Noch immer wütend und verwirrt stieg ich in das nächstbeste Taxi und ließ mich zurück zum Flughafen fahren. Meine Gedanken kreisten noch immer um Mias Worte.
Bist du schwul?
Liebst du ihn?
Ich stöhnte auf und ließ meinen Kopf gegen das kühle Glas der Fensterscheibe knallen.
„Schlechten Tag gehabt?" Mein Kopf ruckte zurück, um dem Taxifahrer einen Blick zuzuwerfen. Eigentlich sah er ganz nett aus. Indische Abstammung würde ich sagen. Ich seufzte nur und nickte. Er lächelte mitfühlend, sah dann aber wieder nach vorne auf die Straße. Plötzlich sprudelten die Worte nur so aus meinem Mund.
„Ich hab mit meiner Freundin Schluss gemacht, weil sie mich betrogen hat. Sie hat mir vorgeworfen, ich würde Gefühle für meinen besten Freund haben und jetzt … weiß ich nicht, was ich machen soll." Gott, ich muss verrückt sein, einem wildfremden Taxifahrer von meinem momentan ziemlich chaotischen Leben zu erzählen. Doch er lächelte mich nur über den Rückspiegel an.
„Und? Hat sie mit ihrer Vermutung recht?"
Verdammt. Hätte ich doch nur die Klappe gehalten…
„ … Ich … nein … also, i-ich glaube nicht." Warum zu Teufel stotterte ich denn schon wieder?
Jetzt grinste der Taxifahrer breit. Irgendwie war er mir sympathisch.
„Nun, aber zu 100% sicher scheinen Sie sich da auch nicht zu sein, sonst würden Sie nicht darüber nachdenken." Und meine Sympathie für ihn verschwand wieder. Finster starrte ich erneut zum Fenster raus.
„Was sagt denn ihr Freund dazu? Hat er denn Gefühle für Sie?" Überrascht sah ich doch wieder auf. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht.
Was empfand Chris eigentlich für mich? Ich war immer von einer ganz normalen Freundschaft ausgegangen. Doch jetzt betrachtete ich das Ganze mit einem anderen Blick. War es möglich, dass er mehr empfand, als nur Freundschaft? Immerhin ist ER schwul! Unwillkürlich musste ich an Chris Umarmungen denken. Seine blauen Augen. Seine Hand, die durch mein Haar streicht. Sein wunderschönes Lächeln … Ich merkte gar nicht, wie ich selbst wieder zu lächeln begann. Bis mein Taxifahrer mich erneut aus meinen Gedanken riss.
„Ahh, nun, so wie Sie gerade aussehen, ist doch mehr an der Sache dran", mein Taxifahrer grinste verschmitzt und hielt dann, bevor ich noch irgendetwas erwidern konnte, auf dem Parkplatz vor dem Flughafen an. Wir waren da. Noch immer grinsend tippte er mit dem Zeigefinger auf die Preisanzeige. Seufzend zog ich mein Portemonnaie heraus und zahlte. Anschließend streckte ich ihm die Hand zum Abschied hin. Mit funkelnden Augen ergriff er sie.
„Ich wünsche Ihnen und Ihrem Freund viel Glück! Ich denke, Sie können es brauchen."
Noch einmal zwinkerte er mir zu und fuhr dann davon.
Na toll… Irgendwie war ich jetzt noch verwirrter als vorher. Mir die Schläfen reibend, schlurfte ich zurück in die Eingangshalle. Ich reihte mich in die Schlange vor dem Last Minute Schalter ein und wartete. Endlich war ich dran. Eine hübsche Frau Anfang dreißig lächelte mich erwartungsvoll an und fragte, wo ich hinwollte.
Ich wollte grade mit „Los Angeles" antworten, als ich es mir anders überlegte.
„Chicago! Und könnten Sie auch gleich nach einem Flug morgen von Chicago zurück nach L.A. suchen?"
„Sicher, kein Problem." Noch immer lächelnd tippte sie die Informationen in ihren Computer ein.
Ich dachte derweil, mal wieder, nach. Chicago. Ja, das war keine schlechte Idee. Ich würde erst mal mit Joey über alles reden. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich im Moment Chris gegenüber normal verhalten könnte.
Kurze Zeit später hatte ich mein Ticket in der Hand und machte mich auf den Weg zu meinem Gate.
PoV: Chris
Seufzend saß ich im Gemeinschaftsraum auf einem der vielen gemütlichen Sofas. Mein Handy lag auf meinen Knien und ich versuchte es durch intensives Anstarren zum Klingeln zu bringen. Irgendwann setzte sich leise Jemand neben mich. Als ich aufsah und Ryan erblickte zuckte ich etwas zusammen, erwartete ich doch einen neuen Schwall an Vorwürfen und Beschimpfungen. Doch er sah mich nur verlegen an.
„Hey Chris. Hör mal. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich heute Morgen so angeschrien habe. Ich weiß du bist nicht für Darren verantwortlich und es ist auch nicht deine Schuld und so weiter. Hör zu, ich weiß, dass es eine verdammt schlechte Ausrede ist, aber ich hatte heute früh einen Streit mit David, meinem Mann. Du weißt ja, wie das ist, wenn man sich mit dem Partner streitet. Und ja, irgendwie.. Ach man es tut mir Leid, dass ich alles an dir ausgelassen habe!"
Ich sah ihn mit großen Augen an und schüttelte meinen Kopf. Jetzt wurde Ryans Blick fragend und verwirrt.
„Nein" Meine Stimme war nicht viel lauter als ein Flüstern. „Nein, ich weiß nicht, wie es ist, sich mit seinem Partner zu streiten."
Ryans Blick wurde noch verwirrter.
„Aber du warst doch schon mit ein paar Männern zusammen, oder nicht?" Ich brachte nur ein trockenes Lachen heraus.
„Ja. Das schon. Aber es war nie etwas Ernstes. Ich habe nie jemanden wirklich geliebt. Es waren eher … Affären?!"
„Hmm achso. Du, Chris, jetzt mal von einem Schwulen zum Andern." Er grinste verschmitzt und auch ich musste bei dieser Bemerkung lächeln.
„Du liebst Darren, oder?" Erschrocken sah ich ihn an. War es wirklich so auffällig?
„Woher…?" Jetzt fing Ryan an zu lachen.
„Oh, Chrissy du Schaf! Das sieht doch ein Blinder. Naja. Alle sehen es. Außer Darren natürlich" Ich sah ihn noch immer geschockt an. ALLE? Hatte er wirklich ALLE gesagt? OH MEIN GOTT! Wo war noch mal das Loch im Boden, das einen in solchen Momenten verschluckte?
Ryan bemerkte wohl die Panik in meinem Gesicht, denn er runzelte nachdenklich die Stirn.
„Natürlich, Süßer. Aber das ist doch nichts Schlimmes. Ich mein, wir würden uns doch alle für euch freuen."
Mir stiegen Tränen in die Augen. Mal wieder. Zum einen, weil mir langsam bewusst wurde, wie sehr ich meine Kollegen, Nein, meine FREUNDE liebte und wohl auch von ihnen geliebt wurde. Und zum anderen, weil ich wusste, dass sie sich umsonst freuten. Darren und ich. Das würde es niemals geben…
Als sich die erste heiße Träne ihren Weg über meine Wange bahnte, zog Ryan zischend die Luft ein. Nun war er derjenige, der erschrocken aussah.
„Chris! Was ist los? Hab ich was Falsches gesagt?"
Ich schüttelte den Kopf. Es wurde immer schwerer die Tränen zurückzuhalten. Schließlich gab ich es auf.
Wie Sturzbäche rauschten sie über mein Gesicht. Als ob ein lange aufgestauter Damm endlich gebrochen war. Darren und Chris. UNS würde es wirklich nie geben.
Hilflos zog Ryan mich in seine Arme und strich mir tröstend über den Rücken.
„Er ist ein Hete, Ryan. Wir werden niemals zusammen kommen…" Durch die Schluchzer war meine Stimme nur schwer verständlich. „Warst du schon mal in einen Hete verliebt, Ryan?" Ich richtete mich langsam auf, um seine Antwort zu sehen. Er nickte nur traurig.
„Süßer, ich weiß nicht genau, was ich dir raten soll. Ich erinnere mich, wie sehr es weh tut. Vielleicht solltest du mal mit ihm darüber reden? Immerhin ist er dein bester Freund, oder?"
Ich schüttelte meinen Kopf.
„Nein, ich kann nicht mit ihm reden. Eben weil er mein bester Freund ist. Ich will ihn nicht verlieren. Besser nur befreundet, als gar keinen Kontakt."
Ryan nickte nachdenklich. „Nun, das ist deine Entscheidung. Aber wenn du mal mit Jemandem reden willst, so von einem Schwulen zum anderen…" Er zwinkerte mir wieder aufmunternd zu. „Dann komm zu mir, okay?"
Ich versuchte ein Lächeln zu Stande zu bringen. Es gelang mir überraschend gut. Ich fühlte mich irgendwie erleichtert. Zwar war mein Problem nicht gelöst, aber ich hatte Jemanden, der mich verstand. Ich wusste, dass auch Lea und die Anderen versuchten, mich zu verstehen. Aber es war etwas Anderes, mit Ryan zu reden. Er verstand meine Situation auf eine andere Weise.
Ryan erhob sich und machte Anstalten, den Raum zu verlassen. Nach drei Schritten drehte er sich jedoch noch einmal um, den Blick auf mein Handy gerichtet.
„Irgendeine Nachricht von ihm?"
Traurig schüttelte ich den Kopf und er ließ mich allein.
PoV: Darren
Es war dunkel und mittlerweile ziemlich kalt. Leise schlich ich mich an die alte Lagerhalle, die wir StarKids vor ein paar Jahren günstig gekauft hatten. Damals war sie beinahe reif zum Abriss. Doch wir renovierten sie und mittlerweile konnte sie sich wirklich sehen lassen. Es gab eine große Bühne für die Proben, eine gemütliche Sofaecke, in der ALLE StarKids Platz fanden und natürlich eine kleine Küche und sanitäre Anlagen. Auf dem Parkplatz vor der Halle standen einige Autos. Gott sei Dank. Der Taxifahrer hatte mich ziemlich dämlich angeguckt, als ich ihm die Adresse nannte. Könnte daran liegen, dass die Halle ziemlich außerhalb lag. Mit nichts als Bäumen und Wiesen als Nachtbarschaft. Aber auch das war äußerst praktisch, störten wir doch so niemanden, wenn wir wieder mal etwas lauter probten oder feierten.
Eigentlich war immer jemand in der Halle. Wirklich. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit man hier ankam, es war immer jemand da. Brian lebte quasi hier. Er meinte mal, hier gefiel es ihm einfach besser, als in seiner kleinen Wohnung in der Stadt. Durch eins der Fenster spähend, erkannte ich Brian, Lauren und Joey auf der Bühne. Offensichtlich übten sie für Holy Musical B tman, da Joey mit dem Script in der Hand auf dem Boden saß und die beiden Anderen in ihren Texten korrigierte. Ich wusste, er war, ebenso wie ich, nicht an dieser neuen StarKids Produktion beteiligt.
In meinem Kopf herrschte noch immer totales Chaos, die Sache mit Chris und Mias Worte beschäftigten mich noch immer. Doch ich setzte ein Grinsen auf und schlich zur Tür. Ich wollte nicht, dass meine Freunde sofort meine Stimmung mitbekamen. Früher oder später bemerkten sie es eh. Sie kannten mich einfach zu gut. Ich lauschte noch einen Moment an der Tür.
„ARRRGH! ICH KRIEG DAS EINFACH NICHT HIN!" - Lauren
„Komm schon, Lauren. Du hast alles, was eine gute Schauspielerin braucht…" - Brian
„Ja, das stimmt. Du siehst toll aus, kannst toll singen und schauspielern. Ich mein du bist totally awesome!" – Joey
Mit einem Ruck stieß ich die Tür auf und sprang lachend auf die Anderen zu.
„Hat hier Jemand ‚Darren Criss' gesagt?"
Eine Sekunde war es still. Dann fing Lauren an zu kreischen, rannte auf mich zu und sprang mir geradezu in die Arme. Lachend drückte ich sie an mich und umarmte anschließend auch Brian und Joey, was gar nicht so leicht war, weil Lauren sich strikt weigerte mich wieder freizugeben und noch immer meinen Hals fest umklammerte.
Eine viertel Stunde später hatten sich meine Freunde wieder etwas beruhigt und wir saßen auf den Sofas und quatschten. Nach einigem Zögern und mehrmaligem Nachfragen seitens der StarKids erzählte ich ihnen von Mia und auch von ihrem Verdacht, dass ich Gefühle für Chris hegte. Eigentlich erwartete ich, dass sie lachen würden oder ähnliches. Doch Joey und Lauren tauschten nur einen langen Blick, während Brian nachdenklich die Stirn runzelte. Ich sah verwirrt von einem zum anderen.
„Was…?"
Lauren musterte mich intensiv.
„Darren, Schatz … Nun, wir haben uns schon ganz Ähnliches gedacht. Ich mein, Mia hat schon recht. Du redest wirklich ständig von Chris. Und ja … Irgendwie ... naja also wir haben halt vermutet, dass du dich vielleicht in ihn verliebt hast. Joey war schon richtig sauer, weil du ihm nichts davon erzählt hast und wir Chris noch immer nicht kennen gelernt haben."
Mein Blick wanderte zu Joey, der zustimmend nickte.
Ich stöhnte auf und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Warum dachte denn bitte jeder, dass ich in Chris verliebt bin? Ich hörte, wie Jemand aufstand und fühlte das Sofa zusammensacken, als Joey sich neben mir nieder ließ und einen Arm um meine Schultern legte.
„Hey, Dare. Es ist ja nicht so, als ob es was Schlimmes wäre! Aber, Darren, bist du dir wirklich sicher, dass du nichts für ihn empfindest? Das würde mich nämlich schwer wundern …"
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, ehrlich gesagt bin ich mir im Moment bei gar nichts mehr sicher. Ich bin total durcheinander."
Brian nickte verständnisvoll.
„Gut, dann lasst uns das Thema wechseln und du denkst noch mal in Ruhe über alles nach."
Wieder Kopfschütteln meinerseits.
„Nein, wir können das noch nicht beenden. Ich brauch eure Hilfe. Ich hab mal wieder Mist gebaut…" Das schien meine Freunde nicht im Geringsten zu überraschen, denn sie brachen in lautes Gelächter aus. Ich lachte mit ihnen. Diesen Satz hatten sie wirklich schon sehr oft gehört. Aber ich wusste auch, dass ich mich immer auf sie verlassen konnte und sie mir immer helfen würden. So auch diesmal. Ich erzählte also, dass ich mich mit irgendetwas Besonderem bei Chris entschuldigen müsste, aber noch keinen Plan hatte. Joey überlegte nicht lange.
„Dude, das ist nun wirklich nicht schwer. Schenk ihm einfach eine Packung RedVines! Du weißt, es gibt nichts, was RedVines nicht können!"
Wir brachen wieder in lautes Gelächter aus, das den Rest des Abends anhalten sollte. Ich musste mir einen Vorschlag nach dem andern anhören.
„Ein romantisches Picknick am Strand, mit Blick auf den Sonnenuntergang und mit Gitarre und allem drum und dran" – Lauren
„Oh, oder ein selbstgekochtes Essen mit anschließendem Kinobesuch" – Brian. Amüsiert verdrehte ich die Augen.
„Leute, das ist viiiiiel zu kitschig!"
„HA! Ich sag's doch! Es geht nichts über eine Packung RedVines!"
„Ach Joey! Du hast doch keine Ahnung von Entschuldigungen! … Wartet … Ich glaub ich hab DIE Idee!", rief Lauren aufgeregt.
