9. KAPITEL
Nach einem anstrengenden Donnerstag mit Hausaufgaben bis spät in die Nacht schlurften die Gryffindors am Freitagmorgen in die Grosse halle. Ron, der normalerweise mit immensem Hunger zugriff, kaute ohne Lust auf einem Brötchen herum.
„Ron, was ist los?" Hermione hatte ihre Tasse abgestellt.
„Wie könnt ihr nur essen? Wir haben gleich eine Doppelstunde Zaubertränke. Mir schlägt das auf den Magen."
„Nana Brüderchen, so ein zartes Geschöpf bist du?"
Harry, Ginny und Hermione lachten und Ron sah sie böse an.
„Du hättest das Fach besser fallengelassen wie ich. Ich verstehe, weshalb du dich nicht gut fühlst. Keine zehn Pferde würden mich wieder in den Kerker bringen." Neville klopfte Ron tröstend auf die Schulter.
„Danke Neville!" Naja, jetzt muss ich's durchstehen."
Bald zeigte sich, dass Rons Unbehagen unbegründet gewesen war. Snape wies sie mit knappen Worten an, einen schon bekannten Trank zu repetieren. Er drehte nur selten eine Runde durch das Klassenzimmer und korrigierte die restliche Zeit über Hausaufgaben.
Auch der Rest des Tages verlief ruhig und nach den zwei Lektionen Pflanzenkunde am Nachmittag zog es die drei Freunde erneut an ihren Platz am See.
„Hermione, kannst du auch mal entspannen?" Ron.
„Du solltest mittlerweile wissen, dass für mich Bücher entspannend sind." Sie versuchte, ruhig zu bleiben. Nach all den Jahren war sie es leid, dasselbe Thema immer wieder behandeln zu müssen."
„Geniess doch einfach mal die Sonne. Du kannst die ganze Nacht über lernen, wenn's sein muss."
„Ron, ich kann die Sonne lesend geniessen. Ausserdem erwartet mich Professor Snape nach dem Abendessen."
„Snape?!"
„Genau. Das Projekt, du erinnerst dich."
„Ungern. Das sieht diesem Bastard ähnlich. An einem Freitagabend!"
„Ich wusste, worauf ich mich einlasse."
Ron entschied, sich angenehmeren Dingen zuzuwenden und motivierte Harry für ein Bad im See.
Als Hermione an diesem Abend im Büro des Schulleiters eintraf, wurde sie von ihm in einen angrenzenden Raum dirigiert. An einem langen Tisch hatten sich bereits einige Mitglieder des Ordens niedergelassen und Hermione nahm neben Professor McGonagall Platz.
„Fühlen Sie sich der Mehrfachbelastung gewachsen, Miss Granger?"
„Bis jetzt schon. Mir bleibt weniger Zeit zum persönlichen Studium, aber ich lerne viel von Professor Snape."
McGonagall lächelte. „Gut zu hören. Und wenn Sie Schwierigkeiten haben, dann kommen Sie ungeniert zu mir. Egal, worum es sich handelt."
Kurz darauf eröffnete Dumbledore die Sitzung. „Voldemort hat wie erwartet von der Prophezeiung erfahren und mit der Entschlüsselung angefangen. Dank Severus kennen wir die bisherigen Ergebnisse. Ich möchte sie euch allerdings vorenthalten, damit sich unsere eigene Interpretation frei entwickeln kann. Was sind eure Ideen?"
Arthur Weasley machte den Anfang. „Die Prophezeiung gibt den Ablauf der Ereignisse vor. Wir wissen aber nicht, welche Zeiträume sich dazwischen befinden."
„Von mir aus gesehen handelt die erste Zeile von der Vergangenheit. Severus war bereits damals der hellste Kopf seiner Generation und er hat seine Freunde verraten. Ich denke, er ist der Anfang." Einige murmelten ihr Einverständnis mit McGonagalls Worten.
Mad Eye Moody grinste. „Bleibt die Frage, was du suchst, Severus."
Snape warf ihm einen bösen Blick zu, sagte aber nichts. Er schätzte Moodys raue Direktheit nicht sonderlich.
„Ginny hatte die Idee, dass Zeile vier den Zeitpunkt beschreiben könnte. Sie will am Wochenende in ihren Astronomieunterlagen nachforschen."
Lupin sah sie nachdenklich an. Seit dem Tode Sirius' hatte er sich verantwortlich für Harry gefühlt und auch Ron und Hermione verkehrten mit ihm auf freundschaftlicher Ebene. „Und was denkst du, Hermione?" Seine Stimme war leise, beinahe zögernd.
„Sirius." Hermione sah, dass Remus Lupin auf dieses eine Wort gehofft, es aber auch gefürchtet hatte. Nicht zum ersten Mal fragte sich Hermione, ob die beiden mehr als blosse Freunde gewesen waren.
Sie schien mit ihrer simplen Antwort den ganzen Raum zu verblüffen. Severus Snapes Gesicht verzog sich für einen Moment. Dumbledore strich durch seinen langen, weissen Bart. „Beide Varianten würden passen. Doch sofern es einen Weg zurück für Sirius gibt, kennen wir ihn nicht. Ihr kennt die Resultate unserer Untersuchungen. Hat noch jemand eine Ergänzung?" Es blieb still. „In dem Fall wünsche ich euch eine gute Heimkehr."
Zurück in Snapes Labor zog er das Buch mit den Dunklen Tränken hervor und während der folgenden Stunde arbeiteten sie gemeinsam an der Herstellung eines neuen Trankes. Das Zusammenspiel klappte noch besser als beim ersten Mal und ein Aussenstehender hätte nicht geglaubt, dass die beiden erst seit kurzem Braupartner waren.
Bevor der Trank fertiggestellt werden konnte, musste er während einer Stunde abkühlen. Mit einem „Finite Incendio" löschte Snape das Feuer unter dem Kessel und verliess das Labor. Unsicher, was sie machen sollte, blieb Hermione im Labor stehen. Ein paar Minuten später kehrte ihr Professor zurück. „Ich würde Sie ja gerne da stehen lassen. Aber wir haben einiges zu besprechen."
Sie folgte ihm in sein Wohnzimmer. Im Herd prasselte ein Feuer und Snape sass in einem Sessel davor. Zögernd setzte sie sich ihm gegenüber. Er war gerade daran, Tee in zwei Tassen zu giessen. Tee? Nun, sie hatte nichts dagegen. Nur war es etwas sonderbar, ihn von diesem Mann entgegenzunehmen.
„Der Tee ist nicht vergiftet."
„Ich hätte trotzdem lieber eine Hauselfe zum Vorkosten." Woher nahm sie bloss den Mut, ihm so zu antworten?
Severus Snape musste sich anstrengen, seine Mundwinkel nach unten zu zwingen. Wieder so ein respektloser, aber durchaus amüsanter Kommentar. Und sie machte sich nicht nur über ihn, sondern auch über sich lustig. Wenn er da an ihr Hauselfen-Befreiungsprogramm dachte… Niemand war je so mit ihm umgesprungen. Merlin! Er hätte wütend werden müssen.
„Was haben wir zu besprechen?" Ihr war seine Reaktion nicht entgangen.
„Die Prophezeiung."
„Aha. Es geht um die Interpretation von Ihm, nicht wahr?"
Snape nahm einen Schluck Tee. „Ja. Im Gegensatz zu den anderen müssen Sie seine Version auch kennen. Sie sind leider ebenso davon betroffen wie ich."
In die Flammen starrend fasste er für sie die Interpretation zusammen. Hermione kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum, während sie über die Konsequenzen nachdachte. „Das heisst, dass ich überzeugend sein muss, wenn ich ihn treffe. Können Sie mir Occlumency beibringen, Sir?"
Er stand auf und ging zum Büchergestell. „Wir werden am Montag damit beginnen. Lesen Sie bis dahin diese Seiten als Vorbereitung." Er legte einen Stoss Papiere vor ihr auf den Tisch und nahm wieder Platz. In seinem Gesicht zeigte sich keinerlei Regung, doch Hermione wusste, dass ihm die Situation nicht behagte.
„Ich werde mich anstrengen, Sir."
Er nickte kurz und starrte wieder in die Flammen. Den Rest der Stunde hingen beide ihren Gedanken nach und beendeten schliesslich rasch den Trank. Hermione war bereits bei der Türe, als sie nochmals sprach. „Danke."
Der Tränkemeister drehte sich um. „Wofür?"
„Dass Sie mich vor Malfoy beschützen." Dann war sie weg.
