9. Verletzungen

Der Krankenflügel von Hogwarts war seit nunmehr sieben Jahren das Reich von Poppy Pomfrey. Nur zu gerne hatte sie das Angebot des Direktors nach ihrer Ausbildung zu bleiben angenommen. Sie hing an dieser Schule und den Schülern, ganz davon abgesehen konnte man sich kaum eine bessere Stelle wünschen als die der Heilerin in Hogwarts. Über mangelnde Arbeit konnte sie sich hier natürlich nicht beklagen. Täglich kamen Schüler mit kleineren oder schwereren Unfallverletzungen zu ihr, die vom Besen gefallen oder mal wieder irgendwelchen Unsinn getrieben hatten. Meist waren die Verletzungen nicht halb so abenteuerlich wie die Geschichte ihrer Entstehung. Es war schon erstaunlich, auf welche Ideen so manche kamen.

Neben den typischen Quidditch-Verletzungen – nein, sie konnte diesem Sport nichts abgewinnen – hatte sie es hauptsächlich mit fehlgeschlagenen Verwünschen zu tun. Wenngleich in Hogwarts das Verhexen von Mitschülern natürlich verboten war und eine Zuwiderhandlung streng bestraft wurde, hielt sich natürlich nicht immer jeder daran.

Neugierig sah sie nun den kleinen, schmächtigen Jungen, an, der still durch die Tür geschlichen kam. Das Emblem auf seinem Schulumhang zeichnete ihn als Slytherin aus. Ah ja, Severus Snape. Auch Poppy behielt die Namen der allermeisten Schüler recht gut. Ähnlich wie Dumbledore mochte sie es nicht sonderlich einen verletzten oder kranken Schüler erst einmal nach seinem Namen fragen zu müssen. Wenn sie die Kinder mit ihrem Namen und damit persönlich direkt ansprechen konnte, war schon mal ein erster Schritt getan, ihr Vertrauen zu gewinnen.

"Mr. Snape, wie kann ich Ihnen helfen?" Abschätzend ließ sie ihren Blick über den schwarzhaarigen Jungen streifen, auf den ersten Blick konnte sie keine Verletzungen ausmachen, das Gesicht des Kindes war unbewegt.

"Ich, habe mich mit heißem Tee verbrannt Madame Pomfrey."

Nun sah die Medi-Hexe auch, daß die schwarze Robe auf Brusthöhe klatschnaß war.

"Ziehen Sie das aus und setzen Sie sich erst einmal." Severus kam dieser Aufforderung stumm nach und ließ auch zu, daß die Heilerin ihm aus der Kleidung half.

"So, legen Sie sich hin, ich komme gleich wieder." Verbrennungen kamen eigentlich nur im Zaubertränke-Unterricht vor, hantierte Slughorn neuerdings mit Tee? Nein, diese Vermutung konnte sie getrost beiseite wischen. Hastig nahm sie eine Dose mit Brandsalbe aus dem Heilmittelschrank und ging zurück zu dem Bett, in welchem der Junge ruhig atmend lag.

Seine Brust war an vielen Stellen stark gerötet, teilweise bedeckten bereits Blasen die Haut. Poppy rieb die betroffenen Stellen sanft ein, schweigend. Sie fragte selten, wartete, bis die Schüler von sich aus erzählten. Allerdings mußte sie auch zugeben, daß sie merklich beunruhigt war. Neben der geröteten, verbrannten Haut konnte sie auch noch deutliche Spuren von Quetschungen, Prellungen sowie zahlreiche blauen Flecken sehen. Inzwischen alles weitestgehend verheilt, die blauen Flecken derart blaß, daß sie kaum noch zu sehen war. Doch Poppy Pomfrey war eine mehr als erfahrene Heilerin, sie erkannte Mißhandlungen wenn sie welche vor sich hatte.

Kaum merklich hatte sich ihr Gesicht verdüstert, ihre Lippen waren zu einem schmalen, mißbilligenden Strich geworden. Mit einer stumme Frage im Blick sah sie Severus an, sah kurz die Traurigkeit in seinen Augen, den Schmerz der ihm sicher nicht nur wegen der noch nicht verheilten Brandwunden in der Seele brannte. Einen Moment hatte sie das Gefühl, als wolle er etwas sagen, doch dann drehte er abrupt den Kopf zur Seite, ohne ein Wort der Erklärung. Seufzend verschloß sie die Dose wieder und stellte sie auf dem Nachttisch neben dem Krankenbett ab.

"Gut, anziehen sollten Sie sich noch nicht, wenn die Wunden offen liegen, heilen sie schneller. Ich werde die Salbe heute Abend noch einmal auftragen, morgen früh können Sie dann vermutlich wieder zurück in Ihr Haus."

"Danke."

Poppy lächelte sanft und tätschelte dem Jungen beruhigend die Hand.

"Kein Problem mein Junge. Das habe ich gerne getan. Aber in Zukunft, passen Sie besser auf, ja?" Severus lächelte sarkastisch, oh ja, er würde aufpassen.

Gegen Abend war Severus friedlich eingeschlafen. Nun ja, mehr oder weniger friedlich. Poppy hatte schon viele Kinder im Krankenflügel gehabt, unzählige um genau zu sein. Doch selten hatte sie einen Schüler erlebt, der selbst im Schlaf noch dermaßen in Bereitschaft zu sein schien. Sein Atem beschleunigte sich immer wieder, unter den geschlossenen Augenlidern konnte sie deutlich sehen, wie die Pupillen flackerten. Fürsorglich nahm sie eine seiner kalten Hände in die ihre. Eigentlich war es im Krankenflügel warm, doch diese Hände waren kalt.

"Keine Sorge mein Junge, hier bist Du sicher, bei Poppy wird Dir niemand etwas tun." Energisch stand die junge Medi-Hexe auf, sie mußte mit Dumbledore sprechen. Jetzt.

Der Wasserspeier setzte sich augenblicklich in Bewegung und gab die Treppe zum Büro des Direktors frei, kaum daß Madame Pomfrey ihm das Paßwort – Mozartkugeln – genannt hatte. Energisch wie immer ging sie die wenigen Stufen nach oben und sah, daß der Direktor den Besuch bereits hinter seinem Schreibtisch erwartete.

"Professor Dumbledore, kann ich Sie kurz sprechen?"

Der alte Zauberer lugte über seine Halbmondbrille und lächelte freundlich.

"Natürlich Poppy, Sie doch immer. Setzen Sie sich doch bitte, ist etwas passiert?"

"Nun, nicht direkt. Der junge Mr. Snape ist bei mir im Krankenflügel."

"Das ist mir bekannt, ich bin ihm heute Mittag begegnet, er schien mir nicht weiter schwer verletzt..." "Eine Verbrühung – aber fragen Sie mich nicht, wie er an die gekommen ist. Das macht mir auch keine Sorgen, das ist morgen verheilt."

Albus konnte deutlich sehen, daß die Medi-Hexe noch mehr bedrückte, sie innerlich einen regelrechten Kampf ausfocht.

"Sondern Poppy?"

"Ach, es ist, Professor, ich weiß nicht so recht wie ich es sagen soll. Aber gut, ich bin mir ziemlich sicher, daß der Junge mißhandelt wurde." So, jetzt war es raus. Sie hatte lange mit sich gerungen diesen Verdacht auszusprechen, zumal sie keine handfesten Beweise hatte und Kindesmißhandlung war keine Bagatelle.

"Wie bitte?"

"Hm, ich habe ja seine Brandverletzungen an der Brust geheilt und Albus, das Kind sieht schrecklich aus. Ich möchte nicht wissen, was er in den letzten Monaten alles hat einstecken müssen."

Dumbledore wirkte beunruhigt, was man selten bei ihm erlebte und kaum jemandem aufgefallen wäre. Aber Poppy war nun einmal nicht irgend jemand.

"Also schließen Sie aus, daß er sich diese Verletzungen in Hogwarts zugezogen hat?"

Die Medi-Hexe hob überrascht die Augenbrauen, was dem Direktor ein Schmunzeln entlockte. "Entschuldigen Sie, natürlich, natürlich. Haben Sie ihn darauf angesprochen?"

Poppy schüttelte rasch den Kopf.

"Nein, das habe ich nicht. Ach Albus, ich habe noch nie ein Kind gesehen, das so verschlossen, so in sich gekehrt war. Er hat seit heute Mittag keine drei Worte mit mir gesprochen."

"Ja, ich habe schon gehört, daß er nicht sehr bereden ist..."

Die Hexe spielte mit ihren Fingern, wußte nicht so recht, was sie weiter sagen sollte. Sie hatte noch nie einen solchen Fall erlebt und wußte nicht genau, wie es weitergehen sollte oder mußte.

"Nun, ich könnte natürlich die Eltern kontaktieren, allerdings ist es immer etwas heikel ohne zwingenden Verdacht eine solche Anschuldigung vorzubringen."

Während der Zauberer mehr zu sich selbst in seinem weißen Bart murmelte, war Poppy aufgesprungen. "Ohne zwingenden Verdacht? Gehen Sie auf die Krankenstation und sehen Sie sich das Kind an!"

Der Direktor nickte nachdenklich, natürlich hatte er keinerlei Zweifel an Poppys Beobachtungen und er konnte sich vorstellen, daß die Verletzungen des Jungen erheblich gewesen sein mußten, wenn man die Spuren jetzt noch sehen konnte.

"Ich werde morgen mit Severus sprechen, sollte er die Anschuldigungen nicht bestätigen – und davon gehe ich aus – müssen wir abwarten Poppy. Mehr bleibt uns dann leider nicht zu tun."

Die junge Frau nickte nachdenklich. Eigentlich hatte sie vorgehabt etwas einzuwenden, doch irgend etwas in dem Gesicht des Direktors hielt sie davon ab. Vermutlich hatte er ohnehin recht. Es hatte keinen Sinn überstürzt zu handeln und hier – in Hogwarts – konnte dem Jungen ja vorerst nichts geschehen.

"Na schön, ich werde dann wieder zurückgehen und nach ihm sehen."

"Gute Nacht Poppy, gute Nacht."

Nachdem Madame Pomfrey sein Büro verlassen hatte, wanderte Dumbledores Blick zum Fenster hinaus. Alles in ihm schrie danach, dieses Kind zu beschützen, doch er durfte nichts übereilen. Bislang gab es keinerlei Beweise, nicht einmal stichhaltige Hinweise, daß die Eltern des Jungen ihm diese Verletzungen beigefügt hatten. Es konnte genau so gut eine Prügelei unter Jungs gewesen sein, ein Unfall, wer konnte das schon sagen? Nachdenklich strich er sich durch seinen weißen, langen Bart und wußte im selben Moment, daß weder ein Unfall, noch eine Prügelei für diese Verletzungen verantwortlich waren.

Der nächste Morgen brachte Hogwarts endlich wieder etwas Sonne und trockenes Wetter. In den letzten Tagen hatte es beinah unaufhörlich geregnet, was zur Folge hatte, daß der Boden komplett aufgeweicht war und fast nur noch aus Schlamm bestand. Nun, es war immerhin schon Mitte Oktober, die Blätter wechselten von einem satten grün in gelb-, rot- und brauntöne. In wenigen Wochen würde es sicher den ersten Schnee geben. Eine faszinierende, magische Zeit in Hogwarts. Dumbledore liebte es, wenn der Schnee auf dem Gelände friedlich glitzerte, die erste Schlittenfahrt mit den Kindern unternommen werden konnte und die Vorfreude auf Weihnachten fast greifbar in der Luft lag.

Ja, es war eine schöne Zeit, die ihm selbst auch sehr wichtig war. Sicher, er lebte in der Welt von Hexen und Zauberern, doch seines Erachtens hatte auch der christliche Glauben sehr viel mit dem ihren gemeinsam. Es hatte Zeiten gegeben, da lebten die Diener Gottes und Odins einträchtig neben einander, die einen respektierten den Glauben und die Eigenheiten des anderen, lernten von einander. Es war eine friedliche, reiche Zeit gewesen, aber sie war vergangen. Nun konnten sie nur noch im Geheimen leben, mußten ihr wahres Ich vor den Muggeln geheim halten. Nun, vielleicht war es besser so, vor allem unter dem Gesichtspunkt des neuen Schattens der sich über ihre Welt legte.

Dumbledore seufzte erneut, warum nur hingen seine Gedanken in den letzten Wochen und Monaten so oft an Riddle? Ja, er spürte die Bedrohung, sah, wie seine Macht zunahm, aber leider, leider war er da ziemlich allein auf weiter Flur. Das Ministerium tat die Gefahr mit einem Schulterzucken ab und erklärte es zur "vorübergehenden Mode". Doch er wußte es besser. Zauberer wie Casimir Malfoy hatten sich Riddle angeschlossen, die Crabbe und Goyles, davon ging er aus. McNeir hatte er ebenfalls gehört, die Blacks, alles mächtige, einflußreiche Familien. Nein, solche Menschen schlossen sich nur einem Menschen an, der den bedingungslosen Willen hatte die Macht zu übernehmen und sich so leicht von nichts und niemanden aufhalten ließ.

Dumbledore hatte gehört, daß hier und da ein Imperio-Fluch oder gar der Cruciatus eingesetzt worden war von eben diesen Anhängern, die sich nun Todesser nannten. Er schauderte. Wenn Voldemort bereits dazu übergegangen war die unverzeihlichen Flüche derart offen einzusetzen, dann waren sie sehr, sehr kurz davon in eine Dunkelheit zu stürzen und das Ministerium – sah einfach weg. Albus kannte Riddles Grausamkeit, wußte, wie sehr es dieser Mann liebte andere Menschen zu quälen, ihren Willen zu brechen um sie zu beherrschen. Oh ja, er kannte ihn und er wußte, er würde nicht eher ruhen, ehe er sein Ziel nicht erreicht hatte.

Dumbledore war so im Gedanken vertieft gewesen, daß er gar nicht richtig mitbekommen hatte, daß seine Beine ganz alleine den Weg zum Krankenflügel gefunden hatten. Für einen Moment stutzte er, atmete noch einmal tief durch – um die düsteren Gedanken zu vertreiben – und öffnete dann rasch die Tür zu Poppys Reich. Severus Snape saß – bereits fertig um den Krankenflügel zu verlassen – auf seinem Bett und ließ locker die Beine baumeln. Er hatte den Blick gesenkt, wodurch ihm einige Strähnen des schwarzen Haares in das Gesicht fielen und ihn seltsam verletzlich aussehen ließen. Erst als Dumbledore ihn ansprach, ob er langsam den Kopf und sah den alten Zauberer mißtrauisch an.

Was wollte der Direktor nur von ihm? Das fragte er sich, seit Madame Pomfrey ihm gesagt hatte, er könne erst gehen, nachdem Dumbledore mit ihm gesprochen hatte. Hastig hatte er überlegt, ob er sich irgendwie falsch verhalten hatte, gestern auf dem Flur. Doch er konnte sich nicht entsinnen irgendeinen Fehler begangen zu haben. Nun, irgend etwas mußte er wohl mal wieder falsch gemacht haben, sonst wäre der Direktor nicht hierher gekommen.

"Severus?"

Widerwillig hob der Junge den Kopf und sah in die strahlend blauen Augen von Albus Dumbledore, die seltsam zu glitzern schienen.

"Darf ich mich neben Dich setzen?"

Severus zuckte kurz, er mochte es nicht, wenn ihm ein anderer Mensch zu nahe kam, doch er konnte die Frage des Direktors von Hogwarts wohl kaum als solche betrachten.

"Nun, du hattest einen Unfall, habe ich gehört?"

"Ja"

"Willst Du mir erzählen, was geschehen ist?"

"Tee, ist mir umgekippt."

Dumbledore nickte nur, wenngleich er wußte, daß es nicht so gewesen sein konnte. Severus hätte die Tasse schon sehr hoch halten müssen damit ihm der Tee auf die Brust laufen konnte. Doch er sagte nichts weiter dazu, es war offensichtlich, daß der Slytherin nicht vor hatte es näher zu erläutern.

"Hast Du öfters Unfälle Severus?"

Der Junge dachte kurz nach, worauf wollte der Direktor hinaus? Was sollte er sagen, was war die richtige Anwort? Leichte Panik kam in ihm auf, als ihm bewußt wurde, daß er darauf keine Antwort hatte. Der alte Mann schien dies zu bemerken, fürsorglich hob er seine Hand, wohl um sie ihm auf die Schulter zu legen. Doch aus seinem jahrelang darauf geschulten Instinkt, daß jede Art von Berührung, von Nähe schlecht war und nichts als Schmerzen für ihn zur Folge hatte, sprang Severus vom Bett und blieb einige Meter vor diesem schwer atmend und leicht zitternd stehen.

Dumbledore indes hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand eine kräftige Ohrfeige verpaßt. Langsam, jede schnelle Bewegung vermeidend, stand er auf und ging einen Schritt auf den jungen Slytherin zu, der ihn immer noch entsetzt, verwirrt, ängstlich ansah, sein Körper seltsam verkrampft. So weit Dumbledore geringe Zweifel an Poppys Verdacht gehegt hatte, diese waren nun vollends ausgeräumt. Was war diesem Jungen passiert, daß er dermaßen ängstlich auch auf das kleinste bißchen menschlicher Nähe reagierte?

Severus Herz pochte ihm bis zum Hals, das war dumm, er hätte nicht so reagieren dürfen, wie sollte er das dem alten Mann erklären? Verwirrt sah er in das ebenso erstaunte Gesicht des Direktors, offensichtlich wußte auch dieser nicht, wie er die Situation einschätzen sollte?

"Es tut mir leid Severus, es tut mir leid."

Der Junge war verwirrt, was tat dem Direktor leid? Er hatte ihm doch nichts getan, noch nie hatte ihm jemand gesagt, daß es ihm leid tat, oder sich sogar bei ihm entschuldigt. Das war eine ganz neue Situation für ihn, mit der er nicht so recht umgehen konnte. Sorgte sich der Direktor womöglich um ihn? Ja, fast glaubte er in den glasblauen Augen Dumbledores eben die selbe Sorge erkennen zu können, wie zuvor in denen von Madame Pomfrey.

Verlegen sah er auf seine Füße und wußte nicht so recht, was er tun sollte. Gehen? Nein, es würde Dumbledore vor den Kopf stoßen, außerdem ließ man den Direktor von Hogwarts nicht einfach so stehen, das war undenkbar. Verzweiflung begann sich in ihm breit zu machen. Er wußte einfach nicht, was er tun sollte.

"Severus, magst Du Dich noch einen Moment zu mir setzen?"

Snape überlegte einen Moment, nein, sämtliche Alarmglocken - tief in seinem Inneren verborgen - schrillten bei dem Gedanken daran Dumbledore noch einmal so nahe zu kommen. Doch da war auch noch dieses andere Gefühl, etwas, irgendwo in ihm, das sich immer wieder regte, wenn er Dumbledore sah. Aus einem ihm nicht ersichtlichen Grund wollte er sich neben den Direktor setzen, wollte sich mit ihm unterhalten, wollte einfach nur bei ihm sein. Schließlich gewann dieses Gefühl Oberhand, verdrängte die warnenden Stimmen in ihm, die ihm immer wieder zuflüsterten, daß er doch wieder nur verletzt und gedemütigt werden würde. Nein, nicht bei Albus Dumbledore, er war nicht so. So nickte er leicht, froh, daß diese unangenehme Stille, die erfüllt war von seinen eigenen Gedanken, über die er langsam die Beherrschung zu verlieren drohte, durchbrochen war.

Albus Dumbledore sah zu, wie der Junge sich schleichend zurück auf das Bett setzte, den Kopf immer noch gesenkt. Das war nicht der übliche Respekt, den seine Schüler ihm entgegen brachten, es war mehr, es war Angst. Diese Erkenntnis traf Dumbledore tief, tiefer, als er es für möglich gehalten hätte. So beschloß er selbst stehen zu bleiben, er wollte Severus nicht mehr Nähe zumuten, als unbedingt nötig. Offensichtlich hatte der Junge ein Problem damit und er mußte langsam, ganz langsam daran arbeiten, daß er andere Menschen an sich heran kommen ließ.

"Severus, schau mich bitte an."

Der Schüler kam der Aufforderung schweigend nach und hob seinen Kopf ein wenig, woraufhin ihm augenblicklich wieder einige Haarsträhnen ins Gesicht fielen.

"Schön, ich werde Dir jetzt etwas sagen und das meine ich sehr ernst. Es gilt heute und auch für die Zukunft, also merke es Dir gut. Kein Mensch, ganz gleich welcher, hat das Recht einen anderen zu schlagen oder zu verletzen. Genauso wie es kein Mensch verdient hat von anderen gequält oder erniedrigt zu werden. Niemand Severus, ganz gleich in welcher Konstellation. Nur weil man einem anderen überlegen ist – aus welchen Gründen auch immer – gibt es nichts, rein gar nichts, das so etwas rechtfertigen würde."

Dumbledore sah den Jungen fragend an, der ihn noch immer resigniert ansah. Müde atmete er einige male tief durch und kam zu dem Schluß, daß seine Worte wohl nicht richtig zu Severus durchgedrungen waren. Nun, vielleicht mit der Zeit, vielleicht wenn er etwas Abstand gewonnen hatte.

"Severus?"

Der Junge sah den Direktor verwirrt an. Hatte er ihn damit gemeint? War das tatsächlich sein Ernst gewesen? Nein, nein, er hatte gelernt, daß ihm andere weh tun und demütigen konnten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Das war schon immer so gewesen und so würde es wohl auch immer bleiben. So schwieg er einfach, was hätte er auch sagen sollen? Dumbledore vor ihm seufzte schwer und schloß für einen Moment die Augen. Severus konnte aus dem Augenwinkel heraus sehr deutlich die tiefen Furchen in der Stirn des Zauberers sehen.

Für einen Moment überkam ihn dabei das unbändige Verlangen es ihm zu erzählen, Dumbledore einfach alles zu erzählen. Doch dann, nein, er wollte sich zumindest der Vorstellung hingeben, daß Dumbledore ihm geholfen hätte, wenn er es gewußt hätte. Diesen Gedanken konnte er sich bewahren. "Na schön mein Junge, wenn Du möchtest kannst Du jetzt gehen. Soweit ich weiß, hast Du Unterricht, Zaubertränke wenn ich mich nicht täusche?"

Es überraschte den alten Zauberer nicht schlecht, als dieser einfache Satz es fertig brachte, die Augen des Jungen zum leuchten zu bringen, der augenblicklich aufsprang und aus dem Krankenflügel eilte. Ja, in der Tat, Severus schien einen Narren an Zaubertränken gefressen zu haben.

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Tut mir leid, daß dieses neue Kapitel so lange hat auf sich warten lassen. Ich hatte echt einen totalen Hänger und habe diese Story schon fast aufgegeben rotwerd

Ich hoffe dennoch, daß einige ihr treu geblieben sind, und daß euch dieses Kap gefallen hat.