Jinai: Da ich es heute nur einem Heizkissen, einer Wärmeflaschen und legalen Drogen verdanke, dass ich aufrecht sitze, hab ich Raffael heute mal in den Schrank gesperrt und fasse mich kurz. Mein Bett ruft.
Psychomantium: Jetzt kommen wir in die ruhigere Phase der Mission, da werden auch die Cliffhanger weniger. Lang wird sie sicher, wir haben ja noch nicht mal angefangen und sind schon bei Chap 9 von 20. Ja, da steht mir noch viel Arbeit bevor ... und dir viel Spaß beim Lesen ^-^
Rated: T
Disclaimer: Alles bis auf meine OCs gehört Katsura Hoshino. Ich verdiene kein Geld mit dieser FF.
9. Schönen guten Tag auch
„Das darf doch nicht wahr sein", murrte Kie und duckte sich hinter einen Tisch. „Kopf runter!"
Er drückte dem Jungen neben sich den Kopf hinunter, der gerade versucht hatte, über den umgestürzten Tisch hinwegzuspähen. Der mochte vielleicht gerade mal dreizehn oder vierzehn sein und schien viel zu neugierig für sein eigenes Wohl zu sein. Immerhin standen sie hier unter Beschuss.
Eigentlich hatte Kie gedacht, sie wären aus dem gröbsten raus, nachdem Kanda nicht mehr in Polizeigewahrsam festsaß und sein Schwert zurückbekommen hatte. Während Johnny weitergeleitet hatte, worum er gebeten wurde, hatten sie den Rest der Nacht auf den Kirchenbänken verbracht und versucht zu schlafen. Zum Glück hatte es keine Mitternachtsmette oder ähnliches gegeben, sodass sie ihre Ruhe gehabt hatten, auch wenn dabei nicht viel herausgekommen war. Auf Kies Seite zumindest nicht, denn er war irgendwann zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang endlich eingeschlafen und dann fast sofort wieder geweckt worden. Die Sonne war aufgegangen und Kanda brannte darauf, diesen Kontinent endlich verlassen zu können.
Von ihrer Verstärkung hatten sie immer noch nichts gehört und auch im Orden wusste man nichts mehr, seit sie in Frankreich den Zug nach Paris bestiegen hatte, aber das interessierte den Japaner herzlich wenig. Wenn niemand kam, sah er auch nicht ein, warum er noch länger warten sollte, also hatte er sich einfach auf den Weg zum Hafen gemacht und Kie hatte ihm wohl oder übel folgen müssen.
Sie hatten ja auch tatsächlich noch zwei Plätze auf einer Fähre bekommen und es war außerdem eine sehr hübsche Fähre gewesen. Da die Fahrt eineinhalb Tage dauern würde, hatte man für die Passagiere ein kleines Bordcafé eingerichtet, wo man Kaffee trinken und frühstücken konnte. Es wäre sehr friedlich verlaufen, wenn nicht ungefähr eine Dreiviertelstunde nach dem Verlassen des Hafens am Horizont eine dunkle Wolke aufgetaucht wäre. Nur eine winzige, wie ein Schwarm Zugvögel, aber Kie hätte einiges dafür gegeben, wenn es tatsächlich Zugvögel gewesen wären.
Bei dem Glück, dass sie hatten, hatte es sich natürlich als ein Schwarm Akuma herausgestellt, der die Fähre angriff. Nach dem Motto 'Schieß nur oft genug, du wirst schon was treffen' hatten sie angefangen, wahllos auf die an Bord versammelten Menschen zu schießen, die natürlich nirgendwohin ausweichen konnten. Einigen war es gelungen, sich unter Deck zu retten – und zum Glück hielt das Deck noch stand – andere hatten sich hinter behelfsmäßigen Schutzschildern verbarrikadiert: Tischen, Schränken, Sitzbänken. Die Kapitänskajüte war so voll, dass es ein Wunder war, dass der Kapitän überhaupt noch steuern konnte.
Nur weil Kanda die Akuma höchst erfolgreich ablenkte, konnten die Menschen sich überhaupt verstecken. Die Möbel hätten ihnen wohl sonst nicht lange Schutz geboten, aber das Ziel der Akuma war ja offensichtlich und das sprang gerade wieder an der Backbordseite auf Deck, rollte sich ab und lief quer über das Deck zur Steuerbordseite.
„Er soll ja weiterhin Kurs halten!", schnauzte Kanda den Finder knapp an und war mit einem Satz auf der Reling und mit dem nächsten auf einem Level 1. Dann verschwand das Level 1 in einer Explosion und ein Schatten huschte weiter.
„Freundlich und zuvorkommend wie immer", murrte Kie und griff nach dem Kragen des Jungen, der gerade zur Reling laufen hatte wollen. „Nichts da, du bleibst schön hier", ordnete der Chinese entnervt an und schob den Jungen kurzerhand zu einer Frau hinüber, die hinter einem Schrank kauerte. „Passen Sie auf ihn auf", wies er diese an, bevor er selbst wieder Schutz hinter dem Tisch suchte. Sobald er sicher war, dass die Akuma ihn nicht sehen würden, hastete er zur Kapitänskajüte hinüber, riss die Tür auf, quetschte sich hinein und zog die Tür wieder zu.
Die Leute protestieren sehr unkollegial gegen ein Auftauchen, da es jetzt noch enger hier drin wurde, aber Kie schob sich stur zu dem Kapitän vor. „Sind wir noch auf Kurs?", fragte er abgekämpft und rot im Gesicht.
„Was?", gab der Kapitän überrascht von sich. Offensichtlich hatte er daran überhaupt nicht mehr gedacht.
„Hören Sie", erwiderte Kie, der keinen Nerv mehr für Freundlichkeit hatte, „er will, dass sie die Fähre auf Kurs halten." Der Finder deutete auf Kanda, der gerade durch ein weiteres Akuma schnitt. „Und wenn er das will, dann sollten Sie dem vielleicht besser nachkommen. Immerhin beschützt er gerade Sie, Ihre Schaluppe und die Menschen hier."
Das schien dem Mann einzuleuchten – wenigstens ging Kie davon aus, denn er nickte und korrigierte seinen Kurs leicht. „Halten Sie bloß Kurs auf Mostaganem", riet er noch einmal eindringlich und bahnte sich wieder einen Weg nach draußen. Das war zwar gefährlicher, als hierzubleiben, aber er war Finder. Den Platz hier drin überließ er besser der völlig verängstigten Frau und dem Jugendlichen, dessen Hand sie glücklicherweise noch fest umklammert hielt.
Sobald er die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, drehte der Chinese sich um und suchte wieder das nächstbeste Versteck auf. Er versuchte, die verbliebenen Akuma zu zählen, kam aber nicht weit, da sie ständig durcheinander schwirrten. Seiner Schätzung zufolge war es noch ungefähr ein Dutzend, das das Schiff umkreiste, aber dann stach ihm etwas anderes ins Auge.
„Oh nein", murmelte er im ersten Moment. Dieser Vogel da am Himmel hinter dem Heck war viel zu groß für ein Tier – das musste ein Level 2 sein. Als er näherkam, stutzte Kie jedoch. Diese Flügel kamen ihm bekannt vor.
oOo
Kanda bemerkte erst gar nichts von dem Auftauchen des Neuankömmlings. Er hatte genug damit zu tun, sich auf dem Rücken der Akuma zu halten und dann rechtzeitig das Weite zu suchen, bevor sie durch den präzisen Einsatz von Mugen explodierten. Zu oft durfte er nicht auf dem Deck landen, denn die Akuma versuchten, ihn immer im Visier zu behalten und würden dann auch die Fähre treffen. Während er sich also jedes Akuma einzeln vornehmen musste, versuchten ständig mindestens fünf von ihnen, ihn dabei abzuschießen.
Erst als eines der Akuma am Rande seines Blickfelds von selbst explodierte, ganz ohne sein Zutun, merkte er auf, tat es aber zuerst als Querschläger eines anderen Akumas ab, das versucht hatte, ihn zu treffen, dabei aber einen seiner Artgenossen abgeschossen hatte. Bei der zweiten Explosion eines Akumas im gleichen Bereich ohne seine unmittelbare Beteiligung konnte er das nicht mehr mit einem verirrten Geschoss erklären.
Dadurch verabsäumte er es, von dem Akuma zu springen, dem er gerade Mugen in den ballonförmigen Kopf gerammt hatte, und wurde von der Explosion verschlungen. Feuer brannte sich in seine Haut, während er von der Druckwelle davongeschleudert wurde und in einem hohen Bogen durch die Luft flog, direkt aufs offene Meer hinaus.
Ein Ruck ging durch seinen Arm, dann baumelte er mitten in der Luft, gehalten an seinem Handgelenk. Einen Moment lang war Kanda zu verblüfft, um das zu bemerken, dann blickte er auf.
Rote Schwingen. Schwarze Uniform. Eine ungezähmte Masse schokoladenbraunen Haars.
Diesmal war es ganz sicher keine Täuschung. Komui hatte ihm Jinai hinterher geschickt.
Sie schien ihre eigenen Pläne zu haben, denn sie sagte nichts, sondern flog eine Schleife und hielt auf die verbliebenen Akuma zu, ohne sein Handgelenk loszulassen. Der Japaner erkannte binnen Sekunden, was sie vorhatte – sie hielt nicht seine Schwerthand.
Zwei Kaichuu Ichigen später landeten sie auf dem qualmenden Deck der Fähre und Jinais Flügel verschwanden wieder unter ihrer Uniform. Kanda, in Ermangelung eines Ersatzes für Mugens Schwertscheide, schob das Schwert wieder durch die Schlaufe an seinem Gürtel, die als provisorischer Ersazu herhalten musste. Mit einem einzigen Schritt stand er der Exorzistin genau gegenüber und hatte ihr Kinn umfasst und hochgehoben.
„Was ist mit deinem Gesicht passiert?" Seine Stimme war eiskalt.
„Schönen guten Tag auch, freut mich, dich wiederzusehen, danke, dass du mich vor einem Bad im Atlantik bewahrt hast", gab Jinai spöttisch zurück und entzog sich seinem Griff.
„Wer hat das getan?"
„Oder wie wäre es mit: 'Es tut mir leid, dass ich Komui weisgemacht habe, du würdest einen Rückzieher machen, und dass ich einfach abgehauen bin'? Du kannst es dir aussuchen."
„Wovor hast du Angst?"
„Versuchst du gerade das Thema zu wechseln, um dich nicht entschuldigen zu müssen? Schäm dich, ich hätte mehr von dir erwartet."
„Wenn ihr dann fertig seid …", mischte sich eine weitere Stimme trocken ein. Kie stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am Rande des kleinen Schlachtfelds, auf dem Kandas und Jinais persönlicher Verbalkrieg stattfand.
„Kie! Ich wusste gar nicht, dass du auch hier bist", sagte Jinai nun wesentlich freundlicher und brachte sogar ein kleines Lächeln zustande.
„Und ich wusste nicht, dass man dich als Verstärkung schicken würde", gab der Chinese genauso freundlich zurück. „Soll ich mir die Verletzungen in deinem Gesicht mal ansehen?"
„Nein", knurrte Kanda.
Jinai warf ihm einen Blick zu, der alles und nichts bedeuten konnte, und meinte dann: „Danke, aber das verheilt schon von alleine. Erzähl mir lieber, wieso ihr noch hier seid. Ich war darauf eingestellt, euch in Afrika suchen zu müssen. Gab es Schwierigkeiten?"
Während sie mit Kie plauderte, schien sie Kandas Anwesenheit vollkommen vergessen zu haben. Und auf seine Fragen hatte sie auch nicht geantwortet. Ein wenig verärgert sah der Japaner zu, wie sie über das Deck spazierte, sich mit Kie unterhielt und dabei ganz zu vergessen schien, dass sie gerade gegen Akuma gekämpft hatten, dass die Passagiere sich noch immer nicht an Deck trauten und dass ihr Gesicht aus lauter blauen Flecken und Kratzern bestand.
Hallo? Du solltest dich eigentlich bei ihr entschuldigen, stauchte ihn sein Unterbewusstsein zusammen.
Sie unterhält sich doch gerade so angeregt.
Jetzt schmoll nicht. Sie würde sich mit dir unterhalten, wenn du dich gleich entschuldigt hättest.
Das würde sie nicht. Du musst es doch auch gesehen haben.
Was hätte ich sehen sollen?
Sie hat Angst vor mir.
oOo
Jinai bemühte sich angestrengt, sich auf Kie zu konzentrieren. Es war zwar weder fair dem Finder gegenüber, noch Kanda gegenüber, aber was sie befürchtet hatte, war eingetreten: Kaum hatte sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, hatte sie die Schmerzen wieder gespürt, die das Akuma mit seinem Gesicht ihr zugefügt hatte, und kalte Angst hatte sie ergriffen, gegen die die Vernunft nicht ankam. Sie sollte wütend auf ihn sein, weil er sie zurückgelassen hatte, sie sollte ihm Vorwürfe machen, mit ihm streiten, ihm sagen, wie sie für ihn empfand – und sie suchte ihr Heil in der Flucht.
„Warum denn dringt und dringet wieder
Mir Todesangst durch Mark und Bein?
Was rieselt durch die starren Glieder
Und schüttelt mich wie Fieberpein?"
Kie brach ab und Jinai drehte sich um. Hinter ihr stand die Person, zu der diese Stimme gehörte; ein großer Mann, irgendwo zwischen fünfundzwanzig und dreißig, mit kastanienrotem Haar und einem freundlichen Lächeln im Gesicht.
„Schönen guten Tag auch", grüßte er jetzt. „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts."
Jinais Augenbraue wanderte ein Stück nach oben. Der Mann lächelte immer noch und verströmte dabei eine Aura von Gutmütigkeit, die irgendwie sehr beruhigend wirkte. „Was haben Sie da zitiert?"
„Eine Zeile aus Friedrich Theodor Vischers Gedicht 'Angst'. Ich fand es sehr passend."
„Passend wofür?"
„Für den Ausdruck in Ihrem Gesicht, als Sie mit dem Herrn gesprochen haben, der mir jetzt Löcher in den Rücken starrt", erwiderte der Mann namens Hase ohne eine Spur von Verärgerung oder Sarkasmus. „Sie kamen mir nicht gerade glücklich vor."
„Und wer sind Sie, dass Sie das beurteilen können?", fragte Jinai, jetzt ein wenig besorgt, weil er das so leicht erkennen hatte können. Hatte Kanda es auch erkannt?
„Verzeihen Sie. Mein voller Name ist Korbinian Hase, ich bin Journalist und Student der deutschen Dichterkunst. Man neigt dazu, Situationen mit bestimmten Gedichten zu vergleichen, wenn man sich zu lange mit dieser Thematik beschäftigt."
Ein seltsamer Vogel, dachte Jinai, aber einer, der harmlos zu sein scheint. Auch wenn er ein wenig zu scharfe Augen hat. „Was führt einen Journalisten nach Mostaganem?"
„Mostaganem ist für mich nur eine Zwischenstation", antwortete der Mann zuvorkommend. „Ich begleite eine Expedition durch die westliche Sahara, die in Ouargla beginnt."
„Oh, dann ist es wohl eine Forschungsreise?", erkundigte sich Jinai halb aus Interesse, halb aus Höflichkeit. Interesse deshalb, weil der Mann von Ouargla gesprochen hatte.
„Nein, eigentlich nur eine Banalität, eine Erkundung des Geländes für eine neue Bahnstrecke, aber für mich bietet sich dadurch die Gelegenheit, die Sahara zu erkunden – und ihre Bewohner!"
„Ihre Bewohner?"
„Die Touareg! Die blauen Herren der Wüste!", erzählte der Mann mit leuchtenden Augen. Wenn er einen mit diesem Blick ansah, wirkte er geradezu mitreißend. „Colonel Flatters' Expedition führt ihn genau durch ihr Gebiet und wenn ich nur die Gelegenheit hätte, mit ihnen zu sprechen … Mein Artikel über sie würde bestimmt ein vollkommen anderes Bild zeichnen als die übliche Hetzpresse. Es ist ihr Land, das wir uns nehmen, und nicht umgekehrt, aber sie werden immer wie Diebe, Heiden oder Räuber dargestellt – niemand interessiert sich für ihre Seite der Gesichte, verstehen Sie?"
Jinai und Kie hatten schon bei der Erwähnung von Colonel Flatters einen wachsamen Blick getauscht. Ein Journalist, der die Expedition begleitete, auf der sie Flatters vor Akuma beschützen sollten? Das klang nicht gerade vielversprechend.
„Von Mostaganem nach Ouargla ist es aber nicht gerade ein Katzensprung", bemerkte Jinai skeptisch. „Das ist noch eine ganz schön lange Reise, die Sie da vor sich haben."
„Ich habe ja noch etwas Zeit, Colonel Flatters bereitet seine Expedition ja noch vor. Und wenn ich die vierhundert Meilen erst einmal zurückgelegt habe, die noch zwischen Mostaganem und Ouargla liegen, haben ich es sowieso nicht mehr eilig. Dann passe ich mich der Geschwindigkeit der anderen Expeditionsteilnehmer an. Allerdings …" Er musterte sie mit einem nachdenklichen Blick.
„Allerdings?"
„Wenn mir auf dem Weg noch einmal solche Wesen wie gerade eben begegnen, hätte ich lieber jemanden wie Sie dabei, die sie bekämpft. Wollen Sie nicht für mich arbeiten? Ich würde Sie natürlich großzügig entlohnen."
„Ich muss Sie leider enttäuschen, Herr Hase, aber wir wurden bereits angeheuert. Wir begleiten nämlich ebenfalls Colonel Flatters' Expedition", meinte Jinai lächelnd, woraufhin Hase ebenfalls lächelte.
„Was sagt man dazu. So bekomme ich Begleitschutz und das auch noch umsonst."
„Eines muss ihnen aber klar sein", warf Kie ein, der die ganze Zeit stillschweigend zugehört hatte. „Sie dürfen unter keinen Umständen irgendjemandem gegenüber ein Wort über unsere Arbeit verlieren. Und erst recht nicht in Ihren Artikeln."
„Wieso? Verwenden Sie dann ihre Kräfte, um mich zum Schweigen zu bringen?", scherzte Hase.
„Kanda würde das mit Vergnügen übernehmen, wenn man ihn darum bittet, oder was denkst du?", fragte Kie Jinai ganz beiläufig.
„Aber sicher würde er das", entgegnete die Exorzistin im gleichen Tonfall.
Hase drehte sich daraufhin zu dem zweiten Exorzisten um, der immer noch ein Stück weit entfernt an der Reling stand, den Blick starr auf ihn gerichtet. Jinai konnte sich denken, was dem Reporter gerade durch den Kopf ging, nämlich genau dieser Blick, der einem durch Mark und Bein ging. Selbst die mutigsten ließen sich davon einschüchtern, besonders wenn sie wie Hase gerade gesehen hatten, wie gut der Exorzist mit dem Schwert umging.
„Sie haben doch sicher Gerüchte um einen gemeingefährlichen Verbrecher gehört, als sie in Gibraltar waren, oder?", fügte Kie lauernd hinzu. Jinai verstand nicht, worauf er hinaus wollte, aber der Deutsche schien es zu verstehen, denn er wurde ein bisschen blasser im Gesicht und wagte es nicht, sich ein zweites Mal zu Kanda umzudrehen. Er schaffte es nicht einmal, die Frage zu formulieren, die er zweifelsfrei stellen wollte, als er den Mund öffnete. „Oh ja, das war er", erklärte Kie mit einem Tonfall, der boshafte Genugtuung andeutete, und lächelte.
„Alles klar, schon verstanden", erklärte der Journalist dann geläutert, nickte und suchte sich einen Platz weiter weg von dem Japaner.
Jinai drehte sich zu Kie um. „Sag mal, was ist eigentlich alles passiert, während ihr alleine wart? Ein Verbrecher?"
„Ach, das war ein Missverständnis", winkte der Finder ab. „Ein Akuma hat die Gestalt eines anderen Exorzisten angenommen, um sich ihm nähern zu können, und ist dann mit seinem Blut auf den Kleidern vor ihm weggelaufen gelaufen, woraufhin die Stadtbevölkerung an ihm Lynchjustiz üben wollte. Er wurde zum Glück nur eingesperrt und Komui konnte ihn da wieder rausboxen."
Die Augenbrauen der Exorzistin waren bei jedem Wort höher gewandert. „Eingesperrt?", echote sie ungläubig. Der Japaner hatte sich einsperren lassen?
„Nur einen Tag und eine Nacht lang. Wie gesagt, Komui hat alles geregelt", erwiderte Kie beruhigend. „Was mich allerdings interessieren würde, wäre, wessen Gestalt das Akuma angenommen hat. Darüber schweigt er sich nämlich aus."
„Das kann ich mir schon vorstellen", murmelte Jinai leise.
„Was?"
„Ich sagte, das hat ein Akuma auch bei mir versucht", redete sie sich rasch heraus. „Mit dem Aussehen eines anderen Exorzisten hat es mich vom Zug weggelockt, dann hat ein zweites mich von hinten niedergeschlagen und ich verlor das Bewusstsein. Wieder aufgewacht bin ich in einer Kiste, die sie in einen See versenkten."
„Um Himmels Willen, ist alles in Ordnung mit dir?", fragte Kie nun ehrlich bestürzt und besorgt.
„Alles bestens, ich bin ja nicht ertrunken, wie du siehst. Nur ein bisschen müde, denn der Zug war natürlich weg. Also bin ich von Poitiers bis nach Gibraltar geflogen."
„Und woher stammen dann die Schürfwunden und blauen Flecken in deinem Gesicht?", hakte der Chinese skeptisch nach.
„Davon, dass ich das Akuma getötet habe, das sich für einen Exorzist ausgab", entgegnete Jinai lapidar.
„Damit bist du Kanda um ein Akuma voraus. Das Akuma, das ihm Mugens Schwertscheide entwendet hat, ist spurlos verschwunden", meinte Kie bedrückt.
Fast so, als ob das seine Schuld wäre, dachte Jinai verwundert.
Der Junge hat Verantwortungsbewusstsein.
'Der Junge' ist älter als ich, also red nicht so blödes Zeug.
Hey, ich mag ihn.
Und das heißt?
Wenn ich Mitleid mit ihm habe, nenne ich ihn 'Junge'.
Was ist denn das für eine verquere Logik?
Deine.
Hmpf.
„Sieht so aus, als wäre diese Mission nicht gerade von Erfolg gekrönt", seufzte Jinai. „Und dabei hat sie noch nicht einmal begonnen."
„Ich sehe das anders", entgegnete Kie und schüttelte den Kopf. „Sie wird von überwältigendem Erfolg gekrönt sein, gemessen daran, wie verzweifelt die Akuma uns davon abhalten wollen, weiterzureisen."
Jinai musterte ihn einen Augenblick lang, dann lächelte sie. Es verzerrte die schmerzhaft aussehenden Prellungen und Abschürfungen in ihrem Gesicht und sah dadurch irgendwie trostlos aus. „Das ist eine interessante Sicht der Dinge." Dann gähnte sich hinter vorgehaltener Hand, was die blauen Flecken noch grotesker verzerrte. Es schmerzte, so viel zu sprechen und ihre schmerzenden Muskeln ständig zu bewegen, aber Jinai wollte sich so wenig wie möglich davon anmerken lassen. Gegen die Müdigkeit hingegen konnte sie nicht besonders viel ausrichten.
Bett.
Klingt gut, stimmte sie ihrem Unterbewusstsein erschöpft zu. Es hatte ihr alles andere als gut getan, sich nach der Tracht Prügel einfach auf das brach liegende Feld fallen zu lassen und dort zu schlafen.
„Willst du dich nicht ein wenig ausruhen?", bot Kie ihr stirnrunzelnd an. „Du siehst ziemlich erschöpft aus."
„Ist es so offensichtlich?", versuchte Jinai leichthin zu scherzen, was ihr aber nicht so wirklich gelang. „Nun ja, ich schätze, es würde mir gut tun nach dem langen Flug."
„Nachdem du von Poitiers hierher geflogen bist – eindeutig ja", meinte der Finder lächelnd. „Komm, du kannst dich in unserer Kabine hinlegen."
Jinai nickte abwesend. Ihr war gerade klar geworden, dass sie einfach auf dem Schiff gelandet war, ohne sich zu überlegen, wie es dann weitergehen würde. Sie hatte kein Ticket, keine Kabine, gar nichts gebucht. Andererseits war sie inzwischen so müde, dass sie auch quer über einer Taurolle liegend geschlafen hätte.
Kie führte sie unter Deck, wo ein langer, schmaler Gang längs durch das Schiff führte. Viele Türen lagen auf beiden Seiten des Ganges und der Chinese öffnete eine ziemlich weit hinten auf dem Gang, die man erst erreichte, wenn man eine weitere Tür geöffnet hatte. Sie trennte die erste Klasse von den anderen Kabinen und war nicht für jedermann zugänglich. Ihre Kabine war mit zwei schmalen, aber sehr bequem aussehenden Kojen ausgestattet und Kie wünschte Jinai eine gute Nacht und zog sich taktvoll zurück.
Es war noch nicht einmal Mittag, aber danach war von der Exorzistin für den Rest des Tages nichts mehr zu sehen. Sie befanden sich mitten im Mittelmeer, das zwar auf Weltkarten nicht besonders groß aussah, aber trotzdem nicht viel Abwechslung bot, und dementsprechend wenig war auch von schönen Küstenlinien zu sehen, die einen ein wenig abgelenkt hätten. Kie war froh, als die Sonne unterging und er unter Deck gehen konnte, um sich selbst für die Nacht hinzulegen.
„Was glaubst du eigentlich, was du da tust?", durchschnitt eine stählerne Stimme die Stille, als er gerade die Tür zum Abteil der ersten Klasse öffnen wollte.
Erstaunt drehte sich Kie zu Kanda um. „Ich gehe schlafen."
„Aber sicher nicht da drin. Du gehst hinauf und suchst dir an Deck eine Ecke, wo du Wache halten kannst. Ich will dich hier unten nicht sehen." Und damit war die Unterhaltung für Kanda beendet; er ging an dem Finder vorbei und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Das wäre ja noch schöner, wenn er zulassen würde, dass Kie es sich in der Kabine gemütlich machte, in der Jinai schlief.
Jinai: Irgendwie tut mir Kie ja leid. Er ist das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen und Kanda springt nicht gerade nett mit ihm um. Aber was stellt er auch Jinai nach, tse.
