Weder Lex noch Zandra ließen viel über ihre Verabredung am Wochenende verlauten. Während Ryan gar nicht nachfragte, konnte Glen jedoch nicht aufhören zu löchern, was Lex irgendwann zum Hals heraushing. Ryan ging schließlich dazwischen, bevor es zur handfesten Prügelei kommen konnte.
"Da ist doch sowieso nix gelaufen!" höhnte Glen, versuchte sich jedoch nicht mehr weiter an Ryan vorbeidrängen, um sich auf Lex zu stürzen. "Sonst würd unser Obermacker hier doch sowieso nur noch damit angeben. Ich wette, er durfte nicht mal anfassen."
"Man, halt endlich dein blödes Maul, Glen!" Lex verdrehte die Augen. "Das alles geht dich einen Scheißdreck an! Such dir ne eigene Tussi, da kannste dann anfassen wie du willst."
Ryan sah wieder nicht sonderlich glücklich aus, als er das zu hören bekam, was bei Lex letztendlich den letzten Geduldsfaden reißen ließ.
"Und was hast du jetzt wieder für'n beschissenes Problem?" fuhr er ihn an.
Ryan antwortete nicht sofort, sondern blickte zu Boden. Dann zuckte er die Schultern.
"Meiner Mum geht es nicht gut", murmelte er dann. "Sie konnte die letzten beiden Tage nicht arbeiten gehen. Hustet ständig, und na ja ..."
Lex hatte keine Lust auf Ryans Herumgejammer, und er wollte auch nichts über Ryans Mutter hören. Wenn Ryan von seiner Mutter sprach, dann musste Lex unwillkürlich an seine denken, und das hob seine Laune nie sonderlich.
"Husten die Leute, die diese komische neue Krankheit haben, nicht auch alle erstmal? Bevor ihre Gesichter so entstellt aussehen?" fragte Glen feixend und fing an zu lachen, als Ryan wütend von seiner Schaukel aufsprang.
"Man, Glen, halt einfach die Fresse!" knurrte Lex.
"Meine Mum hat nicht diese komische neue Krankheit!" beharrte Ryan. "Bloß die Grippe. Bisschen Husten, Fieber, sowas halt."
"Na dann ist doch alles in bester Ordnung", erwiderte Lex achselzuckend. "Und für die blöde Krankheit finden die sicher auch bald ein Gegenmittel. Finden die doch immer für alles."
"Hab gehört, die Leute krepieren dran", kam es natürlich von Glen, dem es grundsätzlich Spaß machte, wenn er anderen eins reinwürgen konnte. "Die sehen irgendwann aus wie alte Leute, und dann krepieren sie, einer nach dem anderen."
"Ich bin sicher, sie finden ein Gegenmittel", murmelte Ryan und scharrte nervös mit den Füßen im Sand.
"Hier sind auch schon einige krepiert", fuhr Glen ungerührt fort. "Ne Tussi aus meiner Straße, und so'n Nachbar von meiner Tante. Und ihr habt doch gehört, warum Mrs Llyod jetzt für Mr Davis Mathe unterrichtet. Der soll weggebracht worden sein, bevor er seine Alte anstecken konnte. Die bringen jeden weg, aber keiner weiß so recht wohin."
"Lass gut sein, Glen", murmelte Ryan vor sich hin.
"Das ist wie ne Epidemie." Glen hatte immer noch nicht genug. "Wer weiß, vielleicht krepieren wir bald alle. Lex, du solltest zusehen, dass du Zan vorher noch rumkriegst."
Lex verdrehte als Antwort darauf die Augen. Zandra wäre in dem Fall wohl eher völlig hysterisch, und dann wäre an irgendetwas anderes sowieso nicht mehr zu denken.
"Und Ryan ... wer weiß, ich meine, deine Mum ist grad ganz allein, wer weiß, ob nicht ..."
Ryan sprang von der Schaukel und drückte die Bierflasche, die er gerade noch in der Hand gehalten hatte, Lex in die Arme.
"Ich glaube, ich gehe besser nach Hause."
Er klang nervös, und Lex schüttelte ungeduldig den Kopf.
"Schieb mal keine Panik, Mann. Glen redet Scheiße, wie sonst auch."
Ryan zögerte einen Augenblick, schüttelte dann aber nur wieder nervös den Kopf. Er verabschiedete sich hastig und rannte fast auf dem Weg vom Spielplatz zurück zur Straße.
"Das hast du toll hinbekommen, ehrlich", ächzte Lex in Glens Richtung.
"Ach, spiel nicht den Moralapostel. Ryan ist manchmal so'n Trottel. Geschieht ihm recht, wenn er jetzt panisch nach Hause rennt und von seiner Alten einen Anschiss bekommt, weil er nicht in der Schule ist."
Irgendwie verdarb das Lex letztendlich auch noch den Tag. Er trank mehr als gewöhnlich und war froh, von Glen wegzukommen, als es dunkel wurde. Sein Vater war Zuhause, betrunken wie meistens.
"Wo bist du gewesen! herrschte er Lex an. "Treib dich nicht immer rum! Mach dich nützlich! Hier sieht's aus wie Sau!"
Zandra hätte keinen Fuß in diese Küche gesetzt, mit all den leeren Flaschen überall, den Kaffeerändern auf dem Esstisch, dem ungespülten Geschirr der letzten drei Tage neben der Spüle.
"Ich spül schon ab", maulte er zurück, ergriff ein paar Teller und klatschte sie genervt in das Spülbecken.
Der Schlag, den er dafür abbekam, war nichts gegen die, die im Laufe des Abends noch folgten. Sein Vater war wütend und aggressiv, und da Lex' Mutter sich wohlweislich zu einem Spaziergang verzogen hatte, war es Lex, der die ganze schlechte Laune abbekam.
Es war nicht das erste Mal und sicher auch nicht das letzte Mal. Er würde die blauen Flecken überleben. Er würde das blaue Auge überleben. Und die Küche war wieder einigermaßen sauber. Er wünschte, seine Mutter wäre Ryans Mutter. Die kam erst spät nach Hause und fand trotzdem noch Zeit zum Saubermachen, während seine den ganzen Tag Zuhause saß und es hier trotzdem immer aussah als hätte ein Schwein die Zimmer verwüstet.
Lex ließ sich nicht mehr unten blicken. Auch dann nicht, als er seine Mutter nach Hause kommen hörte. Er wusste, dass sie wusste, was vorgefallen war. Aber sie kam trotzdem nicht nach oben. Er wusste warum. Sie mied ihn, und wenn er sie das nächste Mal sah, würde sie ihn vollheulen, wie schrecklich doch alles war und wie sehr sie sich dafür hasste, so schwach zu sein. Er hasste sie auch dafür.
Ryan war am nächsten und übernächsten Tag in der Schule, wirkte jedoch sehr nervös und kam noch weniger als sonst mit. Offenbar ging es seiner Mutter immer noch nicht besser, und inzwischen gab es auch zwei weitere Klassenkameraden, die ähnlich besorgt um Familienangehörige waren.
Dann fehlte Ryan zwei komplette Wochen im Unterricht und erschien auch nicht abends nach der Schule am Treffpunkt auf dem alten Spielplatz. Selbst Glen hörte irgendwann auf, seine Sprüche darüber zu reißen.
Als sie schließlich eines abends vor dem winzigen Bungalow standen, in dem Ryan mit seiner Mutter und den jüngeren Geschwistern lebte, bekamen sie ihn auch nur kurz zu sehen. Er wirkte abgehetzt, müde, gereizt.
"Sie wollen sie abholen", sagte er nur, und es klang vollkommen verzweifelt. "Wenn es nicht besser wird, wollen sie sie abholen."
Fast erwartete Lex, dass Glen irgendeinen Spruch loslassen würde, aber Glen stand einfach nur da und wusste wohl auch nicht, wie er damit umgehen sollte.
"Das wird schon wieder, Ryan", sagte Lex schließlich, der nicht wusste, was er sonst sagen sollte.
Ryan nickte nur. Aber er sah nicht so aus, als würde er es auch glauben.
