Jinai: Halloween-Update!
Raffael: Auch wenn es eigentlich gar nichts mit Halloween zu tun hat ...
Jinai: Und das letzte Kapitel mehr als ein Jahr her ist ...
Raffael: Und es gefühlt niemand gelesen hat ...
Jinai: Ich habe mir geschworen, dass ich diese FF beende, und das tue ich auch, wenn sie keiner mehr liest!
Psychomantium: Ich bin ÜBERWÄLTIGT. Mir gefällt das Bild so unglaublich gut, dass ich keine Worte dafür finde! Du hast mir eine völlig neue Vorstellung von Jinai geschenkt, die mir so viel besser als meine eigene gefällt, dass ich dir nur immer wieder dafür danken kann. Was die Uniform angeht: Sie ist der von Lavi insofern ähnlich, dass Stiefel und Hose die gleiche sind (braune Schaftstiefel und weiße Hose) und sie hat natürlich die schwarze Ordensjacke, ihr Outfit ist allerdings eher den Bedingungen fürs Fliegen angepasst, das heißt: widerstandsfähiges, wasserfestes Material, hochgeschlossen, mit eng anliegenden Ärmeln und engem, hohen Kragen, damit der Wind nicht hineinpfeift, und natürlich ein Reißverschluss am Rücken, damit sich ihre Flügel entfalten können. Außerdem hat sie eine Fliegerbrille, die sie meistens um den Hals trägt. Ich kann nicht glauben, dass ich das bisher noch nie so genau beschrieben hab *hm* Ich bin doch sonst so genau bei allem. Und ja, die Hautfarbe ... ich meine mich zu erinnern, dass ich sie mir tatsächlich als von Natur aus gebräunt erdacht habe. Ich finde auch, dass du das bei dem Bild ziemlich gut hinbekommen hast, aber da ich selbst sowieso nicht zeichnen kann (zählen Strichmännchen?), bin ich sowieso restlos begeistert von Leuten, die das können. Darum: Hut ab!
Raffael: Ja, genauso ausführlich bist du sonst auch ...
Rated: T for poorly described, non-explicit torture method.
Disclaimer: Mit meinen OCs darf ich verfahren, wie ich will. Und wenn ich Charas von Katsura Hoshino im Meer versenke, dann nur, wenn ihr Name in deren Unterhosen gestickt ist. Ich weiß das. Meine OCs haben das überprüft.
9 – Lost at Sea
20. Juni 18xx, 18:14 auf der Lucania, noch zwei Tage von New York entfernt
Obwohl es gefährlich sein konnte, wechselte Jinai auf die Steuerbordseite der Lucania und ließ sich tiefer hinabsinken. Ein paar Meter über der Wasseroberfläche schoss sie am schwarz gestrichenen Schiffsrumpf entlang und inspizierte ihn. Nein, da waren keine Akuma, keine Einschusslöcher in Wassernähe, da war überhaupt nichts. Es wäre ein großer Triumph für die Akuma gewesen, die Lucania zu versenken, aber sie hatten es nicht einmal versucht. Sie hatten einzig und allein auf die Passagierdecks hoch über dem Wasser gezielt, aber die Geschosse hatten nicht viel Schaden angerichtet. Jinai bezweifelte, dass der Geschosshagel viele Opfer gekostet hatte, vor allem, da die meisten Akuma sich sehr rasch erst von Kanda und dann von ihr ablenken hatten lassen.
Also warum hatten sie Fersengeld gegeben?
Die wenigsten Akuma, gegen die die Exorzistin bisher gekämpft hatte, hatten Wert darauf gelegt, zu überleben. Sie hatten bis zum letzten Moment gekämpft und sich nicht darum geschert, ob sie selbst in Stücke geschossen wurden, wenn sie nur einen Exorzisten mit in die Tiefe reißen konnten. Und mit nur zwei aktiven Exorzisten an Bord war die Lucania ein gefundenes Fressen für jedes Akuma. Es ergab einfach keinen Sinn.
Jinai stieg wieder in die Höhe, bevor sie zu nahe an die Lancashire geriet, und studierte aus sicherer Entfernung auch die Steuerbordseite dieses Schiffes. Die Akuma hatten sich wirklich weit zurückgezogen, es war kein einziges mehr zu sehen. In solchen Momenten hätte sie gerne wieder ihre alte Fähigkeit zurück, Akuma zu erkennen, auch wenn diese Gabe einige Nachteile gehabt hatte. Allerdings wäre Allens Fluch, mit dem er Akuma ausfindig machen konnte, im Augenblick auch eine große Hilfe.
Da sie nicht mehr viel tun konnte, drehte Jinai bei und flog zum Heck der Lucania zurück. Die Schiffe hatten sich inzwischen weit genug voneinander entfernt, um sich in relativer Sicherheit zu wähnen. Trotzdem drängten sich die Passagiere immer noch bei den Rettungsbooten; aber Jinai konnte auch eines entdecken, dass gerade wieder auf Bordhöhe hochgezogen und vertäut wurde. Der dunkle Haarschopf darin sagte ihr alles, was sie wissen musste.
Da die Boote frei schwingend an den Längsseiten des Hecks befestigt waren, um bei schwerer See nicht irgendwo anzustoßen, schaukelten sie manchmal hin und her. Jetzt jedoch ging plötzlich ein so heftiger Ruck durch das Schiff, dass die Rettungsboote ein ordentliches Stück zur Seite ausschlugen. Erstaunt sah Jinai zu, wie die Leute an Bord durcheinander stolperten, sich wieder aufrappelten und die Mannschaft mit neuem Elan bedrängten, sie in die Rettungsboote steigen zu lassen. Auch das Boot, das Kanda zurück an Bord brachte, hatte bei diesem seltsamen Ruck zur Seite geschwungen und dann die Backbordseite des Schiffs gerammt. Zum Glück schienen sowohl Boot als auch Schiffswand intakt. Und herausgefallen war auch niemand.
Erneut ruckte das Schiff, als wäre es von einem Wal gerammt worden. Und wieder schwangen die Boote auf die Backbordseite des Schiffs; das lenkte Jinais Blick unwillkürlich zur Steuerbordseite. Mittschiffs brodelte und schäumte das Wasser, komplett uncharakteristische Wellen breiteten sich von dort aus, rasten dann auf den Rumpf zu und das Schiff erbebte ein drittes Mal.
In Jinais Kopf rasteten zwei Puzzlesteine ein.
Noch einen Moment zuvor hatte sie zur Landung auf dem Heck angesetzt, nun schlug sie wieder kräftig mit den Flügeln, um an Höhe zu gewinnen, und legte sich zur Seite, um einem der riesigen Schlote der Lucania auszuweichen.
Es war drei Tage her, dass Kanda über Bord gegangen war. Und zur gleichen Zeit, als sie den Exorzisten wieder aus dem Wasser gefischt hatte, hatte ein ähnlicher Stoß das Schiff schon einmal erzittern lassen. Weil seitdem Ruhe war, hatte sie diesem Ereignis keine Beachtung mehr geschenkt, aber nun passierte es schon wieder, sobald sie und Kanda das Schiff verließen.
Irgendetwas hing da am Rumpf und wartete darauf, dass sie nicht da waren.
Darum war die Lancashire einfach weitergefahren.
Die Exorzistin ließ sich fallen, bis sie knapp über der Wasseroberfläche segelte; ihre Röcke knatterten bei dem Sturzflug wie eine Fahne im Sturm. Der Kampf mit den Akuma hatte den Stoff schon an so vielen Stellen einreißen lassen, dass nur die schiere Anzahl an Röcken verhinderte, dass ihre Beine in der furchtbaren langen Unterhose zu sehen waren. Allerdings hätte sie sich selbst ohne das Gewicht ihrer Röcke nicht unter Wasser getraut, da sie sonst nicht mehr herausgekommen wäre, Flügel hin oder her.
Immerhin sah sie das Akuma – etwas anderes konnte es nicht sein – aus dieser Entfernung nun. Es hing ein paar Meter unter der Wasseroberfläche am schmaler werdenden Rumpf des Schiffs wie eine Zecke und vollführte eine seltsame Bewegung: Während die handtellergroßen Saugnäpfe an seinen vielen Armen es an der metallenen Wand festhielten, streckte es sich so weit wie möglich und drehte sich dabei um die eigene Achse, sodass seine langen Arme sich umeinander wickelten wie Wollstränge.
Es hielt diese Position einen Moment lang und ließ dann los.
In einer einzigen drehenden Bewegung schnalzte sein spitzer Kopf zurück zum Schiff und bohrte sich in das geschwärzte Metall. Wieder lief ein Beben durch das gesamte Schiff.
Jinai ging jede Wette ein, dass der Rumpf der Lucania schon mehrere dieser Dellen aufwies. Sich ganz durch den Stahl zu bohren, hätte das Akuma sicher nicht geschafft, aber je öfter es das an verschiedenen strategischen Stellen machte, desto mehr schwächte es die Konstruktion.
Die Lucania würde doch sinken.
Jinai überlegte fieberhaft. Ihre Federn würden durch das Wasser gebremst und das Akuma in dieser Tiefe nicht erreichen, aber – wie bereits festgestellt – untertauchen konnte sie auch nicht. Wenn Jeremy bloß da wäre, dann könnte er das Wasser mit seinem Innocence verseuchen, damit das Akuma loslassen musste. Kanda würde ungern noch einmal ins Wasser springen, aber um das Akuma zu töten, würde er es bestimmt doch tun. Zuletzt hatte sie ihn am Heck des Schiffes gesehen; bestimmt war er noch dort.
Jinai schlug mit den Flügeln, um an Höhe zu gewinnen, und wandte sich um. In dem Moment schoben sich lederartige Schwingen zwischen sie und den Himmel, ein schwarzer Nebel umfing sie wie Rauch und dann wusste sie nichts mehr.
oOo
Kanda stolperte, kaum dass er einen Fuß aufs Deck gesetzt hatte, aber da war er nicht der einzige. Rund um ihn herum verloren ziemlich viele Leute den Halt; einige schrien vor Panik auf, weil sie glaubten, dass das Schiff jeden Moment untergehen würde, aber nach dem zu urteilen, was er vom Boot aus erkennen hatte können, lag die Lucania immer noch waagrecht im Wasser.
„Das fühlt sich an, als hätten wir etwas ziemlich großes gerammt", sagte Lovely neben ihm. „Aber diese Gewässer sind so leer, wie sie nur sein können! Hier gibt es keine Riffe und es ist noch immer fast helllichter Tag. Da hätten wir doch jeden Eisberg sofort gesehen."
„Nach allem, was Sie in den letzten zwei Stunden erlebt haben, glauben Sie noch, dass dieses Chaos hier natürlichen Ursprungs sein könnte?", meinte Kanda zweifelnd und sprintete los, mitten durch die Menschenmenge hindurch. Ob er dabei jemanden umstieß, war ihm völlig gleich. Während er über das Deck lief, erbebte das Schiff noch mehrere Male.
Auf der Steuerbordseite beugte er sich über die Reling und spähte ins Wasser. Er sah das aufgewühlte Wasser tief unter sich nur undeutlich – irgendeine Art von Rauch hing darüber, verzog sich aber bereits wieder –, aber die Ursache war eindeutig dort zu suchen.
Der Exorzist drehte sich zu Lovely um, der ihm gefolgt war und ebenfalls in die Tiefe blickte. „Halten Sie sich bereit."
„Wofür?", fragte der Erste Offizier noch, aber Kanda war bereits in voller – nasser – Montur über die Reling gesprungen. „Ach, dafür", murmelte Eirik leise zu sich selbst, dann schaltete er in besten Erster-Offizier-Modus um: „MANN ÜBER BORD!"
Kanda hörte den Ruf noch hinter sich, bevor er wie ein Pfeil ins Wasser eintauchte. Wenn er von diesem elenden Schiff herunterkam, würde er für den Rest seines Lebens nur noch duschen, denn von Bädern hatte er endgültig die Nase voll.
Er tauchte auf, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Das Wasser schäumte und machte es schwer, irgendetwas zu erkennen, aber die Druckwellen der nächsten Erschütterung zeigten ihm die richtige Richtung. Ohne zu zögern schwamm der Exorzist darauf zu und tauchte dann unter. Da war es, vier oder fünf Meter unter der Wasseroberfläche, und krallte sich wie ein Parasit an die Schiffswand. Sein Kopf lief nach oben hin spitz zu wie bei einem Bohrer und hatte schon einige Dellen in der metallenen Außenhülle der Lucania hinterlassen.
Da sich das Schiff immer noch bewegte, wenn auch schon wesentlich langsamer als zuvor, trieb das Akuma von ihm weg und Kanda musste sich bemühen, es einzuholen. Die Schiffsmotoren arbeiteten kaum noch, aber der große Kahn hatte noch ein wenig Schwung. Er hatte die Wahl: Entweder blieb er nahe genug dran, um zum Schlag auszuholen, oder er zog sein Schwert. Beides ging nicht.
Also schwamm er und biss bei jeder Delle, die das Akuma in die Schiffswand machte, die Zähne fester zusammen. Wo war eigentlich Jinai? Sie hätte sich bestimmt genauso gut um dieses Akuma kümmern können; immerhin sah es gerade mal nach einem Level Zwei aus, also nichts, womit sie nicht alleine fertig geworden wäre. Vorhin hatte sie doch auch gekämpft.
Endlich wurde das Schiff langsamer und Kanda holte auf. Er zog Mugen und tauchte erneut unter. Das Akuma sah ihn nicht kommen, zog sich gerade für eine neue Attacke zusammen und hatte keine Ahnung, was es im nächsten Moment traf; ein paar Sekunden später erinnerten nur noch die Ölschlieren im Wasser und die Dellen in der Lucania an das Akuma, das fast ihr Schiff zum Sinken gebracht hätte.
Kanda tauchte auf und atmete tief ein. Die Stille um ihn herum bestätigte ihm, dass der Kampf vorbei war. Die Lancashire war bereits weit weg und das Gedränge an Bord begann sich bereits zu legen; ein Boot wurde gerade zu Wasser gelassen, um ihn an Bord zurückzuholen.
Vor ihnen, im Westen, ging die Sonne unter.
Eine halbe Stunde später fand Kanda heraus, dass der Rest seines Teams verschwunden war.
oOo
20. Juni 18xx, 21:57 auf der Lucania, noch zwei Tage von New York entfernt
„Um noch einmal zusammenzufassen, was wir bereits wissen", sagte Kapitän Drinkwater und kniff die Augen zusammen; die Kapitänsmütze und –jacke hatte er schon vor einer halben Stunde abgelegt. „Verschwunden sind zwei Exorzisten, ein Finder des Schwarzen Ordens und vier Besatzungsmitglieder, unter anderem eines, von dem wir dachten, dass er den Rest der Fahrt sicher verwahrt wäre. Da wäre außerdem Steward Robbins, von dem Sie mir versicherten …" Er machte eine Pause und sah Kanda an, der inzwischen trocken und mit verschränkten Armen den ersten Platz an der rechten Längsseite des Offizierstisches besetzte. Diese war sonst Eirik Lovely vorbehalten, aber dieser war wie der Rest der Mannschaft einen Platz weitergerückt, um dem Exorzisten Platz zu machen. So blieb auch der Stuhl von Steward Robbins nicht unbesetzt.
„Dass er mit ziemlicher Sicherheit ein Akuma war", wiederholte Kanda noch einmal ungeduldig. „Nachdem ich hörte, dass seine Braut kurz nach der Hochzeit gestorben war und er beinahe unmittelbar danach wieder den Dienst antrat, war es nur logisch. Ein Akuma hätte sich nicht an die Trauerzeit gehalten."
„So wie Marsters ein Akuma war", ergänzte Lovely, als einer der wenigen am Tisch immer noch untadelig gekleidet. „Wie sonst erklärt sich die Tatsache, dass die Tür seiner Kabine so verbogen wurde, und zwar von innen?"
„Also haben diese vier – Akuma hießen sie, nicht wahr? – Akuma also das Durcheinander genutzt, um einen ihrer Kollegen zu entführen." Der Kapitän schob die Blätter vor ihm auf dem Tisch immer wieder auseinander und zusammen. „Wie es aussieht, haben sie wichtige Blaupausen gestohlen und sich dann im Frachtraum versteckt, wo ein weiterer ihrer Kollegen sie aufgestöbert hat. Daraufhin haben sie ihn ebenfalls mitgenommen und sind mit ihm vom Schiff verschwunden."
„Mit großer Wahrscheinlichkeit haben sie auf die Lancashire hinübergewechselt, während alle anderen darauf bedacht waren, möglichst viel Abstand zwischen sich und dieses Schiff zu legen. Niemand hat sich auf der Steuerbordseite aufgehalten."
„Bis auf ihre Kollegin", warf Lovely ein. „Zuletzt wurde sie gesehen, wie sie dort hinunterflog. Wahrscheinlich wollte sie sich um das Akuma kümmern, wurde dann aber selbst überwältigt."
Was Kanda sich immer noch nur schwer vorstellen konnte, aber es war die einzige mögliche Erklärung. Es gab nur zwei andere Alternativen, von denen keine für ihn in Frage kam: Entweder war sie geflohen oder getötet worden.
„Das Akuma, ja", sagte Drinkwater und zog ein Blatt aus seinem Stapel hervor. „Es hat einen ziemlichen Schaden angerichtet, bevor es gestoppt werden konnte. Nach dem, was meine Ingenieure sagen, hat es die Außenhülle ziemlich geschwächt, sodass wir es nicht riskieren können, mit voller Geschwindigkeit weiterzufahren. Je länger wir allerdings warten, desto schwächer wird die Konstruktion alleine durch den Wasserdruck. Nach New York schaffen wir es nicht in einem Stück."
Die Feststellung hing einen Moment lang im Raum, während alle anwesenden Besatzungsmitglieder darüber nachdachten, was das bedeuten würde.
„Nach unseren Berechnungen sind wir noch etwa neunhundertundneunzig Seemeilen von New York entfernt. Bei dreiundzwanzig Knoten würden wir die Strecke in den geplanten dreiundvierzig Stunden schaffen, doch wenn wir die vorgeschlagenen fünfzehn Knoten fahren, brauchen wir mehr als sechsundsechzig Stunden dafür. So lange hält die Lucania nicht durch, Gentlemen."
Der zweite Offizier erhob sich und griff in ein Regal hinter sich. Die Offiziersmesse war beengt, der Tisch war schmal und die Regalfächer hinter der linken Bank verstärkten den Eindruck noch. Der Seemann holte eine Karte heraus und breitete sie auf dem Tisch aus; sie zeigte das Seegebiet von Neufundland bis New York. Diagonal über die linke Seite zog sich eine zerfurchte Küstenlinie mit tiefen Einschnitten, über die Nova Scotia herausragte; schräg darüber lag einsam und verloren Neufundland. Der Rest bestand nur aus leerem, weitem Ozean.
„Wir befinden uns ungefähr hier", sagte der zweite Offizier und deutete auf eine Stelle inmitten der leeren Fläche. Von dort aus waren Nova Scotia und Neufundland ungefähr gleich weit entfernt, aber New York mindestens doppelt so weit. „Wir könnten beidrehen und nordwärts fahren nach Neufundland. Von allen Häfen dort wäre allerdings nur St. John's groß genug, um die Lucania aufzunehmen, das heißt, wir müssten die Halbinsel Avalon umrunden und ziemlich weit im Norden ihrer Ostseite anlegen."
„Und selbst dann hätte St. John's nicht genug Betten für uns alle", warf einer der Männer weiter unten am Tisch ein. „Die Stadt ist nicht darauf ausgelegt, so viele Menschen aufzunehmen."
„In Nova Scotia ist keine Hafenstadt groß genug für uns alle, geschweige denn für die Lucania", gab der zweite Offizier zurück, „egal, welche du ins Spiel bringst. Yarmouth ist zu weit weg, nach Sydney ist es ein zu großer Umweg und Halifax hat keinen so großen Hafen."
„Wenn ich das richtig sehe", meldete sich Kanda kalt zu Wort, „haben Sie nicht die Absicht, irgendetwas zu unternehmen, um meine Kollegen zu finden."
„Ich bin für rund zweitausend Menschen verantwortlich", erwiderte der Kapitän ruhig. „Lassen Sie mich erst einmal diese in Sicherheit bringen."
„Mit jeder Minute, die vergeht, entfernt sich die Lancashire immer weiter von uns und niemand weiß, wohin sie fährt."
„Dann nehmen Sie sich ein Ruderboot und fahren Sie ihr nach!" Und damit war Kanda entlassen.
Der Exorzist wollte im Gehen die Tür hinter sich zuschlagen, doch eine Hand fing sie auf und schloss sie leise. „Sie werden sie finden", sagte Lovely beruhigend.
„Akuma töten Exorzisten, wenn sie es können", gab Kanda zurück, während er den Gang hinunterstapfte. „Sie entführen sie nicht. Wieso haben sie sie also mitgenommen?"
„Sie meinen, da steckt noch mehr dahinter?"
„Unsere Aufgabe war es, Jeremy heimlich wegzubringen, damit die Akuma ihn nicht finden. Wir durften keinen Kontakt zu anderen Mitgliedern des Ordens aufnehmen, für den Fall, dass unsere Kommunikation überwacht wurde. Der Junge spielt eine wichtige Rolle in diesem Krieg, aber den Akuma nützt er rein gar nichts. Also warum haben sie ihn nicht getötet?"
Und warum hatten sie Kie und Jinai auch mitgenommen? Kanda war selbst unten im Frachtraum gewesen und dort hatte es keine Staub- oder Aschespuren gegeben, wie sie sonst entstanden, wenn ein Akuma einen Menschen vernichtete. Und er erinnerte sich an den schwarzen Rauch über dem Wasser. Jinai war dort zuletzt gesehen worden, hatte man ihm gesagt.
Es ergab alles keinen Sinn.
„Wo gehen Sie hin?", fragte Lovely.
„Ich muss mit jemandem sprechen, der sich große Mühe gegeben hat, von uns bemerkt zu werden."
oOo
Sir Ackerman thronte auf dem Lokus, als der Lärm draußen losging.
Die Tür, die gar nicht dafür konzipiert war, wurde mit einem lauten Knall nach innen aufgedrückt und schlug gegen die Wand. Im Türrahmen stand ein junger Mann mit langen dunklen Haaren und dunklen Kleidern, der überaus wütend aussah – und den Ackerman sehr gut kannte. Noch bevor er sich allerdings über sein rüdes Eindringen in seine Kabine – bei dem er ganz nebenbei bemerkt die Tür kaputt gemacht hatte – beschweren konnte, hatte der Exorzist ihn am Kragen gepackt und aus seiner sitzenden Position zu sich hochgezogen.
„Wo sind sie?", verlangte er barsch zu wissen.
„Was? Wer? Ich verstehe nicht?"
„Strapazieren Sie nicht meine Geduld!", fuhr ihn der Exorzist an. „Ich habe keine mit Leuten, die für den Grafen arbeiten!"
„Welcher Gra–?" Ackerman wurde aus dem Bad befördert und landete unsanft auf dem Boden. Der Stiefel in seinem Rücken hielt ihn davon ab, sich wieder aufzurichten.
Hinter dem Sofa der luxuriösen Kabine kauerte seine Tochter, daneben qualmte ein Haufen Asche. Die Tür nach draußen wurde blockiert von einem Offizier, der ein wenig grün um die Nase war.
„Also nochmal", sagte der Exorzist angespannt und trat noch ein wenig fester auf den am Boden liegenden Mann. „Wo sind sie?"
„Ich weiß es nicht!", heulte Ackerman auf. „Was tun Sie da? Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen!"
„Sie haben Ihre Tochter auf unseren Kollegen angesetzt; Sie haben riskiert, dass ein Akuma sie beinahe ertränkt; Sie haben ihnen geholfen, vom Schiff zu kommen! Erzählen Sie mir nicht, Sie wüssten von nichts!"
„M-Meine Frau-"
„Das Akuma ist tot!"
„Ihre Schwester-"
„Ihre Lebensgeschichte kümmert mich nicht! Sagen Sie mir, was ich wissen will!"
Der Mann am Boden fing an zu schluchzen und zu jammern und brachte kein Wort mehr heraus. Seine Tochter brach in Tränen aus.
„Das führt zu nichts", durchschnitt Kandas Stimme Ackermans dumpfes Wimmern und Camillas Schluchzen. „Schaffen Sie das Mädchen hier raus, Lovely, und schließen Sie die Tür hinter sich."
„Was haben Sie vor?", fragte der Erste Offizier, tat aber, wie ihm geheißen und griff nach Camillas Arm, um sie vom Boden hochzuziehen.
„Ich bringe ihn zum Reden", erwiderte Kanda kalt. Er zog eine Vorhangkordel als ihrer Verankerung und band dem nur halb bekleideten Mann die Hände auf dem Rücken zusammen. Mit seinen Fußgelenken verfuhr er genauso, dann drehte er ihn um. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.
Lovely blieb vor der Tür stehen, Camillas Arm immer noch umfasst, und horchte. Er hörte ein Klirren wie von Glas, das zu Bruch ging, dann Wimmern von Ackerman – der Mann heulte kurz laut auf, wie um um Hilfe zu rufen, dann wurde seine Stimme erstickt, als hätte man ihn geknebelt. Ein paar Sekunden lang war nichts zu hören, dann nahm das durch den Knebel gedämpfte Wimmern und Kreischen eine Intensität an, die Lovely nicht erwartet hatte; seine Hand zuckte zum Türgriff, ehe er sich zurückhalten konnte. Camilla neben ihm drängte in die Kabine zurück und er brauchte beide Hände, um sie zurückzuhalten. Ackerman kreischte und würgte; dazwischen war Kandas Stimme zu hören, der auf ihn einredete, dann wieder Würgen. Endlich schien Ackerman zu sprechen zu beginnen, auch wenn der Erste Offizier kein Wort verstand; außerdem kreischte er dazwischen immer wieder.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür und der Exorzist trat heraus. Er nickte Lovely zu und schob sich an ihm vorbei; die Tür ließ er offen, doch von dort, wo er stand, konnte Eirik nichts sehen. Camilla riss sich los und lief in die Kabine.
„Rufen Sie lieber den Schiffarzt", sagte Kanda noch über die Schulter, „bevor er an seinem eigenen Erbrochenen erstickt."
Lovely eilte hinter ihm her, Camillas bestürzte Schreie in den Ohren. „Was haben Sie mit ihm gemacht?"
„Das wollen Sie nicht wissen. Es hat ihn auf jeden Fall zum Reden gebracht", meinte der Exorzist düster. „Da war zwar auch jede Menge unwichtiges Zeug über seine Frau und die Werften ihres Vaters dabei – immerhin wissen wir jetzt, dass er gegen Geld heimlich Informationen für den Grafen beschafft hat – aber im Kern hat er sich und seine Tochter zusammen mit diesem Akuma auf das Schiff geschleust, um an uns heranzukommen, wie ich vermutet hatte. Seine Tochter war der Lockvogel, der Jeremy dazu bringen sollte, zu einem vereinbarten Zeitpunkt in den Frachtraum hinunterzusteigen, wo die Akuma auf ihn warteten. Die Lancashire war dazu da, uns vom Schiff wegzulocken, die Akuma mit ihrer Geisel wegzubringen und dabei auch noch möglichst lange von dem Akuma unter Wasser abzulenken."
All das hatte der Exorzist sich annähernd genauso schon selbst zusammenreimen können, darum interessierte es ihn auch wenig. Ackerman war in vieles eingeweiht gewesen, damit er die Akuma unterstützen konnte, und nachdem Kanda seine Zunge erst einmal gelockert hatte, hatte er auch viel ausgeplaudert.
„Und wissen Sie nun, wohin die Akuma Ihre Kollegen bringen?"
„Ja, und ich muss mit dem Kapitän sprechen."
„Warum?"
„Wir müssen nach St. John's."
Raffael: Was hat Kanda mit dem armen Mann gemacht?
Jinai: Das darf ich dir hier nicht so genau sagen, sonst müsste ich das Rating raufsetzen. Aber wer weiß, worauf ich anspreche, darf sich gerne mit mir ekeln, und ja - ich bin sicher, dass Kanda dazu fähig wäre.
Raffael: Aber was hat er denn jetzt gemacht?
Jinai: Das sag ich dir, wenn wir alleine sind *patpat**snicker*
Raffael: Jetzt hab ich irgendwie Angst.
