kein Loch in die Drachenhaut zu brennen, dafür ist sie zu schade."
Der Dunkelelf lächelte leicht und sank dann wieder in die Ohnmacht zurück. „Das war nicht witzig, das war ernst", murrte der Kämpfer und erhob sich, was seine drei Begleiter wohl in den nächsten Stunden nicht tun würden. Kareth seufzte und fragte die Götter, „Warum bleibt eigentlich immer alles an mir hängen? Von den paar Drachen können die doch nicht so kaputt sein. Simulanten."
