{ 09. Alles und Nichts }

War es nicht eigentlich ironisch vor einem Jungen Angst zu haben, der rund zwei Köpfe kleiner war als man selber? Alfred haderte trotzdem mit sich, als er am Samstagvormittag das Schwesternzimmer ansteuerte, vor dessen geschlossener Türe bereits ein mehr als übel gelaunter Tino wartete. Sein Gesicht schien sich über Nacht regelrecht zusammengezogen zu haben und vermittelte den Eindruck, als kaue er exzessiv auf einer Zitrone herum. Die Arme vor dem Oberkörper verschränkt, lehnte er an der Wand und starrte feindselig in Alfreds Richtung.

Sich von der geballten Wut nicht abschrecken lassend, kam Alfred Schritt für Schritt näher. Es war ihm nach wie vor ein Rätsel, warum Tino so sauer war und offenbar auch noch andere Leute gegen ihn aufhetzte! Alfred hatte sich, als er in der Nacht kurz aufgewacht war, weil er dachte, ein Geräusch gehört zu haben, unwohl herumgedreht. Sein Kopf war voll gewesen, aber sein Bauch unbehaglich leer. Nicht beschäftigt. Nicht mal Bauchschmerzen hatte er gehabt, obwohl er sie vom Überessen und Erbrechen nur all zu gut kannte.

Letztlich hatte er im Dunkeln an die Decke gestarrt und sich gefragt, wieso hier drin jeder so verdammt schwer zu fassen war. Warum konnte man mit keinem Patienten reden? Feliciano war ständig mit irgendwas beschäftigt – malen, lesen, Essen verweigern, weinen, quatschen, von Essen schwärmen, Einzeltherapie – und wenn Alfred ihn tatsächlich in ein Gespräch verwickeln konnte, dann schaffte es sein Mitbewohner stets, das Thema in die von ihm gewünschten Richtungen zu lenken. Alfred wurde das immer erst später bewusst. Dann, wenn ihm auffiel, schon wieder nicht herausbekommen zu haben, warum Feliciano so appetitlos war und was es mit Tinos Anspielung auf sich hatte.

Auch bei Arthur waren keine Informationen einholbar. Er spielte die unantastbare Instanz auf hohem Rosse. Alfred konnte spontan nicht mal sagen, ob er es bereute, den Tisch gewechselt zu haben. Zwar wurde er weder von Lili noch Feliciano getreten, doch das verschüchterte Essverhalten der beiden machte ihn dafür empfänglich, wie schnell er selber aß. Oder aß er einfach im Gegensatz zu den beiden in einem normalen Tempo?

Die traurige Wahrheit war, dass sich Alfred diese Frage nicht beantworten konnte. Er hatte sowohl beim gestrigen Abendessen als auch beim heutigen Frühstück immerfort auf die Teller seiner Tischnachbarn geschielt und sich beinahe dafür geschämt, Hunger zu haben. Einmal, als die Schwester nicht aufpasste, hatte Feliciano ihm sogar etwas von seinem Essen auf den Teller gehievt. Alfred hatte es mit einem Haps in den Mund gesteckt, obwohl er im Nachhinein Bedenken bekommen hatte: nur weil er hungrig war und nicht so leckere Sache bekam wie Feli und Lili, war es eigentlich nicht okay, Felicianos Portion mit aufzuessen. Feliciano brauchte wirklich dringend ein paar Kilo mehr...

Was also die Plätze an den Esstischen betraf, so kam sich Alfred beinahe vor wie in der Schule. Er konnte nicht an seinen alten Tisch zurück, aber an anderen Tischen fühlte er sich auch nicht unbedingt wohl. Am Mitteltisch wollten sie ihn nicht – was er wohl oder übel Tino zu verdanken hatte?! – und am kleinen Eingangstisch kam er sich noch deplazierter vor als bei Arthur. Jener war zwar dünn und aß langsam, aber anscheinend hatte Schwester Nancy damals Recht gehabt, als sie bemerkte, Arthur ginge mit gutem Beispiel voran. Im Vergleich zu Feliciano und Lili war Arthur ein vorbildlicher Esser.

Lili hatte die verstörende Angewohnheit, sich mehr und mehr Salz aufs Essen zu streuen.

„Schmeckt das überhaupt noch?", hatte Alfred sie irgendwann interessehalber beim Abendessen gefragt, woraufhin sie ertappt auf ihren Teller starrte.

„Es darf mir nicht schmecken..."

Nicht nur, dass Alfred nicht nachvollziehen konnte, warum ihr das Essen nicht schmecken sollte. Er hatte ihr auch vorgeschlagen, den Teller zu tauschen, wenn sie ihr Gericht nicht mochte. Bedauerlicherweise war das der Zeitpunkt, wo jemand vom Pflegepersonal intervenierte und obendrein den Salzstreuer konfiszierte. Lili war daraufhin kreidebleich geworden und wirkte, als habe man ihr das Atmen verboten.

„Aber ich brauche noch etwas mehr Salz." Lautete ihr leiser, aber definitiv panischer Einwand.

„Ich denke, du hast genug Salz." Der Pfleger kannte da kein Pardon und ließ Lili mit ihrer bitteren Enttäuschung alleine.

Feliciano hatte indessen den Inhalt seines Tellers mit der Gabel auseinander gepflückt, ohne auch nur einen einzigen Bissen zu probieren. Daran konnten weder Alfreds Smalltalk noch seine Aufmunterungsversuche etwas ändern. Letztlich war er, trotz seiner halben Stunde, der erste, der vom Tisch aufstehen durfte. Eine schockierte Lili und einen deprimierten, wieder mit den Tränen ringenden Feliciano hinterlassend.

Es war anstrengend und, so ungern Alfred es zugab, in gewissem Maße unappetitlich und bedrückend, mit den beiden eine Mahlzeit einzunehmen. Doch da ihm Alternativen fehlten und er an und für sich weder etwas gegen Feli noch Lili hatte, setzte er sich auch beim Frühstück wieder zu ihnen. Das Ganze endete damit, dass Josh, der an diesem Samstag in der Frühschicht arbeitete, die Aufsicht übernahm und Alfred nach dem Frühstück nahe legte, sich doch zur nächsten Mahlzeit wieder zu Arthur zu gesellen.

Alfred lehnte ab. Lieber sah er sich an, wie eine Krankenschwester die Reste von Lilis Honigbrötchen aus deren Ärmel pulte (wie auch immer das dahin gekommen sein mochte), als dass er sich freiwillig wieder zu Arthur setzte. Der sollte einsam und alleine mit seinen Macarons und seinem maßgeschneiderten Hemd glücklich werden.

Und Tino sollte aufhören so zu tun, als sei Alfred das personifizierte Böse! Das war einfach vollkommen übertrieben! Zumal Tino ja eh nur die Zähne auseinander bekam, wenn gerade keine Schwester und kein Pfleger zuguckten. So wie jetzt zum Beispiel. Alfred hatte kaum mit einem neutralen „Hey" gegrüßt, als ihm auch schon ein „Zieh Leine!" vor die Füße gespuckt wurde.

„Wir haben jetzt Sport zusammen..." Wo sollte er also bitte hingehen? Aus dem Aufenthaltsraum tönte der Fernseher, da sich einige der Mädels Eiskunstlauf anguckten. Ein Sport, für den Alfred nicht unbedingt viel übrig hatte, aber er würde tausend mal lieber fernsehen als sich wieder von Mathias quälen zu lassen.

Tino kniff missmutig die Lippen zusammen.

Alfred seufzte daraufhin, weil ihm kalt wurde. Kalt und heiß zugleich, so wie in den letzten Tagen im Baseballteam, als sich Brad und einige andere ständig über ihn lustig gemacht hatten. So lange, bis es für Alfred nicht mehr tragbar gewesen war...

Wie konnte es sein, dass Alfred selbst hier, unter Leuten, die doch ebenfalls Probleme mit dem Essen hatten, ausgegrenzt und gehasst wurde?

Das Gefühl fraß an seinem Herz wie ein unersättliches Bakterium. War krankhaft und schmerzhaft und flüsterte ihm zu, dass dies ein Moment war, in dem es am besten für ihn wäre, etwas Leckeres zu essen. Vielleicht Tortillas mit Käsesoße oder Popcorn mit extra viel Butter oder Strawberry Cheesecake Eiscreme mit Sahne. Alfred würde jetzt alles nehmen. Wirklich so ziemlich alles. Wenn er nur irgendwie von der Gruppe wegkäme, um sich zumindest an dem Snackautomaten was zu ziehen..!

Frustriert ließ er die Ferse gegen die Wand hinter sich tippen und startete einen erneuten Kommunikationsversuch:
„Was war eigentlich damals mit Arthur und Feli?"

Wenn weder Feliciano noch Arthur zu sprechen gewillt waren, dann ja vielleicht Tino. Doch der Plan schien nicht aufzugehen. Tino schnaubte lediglich wie ein Stier.
„Was fragst du mich?! Frag die Hungerkünstler doch selber! Ihr schaut doch eh alle auf mich und die anderen herab, weil ihr denkt, wir hätten uns nicht im Griff! Dabei kannst gerade du dir das nicht erlauben! Ich mein, guck dich doch mal an! Dünn ist definitiv was anderes!"

„Ja glaub ich's denn?! Was ist denn hier los?"

Tino zuckte zusammen, als plötzlich Mathias' Stimme über den Gang grollte.

„Nichts!"

„Nichts?", wiederholte Mathias Tinos Aussage und guckte zu Alfred hinüber, der zur Salzsäule erstarrt war.

Glaubte Tino ernsthaft, man würde auf ihn herabschauen? Und warum bitteschön? Weil er kein „Hungerkünstler" war, sonder sich übergab? Hatte es damit zu tun? Aber das galt für Alfred doch auch, selbst wenn er es nicht offen zugegeben hatte in der Gruppentherapiestunde.
Vielleicht war genau das der springende Punkt? War Tino deswegen so wütend? Weil Alfred die „ich habe kein Problem"-Schiene fuhr?
So recht konnte sich Alfred keinen Reim darauf machen. Seine Muskeln, die ihm heute ohnehin schmerzten, waren seit Tinos uncharmantem Hinweis auf sein Gewicht wie versteinert. Sein Mund war trocken und sein Blick glitt automatisch an sich hinab. Wanderte über das T-Shirt und die Sporthose, über jede Erhebung und jede Stelle seines Körpers, die er von hier aus sehen konnte und in diesem Moment einfach nur verabscheute, weil sie dafür sorgten, dass andere ihn hassten.

Er war einfach viel zu fett.

Abgenommen hatte er bisher auch noch nicht. Cleopatra hatte keine Veränderung beim heutigen Wiegen festgestellt und Alfred wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Wie sollte er damit umgehen, zu dick zu sein? Wie damit umgehen, hier zu sein? Wie damit umgehen, überhaupt zu sein, obwohl ihn doch ganz offensichtlich niemand haben wollte?

„Das klang für mich gerade ein bisschen anders, Tino." Mathias, der sich nun groß und breit vor ihnen aufbaute, schaute mahnend drein. Von seinem sonst so kessen Grinsen war nichts mehr übrig. Auch nicht, als er kurz Alfred ins Visier nahm, der es wiederum vorzog, seine Schuhe zu studieren. Er war zu fett...
Die Waage hatte es gesagt.
Seine Teamkollegen hatten es gesagt.
Seine Mitschüler hatten es gesagt.
Seine Eltern hatten es gesagt.
Die Ärzte hatten es gesagt.
Tino hatte es gesagt.

Er war zu fett – und das war ein Kapitalverbrechen.

„Du weißt, dass wir es hier drin nicht mögen, wenn ihr unhöflich zu anderen seid", begann Mathias eindringlich.

Tino schob das Kinn störrisch zurück, an Blickkontakt war gar nicht zu denken.
„Ich war nicht unhöflich", behauptete er, der Ton so rein, als könne er kein Wässerchen trüben.

„Du warst nicht unhöflich?"

„Nein."

„Bist du dir da sicher?"

„Ähm, ja."

Gelogen. Alles gelogen. Oder nicht? Alfred wusste es nicht. Er wusste nur, dass er zu fett war. Womöglich hatte deswegen alle Welt das Recht, so mit ihm umzuspringen. Weil er zu fett war, durfte man hinter seinem Rücken über ihn lachen, ihn für dumm verkaufen, ihn ausgrenzen, sich über ihn lustig machen, den Kontakt zu ihm abbrechen und ihn eintauschen. All das war völlig legitim, denn er war ja zu fett. Und er war selber schuld...

„Komm mal her. Na komm", ihn zu sich winkend, holte Mathias Tino auf seine Seite, sodass er Alfred genau gegenüberstand. Den Blick nicht hebend, verfolgte Alfred es lediglich anhand der Füße. Mathias schien hier keinen Spaß zu verstehen und Alfred tat es auch nicht mehr. Eigentlich schon seit Monaten...

„Meinst du, Alfred sieht so aus, weil du nett zu ihm warst?"

Wie sah man denn bitte aus?

„Ach, is' schon okay, ich-!", einwendend hob Alfred den Blick und gab sich die allergrößte Mühe, halbwegs zu lächeln. Allerdings schnellte Mathias' Hand Einhalt gebietend hinauf.
„Die Frage war an Tino gerichtet. Also, Tino?"

Der Kleinere biss sich hart auf die Lippe und schien es nach wie vor nicht fertig zu bringen, Alfred ins Gesicht zu sehen. Von einer ertappten Röte heimgesucht, legte er knetend die Hände ineinander.

„..nein?"

„Ist das eine Frage oder eine Feststellung?"

Tino schwieg betroffen. Mathias ließ seine Aufmerksamkeit nach einem unbestimmten Moment wieder zu Alfred hinüber wandern. Jener wusste nicht recht, wie er die Situation einordnen sollte. Es war doch okay, wenn man ihn schlecht behandelt – zumindest war er zu dem Ergebnis gekommen, weil alle es taten. Dass Mathias sich jetzt für ihn einsetzte, verwirrte ihn...

„Ich hab gehört, was gestern vorgefallen ist", ergriff Mathias schließlich wieder das Wort. „Tino, so geht das nicht. Du kannst nicht andere Leute für deine Fehler verantwortlichen machen und ich will nie wieder hören, dass du Alfred oder einen anderen Mitpatienten so anherrschst wie gerade eben. Haben wir uns da verstanden?"

Tino schien mit den Zähnen zu knirschen, ehe er sich ein Nicken abrang. Das Gesicht noch immer vom Scham deutlich eingefärbt, hielt er das Haupt konsequent gesenkt.

Mathias klopfte ihm einmal kurz und leicht auf die Schulter.
„Gut. Du hast deine Probleme, Alfred hat seine Probleme und ihr seid alle hier, damit diese Probleme gelöst werden. Ein konstruktiver Umgang miteinander ist dabei enorm wichtig. Siehst du das ein?"

„Ja..."

„Na schön, dann werden wir zwei gleich mal daran arbeiten, deine Wut besser in den Griff zu kriegen."

„Wir zwei?" In Tinos Stimme schwang plötzlich helle Aufruhr mit. Wahrscheinlich sah er schon wieder einer sportlichen Überforderung auf sich zukommen.

„Ja, wir zwei!", lachte Mathias laut, Tino bewusst seine Angst nicht nehmend, sondern sie absichtlich weiter schürend. „Ich hab mir da was Tolles für dich einfallen lassen!"

Sämtliche Röte verließ Tinos Gesicht. Alfred hätte triumphierend reagiert, aber ihn beherrschte das abstrakte Gefühl, neben sich zu stehen. Das Gefühl wurde nur bedingt besser, als sie kurz darauf mit der kleinen Sportgruppe das Training aufnahmen und auf ihn wieder das Laufband wartete. Mathias hatte sich tatsächlich Tino zur Brust genommen und ihn in einer Ecke des Raumes mit Boxhandschuhen ausgestattet. Der Sandsack, der dort hing, bewegte sich kaum, als Tino zögerlich erste Schläge austeilte.

Von seinem Platz aus konnte Alfred nicht hören, was Mathias sagte. Er konnte nur sehen, dass Tinos leichte Schläge mit der Zeit an Kraft gewannen und irgendwann zu explodieren schienen. Aus schnellen Hieben wurde ein manisches Einprügeln. Tino hatte, trotz des schmalen Körperbaus, eine erstaunliche Menge an Energie und eine noch größere Menge an Aggressionen, die sich ihren Weg an die Oberfläche bahnten...


Das Gute am Samstag war, dass Alfred heute keine Stunde mit Frau Brooke auf seinem Plan stehen hatte. Die Frau hatte wohl gerne Wochenende. Es gab zwar mehrere (Ernährungs)Therapeuten, wie Alfred mittlerweile in Erfahrung gebracht hatte, aber man hielt es wohl nicht für nötig, seine Stunden vor der kommenden Woche fortzusetzen.

Was ihm heute bedauerlicherweise nicht erspart blieb, war die Gruppentherapie. Nach dem Mittagessen hatte Alfred schuldbewusst seinen Schreibtisch aufgesucht und auf sein leeres Tagebuch gestarrt. Eigentlich hatte er doch Dr. Brussels zugesichert, etwas aufzuschreiben, aber irgendwie kam er sich im Angesicht der weißen Seiten wie blockiert vor. Da Feliciano noch mit dem Mittagessen haderte, war Alfred sogar alleine im Zimmer. Doch auch das änderte nichts an seinem Empfinden.

Müde vom Sport und durch das Essen auch nicht unbedingt besser gelaunt, beschloss Alfred, sich erst mal eine neue Flasche Wasser zu holen. Er wusste zwar nicht, warum seine Flasche jeden Morgen verschwunden war, obwohl er sie abends immer nebens Bett stellte, aber solange er problemlos neues Wasser bekam, sollte es ihm egal sein.

Auch neues Wasser änderte jedoch nichts daran, dass er weder das Arbeitsblatt ausgefüllt bekam noch wusste, was er ins Tagebuch schreiben sollte. Post war für ihn selbstverständlich auch keine gekommen und seine Eltern hatten nicht mal probiert, ihn anzurufen. Oder sagte ihm das keiner?

Nein, Alfred war sich ziemlich sicher, dass sie es nicht versucht hatten...

Träge ließ er sich aufs Bett fallen (nicht ohne vorher die Heizung heruntergedreht und den Raum durchgelüftet zu haben) und rollte sich auf den Bauch. Da war so viel in ihm. So viele Gefühle.
So viel Hunger...
Hunger nach Zuhause. Hunger nach Freiheit. Hunger nach früher. Hunger nach Essen, nach gutem, schmackhaften Essen. Aber das konnte er doch nicht aufschreiben. Seine Aufgabe war es aufzuschreiben, wieso er hier gelandet war. Aber so etwas Aufrichtiges wie Lili gestern vorgelesen hatte, kam ihm nicht von den Fingern. Alfred wollte sich partout nicht daran erinnern, wie er schlussendlich in diese Klinik geratet war! Ihm wurde übel, wenn er sich nur daran erinnerte. Seine Mutter hatte so durch und durch entsetzt reagiert und für seinen Vater war es wohl der perfekte Anlass gewesen, noch mehr zu „arbeiten".

Wenn er doch nur etwas Leckeres zu Essen hier hätte...

Sich von den Aufgaben überfordert fühlend, schrie alles in Alfred nach Essen. Mehr Essen. Sehr viel mehr Essen. Pizza mit doppelt Käse, Vanillecremeröllchen, Marmeladentörtchen, Fruchtgummischnüre, Sour Cream Cracker, Sahnepudding, Cheeseburger, Pommes, Softeis, Cola, sehr viel Cola – und dann, weil er wirklich schon viel zu fett war, erbrechen bis ihm Augen, Mund und Nase brannten.

Das war doch pervers!

Die Erkenntnis ließ Alfred bedrückt das Gesicht im Kopfkissen vergraben und Brad im Stillen zustimmen: er war völlig abgefuckt. Anders waren diese krankhaft aufs Essen fixierten Gedanken einfach nicht mehr zu erklären...


Ein Räuspern stahl sich aus Alfreds Kehle, als er den Raum für die Gruppentherapie betrat und sich neben Dr. Brussels stellte, die bereits auf der Schreibtischkante hockte und gerade in der blauen Wunderkiste etwas zu suchen schien.

„Ja?" Aufsehend unterbrach sie das Hin- und Herschieben von Arbeitsmaterialien und sah Alfred erwartungsvoll an. Dieser verfiel in seinen alteingesessenen Lächelmodus.
„Ich wollte ja zu heute was aufschreiben und eigentlich ist es auch kein Problem oder so-"
„Aber du hast es nicht gemacht", schlussfolgerte Dr. Brussels messerscharf.

Alfred kratzte sich im Nacken und verlor dabei ein drucksendes „Nich' wirklich".

Ob die Therapeutin böse war oder nicht, war ihrem Gesicht nicht zu entnehmen. Sie schien es eher als Tatsache hinzunehmen und nickte dann.
„Danke, dass du mir Bescheid gegeben hast."

War das alles? Ungläubig blinzelnd, wusste Alfred nicht, ob er somit erlöst war oder nicht. War die Frau nicht darauf erpicht, ihn irgendwas vorlesen zu lassen? War sie nicht vielleicht sogar sauer, weil Alfred ihre Stundenplanung auf den Kopf stellte?

Es nicht herausfinden wollend, suchte sich Alfred schnell einen freien Stuhl neben Feliciano, der in einen farbenfrohen Poncho gehüllt war und darin wie eine Raupe im Kokon ausschaute. So kalt war es doch nun wirklich nicht... Alfred ließ es jedoch unkommentiert, zumal Dr. Brussels ihre Suche nun erfolgreich beendet hatte und zur Türe hinüber ging, um diese zu schließen.

„So, dann fangen wir mal an. Gibt es jemanden, der uns gerne etwas vorlesen oder sagen möchte?"

Den Kopf unbewusst zwischen die Schultern ziehend, wackelte Alfred nervös mit den Zehen und ignorierte angestrengt sämtliche Blicke. Dr. Brussels schien die einzige zu sein, die die ganze Runde betrachtete und nicht nur ihn, ehe sie fortfuhr:
„Nun gut, dann ziehen wir ein Themenzettelchen." Eine kleine Papptrommel aus der Kiste nehmend, ließ sie sich elegant vom Pult gleiten und ging dann willkürlich auf Natalia zu.

Natalia schien davon nicht angetan. Ihr Gesichtsausdruck, der sowieso immer sehr ernst ausfiel, wirkte heute noch verbissener. Alles an ihr war kerzengerade, so als habe sie ihre Gesichtszüge, ihre Haltung und ihre Ausstrahlung in jahrelanger Präzisionsarbeit in Stein gemeißelt. Das lange, dünne Haar war zu einem vornehmen Haarknoten hochgebunden. Sie könnte eine Ballerina sein, schoss es Alfred durch den Kopf.

Mit den spindeldürren Fingern griff sie zur Papptrommel, klappte die eine Seite vorsichtig auf und entnahm einen der bunten Papierzettel. Wie bei Kirmeslosen war das Papier gerollt und wurde mit einem winzigen Gummi in der Mitte in Form gehalten.

„Bedauern", las Natalia kühl vor, als sie das Los geöffnet hatte. Die Stimme als sei es ihr lästig.

„Danke, Natalia." Dr. Brussels ging zurück auf ihren Platz und sah in die Runde. Worauf wartete sie denn? Darauf, dass jemand etwas sagte? Lief das jetzt jedes verdammte Mal so?

Alfred stöhnte lautlos, als ihm auffiel, dass sich Natalias Gesicht anspannte und sie das Zettelchen wieder zusammenklappte.

„Bedauern... Also, ich bedauere, dass ich hier bin", sagte sie tonlos und schien jedes Wort wohl gewählt zu haben. Musste sie reden, weil sie den Zettel hatte? War das das Geheimnis dahinter?

Etwas in ihren Augen flackerte auf, schien aber mit dem nächsten Blinzeln von ihr niedergestreckt zu werden.
„Nicht, weil ich glaube, es nicht zu brauchen. Ich seh ja irgendwie ein, dass ich krank bin. Aber trotzdem... Ich bedauere, dass ich nicht mit Nikolai auf dem Eis stehen kann. Ihr wisst ja, dass er seit Jahren mein Partner im Eiskunstlauf ist und dass wir sehr gute Freunde sind. Wir wollten dieses Jahr die Goldmedaille nach Hause holen. Stattdessen", Natalia schluckte, was ihren Worten erstmalig etwas Natürliches verlieh, „stattdessen sitz ich hier und die Meisterschaft läuft ohne uns..."

Der Zettel in Natalias Fingern bekam Falten, während ihr Gesicht nach wie vor starr, aber ihre Augen plötzlich so bewegt wirkten. Ihr linker Mundwinkel zuckte unterschwellig, dann schien sie die Kontrolle über sich zurück zu erlangen. Die Schultern steif wie bei einer Puppe, öffnete sie die Hand mit dem Zettel, um ihn gedankenverloren glatt zu streichen.

„Wir telefonieren ständig miteinander und er fragt immer, wie es mir geht. Er macht sich so große Sorgen um mich, obwohl ich genau weiß, dass ihm die Medaille auch sehr viel bedeutet. Manchmal frage ich mich, warum er mich nicht hasst? Aber er sagt immer nur, dass wir uns die Medaille dann eben nächstes Jahr holen..." Natalias hörbares Luftholen war das einzige Geräusche im Raum.
„Ich weiß nur nicht, ob ich es kann? Ich mein, ich bedauere einfach, dass ich nicht weiß, ob ich es auch ohne meine Essstörung packe. Wie soll ich mein denn dann Gewicht halten? Was mache ich, wenn ich zunehme? Das wäre ein Albtraum..."

„Aber Natalia, möchtest du nicht herausfinden, ob du es ohne die Essstörung schaffst?" Dr. Brussels Stimme wirkte warm und ermutigend.

„Doch, irgendwo schon. Hauptsache, ich kann zurück aufs Eis. Alles Andere ist mir egal..." Ihr Blick floh aus dem Fenster, war aber zugleich nach innen gekehrt. Natalia sah den Regen an und sah doch völlig durch ihn hindurch.

Alfred fragte sich, wie ihr Gesichtsausdruck sein mochte, wenn sie Schlittschuhe an den Füßen hatte. Ob er auch dann so eisern ausfiel oder eventuell komplett anders?

„Ich bin mir ganz sicher, dass du es schaffen wirst. Du kannst gesund werden und du wirst nächstes Jahr an der Meisterschaft teilnehmen."

„Sie sagen das so einfach. Ich hab zwar gemerkt, dass es mir körperlich ab einem gewissen Zeitpunkt unglaublich schlecht ging, aber es war irgendwie auch so, dass, na ja, ich mich an meinem Essverhalten und den Regeln, die ich mir so selbst aufgestellt habe, festgehalten hab. Wenn ich das Gefühl hatte, im Training nicht gut gewesen zu sein, dann wollte ich wenigstens für mich die Gewissheit haben, alles getan zu haben, was ich tun konnte."

„Dadurch, dass du dein Essverhalten für dich strukturiert hast, hast du ein bisschen Selbstsicherheit gewonnen, nicht wahr?"

Natalia nickte. Wiederum zuckte ihr Mundwinkel. Ihr Blick hatte das Fenster verlassen und ruhte nun auf Dr. Brussels, die fahrig etwas auf ihrem Clipboard ergänzte.

„Es ist wichtig und sinnvoll, andere Mittel und Wege zu finden, die dir diese Sicherheit geben können. Wie wir gestern schon festgestellt haben, hat jeder mal einen schlechten Tag und jeder macht mal einen Fehler. Ich kann mir vorstellen, dass du sehr, sehr ehrgeizig bist, wenn du trainierst. Sonst wärst du gar nicht erst so weit gekommen. Das dürfte auf viele von euch zutreffen: ihr steckt sehr viel Zeit und Energie darein, Dinge so gut wie möglich zu machen. Aber versucht euch in Gedanken etwas von dem inneren Druck zu nehmen. Erinnert euch daran, dass ihr auch nur Menschen seid und ihr euch nicht bestrafen oder selbst maßregeln müsst. Vor allem nicht mit Essen oder Nichtessen oder Erbrechen."

Die letzten Sätze schienen auf alle Anwesenden hinab zu regnen. Alfred hatte fast das Bedürfnis, sich mit der Hand nonexistente Tropfen aus dem Nacken zu wischen. Hinter seinen Augäpfel verspürte er ein leichtes Brennen. Wie sollte er andere Mittel und Wege finden, um den unbändigen Hunger und all die Sehnsüchte zu stillen? Wie sollte er nagende Gefühle mundtot machen, wenn nicht, indem er sie mit Essen zum Schweigen brachte?

Wie kam er hier weg, wo ihn alle mehr und mehr mit jenen Themen konfrontierten, mit denen er so wenig wie nur möglich zu tun haben wollte?

„Ich würde vorschlagen, jeder von euch überlegt sich übers Wochenende ein paar sinnvolle Dinge, die man im Notfall machen kann. Das können ganz simple Sachen sein wie eine gute Freundin anzurufen oder einen Spaziergang tätigen. In unserer nächsten Stunde tragen wir dann zusammen, was euch eingefallen ist. Also lasst euch Zeit und versucht etwas zu finden, das euch persönlich wirklich beruhigen kann, wenn es hart auf hart kommt. Wie immer dürft ihr natürlich auch gerne etwas in euer Tagebuch schreiben."

Von einigen in der Runde kam ein Nicken, andere schienen es nur hinzunehmen. Alfred für seinen Teil hatte irgendwann die Hände in die Taschen seines Kapuzenpullovers wandern lassen und saß, unbewusst auf einer Backentasche kauend, auf seinem Stuhl. Dies änderte sich schlagartig, als Dr. Brussels Natalia bat, den Zettel weiterzugeben.

Ihre langen, schlanken Beine, die in einer Skinnyjeans steckten, tauchten plötzlich in Alfreds Blickfeld auf und ließen ihn erschrocken das Kinn heben. Unmittelbar vor ihm stehend, hielt sie ihm den grellen Zettel hin.
„Ich nehm mal an, du vermisst deinen Sport auch."

War das eine Frage? Eine Unterstellung? Eine Schlussfolgerung? Weder der Stimmlage noch der Mimik konnte Alfred es entnehmen. Schlimmer war jedoch, dass er manisch den bedeutungsschwangeren Zettel anstarren musste und sonst zu nichts fähig war. Er wollte hier nicht reden! Auf gar keinen Fall! Er musste das irgendwie abwenden!

„Ich spiel überhaupt nicht mehr!", brach es panisch aus ihm heraus und war als Rettung gedacht. Allerdings merkte Alfred postwendend, dass er sich durch die Aussage nur noch tiefer reingeritten hatte. Immerhin hatte er gestern erst heraus posaunt, dass er Mitglied im Baseballteam seiner Schule war und den Sport über alles liebte. Letzteres stimmte ja sogar, aber ersteres hatte er gerade als Lüge entlarvt...

Durch die Runde drang hier und dort ein erstauntes Raunen. Selbst Natalias gut gehütete Starre verrutschte, als sie nun verwundert blinzelte.
„Du hast aufgehört?! Wieso?"

„Es-es ging nicht mehr!" Alfred wollte seinen letzten Rest Würde aufrecht erhalten, aber seine schrille Stimme fiel ihm in den Rücken.

Natalia ließ den Zettel besiegelnd auf seinen Schoß hinab segeln.
„Erzähl."

Das war genau das, was Alfred definitiv nicht tun wollte. Das Papier schien ihn jedoch aggressiv auffordernd anzuleuchten. Ausnahmslos alle Augen waren auf ihn gerichtet.

Alle starrten.

Es war Alfred in etwa so unangenehm wie damals auf dem Schulflur, als Amelia ihn entsetzt angeschaut hatte. Dieser Moment, den er seinem ehemaligen Teamkollegen und einstigem Kumpel Brad zu verdanken hatte, war einer der absoluten Tiefpunkte in Alfreds Leben und definitiv nichts, was er Revue passieren lassen wollte...