VIV. Das Superbuch
Während Sam versuchte Margareth zu erreichen machte ich mich mit dem Modellschiff auf den Weg in dein am weitesten links gelegenen der Forschungshangar. Es war der, welcher die Werkstadt enthielt. Nun ja wirklich Werkstadt konnte man das nicht nennen, von einer Esse bis zu feinsten Uhrmacherwerkzeugen gab es hier alles. Es herrschte natürlich Unordnung, Holzreste, angesägte Carbonplatten und jede Menge Metallteile flogen auf den 14 Arbeitsplätzen herum. Lynn steckte zusammen mit den Technikern, Henry, Joss und nicht zuletzt Hosea und Erol in einer Hitzigen Debatte. Ein kleiner Beamer warf einen kompliziert aussehende Boxermotor an die Wand.
"Und ich sage es ist eine beschissene Idee C4 Boxen in dem Motor einzubauen, egal ob du die jetzt in Wasserdichte Kevlarschachteln steckst oder nicht Lynn. Wozu soll das gut sein!" ereiferte sich Hosea. ein drahtiger Kerl Mitte 40 mit langen blonden Haaren, die von den ersten grauen Strähnen durchzogen wurden und dessen Gesten immer ein wenig belustigend wirkten. Mit seinen dünnen Armen, der wettergegerbten Haut und den ausladenden Gesten erinnerte er mich irgendwie an einen Hippie. Nun wenn er sich dem Hanf ergab dann tat er das jedenfalls so heimlich das niemand etwas davon bemerkte. Zigaretten qualmte er jedenfalls wie ein Schlot, sogar bei der Arbeit mit Schweröl und anderen leicht brennbaren Substanzen. Ich hätte ihn schon längst gefeuert, wenn nicht alle Möbel hier drinnen aus Stahl oder schwer entflammbarem Kunststoff gewesen wären und nicht eine von der Runden Decke herabhängende Sprinkleranlage mit jeder Menge Hitzesensoren angebracht gewesen wäre. "Mach es einfach Hosea, es ist sozusagen meine letzte Verteidigungslinie!" sagte Lynn ernst.
Joss, Hoseas Zwillingsbruder, der sich nur dadurch von diesem unterschied das er einen langen Vollbart zu seiner Mähne trug steckte sich gerade eine Neue Zigarette in den Mund. Er zündete sie mit einem silbernen Zippo an und wandte sich dann an die anderen. "Jungs, wie wäre es wenn wir el Cheffe darüber entscheiden lassen? Der Mann bezahlt des C4, also kann er auch sagen wo und wie wir es einbauen." übertönte er die beiden und hob beschwichtigend die Hände. Ich kraulte meinen kurzen Goatee und dachte darüber nach. "Jack - ich hab dir noch nie eine Bitte abgeschlagen wenn du was eingebaut haben wolltest, ich hab nie gefragt warum dein Wagen so aussehen soll, oder die und die Felgen haben musste. Ich will diesen Umbau - du kannst doch nicht einfach nein sagen." bemerkte Lynn. "Hm du darfst machen, wenn du mir sagst was diese C4 Sprengsätze sollen alter Mann." ich fragte mich wirklich was er mit diesen schrecklichen Sprengstoffkapseln mitten im Motorraum machen wollte? Wenn Lynn sich umbringen wollte gab es sicher spektakulärere Methoden, außerdem lebte er dafür viel zu gerne. "Ich habe diese Sachen wirklich gut gesichert, bzw. sie werden extrem gut gesichert sein. C4 fliegt nicht von selbst in die Luft, das ist Armeesprengstoff. Ich will lediglich dafür sorgen, dass ich mein Auto per Knopfdruck in die Luft jagen kann. Wenn die Sprengladungen explodieren, dann werden sie den kompletten Motorblock zerfetzen und tödliche Schrapnelle aussenden!" dozierte Lynn. "Ich hab das von Jakis durchrechnen lassen, will heißen von seinem Computer." führte er aus und beantwortete so die nächste Frage. Eine fahrbare Bombe, keine Schlechte Idee. Das konnte eine perfekte Ablenkung darstellen und vor allem gegen fanatische Totemanhänger war es eine perfekte Waffe.
Denn auch wenn sie teils über unmenschliche Fähigkeiten verfügten waren sie immer noch Menschen wie ich und Lynn und konnten somit auch von einem Eisenschwert erschlagen werden. "Gut Lynn, wenn's geht bau diese Sprengsätze in alle unsere Karren ein, natürlich nur nachdem die Leute zugestimmt haben!" Lynn stieß ein jubelndes Wolfsgeheul aus, während die beiden Cramer Brüder verärgert drein Schauten. Erol schwieg wie immer, er war stumm. Woher Erol stammt wusste keiner, er hatte nie darüber geredet und war noch geheimnisvoller als Carlos. Manchmal rannte er nachts weinend durchs Haus und fiel zusammen wenn man ihn antippte. Der Mann war Schlafwandler und Eigenbrötler erster Güteklasse. Ich streckte meine Faust aus und zeigte ihm den erhobenen Daumen, worauf er schief grinsend gelbliche Zähne entblößte und die Geste wiederholte. Dann begann er wieder an einem kleinen Zahnrad herumzufeilen, von dem vermutlich nur er wusste wofür es einmal verwendet werden sollte. "Ruhe. Ich hab euch Jungs ein Spielzeug mitgebracht. Holt unseren Master Arcanist und klotzt ran. Irgendwas an diesem Schiffchen hier muss ja ungewöhnlich sein." bemerkte ich und zeigte auf das Modell der HMS Discovery welches ich neben mir auf den Boden gestellt hatte. "Was? Das ist ein ganz normales Holzmodell, noch nicht einmal ein besonders exzellentes wenn du mich fragst." bemerkte Joss schlecht gelaunt.
Ich wollte nicht mir ihm streiten, vielleicht hatte er sogar Recht und wir waren einem gewaltigen Schwindel aufgesessen. Aber wir mussten auf alle Fälle sicher gehen. Lorren du Bois kam auch schon angerannt, begleiten von Dimitrij, der eine Schwere Kiste trug. Die beeindruckenden Muskelberge des Russen hatten sich zu festen Knoten geformt also mussten die Messgeräte wirklich einiges wiegen. "So da wären wirr. Lorren, brauchen du mich noch?" fragte Dimitrij trocken und neigte seinen Kopf in meine Richtung. "Hey Jack, wieder eingeschnappt?" fragte er bärbeißig, ich glaube ich wusste jetzt wer mir diesen Satz zugerufen hatte als ich mich vor nicht mehr als 3 Stunden auf meinem Zimmer eingeschlossen hatte. "Was muss das muss. Ich frage mich wie er das macht." sagte ich kopfschüttelnd mehr zu mir selbst als zu Dimitrij oder sonst jemandem. Lynn sah inzwischen wieder ganz Munter aus, zwar mit Augenringen, aber dennoch wirkte er aufmerksam und konzentriert. Die Hände waren absolut ruhig als sie über die glatte Holzoberfläche des Schiffes glitten und nach Unebenheiten oder verborgenen Böden suchten. "Kaffe, jede Menge Kaffee." bemerkte der Russe und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich glaubte irgendwie nicht das er recht hatte. Lorren hatte mich nicht einmal begrüßt, sofort die Kiste geöffnet und begonnen mit Geigerzähler, verschiedensten Sensoren und einem Laptop das vor ihm liegende Objekt zu analysieren.
Seine Stirn war gerunzelt und die Augen wirkten seltsam abwesend, fern und verträumt und doch gleichzeitig kristallklar und scharf wie Dolche. Ich hatte jedes Mal Angst wenn ich ihn so sah - wenn ich in diese Augen blickte so hatte ich das Gefühl das dieser Mann in mein Inneres sehen konnte wie durch eine Glaswand. Meine Nackenhaare stellten sich auf als er mich mit einem abwesenden "Hallo" begrüßte und sich dann sofort wieder seiner eigentlichen Aufgabe zuwandte. Die anderen Mechaniker fummelten auch an dem Schiffchen herum. Ich konnte eigentlich nicht viel helfen - von Magie und derartigen Kram hatte ich keinen blassen Schimmer und von den Kraftfeldern, den Schwingungsmustern die Auszumessen waren und dem ganzen anderen Kram den Lorren heraus posaunte als ob es sich um die wichtigsten Dinge der Welt handelte. Ich kam mir bei diesen ganzen Wissenschaftlern immer so furchtbar dumm vor, was ich vielleicht auch war, aber war fühlt sich schon gern geistig unterlegen? Aus eben diesem Grund mied ich ihre Arbeitsgespräche, die sie quasi immer dann führten wenn sie nicht gerade Aßen oder schliefen.
"Wir haben auch noch zu tun. Rüstungen putzen zum Beispiel Jack. Carlos machen gerade die ganze Arbeit allein." stellte Dimitrij fest. Das war gut, das war ausgezeichnet. Ein Vorwand für mich zu verschwinden und den klugen Köpfen kompromisslos das Feld zu überlassen. "Ja, wie gesagt ich bin dann mal weg Leute - jagt bitte nichts hoch während ich nicht da bin." scherzte ich und war ein wenig gekränkt darüber das die eifrig redenden Männer mich schlichtweg ignorierten. Ich drehte mich also um und folgte Dimitrij in den Keller, dort war Carlos gerade mit Schwamm, Seifenwasser und einem Föhn damit beschäftigt die vielen Rüstungsteile von Blut und Bronzestaub zu befreien. Es waren inzwischen dicke Krusten entstanden. Die Waffenröcke befanden sich vermutlich schon in der Waschmaschine - und ich hatte einen verdammten Kohldampf. War ich doch bestimmt der einzige der nach dem Flug nichts gegessen hatte. Aber das war ganz gut so, ein bisschen Selbstdisziplin schadet nicht, genauso wenig wie ein Tag ohne Essen.
Ich würde mir vermutlich später doch noch etwas genehmigen, einfach weil die meisten Lebensmittel so unglaublich lecker schmeckten wenn man sie richtig zubereitete. Die Tatsache das unsere Sterneköchin nicht mehr unter uns weilte sollte das nicht verhindern, ich kann durchaus selbst ordentlich kochen wenn es sein muss. Ich würde Margareth vermissen, ihre freundliche Mütterliche Art, die köstlichen Gerichte und kleinen Überraschungen die sie mir und den anderen immer bereitete. Es war als sei das Haus auf einmal kälter geworden, als brenne des Feuer des gemeinsamen Herdes nicht mehr so hell und warm wie vorher. Man verzeihe mir meine altmodischen Ausführungen. Ich setzte mich neben ihn. "Na Carlos, haste noch einen Schwamm für mich und Dimitrij?" fragte ich. "Klar Jungs, setzt euch zu mir. Sagt mal - was dieser Riese das gesagt hat. Von dem Helden des Olymps, hat er damit einen von euch gemeint?" fragte Carlos, seine Miene sagte mir jedoch das er nicht glaubte das jemand von uns gemeint war. Ich schüttelte den Kopf "Nein Carlos, vertrau ruhig deinem Bauchgefühl das man dich gemeint hat. Was du bisher gezeigt hast passt zu einem Helden." sagte ich und neigte den Kopf. Er war mutig, ausdauernd und ehrgeizig, gleichzeitig ein verdammt netter, wenn auch ein wenig naiver junger Mann.
Durchaus die Art von Mann die ein Held werden - oder in seinem Fall gewesen sein - konnte. Obwohl ich mich fragte wie jung er gewesen sein Musste als er sich einen solch berühmten Namen gemacht hatte. Er musste fast noch ein Kind gewesen sein. Andererseits war das durchaus möglich, als ich 15 wurde hatten die Gegner der Pendragons mehr Angst vor mir als sie es jemals vor meine Vater gehabt hatten. "Woher?" fragte er irritiert. "Nun du hast Recht Jack, ich habe irgendwie das Gefühl das er damit mich gemeint hat - ich glaube auch nicht das ich Carlos heiße, oder sonst einen neumodischen Namen trage. Bestimmt sowas blödes wie Herakles oder Theseus." sagte er mit einem schiefen grinsen und drückte mit der rechten den wassertriefenden Schwamm aus. "Nein, also ich glaube nicht das irgendwer einem Kind einen solchen Namen antut, ich meine wie soll man dich dann gerufen haben? Thesy oder was?" ich fand das einfach lächerlich, aber dann kam mir eine Idee. Er trug bestimmt einen griechischen Namen, allein schon weil eines seiner Elternteile eine Gottheit Griechenlands war. "Wie wäre es wenn wir uns Morgen mal eine Liste mit Griechischen Namen besorgen und sie Schritt für Schritt durchgehen. Vielleicht kommt dir ja einer bekannt vor." versuchte ich mich zu erklären während ich mit dem Fingernagel getrocknetes Blut vom Handrücken eines Panzerhandschuhs piddelte.
"Ja, können wir machen Jack - was ist eigentlich mit Jackson und Margareth los? Haben die öfters solche, seltsamen Phasen?" fragte Carlos vorsichtig. "Nein, das war wirklich ein erstes Mal - ich glaube es ist aus zwischen den beiden." sagte ich traurig und seufzte. "Wollen wir hoffen das keiner von ihnen eine Dummheit begeht." sagte ich und atmete aus. Ich machte mir Sorgen um die beiden, sie waren fast so etwas ähnliches wie Eltern für mich gewesen, Leute die mehr Erfahrung hatten als ich und an die ich mich bei Problemen wenden konnte. Ich hatte Margareth gefragt was ich Gwen zum Geburtstag schenken sollte, hatte mit Jordan über alles Mögliche philosophiert. Und jetzt waren sie fort, hatten sich beide wie Kinder benommen! Das verstand ich nicht, es ruinierte das Bild das ich mir von ihnen gemacht hatte und das tat weh, sehr weh. "Jack - Leute machen oft Sachen die man nicht verstehen kann. Dann verzeiht man ihnen entweder oder man lässt es bleiben." sagte Carlos, er fuhr sich mit einer Hand gegen den Kopf, sein Gesicht erstarrte zu einer Maske und er blickte ins Leere. "Alles in Ordnung?" fragte Dimitrij besorgte und hob mit einer Hand Carlos Kopf empor um ihn dazu zu zwingen ihm in die Augen zu sehen. Das Gesicht war verzerrt von purer Verwunderung die meergrünen Augen wirkten weit abwesend
. "Diese Bilder. " flüsterte er "Gesichter!" dann schwieg Carlos einen Moment. "Was für Gesichter? Sag es mir, was siehst du?" fragte ich ihn, ich hatte irgendwo gelesen das man so handeln sollte - oder hatte das irgendjemand in einem Roman gemacht? Nun egal schaden konnte meine Nachfrage ja nicht. "Graue Augen - blaue Cookies. eine Frau die weint" auf einmal war Carlos wieder da. Er wirkte ziemlich verwirrt und musste das was sein Geist ihm eben gezeigt hatte wohl erst verarbeiten, jedem würde es wohl so gehen. "Seltsam - es scheinen wohl nur Frauen wichtig für mich gewesen sein. Ich hab zwei Gesichter gesehen, ein Mädchengesicht, Blonder Pferdeschwanz, schöne Gesichtszüge und graue Augen, sie sah mir ein wenig ähnlich. Vielleicht eine Schwester oder so - oder eine Freundin. Und Dann war da eine ältere Frau, das Gesicht konnte ich nicht so richtig sehen, es war dunkel überall." stellte er erstaunlich nüchtern fest.
"Das kommt noch - die Zeit wird dir das alles wiederbringen Carlos." sagte ich und hörte mich sicherer an als ich mich fühlte. Eine Schwester, nun warum sollte er keine haben, zumindest ein Halbschwester war durchaus möglich. Eine gutaussehende Freundin hätte ich Carlos durchaus zugetraut, die Visage dafür hatte er auf alle Fälle. "Egal Carlos, wir sollten schaun das wir hier weiterkommen, sonst sitzen wir noch morgen früh da." sagte ich und schrubbte weiter. "Du meinst heute Früh Jack." meldete sich der schweigsame Dimitrij zu Wort und blickte auf seine silbern glänzende Armbanduhr. "Was, schon so spät?" fragte ich ungläubig. Dieser Sommer mit seinen endlos langen Tagen brachte mich noch vollkommen durcheinander. Nichts Tag und Nachtgleiche, die Sonne schien bis fast 23 Uhr - mindestens. "Noch Lust auf eine Runde Billiard nachher?" fragte ich die beiden. "Sicher Jack, du weißt ich liebe dieses Spiel." merkte Dimitrij an. "Vorher geh ich nur noch was Bier kaltstellen." sagte der Russe zwinkernd. "Das haben wir uns auch wirklich verdient nach diesen harten Tag." meinte Carlos nur.
Dimitrij verschwand und sofort sank die Stimmung, weder ich noch Carlos hatten sonderlich Lust auf Billiard. "Ich kann nicht einmal Billiard spielen Jack. " bemerkte Carlos bitter. "Der Russe steckt das ganze wirklich leicht weg - ich dachte immer er wäre ein Freund von den beiden." bemerkte Carlos verwundert. "Dimitrij ist Jordan nie sonderlich nahe gestanden. Er erinnerte ihn zu sehr an sein früheres selbst und das hat er gespürt. Er mag ja ein harten Kerl sein, aber der Russe ist viel feinfühliger als man ihm zutrauen würde. Und Margareth - wir alle sind enttäuscht und traurig über ihre Entscheidung, aber wenn sich einmal jemand entscheidet Schluss mit diesem Leben zu machen, dann lassen wir das zu. Irgendwann will jeder einmal aussteigen, sogar Lynn hat vor ein paar Jahren mal daran gedacht." sagte ich und zuckte mit den Schultern. Es war ein schwerer Tag heute, aber es hatte schon schwerere gegeben. "Es ist fast so als ob ich eine Mutter verloren hätte Carlos - aber nur fast. Wollen wir hoffen das sie glücklich wird." oder wiederkommt, dachte ich mir.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht brauchten die beiden einfach nur ein paar Tage Auszeit. "Hast du eigentlich jemals daran gedacht ein normales Leben zu führen Jack? Ich meine das Geld hättest du dafür." sagte Carlos. Ich musste nachdenken, nein das hatte ich nie! Sicher im Scherz hatte ich schon oft gewitzelt mir eine Yacht zu kaufen und durch die Welt zu schippern, aber das ich es wirklich tun könnte - daran hatte ich wirklich noch nicht gedacht. "Nein. Nie, wieso auch? Ich kenne kein anderes Leben Carlos, das ist es wofür ich geboren und aufgezogen wurde." antwortete ich und war von der Ernsthaftigkeit meiner Stimme selbst überrascht. "Mir sind solche Gedanken auch gekommen. Wer immer ich auch bin - das ist die Sorte von Leben die zu mir passt, das klingt vielleicht verrückt, aber es ist so. Ich meine Jack, könntest du dir vorstellen dein Leben lang nichts anderes zu tun als Steueranträge zu bearbeiten?" fragte Carlos mich. Ich musste lachen, nein das konnte ich nicht. Obwohl ich mit Sicherheit einiges über besagtes Gebiet wusste. "Weißt du, meine Mutter hat das verstanden, ich meine warum sonst hätte sie sich bitte mit einem Gott eingelassen." führte er aus. "Hä? Wie jetzt, was hat sie verstanden?" jetzt kam ich nicht mehr so ganz mit.
"Na das es Leute wie uns geben muss. Leute die die Menschheit beschützen und für die Götter kämpfen - denen das Ansehen in der Gesellschaft einen Scheißdreck wert ist und die nicht auf die Idee kommen sich irgendwohin abzusetzen wohin Höllenhunde, Drakaina und Drakone nicht kommen können." bemerkte Carlos. "Und du glaubst das es so einen Platz wirklich gibt?" fragte ich amüsiert und zog eine Augenbraue hoch. "Gute Frage nächste Frage." antwortete Carlos. "Wie sieht es eigentlich mit dem Schiffchen aus? Haben die Fachleute schon was rausgefunden? Ich meine euer Dr. de Bois scheint mir ein ziemlich kluger Kerl zu sein." führte er aus. Lorren kannte er also auch schon - er lebte sich wirklich verdammt schnell ein. "Ich glaube nicht, wenn ja dann wäre bestimmt jemand vorbeigekommen und hätte mich geholt." antwortete ich. Wir schwiegen einen Moment um dann fast schon simultan aufzustehen und zu sagen "Lass doch mal schauen gehen was die so alles anstellen." genau das taten wir dann auch. Dimitrij begegnete uns im Flur mit einer Bierflasche in der Hand. "Ah wolltet ihr doch sehen was unseren Bastler machen." stellte er mit seinem breiten Akzent fest. "Genau - also auf zu neuen Abenteuern!" rief Carlos aus und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die Technikbarracke.
"Findest du das nicht ein bisschen theatralisch?" wagte ich anzumerken. "Das ist noch gar nichts, wenn du erst mal Lord Zeus getroffen hast, dann weißt du was wirklich theatralisch ist." erklärte Carlos mit einem wissenden grinsen, das sich kurz darauf in eine verwunderte Miene verwandelte. "Hey Leute, wollte ihr nicht mal langsam Feierabend machen?" rief ich in die Halle hinein, es war ein seltsames Bild das sich mir bot. Ein Todmüde über dem Laptop Lorrens hängender Lynn, zwei Brüder die mit Axt und Kettensäge versuchten das Schiffsmodell zu zerstören, welches keinen Kratzer abbekam und ein sich mit einem feinen Dremel die Fingernägel stutzenden Erol. Ich hatte auf meine Armbanduhr gesehen, es waren inzwischen schon nach 2 Uhr morgens und auch ich selbst war inzwischen ziemlich müde. "Wir sind ganz nah dran." rief Lorren begeistert aus, seine Wangen waren gerötet und aus seinen dunklen Augen glänzte die Begeisterung eines kleinen Jungen. "Es ist hohl und definitiv der Stärkste magische Fokus den ich je vor den Nase hatte." frohlockte er. Ich war nicht im Stande seine Begeisterung zu teilen, was nützte mir ein starker magischer Fokus mit dem man nichts machen konnte?
Carlos schien ähnlich zu denken und betrachtete amüsiert die Anstrengungen Joss und Hoseas. Da blieb sein Blick auf einmal an dem Mast hängen. Er schien irgendetwas zu sehen das wir nicht sahen. "Leute, warum zieht ihr nicht einfach die Metallstange da raus?" fragte er verwundert. "Ihr als Mechaniker solltet doch eigentlich schon viel schneller auf die Idee gekommen sein als ich." führte er aus. "Metallstange?" fragten vier Männer unisono. Ich selbst starrte auf den Mast, wo konnte da eine Metallstange sein? Da ganz plötzlich begann der Mast zu flirren und ich erblickte verschwommen eine bronzene Stange, die etwa Unterarmlang und daumendick aus dem Deck ragte. Carlos war darauf zugetreten und hatte sie gepackt, er zog vorsichtig die Hand nach oben. Langsam glitt die Stange aus dem Schiffsrumpf und als er sie entfernt hatte verwandelte das Schiff sich. Auf einmal befand sich eine dicke Schriftrolle vor uns. Die anderen konnten sie offenbar nicht sehen, sie blickten immer noch verständnislos auf die Rolle. "Also was soll mit dem Mast sein? ist ja schön das du daran rüttelst wie an einem Kastanienbaum Carlos, aber bringen tut es nichts." bemerkte Lynn gähnend. "Gott, ich werde ein alter Mann. Für heute reicht's Morgen ist auch noch ein Tag- ich leg mich schlafen." verkündete er und wünschte allen Mitarbeitern und danach auch uns eine erholsame Nacht um sich dann in seinem Blaumann auf den Weg zu seinen Räumen zu machen. "Jaja, also ich weiß nicht, du siehst da wirklich eine Stange?" fragte Lorren ungläubig. "Nicht mehr, das Teil ist jetzt eine große Schriftrolle." sagte ich und musste noch im selben Moment mit ansehen wie die Schriftrolle zusammenschrumpfte und sich in ein kleines Notizbuch mit braunem Ledereinband verwandelte. "Es ist ein Notizbuch!" riefen ich in Carlos gemeinsam aus und ernteten nur verwunderte Blicke.
Lorren schien jedoch verstanden zu haben, er murmelte Irgendetwas von Nebelirritationen, falschem Polarisationsfilter und anderem Hochphysikalischem Kram. "Aber das kann nicht sein, wir sehen doch alle durch den Nebel." rief Joss verwundert aus. ER war genauso überrascht wie sein Bruder. Lorren räusperte sich und richtete sich auf. "Meine Herren, darf ich mal etwas erzählen? Die Fähigkeit den Nebel zu durchdringen wird in den seltensten Fälle vererbt, meist ist sie auf eine Überfunktion des für die Optischen Wahrnehmung zuständigen Gehrinbereich zurückzuführen, für die wir keinerlei Erklärung kennen. Manche Leute scheinen jedoch komplett andere Gehirnbereiche zu haben, wie zum Beispiel Jack und vermutlich auch Carlos. Diese Leute werden damit geboren, und sie vererben diese Anomalien auch ihren Kindern und Kindeskindern - es scheint das ihre Fähigkeiten den Nebel zu durchschauen deutlich ausgeprägter sind als unsere. Es kann durchaus sein, dass die beiden etwas ganz anderes in der Hand halten als ein Modellschiff." erklärte Lorren die neuesten Untersuchungsergebnisse der Biologen. Jetzt wusste ich auch warum sie mich so lange bequatscht hatten mit in diese seltsame Röhrenmaschiene zu legen. Die Fieslinge haben mein Gehirn gescannt, von wegen ich könnte einen Tumor im Kopf haben! Ich musst grinsen, kaum zu glauben das ich mich auf derartig simple Weise hatte reinlegen lassen. "Und Carlos, was steht drin?" fragte ich meinen Kumpel, der schlug das Büchlein auf, welches ein leichtes gelbliches leuchten verströmte sobald man es öffnete. Ich stellte mich neben ihm um ebenfalls auf die Seiten zu blicken. Zuerst sah ich außer dem wabernden gelben Licht nichts, dann konnte ich langsam dunkle Schriftzeichen ausmachen die sich formten. Es waren natürlich altgriechische, wie konnte es anders sein. In meinem Kopf formten sie schnell Worte, ich versuchte sie zu erfassen, was mir auch gelang. Das was ich Lesen konnte klang ziemlich normal, fast als ob ein Mensch der jetzt Zeit es verfasst hatte.
Wer Schild und Speer aus purem Grau will erlangen muss sich würdig erweisen. Auch ich musste dies, als Wächter des Mächtigen muss ich dafür Sorge tragen das die Schlüssel nicht in die Falschen Hände fallen. Sieben Siegel sind zu brechen, sieben Schlüssel zu finden und sieben Namen zu sprechen! Mein Name Ist George D. Cooper, Sohn der Athene und wir schreiben das Jahr 1935 - ein gewaltiger Krieg zieht auf und so habe ich versteckt was Hitler und seinen Mannen nicht in die Hände fallen darf! Wenn irgendjemand würdig befunden ist zu lesen was ich schreibe und dort deponiere wo nur die Wahrhaft unerschrockenen suchen, so soll er nicht zaudern und zagen, denn sein Schicksal erwartet ihn. Finde den ersten im Lande des Notos, an der Quelle des Flusses der Tränen.
Ich war wieder zurück und rieb mir die Augen, es flimmerte ganz schön. Ich schüttelte den Kopf. "Konntest du etwas lesen?" fragte ich Carlos. Der nickte nur. "Klar konnte ich das, aber ich muss schon sagen, diese Eulenfreaks haben so ziemlich alle ein Rad ab - jedenfalls haben sie alle einen Hang zu diesem kryptischen Geschwafel." grummelte Carlos vor sich hin. "Nicht alle, aber die meisten." korrigierte er sich. "Ok - ich denke wir sollten diese Schlüssel suchen." antwortete ich Gedankenverloren, wenn irgendjemand 100 Laistrygonen bewaffnete und aussandte um dieses Büchlein zu bekommen, dann sollten wir uns beeilen die Sachen vor diesen Leuten zu kriegen. "Das ist mein Jack." antwortete Carlos und schlug mit auf die Schulter "Also ich würde sagen, Morgen geht's los!" bemerkte er mit einem zwinkern, er schien ziemlich aufgeregt zu sein. "Was ist das Land des Notos Carlos - Fluss der Tränen?" fragte ich verwundert. Wusste Carlos etwa wo wir hin mussten. Da meldete sich Hosea zu Wort. "Ey Mann, jeder weiß doch das Notos der Südwind ist, eigentlich ein Wind aus der Sahara, der Griechenland immer Hitze und Staub gebracht hat, das weiß doch echt jeder der mal discovery channel guckt." alle starrten ihn ungläubig an.
"Ist was? Ich mag Dokumentationen, du auch oder Joss?" sagte der Mechaniker plötzlich verlegen und puhlte den Dreck unter seinen schwarz unterlegten Fingernägeln hervor. "Super Hosea, wir müssen also nach Süden! Ich werde einfach in der Bibliothek nachsehen, vielleicht finde ich ja was von diesem Fluss der Tränen." bemerkte ich, dabei war ich eher skeptisch. Aber jetzt war endgültig Schlafenszeit für uns, ich war hundemüde und morgen musste ich ein paar Leute überzeugen mich zu begleiten, oder es eben sein zu lassen. "Joss, hat dein Kumpel eigentlich schon die Papiere?" fragte ich ihn. "Die Papiere - ach DIE Papiere, klar kann ich Morgen früh bestimmt abholen, die sind schon längst auf Halde, sorry das ich nicht früher dran gedacht hab." bemerkte der uns schlug sich mit den Hand gegen die Stirn. Kaum zu glauben, bestellte der Mann gefälschte Papiere für den jetzt 21 jährigen Carlos Santos und vergaß schlichtweg sie abzuholen! Und für sowas musste ich Geld ausgeben! "Ja, mach das Morgen, ich will jetzt nur noch pennen." sagte ich und bemerkte erst jetzt wie Hundemüde ich eigentlich war. Inzwischen hatten auch meine Muskeln zu ziehen begonnen, der Kampf war anstrengend gewesen und vor allen Dingen Kräfteaufreibend. Aber trotzdem, ich hatte schon bedeutend schlimmeres durchgemacht, was aber nicht heißt das ich scharf auf den aufziehenden Muskelkater war.
Ich hätte eindeutig früher Magnesium nehmen sollen, dann wäre das ganze bedeutend milder verlaufen. Ein paar meiner Leute mussten hier bleiben, ich würde nur die verlässlichsten Mitnehmen, also Sam und Shigeru - Die anderen würden hier ihre Arbeit weiter machen bis wir sie brauchten. Carlos würde wohl auch mitkommen, ich konnte ihm schlecht verbieten in seine eigentlich Heimat zurückzukehren. Dann würden wir zu viert sein, stellte sich nur noch eine Frage, wie kriegten wir die Schusswaffen über die Grenze! Doch ich war ganz zuversichtlich das mir am nächsten Morgen mit wachem Kopf etwas einfallen würde. "Gute Nacht Leute, ich will jetzt pennen, Morgen ist auch noch ein Tag. Macht nicht mehr zu lange." sagte ich und winkte den Männern müde zu. Dann trappte ich zurück in Richtung Haupthaus, ebenso wie Carlos und der etwas enttäuscht wirkende Lorren. "Gute Nach Jack, ich bin nicht zufrieden - gar nicht zufrieden, dieses Artefakt spielt mir was vor. Aber ich kriege es schon noch am Kragen - bei den Götter ich finde raus was an diesem Ding nicht stimmt!" bemerkte er und gähnte herzhaft, was auch bei mir und Carlos einen regelrechten Gähnanfall auslöste.
