Die Morgenstunden waren tintenschwarz und die Sterne sahen aus als hätte man sie mit silbernem Garn auf den Himmel gestickt. Weit hinter den Bergkuppen war der milchige Schimmer des anbrechenden Tags zu sehen und der Mond hing tief über der Eulerei. Es sah aus als wäre er auf der Spitze des Dachstuhls aufgespießt.

Den Kragen seines Mantels bis übers Kinn gezogen, lief Draco im Stechschritt über das Gelände. Bis die Hauselfen das Frühstück richteten und die ersten Frühaufsteher sich auf den Gängen blicken lassen würden, wollte er schon längst wieder im Gemeinschaftsraum der Slytherins sein. Es war besser, wenn niemand mitbekam, dass er täglich Post verschickte. Draco war misstrauisch geworden, hinter jeder Ecke sah er Schatten, neugierige Blicke durchbohrten ihn wie Messer und sein Kreis an Vertrauten war stetig kleiner und kleiner geworden.

Seit jener Nacht in der Dumbledore und Potter mit dem Amulett nach Hogwarts zurück gekehrt waren und er es nicht geschafft hatte den alten Greis zu töten, konnte er nicht umhin darauf zu warten, dass sein Versagen Früchte tragen würde und Unheil wie Wellen über sie hereinbrechen würde.
Er erinnerte sich noch allzu genau an den Knall mit dem Harry wenige Meter über ihm auf den Turm appariert war, das Rauschen von Dumbledores Mantel und die Gier in den eingesunkenen Augen des alten Mannes. Die Verkommenheit des Zauberers hatte in all seiner Schwäche so deutlich, so klar vor Draco gelegen und doch zitterte seine Hand, sein Atem überschlug sich und sein Herz flatterte.

Er war nicht bereit gewesen für diesen Auftrag, überfordert, verängstigt. Und alles musste so schnell gehen. Seine Mutter unterrichtete ihn davon, dass der Greis geschwächt sei und dass ihre Hoffnungen auf ihm ruhten. Er konnte das Bedauern in ihren Worten hören. Er war sich sicher sie hätte ihn gern von der Aufgabe befreit, aber es war nun mal sonst keiner in Hogwarts. Außer ihm, Draco. Seine Mutter versicherte, sie würden Leute schicken, so schnell es ginge. Aber schnell, würden wohl nicht schnell genug sein. Also war er es der Albus Dumbledore als gegenüberstand. Und als seine Mitstreiter schließlich eintrafen war ihr Widersacher längst verschwunden. Und mit ihm der Stein der Auferstehung.

Mit den Gedanken irgendwo zwischen dem jetzt und der unheilsamen Nacht damals, erklomm er die gewundene Treppe zur Eulerei und stieß die schwere Holztür auf. Flügelschlagen empfing ihn und vereinzelt regnete es Federn von der Decke. Eine legte sich sacht auf seine Schulter.

Den Brief in der Faust suchte Draco nach Alma, der Eule von Astoria Greengrass. Ihr braunes Gefieder wurde vom Morgengrauen und dem dunklen Stein der Wände vollends verschluckt, aber Alma kannte Draco und seine geheimen Briefe gut und wenn er sie nicht bald fand so würde die Eule ihn schon finden.

Sein heutiger Bericht an das Manor unterschied sich kaum von dem der letzten Wochen. Dazu musste man wissen, dass Draco nie von seinen Aufträgen schrieb, für den Fall, dass einer der Vögel abgefangen wurde. Die Entführung der Mädchen war in den Winterferien geplant worden. Der Ablauf stand längst fest als sie in die Schule zurückkehrten. Genauso hatte Draco es mit dem Bau des Verschwindekabinetts gehalten. Keine Kommunikation über den Flugweg.
Stattdessen berichtete er stehts in der gleichen Reihenfolge erst über die allgemeine Stimmung im Lehrkörper und der Schülerschaft. Dann über Potter, als drittes über Dumbledore und schließlich über außergewöhnliche Ereignisse oder andere wichtige Vorkommnisse, wobei er darauf achtete, dass sich seine Briefe in keinster Weise von denen eines normalen Schülers an seine Eltern unterschied.

Seine Nachrichten malten schon lange ein düsteres Bild. Doch seit dem Verschwinden von Granger und Weasley kippte die Stimmung innerhalb der Mauern unaufhaltsam.
Dieses bedrohliche Unheil erinnerte ihn wage an sein drittes Jahr, als die Dementoren Hogwarts umschwärmt hatten. Doch nun war es anders, stiller und schleichender. Man konnte es nicht so recht greifen, aber es brachte die Bewohner der Burg dazu schweigend, mit gesenktem Kopf durch die Gänge zu gehen. Freunde standen enger beisammen, Blicke wurden über die Schulter geworfen und nervöse Finger spielten unaufhörlich mit dem Zauberstab. Keiner fühlte sich sicher.
Es war wie die Ruhe vor dem Sturm.

Schnell knotete er den kleinen Umschlag um das Bein der Eule und schickte sie in den nebligen Morgen hinfort. Erschöpft fuhr sich der junge Mann mit der Hand über das Gesicht. Seit Monaten stand er so früh auf um diese Briefe abzuschicken. Langsam aber sicher begann die ständige Anspannung und Vorsicht an ihm zu zehren.

Als er wieder seinen Fuß auf die Steintreppe setzte, die ihn von der Eulerei zum Schloss zurückführte, schlang er erneut seinen schwarzen Mantel enger um sich. Immer wieder drehte er den Kopf um zu überprüfen ob ihn jemand gesehen hatte. Würde er Filch begegnen, so wäre es nur eine Frage von Stunden bis Dumbledore ihn noch strenger überwachen ließ. Es war Draco nicht entgangen, dass der kleine Dennis Creevey ihn auf Schritt und Tritt verfolgte. Und auch Mrs Norris war häufiger in den Kerkern gesichtet worden.

Als der Slytherin die Tür ins Schloss aufstieg waren erst wenige Schüler in den Gängen, genau wie er es sich erhofft hatte. Die meisten liefen mit müden, verhangenen Augen an ihm vorüber und schienen alles um sie herum gar nicht richtig wahrzunehmen.
Draco wünschte Schlaf wäre noch immer eine Zuflucht.

In der großen Halle angekommen, setzte er sich neben Blaise, bestrich seinen Toast mit Butter und lies ein noch brutzelndes Spiegelei aus einer Pfanne auf seinen Teller fliegen.
"Hast du Creevey heute schon gesehen?"
Blaise nickte: "Er ist dir nicht gefolgt, falls du das meinst." Er nahm einen großen Schluck aus seiner Tasse.
Draco nickte nachdenklich: "Es fühlt sich einfach nicht an als würden wir noch lange unentdeckt bleiben, meinst du nicht auch?"

Theo, der gegenüber von Blaise saß flüsterte tonlos: "Es ist immer nur eine Frage der Zeit und ehrlich gesagt: Unsere Zeit ist sicher bald um." Er goss sich seinen zweiten Kaffee an diesem Morgen ein. "Hogwarts und seine Bewohner sind seit letztem Jahr alle nicht mehr so leichtherzig. Jetzt sind auch noch Granger und die Weasley weg. Selbst den Quidditchfanatikern und dem Tarot-Karten-Club dürfte inzwischen aufgefallen sein, dass wir ein düsteres Kapitel erreicht haben."
Draco zögerte, bevor er seinem Freund recht gab und sprach: " Mir sitzt das Grauen förmlich im Nacken. Aber wenn es uns hilft Fehler zu vermeiden, nicht leichtsinnig zu werden..."

Nach einigen Augenblicken des stillen Überlegens deutete Blaise mit dem Kinn zu einem der anderen Tische: "Wir haben einen Beobachter."
Der blonde Schüler nickte kaum merklich, den Kopf gesenkt, bevor er mit seinen grauen Augen langsam den kleinen Gryffindor suchte. Wenn man meinte, dass Colin Creevy anstrengend sei, war man noch nie seinem jüngeren Bruder begegnet. Selbstbewusst sah Draco nach oben, direkt in die erschrockenen Augen des Jungen. Dieser schien zwar vor Schock rot anzulaufen, doch versuchte er einen strengen Blick beizubehalten. Vor Überheblichkeit strotzend zog der Slytherin seine Augenbraue nach oben und konnte zusehen, wie Creevy immer verunsicherter auf seinem Platz tiefer rutschte. Er lächelte hämisch und zufrieden.

Erst durch ein Räuspern ließ Draco von dem Jungen ab und sah zu Theo der ihn tadeln musterte: "Von wegen vorsichtig sein und sich nicht sicher fühlen. Willst du ihn anstacheln oder was war das eben?"
Draco zuckte mit den Achseln: "Ein kleines Machtgeplänkel am frühen Morgen hat noch nie geschadet. Damit solche Leute wissen wo sie hingehören." Theo schüttelte den Kopf doch blieb für den Rest des Frühstücks ruhig. Man musste seine Kriegsschauplätze schlau wählen.

Die erste Stunde für die drei Slytherins an diesem kalten Morgen war Wahrsagen. Ohne jegliche Motivation machten sie sich auf den Weg zu dem weit entfernten Turm.

Einsetzender Regen prasselte auf das Dach und das Wetter glich auf erschreckende Art und Weise dem Innern einer Wahrsagekugel. Beides trist, undurchsichtig und von einem gräulichen Nebel durchzogen. Der schwere Geruch von Räucherstäbchen waberte durch den vom Kaminfeuer erwärmten Raum.
Gerade versuchte Trelawney den Schülern den Inhalt einer Tasse zu zeigen ohne die darin enthaltene Wahrsagung durcheinander zu bringen, weshalb sie ihre dünnen, mit Armreifen behängten, Handgelenke auf merkwürdige Weise verbog.
Aus den Augenwinkeln sah Theo wie Blaise seine Teeblätter amüsiert hin und her schob und damit jegliche Möglichkeit auf eine Wahrsagung zu Nichte machte.

Draco stierte gleichzeitig fast schon besessen in seine hellblaue Tasse bevor er verwirrt zu der Erkenntnis kam: "Anscheinend ist meine Zukunft ziemlich... schwarz?"
Blaise grinste breit: "Ich bin deine Vergangenheit, Gegenwart und wie es scheint auch deine Zukunft."
Theo fuhr sich mit der Hand übers Gesicht: "Was für ein Wunder... Es ist Schwarztee!"

Draco versuchte sein Lachen zu unterdrücken als er sah, dass die verrückt aussehende Lehrerin an ihren Tisch gelaufen kam.
"Mr Malfoy, Ihre letzte Hausarbeit war so vielversprechend, wie ich es immer schon von Ihnen erwartete habe. Endlich haben Sie ihrem inneren Auge Vertrauen geschenkt.", sprach Trelawney mit ihrer gewohnt verträumt-abwesenden Stimme. Ihre riesig erscheinenden, glasigen Augen waren vollkommen auf Draco fokussiert. Ein lila-farbener Umhang war um ihre dürre Gestalt gewickelt, welcher so gar nicht so ihren vielen giftgrünen Perlenketten passen wollte.
Mit langgestrecktem Hals beugte sie sich über ihn um einen Blick auf seine Teeblätter zu erhaschen und fragte: "Was sehen Sie?"

"Nun ja, ich denke ich kann erkennen, dass meine einzig wahre, große Liebe schon immer viel näher war als ich auch nur zu Ahnen wagte.", deklarierte Draco, mit einem verschmitzten Blick zu Blaise. Dieser, abgewandt von der verrückten Lehrerin, lachte leise in sich hinein. Theo neben ihm schüttelte gespielt ernst den Kopf, wobei ihn sein Schmunzeln verriet. Manchmal konnte er selbst nicht fassen, wie er ein Freund dieser beiden Wahnsinnigen sein konnte.
"Ohh, jaaaaa! Mein Lieber, ich sehe genau was Sie meinen.", raunte Trelawney entzückt, eindeutig von der Gabe ihres Schülers beeindruckt, "Aber da ist noch etwas. Sie sind in großer Gefahr. Sie sollten gut auf sich selbst achtgeben. Schon bald werden Sie mit einer schwierigen Situation konfrontiert, aus der es kein so leichtes Entkommen geben wird." Mit einem wohl aufheiternd gemeinten Klopfen auf seine Schulter entfernte sich die Lehrerin, nachdem sie sich die große, orangefarbene Brille zurecht geschoben hatte.

An dem kleinen runden Tisch war es für einen Augenblick leise und die drei Jungen sahen sich gegenseitig an, unsicher wie ernst das Gesagte zu nehmen war.
"Das prophezeit sie doch eh jeden der nicht bei drei auf dem Bau ist, oder nicht? Ihr ist bestimmt gerade nichts Besseres eingefallen.", versuchte Theo die merkwürdige Stimmung zu lösen.
Blaise nickte zustimmend: "Erst am Frühstück haben wir das gleiche gesagt, dafür braucht es keine Seher. Alle sind angespannt, und Trelawney hat die größte Freude daran so viele Hiobsbotschaften zu überbringen wie möglich." Er zuckte die Schultern. "Wenn es nach ihr ginge, wäre Potter schon hundert Tode gestorben."
"Also mich wundert auch das Potter es so lange gem-"

Theo wurde von einem kehligen, rauen Keuchen unterbrochen und fuhr herum. Zwei Reihen vor ihnen sackte Luna Lovegood in sich zusammen, als hätte man ihr die Fäden durchgeschnitten. Die Luft um ihre zarte Gestallt schien wie elektrisiert und die Kristallkugel in den Regalen schimmerten in einem unheilverheißenden Licht.

Trelawney war für einen Moment wie versteinert, dann rauschte sie, mit klappernden Armreifen und Perlen, an Lunas Seite. Vorsichtig zog die Lehrerin sie hoch und bettete ihren Kopf in ihren Armen. Das Mädchen starrte ins Nichts, die Augen weit aufgerissen und die Pupillen zu kleinen Pünktchen zusammengezogen. Wild zuckten sie hin und her, ihr Körper bebte.
Und dann, auf einen Schlag, wurde die Luft merklich kühler und der Rauch der Räucherstäbchen verschwand. Blaise stellte es die Nackenhaare auf als ein unverständliches Raunen durch das mucksmäuschenstille Zimmer zog. Lunas Mund bewegte sich langsam, und doch schienen die Laute nicht direkt von ihr zu kommen. Keiner wagte sich zu bewegen, nur Theo war vor Schreck hochgefahren und stand nun wie angewurzelt vor seinem Sitzkissen.

Und dann, so schnell wie es passiert war, war es auch wieder vorbei. Erneut drang die Wärme des Feuers an die drei Jungen heran und das unheimliche Murmeln fand ein Ende. Luna, wie eine Ertrinkende, schnappte mehrmals laut nach Luft, bevor sie panisch die Arme der Lehrerin von sich abschüttelte und versuchte sich aufzurichten. Ihre Gliedmaßen schienen ihr nicht ganz zu gehorchen. Sie zittert unkontrolliert und klappte wieder zusammen.

Trelawney hielt sie sachte fest und orderte eine der Ravenclaws überraschend souverän, im Krankenflügel Bescheid zu geben.
Das Mädchen stand hastig von ihrem Platz aus und stolperte aus dem Raum. Der Rest der Schülerschaft rührte sich noch immer nicht. Es war so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören.
"Die Stunde hat hiermit wohl ein recht unvorhergesehenes Ende genommen.", lies Trelawney schließlich verlauten, wieder verträumt wie zuvor. "Wir werden uns nächste Woche sehen."

Es dauerte noch einige Momente bis ein leises Rascheln auf kam und die Klasse zögerlich begann zusammen zu packen.
Draco warf einen Blick auf Theo, blass und erschrocken stand er da, und stopfte kurzerhand den Unterrichtsstoff seines Freundes in dessen Tasche und wies in Richtung Tür. Im Gehen wandte er sich noch ein letztes Mal um, außer Luna und Trelawney waren alle gegangen. Das Mädchen wirkte erschreckend klein in dem vollgestopften Raum. Verloren saß sie noch immer auf dem Boden.
Leise schloss er die Tür.

"Das war eine Prophezeiung...", brachte Theo hervor und strich sich zerstreut durchs Haar, "Luna ist eine Seherin?"
"Wer hätte es gedacht.", murmelte Blaise.
Draco, der einen Schritt vor seinen beiden Freunden lief bedachte beiläufig: "Wie entzückt Trelawney aussah, als ihr klar wurde, dass Loony eine Prophezeiung ausspricht."
"Ist das alles was du dazu zu sagen hast?!", flüsterte Theo rasch, doch als er die großen Augen seiner Freunde bemerkte räusperte er sich unsicher und fuhr fort: "Offensichtlich steckt ja wohl mehr in ihr als wir alle dachten." Der blonde Slytherin, augenscheinlich zufrieden mit der Erklärung, nickte kurz und drehte sich wieder nach vorne. Blaise jedoch sah noch immer zu Theo. Mit einer hochgezogenen Augenbraue und dem verschmitzten Lächeln wirkte er, als wüsste er mehr als Theo verlauten ließ?

Später beim Mittagessen war es seltsam ruhig in der großen Halle. Dumbledore, Trelawney und Pomfrey fehlten an dem großen Lehrertisch und die anderen Professoren sahen sich immer wieder unsicher an. Sie wussten wohl nicht so recht was in einer solchen Situation zu tun war.
Lunas Fehlen wurde am Ravenclawtisch von den Meisten wohl nicht einmal richtig bemerkt und doch vereinzelt sah man hin und wieder zusammengesteckte Köpfe.

Theo stocherte nachdenklich mit seiner silbernen Gabel in seinem Kartoffelpüree herum, während sich die anderen Slytherinschüler scheinbar unbeeinflusst den Bauch vollschlugen. Als der junge Mann kurz nach oben sah, traf er auf die grünen Augen von Pansy Parkinson, die ihn mit hochgezogenen Brauen fragend ansah. Mit einem Kopfschütteln gab er ihr zu verstehen, dass die Große Halle nicht der richtige Ort für dieses Gespräch war.

Viele hielten Pansy für eine verwöhnte, eingebildete Göre, doch wenn man sie gut kannte, lernte man eine ganz andere Seite kennen. Sie war zwar nicht eine der herzlichsten Personen, doch wenn es um die wenigen ging, die sie Freunde nannte, war sie zuverlässig, beschützend und unbeugsam. Man musste sich ihr Vertrauen erkämpfen, doch wenn man es einmal hatte, konnte man von dem schwarzhaarigen Mädchen uneingeschränkte Loyalität erwarten.

Nachdem sich langsam die Tische leerten und viele Schüler in ihren Nachmittagsunterricht verschwanden, saß Pansy noch immer einige Meter von den drei Jungen entfernt. Ihre Freundinnen Daphne und Millicent waren schon längst gegangen und trotzdem schien sie abzuwarten. Erst als sich Crabbe und Goyle von ihren Plätzen erhoben und mit einer gegrunzten Verabschiedung gingen, rutschte das Mädchen schnell auf den frei gewordenen Platz neben Blaise. Draco, der nebenbei seinen Pudding auslöffelte sah überrascht nach oben zu ihrer Mitschülerin.

"Können wir dir helfen?", fragte Blaise, der noch schnell sein Besteck auf den Teller legte, bevor dieser durch Zauberkraft vom Tisch verschwand.
Pansy sah sich geschwind um, ob noch jemand weniger freundliches in Hörweite war bevor sie sprach: "Ich denke ihr habt, sagen wir direkterer Quelle als ich mitbekommen, was mit der lieben Lovegood passiert ist?"
Die drei Slytherins nickten dem Mädchen zu, die Geschehnisse in der Wahrsagenstunde noch präsent in ihrer Erinnerung. Pansy bedeutete den Jungen mit einer Handbewegung näherkommen.

Mit gesenkter Stimme sprach sie langsam und überlegt: "Astoria hat mitgehört, dass sich Flitwick bei Slughorn beschwerte, dass Dumbledore weder ihn als Ravenclaws Hauslehrer, noch Trelawney, als Wahrsagerin an Lovegood ranlassen wollte. Wenn ihr mich fragt ist das doch schon seltsam." Mit einem Augenzwinkern stand sie auf, warf ihre Schultasche über ihre Schulter und lief selbstbewusst, mit schwingender Hüfte zwischen den Tischen hindurch und verließ ohne einen weiteren Blick die Halle.

Draco, Blaise und Theo, noch immer mit zusammengesteckten Köpfen sahen sich still an. Draco lehnte sich als erster wieder zurück und starrte nachdenklich zur verzauberten Decke hinauf. Die Wolken hingen tief und verblassten zu Nebel, weit über den Köpfen von Hogwarts Bewohnern.

"Das war es wohl mit einem ruhigen Nachmittag.", sagte Blaise trocken, als ihm einleuchtete was Draco vorhatte.
Theo kratzte sich am Kinn bevor er die Herangehensweise darlegte: "Wir sollten zuerst unsere Taschen in den Gemeinschaftsraum bringen. Wenn dann die meisten Schüler wieder im Unterricht sind gehen wir in den Krankenflügel."
Draco nickte entschlossen, schulterte seine Tasche und verließ gefolgt von den anderen Beiden die große Halle.
Der Gemeinschaftsraum war bis auf Pansy, die nachdenklich in einem Notizbuch blätterte und zwei Viertklässler, welche sich einen erbitterten Schachwettkampf zu liefern schienen, weitestgehend leer.

Draco und Theo ließen sich neben ihrer Freundin nieder, während Blaise ihre Schulsachen in ihren Schlafsaal brachte.
"Kannst du weiterhin die Augen offenhalten?" erkundigte sich Theo dringlich. Er sprach leise, damit die zwei Schachspieler nicht lauschen konnten. Draco beobachtete sie aus den Augenwinkeln.
Pansy trommelte mit den Fingern auf der Couchlehne herum während sie nachdenklich ins Feuer starrte: "Man könnte sagen, ich habe schon damit angefangen."

"Hast du sonst noch etwas mitbekommen?" erkundigte sich Draco. Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gelegt und beobachtete sie mit schräg gelegtem Kopf.
Sie zuckte mürrisch mit den zarten Schultern. "Nicht so viel wie es mir lieb währe. Ich mache mir Sorgen die falschen Fragen zu stellen..."

Hinter ihr erschien Blaise. "Unsere gerissenste Freundin hat Angst.", zog er sie mit einem leisen Lachen auf. Doch Theo konnte sehen, wie sehr es ihm missfiel, Pansy so verunsichert zu sehen. "Du bist zu klug. Dir kann nichts passieren." Er nahm ihre Hand, die immer noch einen unruhigen Takt schlug, und legte sie sanft in ihren Schoß.
Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Erzählt mir was Lovegood gesagt hat, ja?"

Zu dritt verließen sie den Gemeinschaftsraum und machten sich auf den Weg zum Krankenflügel. Die vielen Gänge waren fast leer. Nur der ein oder andere Nachzügler lief alleine mit seiner Schultasche an den drei Jungen vorbei.
Sie schwiegen bis sie die Doppeltür des Krankenflügels erreicht hatten. Verunsichert tauschten sie einen Blick. Die unausgesprochene Frage, was als Nächstes zu tun sei, hing spürbar in der Luft. Draco zuckte mit den Schultern und legte das Ohr an das schwere, raue Holz der Tür.

"Ich glaube es ist niemand da.", flüsterte er schließlich, "Ich höre auf jeden Fall nichts."
"Vielleicht ist auch die Tür zu dick!", stellte Blaise trocken fest, während er den Gang im Auge behielt.
Draco breitete die Arme aus und zischte: "Ja was soll ich machen, ich kann ja nicht hindurch sehen!"
Theo rieb sich entnervt die Augen: "Lasst das! Wir gehen jetzt rein."

Vorsichtig drückte Draco die Tür auf und spähte hinein. Sie knarrte ganz leise. Wahrscheinlich würde es niemand hören können, doch trotzdem zuckte Theo merklich zusammen. Der Teil des Raums, den sie einsehen konnte, schien tatsächlich verlassen, doch aus Madam Pomfreys Büro erklang vereinzelt das Klappern und Klirren von Zaubertrankfläschchen.
Die meisten Betten waren nicht belegt. Nur ein Spieler der Hufflepuff Quidditchmannschaft lag schlafend auf einem Bett. Eine Flasche Skele-Wachs stand auf dem kleinen Nachttischchen. Ihm stand wohl ein eher unangenehmer Nachmittag bevor.
Fast gleichzeitig sahen die drei Slytherins den zugezogenen Vorhang um ein Bett, welches sich weiter hinten im Krankenflügel befand. Offensichtlich sollte der Schüler wohl vor neugierigen Blicken geschützt werden. Blaise ließ den anderen Beiden mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie sich langsam dem abgeschotteten Bett näher sollten.

Möglichst leise, um die Heilerin nicht auf den Plan zu rufen, schlichen sie nacheinander zu dem verhangenen Bett.
Sie gaben sich Mühe immer wieder über die Schulter zu sehen, für den Fall, dass Madam Pomfrey durch das kleine Glasfenster in ihrer Bürotür schauen würden.

Nach einigen Sekunden des Luftanhaltes, schaffte sie es unbehelligt bis zu besagtem Bett und Draco betete inständig, dass sie Luna hinter dem Vorhang auffinden würden und nicht irgendeinen x-beliebigen Schüler.
Er schien nicht der einzige zu sein der etwas befürchtete, denn Theo hielt wenige Momente inne, bevor er sich zusammen riss, die Hand hob und den blauen Vorhang zur Seite schob.
Luna lag weiß wie die Bettlaken vor ihnen, die blonden Haare wie ein Fächer auf dem Kissen ausgebreitet. Die Überraschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Draco erkannt mit Erstaunen, dass sie jedoch eher freudig, statt verängstigt wirkte. Und doch erkannte er sofort, dass sie noch immer erschöpft war. Sie hatte Augenringe, und ihre blauen Augen wirkten unglaublich müde.
"Schnell, kommt näher und schließt den Vorhang.", sie winkte die Slytherins besorgt heran.
Theo tat wie ihm geheißen, ehe er sich an das Mädchen wandte: "Luna, ich weiß wir kennen uns kaum und vermutlich ist das hier unangebracht, aber du musst uns sagen was du gesehen hast. Es könnte von großer Bedeutung für uns sein. Wir können dir nicht sagen warum. Ich weiß, dass das vermutlich zu viel verlangt ist, aber..."

Luna nickt bestimmt als sie den aufgeregten Schüler unterbrach und mit ruhiger Stimme sprach: "Ich weiß, Theodore. Ich werde euch alles verraten." Sie wandte sich kurz ab um einen Blick durch einen Spalt des Vorhangs zu werfen. "Aber nicht hier! Es ist hier nicht sicher."

Draco hob eine Augenbraue. Die verträumte Ravenclaw schien mehr zu wissen, als er zu ahnen gehofft hatte. Trotzdem hakte er nach. "Wieso bist du nicht sicher?"
Ohne sich abzuwenden sah Luna in Dracos Gesicht und schien wie durch ihn hindurch sehen zu können.
"Dumbledore war hier. Er hat mich gefragt... nein, regelrecht ausgequetscht, was ich gesehen habe." Sie senket die Stimme noch mehr, bis es fast nur noch ein Flüstern war, und die Jungen traten unwillkürlich näher an sie heran. "Ich habe gelogen, gesagt ich könne mich nicht erinnern. Aber er glaubt mir nicht. Vermutlich kann er Okklumentik."

"Er weiß von der Prophezeiung?!", fluchte Draco. Obwohl die Wahrscheinlichkeit gering war, hatte er noch immer die Hoffnung als erster mit der blonden Ravenclaw sprechen zu können. Wenn die Prophezeiung entscheidendes preisgegeben hatte, und Dumbledore vor ihnen davon erfahren hatte, könnte das alles für sie zum Schlechten ändern.
"Nein, wahrscheinlich nicht. Ich habe einen starken Geist.", mit einem leichten Lächeln fügte sie hinzu, "Wer sich dort nicht auskennt, droht sich zu verlaufen."

Theo atmete erleichtert auf. Fast musste er grinsen, wie Luna fast schon stolz sprach, doch die Besorgnis wollte nicht aus seinen Zügen verschwinden: "Können wir dir helfen? Wenn du uns vertrauen kannst, wollen wir dir helfen."
Das Mädchen mit fester Stimme nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte: "Ich muss unter allen Umständen Hogwarts verlassen. Dumbledore darf nicht erfahren was ich weiß. Es könnte fatal sein."

Blaise wollte gerade anfangen zu sprechen als in dem Moment das Geräusch von forschen Schritten ertönte, die an den Steinwänden des Gangs wiederhallten und plötzlich verstummten. Jemand schien schnellen Schrittes dem Krankenflügel zu nähern. Alle Vier hinter dem Vorhang ahnten mit Grauen, dass Dumbledore höchstpersönlich im Begriff war, die Doppeltüre zum Krankenflügel aufzustoßen und hereinzuspazieren.

Einen Augenblick lang waren sie alle zu Salzsäulen erstarrt, dann stieß Blaise sie auf der Tür-abgewandten Seite durch den Vorhang und auf das nächstbeste Bett. Er packte Theo an der Schulter und schob ihn vor sich hinaus. Gerade noch rechtzeitig zog Draco den Vorhang hinter sich zu, als man schon hörte wie Dumbledore den Raum betrat und nach der Heilerin rief.
"Poppy, da sind Sie ja. Ich wollte mich abermals nach dem Wohlbefinden unserer jungen Seherin erkundigen." Wieder ertöten Schritte, dieses Mal von einem weiteren Paar Schuhe.

"Ich habe eben ihre Tränke und Arzneien zusammengesucht.", ließ die Frau verlauten, "Sie ist sicher bald wieder auf der Höhe ihrer Gesundheit. Sie ist nur etwas durcheinander, aber so eine Erfahrung hat auch seine Auswirkungen."
"Wird sie sich erinnern?", erkundigte sich Dumbledore forsch. Es war eindeutig als besorgte Erkundigung gedacht, doch wirkte die Stimme des Schulleiters kalt.
"Oh das kann ich nun wirklich nicht sagen.", erwiderte die Heilerin entschuldigend, "Vielleicht sollten sie Professor Trelawney befragen. Sie ist die Expertin in-"

"Nonsens! Ich habe doch schon gesagt, ich will dem armen Mädchen nicht zu viel Trubel zumuten. Sie und ich, wir beide sind genug Gesellschaft im Moment für Miss Lovegood. Wir wollen doch keine weiteren Aufregungen.", das Surren einen sich öffnenden Vorhangs ertönte, "Nicht war, Miss Lovegood?"
"Guten Tag, Professor Dumbledore." murmelte diese leise. Ihre Stimme klang für die Jungen merklich angespannter als zuvor, doch ein Außenstehender hätte es wohl nicht bemerkt.

Für einen kurzen Moment war es still, dann fügte Dumbledore mit falscher Verbindlichkeit hinzu: "Du wirst dich sicher freuen zu hören, dass ich die Sicherheitsvorkehrungen unserer lieben Schule verstärkt habe. Sie, Miss Lovegood, werden hier sicher und beschützt sein. So etwas Schreckliches wie deinen beiden Freundinnen Hermione Granger und Ginny Weasley wird dir nicht passieren. Sei dir dessen gewiss. Wir werden in Kürze alle nötigen Vorkehrungen einleiten." Seine Worte waren leer von jeder Freundlichkeit. Stattdessen hing die maskierte Drohung schwer über dem Raum. Die Jungen hielten in ihrem Versteck die Luft an.

"Das... das ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen, Professor.", stammelte Luna, bemüht ihre Panik unter Kontrolle zu halten. Sie hofften inständig, dass Dumbledore ihre Aufregung als Dankbarkeit deutete, und nicht als das was es tatsächlich war.
"Es ist meine Pflicht, genauso wie es mein Wunsch ist, die Bewohner der Burg zu schützen.", eröffnete Dumbledore, sichtlich zufrieden, "Aber nun sagen Sie, können Sie mir mehr über die Geschehnisse der letzten Stunden berichten? Sie hatten ja nun Zeit sich etwas zu beruhigen."

"Sie meinen meine Wahrsagung, nicht wahr? Ich... Ich denke nicht, dass ich mich erinnern werde. Trelawney selbst hat mir gesagt, sie erinnere sich auch nicht an ihre Prophezeiung."
"Wie überaus bedauerlich.", quittierte Dumbledore das Gesagte säuerlich, "Es erklärt sich natürlich von selbst, wie wichtig Ihre Kooperation ist."
"Ich lüge nicht.", ein Flehen lag in Lunas Worten, dass er ihr doch bitte Glauben möge.
"Sollte sich etwas an Ihrem Zustand ändern, suchen Sie mich in meinem Büro auf." Schritte ertönten abermals. "Poppy, ich kann mich natürlich auf sie verlassen?"
"Sicher, Albus.", antwortete die Heilerin hastig, "Sie ist bei mir in guten Händen."

Dumbledore schien nun wieder weiter weg zu stehen. Seine Stimme klang leiser zu ihnen herüber: "Nichts geringeres hätte ich von Ihnen erwartet." Dann viel die Tür ins Schloss und der Schulleiter war verschwunden.
Sie warteten angespannt, während Madam Pomfrey Luna die Tränke und Tinkturen sortierte, erklärte und schließlich verabreichte. Die wenigen Minuten erschienen ihnen wie eine Ewigkeit. Umso länger sie regungslos verharren musste, desto stärker wurde die Angst um das Gehörte. Draco fühlte sich als würde man ihm die Brust zu schnüren und ersticken.
Nach ein paar Minuten versicherte ihnen das Klappern und Klirren von vorher, dass die Heilerin sich wieder in ihrem Büro befand.

Für einen weiteren Moment blieben die drei Slytherins in ihrem Versteck bis sich Blaise schließlich aufrichtete und mit einem leisen Seufzen den Vorhang wieder ein Stück zur Seite schob. Luna sah ihn mit großen Augen an.
Niemand wusste was er sage sollte, bis Draco als letzter an das Krankenbett trat und bedacht sprach: "Wir müssen hier weg. Was auch immer Dumbledore plant, es wird uns ganz und gar nicht gefallen." Blaise gab ihm mit einem Kopfnicken sofort recht, doch Theo stand neben Luna und sah sie unentwegt an.

"Kommst du mit? Wenn wir gehen?", fragte er schließlich mit zögerlicher Stimme, als überlegte er noch wie er es am besten ausdrücken sollte was in seinem Kopf herumschwirrte.
Luna sah ihn an, ihre Gestallt blass und zart. Ein winziges Lächeln huschte ihr über die vollen Lippen: "Mein Entschluss mit euch zu gehen steht schon längst fest, Theodore Nott.", hastig befreite sie sich aus den Laken und rutschte aus dem Bett, "Ich bin zuversichtlich, dass es die richtige Entscheidung ist euch zu begleiten." Das weiße Krankenflügel Nachthemd hing an ihrer schmalen Form herunter als sie sich mit wackligen Beinen aufrichtete. Ihre Füße steckten in selbstgestrickt-aussehenden grünen Socken. Behutsam schlüpfte Luna erst mit einem und dann mit dem anderen in die warmen Winterstiefel welche neben ihrem Bett standen und schlang einen plüschigen Morgenmantel um sich. Theo, der neben dem blonden Mädchen stand sah über ihre Schulter in Dracos Augen. Für einen Moment spielten Verirrung und Bedenken auf den Zügen seines Freundes, dann nickte er energisch, wie um alle Zweifel abzuschütteln und bedeutete der Gruppe ihm vorsichtig Richtung Tür zu folgen.

So leise es ihm möglich war, zog Blaise die schwere Holztüre auf und Draco riskierte einen Blick auf den Gang. "Niemand hier. Kommt schnell."
Luna beeilte sich so gut sie konnte. Halt suchend klammerte sie sich an Theo, während sie geschwächt dahin stolperte. Der Slytherin hatte den Arm um ihre Taille geschlungen und bot ihr seine andere Hand als Stütze.
Bis sie die Treppe ins Erdgeschoss erreicht hatte, glänzte Schweiß auf der Stirn des Mädchens und Sorge spiegelte sich in ihren glasig verhangenen Augen.

Der Rest der Burg war bedrückend still. Die Gänge wie ausgestorben. Nur von weitem klangen leise Fetzen des ein oder anderen Unterrichts zu ihnen herüber und in der Galerie ertönte seltsam fehl am Platz das Lachen eines Gemäldes. Die Situation erschien der Gruppe merkwürdig makaber, irgendwie entrückt und doch gefährlich. Als läge etwas auf der Lauer. Fröstelnd zog Blaise die Schultern hoch und sah sich um.

Draco beobachtete wie Theo das Mädchen nun mehr trug als stützte, die Augenbrauen düster zusammengezogen. "Mir gefällt das nicht. Was wenn uns jemand entdeckt?"
Blaise nickte unbehaglich. "Es ist Wahnsinn. Dumbledore wird jeden Moment bemerken, dass Luna fehlt."
Kaum hatte das letzte Wort seine Lippen verlassen, war da ein Beben um sie herum. Man konnte es mehr erahnen, als dass man es fühlte. Es schien tief aus dem Schloss zu kommen, als hätte Hogwarts eine Mitte die plötzlich den Rhythmus ihres Pulses veränderte.

"Lauft.", durchschnitt Lunas schrille Stimme diese allumfassende Stille. Sie taumelte panisch die letzten Treppenstufen hinunter, den wie erstarrten Theodore an der Hand gepackt. Sie stürzte, schlug mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden auf und stemmte sich zitternd wieder hoch. Ihre schreckgeweiteten Augen hatten die von Draco kein einziges Mal losgelassen. Als hätte sie ihren Sturz nicht einmal richtig wahrgenommen. "Lauf! Jetzt!", schrie sie ihn an.

Niemand rührte sich. Das vibrieren in ihren Gedanken wurde lauter und gewann an Existenz. Das Schloss begann zu klingen.
"Flieht!", verzweifelt verpasse Luna Draco einen Stoß, dann stürzte sie zum Eingang als wäre der Henker hinter selbst ihr her.
Draco fluchte erschrocken und wirbelte herum. Die Betäubung war von ihm abgefallen und die Zeit schien auf einen Schlag wieder an ihren Platz zu surren. Man konnte die mächtigen Zauber riechen, wie Ozon vor einem Gewitter.

"Er riegelt das Schloss ab.", brüllte Draco und rannte los. Verschwommen nahm er Blaise und Theo neben sich war, dann erreichten sie zeitgleich mit Luna die riesigen Flügeltüren.
Theo packte sie unter den Armen und zerrte sie hinaus ins Freie.

Der kalte Wind schlug ihnen wie eine Wand entgegen und fraß sich durch den Stoff ihrer Hemden.
In Halsbrecherischen Tempo schlitterten die vier Gestalten über das vereiste Gras, während die Wintersonne nur noch halb über die Wipfel des Verbotenen Waldes lugte.

Ihr hastiger Atem löste sich in dichten Wolken von ihren Mündern, wie von den Nüstern eines Feuerdrachens, doch die Luft fühlte sich an wie Eisscherben in ihren Lungen.

Hinter ihnen erhob sich ein uralter Zauber aus dem Gestein der Burg, floss über Zinnen, Fenster und Dächer, kaum mehr als ein Flüstern, begleitet von einem blassen Leuchten. Wäre die Magie nicht so allumfassend in ihren Sinnen, so hätte man die Schutzzauber gar übersehen.
Aber Draco fühlte, die Welle aus Energie, welche in ihre ohrenbetäubenden Stille über das Gelände rauschte und alles in ihrem Innern von der Außenwelt abkapselte.
Er war sich nie bewusst gewesen, dass sich Hogwarts und seine Bewohner lebendig und magisch angefühlte hatten, bis er nun nichts mehr spürte. Das allein reichte um ihn und seine Begleiter auf dem unwegen Untergrund weiter zu treiben.

"Ich kann die Weide sehen.", rief Blaise ihnen zu, der die letzte Hügelkuppe als erster erklommen hatte.
"Wir sind fast da." wiederholte Draco die Nachricht seines Freundes für Luna und Theo, während er sich verbissen den schneebedeckten Abhang hinauf zwang.
Theos Worte erreichten ihn kaum, sondern wurden vom Wind davongerissen.

Gehetzt sah er sich zu seinem Freund um, konnte ihn und Lovegood in dem wirbelndem Weiß nicht ausmachen. Stattdessen aber die unaufhaltsame Wand aus Magie. Sie war erschreckend nah.
Noch einmal suchte er verzweifelt im Schneegestöber nach Theodore. Weit hinter ihm konnte er Lunas Bademantel im Sturm flattern sehen. Die Zauber hatten sie und seinen Freund fast erreicht.
Er schrie eine verzweifelte Warnung und meinte Theodore den Kopf schütteln zu sehen.
"Schneller.", brüllte er gegen den Sturm.

Die milchig schimmernde Wand kam unaufhaltsam näher, während Luna weiter stolperte. Schließlich sackte sie in sich zusammen und versank mit ihren nackten Beinen in dem Bett aus Schnee. Dichte Flocken hingen in ihren Wimpern als sie zu Theo sah, der vor ihr auf die Knie viel und packte sie um die Taille.
"Komm schon, wir können nicht hierbleiben! Es ist nicht mehr weit!", redete er auf sie ein und versuchte das Beben in seiner Stimme zu unterdrücken. Lunas Atem kam stoßweise aus ihrer Lunge geschossen und sie zitterte am ganzen Leib. Theo war sich sicher, dass nicht nur die Kälte daran schuld war, sondern auch die Angst und die Strapazen des Tages. Sie war am Ende ihrer Kräfte angekommen. Hilflos schüttelte sie mit dem Kopf, zu erschöpft auch nur etwas zu sagen.

Erneut konnten sie Dracos Stimme gedämpft durch den Sturm hören. Zwischen dem tobenden Weiß sah er Draco zu ihnen herunterrufen, Blaise war durch das Schneegestöber schon nicht mehr zu erkennen. Langsam, voll böser Vorahnung riskierte er einen Blick über die Schulter. Immer näher kroch der Schutzwall aus Energie, war nur noch wenige Meter entfernt. Die Luft vibrierte.

Mit einem Ruck sprang er auf und zerrte Luna mit sich. Verzweifelt schleifte er das Mädchen hinter sich her. Ihre Schritte verhaspelten sich, beinahe wären sie übereinander gefallen. Verzweifelt packte er sie bei den Knien und hob sie in einer flüssigen Bewegung nach oben. Panisch krallte sie die Finger in den Stoff seines Pullovers.

Theo erkannte wie Draco kurz zögerte und dann begann auf sie zu zulaufen, seine Augen fest an sie geheftet. Hinter ihnen hatte Blaise die Weide zum Stillstand gebracht und brüllte ihm verzweifelt etwas zu. Draco sah wieder zu Theo.
Er hatte den Fuß des Hügels erreicht. Wenn er es nur rechtzeitig zu ihnen schaffen würde... Doch dann stürzte Theo, fiel über Luna. Sein Blick traf den von Draco und er schüttelte den Kopf. Die Zeit war zu knapp. Er würde es nicht rechtzeitig zur Weide schaffen. Jeden Moment würden sie von der Schutzmauer überrollt und eingeschlossen werden. Er konnte es fühlen.

Über den eiskalten Wind, drang Lunas Stimme heiß an seinem Ohr: "Ginny! Ginny kann ihnen helfen. Die Prophezeiung..." Für den Bruchteil einer Sekunde war er vor Überraschung wie erstarrt, er nahm sich zusammen und schrie Draco entgegen: "Ginny braucht die Prophezeiung! Verstehst du mich?! Ginny Weasley!"
Der Wind riss ihm die Worte von den Lippen. Er konnte nur beten, dass er ihn verstanden hatte.

Nur noch wenige Meter trennten die Beiden voneinander: „Geh schon!", brüllte er Draco zu. Wenn sie es schon nicht schafften, so mussten wenigstens er und Blaise entkommen, um die Nachricht zu ihren Verbündeten tragen.
Er spürte den Zauber hinter sich.
Ihre Blicke trafen sich und Verstehen trat in Dracos Augen.

Dann verschluckte sie die Welle. Wie ein Beben fuhr die Magie durch Theos Knochen. Er erschauderte und Luna unter ihm schien es nicht anders zu ergehen. Jedes Haar an seinem Körper lud sich auf mit uralter Energie und er bekam eine Gänsehaut. Seine Muskeln bebten.
Er sah auf, die schimmernde Wand nun vor ihnen. Sie waren eingeschlossen, von der Außenwelt abgetrennt. Er blieb einfach liegen.

Draco stolperte rückwärts, sah wie der Zauber über Theodore und Luna hinwegwusch und sie sich einverleibte. Dann warf er sich herum und sprintete Blaise entgegen. Ginny Weasleys Namen hallte in seinem Kopf wieder. Er musste es schaffen, ihre Leute mussten davon erfahren.

Kaum hatte er die Weide erreicht packte Blaise ihn und warf sich in den Geheimgang. Sie wurden übereinander geschleudert, schluckten Staub und blieben schließlich keuchend nebeneinander liegen.

Sie sahen sich an. Die Erkenntnis, dass nach ihnen niemand mehr kommen würde lag schwer in der Luft.

Nach einiger Zeit rappelte Blaise sich auf und streckte Draco eine Hand hin. Dieser ergriff sie und zog sich hoch. Stumm stapften sie mit eingezogenen Köpfen durch den viel zu enden Gang bis sie unter der Lucke standen, durch die sie nur am Tag zuvor die beiden Gryffindor Mädchen gezerrt hatten. Dann standen sie erneut in der Heulenden Hütte.