Geschätzte zwei Stunden nachdem Tsukitachi ihn unterbrochen hatte, oder besser gesagt, eine geschätzte Stunde und 57 Minuten, nachdem der Rothaarige eine riesige Beule, mit der man hätte töten können, davon gerannt war, um sich die Beine zu „vertreten" (Akari hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung, was dem Captain des ersten Schiffes zugestoßen sein könnte), traf Hirato ein. Akari hatte Azana aufgetragen, Tsukitachis Beule alles andere als zimperlich zu behandeln, sobald dieser von seinem Spaziergang zurück war.
»Ah, Akari-san. Es wirkt so still.« begrüßte Hirato und lüftete seinen Hut. Man konnte dem Schwarzhaarigen ansehen, dass er den Tag über ziemlich an Schweißausbrüchen gelitten haben musste. Akari gönnte es ihm, auf die ein oder andere Weise.
»Das liegt daran, dass außer Azana, Yogi und mir niemand hier ist. Und Yogi schläft, er hat also wohl keine Zeit, für Unruhe zu sorgen.« Der Arzt verschränkte die Arme in gewohnter Sturheit vor der Brust.
Hirato seufzte. Das fing ja gut an. »Das riecht geradezu nach Ärger.«
»Es riecht nicht nur so, es gab auch Ärger. Yogis Alter Ego hat uns heute beehrt.«
Der Captain des Ersten Schiffes hielt in der Bewegung inne. Sein Arm ließ seinen Hut, den er gerade hatte ablegen wollen, in der Luft herumbaumeln. Auch das noch. »Ich gehe davon aus, dass ich mich nicht verhört habe?! Was ist passiert?«
Gerade als Akari den Mund aufmachte, um zu antworten, ertönte das Sirren der Türen und Tsukitachis Stimme war zu vernehmen. »Bin wieder da, hat mich jemand vermisst?«
Fast automatisch, wanderte Hiratos linke Augenbraue in die Höhe, als er seinen Freund und Kollegen erblickte. »Wie siehst du denn aus? Hat dir jemand eine Bratpfanne über den Schädel gezogen oder warum wächst da ein Berg auf deinem Kopf?«
Mit einer gewissen Genugtuung, erfassten Akaris Augen die riesige Beule auf dem Kopf des Rothaarigen, die sichtbar pochte.
»Keine Bratpfanne. Bin ausgerutscht. Und gestolpert. Äh... ja. Gestolpert.« Tsukitachi setzte sein unerschütterlichstes Lächeln auf.
Der Arzt entspannte sich. Für eine Sekunde hatte er gedacht, Tsukitachi müsste noch mal „stolpern". Das fehlte ihm noch, dass gleich zwei dieser Plagegeister, die es irgendwie in einen wichtigen Führungsposten geschafft hatten, hinter ihm herdackelten und ihn aufzogen.
Kommentarlos schritt er an den beiden vorbei und verließ den Raum.
Mit einem Mal, schien der Himmel die Sonne vollständig verschluckt zu haben. Draußen war es stockduster.
»Akari-san...-«
Bevor Hirato den Anderen doch noch zurück holte, wurde er von Tsukitachi am Handgelenk gepackt. »Lass ihn lieber.«
»Würde ich ja wenn das nicht so wichtig wäre.«
»Lass ihn gehen, wenn dir dein Leben lieb ist, Hirato!« Tsukitachi sah seinen Freund mit einer Mischung aus Belustigung und gespieltem Ernst im Blick an.
»Irgendwie schwant mir, dass du wohl nicht gestolpert bist. Ein Mitglied der SSS zu sein, hat wohl diverse Vorteile. Unter Anderem unantastbar zu sein...« Hirato seufzte erneut.
Sein Gegenüber verschränkte die Arme gelassen hinter seinem Kopf. »Wie auch immer. Was ist so wichtig?«
Hiratos Blick verdunkelte sich. Fast hätte der Andere es mit seiner unerbittlichen Heiterkeit geschafft, ihn abzulenken. Aber nur fast. »Tsukumo ist weg. Gareki und Nai sind auch auf dem Weg verschwunden.«
Tsukitachi stutzte. »Du hast alle Drei verloren? Wie hast du denn das angestellt?«
»Hah?! Tsukumo-senpai und die zwei Frischlinge sind verloren gegangen... War ja vom zweiten Schiff zu erwarten.«
Hirato sowie Tsukitachi fuhren herum und erblickten eine unbeeindruckte Kiichi, sowie Jiki, der versuchte sie dazu zu bewegen, einen weniger herzlosen Tonfall anzuschlagen.
»Na na, Kiichi-chan! Sei nicht respektlos gegenüber Hirato-san...«
Keiner der beiden hatte gehört wie sich die Türen öffneten. Das musste man ihnen lassen. An ihnen war die Circus-Ausbildung wirklich nicht verschwendet.
Tsukitachi klatschte zweimal kurz in die Hände, als würde das, eher die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich ziehen. »Wow, schon so spät! Zeit fürs Bettchen, Kinder. Ab mit uns, morgen ist auch noch ein Tag!«, der Rothaarige wandte sich mit schelmischem Blick kurz zu Hirato um und klopfte ihm auf die Schulter. »Wir besprechen das morgen früh, wenn die Sonne scheint und wir wieder leicht im Vorteil sind. Tsukumo kommt klar.«
Anschließend wandte sich der Captain des Ersten Schiffes um und machte Anstalten, seine Untergebenen förmlich hinaus zu schieben. Vermutlich hätte er beide mit zu sich ins Schlafzimmer gezerrt, um dieser peinlichen Situation zu entfliehen. Außerdem wirkte das bestimmt authentischer für Akari-chan. Immerhin hatten sie offiziell ja zu wenig Betten... Das scheint mir eine ausgezeichnete Idee! Ich quetsch mich mit den Beiden in ein Bett!
Hirato zwang seine linke Braue dazu, sich endlich zu senken. Er hatte keinen Grund mehr skeptisch zu sein – er wunderte sich auch gar nicht mehr. Tsukitachi schien in manchen Situationen die Fähigkeit zu besitzen, Gedanken zu lesen. Ganz besonders seine. Vermutlich kannten sie sich aber einfach nur zu lange.
Gerade als Kiichi sich lautstark über das ganze „Hinausgeschiebe" beschwerte und dazu überging Tsukitachi als elenden alten Sack zu beschimpfen (was diesen kaum zu stören schien), tauchte Azana vor dem Dreiergespann auf und hielt mit einem entschuldigen Lächeln einen alten Verbandskasten hoch. »Sensei hat mir aufgetragen mich um ihr Horn zu kümmern.«
Tsukitachi lehnte dankend ab, legte sowohl Jiki, als auch Kiichi sanft aber bestimmt jeweils einen Arm um die Hüften und schleifte beide unter lautstarkem Protest – zum größten Teil von Kiichis Seite aus – in sein abgedunkeltes Schlafzimmer.
Als Akari Yogis und sein Zimmer betrat, dass in sanftes Mondlicht gehüllt war, schnarchte der Blonde immer noch leise und friedlich vor sich hin. Der Arzt konnte selbst von seiner Position im Türrahmen aus, feststellen, dass Yogi faulerweise nur eine Decke um sich herum gewickelt hatte, anstatt einen Schlafanzug anzuziehen. Der Ältere widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen, ließ die Sache vorläufig unkommentiert und begab sich ins Badezimmer.
Wenn er ehrlich war, besaß er selbst kaum Schlafanzüge. Er war daran gewöhnt, über seiner Arbeit einzuschlafen, oder auf seiner Couch im Labor... Er lockerte höchstens mal die Krawatte und wechselte am nächsten Morgen – nach einer Dusche verstand sich – die Klamotten. Aber Akari würde sich ganz bestimmt nicht die Blöße geben nackt zu Yogi ins Bett zu steigen. Nicht wie Yogi selbst.
Also beschloss er, die Krawatte runter zu nehmen, das Hemd ein wenig aufzuknöpfen und solange neben dem Blonden zu sitzen, bis ihn der Schlaf allmählich übermannte. Diese Methodik klappte mehr oder weniger immer. Bisher hatte er nur immer irgendetwas wichtiges zu tun gehabt. Aber hier...
Akari stampfte wenig später aus dem Bad, und versuchte, sich auf der anderen Seite, die nicht von einem schlafenden Yogi beschlagnahmt wurde, niederzulassen. Das Problem war nur, es gab keine Seite die nicht von ihm beschlagnahmt wurde. Ein nackter, blonder, junger Mann lag, seine Decke spärlich umklammernd, soweit ausgebreitet auf einem Doppelbett, dass es es ihm unmöglich machte, sich hinzusetzen. Yogi war in dieser Hinsicht das Unmögliche zuzutrauen. Nun ja, Akari wusste, was er zu tun hatte.
Der Arzt stand wortlos auf, packte den Blonden, und versetzte ihm einen kräftigen Stoß.
Yogi segelte unelegant und mit einem überraschten Aufschrei, wie für ihn typisch war, vom Bett hinunter und schloss, mit dem Gesicht voraus, Bekanntschaft mit dem Fußboden.
»Akari-sensei! Warum hast du das getan?« winselte der Blonde während er sich auf die Ellenbogen kämpfte und verschlafen den Kopf schüttelte. Die Blonden Locken tanzten für einen Moment, und schimmerten leicht im Mondlicht.
»Zieh dir endlich was an, verdammt! Wenn wir schon ein Bett teilen müssen, will ich mir wenigstens ein bisschen weniger pervers vorkommen!« polterte der Mann mit dem Pfirsich-Haar.
Yogi verkniff sich den Kommentar der ihm auf der Zunge gelegen hatte schüchtern, wohlwissend, was das für Folgen haben würde. Du musst gerade reden...!
»Oh, Akari-chan, ich hatte doch gesagt die Wände sind dünn!« kam es gedämpft von der anderen Seite der Wand, am Kopfende des Bettes.
Akari hämmerte wütendend einmal laut gegen die Wand und biss sich auf die Zunge, um Tsukitachi nicht doch noch eine zweite Beule zu... dazu beizutragen, dass der Tollpatsch noch einmal hinfiel!
»Heyhey, wenns da drüben jetzt richtig los geht, lasst mich wenigstens zusehen! Die zwei hier sind total langweilig...«
Yogi verzog sich inzwischen, peinlich berührt und mit hochrotem Kopf ins Badezimmer. Wenn er ehrlich war, wollte er das alles lieber nicht hören.
»DU PERVERSER ALTER SACK! Ich für meinen Teil habe nicht darum gebeten, mit dir und Jiki zu schlafen!« Kiichi.
»Oh Gott, Kiichi-chan! Sag doch bitte „in einem Bett zu schlafen", okey?« Jiki. Selbst aus dieser nur gedämpften Stimmlage, konnte man das leichte Unbehagen heraushören.
Ein unheilvolles Tsukitachi-Kichern ertönte hinter der Wand. »Also wirklich, so schlimm ist es doch nicht, was habt ihr denn? Es ist kuschelig warm und wenigstens liegt ihr nicht mit zwei völlig Fremden im Bett.«
»Wir könnten auch jeder ein eigenes Bett haben, wenn du nicht so darauf erpicht wärst, zwei ganz bestimmte Menschen auf Biegen und Brechen zum Vögeln zu zwingen!« fluchte die Blauhaarige. Akari schluckte den aufwallenden Zorn, der sich an Tsukitachi richtete mit Mühe hinunter.
»Du bist ein schlechter Kuppler.« stimmte Jiki trocken zu.
»Wie könnt ihr nur so kalt und herzlos sein?!« fragte Tsukitachi gespielt weinerlich. Akari war sich fast sicher, dass der Rothaarige sich gerade melodramatisch ans Herz fasste. Passte zu diesem Idioten.
Dann ein erneutes Kichern, gefolgt von einem dumpfen, undefinierten Laut und zwei Minuten andauernder Totenstille.
Bis Kiichi erbost aufkreischte. »Tsuki-chan!« Anschließend ein sattes Klatschgeräusch, dass selbst durch die Zimmerwand, die Akari von den Dreien trennte, gut zu vernehmen war.
Der Arzt schüttelte sich innerlich. Er wollte lieber nicht wissen was dort vor sich ging. Nein, ganz sicher nicht.
Die Badezimmertür öffnete sich kurz und schneller als Akari gucken konnte, war Yogi unter der Bettdecke verschwunden. Der Blonde zog sich Decke und Kissen über den Kopf und wirkte im Allgemeinen, als würde er sich wünschen, vom Erdboden verschluckt zu werden. Akari blinzelte nur zugegeben überrascht, den menschenförmigen Hügel, unter der Decke an.
Im Nachbarzimmer öffnete sich eine Tür und Hirato seufzte laut auf. »Habt ihr es bald mal? Das ganze Schiff kann euch hören, ihr seid schlimmer als 15 Yogis und ich schwöre, dass ist das letzte Mal dass ich mit euch...-«, kurzes Schweigen ertönte. »Himmel, ihr liegt da ja wirklich zu dritt in einem Bett.«
Vor Akaris innerem Auge breitete Tsukitachi mit einem mörderischen Grinsen die Arme aus. »Wenn du einsam bist, so ganz alleine da drüben, mit niemandem zum Kuscheln, ohne Tsukumo, kannst du gern zu uns ins Bettchen krabbeln! Eine Person passt hier bestimmt noch...-«
»Nein!« kam es ausdrücklich und synchron von Jiki und Kiichi.
Hirato schwieg für einen Moment. Der Arzt konnte nicht sagen, ob der Schwarzhaarige tatsächlich abwägte, in dieses Bett zu den übrigen Verrückten zu steigen, oder ob er sich einfach nur von dieser Dreistigkeit erschlagen fühlte. Bei Hirato konnte man nie genau wissen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte man Schritte vernehmen, die irgendwie nach Fassungslosigkeit klangen. Dann eine Tür die wortlos aber sehr bestimmt zugeknallt wurde.
»Bist du ganz sicher, Hirato?!« hörte man Tsukitachis Rufen.
Ein weiteres, lautes Klatschen ertönte.
»Hey Kii-chan! Wofür war das diesmal?«
»Das war nicht Kiichi.«
Akari atmete tief durch und zählte im Geiste langsam bis Zehn. Er wägte ab, ob er es Yogi einfach gleichtun sollte, und sich mit einem Haufen von Kissen die Ohren zuhielt. Entgegen seiner Erwartung, war es absolut nicht das Schlimmste in dieser Nacht, mit dem Blonden Plagegeist ein Bett teilen zu müssen. Aber wenn er dazu in der Lage wäre, würde er gern ins Nachbarzimmer marschieren und sämtliche Bettpartner im Schlaf mit ihren Kissen ersticken. Wenn diese Drei überhaupt vorhatten zu schlafen...
Akari seufzte völlig entkräftet. Sah so aus, als würden sie nicht dazu kommen zu schlafen.
»Wenn du so freundlich wärst, mir zumindest ein Viertel der Decke zu überlassen, Yogi!«
Das Häufchen unter der Decke zuckte beim Klang von Akaris Stimme zusammen und gab schnell die Hälfte der Decke, und somit den Blick auf sich selbst frei.
