9. Abends sind ein paar Leute mehr in der Küche.
Im Zimmer war es dämmrig, als er endlich erwachte. Gewohnheitsmäßig blickte er zu dem Stuhl neben seinem Bett. Sie war noch da und lächelte ihm freundlich zu.
„Guten Morgen", murmelte er verschlafen. Monica Lupin lachte vergnügt auf. „Tja, mein Lieber, das mit dem Morgen stimmt so nicht ganz… Sie haben fast den kompletten Tag verschlafen. Es ist bald Zeit fürs Abendessen." Sie zwinkerte ihm vergnügt zu. „Scheint so, als hätten Sie ein paar Stunden Schlaf wirklich dringend nötig gehabt, was?"
Snape nickte nur. Er fühlte sich wesentlich besser, sein Hirn arbeitete wieder um einiges effektiver als die letzten Tage. Und er hatte Hunger. Kein Wunder, hatte er doch Frühstück und Mittagessen verschlafen! Und jetzt stand er vor der Wahl: sollte er den Versuch wiederholen und den anderen beim Essen Gesellschaft leisten? Das Frühstück in den letzten Tagen war nicht allzu schlimm gewesen; und vermutlich würde es ihm nicht schaden, sich an die Gesellschaft von Potter & Co. zu gewöhnen.
Monica schien zu spüren, was ihn umtrieb. Mit einem leisen Lächeln stand sie auf, ging durchs Zimmer und griff nach der Türklinke. „Wir essen in einer halben Stunde", erklärte sie, „kommen Sie einfach runter, wenn Sie dafür bereit sind. Allerdings muss ich Sie warnen: abends sind ein paar Leute mehr in der Küche als morgens um Fünf!"
Ein paar Leute mehr. Ja. Eindeutig. Severus blieb im Eingang zur Küche stehen und starrte ungläubig auf das rege Treiben, das sich ihm dort bot. Es wimmelte vor allem von Rothaarigen. Sämtliche Weasleys schienen heute hier zu sein, allerdings wirkten sie bedrückt. Fred, dachte Severus ernüchtert; Potter hatte ihm doch erzählt, dass er den Kampf nicht überlebt hatte.
Molly Weasley hatte sich - aus alter Gewohnheit, wie es schien - den Platz am Herd gesichert. Dort wurde sie unterstützt von Ginny, Monica und Hestia Jones. Arthur und Percy Weasley waren wohl die niederen Hilfsdienste zugefallen: sie schnibbelten Bohnen und schnitten Karotten in kleine Würfel.
Am Tisch unterhielt sich Minerva McGonagall mit Kingsley Shacklebolt, dem kleinen Diggel und Potter, während Hermine Granger mit Ron Weasley, Luna Lovegood und Neville Longbottom den Tisch für alle deckte. George Weasley, bleich und mit dunklen Schatten unter den Augen, lehnte etwas weiter hinten an einer Anrichte und sprach leise mit Bill und Fleur.
Ein wenig unschlüssig trat Severus in die Küche und sah sich das organisierte Durcheinander an. Jeder schien zu wissen, was er zu tun hatte – außer ihm. Doch schon hatte jemand ihn am Ellbogen gefasst und zog ihn sanft, aber nachdrücklich zum Tisch: Luna lieferte ihn mit einem winzigen Lächeln direkt bei Potter ab und schwebte dann zu Hermine hinüber, um ihr mit den Gläsern zu helfen.
„Professor", begrüßte Harry ihn mit einem Nicken, „setzen Sie sich. Wir haben einiges zu besprechen. Bitte." Er wies auf den Stuhl neben seinem eigenen, und Snape setzte sich ohne Widerspruch, dankbar für die unaufgeregte, fast spielerisch beiläufige Art, wie der junge Mann ihn in die Runde aufgenommen hatte.
„Wie gesagt", setzte Shacklebolt das Gespräch anscheinend genau da fort, wo sie es unterbrochen hatten, „es ist an der Zeit aufzuräumen. Da im Ministerium noch ein gewisser Grad an Chaos herrscht, habe ich dort genug zu tun. Minerva, der Orden wird die volle Unterstützung des Ministeriums bekommen, was die Verfolgung und Inhaftierung flüchtiger Todesser anbelangt. Ihr seid vorläufig leider allein dafür zuständig, so wenige wie möglich entkommen zu lassen, bis ich im Ministerium wieder klare Verhältnisse geschaffen habe. Noch ist nicht ganz klar, wem wir dort tatsächlich uneingeschränkt trauen können."
McGonagall nickte und fasste Snape fest ins Auge. „Wir werden Ihre Hilfe brauchen, Severus. Informationen, Vermutungen, Namen - alles was Sie uns anbieten können."
Harry hob kurz eine Hand, um auf sich aufmerksam zu machen. „Ich würde gern wissen, welchen Auroren des Ministeriums wir zur Zeit trauen können. Wir sind zu wenige, um wirklich effektiv sein zu können, Kingsley, und wir könnten deren Unterstützung brauchen."
Es war nicht vorbei. Natürlich nicht, es würde vermutlich niemals ganz vorbei sein. Zumindest nicht für Potter und diejenigen, die mit ihm gemeinsam gegen den Dunklen Lord gekämpft hatten. Für ihn selbst ebenfalls nicht. Auch nicht für die vielen Menschen, die Freunde und Familienmitglieder verloren hatten - und auf keinen Fall für die, die unter dem Einfluss des Imperiusfluchs für die Gegenseite gearbeitet hatten. Jeder Einzelne hatte in diesem Kampf Opfer gebracht, freiwillig oder unter Zwang.
„... Razzien", hörte er Shacklebolt sagen, und er wandte seine Aufmerksamkeit rasch wieder der Gegenwart zu. „Durchsucht die bekannten Aufenthaltsorte von Todessern, ihre Häuser und Unterschlüpfe, hängt euch an ihre Familien und Freunde, sucht nach Anhaltspunkten, wo wir sie finden könnten. Mögliche schwarzmagische Gegenstände werden konfisziert. Ausgebildete Fluchbrecher werden sich dann darum kümmern, dass von ihnen keine weitere Gefahr mehr ausgehen kann."
Snape räusperte sich, und alle am Tisch sahen ihn an. „Sie sollten auch in meinem Haus auftauchen", bemerkte er ein wenig nervös, „ich wäre ungern dafür verantwortlich, wenn jemand sich dort Zutritt verschaffen und sich an meiner… Apotheke bedienen würde. Oder der Bibliothek. Einiges, was sich in meinem Besitz befindet, ist potentiell gefährlich."
Ein paar Sekunden herrschte Schweigen am Tisch. Dann nickte Harry Potter und sagte zu McGonagall: „Ich möchte, dass er mitgeht."
„Wie bitte?" ächzte sie und sah den Jungen bestürzt an, doch Potter war offensichtlich kein Schuljunge mehr. Mit einer Professionalität, die Severus bei ihm nie vermutet hätte, erklärte er: „Wie ich Sie kenne, Sir, haben Sie jede Menge Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die auch unseren Leuten gefährlich werden könnten – hab ich Recht?"
Snape nickte stirnrunzelnd, und Potter fuhr fort: „Professor McGonagall, es ist wichtig, diese Zutaten, Tränke und Bücher in Sicherheit zu bringen. Bei ihm werden eventuelle Splittergruppen zuerst nach allem Möglichen suchen, das ihnen helfen könnte. Also sollten wir in diesem Fall schnell handeln. Professor Snape sollte mitgehen, so kommt die Gruppe am schnellsten und ungefährlichsten an das Zeug ran."
„Wie stellen Sie sich das vor, Potter?" erkundigte sich McGonagall spitz, „Severus zählt zu den Toten dieser Schlacht, oder haben Sie das vergessen? Was, glauben Sie, wird die Zauberergemeinschaft davon halten, wenn er in der Öffentlichkeit auftaucht? Denken Sie daran: bekannte Mitglieder des Ordens können heutzutage keinen einzigen unbeobachteten Schritt machen. Jede noch so simple Handlung wird verfolgt, und im Tagespropheten wird ausführlichst darüber berichtet; was denken Sie wohl, was das für ein Aufruhr wäre?"
„Vielsafttrank", gab Harry gelassen zurück, „ich hab schon darüber nachgedacht. Es ist Zeit, dass die Öffentlichkeit wieder mal erfährt, was ich so treibe. Und die Leute sollen wissen, dass sich der Orden und die neue Regierung unter Kingsley Shacklebolt um das Todesser-Problem kümmern. Also stecken wir denen vom Propheten, dass der Phönixorden einige Razzien durchführen wird, um dem Ministerium bei der Suche nach den verschwundenen Todessern zu helfen. – Sir, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben, werden Sie die Razzia in Ihrem eigenen Haus leiten…"
Gelassen sah der junge Mann den Älteren an und fuhr fort: „Sie können an meiner Stelle gehen, damit ist dem öffentlichen Interesse wieder für eine Weile Genüge getan." Mit einer entschlossenen Bewegung zupfte Harry sich ein paar Haare aus, ließ sie in ein Glasröhrchen fallen und reichte es dem fassungslosen Snape.
„Ich…", begann Severus, brach ab und steckte das Röhrchen vorsichtig in die Tasche, bevor er Harrys Blick suchte. „Wieso?"
Doch Potter schüttelte grinsend den Kopf. „Haben Sie mir gerade nicht zugehört? Sie können nicht als Sie selber raus, aber Sie müssen dabei sein. Und ich sollte mal wieder von den Leuten gesehen werden. Also ist das die einfachste Lösung." Er warf seinem ehemaligen Lehrer einen leicht besorgten Blick zu und fragte leise: „Oder wollen Sie noch nicht da raus? Es ist ja nur ein Scheineinsatz, aber wenn Sie Einwände haben…"
„Nein, Potter, ich habe keine Einwände", gab Severus langsam zurück, „ich habe mich nur gewundert. Wer wird mich begleiten?"
