Durch ihre geschlossenen Lider hindurch nahm sie plötzlich eine Veränderung von Hell und Dunkel wahr. Trotz des heißen Wassers um sie herum lief ein Schauer über ihren Körper. Sie lauschte, ließ aber die Augen zu. Sie hörte ihn ob des heißen Wassers nach Luft schnappen und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Dann schwappten warme Wellen im eben noch völlig stillen Wasser gegen ihren Körper. Sie zwang sich, nicht die Augen zu öffnen und genoss den wohligen Nervenkitzel nicht genau zu wissen, wo er war und was er tun würde. Dís legte ihren Kopf noch weiter in den Nacken und öffnete leicht ihren Mund. Ihr Kopf stieß sanft gegen etwas und es war nicht der harte Beckenrand. Im nächsten Moment fühlte sie seine Lippen auf ihren. Vertraut hitzig und doch seltsam anders. Sie öffnete die Augen. Er stand im gut hüfthohen Wasser hinter ihr, ihr Kopf schwamm gegen seinem Bauch und er beugte sich über sie und küsste sie kopfüber. Sein Haar hing um ihr Gesicht herum ins Wasser. Voller Inbrunst erwiderte sie seine Küsse. Er zog sie herum und auf die Füße, so dass sie nun vor ihm im Wasser stand. Sie sah zum ersten Mal die enorme, zerklüftete Narbe auf seiner rechten Brust und erschrak. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf die Verletzung und blickte auf. Beide versanken Momente lang im Blau der Augen des anderen. Endlich ließ er sich auf die Knie herab und vergrub sein Gesicht zwischen ihren schweren Brüsten, flüsterte ihren Namen. Dann sank er rückwärts ins Wasser und zog sie mit sich in Richtung des flachen Liegebereiches am Beckenrand. Sie schwor sich, wieder einmal, dass dies das allerletzte Mal sein würde, aber dass sie dieses allerletzte Mal auskosten würde. Bis zum letzten Tropfen. Wieder einmal.

Später saßen sie in dicke Handtücher gehüllt auf Dís' Bett und bürsteten sich gegenseitig die feuchten Haare. Thorin liebte dieses vertraute Beisammensein nach dem Liebesspiel besonders. Er genoss es, ihre schwarzen Locken durch seine Finger gleiten zu lassen und noch viel mehr ihre Berührungen und festen Bürstenstriche in seinem Haar. Sie unterhielten sich entspannt, wie seit langem nicht und schliefen schließlich Arm in Arm ein.

Am nächsten Morgen erwachten sie gemeinsam und Thorin begann, sie so zärtlich zu küssen, dass sie nicht das Herz hatte, ihn fortzuschicken. Sie schloss die Augen und ließ ihn gewähren, genoss noch halb im Schlaf seine Hingabe und gemurmelten Koseworte. Er bemühte sich, ihr mit seinen breiten Fingern Lust zu verschaffen, bis sie schließlich ungeduldig seine Hand nahm und sich seinen Finger in den Mund steckte. Dann schwang sie sich auf ihn, leitete sein Gemächt an ihre Spalte und ließ sich darauf nieder. Sie legte sich auf ihn, den Kopf auf seiner Brust, schloss die Beine und begann eine sachte Bewegung mit ihrem Becken, während sie weiter an seinem Finger sog, kaute und leckte. Und er begann sie von unten zu stoßen. Erst sanft und genießerisch, schließlich hart und in schneller Folge. Er schien ihr Gewicht gar nicht wahrzunehmen und bog sich kraftvoll unter ihr. Sie sah sein Gesicht mit den fest geschlossenen Augen, entrückt und gefangen, bis beide schließlich kurz nacheinander zu einem satten, vollen Höhepunkt kamen. Er schrie ihren Namen, schlang seine Beine um sie und presste ihren Körper an sich, bis die Wellen langsam verebbten.

Er vergrub die Finger in ihrem offenen Haar und flüsterte voller Inbrust:

„Dís! Oh, Dís! Mahal! Ich kann nicht ohne Dich sein! Ich liebe Dich mehr als mein Leben!".

Sie löste sich von ihm, küsste seine Schulter, lächelte ihn nachsichtig an, sagte aber nichts. Er seufzte enttäuscht.

„Du liebst ihn hier in mir", grinste sie und strich mit dem Finger über sein erschlafftes Glied.

„Das auch", ächzte er, sah sie aber weiterhin gekränkt an. Ein unangenehmes Schweigen folgte.

„Bringst Du mich nachher einmal hinunter zum Schatz, Thorin? Ich meine, nur soweit es geht. Ich möchte wissen, ob mich der Fluch auch befällt und wie es sich bei Dir anfühlt", begann sie schließlich.

„Wenn's sein muss", antwortete er ungehalten und stand auf.

Und so gingen sie nach dem Frühstück zusammen hinunter. Auf der vorletzten Treppe wurde Thorin immer langsamer. Er begann, schwer zu atmen und rieb sich die Stirn.

„Warte, Dís. Weiter nicht. Sieh nur", sagte er gepresst.

Er ließ den Handlauf los und zeigte Dís seine Hand. Eine dünne Spur von glitzerndem Goldstaub bedeckte seine Haut. Hastig wischte er die Hand an der Hose sauber.

„Wie fühlt es sich an? Hast Du Schmerzen?", fragte sie mitfühlend und fasste seinen Arm. Er stapfte bis zum nächsthöheren Treppenabsatz zurück und lehnte sich dort an die Wand.

„Keine Schmerzen. Es ist mehr, als ob Dein eigener Wille und Verstand zerschmilzt. Als ob jemand anderes übernimmt. Jemand, der Dir und allen anderen misstraut. Der herrschen will, Dinge hortet und der Böses im Sinn hat. Es ist furchtbar. Merkst Du nichts?", fragte er.

„Gar nichts", antwortete sie ehrlich.

„Sei bloß froh".

„Kehr um, bitte Thorin! Quäle Dich nicht weiter. Es tut mir leid, dass ich überhaupt davon angefangen habe. Ich gehe alleine runter zu Balin".

Thorin nickte und stieg langsam die Stufen wieder hinauf, die sie gerade heruntergekommen waren. Er war grau im Gesicht.

Dís sah ihm besorgt nach und fragte:

„Soll ich lieber mitkommen?".

Er sah ärgerlich auf sie herunter und fragte beleidigt:

„Was willst Du tun? Mich tragen?".

„Wenn ich muss", antwortete Dís grinsend.

Endlich grinste auch er und sagte:

„Sei froh, dass ich gerade keinen Teelöffel in der Hand hab! Erzähl mir nachher von Deinem Eindruck, ja?".

Dís nickte.

Dann lief sie leichtfüßig die Stufen hinunter und trat hinaus auf den steinernen Bogen über dem Schatzgewölbe. Ihr stockte der Atem. Sie hatte die Schilderungen von Balin im Ohr, aber das was sie hier sah, übertraf alle ihr Vorstellungen bei weitem. Überwältigt ging sie weiter hinunter. Sie sah einen Trupp Zwerge auf der gegenüberliegenden Seite arbeiten und erkannte Balin unter Ihnen.

Sie setzte den Fuß auf den Münzberg und machte ein paar schwankende Schritte. Dann sog sie die Luft ein und spürte in sich. Aber nichts von dem, was Thorin beschrieben hatte, stellte sich ein. Erleichtert ging sie vorsichtig tastend weiter.

Balin kam ihr entgegen und bot ihr seine Hand. Dís ergriff sie dankbar und kletterte zu ihm auf einen Vorsprung über dem Hort.

„Es ist unglaublich", sagte sie erschüttert und ließ ihren Blick über über das Meer von Gold und Kostbarkeiten schweifen.

„Das ist es. Selbst für mich jeden Tag aufs Neue", murmelte Balin neben ihr.

„Und? Macht es Dir etwas aus?", fragte er leise.

„Nein. Soweit überhaupt nicht", antwortete sie.

„Na, Mahal sei Dank!".

„Er konnte nicht mal die Treppe ganz mit hinunterkommen".

Balin seufzte.

„Ja, ich weiß. Fíli und Kíli hat es übrigens auch nicht berührt", sagte er wie beiläufig.

Sie lächelte traurig.

„Ich sehe mich noch ein wenig um", sagte sie dann zwinkernd und wollte sich wieder auf den Weg hinunter ins Gold machen. Doch Balin hielt sie zurück und sagte leise:

„Wenn Du vorhast, Thorin danach zu sprechen, zieh Dich am besten vorher um, Dís. Ich bin einmal direkt von hier aus zu ihm und der Goldstaub an meinem Kleidern reichte schon aus, um ihm zuzusetzen. Das sollte natürlich nicht jeder wissen".

Dís nickte und hob die Hand zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Dann schlenderte sie langsam durch die Berge und Täler rutschender Münzen. Hier und da bückte sie sich und nahm neugierig ein Schmuckstück, ein Juwel oder ein Gefäß zur Hand, betrachte es und ließ es zurückgleiten. Schließlich hatte sie genug gesehen und war sich sicher, dass Thrors Goldwahn sie nicht einholen würde. Sie winkte Balin noch einmal zu und verließ nach einem letzten Blick zurück zufrieden die Gewölbe.

Der fruchtgebende Monat, Yavanniё, ging zu Ende und wurde mit dem Erntefest in Thal beschlossen. Keller und Kammern waren gut gefüllt und niemand würde diesen Winter hungern müssen. So wurde das Fest sehr fröhlich und mit großer Zuversicht in die Zukunft begangen. Dís war als Vertreterin des Erebor an Bards Tisch zu Gast.

Thorin war hocherfreut gewesen, als seine Schwester ihm angeboten hatte, diesen lästigen offiziellen Termin für ihn zu übernehmen. Er hoffte so sehr, dass das bedeutete, dass sie sich einlebte und wie früher gerne seine Aufgaben mit ihm teilte, zum Wohle von Durins Volk. Er hätte nicht falscher liegen können. Denn Dís plante heute den Anfang ihres Auszuges aus dem Erebor.

Sie hatte sich ein Festkleid in Grün-Gold mit wunderschöner Stickerei extra für diesen Anlass schneidern lassen. Auf schweren Schmuck verzichtete sie bewusst und trug nur einen zarten Herbstkranz im Haar, ganz wie die Frauen der Stadt. Sie sah entzückend aus und das war es auch, was Bard ihr sagte. Man begann mit einem Gottesdienst in der schön wiederhergestellten Kirche und danach ging es zum Marktplatz, wo das fahrende Theater seine Bühne aufgebaut hatte. Es wurde eine populäre Liebeskomödie gegeben und alle vergnügten sich auf das Beste, sogar Legolas, der dieses Jahr seinen Vater als Vertreter der Waldeben auf dem Erntefest vertrat.

Zu passender Gelegenheit verkündete Dís, dass sich der Erebor um den schleppenden Bau des Krankenhauses kümmern würde und das auch ein Waisenhausflügel und ein Kinderhort geplant seien. Die Umstehenden klatschten und beim Rundgang über die geschmückten Plätze war sie überall ein gerngesehener Gast. Beim Essen saß sie zwischen Bard und seiner Tochter Tilda. Es war der Siebenjährigen deutlich anzusehen, wie sehr der Bart in Dís' Gesicht sie irritierte. Dís lächelte sie an und forderte sie auf:

„Fass ihn an".

Tilda erwiderte ihren Blick erschrocken und zögerte einen Moment. Aber Dís nickte ihr aufmunternd zu und reckte ihr ihr Kinn entgegen. Tildas Neugier siegte schließlich über ihre Befangenheit und sie streckte ihre Hand aus und strich vorsichtig über die schwarzen Barthaare auf ihrer Wange.

„Ganz weich!", stellte sie erstaunt fest, „Nicht wie Vaters!".

„Ja, wir Zwerginnen haben ganz weiche Bärte", bestätigte Dís zwinkernd. Bard hatte die beiden amüsiert beobachtet und Dís fragte leise:

„Wollt Ihr auch einmal anfassen?". Ihm schien eine spontane Antwort auf der Zunge zu liegen. Aber schließlich senkte er den Blick und sagte ausweichend:

„Das würde ich gerne, aber es wäre wohl inmitten der allgemeinen Aufmerksamkeit hier leider nicht angemessen. Ich verlasse mich einfach auf Euer Wort, Prinzessin". Dís lachte.

Zwischen Dís und Tilda aber war das Eis gebrochen und nach dem Essen bat Tilda sie, ihr die vom Herumtoben aufgelösten Haare neu zu flechten, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Dann sprang sie auf und lief winkend zurück zu ihren Freundinnen. Dís sah ihr mit einem wehmütigen Lächeln nach .

Am Tisch saßen außer Legolas, Bain und Sigrid noch eine Reihe wichtiger Stadtvertreter und Dís beteiligte sich selbstbewusst und freimütig an den Gesprächen, ohne ihre Meinung aufzudrängen und ihre klugen und umsichtigen Ansichten wurden allgemein mit Nicken und Wohlwollen aufgenommen. Später löste sich die Tischgesellschaft auf und den Nachmittag über gab es Gesang, Tanz und Spiele auf den Plätzen. Sigrid schloss sich einer Gruppe junger Leute an und Legolas versuchte sich mit Bain beim Bogenschießen, während Bard und Dís zusahen und sich leise unterhielten. Und als zum Tanz in der Reihe aufgespielt wurde, zog Bard sie lächelnd dazu.

Erst spät am Abend begleitete er Dís mit ihrer Eskorte zurück bis in Sichtweite der Tore des Erebor.

Er stieg ab, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein und sagte leise:

„Als ich hörte, dass Ihr den Erebor dieses Jahr vertretet, habe ich mich gänzlich auf das Erntefest freuen können. Es war ein sehr schöner Tag heute. Deutlich entspannter als letztes Jahr mit Eurem werten Bruder und König Thranduil".

„Das kann ich mir vorstellen", erwiderte Dís grinsend und fügte leise hinzu, „Ich habe mich in der Stadt und in Eurer Gegenwart heute auch sehr wohl gefühlt. Ich freue mich, dass wir uns durch das Bauvorhaben jetzt wahrscheinlich öfter sehen werden".

Sie sah seine Augen im Halbdunkeln leuchten und sein Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen.

„Gute Nacht, Prinzessin".

„Gute Nacht, König Bard".

Noch ganz in Hochstimmung und in Gedanken versunken, ging sie leise summend die Treppen hinauf. Sie öffnete die Tür zu ihren Zimmern. Thorin lag auf ihrem Sofa und wartete offensichtlich auf sie.

„Du bist spät", sagte er vorwurfsvoll.

„Das Fest ging bis eben und Du weißt, ich mache keine halben Sachen, Bruderherz", sagte sie leichthin. Thorin stand auf und zog mit gerunzelter Stirn den Kranz aus ihren Haaren.

„Wie läufst Du denn herum? Was soll das sein? Heu und Stroh? Hast Du nicht genug Gold in den Truhen?", fragte er missmutig. Dís wurde langsam ungehalten.

„Was willst Du?", fragte sie genervt.

„Wie war´s?", fragte Thorin gelangweilt zurück.

Dís begann, ihm ausführlich von den Gesprächen bei Tisch zu berichten und, ganz wie sie gehofft hatte, winkte Thorin gleich darauf ab.

„Ja, ja, schon gut. Thranduil?".

„Der hatte Legolas geschickt. Er und Bain haben sich gut verstanden. Alles in allem war es wirklich nett", meinte Dís und gähnte augenfällig. Thorin schwieg einen Moment.

„Dwalin hat den Tag festgesetzt", sagte er schließlich unvermittelt. Dís grinste innerlich. Das also trieb ihn um!

„Oh, wie schön! Wann soll es denn sein?", freute sie sich überschwänglich.

„Morgen beginnt Narqueliё, Sonnenschwinden. Also in zehn Tagen. Was soll ich ihm bloß schenken?", sagte Thorin grüblerisch, „Er meint es wirklich ernst".

„Natürlich meint er es ernst! Dwin ist so eine Süße und wird dem Sturkopf eine wunderbare Gefährtin sein. Sie ist geradeheraus, treu, liebevoll und stark. Was für ein außerordentliches Glück, dass sich die beiden gefunden haben! Und wehe ihm, er behandelt sie nicht ordentlich! Ich weiß schon genau, was ich ihr schenke. Sie bekommt den schärfsten und prächtigsten Dolch, den ich finden kann. An wen wende ich mich da?", fragte sie und beobachtete ihren Bruder genau.

„Dritte Galerie, Südviertel. Kredurs Schmiede, denke ich", antwortete Thorin wie abwesend und rieb sich die Stirn, „Und ich? Was schenk ich Dwalin? Mahal, ich kann das immer noch nicht glauben".

„Mmh, Wohnung hat er eine der besten hier. Zweite Galerie immerhin. Pony, Waffen, Gold hat er alles selber", überlegte Dís laut und klatschte plötzlich in die Hände. Sie sah ihren Bruder durchdringend an.

„Was bedeutet er Dir?", fragte sie.

Thorin überlegte eine Weile, bevor er antwortete.

„Nach Dir ist Dwalin derjenige, der mir an nächsten steht. Zusammen mit Balin natürlich. Aber Dwalin war auch immer mein Freund. Im Grunde der einzige, den ich habe", sagte er endlich.

„Wie ein Bruder?", fragte Dís nach.

„Ja".

„Dann schenk ihm Frerins blauen Diamanten. Du weißt schon. Den aus Vaters Schreibtisch. Nicht wegen des Steins im Grunde. Sondern wegen seiner Bedeutung. Sag ein paar Worte dazu und gib ihn ihm mit Frerins Kästchen. Das wird ihn freuen, denke ich. Und Frerin würde es auch freuen", sagte Dís bestimmt. Als Thorin nicht sofort reagierte, sagte sie:

„Denk drüber nach. Und jetzt raus hier. Ich bin todmüde".

Damit schob sie ihn aus ihrem Zimmer und schloss die Türen hinter ihm.

Vier Monate später, mitten im Winter, saß sie mit Bard abends in dessen großzügigem Wohnzimmer. Ein Bediensteter hatte gerade die Kachelöfen und Kamine neu bestückt und es war angenehm warm. Draußen wehte der Schnee gegen die dick verhangenen Fenster. Bain hatte Dienst bei der Stadtwache, denn er bereitete sich mit einer militärischen Ausbildung darauf vor, einmal seinem Vater auf dem Thron zu folgen und Sigrid war mit ihren Freundinnen beim gemeinsamen Spinnen. Zumindest war es das, was sie offiziell taten. Dís vermutete, dass sie eher zusammen saßen, ihren Spaß hatten und sich über Jungen unterhielten. Die Prinzessin war immer wieder erstaunt und erfreut, wie bodenständig Bard seine Kinder erzog und wie viele Freiheiten er ihnen ließ. Bard, Dís und Tilda hatten gemeinsam gegessen und jetzt saß Dís auf dem Sofa. Tilda hatte eine Erkältung und war eben erst mit ihrem Kopf auf Dís' Knien eingeschlafen. Die Prinzessin strich zärtlich über ihre verschwitzten Haare und lächelte Bard an.

„Sie schläft", flüsterte Dís.

„Ich trag sie in ihr Zimmer", sagte Bard leise und erhob sich.

„Warte noch einen Moment. Lass sie noch ein wenig tiefer einschlafen. Und ich habe sie so gerne hier bei mir", bat Dís. Bard nickte und setzte sich wieder. Schmunzelnd betrachtete er die beiden.

Sie warteten bis Tildas Atemzüge ruhig und gleichmäßig wurden und auch der Husten nachließ. Dann nahm Bard sie vorsichtig auf den Arm und trug sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Dís öffnete ihnen die Türen und deckte das Mädchen behutsam zu. Zurück im Wohnzimmer goss Bard ihnen beiden ein Glas Wein ein. Sie unterhielten sich noch ein wenig über die Arbeiten am Krankenhaus. Die Außenarbeiten auf der Baustelle ruhten, aber im Inneren konnte noch gearbeitet werden. Die Kamine brannten bereits und es wurden Böden verlegt, Türen eingesetzt und Wasserleitungen verlegt. Es ging gut voran. Dís hatte mehrere Baukolonnen angeworben und eine Bauleitung angestellt, die sich mit den Heilern und Wundärzten beraten und alles nur Erdenkliche in die Pläne mit einbezogen hatte. Sogar bei Oin war sie gewesen, hatte ihm die Pläne gezeigt und auch seine Ideen mit einfließen lassen.

Nun saßen sie eine Weile schweigend nebeneinander, tranken ihren Wein, sahen in die Flammen des Kamins und auch dieses gemeinsame Schweigen war frei von Zwang und Peinlichkeit. Dís genoss das so sehr. Endlich sagte sie:

„Morgen kommt Tauriel zu Besuch. Ich hatte mir das ja schon viel früher gewünscht, aber erst passte es hier nicht, wegen Dwins Hochzeit und allem drum herum und dann gab es bei ihr Aufgaben, die dazwischenkamen. Aber morgen ist es endlich soweit. Ich werde dann auch im Erebor bleiben und nicht in die Stadt zurückkehren".

„Da wird Tilda traurig sein", sagte Bard und sah sie an. Dís wartete darauf, dass er hinzufügte, dass es auch ihn traurig machte und Bards Blick schien genau das auch zu sagen. Aber er schwieg. Sie redeten sich zwar inzwischen ganz vertraut mit den Vornamen an, wenn sie allein waren, aber sie hatte schon seit ein paar Wochen den Eindruck, dass ihre Beziehung längst hätte eine Stufe weiter sein können. Irgend etwas ließ Bard zögern. Sie beschloss aus einem Bauchgefühl heraus, die Dinge einfach anzusprechen:

„Bard, was ich an Dir vom ersten Tag an geschätzt habe, ist Deine Ehrlichkeit. Deshalb möchte auch ich heute etwas offen sagen und ich hoffe, Dich damit nicht in Verlegenheit zu bringen", sagte sie.

„Bring mich ruhig ein wenig in Verlegenheit, meine liebe Dís", sagte er mit einem zweideutigen Lächeln. Dís musste lachen.

„Das ist genau das, was ich meine. Du bist ehrlich, Du bringst mich zum Lachen, wir können reden und wir können schweigen. Ich bin so gerne mit Dir zusammen, Bard. Ich habe Deine Kinder ins Herz geschlossen und ich fühle mich hier in Thal viel mehr zuhause als in dem Grabhügel dort drüben. Alles ist wunderbar. Aber ich wünsche mir noch mehr. Noch viel mehr, um ehrlich zu sein. Vielleicht schätze ich menschliches Werben falsch ein. Sag mir, Bard, Drachentöter, liegt Dir auch mehr an mir, als gut nachbarschaftliches Miteinander?", fragte sie mit klopfendem Herzen.

Er fiel aus seinem Sessel heraus auf die Knie vor ihr und griff nach ihrer Hand.

„Ja, Dís. Mir liegt noch sehr viel mehr an Dir. Ich liebe Deinen Scharfsinn, Deinen Stolz, Deine Schönheit und Deine Kraft. Ich wünsche mir nichts mehr, als mit Dir an meiner Seite Thal wieder aufzubauen. Als meine Frau und unsere Königin", gestand er und küsste ihre Hand.

„Das ist genau das, um was ich Nacht für Nacht bete, Bard", sagte sie und legte ihre freie Hand auf seine Wange. Er schloss die Augen und sein Gesicht verhärtete sich.

„Aber?", fragte sie zaghaft.

„Das große „Aber" in dieser Geschichte ist Dein Bruder. Es gibt da hartnäckige, sehr hässliche Gerüchte. Und ich würde keinem davon Glauben schenken, wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, wie er sich aufgeführt hat, als er erfuhr, dass Du das Haus nebenan gekauft hast. Dís! Das war genau wie zu den besten Zeiten seines Goldwahns! Offensichtlich betrachtet Dich Dein lieber Bruder als sein persönliches Eigentum und wenn er nicht in eine Verbindung unsererseits einwilligt, muss es bei nachbarschaftlichen Beziehungen bleiben. So sehr es mir das Herz zerreißt, Dís. Ich kann mein persönliches Glück nicht über das der Stadt stellen. Die Menschen hier haben schon genug durchgemacht in all den Jahren und ich kann und werde keinen Krieg unseretwegen riskieren. Oder schätze ich das falsch ein? Was würde Dein Bruder tun, wenn uns jetzt hier sähe?", frage er leise.

Und er nahm ihr Gesicht in seine großen, warmen Hände und zog sie zu einem langen, sanften Kuss zu sich. Dís behielt die Augen geschlossen und genoss noch einen Augenblick das prickelnde Gefühl, das seine Berührung hinterließ.

„Er würde erst Dich töten, dann mich und dann das Haus in Brand setzen. So etwas in der Art", seufzte sie.

„So etwas in der Art hatte ich befürchtet", antwortete Bard und setzte sich neben sie. Er ließ den Kopf hängen.

„Du kennst Deinen Bruder besser als jeder andere. Sag mir, liebste Dís, besteht dennoch Hoffnung? Kann ich irgendetwas tun, um Dich zu gewinnen? Oder müsste ich ihn dafür schon töten?", fragte er leise.

„Das wäre natürlich eine Möglichkeit", meinte Dís und grinste, „Ich hoffe allerdings, dass das nicht nötig sein wird. Nein, Du solltest Dich da vorerst ganz heraushalten. Tatsächlich arbeite ich gerade an einer möglichen Lösung, aber für den Moment kann ich noch nichts versprechen, fürchte ich".

„In welche Richtung denkst Du?", fragte er nach.

„Ich denke, dass ich Thorin so sehr unter Druck setzen muss, dass er schlicht nicht anders kann, als mich freizugeben".

„Die Vokabeln „Thorin" und „unter Druck setzen" in einem Satz! Dís, das hört sich nicht nur verwegen, sondern schlichtweg lebensmüde an". Dís lachte und wurde dann wieder ernst.

„Ich schwöre Dir, dass ich dabei weder Dich, noch die Kinder, noch die Stadt irgendwie in Gefahr bringen werde. Dies betrifft nur ihn und mich".

„Also bringst Du nur Dich selber in Gefahr. Und Du denkst, dass gefällt mir besser? Sollte ich nicht einfach mit ihm reden? So von König zu König?", fragte er besorgt.

„Auf keinen Fall. Ein anderer Zwerg wäre schon schlimm genug, aber einen Mann würde er nicht einmal ausreden lassen", antwortete sie mit Nachdruck. Bard sah sie nachdenklich an.

„Dann ist doch etwas dran an den Gerüchten, Dís? Willst Du mir nicht die ganze Geschichte erzählen?", fragte er schließlich.

„Wenn Du mir versprichst, mich nicht dafür zu hassen", sagte sie leise.

„So schlimm?", fragte er zurück.

Dís seufzte. Er zog sie zu sich, bis sie mit ihrem Kopf auf seinen Knien lag, wie vorher Tilda auf ihren und sagte:

„Erzähl".

Und Dís begann langsam die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Von ihrer Kindheit, ihren geliebten Brüdern, ihren Eltern, von der Flucht aus dem Erebor und ihrer unglücklichen Ehe. Von Fílis Geburt und vom Unfalltod ihres Mannes im Jahre 2864, der sie schließlich befreite. Zu Dwalin hatte sie sich zunächst geflüchtet, der sie dann mit ihrem Sohn zu Thorin gebracht hatte. Und dort war vier Wochen später Kíli geboren worden.

„Kíli war also nicht Thorins heimlicher Sohn, falls Du das gehört haben solltest. Er war mir ähnlich, also auch Thorin, aber er war genau wie Fíli Kirins Sohn", sagte sie mit Nachdruck. Bard nickte nur und goss ihr Wein nach.

„Wir waren die einzigen Zwerge in dem Menschendorf, in dem Thorin damals die kleine Schmiede führte. Die einzigen weit und breit. Manchmal kamen Balin und Dwalin zu Besuch, aber sonst waren wir allein. Die Hütte war klein und es gab nur ein Bett. Thorin hat es mir gelassen, als ich hochschwanger ankam und als ich in der ersten Nacht vor lauter Erschöpfung und Erleichterung anfing zu weinen, legte er sich zu mir und hielt mich im Arm. Wir waren so allein. Keine Eltern, keine Großeltern, keine Geschwister, keine Heimat, alle Freunde weit fort. Wir trösteten uns gegenseitig in dieser Nacht. Und es tat uns beiden gut. Und so blieben wir dabei. Ohne den anderen im Arm konnten wir nach einiger Zeit schließlich kaum noch schlafen. Aber es war ein völlig unschuldiges Beieinander. Thorin arbeitete tagsüber in der Schmiede und ich blieb mit den Kindern zuhause. Am Anfang war es nicht leicht, weil ich es nicht gewohnt war, die einfachsten Dinge selber zu machen. Aber, Mahal sei Dank, wohnte nebenan eine patente Menschenfrau, die meine beste Freundin wurde. Mathilde. Sie hat mir durch Kílis Geburt geholfen und sie hat mir alles beigebracht. Wie man kocht, Vorräte anlegt, Wäsche wäscht, erkältete Kinder kuriert, Socken strickt, Knöpfe annäht und Bier braut. Ich habe selber saubergemacht, Hühner gehalten, einen Gemüsegarten angelegt und Rosenstöcke gepflegt und obwohl ich abends todmüde in dieses kleine Bett gefallen bin, waren das die glücklichsten Jahre meines bisherigen Lebens. Ich war so stolz auf Thorin. Darauf, dass er, der verwöhnte Prinz, uns mit seiner Hände Arbeit durchbrachte. Er kam abends nach Hause. Müde von der schweren Arbeit, aber immer gut gelaunt. Er hat mit den Kindern gespielt und sie mit erzogen. Und er war stolz auf mich. Darauf, dass ich, die verwöhnte Prinzessin frisches Brot buk, seine Hemden in Schuss hielt und Dwalin und Balin selbstgebrautes Bier und eine Mahlzeit vorsetzte. Das hat sogar Dwalin imponiert, glaube ich. Es war alles so einfach, so überschaubar. Die Leute im Dorf haben uns für Mann und Frau gehalten und nur Mathilde wusste es besser, behielt es aber für sich. Aber es dauerte nur ein paar Jahre und die Verantwortung für unser Volk holte uns dort ein. Stimmen wurden laut, er müsse das Volk sammeln und in ein neues Zuhause führen. Und so verließen wir das Dorf und mir ist das wahnsinnig schwer gefallen. Ich vermisste den Erebor nicht. Ich hatte kaum Erinnerungen daran. Und ich vermisste auch sonst nichts und ich hätte dort in dieser Hütte mit ihm und meinen Söhnen an meiner Seite alt werden mögen".

Sie seufzte und nahm einen Schluck Wein.

„Und dann habt Ihr in den Blauen Bergen neu begonnen?", fragte Bard.

„Genau. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber es kamen langsam alle verstreuten Zwerge dort zusammen und es ging uns gut. Ich war wieder Prinzessin Dís, hatte eine ganze Schar Dienstboten und mehr Platz in meinen Arbeitszimmer, als wir vier zusammen in der Hütte gehabt hatten. Fíli und Kíli wurden auf ihre Rolle als Prinzen und Thronfolger vorbereitet und ich sah sie manchmal tagelang nicht. Ich musste weder den Garten umgraben noch Wäsche waschen, sondern übernahm bald offizielle Aufgaben, repräsentierte, verhandelte, vermittelte und hatte ein offenes Ohr für alles. Thorin und ich standen uns weiterhin sehr nahe, hatten aber jetzt selbstverständlich nicht nur eigene Betten, sondern auch gänzlich getrennte Räumlichkeiten. Und er war nur noch selten so unbeschwert und gut gelaunt wie früher. Wenn er mit Dwalin und den Jungs ein paar Tage zur Jagd war, sah ich ihn lachen wir früher, aber meistens trug er schwer an der Verantwortung, um die er nicht gebeten hatte. Manchmal, wenn er gar nicht einschlafen konnte, schlich er sich spät abends heimlich zu mir und wir hielten uns im Arm, bis wir einschliefen. Einfach so aus Gewohnheit. Ich hatte anfangs noch eine Reihe Verehrer dort und auf den einen oder anderen hatte ich sogar selber einen Blick geworfen. Ich bin ja nicht aus Holz. Merkwürdigerweise entwickelte sich nie etwas daraus und heute vermute ich, dass Thorin schon damals seine Finger im Spiel hatte und alle Interessenten irgendwie einschüchterte. Eigentlich müsste ich ihn das heute einmal fragen", meinte Dís nachdenklich.

„Ich wette, er hat ihnen gesteckt, dass Du Dwalin versprochen bist und sie sich an ihn wenden müssten", grinste Bard und Dís musste lachen.

„Etwas in der Art, ja. Naja, Jedenfalls änderte sich alles an dem Tag, an dem ich 130 wurde. Das weiß ich noch wie heute. Er hatte mir, wieder einmal, viel zu teuren Schmuck geschenkt. Völlig über das hinaus, was ich brauchte, um angemessen repräsentieren zu können. Bard, Du wirst mir bitte niemals Schmuck schenken, nicht wahr?", bat sie.

„Nein, ich werde Dir Rosenstöcke und Kohlrabipflänzchen für unseren Garten schenken, Geliebte", flüsterte er ihr voller Inbrunst ins Ohr und sie jauchzte lachend.

„Dafür kannst du alles von mir haben, Geliebter", flüsterte sie lächelnd zurück.

Sie sahen sich lange in die Augen. Schließlich zog Bard sie an sich und begann, sie zu küssen. Bedächtig zunächst, dann heftig und fordernd. Schließlich unterbrach er atemlos.

„Liebste Nachbarin, den Rest Deiner Geschichte heben wir uns für einen anderen Abend auf, wenn es Dir recht ist".

„Nichts lieber als das".

„Und heute Nacht werde ich Dich nicht wieder fort lassen", flüsterte er und küsste ihr Ohr.

Dís schlang die Arme um ihn und lächelte zustimmend.

Bard hob sie auf, wie vorher Tilda, und trug sie die Treppen hinauf in sein Schlafzimmer.

„Wenn ich mir nur nicht wie ein Kinderschänder vorkäme mit Dir kleinem Fräulein neben mir", sagte er leise.

„Oh, glaub mir. Sobald wir gleich alleine sind, wirst Du wie ein kleiner Junge da stehen, Milchbart", hauchte sie ihm mit ihrer samtigen Stimme ins Ohr.

Sie stand sehr früh am Morgen auf, zog sich leise an und küsste ihn wach. Draußen war es noch stockdunkel.

„Ich muss los", sagte sie leise.

„Wann sehe ich Dich wieder?", fragte er.

„Frühestens übermorgen. Ein paar Dinge muss ich im Berg noch erledigen", antwortete sie. Sie sah einen Moment verlegen aus und fuhr fort:

„Es hat mir gut getan, Dir das alles erzählen zu können gestern Abend. Ich hoffe, Du wirst den zweiten Teil der Geschichte auch so gut aufnehmen". Er sah sie liebevoll an und sagte:

„Ich denke, ich bin Dir seit letzter Nacht schon soweit verfallen, dass nichts was Du sagen könntest, mich abschrecken könnte. Selbst wenn Du mir erzählst, Du hättest eine leidenschaftliche Affäre mit dem alten Smaug gehabt".

„Genau das war der Plan", erwiderte Dís schmunzelnd.

Bard brachte sie zur Tür, die in den Garten hinaus führte und half ihr in ihren warmen Pelz. Sie küssten sich noch einmal und Dís huschte im ersten Tageslicht durch den glitzernden Schnee, der die Wege bedeckte. Durch Bards Garten, durch die kleine Pforte zum Nachbargrundstück und dort nach ein paar Metern ein paar Stufen hinauf zur Hintertür ihres eigene Hauses. Es war offen. Sie winkte noch einmal zum Nachbarhaus hinüber und schlüpfte dann ins Warme hinein.

Junkin schlief auf der Ofenbank. Sie weckte ihn und ließ ihre Ponys satteln. Zehn Minuten später ritten sie zusammen durch die stillen Straßen in Richtung des Erebor.

Dort angekommen betrat sie leise ihre Räume. Alles war leer und unberührt. Im Schlafzimmer standen die Doppeltüren nach nebenan weit offen. Sie schlich mit angehaltenem Atem näher und sah Thorin schlafend in seinem Bett liegen. Auf der Seite liegend, ein Kissen im Arm. So wie so oft. Sie betrachtete ihn einen Moment lang und forschte in ihren Gefühlen. Doch mehr als geschwisterliche Zuneigung, meinte sie nicht zu fühlen. So leise sie konnte, schloss sie die Türen, nahm rasch ein Bad und zog sich an. Danach ließ sie sich Frühstück für zwei bringen und warf ihren Teelöffel scheppernd zu Boden. Im nächsten Augenblick flogen die Türen auf und Thorin stand im Nachthemd vor ihr.

„Guten Morgen, Bruder", sagte Dís strahlend.

Er antwortete nicht, sondern starrte sie mit finsterem Blick an.

„Lässt Du Dich auch noch einmal blicken?", fragte er schließlich unwirsch und Dís bemerkte mit Sorge, wie unglücklich er aussah.

„Ich wollte eigentlich gestern Abend kommen, mochte aber bei dem Schneetreiben nicht los. Heute kommt doch Tauriel zu Besuch. Weißt Du noch? Ich hatte Dir doch davon erzählt", erwiderte sie munter.

„Elben! Und Menschen! Dafür hast Du Zeit, ja? Was ist mit Deinen Pflichten hier?", fuhr er sie an.

„Thorin, ich leiste meinen Beitrag für den Erebor auch dort in Thal. Sag mir lieber, was es hier Neues gibt. Bei Dwin alles in Ordnung?", versuchte sie abzulenken und reichte ihm eine Tasse Tee.

Thorin ließ sich in einen Sessel fallen und nahm die Tasse und ein Gebäckstück vom Tablett.

„Ich war letzte Woche mit Balin bei ihr auf der Baustelle im Westtempel. Ergab sich so. Lag auf unserem Weg und Balin wollte sich das Vorankommen dort selber einmal anschauen. Dwin ist wahrlich ein Gewinn für den Erebor, muss ich sagen. Sie leistet erstklassige Arbeit. Und Dwalin sagt, sie hat schon einige Male nach Dir gefragt", brummte er kauend.

Dís horchte auf und nahm sich im Stillen vor, gleich als erstes Dwin zu besuchen.

Thorin riss sie aus ihren Gedanken:

„Dís, wie lange soll das noch so gehen? Ich brauche Dich hier. Genau hier neben mir ist Dein Platz!", sagte er deutlich und ihr gefiel der bedrohliche Unterton in seiner Stimme ganz und gar nicht.

„Ehrlich gesagt, tut mir der Abstand im Augenblick sehr gut. Kein Streit. Keine Gräber unter mir. Niemand, der plötzlich nachts im Zimmer steht", begann sie vorsichtig.

Er hielt inne und sah fast belustigt zu ihr herüber.

„Ach Dís, komm schon", sagte er und stand langsam auf. Er setzte sich zu ihr und das Verlangen in seinem Blick, ging ihr durch Mark und Bein. Er begann, sanft ihr Haar in den Nacken zu streichen und ihren Hals zu küssen. Dís wandte sich brüsk ab und stand auf.

„Thorin, es gibt sogar schon Gerüchte in Thal", murmelte sie und mied seinen enttäuschten Blick. Sie kam sich schäbig vor. Sie selber hatte eine Nacht voller Zärtlichkeiten verbracht und jemanden, der ungeduldig ihre Rückkehr erwartete. Aber ihn, der ihr jahrelang der Liebste gewesen war, wies sie zurück. Und an dem, was sie für ihn empfand, war nicht er schuld. Alles was zwischen ihnen gewesen war, hatte auch sie so gewollt. Sie schämte sich für ihr Taktieren und musste sich zwingen, jetzt nicht nachzugeben und ihn in ihre Arme zu schließen.

„Na, und? Lass sie doch alle reden! Ich liebe Dich, Dís! Du bist das einzige, was mich am Leben hält! Lass uns beide den Bund schließen! Ich habe in den Chroniken nachgelesen. Es gab Zeiten, in denen das üblich war", beharrte er.

„Thorin, ich will so einen Bund nicht. Ich will, dass Du Dir eine Gemahlin nimmst. Ich will, dass Du eine Familie gründest und Kinder großziehst, die Du liebst. Keinen Geschwisterbund! Thorin! Das ist nicht richtig, auch wenn es solche Zeiten gegeben haben mag. Es ist gegen die Natur. Ich weiß auch nicht, warum wir uns über die Jahre so viel zu nahe gekommen sind. Aber ich möchte Dich wieder wie Deine Schwester lieben und Dir in die Augen sehen können, Bruder".

„Hör doch auf mit diesen Spielchen, Dís! Wem willst Du etwas vormachen? Mir? Doch wohl eher Dir selber! Du wirst sehen, es wird sein wie die anderen Male, als Du es beenden wolltest: In ein paar Tagen liegen wir wieder beisammen und Du schlägst mir Deine Nägel in den Rücken!", grollte er verletzt und verließ Türen schlagend ihr Zimmer.

Dís schloss die Augen. Ihr Hals schien von seinen Küssen zu brennen und sie fühlte ihr Herz dumpf in ihrer Brust schlagen. Dies würde schwerer werden, als sie gedacht hatte.


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