So, weiter geht's und vielen Dank für die Reviews. Vielleicht ist euch dieses Kapitel ja auch ein paar Worte wert. Ich freu mich jedenfalls über jeden Kommentar.
8. Kapitel
Er hätte nicht geglaubt, dass er je wieder imstande sein würde, etwas anderes zu empfinden als Verzweiflung und Schmerz. So wunderbar war die Vorstellung gewesen, gemeinsam mit Lily die schönsten Momente seiner Kindheit wieder und wieder aufs Neue zu erleben.
Kein Hass und keine Angst mehr, nur noch Glück!
Es war ein Traum. Tief in seinem Innern hatte er es immer gewusst und doch hatte allein dieser Gedanke ihn alles ertragen lassen, hatte ihm geholfen, Dinge zu tun, an denen er ohne diese Hoffnung mit Sicherheit zerbrochen wäre.
"Lily wird nicht da sein!"
Mit diesen Worten hatte Harry alles zerstört. Und doch konnte er ihn nicht hassen dafür. Was der Vater ihm voller Hohn ins Gesicht geschleudert hätte, hatte den Sohn ungeheure Überwindung gekostet. So schwer war dem Jungen dieser Satz gefallen und doch hatte er ihn aussprechen müssen, um zu verhindern, dass er - Severus Snape - für alle Ewigkeiten einsam und allein blieb und vergebens auf Lily wartete, die doch ihr Glück an James' Seite gefunden hatte.
Natürlich wusste er das, aber es war ihm bis jetzt gelungen, die Realität vollkommen auszublenden und stattdessen Dumbledores Glauben zu teilen.
Der alte Mann hatte gern über den Tod philosophiert und natürlich spekuliert, ob und wie es danach weiterging. Stundenlange Debatten mit den Porträts und den Geistern von Hogwarts hatten ihn davon überzeugt, dass es eine Möglichkeit gab zu wählen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Ihm selbst war diese Aussicht wie das Tor zum Paradies erschienen. Er würde die Zeit zurückdrehen können, wieder gemeinsam mit Lily durch die Wälder streifen und sich die Zukunft in den herrlichsten Farben ausmalen, das Herz voller Hoffnung.
Seit jenem schicksalhaften Gespräch mit Albus beherrschte dieser Gedanke seinen Geist und er hatte nichts mehr herbeigesehnt als seinen Tod, bis zu dem Moment, als Harrys Worte sich wie ein Dolch in sein Herz bohrten, in seinem Geist dröhnten wie ein Donnerhall, wieder und wieder. "Lily wird nicht da sein!" So laut, dass er die leisen Worte des Mädchens fast überhört hätte, doch sein Verstand registrierte sie.
"Glaubst du, sie ist glücklich, dort wo sie jetzt ist?"
Und plötzlich gab es nichts mehr, das wichtiger war, als Harrys Antwort. Er musste sie hören, drängte alles andere beiseite.
"Ja, sie ist glücklich! Und mein Vater auch."
Seltsamerweise war es der zweite Satz, der jeden Zweifel vertrieb. Und mit einem Mal durchflutete ihn unbändige Erleichterung. Der Tod hatte ihre Liebe nicht zerstört. Die entsetzliche Schuld, die schon so lange an ihm nagte, ihn innerlich auffraß, verblasste, gab ihn frei.
Sein Herz schmerzte noch, aber das konnte er ertragen. Er würde sie also nicht wiedersehen, zumindest nicht so, wie er es sich erträumt hatte. Sollte er den anderen Weg wählen? Ihnen in seiner jetzigen Gestalt entgegentreten?
Harrys nächste Worte vertrieben das Bild, das ihm plötzlich vor Augen stand. James, der mit ausgestreckter Hand auf ihn zu kam, um ihn willkommen zu heißen, während Lily ihn freudestrahlend umarmte.
"Und Sirius auch. Sie sind alle zusammen, auch Remus und Tonks."
Es zerplatzte wie eine zu groß geratene Seifenblase. Nein, dort hatte er nichts verloren. Wenn er schon dazu verdammt war, für alle Zeiten einsam zu sein, dann doch besser hier, in diesem Raum, den er liebte, der ihm ein wenig Geborgenheit vermittelte. Niemand würde ihn jemals hier finden. Auch die beiden nicht, wenn sie erst in ihre Welt zurückgekehrt waren.
Aber war es wirklich möglich, Naginis Gift zu besiegen?
Er lauschte weiter Harrys Worten und denen des Mädchens und genoss wieder das sanfte Streicheln ihrer Hand. Wie gut es tat, einmal etwas anderes zu verspüren als den Abscheu und Hass, der ihm gewöhnlich entgegengebracht wurde.
Er fühlte Harrys Blick, wusste genau, worauf der Junge wartete, was er empfand. Aber noch sah er sich nicht imstande, in diese Augen zu blicken, also hörte er einfach zu, bis Harry den Schnatz erwähnte und dann den Stein.
Wieviele Jahre hatte er selbst danach gesucht und wieder einmal war Albus ihm zuvorgekommen. Der Stein der Auferstehung! Deshalb also war sie dem Jungen erschienen!
Er öffnete die Augen, doch er war nicht gefasst auf den Gefühlssturm, den Harrys Anblick in ihm auslöste.
Anteilnahme, Mitgefühl und tiefes Bedauern lag in Harrys Blick. Er verabscheute sich selbst. Wie gut er dieses Gefühl kannte!
"Es tut mir so leid!", flüsterte Harry ein ums andere Mal.
Diesmal achtete er nicht auf seine Tränen.
"Ich wünschte so sehr, ich hätte es Ihnen nicht sagen müssen, aber ich konnt doch nicht zulassen ..."
Er brach ab und ließ den Kopf sinken.
"Ich glaub, ich hasse ihn!", stieß er schluchzend hervor und Snape erschrak zutiefst.
"Nein!", wollte er schreien, "das darfst du nicht. Es ist falsch!"
Wenn er doch nur sprechen könnte!
"Harry!"
Das Mädchen, sie hatte sich wieder vorgebeugt, strich jetzt dem Jungen übers Haar, und er suchte ihren Blick. Tiefe Erschütterung lag in ihren sanften braunen Augen. Sie hatte ihren Freund wohl noch nie so verstört gesehen.
Er sah sie an, schrie ihr seinen Wunsch förmlich entgegen und wieder begriff sie sofort.
"Harry! Harry, bitte beruhige dich. Professor Snape will dir etwas sagen!"
Aber der Junge schüttelte nur den Kopf und kauerte sich zusammen, als wolle er sich in sich selbst verkriechen.
Ratlos sah das Mädchen ihn an und dann begann sie ein weiteres Mal zu buchstabieren.
"H", ein Blinzeln.
"Harry?"
Ja. Wieder von vorn. "B"
"Bitte?"
"H", "I", "Hilfe?"
Und ihr Verstand setzte die Worte richtig zusammen.
"Harry, bitte hilf mir?"
Er blinzelte. Ja, genau das wollte er sagen. Er musste zulassen, dass der Junge tat, was immer er tun konnte, um sein Leben zu retten. Vielleicht gewann er zumindest seine Stimme zurück, um all das zu sagen, was er viel zu lange verschwiegen hatte.
James war kein schlechter Mensch gewesen. Er musste verhindern, dass sein Sohn so über ihn dachte.
"Harry, bitte hilf mir!"
Noch einmal wiederholte sie die Worte und endlich blickte der Junge auf.
Grüne Augen trafen auf schwarze, versanken darin.
Er versteckte sich nicht, ließ zu, dass Harry in sein Innerstes sah. Alles, was er fühlte, lag in seinem Blick. Der Schmerz, die Angst, die Hoffnungslosigkeit.
Und Harrys Herz öffnete sich ihm, zeigte ihm die tiefe Reue und die Scham, den Hass auf sich selbst und seinen Vater, den brennenden Wunsch, wiedergutzumachen, ihm zu helfen, ihm ein Freund zu sein!
Gefühlte Ewigkeiten sahen sie sich an, bevor er blinzelte. Ja sagte, zu allem, was der Junge ihm bot.
Harrys Herz schlug bis zum Hals. Nie hatte er sich einem anderen Menschen so nah gefühlt, wie Snape in diesem Moment. Als hätten ihre Seelen sich für ein paar kostbare Augenblicke verbunden. Der Ausdruck der schwarzen Augen bewies ihm, dass Snape es ebenso empfand. Sie teilten ihre Gefühle, verstanden ganz genau, was im anderen vorging.
Harrys Kehle wurde eng. So viel Verzweiflung und Selbsthass und die entsetzliche Einsamkeit, die Snape seit seiner Jugend begleitete, und die Hoffnung, all dem durch den Tod zu entfliehen.
Er hatte sie zerstört!
Und auf einmal existierte nichts mehr, außer dem Wunsch, wiedergutzumachen, zu helfen, ihm ein Freund zu sein. Und Snape sah ihn an und blinzelte.
Plötzlich fiel alle Scheu von Harry ab. Er streichelte sanft über Snapes eingefallene Wange.
"Ich will, dass du lebst, und dass du erkennst, wie wunderschön das Leben sein kann."
Eine Träne tropfte auf seine Hand, als Snape erneut blinzelte.
Harry wollte die Zeit anhalten, doch sie lief ihnen unaufhaltsam davon. Er musste sich förmlich zwingen, seinen Blick von Snapes Augen zu lösen und Hermine anzusehen, die ganz still dasaß, um den Zauber, der die beiden Männer verband, nicht zu zerstören.
"Ich werd deine Hilfe brauchen."
Er erkannte seine eigene Stimme kaum. Wie heiser sie klang! Noch einmal strich er behutsam über Snapes kalte Haut, dann atmete er tief durch, stand auf, griff in die Tasche seines Umhangs, und legte den eingewickelten Kopf neben die immer noch dampfende Tasse auf den Tisch.
Ein leiser Aufschrei entfuhr Hermine. Das Tuch war mittlerweile starr von geronnenem Blut.
"Bei Merlin, Harry, was ist denn da drin?"
Er löste den verklebten Stoff vorsichtig von der Schlangenhaut und schlug ihn zurück.
"Nagini!", keuchte Hermine entsetzt.
Snape starrte wie hypnotisiert in die toten Augen der Schlange.
Harry kniete sich wieder vor ihn, sodass er ihm den Blick auf den Tisch versperrte.
"Es ist sein Gehirn. Du musst es ...", Harry schluckte. Plötzlich erschien ihm die Vorstellung so widerlich, dass es ihm unmöglich war, den Satz zu beenden.
"Harry!", flüsterte Hermine. Sie war mittlerweile fast ebenso bleich wie Snape und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
"Du meinst, Professor Snape soll Naginis Hirn ... essen?"
"Ja!"
Harry achtete nicht weiter auf Hermine. Etwas in Snapes Augen fesselte ihn. Ein winziger Funke glomm in ihnen auf, fast als kehre das Leben zurück, ganz langsam breitete er sich aus, ließ die schwarzen Pupillen erstrahlen und Harry begriff. Schlagartig verschwand das mulmige Gefühl in seinem Magen, verwandelte sich in Genugtuung.
Ja, er hatte das Richtige getan! Auch wenn Hermine auf ihn einredete, als habe er den Verstand verloren.
"Harry, das ist doch vollkommen verrückt. Du willst doch nicht allen Ernstes dieses, dieses Ding da aufschneiden und ... igitt!"
Sie schüttelte sich angewidert.
"Wer hat dich nur auf diese absurde Idee gebracht? Du musst da irgendwas missverstanden haben."
"Nein, hab ich nicht! Die Anweisung war eindeutig."
Harry lächelte.
"Und ich glaube daran. Aber es geht hier nicht mehr nur um Heilung, Hermine. Es geht um viel mehr, hab ich recht?"
Er sah immer noch Snape an. Das Glitzern seiner Augen hatte sich noch verstärkt, beinahe ungeduldig blinzelte er und Harry nickte.
Er griff nach Naginis Kopf, betrachtete ihn einen Moment, und bohrte dann Daumen und Zeigefinder so in die Mundwinkel der Schlage, dass das Maul sich öffnete und die spitzen Zähne sichtbar wurden.
"Um Himmels willen, Harry! Was tust du denn da?"
Hermines Stimme klang fast panisch, aber Harry lächelte noch immer.
"Rache, Hermine. Rache und Vergeltung. Nagini hat seine eigenen Artgenossen gefressen und so die Kräfte der verschiedensten Arten auf sich übertragen. Was könnte gerechter sein, als das gleiche mit ihm zu tun und dadurch sein letztes Opfer zu retten?"
Hermine starrte ihn einige Sekunden schweigend an, dann beugte sie sich zu Snape hinunter und fragte: "Sie wollen das wirklich tun?"
Er blinzelte und augenscheinlich bemerkte auch sie die Veränderung in seinen Augen, denn sie warf Harry einen raschen Blick zu und lächelte dann ebenfalls.
"Na schön, dann bin ich wohl mal wieder überstimmt."
