Nach unserem dramatischen Abgang aus dem Haus von Jaspers Eltern, war ich mir nicht sicher, wohin wir als nächstes gehen sollten.

Doch Jasper, immer der Clevere von uns Beiden, wusste wohin.

Wir sprangen ins Auto und nahmen den Hinterausgang von dem Grundstück seiner Eltern- Mit Mühe konnten wir die Begegnung mit der Polizei verhindern, und begannen nach Norden zu fahren.

Wir fuhren nach Richtung Chicago, wo Jasper, wie er sagte, einen Cousin hatte, der uns bei unserer Reise nach Westen unterstützen konnte.

Es dauerte ein wenig mehr als vierundzwanzig Stunden, als Jasper den Wagen in einer kleinen Einfahrt, vor dem Haus seines Cousins Thomas, parkte. Offensichtlich war Thomas der Sohn von dem Bruder seines Vaters und war aus Texas ausgezogen, als er sich in ein Mädchen namens Adeline verliebt hatte. Nach drei Jahren in Chicago, starb Adeline an einem Herzfehler. Thomas konnte es nicht fertig bringen das Haus zu verkaufen, in dem seine Geliebte gewohnt hatte und so blieb er alleine in dem Familienhaus, da sie kein Kind bekommen hatten.

Jasper sagte, dass er und sein Cousin sich gut verstanden hatten, bevor er wegzogen war und alle Kontakte mit der Familie abbrach. Also würde er uns hoffentlich aufnehmen.

Es begann zu regnen, als wir die Innenstadt von Chicago erreichten und Jasper fühlte sich, als ob er mir helfen müsste, die Treppen vor dem Haus hinaufzugehen.

Es gab kein Vordach, also standen wir im Regen, wurden klitschnass, als wir auf eine Reaktion unseres Klopfens warteten, obwohl es schon ein kleines Wunder wäre, wenn irgendjemand uns hören konnte. Denn drinnen spielte jemand grob Klavier.

Doch endlich, nachdem Jasper zu fluchen begann, dass Thomas uns nass werden ließe, stoppte das Piano und man konnte Fußschritte hören, die sich der Tür näherten.

Die Tür wurde aufgestoßen und ein schlaksiger Jugendlicher in meinem Alter stand vor dem Eingang. Er schaute düster und ich konnte sagen, dass er es war, der gespielt hatten. Denn diese angreifende und emotionale Musik konnte nur von jemandem gespielt werden, der so mürrisch und emotional war, wie er.

„Ja?", fragte er kurz angebunden. Ich schaute hoch zu seinen schönen, grünen Augen und braunem Haar mit einem leicht rötlichen Unterton, und beschloss, dass mir Jaspers Cousin gut gefiel, obwohl sie sich nicht einmal ähnlich waren.

„Ist Thomas Withlock da?", fragte Jasper und hörte sich verwirrt an. Der Junge runzelte die Stirn und schaute hinter sich, wo eine freundlich aussehende Frau erschienen war.

„Sie suchen Thomas Withlock?", fragte sie und als Jasper nickte, bat sie uns herein und schickte ihren Sohn Tee holen.

Mein gelbes Kleid, welches ich noch nicht wechseln konnte, fühlte sich von dem Reisen schmutzig an und ich war unsicher, wie ich auf der schönen, braunen Couch sitzen sollte, ohne sie zu beschmutzen.

Jasper jedoch hatte keine Sorgen und er ließ sich auf sie nieder, als wäre es seine eigene Couch. Er machte sich keine Gedanken über den Schmutz auf seinen Hosen, welcher sicherlich auch auf meinem Kleid war.

„Also, wo ist mein Cousin?", fragte Jasper und sah sich um, als ob er erwartete, dass Thomas um die nächste Ecke sprang und ‚Booh!' rufen würde.

Aber der Gesichtsausdruck von unserer Gastgeberin, ließ mich denken, dass hinter Thomas fehlender Anwesenheit eine traurige Geschichte steckte.

„Woher kennen Sie Thomas, wenn ich fragen darf?", fragte die Gastgeberin höflich und ihre Hände waren in ihrem Schoß gefaltet, wie ein richtige Dame.

„Ich bin sein Cousin, Jasper Withlock, und das ist Alice, meine Reisebegleitung."
Ich seufzte automatisch über meinen Titel. Ich war seine Reisebegleitung.

„Mein Name ist Elizabeth Masen und das ist mein Sohn Edward.", sagte Mrs Masen und nickte zum Piano spielenden Jugendliche, der mit einer Teekanne und vier Tassen aus der Küche aufgetaucht war. Da war etwas mit Edward. Etwas bekanntes, aber doch etwas anders.

Es war dasselbe Gefühl, wenn ich mein Gesicht wirklich untersuchte, oder wenn ich Jaspers Gesicht nach seinen Geheimnissen prüfte.

Es war, als ob er so wie wir wäre, dennoch ein wenig anders, ein wenig einzigartig. Wie interessant.

„Über Ihren Cousin Mr. Withlock.", begann Mrs Masen. „Nun, Thomas Withlock ist letztes Jahr an der Grippe gestorben. In der selben Zeit, in der mein Ehemann starb. Wir haben dieses Haus erst ein paar Monate vorher gekauft.

Wir mussten uns ein kleines Haus kaufen, da wir nicht mehr Mr. Masens Einkommen zur Unterstützung hatten..."

Jasper blinzelte und schaute verstört. Edward zog eine Grimasse, starrte in seinen Tee, als ob die Erzählung ihn angriff.

Ich konnte nicht glauben, dass Thomas gestorben war. Er schien so ein guter Tipp gewesen zu sein. Vielleicht hätte er uns verstecken können und helfen können Zubehör für unsere Reise nach Westen zu sammeln. Vielleicht hätte er etwas wie ein Bruder für mich werden können und wir hätten eine kleine Familie werden können, ohne Sorgen.

Ich streichelte sanft Jaspers Rücken und er lehnte sich gegen mich um Halt zu finden, welchen ich ihn gerne gab.

Ich schaute zu Mrs. Masen, wessen Kopf sie vor Trauer gesenkt hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es wäre die andere Hälfte zu verlieren. Ein Leben ohne Jasper war etwas, was ich nicht begreifen konnte.

Was ich verstehen konnte, war der Schmerz, wenn man einen Vater verlor, welchen Edward versuchte zu verstecken und dabei versagte.

Ich hatte meinen Vater eigentlich auch verloren. Ich würde nie wieder den Dad sehen, welcher mich angeschaukelt hatte oder mir gesagt hatte, dass kein Mann gut genug für mich wäre. Dieser Mann war tot für mich.

Ich hatte nur den Vater, der wollte dass ich eingesperrt war, weil ich anders als jeder andere war.

Ich beendete meine Beobachtungen und senkte meinen Kopf, wie die anderen es taten. Es war Zeit um zu realisieren, was verloren gegangen war und ich hatte viel zu trauern...

.

Es war der vierte Tag mit den Masens. Sie waren so liebevolle Menschen, dass ich sie nicht verlassen wollte, aber ich wusste, dass Jasper weiterziehen wollte.

Er wollte nicht zu lange an dem Ort bleiben, an dem sein Cousin gestorben war und ich konnte ihn verstehen.

Wir würden bald aufbrechen und seit Jasper und Mrs Masen beide zu Bett gegangen waren und mich alleine mit Edward gelassen hatten, hatte ich beschlossen ihn ein wenig aufzuheitern.

Ich hatte das Gefühl, als ob Edward ein liebevolles Lächeln hätte, wenn ihr die Muskeln in seinem Gesicht benutzen würde. Also gab ich mir die Mission ihn lächeln zu lassen und ihn vielleicht ein wenig von seinem Vater abzulenken. Es war ein schwieriges Thema, doch wenn ich es geschickt anstellte, könnte ich es in einer Nacht schaffen-In dieser Nacht.

Ich fand ihn draußen sitzend und zu den Sternen, die man sehen konnte, schauen.

Ich ließ mich neben ihm auf die Bank fallen und seufzte, damit ich ihn auf das Gespräch vorbereiten konnte.

Er richtete mit einem amüsierten Blick seine schönen Augen auf mich.

Während der letzten vier Tage hatte sich zwischen Edward und mir eine Art Band gebildet. Ein geschwisterliches Band, welches mich sicher fühlen ließ, wenn Jasper von meiner Seite verschwand.

Ich hatte jetzt einen Bruder.

„Ich dachte nur, wir sollten uns unterhalten.", begann ich und Edward schnaubte.

„Was ist es diesmal, Alice?"

In letzter Zeit hatte ich auf viele Gespräche bestanden und unsere Themen wechselten vom Piano, über den Krieg zum Gärtnern.

„Ich möchte über deinen Vater reden, wenn du nichts dagegen hast."

Sein Gesicht verschloss sich und bildete eine steinerne Maske. Genau das Gegenteil, was ich von ihm sehen wollte.

„Ich habe etwas dagegen, danke.", sagte er kühl, doch ich ignorierte es und bereitete mich vor, noch weiter zu gehen. Ich hatte Schlimmeres erlebt im Haus der Withlocks.

„Ich weiß, wie es ist einen Vater zu verlieren, Edward. Verdammt, ich weiß, wie es sich anfühlt die ganze Familie zu verlieren."

Seine Maske brach mit Überraschung.

„Deine ganze Familie starb?" Ich überlegte, ob ich ihm die Wahrheit erzählen sollte oder nicht. Ich wusste, dass er Jasper und mich nicht verraten würde, aber ich fühlte mich dazu noch nicht bereit.

„In einem Sinn, ja." Er öffnete den Mund und ich wusste, dass er wusste, dass ich ihm nicht die ganze Geschichte erzählte. „Ich werde dir alles sagen, wenn es so weit ist, Edward. Ich verspreche es. Aber ich möchte jetzt nicht genau werden. Okay?"

Er zog eine Grimasse und ich wusste, dass es deswegen war, weil er es hasste, nicht alles zu wissen. Doch er nickte und akzeptierte meine Bitte.

„Kannst du mir nicht wenigstens ein bisschen darüber erzählen, was passiert war? Gib mir nur einen kleinen Hinweis.", bat er mit seinen grünen Augen wie ein Welpe und ich fühlte, wie ich nachgab.

„Sie haben mich aufgeben- Sie haben mich aus ihrem Haus verbannt, damit sie mich nie wieder sehen. Sie haben gedacht, ich wäre ein wenig zu anders, als sie mich haben wollten. Also haben sie mich von dem Bild der glücklichen Familie entfernt."

„Ich bin auch ein wenig anders.", sagte Edward ruhig und drückte abwesend meine Hand.

„Aber ich weiß, wie es ist, wenn du Menschen, die du liebst, so plötzlich verlierst. Aber ich denke, dass es besser ist, dass du weißt, dass dein Vater dich liebte bevor du starbst, oder?"
Er nickte und nahm meine Idee auf. Vielleicht würde er meine Lage mit seiner vergleichen und sehen, dass es schlimmer hätte kommen können.

Und dass obwohl Dinge wirklich schlecht laufen können, immer besser werden könnten.

„Vermisst du sie?", fragte Edward leise und schaute in den Sternenhimmel. Das ließ mich nachdenken. Ich vermisste sie. Ich war bereit gewesen Jasper zu verlassen um sie zu finden, aber dann wollten sie mich nur loswerden. Sie liebten mich nicht, wie sie ihr Kind lieben sollten. Und wenn sie meine Liebe nicht erwiderten, sollte ich sie nicht vermissen.

„Ein bisschen, aber am meisten meine Schwester. Ich habe jetzt Jasper und er hilft mir wirklich. Es hilft zu wissen, dass eine Person da draußen ist, die dich liebt.", sagte ich. Edwards Gesicht erweichte. Die Maske war weg und sein Ausdruck war gedankenvoll.

„Hast du so jemanden?"

„Ich habe meine Mutter."

Ich verdrehte meine Augen. Er war ein typisches Muttersöhnchen, genau wie Jasper.

„Ich meine neben deiner Mutter. Hast du jemanden, wie ich Jasper habe?"

Und auf einmal erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. Ich hatte Recht, dachte ich selbstgefällig. Er hatte ein liebevolles Lächeln.

„Da ist das Mädchen, das ich auf dem Markt gesehen habe.", sagte er undeutlich, aber sein Lächeln wuchs sehr zu meiner Freude.

„Hat das Mädchen einen Namen?", tastete ich mich vor.

„Isabella Swan. Aber sie mag ihren vollen Namen nicht. Sie bevorzugt Bella." Die Art, wie er sprach, war ähnlich, wie wenn ich von Jasper erzählte.

Er liebte sie und ich konnte nicht glücklicher für ihn sein.

„Weiß sie wie du fühlst?"

„Wahrscheinlich nicht. Wir reden nicht viel miteinander."

„Du wirst mit mir reden, Edward. Und wenn nicht dann schlage ich dich.", drohte ich.

„Danke, Alice." Ich war nicht sicher, wofür er mir dankte, aber ich umarmte ihn und sagte, dass es kein Problem gewesen wäre. Es war schließlich etwas, was große Schwestern taten.

„Ich werde dich vermissen.", seufzte ich und wusste, das Jasper nicht mehr lange bleiben konnte.

„Wohin werdet ihr gehen?", fragte er.

„Ich bin mir jetzt noch nicht sicher, aber wenn wir angekommen sind, werde ich dir schreiben. Und ich werde einen Besuch von dir und dieser Bella erwarten, wenn wir uns eingerichtet haben."

„Ich werde da sein."

„Ja, das wirst du wohl besser."

-

„Du bist erschreckend ruhig, Alice.", stellte Jasper vom Fahrersitz seines Wagens fest. Ich war ruhig, weil ich traurig war. Ich war traurig, weil wir das Haus der Masens vor zwei Tagen verlassen hatten und ich sie vermisste.

Ich hatte Bella getroffen, bevor wir abgereist waren, worüber ich froh war. Edward und ich waren zum Markt gegangen und dort hatte sie gestanden mit langem, dunkelbraunem Haar und leuchtend, schokoladenfarbenden Augen. Ich konnte sehen, wieso Edward sie so liebte.

„Ich vermisse sie.", seufzte ich und beobachtete die Landschaft, die an uns vorbeizog. Jasper wurde ruhig und ich schaute zu ihm um ihn mit einem erschrockenen Ausdruck im Gesicht zu sehen.

„Mir tut es Leid, dass wir abreisen mussten." Oh, er dachte ich wäre sauer, dass wir wegen ihm wegmussten.

„Ich bin nicht wütend auf dich, Jasper. Ich weiß, warum wir abreisen mussten und das ist kein Vorwurf. Ich frage mich nur, wie lange es dauern wird, bis wir sie wieder sehen werden."

„Vielleicht wirst du eine Vision von ihnen haben.", überlegte Jasper, was entzückend klang.

Ich würde liebend gern sehen, wie Edward seine Schüchternheit wegen Bella überwinden würde.

Wie er den Tod seines Vaters verarbeiten würde und jemand Neues in sein Leben lassen würde.

Das wäre es wert zu sehen.

„Ich liebe dich, Jasper.", sagte ich, legte mein Kopf gegen den Sitz und schaute zu ihm hinauf.

„Ich liebe dich auch, so sehr.", antwortete er, nahm meine Hand und berührte meine Finger mit meinen Lippen.

Es würde uns gut gehen, solange, wie wir zusammenbleiben würden. Und ich brauchte keine Vision um das zu wissen.