Kapitel 9: Wo stehst du?

Die folgenden Tage und Wochen vergingen für Severus wie eine Ewigkeit. Es war als sei sein Leben plötzlich in einer merkwürdigen Zeitlupe gefangen. In dieser Niedergeschlagenheit, die sich seit seinem Treffen mit Lily in ihm breit machte, bewegte sich alles langsamer. Tägliche Bullet-Time in der selbst die Geräusche wie aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Ganz zu schweigen von seiner wieder mal aufkeimenden Schlaflosigkeit.

Severus wusste genau, was das medizinisch gesehen bedeutete: Depressionen, üble Phasen des „Leck mich am Arsch"-Syndroms und ein unterschwellig grollender Vulkan, der beim Ausbruch farbenfrohe, vielseitige Beschimpfungen um sich spucken würde.

Doch diese schlechte Stimmung war nicht Lilys alleiniger verdienst – und im Grunde war er auch froh, dass es vorbei war.

Nie wieder Lily Evans! Hmpf, soll sie doch! Soll sie doch zu ihrem geliebten James Potter gehen! Mir doch egal! Sie wird mich nie wieder sehen! Punkt! Die blöde Schlampe hat's nicht anders verdient!

Severus Snape saß gerade im Verwandlungsunterricht. Professor McGonnagall führte einen Monolog über das Transformationspotential lebendiger Wesen. Er konnte sich jedoch nicht auf die Worte seiner Lehrerin konzentrieren, da seine Gedankengänge immer wieder zu Lily abdrifteten. Er gab ihr böse, anrüchige Namen und wünschte ihr insgeheim die Hölle auf Erden mit diesem blöden Quidditchspieler.

„Haben Sie dem etwas hinzuzufügen, Mr Snape?", fragte McGonnagalls Stimme. Er wusste die Antwort ganz genau.

„Blöde, arrogante Schnepfe!", platze es aus ihm heraus. Das Klassenzimmer verstummte. Erschrockene Stille breitete sich aus und es traf Severus wie ein Hammerschlag als ihm plötzlich bewusst wurde wo er war und was er gerade gesagt hatte.

„So so …", sagte Professor McGonnagall und Severus musste in erstarrter Absenz mit ansehen wie die alte Schachtel ihn taxierte. „Nun, ich denke, Sie wollen mir die Bedeutung dieser Worte sicher genauer erläutern. Nach der Stunde in meinem Büro!"

Er hätte am liebsten „NEIN!" geschrieen, aber das hätte wohl auch nichts mehr genützt. Hinter ihm lachten einige Schüler. Severus brauchte sich gar nicht umzudrehen. Diese Stimmen waren ihn nur allzu gut bekannt.

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Als Severus nach der Stunde in Professor McGonnagalls Büro kam hatte er mehr als nur schlechte Laune. Er fühlte sich ehrlich gesagt so richtig Scheiße. Ein Vulkan mit akuter Ausbruchsgefahr.

„Bitte setzen Sie sich, Mr Snape.", sagte Minerva McGonnagal, die hinter ihrem Schreibtisch saß und ganz vertieft war in was-auch-immer. Severus trottete zu ihr hin und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Nun, wollen Sie mir erklären, was in Sie gefahren ist?"

„Entschuldigen Sie, Professor, ich war nicht ganz bei mir.", sagte Severus schuldbewusst.

„Das habe ich bemerkt.", sagte die alte Schachtel ziemlich trocken. Sie nahm ihre Brille ab und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Mir ist bereits aufgefallen, dass Sie seit Schuljahresbeginn einwenig neben Spur sind."

„Und?", fragte Severus. „Haben Sie etwa keine schlechten Tage?"

„Sie haben keine schlechten Tage, Mr Snape …"

Stimmt, meine Süße, sie sind hochgradig scheiße!

„Sie beschäftigt doch irgendwas."

„Nein, Professor, tut es nicht. Und selbst wenn es so wäre würde ich es Ihnen nicht sagen."

„Wie Sie meinen.", sagte McGonnagall und setzte ihre Brille wieder auf. „Aber dann empfehle ich Ihnen sich endlich wieder zu fangen."

„War's das?", fragte Severus etwas genervt. Die Professorin nickte nach einem kurzen Augenblick voller Nachdenklichkeit schließlich und wies mit ihrer Hand zum Ausgang. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und marschierte prompt zur Bürotür.

„Und Severus …" Er wandte sich noch einmal zu seiner Lehrerin um – mit einem leichten Schock in den Knochen, weil sie ihn doch tatsächlich mit seinem Vornamen ansprach. „… passen Sie auf sich auf!"

Severus blickte sie einen Augenblick schweigend an bevor er nickte und schließlich ging.

Der restliche Tag verging ohne große Zwischenfälle, außer einem: Murlahey entschloss sich an diesem Nachmittag dazu sich zu erbarmen und löste den Zauber auf, der nun schon seit fast 14 Tagen die Große Halle für sich beanspruchte. Ein gewaltiges Krachen zeugte davon wie die Haustische von der Decke auf den Boden krachten.

Severus war anwesend als Murlahey lässig an das Eichenportal der Halle gelehnt den Bann auflöste – mit sichtlicher Enttäuschung.

„Also das nicht mal Dumbledore es geschafft hat macht mich stinksauer!", sagte Murlahey leise zu ihm. Schüler kamen herbei gerannt als sie den Krach vernahmen. Severus und sein Freund versuchten möglichst erschrocken auszusehen, um keinen Verdacht zu wecken. „Ich meine, ich halte diesen Fluch sage und schreibe 2 Wochen aufrecht und keiner von denen schafft es ihn zu brechen."

„Vielleicht ist Dumbledore eben zu lahm, um hinter deine Genialität zu steigen, Jason?"

„Argh!", machte Murlahey. „Es ist wirklich eine Tragödie, dass einer der größten Magie der Welt nicht hinter meine Arbeit kommt. Einfach tragisch." Es regte ihn sichtlich auf, dass er den Bann selbst lösen musste und es keiner der Lehrer tat.

Die Beiden machten sich zum Gemeinschaftsraum auf.

„Was hast du mit Lucius gemacht?", fragte Severus schließlich als sie das Treiben der Eingangshalle verließen.

„Was meinst du?"

„Seitdem ich dir von seinem Vorhaben erzählt habe redet er mit niemandem mehr. Weder mit mir noch mit irgendjemanden. Wenn ich ihn im Gemeinschaftsraum sehe, dann macht er entweder Hausaufgaben oder er kritzelt in sein Tagebuch. Er reagiert nicht mal, wenn man ihn anspricht, Jason! Was hast du getan?"

„Nichts. Ich schwöre, Severus; ich habe nur mit ihm darüber geredet. Na ja, so wie ich das sehe hat er mehr Angst vor Abraxas als vor uns.", sagte Murlahey. Severus blieb stehen.

„Was hat er dir erzählt?"

Jason Murlahey schnaufte einwenig genervt und lehnte sich an die Korridorwand.

„Unser guter Lucius leidet augenblicklich wohl an Todesangst. Als ich darauf zu sprechen kam, was du mir erzählt hast, da …" Er hielt kurz inne. „Na ja, sagen wir einfach; er war kurz vorm durchdrehen. Er scheint ne Scheißangst vor seinem Vater zu haben, Severus, das würdest du nicht glauben. Offenbar hat der Alte Lucius' Zimmer auf den Kopf gestellt, weil er ihm nicht erzählt hat woher er die blauen Flecken hat. Das geht wohl schon seit Monaten so, dass sein Vater fragt was los sei und er nicht antwortet oder sich in irgendwelchen Ausreden verheddert. Über die Ferien muss im Hause Malfoy die Luft gebrannt haben. Pures Nitroglycerin, würde ich gar sagen. Abraxas hat ihm mit Veritaserum und dem Cruciatus gedroht."

„Das ist nicht dein Ernst, oder?", fragte Severus schockiert. Er hatte Abraxas Malfoy vor einiger Zeit kennen gelernt. Ein sehr strenger, autoritärer Mann, der großen Wert auf Etikette legte. Aber das er seinen eigenen Sohn foltern würde, um an dessen kleines Geheimnis zu kommen …? Was für ein Mensch würde sich wegen so einer Sache derartig an seinem eigenen Fleisch und Blut vergreifen wollen?

Du weißt genau, welche Sorte von Mensch so etwas tun würde, Severus!

„Mein vollkommenster Ernst. Ich hab Lucius noch nie so flennen sehen, glaub mir." Murlahey wirkte äußerst belustigt.

„Das ist nicht witzig!", sagte Severus nachdrücklich.

„Ja, ich weiß, vor allem für uns. Weißt du, was passiert, wenn er damit zu Dumbledore geht?"

„Sie würden uns rausschmeißen, ich weiß, Jason. Aber es geht hier nicht nur um uns."

„Tatsächlich?", fragte Murlahey.

„Ja! Ich weiß ja nicht was du vorhast, aber ich kann Lucius nicht hängen lassen. Nicht bei so was!"

„Ich verstehe. Er ist schließlich dein Freund." Wieder lag diese unangenehme Ironie in Murlaheys Stimme.

„Ich versuche noch mal mit ihm zu reden.", sagte Severus. „Irgendwas muss da zu machen sein."

„Wenn du das sagst, Severus."

Er ging zusammen mit Murlahey zurück in den Gemeinschaftsraum. Dieser war, bis auf ein paar Schüler aus den jüngeren Jahrgängen, so gut wie verlassen. Severus sah sich um, ob er vielleicht Lucius entdeckte, doch der blonde Aristokrat war nicht anwesend. Er ließ sich halb enttäuscht, halb erleichtert auf eines der Sofas sinken. Gern hätte er die Sache mit seinem Freund geklärt, doch irgendwie war er auch froh nicht mit ihm reden zu müssen. In den letzten Wochen grollte Lucius beinah so sehr wie Severus – und das sollte was heißen, wo der junge Malfoy doch das sonnigere Gemüt besaß.

Er legte sich auf das Sofa und vergrub sich in seinen Schulbüchern, während er jeden finster anmaulte, der ihm mit einem „Kannste mal Platz machen?" kam. Es war nicht Richtig seinen augenblicklichen Frust ausgerechnet an seinen Mitschülern auszulassen, doch Severus fühlte sich dann um einiges besser.

Er wurde erst von seiner augenblicklichen Tätigkeit abgelenkt als ein handfester Tumult weiter vorn im Gemeinschaftsraum ausbrach. Severus legte seine Lektüre beiseite, setzte sich auf und sah sofort was los war: Lucius war wieder da und zu seiner allergrößten Verwunderung prügelte er auf Murlahey ein, während er eine Reihe von unglaublich kreativen Schimpfwörtern auf ihn niederprasseln ließ. Severus hastete schnell zu ihnen hin und unternahm einen Versuch die Beiden voneinander zu trennen – allerdings war das leichter gesagt als getan. Lucius befand sich in absoluter Rage. Er hatte ihn noch nie so erlebt. Nicht einmal im Fight Club. Severus stürzte sich noch ein paar Mal auf seinen Freund, um ihn von Murlahey wegzuziehen, doch dieser schüttelte ihn mit Leichtigkeit ab.

„Hört auf!", rief Severus, doch vergebens.

„Lass mich!", schrie Lucius und verpasste ihn eins mit dem Ellenbogen. Er ging zu Boden und für den Bruchteil einer Sekunde war Severus davon überzeugt, dass er ihm den Kiefer gebrochen hatte. Er griff sich an den Mund und stellte schließlich fest, dass es nichts gar so wildes war. Seine Lippe war aufgeplatzt und er schmeckte Blut.

Schließlich sah Severus keine andere Möglichkeit und zog seinen Zauberstab.

„Levicorpus!" Der Fluch war mies ausgeführt, doch das war kein Wunder. Das viele Adrenalin in seinem Blut machte es ihm unmöglich, die für den Zauber nötige Bewegung sauber auszuführen, was zur Folge hatte, dass der Fluch die Beiden nicht nur in die Luft zog, sondern sie durch den Raum schleuderte. Lucius krachte einige Meter weiter hinten auf den harten Stein und Murlahey gegen die nächste Wand. Keiner von Beiden regte sich sichtlich. Zu schmerzhaft war die Begegnung mit dem uralten Gestein von Hogwarts, welches ihnen bestimmt mehr bescherte als nur einpaar blaue Flecken.

Severus stellte sich mit erhobenem Zauberstab zwischen sie.

„So …", keuchte Severus. „Und jetzt kommt ihr erstmal wieder runter, okay?"

Die umstehenden Schüler blickten ihn und die beiden Raufbolde beängstigt an.

Langsam und unter von Schmerz zeugendem Stöhnen erhob sich Lucius. Murlahey blieb sitzen wo er gelandet war und beobachtete die Beiden. Der junge Malfoy schritt gekrümmt auf Severus zu und blickte ihn berechend an.

„Halt dich aus Sachen raus die dich nichts angehen.", flüsterte er ihm gequält zu. Lucius packte ihn an seiner Schulter und zog Severus zu sich heran.

„Du solltest dir klar werden auf wessen Seite du stehst! Auf meiner oder auf der dieses verrückten Arnachisten?", flüsterte er ihm ins Ohr.

„Du verstehst das nicht.", sagte Severus kurz angebunden.

„Mach doch was du willst.", sagte Lucius. In seiner Stimme schwang Enttäuschung. „Wär ja nicht das erste Mal." Er wandte sich von ihm ab und verließ den Gemeinschaftsraum. Severus sah seinem Freund nur wortlos nach. Er spürte in diesem Moment eine schier unüberwindbare Kluft zwischen ihnen. Severus drehte sich langsam um und blickte zu Murlahey, der sich nun ebenfalls aufrappelte.

„Du hättest ruhig etwas sanfter sein können.", meinte Murlahey gespielt lässig.

„Sanft sein ist nicht meine Art.", antwortete Severus lakonisch und ging zurück zu seinem Sofa – nicht zuletzt deshalb, weil er wollte, dass die Slytherins aufhörten ihn anzustarren als sei er der Dunkle Lord höchstpersönlich.

Mein Gott, das war doch nur ein verpatzter Levicorpus! Die sehen ja aus als hätte ich den Beiden einen Cruciatus auf den Hals gehetzt – ausgerechnet die! Diese linientreuen Slytherins, die mit Vorliebe über alle Schlammblüter herziehen!

Murlahey setzte sich zu ihm als er sich auf das Sofa fallen ließ.

„Was war das da eigentlich zwischen euch?"

„Wie ich schon sagte, Severus; der gute Lucius ist am durchdrehen."

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.", sagte Severus mit Nachdruck.

Murlahey lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf.

„Warum hältst du eigentlich so viel von Malfoy?", fragte er.

„Er ist mein Freund."

„Ach ja? Severus, du klammerst dich an diesen blöden Reinblüter als sei er deine Mutter."

„Er ist ein guter Mann.", sagte Severus.

„Er ist kaum sechzehn und hat noch nicht mal richtige Bartstoppeln – das kann man wohl kaum als Mann bezeichnen.", sagte Murlahey und begann zu grinsen.

„Du weißt genau wie ich das meine!"

„Willst du wissen, was ich von ihm denke, Severus? Ich denke er ist ein Idiot, der sich mehr um sein eigenes Wohl schert als das seiner Mitmenschen und nie genug Mumm in den Knochen hat, um sich mal nicht irgendwem unterzuordnen."

„Er ist kein Feigling, falls du das meinst."

„Kein Feigling? Er will zu Dumbledore rennen, weil ihm sein Vater die Hölle heiß macht. Das ist feige. Schwach obendrein. Hast du ihn je aufmucken sehen? So wie uns? Hat er jemals ernsthaft irgendjemandem seine Meinung gesagt? Hat er jemals sein Gehirn benutzt, um selbst zu entscheiden, was aus ihm wird? Nein! Er trottet immer schön wie ein Lemming allen hinterher, macht immer schon was ihm sagt."

„Du kennst ihn nicht so wie ich.", konterte Severus Murlaheys Attacke gegen Lucius.

„Und was ist, wenn man ihn näher kennt? Enthüllen sich da erschreckende Details über seinen Mut oder seine vermaledeite Systemtreuheit?"

„Jason, verstehst du das nicht oder willst du das nicht verstehen? Lucius steht unter extremen Druck! Du hast keine Eltern, die dich vergiften könnten, wenn du dir Fehltritte erlaubst."

„Oh ja, aber ich hab regimetreue Erzieher und einen Gehirnwäscheversuch hinter mir. Das ist mindestens genauso großartig!", sagte Murlahey. „Kusche ich deshalb? Ihn wollen sie nur vergiften, Severus, ich hingegen bin schon einige Mal haarscharf an Askaban vorbeigeschrammt. Ich würde das Gift dem Strafvollzug vorziehen."

Severus raufte sich die Haare. Wie sollte er es ihm nur klar machen – aber warum wollte er das überhaupt? Murlahey war ein wirklich toller Kerl, nur leider hatte er kein Verständnis für all jene, die sich nicht jeden Tag mit Todessern anlegten. Alle die versuchten halbwegs Neutral zu bleiben und sich bis zu einem gewissen Grad dem System beugten waren für ihn Mitläufer, Feiglinge und Schwächlinge. Murlahey kannte nur den Widerstand, die Rebellion. Es war zu seinem Lebensinhalt geworden und wahrscheinlich war die Aussicht auf Chaos und eine Revolution auch das Einzige, was ihn am Leben hielt. Oft wirkte Murlahey nur dann glücklich, wenn er seinen Anarchieplänen nachging. Etwas anderes schien in seinem Kopf nicht zu existieren – und manches Mal war es in Severus' Gehirn genauso.

Er erhob sich langsam.

„Wo willst du hin?", fragte Murlahey.

„Ich weiß nicht.", war das Einzige, was Severus zustande brachte.

Severus Snape machte sich auf den Weg in die Eulerei – die Poststation der Schule. Er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht sich umzuziehen.

Hades saß auf einem Balken und starrte missbilligend zu den schlummernden Eulen hinüber.

„Hades.", rief Severus seinen Raben, welcher prompt zu ihm flog und auf seiner Schulter landete. Er zog einen Brief aus der Tasche seines Umhangs.

„Der ist für Dad.", sagte Severus und steckte den Brief in den Schnabel des Tiers, welches sich sofort in die Lüfte erhob.

In dem Brief stand nichts Überragendes. Eigentlich war es nur das typische „Bin gut angekommen und wie geht's dir so?"-Gewäsch! Auch wenn er es geschafft hatte dieses auf fast zwei Seiten auszuweiten. Er überlegte ebenfalls, ob er Jennifer schreiben sollte, doch ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte schreiben können.

Sein Kopf fühlte sich wie ein Klumpen an. Seine Schläfen schmerzen und zu gern hätte er seinen Schädel gegen die Wand geschlagen. Nicht einmal Aspirin würde hier helfen! Denn es handelte sich um keinen normalen Kopfschmerz. Es war seine Grübelei über die Ereignisse der letzten 24 Stunden, die ihm diese Schmerze bereitete.

Lily. Lucius. Murlahey. POTTER!

Er landete ständig bei Potter! Es war wie ein Krebsgeschwür, das in seinem Inneren wucherte.

Wenn ich einen Hirntumor hätte würde ich ihn James Potter nennen – oder vielleicht doch Lily Evans?

Und selbst wenn er nicht an sein wucherndes Geschwür denken musste landete er wenigstens bei Lucius, der seine Freundschaft in Frage stellte.

Wo stand er? Auf jeden Fall zwischen den Fronten, wie so oft. Zwischen Zuneigung und Hass. Zwischen Sympathie und Abscheu. Zwischen Freundschaft und Feindschaft. Zwischen Leben und Tod. Zwischen Lucius Malfoy und Jason Murlahey.

Was sollte er tun? Er war mit Lucius schon eine Ewigkeit befreundet. Sie hatten sich das erste Mal am Tisch der Slytherins getroffen. Der Hut hatte gerade sein Urteil über ihn gefällt. Lucius sah schon damals hinreißend aus. Es wunderte Severus immer wieder, dass er ihn überhaupt wahrgenommen hatte. Ihn, Severus Snape – die, schon damals, mürrische Version eines Inferi. Die schmuddelige, hässliche Fledermaus, die wirkte als habe Gott mal wieder an der falschen Stelle gespart.

Trotz des Misstrauens, dass ihm schon damals aufgrund seines Auftretens und seines Aussehens überall begegnete wurden sie schnell Freunde. Sehr gute Freunde sogar. Und nun war diese Freundschaft in Gefahr, doch er wollte keinen von Beiden den Laufpass geben. Murlahey war jemand dessen Ansichten er teilte, auch wenn er sie nicht so radikal vertrat. Und es gab nicht viele Leute dessen Überzeugungen er teilte. Extrem wenige, um ehrlich zu sein. Murlahey war im dritten Jahr gewesen als er Severus und Lucius in den Fight Club brachte. Sie waren einige der ersten Mitglieder gewesen. Und in Wahrheit wurde die Altersbegrenzung von Murlahey wegen Severus in Kraft gesetzt. Er war damals ein magerer, kleiner Zweitklässler, der das Kämpfen in der Welt der Muggel gelernt hatte. Genau genommen in der Grundschule. Mark Sullivan, ein kleiner, kräftiger Junge hatte damals den Platz von James Potter eingenommen. Sullivan und seine Gang hatten ihn in der Pause ständig verprügelt, ihm mit dem Kopf ins Klo gesteckt oder ihn regelmäßig im Unterricht und vor der gesamten Schule lächerlich gemacht. Die erste Zeit in Hogwarts fragte Severus sich sogar, ob Mark Sullivan mit Potter verwandt war. Auf jeden Fall hatte er jedoch mit Sullivan seine Feuertaufe erhalten, was gewalttätige Mitschüler anbelangte. Er lernte zu schlagen. Kein kopfloses Gefuchtel mit den Fäusten – so wie es die im Nahkampf unerfahrenen Reinblüter manchmal taten –, sondern das Wissen wo Schläge am meisten wehtaten. Ehrlich gesagt hatte ihm das sein damaliger Widersacher gelehrt. Sullivan kam aus einer Familie von Profiboxern und trainierte gern an lebenden Objekten. Doch Severus merkte sich die Art, wie der Schläger kämpfte. Er merkte sich wie er schlug, wo er ihn traf. Er war das Opfer eines Boxsportbegeisterten Jungen geworden, doch das hielt ihn nicht zurück. Es hatte ihn sogar gestählt. Schläge und andere Wunden empfand Severus seit seiner Grundschulzeit nur noch halb so grausam. Und je länger er im Fight Club war desto mehr stumpfte er ihnen gegenüber ab. Körperlicher Schmerz verlor an Bedeutung.

In jenem ersten Kampf vor fünf Jahren hatte er seinen Kontrahenten, einen Erstklässler, so sehr geschlagen, dass ihm Lippe und Schläfe aufgeplatzten. Zudem brach er ihm die Nase. Ein wildes, unbändiges Tier war in ihm erwacht, das immer weiter auf den Jungen vor ihm einschlagen wollte. Etwas Dunkles, tief verborgen in seinem Inneren.

Murlahey brach den Kampf ab und zog Severus, der sich mit Händen und Füßen wehrte, von seinem Gegner weg. Den Erstklässler brachten sie in den Krankenflügel – unter dem Vorwand er sei die Treppe hinunter gestürzt. Keine unrealistische Lüge, immerhin waren verschwindende Stufen und lebendige Treppen nicht zu unterschätzen.

Murlaheys Welt wurde Severus zweite Heimat. Ein vertrauter Ort, an dem er wusste, was ihn erwartete. Und die Welt in der Lucius und die restliche Zaubererschaft lebte wurde zum alles beherrschenden Kontrast.

Reinblüter. Traditionen. Systemtreue. Muggelhass.

Das waren die Dinge, die in dieser Welt wichtig waren. Dinge, die nach Murlaheys Auffassung der Freiheit im Weg standen. Wie Recht er hatte. Ja, Severus unterstützte die Ideale seines Freundes, doch wusste er auch, dass man es nicht zu weit treiben dürfte – so wie es Murlahey regelmäßig tat. So ungern wie Severus es zugab, aber manches Mal musste man sich dem System beugen.

Auf welcher Seite stand er nun? Auf der des Systems oder der der Freiheit? Er wusste es nicht. Vielleicht stand er auch einfach nur auf seiner eigenen. Er wusste es nicht.

Die Wochen vergingen. Der Herbst brach nun endgültig an und verwandelte Hogwarts und seine Ländereien in einen Farbenfrohen sowie gleichzeitig düsteren Ort.

Severus hatte es endlich geschafft Jennifer einen Brief zu schreiben. Es war nichts Besonderes und keineswegs als Liebesbrief zu bezeichnen. Er schrieb sich ihr gegenüber vielmehr seinen Frust von der Seele. Er erzählte ihr, wenn auch in leicht abgewandelter Form, von den Geschehnissen der letzten Wochen und von seiner anhaltenden Einsamkeit. Lucius redete nicht mehr mit ihm und ließ sich auch nicht mehr im Fight Club blicken – welchen er natürlich ebenfalls mit keiner Silbe im Brief erwähnte. Lily hatte er verloren. Lucius offenbar auch. Mit Murlahey redete er auch nicht viel. Und an den Abenden im Fight Club war er nur selten bei der Sache, was zur Folge hatte, dass er sich gemeingefährliche Blessuren zuzog, die er dann immer mit dem Ausrutschen auf der Treppe oder in der Dusche begründete. Er spürte zudem von Tag zu Tag mehr wie die Lehrer ihn beobachteten. Sicher hatte Pomfrey ihnen von seinen ständigen Verletzungen erzählt. Aber das war ihm mittlerweile gleich. Seine Aggressivität der ersten Schulwochen wandelte sich immer stärker in Lethargie um, welche sich zudem in fast alle seine Lebensbereiche schlich. Nur der Unterricht sorgte mittlerweile noch dafür, dass er sich morgens überhaupt aus dem Bett bequemte. Sein Aussehen wirkte zudem noch heruntergekommener als ohnehin schon. Wahrscheinlich nährte er so seinen Ruf der „hässlichen Fledermaus" gerade ins unermessliche, doch auch das war ihm ziemlich egal.

Eines Morgens kam Hades zurück. Severus war gerade beim Frühstück und kaute wie ein Wiederkäuer auf seinem Toast herum. Der Rabe landete, während des morgendlichen Posteulenstroms, direkt vor ihm.

Severus musste lächeln. Jennifer hatte Hades den Brief offenbar wie einen Rucksack auf den rücken geschnürt. Der Rabe krähte wehleidig und vorwurfsvoll, weil Severus ihn nicht sofort von seinem unliebsamen Gepäck befreite.

Ich hätte ihr wohl sagen sollen, dass sie ihm den Brief nur in den Schnabel stecken braucht.

„Mein Fehler.", sagte Severus als er Hades mit dem Messer die Stricke vom Leib schnitt. Daraufhin breitete er die Flügel aus und krähte mehrmals voller Missbilligung.

„Tut mir Leid, wirklich.", sagte Severus. „Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie es weiß." Hades drehte sich beleidigt von ihm weg.

„Jetzt fang du auch noch an!", murrte er als er Jennifers' Brief entfaltete und las.

Hallo Severus,

schön, dass du mir schreibst. Ich hab mich schon gefragt wann der Brief kommt.

Die ersten Wochen scheinen ziemlich stressig gewesen zu sein, wie? Ich kann dich trösten; meine auch! Nicht zuletzt, weil Mr Obergeneral mal wieder dachte er müsse jeden der Familie alle fünf Minuten antreten lassen, wie einen seiner Soldaten. Zum Schluss haben er, Frank und Ed sich noch in die Haare gekriegt. Ich und Mom mussten unsere Armeefreaks schließlich noch gewaltsam von Ed trennen. Mann, bin ich froh, wenn die Beiden wieder weg sind. Zum Manöver in Westdeutschland! Nur für den Fall, dass die Roten kommen. (Hahaha!)

Und wie geht's dir sonst so? Die Sache mit deinem Freund ist echt mies, wenn du mich fragst, aber versuch den Kopf nicht hängen zu lassen. Vielleicht kriegt er sich wieder ein und wenn nicht … sein Problem. Wenn's gar nicht anders geht muss man loslassen. Aber noch ist ja schließlich nicht aller Tage Abend.

Du kriegst das hin, Severus. Ich denke nicht, dass du jemand bist, der leicht aufgibt.

PS: Ed scheint in Gegenwart von Mom offenbar aus Versehen fallen gelassen zu haben, dass wir den Ferien viel Zeit miteinander verbracht haben. Und na ja … es ist bis zu Brain und Frank durchgesickert. Aber keine Angst, es hatte bis jetzt keine schlimmen Folgen, außer dass unsere beiden Militaristen ziemlich enttäuscht waren, weil sie dich verpasst hatten. Ich persönlich bin ja der Meinung wir sollten eine Begegnung mit den Beiden so lang wie möglich aufschieben – zu unserer eigenen Sicherheit, würd ich meinen.

Gruß, Jennifer

Severus faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche seines Umhangs. Es tat gut ein paar aufmunternde Worte zu hören beziehungsweise zu lesen.

„Hades.", sagte er und der Rabe flatterte ihm unverzüglich auf die Schulter. Severus erhob sich und verließ die große Halle, obwohl er keine Ahnung hatte wo er eigentlich hin wollte. Der Unterricht würde eh erst in einer halben Stunde beginnen und in die Kerker lief er keine 5 Minuten.

„Severus!", rief jemand hinter ihm. Die Stimme war ihm nicht unbekannt. Als er sich umwandte stand er Professor Horace Slughorn gegenüber.

„Ja, Sir?", fragte Severus höflich, aber dennoch ziemlich gelangweilt.

„Wo willst du hin?", fragte Slughorn im gemütlichen Plauderton, doch er merkte, dass das nur billige Fassade war.

„Hier- und dorthin.", antwortete Severus trocken.

Slughorn holte tief Luft.

„Wollen wir ein Stückchen gehen, Severus?"

Er wusste, dass es sich hierbei um keine Frage handelte und nickte. Slughorn klopfte ihm auf Schulter und sie spazierten in Richtung der Kerker.

„Was wollen Sie, Sir?"

„Nun, Severus, ich halte Sie für einen äußerst intelligenten, jungen Mann und ich bin mir sicher, dass Sie sich selbst im Klaren darüber sind, dass Ihr Verhalten in den letzten Wochen ein wenig zu Wünschen übrig ließ."

„Wenn Sie auf Professor McGonnagall anspielen …"

„Nein, darum geht es nicht, auch wenn ich diesen Vorfall für äußerst betrüblich halte. Mir, meinen Kollegen und einigen Ihrer Mitschüler ist Ihr sehr niederer Gemütszustand ins Auge gestochen.", sagte Slughorn.

„Ich wüsste nicht, was Sie meine Laune angeht." Die Worte verließen ungewollt grob seinen Mund.

„Sehr viel, schließlich bin ich Ihr Hauslehrer, Severus."

So fadenscheinig warst du ja schon lange nicht mehr, Sluggy.

„Was bedrückt Sie?"

Das werd ich dir ganz bestimmt erzählen, du neugieriges, kandierte Annanas fressendes, selbstherrliches Stück Hippongreifmist!

„Kommen Sie schon, Severus, mir können Sie es erzählen."

Argh, WAS? Los, Sev, lock ihn in den Kerker und dann stülp ihn einen Kessel über den Kopf … oder noch besser; schlag ihm das Teil auf den Kopf! Aber so Richtig, hast du verstanden! Wenn er davon Amnesie bekommt musst du dich wenigstens nicht mehr mit ihm rumplagen.

So verlockend das alles auch klang, leider konnte er es nie verwirklichen, da in diesem Augenblick eine Horde Schüler um die Ecke bog.

„Ich glaube, Professor, dass geht Sie nichts an.", sagte Severus und tauchte in einer vorbeimarschierenden Gruppe Slytherins unter.

Im folgenden Unterricht versuchte Slughorn immer wieder ihn während seiner Arbeit in leise Gespräche zu verwickeln, die jedoch an einer Mauer aus purem Zynismus abprallten. Währendessen sah Severus ab und an zu Lucius, der ihn auch weiterhin wie Luft behandelte.

Ignoranz ist schlimmer als Hass, oder wie war das?

Nach dem Unterricht schnappte er sich den Aristokraten jedoch und zog ihn beiseite.

„Leck mich, Severus!", schimpfte Lucius dabei und sprach somit das erste Mal seit Tagen wieder mit ihm.

„Nein, werd ich nicht.", entgegnete Severus trocken. „So verlockend es auch sein mag."

Lucius taxierte ihn wütend.

„Redest du wieder mit mir oder willst du mich ab jetzt für den Rest des Schuljahres ignorieren?"

„Warum sollte ich? Du bist doch lieber mit so einem Irren wie Murlahey zusammen."

„Jason ist nicht irre. Ab und zu vielleicht ein wenig Regeln überschreitend, aber sonst …"

„Jetzt laber keine Scheiße, Severus!", fauchte Lucius. „Du verteidigst ihn ständig, egal, was er für einen Müll anstellt."

„Nein, tu ich nicht.", konterte Severus. „Aber er hat mir von Abraxas erzählt."

„Und wenn schon? Das spielt keine Rolle!"

„Für dich anscheinend schon."

„Vielleicht, aber das …" Lucius hielt kurz inne. „Ich hab die letzten Wochen nachgedacht."

„Und? Welch erschütterndes Ergebnis legst du mir jetzt vor?"

Das hätte Severus lieber nicht sagen sollen.

„SAG MAL MERKST DU NOCH WAS?", schrie Lucius so laut, dass sich einige Schüler nach ihm umdrehten. „Du … Du bist völlig daneben! Seitdem du wieder da bist benimmst du dich wie ein Irrer!"

„Ja, das wurde mir schon öfters gesagt.", meinte Severus lapidar.

„Du solltest dich von Murlahey fern halten. Er verpasst dir ne Gehirnwäsche, merkst du das nicht?"

„Die Einzigen, die hier irgendwem ne Gehirnwäsche verpassen sind die Todesser."

„Du musst doch selbst sehen, dass sich Murlahey … Er bringt dich noch ins Grab, verdammt! Mit seinen wirren Anschauungen.", sagte Lucius. Severus war innerlich schon etwas überrascht. Erst ignorierte Malfoy ihn ständig und giftete ihn an und jetzt …? Jetzt versuchte Lucius ihm kluge Ratschläge zu erteilen. „Ich habe es dir schon einmal gesagt; du musst dich entscheiden! Zwischen ihm und uns!"

Zwischen Todessern und Freiheit. , dachte Severus. Ja, ich weiß.

„Murlahey wird nicht siegen.", sagte Lucius. „Seine Gesinnung wird nicht siegen. Irgendwann werden sie ihn kriegen und ich fände es wirklich schade, wenn du dann auf seiner Seite wärst."

Severus schüttelte resignierend den Kopf.

„Du hast nichts verstanden, Lucius. Absolut nichts.", sagte er und ging davon.

Jason hatte Recht. Er ist ein verdammter Feigling. Wahrscheinlich hat er – haben wir – uns von Anfang an in ihm getäuscht. Ja, so muss es sein.

Jede Woche fand im Lehrerzimmer von Hogwarts eine Sitzung statt, bei der die Lehrer mit dem Direktor über augenblickliche Probleme sprachen.

Albus Dumbledore war immer der Letzte, der bei diesen Sitzungen auftauchte. Allerdings aus dem einfachen Grund, weil er immer recht viel um die Ohren hatte – was ihn jedoch nicht davon abhielt die gesamte Lehrerschaft bei seinem Erscheinen mit einem wahren Hagel von Zitronenbonbons zu beglücken.

Minerva McGonnagall wusste nicht woher Albus diese nervige Angewohnheit hatte, aber sie wusste, dass sie ihm irgendwann ihre Rache für all die Millionen Bonbons angedeihen ließe – allen voran, weil sie ihm schon tausend Mal erklärt hatte, dass sie Diabetikerin war. Wenn es doch wenigstens zuckerfreie Wurfgeschosse gewesen wären …

Minerva schüttelte den Kopf. Wo war sie bloß wieder mit ihren Gedanken?

Sie saß in ihrem Lehnsessel an der Tischrunde und beobachtete Albus. Er schritt graziös um den Tisch während er mit Professor Trademark diskutierte und er gemeinsam mit den übrigen Lehrern einen Punkt der „Problemliste" nach dem anderen durchging. Ein Problem brannte Minerva ebenfalls auf dem Herzen. Ein Problem, welches sicher nicht nur ihr aufgefallen war. Im Grunde handelte es sich auch nicht um ein Problem, sondern eher um eine tiefe Besorgnis.

„Albus …", sagte Minerva als der Schulleiter geendet hatte. „Mir – und zweifelsohne auch einigen der übrigen Kollegen – brennt da seit einiger Zeit etwas auf dem Herzen."

„Ja, meine Liebe?", sagte Albus und lächelte sie zuckersüß an, wie ein Verliebter. Eine Geste für die sie ihn am Liebsten erwürgt hätte – mal wieder. Er machte das ständig, obwohl er genau wusste, dass sie über seine Neigungen bescheid wusste. Dieses Lächeln war Theater, ein Spiel, um sie zur Weisglut zu treiben – was dem alten Zausel auch immer wieder wunderbar gelang.

„Severus Snape."

Sie musste nicht noch mehr sagen. Das angespannte Schweigen im Raum sagte mehr als tausend Worte.

„Nun …", sagte Albus langsam. „Wie wir alle wissen ist sein Verhalten mehr als bedenklich. Ebenso die immer wieder im Schloss auftretenden Akte von Vandalismus, die offenbar mit Snapes schlechter Laune im Einklang sind. Dennoch sollte keiner von uns vergessen, was diesem Jungen in den letzten Wochen widerfahren ist."

„Das tut auch niemand.", meldete sich Professor Slughorn zu Wort. Horace war dafür bekannt die Schüler seines Hauses ständig, selbst bei völlig unangemessenen Fällen, in Schutz zu nehmen, doch bei Snapes Verhalten konnte nicht einmal er ein Auge zudrücken. „Es ist offensichtlich, dass irgendetwas mit dem jungen Mann nicht stimmt. Und … na ja … ich schätze wir sind uns alle einig, wenn ich sage, dass viele Schüler in Hogwarts einen mindestens genauso tragischen Verlust wie er erlitten haben, diese jedoch trotzdem nicht so derart ausrasten."

Wahre Worte. , dachte Minerva. Snape war offensichtlich in tiefe Depressionen geraten – Wer würde das nicht, bei einem derartigen Vorfall in der Familie? –, doch schien er sich über die Ferien selbst entfremdet zu haben. Sie wusste, dass dieser Schüler ein wirklich heller Kopf war, aber sein Gemüt war alles andere als angenehm – auch wenn Snape durchaus in der Lage war nett und höflich zu sein, wenn er denn nur wollte.

„Wir können ihm nichts zur Last legen.", sagte Albus bestimmt. „Wir wissen nicht, ob er es war. Sicher, es ist auffällig, aber er wurde nie erwischt. Zudem … dieser Vorfall in der Großen Halle; das war sehr hohe Magie. Snape ist sehr intelligent. Ich bezweifle nicht, dass er nicht dazu in der Lage wäre derartiges zu vollbringen, doch ich denke er ist nicht der Einzige in dieser Schule, der zu solchen Dingen fähig ist. Nun, ich habe gehofft, dass, wenn ich den Bann bestehen lasse sich der Schuldige irgendwann geschlagen gibt und sich verrät, doch offensichtlich war dieser klug genug sich beim brechen des Fluchs nicht erwischen zu lassen."

„Und was ist mit dem Gewächshaus?", fragte Professor Taymen, der Kräuterkunde unterrichtete. Er war ein alter, kauziger Kerl, der mit Antipathie nur so um sich warf.

„Auch dafür gibt es keine Zeugen, wie sie alle wissen.", sagte der Schulleiter.

„Nun, mir ist da was zu Ohren gekommen.", fiepte Professor Trademark. „Offenbar haben einige Schülerinnen bemerkt wie sich Lily Evans kurz nach eintreten der Ausgangsperre aus dem Gryffindorgemeinschaftsraum entfernte."

„Sie glauben doch nicht, dass Mrs Evans …", setzte Minerva empört an. Jemand aus ihrem Haus war es bestimmt nicht. Schon gar nicht Lily Evans, die vorbildlichste Schülerin, die sie je erlebt hatte.

„Liebe Kollegen, vielleicht sollten wir einfach etwas genauer auf diesen Burschen achten?", fragte Professor Taymen mit all seiner Grantigkeit, die selbst jemanden wie Severus Snape erblassen ließ. „Der Junge hat ein paar ernste Probleme – ich denke, da sind wir uns alle einig."

„Sie wollen ihn beschatten lassen?", fragte Professor Slughorn ungehalten.

„Warum nicht?", bemerkte Taymen. „Sie können ihn auch zu einer Untersuchung auffordern. Sie wissen schon, diese Dinger bei denen festgestellt werden soll, ob der betreffende Schüler irgendwelches, illegales Zeug intus hat."

„Sie wollen doch nicht behaupten er würde heimlich trinken … das würden wir doch alle merken.", meinte Slughorn.

„Alkohol wäre hier wohl das kleinere Übel, Horace. Sie wissen selbst, dass er ein Ass in Zaubertränke ist. Wenn er wollte könnte er sicherlich heimlich etwas zusammenbrauen."

„Interessante Überlegung.", sagte Slughorn. „Aber unmöglich! In meinem Labor werden keine … Drogen … gebraut, Taymen!!!"

„Aber, aber!", ging Albus dazwischen bevor das Ganze überhand nahm. „Hier beschuldigt niemand irgendwen irgendwas getan zu haben. Severus Snape ist erst dann schuldig, wenn wir beweisen können, dass er etwas ausgefressen hat. Bis dahin ist er höchstens ein Verdächtiger."

„Was schlagen Sie also vor?", fragte Minerva.

„Ich schließe mich Edward hier …" Albus wies mit der Hand kurz auf Professor Taymen. „… eindeutig an. Wir werden den Jungen beschatten müssen – möglichst unauffällig, versteht sich."

„Ich weiß nicht wie es meinen Kollegen geht, aber ich habe dringlicher Angelegenheiten als einem Schüler hinterher zu rennen. Außerdem können wir nicht unterrichten und gleichzeitig auf Snape aufpassen.", meldete sich Slughorn zu Wort.

„Das ist mir sehr wohl bewusst, Horace, deshalb schlage ich vor, dass wir für diese Aufgabe jemanden einspannen, dessen Natur es ist nahezu unsichtbar aufzutreten und der gleichzeitig zuverlässig ist.", sagte Albus Dumbledore im geheimnistuerisch-verschwörerischen Ton.

Ich hasse es, wenn er so melodramatisch wird. , dachte Minerva sofort.

„Nathan!", sagte der Schulleiter laut und sofort erschien mit einem lautem Knall ein Hauself. Dieser war für einen Elfen sehr groß, da er Albus fast bis zur Hüfte reichte und der Direktor war mit seinen 1 Meter 94 Körpergröße wahrlich alles andere als ein Zwerg. Zudem sah die Haut des Elfen schwarz aus und war mit sonderbaren Tätowierungen überzogen. Seine großen hängenden Ohren waren nur so mit Ohrringen gespickt. Auf seinem Kopf trug er kurzes, dunkles Haar und sein Gesicht sah viel menschlicher aus als das von normalen Hauselfen. Seine Augen waren von einer roten, jedoch natürlich wirkenden, Farbe. Die Nase ähnelte vielmehr der eines Menschenaffen und aus der Unterseite seines Mundes ragten keilerartige, spitze Zähne heraus. Er wirkte leibhaftig nicht wie ein Elf! Statt der üblichen Sklavenrobe der Hauselfen trug dieser Genosse eine dunkle, zerschlissene Lederhose. Sein Oberkörper war völlig frei und er hatte eine geflickte Tasche umhängen. Zudem wirkte er sehr kräftig, geradezu muskulös. Die meisten Hauselfen waren dürr und sahen sehr zerbrechlich aus. Gegen diese wirkte Nathan wie ein Berserker.

Minerva bezweifelte, dass dieser Elf mit den anderen in der Küche arbeitete.

„Das ist doch kein Hauself!", platzte es aus Professor Kesselbrand heraus, der es eigentlich hätte besser wissen müssen.

„Doch, das ist er im Prinzip schon.", sagte Albus. „Einer der seltenen Grubenelfen, die es sich in den Weiten des Sudans gemütlich gemacht haben. Er lief mir vor vielen Jahren in der Winkelgasse über den Weg. Ich denke Nathan erinnert sich noch hervorragend an unsere erste Begegnung. Er wurde von seinem damaligen Meister im Stehlen und Verbergen, sowie einigen anderen Dingen, exzellent ausgebildet. Heute hält er die magischen Banne und Verteidigungsvorrichtungen von Hogwarts instand. Nun, sag Hallo, Nathan."

„Hallo.", sagte der Nathan, der eine raue und dennoch melodische Stimme besaß.

„Aber der fällt doch auf wie ein bunter Hund!", sagte Slughorn, der sich offenbar nicht vorstellen konnte, dass dieser sonderbare Elf Snape beschatten sollte.

„Wenn er wirklich so auffallen würde, dann hätte er es sicher nicht geschafft mich unbemerkt zu bestehlen und abzuhängen. Nathans Meister war offenbar der Meinung, dass es bei mir etwas zu holen gäbe als er ihn losschickte mich mitten in der äußerst belebten Gasse zu bestehlen. Es war reines Glück, dass ich ihn an jenem Tag beim Eingang der Winkelgasse wieder gefunden habe, woran jedoch sein Meister schuld war. Wenn es nach Nathan gegangen wäre, dann hätte ich mein Hab und Gut wohl bis heute nicht wieder. Hab ich nicht recht, Nathan?"

„Jaa.", brummte der Elf.

„Wie haben Sie ihn hierher bekommen?", wollte Kesselbrand wissen.

„Mit Überredungskunst und eine beträchtlichen Summe Gold für seinen alles andere als wohlhabenden Meister.", sagte Albus schlicht.

„Aber … Dumbledore, Sie sagten er würde klauen. Warum haben Sie uns nicht schon eher eingeweiht?", brauste Taymen auf.

„Grubenelfen haben zwar eine Veranlagung zum Stehlen, doch sie tun es naturgemäß nur zum überleben. Und Nathan hat in seiner Zeit hier nichts mitgehen lassen. Nicht zuletzt deshalb, weil er nach eigener Aussage Gold verabscheut, was ebenfalls in seiner Natur liegt. Wie dem auch sei, werte Kollegen, er ist der Einzige, der uns Helfen kann und seine Aufgabe womöglich wesentlich effektiver bewältigen wird als dies ein Mensch je könnte."

Das Lehrerkollegium, Minerva eingeschlossen, blickten den Elfen an. Keiner von ihnen hielt sonderlich viel von Dumbledores Plan, dennoch willigten sie ein. Nicht zuletzt deshalb, weil sie keinen besseren Vorschlag hatten.