Segeln! Das offene Meer, die enorme Sicht und die unendliche Weite. Es gibt nichts anderes außer dich, das Wasser und den Wind. Ohne Strom, ohne irgendwelche hochmoderne Technologien, bewegt man sich fort. Was für ein unbeschreiblich erfüllendes Gefühl! Hier kann ich einfach nur ich sein. Nicht Sohn, nicht bester Freund, nicht Student, nicht der coole Typ, der auf Parties gerne gesehen ist - einfach nur ich. Schon seit Tagen kann ich nicht mehr richtig denken. Ich kann meine eigenen Gedanken nicht ordnen. So viel Chaos hat noch nie in meinem Kopf stattgefunden. Ich wusste gar nicht, dass das überhaupt geschehen kann. Die eigentlich simpelsten Aufgaben, erweisen sich als hoch kompliziert. Selbst das morgendliche Zeitunglesen ist für mich unmöglich geworden. Wenn ich einen Satz gelesen habe und dann noch einen, weiß ich schon nicht mehr was im ersten Satz stand. Das reinste Chaos, die totale Vernichtung meines Verstandes und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Wo ist meine lässige Seite geblieben? Wo ist meine unerschütterliche Klarsicht geblieben? Wo ist mein Vertand hin? Wie kann das nur sein? Am liebsten würde ich zum Fundbüro gehen und dort nachfragen, aber die werden mir wahrscheinlich nicht weiter helfen können. "Logan Huntzbergers Verstand haben wir letzte Woche reinbekommen. Einen Moment, ich hole ihn." Ja, so wird es sicherlich nicht ablaufen, wäre aber angenehm. Es ist wirklich schon weit gekommen, wenn ich mich vollkommen allein mit der Familiensegelyacht auf und davon mache. Wie schlecht muss es einem Menschen gehen, bzw. wie verwirrt muss ein Mensch sein, wenn er glaubt, dass er auf dem offen Meer seinen Verstand wieder findet? Eine Frage die man besser nicht beantworten sollte, es sei denn, man möchte sich auch noch selbst foltern.
Vielleicht brauche ich diese Einsamkeit. Vielleicht muss ich von Zeit zu Zeit einfach mal einen Gang runter schalten oder sofort in den Leerlauf gehen. Kann es sein, dass man ab einem gewissen Alter sein Leben so sehr verändern muss, um überhaupt noch weiter zu leben. Was? Was erzähle ich da? Ich verstehe mich schon selber nicht mehr. Jetzt sitze ich alleine auf dem Deck unserer Yacht und kann immer noch keinen klaren Gedanken fassen. Nur verwirrtes Zeug schlängelt sich durch meine Synapsen. Was soll ich tun? Was muss ich tun um wieder normal zu werden? Ich weiß ja, dass viele mein Leben nicht als normal bezeichnen würden, aber für mich ist es nun mal die reine Normalität. Was würde ich nur dafür geben, sie wieder zurück zu bekommen?
Was ist der Anstoß? Was ist der Auslöser? Irgendwas muss doch dafür verantwortlich sein, dass ich so durchdrehe. Wenn ich den ausmache, kann ich ihn auslöschen und alles geht wieder seinen gewohnten Gang. Oh ja, was für ein schöner Gedanke. Endlich wieder in Ruhe die Zeitung lesen und alles verstehen. Endlich wieder ohne große Gedankengänge den Tag auf mich zu kommen lassen. Das klingt wunderbar! Doch was bringt mir das Alles, wenn ich nicht weiß wovon ich spreche. Wieso stelle ich mich so blöd an? Ich bin eigentlich nicht der Dümmste, also müsste ich doch darauf kommen. Was habe ich gemacht? Was habe ich anders gemacht? Wo liegt die verdammte Veränderung? Ach verdammt, ich werde noch verrückt! Wenn ich das jemandem erzählen würde, kann ich mir das Gelächter schon richtig vorstellen. Klar, ich würde selber über so einen Schwachsinn lachen. Ich muss doch wissen, warum ich mich so total verloren fühle. Verloren! Ja, ich fühle mich verloren. Kann das sein? Ist das mit ein Grund meines Nervenkollars? Aber wieso sollte ich mich verloren fühlen? Das macht doch keinen Sinn. Ich habe ein super Leben. Ich habe viele Freunde, mit dem nicht vorhandenen Familienleben habe ich mich abgefunden und nette Begleitungen habe ich auch immer. Also was soll das?
Jetzt saug dir nicht irgendeinen Mist aus den Fingern, Logan. Du hast ein Problem und um es zu lösen, solltest du die verrückten Fantasien weglassen. Okay, dann verusche ich die Sache mal ganz strukturiert anzugehen.
Seit wann geht es mir so? - Ja, ganz klar, seit letzter Woche kann ich nicht mehr klar denken. Was ist da passiert? - Nichts ist da passiert. Ich habe mein ganz normales Leben geführt. Mit Unibesuchen, abendlichen Unternehmen und was weiß ich noch alles. Also muss es davor liegen. Was habe ich davor gemacht? - Hm, was habe ich da gemacht? - Ach komm schon Logan, jetzt hör auf mit diesem verdammten Theater. Gestehe es dir endlich ein. Du weißt genau, was hier los ist. Du stellst dich an, wie ein Vollidiot. Sprichst von Funbüros und Verstandsverlust. Das ist doch alles Schwachsinn. Dein Problem hat einen Namen und du kennst ihn genau. - Rory Gilmore! Sie geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Alles was ich auch versucht habe, um sie zu vergessen, hat mich nur noch mehr an sie denken lassen und letztendlich dann in den Wahnsinn getrieben. Jetzt bin ich mitten im Nirgendwo, um mich herum nur Wasser, nicht ein bischen Land in Sicht und Miss Gilmore ist die ganze Fahrt dabei gewesen. Jetzt beweist sich der Spruch mal wieder: Man kann vor seinen Problemen weglaufen, aber sie folgen einem immer. Die Flucht vor Rory ist gründlich in die Hose gegangen. Was auch immer in der letzten Woche, nach dem Treffen vor der Daily News, passiert ist, bzw. was ich angestellt habe um sie aus meinem Kopf zu verbannen, ist gescheitert. So schwer es mir auch fällt und ich glaube nicht, dass ich ihr das jemals sagen könnte, habe ich mich in sie verliebt. Aber wie kann das sein? Ich kenne sie doch kaum? Ich glaube doch nicht an Liebe auf den ersten Blick. So etwas gibt es nicht. Ach, es gibt noch nicht mal diese Liebe von denen alle sprechen. Jedenfalls nicht für mich. Ich weiß das es sie nicht gibt, denn wo war sie dann all die Jahre? Wo hat sie sich rumgetrieben? Wo war sie in meiner Kindheit? Wo war sie, als ich sie wirklich gebraucht habe? Es kann sie nicht geben, denn wenn es sie geben würde, müsste mein Vater sie doch auch haben. Er müsste so etwas wie Liebe für seinen Sohn empfinden und ihm das dann auch zeigen, aber da war nie etwas und da wird auch nie etwas sein. Also was soll das? - Liebe - Schwachsinn! Verdammt, Logan tu dir das selber nicht an. Egal was ich mir hier auch einreden will, ich weiß doch, dass mit mir was nicht stimmt und ich weiß auch, dass es so etwas wie Liebe sein muss. Warum sträube ich mich so dagegen? Auch wenn ich an die Liebe nicht glaube und schon gar nicht in so kurzer Zeit, ist sie trotzdem da. Irgendwas ist da. Irgendetwas empfindet mein Herz für sie und es ist keine Freundschaft. Nein, es ist mehr als das. Und jetzt tu das einzig Richtige, kehre um und beweg deinen Hintern zu ihr. Sag ihr was du fühlst. Ja, ich muss es tun. Ich muss ihr zumindest zeigen, dass ich an einer Freundschaft interrisiert bin und daraus kann sich dann mehr entwickeln, insofern sie dazu auch bereit ist. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob ich dafür genug Mut aufbringen kann.
