9. Sehnsucht, Zweifel

Hermine ging unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Sie wartete seit fünf Wochen auf die Erfüllung ihrer Wünsche. Drei Jungen, nur drei hatten die Worte des Pergaments aus jener Nacht erreicht und zu Hermine geschickt.

Bei Ginny anscheinend standen alle Schlange. Unter anderem auch einige, die Hermine gerne bei sich gesehen hätte.

Sie verstand nicht, warum es bei ihr nicht wirkte. Hatte sich dem Wesen gegenüber etwas falsch gemacht? Hätte sie ihm doch ihre Seele geben sollen?

Hermine gab sich eine Ohrfeige. So durfte sie nicht denken. Ron kam regelmäßig und bot ihr all seine Liebe, Harry war noch einmal da gewesen, und Viktor hatte sich vor einer Woche ein Zimmer in Hogsmead genommen, um sie jede Nacht zu besuchen, wenn Ron nicht da war.

Manchmal schämte sie sich, weil sie nicht treu war. Aber die andere Seite der Medaille sah eben besser aus. Verführerischer, aufregender.

Es klopfte. Hermine stürzte zu ihrem Schreibtisch, nahm die nächstbeste Liste und sagte mit zitternder Stimme „Herein".

Ein blonder junger Mann kam herein.

„Malfoy? Du hier?".

Hermine tat überrascht, ihr Herz machte aber einen Luftsprung.

„Tu nicht so scheinheilig. Du hast auf mich gewartet."

Sie grinste.

„Acht Jahre."

Malfoy nickte.

„Das wusste ich."

Er kam zu ihr und zog sie an sich.

„Hast du auch...?"

Hermine öffnete einen Bücherschrank, welcher den Eingang zu ihren zwei Wohnräumen frei gab.

Draco grinste.

Nach einer Weile war Hermine vorerst zufrieden und ließ ihn gehen. Er versprach, wiederzukommen.

Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen schlug das Mädchen wütend auf ihr Kissen.

Ein Slytherin! Malfoy! Wie konnte ich nur?!

Sie verfluchte erneut die höheren Mächte. Und grinste dann. Er war gut, das musste sie zugeben.

Eigentlich konnte sie ja schon fast zufrieden sein. Ron, Viktor, Harry, Draco. Das war eine gute Zahl an Jungen, die ihr – mehr oder weniger – zu Füßen lagen.

Sie ließ sich auf ihr Bett zurück fallen. In wenigen Stunden würde Ron wieder kommen.

Aber war das langatmig? Konnte ein Mensch so leben?

Hermine war noch keinem der Jungen wieder außerhalb ihres Bettes begegnet. Wie würden sie auf einander reagieren, wenn sie sich sahen. Würden die Jungen sich um sie streiten?

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In der großen Halle war es voll und lärmig. Hermine schritt selbstbewusst zum Lehrertisch und setzte sich neben den noch leeren Stuhl von Dumbledore.

Einst hatte ihr Stuhl Minerva McGonagall gehört, aber sie war für Hermine zurückgetreten und hatte sich ein Rentnerleben zu eigen gemacht. Angeblich gefiel es ihr gut, aber die Schule fehlte ihr. Dumbledore hatte der alten Verwandlungslehrerin angeboten, ins Schloss zu ihm zu ziehen, aber dann war nur eine getigerte Katze vor den Toren aufgetaucht. Nur die Lehrer hatten erfahren, dass McGonagall sich für ein Leben als Katze im Schloss Hogwarts entschieden hatte. Hermine hatte Krummbein strengstens untersagt, die noch ungewohnte Katze nicht zu sehr anzumachen, aber die Katze und der Kater verstanden sich blendend. Minerva, wie Hermine sie nannte, wohnte mit in ihrem Büro, lief aber manchmal im Schloss frei herum.

Dumbledore kam ebenfalls an den Tisch. Seufzend ließ er sich auf seinen thronartigen Sitz fallen und nahm sich eine Fleischkeule.

„Schlechte Nachrichten, Professor?", fragte Hermine.

„Es tat weh, Harry den Zauberstab abzunehmen."

Nachdenklich nickte die junge Lehrerin und schaute unbewusst Snape nach, der sich zum Slytherintisch bewegte und auf einen Schüler einredete.

„Es war die einzige Möglichkeit. Sonst hätte er nach Azkaban gemusst."

„Aber er hat den Fluch doch nicht ausgeführt. Nur versucht, ihn anzuwenden."

„Schlimm genug."

Der Schulleiter nahm sich ein Ei. Appetitlos drehte er es in der Hand.

„Ich habe gehört, bei den Muggel gibt es so etwas wie sozialen Dienst. Harry muss das auch machen, dann besteht die Möglichkeiten, das er seinen Zauberstab doch noch wiederbekommt. Momentan habe ich ihn in Verwahrung. Ich kann ihn nicht zerbrechen."

„Wer könnte das schon?"

Hermine sah Snape nach, wie er die Halle verließ. Wo Malfoy wohl schlief? Hatte er noch Kontakt mit seinem ehemaligen Lehrer?

Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Wenn er davon erzählte? Wenn sie Snape nicht mehr in die Augen sehen konnte, weil er sich über ihre Bettgeschichten lustig machte? Das war zu klären!

Ruckartig stand sie auf und schlug dabei Dumbledore den Becher fast aus der Hand.

„Verzeihung."

„Miss Granger, nicht so stürmisch mit einem alten Mann. Ach, worüber ich mit ihnen noch reden wollte, die junge Miss Weasley macht mir Sorgen. Mir wurde berichtet, sie erschient nicht mehr regelmäßig zum Unterricht. Wissen sie etwas darüber?"

„Bei mir war sie anwesend. Aber ich werde sie darauf ansprechen."

Sie verließ den Lehrertisch.

Draußen in der Eingangshalle stieß sie mit Lee Jordan zusammen, der ein hochrotes Gesicht hatte und den Zauberstab fest umkrallte. Die Flügeltüren der Schule fielen mit einem markerschütterndem Krachen hinter Michael Corner zu, der hinausgestürmt war.

„Mr. Jordan, ich meine Lee, was ist denn mir dir passiert?"

Noch immer wütend schrie der junge Mann laut.

„Es ist alles wegen Ginny. Dieser Corner macht sich in einer Tour an sie ran, dabei hat sie uns gesagt, sie sucht sich einen aus, und wir sollen verdammt noch mal nicht streiten."

„So, so. Hat sie das?"

Hermine fuhr sich durch die Haare. Als sie den Blick von Lee einfing, beruhigte er sich schlagartig.

„Miss Granger,-"

„Hermine genügt. Du bist ja kein Schüler mehr."

„Wir können das auch in deinem Büro weiterbesprechen...Hermine..."

Erst wollte sie begeistert zustimmen. Lee war nicht unattraktiv. Aber dann dachte sie an ihre bisherigen Romanzen und die Schuldgefühle Ron und sich selbst gegenüber.

„Nein, ich habe keine Zeit mehr."

Sie dreht sich auf dem Absatz um und marschierte die Treppe hoch.

Ärgerte sich ein bisschen und war gleichzeitig froh.

Es waren mehr als genug bisher.

In ihrem Büro atmete Hermine tief ein. Ein Anfang war gemacht. Sie musste nur noch den anderen Jungen widerstehen. Auch wenn es schwer war.

Dann fiel ihr das Gespräch mit Dumbledore ein. Ginny nutzte den Zauber aus, und schwänzte Unterricht.

„Miss Weasley, ich brauche sie im meinem Büro."

„Hermine-"

„Professor Granger, bitte."

„Ja, meinetwegen. Was soll ich denn bei ihnen?"

„Das werden sie dann erfahren."

Hermine wartete lange in ihrem Büro auf Ginny. Das kurze Gespräch im Gemeinschaftsraum war nicht gut gelaufen. Hermine ließ all ihren Frust an ihren Schülern aus und war streng wie nie. Ginny ging es wahrscheinlich viel besser, aber das half nicht.

Es klopfte zaghaft an der Tür. Ginny trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Du wolltest mich sprechen?"

„Ginny, was machst du in letzter Zeit hauptsächlich?"

„Lernen?"

Hermine kam um ihren Tisch herum und stellte sich dicht vor die Freundin.

„Dein Fehlen fällt auf. Das geht so nicht weiter."

Zu ihrem Erstaunen brach Ginny in Tränen aus.

„H-h-Hermine..."

Sie nahmen sich in den Arm.

„Sch...", flüsterte Hermine.

„Hermine, ich kann nicht so weiter machen. Lass uns zu Dumbledore gehen. Oder ich alleine."

„Nein, dass wirst du nicht. Er wirft dich raus! Mach wenigstens deinen Abschluss. Du hast nur noch drei Monate."

Aber Ginny schüttelte den Kopf so wild, dass ihre Haare Hermine ins Gesicht flogen. Sie befreite sich aus dem festen Griff ihrer Lehrerin und wich zurück.

„Du verstehst das nicht! Ich habe Sachen mitgemacht, die ich nur noch vergessen will. Aber die Jungen wollen immer mehr. Ich will nicht der Grund für einen Mord sein. Hast du vergessen? Mit allen Mitteln!"

Nein. Hermine hatte das sicher nicht vergessen.

„Du hast versucht, den Streit zu schlichten. Dadurch werden sie sich doch beruhigen."

Noch während sie das sagte wurde ihr klar, das der erhitzte Lee ihr das Gegenteil bewiesen hatte.

„Ginny... denkst du das Gleiche wie ich?"

Ginny sah sie nervös an.

„Du meinst, ich sollte nach Michael sehen?"

Hermine nickte.

Ginny stürmte mit wehenden Haaren davon.

Und wieder war es nicht zufriedenstellend verlaufen. Hermine biss verzweifelt in ihren Stift und schmeckte das Blei. Das konnte so nicht weitergehen.

Sollte sie doch zu Dumbledore gehen?

War Lee ein Mörder?

Oder Michael?

Es klopfte wieder.

Ron trat ein. Seine Ohren glichen seinem Haar und er senkte verlegen den Blick.

„Hallo Liebste."

Hermine kam zu ihm und strich ihm über die Wange. Bei ihm hatte sie wenigstens kein schlechtes Gewissen.

Aber etwas nagte in ihr. Ein Gefühl, dass Rons Liebe nicht echt war.

Nur gezaubert.

Nicht gefühlt.

Hermine schob die Gedanken beiseite und küsste ihren Freund zärtlich. Er würde sie ablenken. Und vielleicht war ja doch nichts mit Ginny und Lee.

Ron hatte noch immer rote Ohren. Irgendwie wurde er das nicht los, egal wie gut er Hermine kannte, oder wie sehr sie ihm beteuerte, dass das nicht peinlich war.

Ungeschickt stieg er aus seinen kastanienbraunen Boxershorts und schlüpfte zu Hermine unter die Decke.

Das muss man Malfoy schon lassen, dachte Hermine sarkastisch, wenigstens Verführen konnte er gut.

Aber Ron machte alles wieder gut, denn bei ihm konnte sich Hermine fallen lassen, hatte keine schlechten Gedanken und keine Gewissensbisse.

Sie betrog nur Harry, Draco und Viktor, denen sie ihre Liebe beteuert hatte und auf ihren Ruf warteten.

Verdammt!

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Ich weiß, ich habe mich lange nicht gemeldet, aber jetzt wird diese Geschichte doch noch zuende geschrieben!