8.
Rein theoretisch war auch Atomkraft gut, aber in der Realität endete sie nur allzu oft im Supergau – genauso wie mein Entschluss… Lisa zu vergessen war der emotionale Supergau. Knapp 8 Wochen waren seit unserer Nacht vergangen und ich hatte es geschafft, jedes Gespräch mit ihr auf das Geschäftliche zu reduzieren, aber in mir drin brodelte es. Meine Gefühle ließen sich nun einmal nicht ausschalten. Zwei Mal hat sie den Versuch unternommen, mit mir zu reden, aber ich habe das abgeblockt. Ich wollte Geschäftliches von Privatem trennen, was so kurz vor der Präsentation und einem labilen Hugo gar nicht so einfach war.
Außerdem sah man Lisa und David in letzter Zeit öfter gemeinsam. Und die Gerüchte, die diesbezüglich kursierten, gaben mir den Rest. Angeblich waren Lisa und David jetzt zusammen. Ich fand ja, es sah nicht danach aus – reines Wunschdenken vermutlich. Obwohl… Helga sprach mir immer wieder gut zu. Ich wusste nicht, ob sie von unserer Nacht wusste oder nicht, aber ich klammerte mich ein bisschen an diesen Strohhalm: „Mein Mann würde es ja gerne sehen, dass die Lisa und der junge Herr Seidel, aber noch ist da nichts. Und ich glaub auch nicht, dass da noch was kommt. Die Lisa betrachtet ihn ja schon um einiges kritischer als noch vor einiger Zeit. An Ihrer Stelle würde ich die Flinte noch nicht ins Korn werfen."
In der Tat wirkte Lisa etwas schlapp in letzter Zeit und blass war sie auch – so sah keine glücklich verliebte Frau aus. Ich haderte schon mit mir, ob ich ihr nicht doch die Chance geben sollte, mit mir zu reden, als David Seidel mir einen Dämpfer verpasste: Ich war auf dem Weg zur Präsentation und dachte eigentlich, ich wäre der letzte, der Kerima in Richtung Modenschau verließ, als David zu mir in den Fahrstuhl stieg. „Na Kowalski." Ich wollte nicht darauf eingehen, aber David suchte nicht nur Streit, er setzte auch alles daran, welchen zu finden: „Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man ständig nur der zweite Sieger ist?" Ich versuchte krampfhaft, meine undurchdringliche Fassade aufrechtzuerhalten. Die Präsentation sollte jetzt das A und O sein, aber David ließ nicht locker. Als wir aus dem Fahrstuhl stiegen meinte er nur: „Heute kriegt die Presse etwas von mir und Lisa, das die Gerüchte in ganze neue Kanäle leiten wird." Meine Vorfreude auf die bevorstehende Präsentation, in die ich in letzter Zeit meine gesamte Energie gesteckt hatte, begann zu sinken. Heute Abend würden die beiden es also offiziell machen. Ich war David fast schon dankbar für den Hinweis, so würde mich die Neuigkeit nicht völlig unvorbereitet treffen. Vielleicht würde mir so eine offizielle Stellungnahme dabei helfen, einen Schlussstrich zu ziehen…
Aber der Abend verlief dann doch ganz anders als gedacht. Wer auch immer die Sitzordnung gemacht hatte, hatte dafür gesorgt, dass Lisa neben mir saß und David dahinter. Ich dachte mir nicht viel dabei, denn David saß neben seinen Eltern, Kim und Sophie von Brahmberg – die Gründerfamilien eben zusammen. Die Show lief ausgesprochen gut und dank Hannah waren die Modelle nicht nur laufsteg-, sondern auch straßentauglich und wurden von den anwesenden Gästen begeistert aufgenommen. Als alles vorbei war und Hugo sich in Aufmerksamkeit und Applaus sonnte, zog David Lisa hinter sich her auf den Laufsteg. Für mich sah es ja ein bisschen so aus, als würde Lisa nicht wollen, aber auf meine Wahrnehmung war in letzter Zeit ja eh kein Verlass. „Sehr geehrte Gäste", begann David, „Unsere Kollektion ist sicherlich immer eine Zeile wert, aber das hier wird einige Zeilen mehr wert sein." Damit begann David Lisa zu küssen, aber irgendetwas war seltsam: Sie machte eine abwehrende Handbewegung und irgendwann hing sie dann leblos in seinen Armen. Er ließ von ihr ab und drehte sich triumphierend zu den immer noch knipsenden Fotografen, als Lisa bewusstlos neben ihm zu Boden sank. Hugo war der erste, der sich zu Lisa runterbeugte: „Lisa, ma chère, was ist mit Ihnen?" Auch Laura Seidel hatte sich an mir vorbei gedrängelt und stürmte in Lisas Richtung. „Er scheint ihr wohl mit seiner Zunge die Luftzufuhr abgeschnitten zu haben", bemerkte Timo, als er mit einem Tablett mit Champagner an mir vorbeikam.
