Ich danke luckyserpent fürs tolle betalesen. Ohne ihn wäre ich verloren.


Lieber Harry,

es tut mir alles sehr leid. Es ist nicht wirklich deine Schuld. Du hast nie einen Hehl daraus gemacht, wer du bist und was du willst. Ich wusste immer, du würdest ein Auror werden, und ich wusste auch, dass es nichts gibt, was dich davon abhalten kann, das Böse zu bekämpfen. Du sagst immer, du seiest kein Held, aber das ist nicht wahr. Du bist der Größte, den ich kenne, weil du dich ganz und gar aufopferst für alle anderen.

Aber siehst du, Harry, dabei bleibst du selbst auf der Strecke und jeder, der dir nahe ist. Ich kann dir das nicht vorwerfen, nicht, wenn dein Handeln so viel Gutes bewirkt, aber ich kann auch nicht mehr damit leben. Es ist gibt Zeiten, in denen ich mir Beständigkeit wünsche, Verlässlichkeit, und die kannst du mir einfach nicht geben. Ich weiß, dass es sehr egoistisch ist, was ich tue, aber ich muss im Moment einfach egoistisch sein, für unser Wohl. Vielleicht wirst du es irgendwann verstehen.

Ich werde diese letzte Mission durchführen und dann kündigen. Bitte folge mir nicht, bitte versuche nicht, mich umzustimmen. Ich könnte es nicht ertragen.

Ich wünsche dir alles Glück der Welt und dass du eines Tages all diese Feinde und Dämonen, die dich umtreiben, besiegen kannst. Ich hoffe, du findest dann Frieden. Ich hoffe es wirklich.

In niemals ganz versiegender Liebe

Ginevra

Harry zerknüllte den Brief zum hundertsten Mal und warf ihn in eine Ecke und zum hundertsten Mal hob er ihn eilig wieder auf und strich ihn glatt, um ihn noch einmal zu lesen. Was war nur in sie gefahren? Das war nicht die Ginevra, die er kannte. Verlässlichkeit? Sie war selbst eine Aurorin, sie lebte selbst in ständiger Gefahr, was wollte sie aus heiterem Himmel mit Verlässlichkeit? Und den Job kündigen? Nie im Leben. Sie liebte es, Aurorin zu sein, sie liebte das Abenteuer und den Nervenkitzel und sie war mindestens genauso fanatisch, die Schwarzmagier alle auszutilgen, wie er. Nach Freds Tod hatte sie geschworen, all dem ein für alle Mal ein Ende zu setzten. Das machte alles einfach keinen Sinn. War es vielleicht nicht sie, die diese Entscheidung traf? War sie vielleicht gar nicht mehr Herrin ihrer Sinne? Sie waren in Brasilien angegriffen worden! Was, wenn man sie gefangen genommen und mit dem Imperiusfluch belegt hatte? Was, wenn dies ein Teil eines gewaltigen Plans war, Harry zu schwächen? Plötzlich musste er lachen. Dieser Beruf machte wirklich paranoid.

Und doch, irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Ginny würde ihn niemals verlassen, nicht ohne einen Grund. Und er musste heraus finden, was das für ein Grund war.

„Dieses Haus ist so deprimierend, da sehnt man sich fast nach einem Friedhof", hörte er draußen Sahra schreien.

„Ach ja? Dann geh doch auf den Friedhof. Hier, kannst sogar die Decke haben. Wäre ja ne Schande, wenn du erfrieren würdest", brüllte Malfoy zurück.

Harry seufzte. Sie waren dazu verdonnert worden, hier in Malfoys alter Villa auf Sahra aufzupassen. In der Einöde war es für sie deutlich schwerer, abzuhauen oder ihre Recherchen heimlich fortzusetzen, und außerdem konnte man sie in einem Dorf voller Magier deutlich besser verteidigen. Das änderte aber leider nichts daran, dass der ganze Auftrag dadurch nur noch nerv tötender wurde, denn es gab hier schlicht und einfach nichts, womit man sich die Zeit hätte vertreiben können.

Außerdem verursachte dieser Ort ihm Gänsehaut. Hier war Dobby gestorben und hier hatte Voldemort seinen Krieg geplant.

„Ich habe hier ja nicht mal Internetanschluss", plärrte Sahra auf der anderen Seite der Tür.

„Irgendwo muss noch die alte Angel meines Vaters rumliegen", knurrte Malfoy genervt.

„Wie bitte?"

„Mit Netzen fischen ist so oder so völliger Unsinn, das kann man auch gleich mit Magie machen."

„Wovon redest du eigentlich, du Schwachkopf?"

„Du hast doch gerade ein Netz verlangt, oder nicht?"

Harry musste grinsen. Das einzig einigermaßen Amüsante hier war Malfoys absolutes Unwissen, die Muggelwelt betreffend, und die Streitigkeiten, die dadurch entstanden. Harry öffnete die Tür und ging den langen Korridor entlang zur Küche, aus der die Stimmen kamen.

Er betrat den riesigen Raum, wo einst Generationen von Hauselfen den Malfoys ihre Speisen zubereitet hatten. Ein gewaltiger Steinofen füllte den hinteren Teil des Raumes aus. Er erinnerte verdächtig an Hänsel und Gretel. Davor stand, auf einer festen Feuerstelle, ein gewaltiger gusseiserner Topf, daneben schwere Arbeitsplatten aus Stein und allerlei seltsame Kochgeräte, deren Funktion Harry nicht verstand. Ein riesiger Bottich etwa, in dem eine rote Flüssigkeit blubberte und in der ganze Früchte, Gemüse und Fleisch schwammen, eine goldene Kaffeemühle mit hübschen Verzierungen, aus der die Geräusche eines arabischen Marktes drangen, oder gar ein großes Gebilde, das verdächtig wie eine Guillotine aussah.

Diese Küche wirkte mehr wie Frankensteins Laboratorium. Draco selbst stand vor einer Arbeitsplatte und las in einem uralten, dicken Buch mit grauen, vergilbten Seiten. Sahra saß an einem Tisch in seiner Nähe und rauchte.

„Ah, Superman hat sich von Louis' grausamem Abschiedsbrief losreißen können. Hilf diesem Idioten mal beim Kochen. Sonst verhungere ich nämlich."

„Ein guter Grund, ihm nicht zu helfen", gab Harry spitz zurück und funkelte sie böse an.

Sahra lachte und blies eine dicke Rauchwolke in seine Richtung. „Du kannst doch wohl unmöglich noch sauer sein, wegen des kleinen Kusses. Als ob sie deswegen Schluss gemacht hätte. Ich sag dir was, vergiss die Zicke, die ist überhaupt nicht dein Niveau. Du kannst was Besseres haben."

Harry Fäuste ballten sich, aber er hatte sich fest vor genommen, sich nicht provozieren zu lassen.

„Wofür ist die Guillotine?", fragte er daher Malfoy.

„Zum Fleisch schneiden, ein Geschenk von einem französischen Verwandten", sagte dieser und schwang den Zauberstab. Aus dem roten Gelee löste sich eine ganze Schweinelende und flog auf die Guillotine zu, die plötzlich zum Leben erwachte, die Klinge aufzog und begann, das Fleisch in gleichgroße Stücke zu schneiden.

Sahra gaffte nicht schlecht und sagte dann: „Du erwartest doch nicht, dass ich dieses Fleisch esse, nachdem es in der Grütze geschwommen ist."

„Das konserviert das Fleisch. Das Gelee ist völlig geschmacksneutral."

„Hast du noch nie was von einem Kühlschrank gehört?"

Malfoy blickte sie verständnislos an und Sahra seufzte.

„Mann, Lachsack, es ist völlig hoffnungslos mit dir."

Sie stritten fleißig weiter, während Malfoy verzweifelt versuchte, das komplizierte „Kochbuch für magische Leckereien" zu verstehen. Am Ende ließen sie Pizza kommen.

Während des Essens beobachtete Harry Sahra aus den Augenwinkeln. Sie war wirklich unerhört schön, das stimmte schon, und ihre wilde, unverschämte Art hatte etwas Faszinierendes. Solche Frauen hatte er nie kennen gelernt. Hermine, Ginny, Luna, das waren alles liebeswürdige Mädchen, pflichtbewusst, wenn auch auf ihre je eigene Weise ein wenig verdreht. Aber sie waren nett und wollten das Beste für jeden und sorgten sich um das Wohl anderer. Sahra war nicht so. Sahra dachte nur an einen einzigen Menschen: an sich selbst. Wie es wohl sein würde mit einer solchen Frau…? Harry schüttelte den Kopf. Was war nur in ihn gefahren? Kaum hatte er fertig gegessen, stand er schleunigst auf und verließ den Raum. Er war müde und verwirrt. Ein wenig Schlaf würde ihm gut tun.

Er steht wieder auf dem Reisfeld.

„Du wirst sie nie wieder sehen!"

Erschrocken wirbelt er herum. Dort steht Xang Fu, in grüner Robe, den Zauberstab auf ihn gerichtet.

„Crucio." Ein fürchterlicher Schmerz durchfährt ihn. Glühende Blitze zucken durch seinen Körper,

sein Schädel droht zu platzen.

„Nie wieder wirst du sie in deinen Armen halten".

Harry schreit und windet sich auf dem Boden. Sein ganzer Körper brennt. Und plötzlich hört er wieder Juran Asalim:

„Bald schon wird er ihn befreien. Hör zu, Harry Potter, es ist…."

Das Gesicht Asalims schwebt in Harry Blickfeld, es ist körperlos, kopflos, nur die Gesichtshaut, die Konturen, Augen, Mund und Nase. Es spricht, aber Harry hört die Worte nicht mehr, der Schmerz ist zu schrecklich, die Pein unerträglich. Das Wissen, Ginny nie wieder zu sehen, betäubt seine Ohren.

Und da ist sie. Genau vor ihm. Das Gesicht Juran Asalims wandelt sich in die zarten lieblichen Züge Ginnys. Ihr Mund schwebt näher. Die großen Augen blicken ihn sehnsuchtsvoll an. Der Schmerz ist wie weggeblasen. Sie spricht: „Sorge dich nicht, alles wird gut, mein Liebling."

Sie küsst ihn. Erst sanft und vorsichtig, dann gierig und schließlich mit solcher Leidenschaft, dass sein Herz zu rasen beginnt. Sie schmeckt gut. Nach Pfefferminz und Zucker.

Moment mal, Ginny schmeckt anders…

Harry erwachte. Auf ihm saß Sahra und küsste ihn. Noch ein Traum? Eine Phantasie? Ihre zarten Lippen umschmeichelten seine, ihr Schoß drückte warm und weich auf seine Hüfte. Er roch Zitrone und ein wenig Schweiß, ihr Haar duftete nach Shampoo. Sein Herz pochte, seine Wangen glühten. Instinktiv zog er sie näher an sich. Durch ihre Bluse fühlte er ihre Brüste. Klein und fest. Er war wie von Sinnen. Mit Kraft richtete er sich auf und drückte sie nun seinerseits auf das Bett. Er lag auf ihr, ihre Beine klammerten sich um seine Hüfte. Es gab nur noch eins. Hecktisch knüpfte er ihre Bluse auf, ihr zustimmendes Lachen stachelte ihn an.

„Vergiss diese Ginny. Ich lasse dich sie völlig vergessen", flüstere Sahra in Harrys Ohr und plötzlich fühlte er wieder den fürchterlichen Schmerz. Ginny! Das war alles, woran er denken konnte. Er würde sie nie wieder sehen, er hatte sie für immer verloren. Wie heiße Glut brannte sich die Erkenntnis in seinen Verstand und verwüste jedes Gefühl und jeden Gedanken. Ihm war rot vor seinen Augen. Sahra sah er nicht, noch hörte er ihre Worte. Alles, was er noch vernahm, war ein schrilles Kreischen und dann, als der Schmerz unerträglich geworden war, hörte er wieder Juran Asalims Stimme.

„Du wirst sie nie wieder sehen. Die Welt wird in Dunkelheit stürzen und dann wird es nichts mehr geben außer Leid und Tod. Er will ihn erwecken und nur du kannst es verhindern. Die Tore Diyus, bald schon werden sie sich öffnen."

Harry riss die Augen auf. Sahra lag noch immer unter ihm, starrte ihn jetzt aber verwirrt an. „Was ist Diyu?" fragte sie.

Harry brauchte einen Moment, um die ganze Situation zu verstehen. War es kein Traum gewesen? Oder besser gesagt, was war kein Traum gewesen?

„Hä?" fragte er, völlig desorientiert, und blickte die Frau entgeistert an.

„Du hast plötzlich geschrien: Die Tore Diyus, bald werden sie sich öffnen."

Ein fürchterlicher Kopfschmerz, zusammen mit einer intensiven Übelkeit, überkam ihn plötzlich. Hastig löste er sich von ihr, setzte sich auf und schüttelte sich. Seine Gedanken fuhren Achterbahn. Alles war nur noch Chaos und Schmerz.

„Was ist passiert? Meine Erinnerungen, sie spielen verrückt."

„Wir haben ein bisschen rumgemacht und dann haben sich deine Auge plötzlich so komisch verdreht, dass man nur noch das Weiße sah. Du hattest irre Zuckungen und dann hast du diesen Satz gesagt. Immer und immer wieder. Ich dachte ich bin in „Der Exorzist" gelandet. Sind alle Magier solche Freaks wie du?"

Harry stöhnte auf, er wusste gar nicht, was schlimmer war. Dass er mit Sahra tatsächlich geknutscht hatte oder die Vision selbst. Langsam kam die Erkenntnis. Er hatte Sahra geküsst und plötzlich diese Pein gefühlt. Die Angst, Ginny zu verlieren, genau wie damals bei der Folter in Xang Fus Höhle. Da hatte er immer und immer wieder gedacht, er würde Ginny nicht wieder sehen. Es war sein schlimmster Horror gewesen.

Sahras Kuss, er hatte einen Teil der Erinnerungen zurückgerufen. Juran Asalim hatte damals auf der Flucht zu ihm gesagt, dass sich die Tore Diyus bald öffnen würden. Was war Diyu?

Hastig erhob er sich, warf Sahra noch einen kurzen schuldbewussten Blick zu und eilte hinaus.

Er hastete durch das Haus auf der Suche nach Malfoy und fand ihn schließlich im Garten, mit einer Flasche Wein.

„Malfoy, sagt dir der Begriff Diyu etwas? Es ist wichtig!"

Malfoy blickte ihn kalt an. In seinen Augen lag Verachtung und noch etwas anderes. „Bist du schon fertig mit der Muggelschlampe?", fragte er trocken und nippte am Wein.

Harry schnalzte verärgert mit der Zunge. Er hatte keine Zeit für so etwas.

„Es ist wichtig. Ich hatte eine Vision. Ich muss wissen, was es mit diesem Wort auf sich hat. Ich glaube, es ist irgendein magisches Phänomen, wahrscheinlich chinesischen Ursprungs."

„Eine Vision? Du musst immer was Besonderes sein, nicht wahr, Potter? Der dunkle Lord ist tot, deine alberne Prophezeiung erfüllt und du könntest einfach ein normaler Auror sein. Aber nein! Mister Potter braucht natürlich wieder eine neue Prophezeiung und eine neue Vision. Sonst fühlt er sich ganz gewöhnlich."

Harry grunzte zornig und machte einen Schritt auf Malfoy zu.

„Ich sagte doch, ich habe keine Zeit für Spielchen. Es geht um alles hier. Ich bin der Lösung nahe, ich fühle es. Ich muss wissen, was Diyu bedeutet! Wenn du was weißt, sag es und hör auf, ein Arschloch zu sein, nur weil du eifersüchtig bist."

Malfoys Augen wurden groß und es sah kurz so aus, als fletsche er die Zähne. Dann lachte er höhnisch.

„Eifersüchtig? Auf dich? Bild dir nichts ein. Weißt du, ich glaube, ich verstehe, warum die Weasley dich abserviert hat. Mit so einem Egomanen kann man einfach nicht leben. Kann man ihr nicht übel nehmen, dass sie die Biege macht."

Harry wusste später nicht, wie er die Distanz zwischen sich und Malfoy überbrückt hatte, aber plötzlich war seine Faust in Malfoys Gesicht und sie rollten, sich gegenseitig schlagend, über den Rasen.

Der Kampf dauerte lange und es war eine Menge Hass und Zorn, der sich hier entlud. Es war schon lange fällig. Als sie nach geraumer Zeit, völlig erschöpft und mit blutigen Nasen, nebeneinander im Gras lagen, verspürte Harry absolut nichts mehr. Der Zorn war fort, die Leidenschaft, die er im Zimmer bei Sahra verspürt hatte, auch. Was blieb, war Taubheit, das Gefühl des Verlustes und eine tiefe Angst.

Alles lief aus dem Ruder und er konnte nicht anders, als völlig kraftlos neben seinem alten Feind zu liegen und es geschehen zu lassen. Ginevra! Das rote, seidene Haar, die süßen Sommersprossen im ganzen Gesicht, ihr zarter Mund und der Geruch noch Honig und Melisse. Die Sehnsucht wurde mit einem Mal so gewaltig, das es ihm fast den Atem nahm. Langsam stand er auf, nickte Malfoy kurz zu und ging in sein Zimmer. Er fiel ins Bett und schlief augenblicklich ein.

„Wach auf du Idiot!"

Gequält öffnete Harry die Augen und suchte nach der Quelle der Störung. Er hatte von Ginny geträumt. Es war ein guter Traum gewesen. Neben seinem Bett stand Malfoy, mit einem blauen Auge und aufgeplatzten Lippen. Harry wusste, dass er selbst wenig anders aussah.

„Sie ist weg!"

Harry richtet sich auf und schüttelte sich, um die Müdigkeit zu vertreiben.

„Weg? Was meinst du damit?"

„Ihre Tasche ist fort, ihre Ausweispapiere auch. Sie ist ausgebüxt."

Mit einem Schlag meldeten sich die Kopfschmerzen wieder. Sahra war abgehauen? Das würde einen Riesenärger geben.

„Seit wann ist sie weg?"

„Keine Ahnung, bin auch eben erst aufgewacht, aber ich wette, dass sie schon in der Nacht losgezogen ist."

Harry schlug sich mit der Faust aufs Bein und fluchte. Sie waren unvorsichtig gewesen. Nicht einmal einen Alarmzauber hatten sie aktiviert und dabei hätten sie es sich eigentlich denken können. Eine Sahra Jones, die nach den Regeln spielte, gab es einfach nicht.

„Das heißt, sie kann schon über alle Berge sein", resümierte Harry. „Aber wohin?"

Malfoy grunzte selbstzufrieden. „Das ist doch offensichtlich, oder nicht? Sie will nach Deutschland zu diesem Pharmakonzern."

Harry nickte, das machte durchaus Sinn. So zielstrebig, wie diese Frau war, würde sie keine Zeit verschwenden.

„Das heißt, wir müssen Heathrow checken. Wenn sie gestern Abend einen Zug oder ein Taxi genommen hat, könnte sie theoretisch noch einen der Frühflüge erwischt haben."

Malfoy blickte ihn ahnungslos an, er hatte offensichtlich kein Wort verstanden.

„Wie auch immer, vielleicht kriegen wir sie noch."

Sie erwischten sie nicht, aber sie verschafften sich Zugang zu den Passagierlisten aller Flüge nach Berlin, wo die Firma ansässig war. Eine Miss Jones hatte an diesem Morgen nicht eingecheckt. Eine Weile rätselten sie und überlegten, ob sie über einen anderen Flughafen angesteuert hatte, Frankfurt etwa, aber auch dort wurden sie nicht fündig.

Harry hatte als Junge bei den Dursleys einmal heimlich einen Agentenfilm gesehen. Den Titel hatte er vergessen, aber an die Handlung erinnerte er sich noch sehr gut, weil es einer der wenigen unterhaltsamen Momente seiner tristen Kindheit gewesen war. In diesem Film hatte der gesuchte Superkiller, um den es die ganze Zeit ging, unzählige gefälschte Ausweise gehabt.

Harry ging noch einmal die Passagierlisten durch und prüfte statt des Namens die Gesichter der Reisenden. Nach einer Weile wurde er fündig. Eine Miss Anderson, die verblüffende Ähnlichkeit mit Sahra Jones hatte, war Passagierin auf einem Flug um sechs Uhr nach Berlin gewesen.

Am Flughafen Tegel verlor sich dann die Spur. Sie hatte wahrscheinlich den Bus in die Stadt genommen. Mehr war nicht herauszufinden.

Ohne Kingsley oder anderen Verantwortlichen etwas zu sagen, packten sie ihre Sachen und machten sich auf zu Ron Weasleys kleinem Haus in Godric's Hollow, nicht weit von Harrys Zuhause entfernt.

„Was wollen wir denn bei dem Idioten?", fragte Malfoy ungehalten. Seit dem Kampf hielten sie einen unausgesprochenen, äußerst brüchigen Frieden, der durch ihre gemeinsame Situation bedingt war.

„Ron hat einen Portschlüssel nach Berlin, weil Hermine dort studiert. Wir platzen so zwar ungefragt in ihre Wohnung, aber das kann man jetzt auch nicht ändern, " antworte Harry und suchte unter der Fußmatte nach dem Hausschlüssel. Ron war nicht zu Hause, wahrscheinlich wieder in Brasilien. Zusammen mit Ginny.

Nachdem er fündig geworden war, schloss er auf, steuerte zielsicher auf die Besenkammer zu, zog ein Brett zur Seite und zeigte auf einen alten verrosteten Toaster, der in der Ecke stand. Mit dem Zauberstab aktivierte er das Artefakt und bedeutete Malfoy bei drei den Portschlüssel zu berühren.

Die Welt um sie herum drehte sich und wurde zu einem gewaltigen Strudel, der sie durch das Nichts katapultierte, bis Harry nur wenige Sekunden später mit einem Krachen auf dem Glastisch im Hermines Wohnzimmer landete, der klirrend zerbrach. Harry stöhnte vor Schmerz. Er hatte ganz vergessen, dass Ron seit Monaten versuchte, den verdammten Schlüssel richtig zu justieren, und es einfach nicht hinbekam. Die Streurate des Teleports war ein wenig… ungenau.

Aus dem Schlafzimmer hörte er einen schrillen Schrei, hastige Schritte und dann ein entschiedenes

„Immobilus".

Harry rappelte sich auf und haste ins Schlafzimmer. Dort stand Hermine, nur in ein Handtuch gewickelt, in der Tür zur Dusche und richte ihren Zauberstab auf einen auf dem Bett liegenden, in abwehrender Gestik erstarrten Malfoy.

Als Harry eintrat, wirbelte sie herum.

„Halt, ich bin's!" schrie Harry und hob ebenfalls die Hände.

Sie musterte ihn einige Sekunden, dann blickte sie zu Malfoy auf dem Bett und wieder zu Harry. Ihre Stirn begann sich zu runzeln, ihre Lippen wurden schmal, dann fragte sie ganz leise und ruhig:

„Harry Potter, was hat Draco Malfoy in meinem Bett zu suchen?"

Wenn Harry in besserer Laune gewesen wäre, hätte er spätestens jetzt losgeprustet, aber alle Fröhlichkeit war seit Tagen von ihm gewichen.

„Dein bescheuerter Mann ist schuld, weil er den Portschlüssel nicht repartiert", sagte er daher müde.

Hermine dribbelte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden und leckte sich nervös die Lippen. „Dann will ich es anders formulieren: Was habt ihr beide in meiner Wohnung zu suchen?"

„Wir wollten dich besuchen, ich bin ein wenig einsam seit neuestem", sagte Harry und blickte sie traurig an.

Augenblicklich wich die Verärgerung aus ihrem Gesicht und sie trat auf Harry zu, um ihn zu umarmen.

„Ähm, du bist halb nackt" presste er schüchtern hervor und wurde rot.

Hermine wurde ebenfalls rot, öffnete den Mund, wollte etwas sagen und verschwand dann wortlos im Bad. Harry überbrückte die Wartezeit damit, die erstarrte Malfoystatue zu bewundern, die noch immer auf dem Bett saß. Es schadete nicht, ihn noch ein wenig so zu belassen. Es gab noch einen anderen Grund außer die Suche nach Sahra, warum er zu Hermine gegangen war, und davon musste Malfoy nichts wissen.

Daher zog er sie, nachdem sie sich angezogen hatte, aus dem Raum und schloss die Tür.

„Oh, nicht schon wieder der Tisch", jammerte Hermine, als sie ins Wohnzimmer trat. „Ron erlaubt mir nicht, ihm den Portschlüssel zu reparieren. Er ist so stolz. Reparo!"

Die Splitter, die im ganzen Zimmer verteilt waren, schwebten in die Luft und setzten sich flink wieder zusammen, um dann als unbeschadete Glasblatte wieder auf die Tischbeine zu gleiten.

Dann schaute Hermine sich noch einmal um und seufzte tief. „Du hättest mir sagen sollen, dass ihr kommt, ich war auf Besuch nicht vorbereitet. Schau nur, wie es hier aussieht, ich bin mitten bei der Arbeit."

Harry folgte ihrem Blick. Das ganze Zimmer war praktisch mit Büchern vollgestellt. In jeder Ecke türmten sich die Stapel und lose Blätter, die einst auf dem Tisch gelagert waren, lagen jetzt im Raum verteilt auf dem Boden. Auch Essgeschirr und Süßigkeitentüten langen herum, als hätte die Bewohnerin nicht einmal Zeit gehabt, einen Aufräumzauber zu sprechen. Das holte sie nun nach und plötzlich wirbelten Blätter, Teller und Verpackungen durch den Raum, bis alles eine Ordnung im Mülleimer, als Stapel oder in der Spüle in der Küche gefunden hatte.

Harry nutze die Zeit, sich auf das Sofa zu setzen und in ihre Bücher zu linsen. „Die Metastruktur verborgener Runenflüche und ihre Verwendung in keltischen Grabkammern" war eines der ganz abgenutzten Exemplare, dicht gefolgt von „Leviatan, Beomoth und Ziz: Apokalyptische Geistwesen und ihre spirituelle Essenz als Vergleichswert für magische Hintergrundstrahlung in industrialisierten Großstädten".

Harry verstand nicht mal die Titel richtig, aber er wettete, dass für Hermine diese Bücher wie Kriminalromane waren. Als sie fertig war setzte sich zu ihm, beobachtete ihn amüsiert beim Lesen und fragte schließlich: „ Also, was ist los? Und sollten wir Draco nicht befreien?"

„Unsere Journalistin ist uns ausgebüxt und wahrscheinlich jetzt in Berlin. Euer Portschlüssel war der schnellste Weg. Und da ist noch etwas anderes, das Malfoy nicht hören muss."

Nun erzählte er ihr von seinen Visionen, die er seit der Folter hatte. Von den fürchterlichen Augen, der riesigen Welle, davon, dass er Voldemort besucht hatte und zuletzt, was Juran Asalim im letzten Traum gesagt hatte.

„Und jetzt muss ich herausfinden, was Diyu bedeutet", schloss er und blickte sie erwartungsvoll an.

Hermine starrte eine Weile in die Luft, dann stand sie auf und suchte in ihren Bücherstapeln. Es dauerte seine Zeit, dann zog sie ein riesiges Buch hervor. Der Titel lautet „Magische Mythologie aus aller Welt, gesammelt und sortiert von Galus Plastikus dem Verblüfften".

Darin blätterte sie und sagte schließlich: „Wie ich es mir gedacht habe: Diyu ist das chinesische Wort für Unterwelt und in einem magietheoretischen Zusammenhang bezieht es sich auf die Geisterwelt oder Anderswelt oder wie immer man sie nennen will."

Harry wusste nicht allzu viel von Magietheorie, aber er ahnte, um was es ging. Die Geisterwelt war der Raum zwischen dem Reich der Lebenden und jenem unbestimmten Ort, in den die Seelen der Toten reisten. Es war eine zweite Ebene der Welt, nicht körperlicher, sondern geistiger Natur. Die Seelen aller Lebewesen existierten in der Geisterwelt und waren durch ein feines Band mit dem Körper in der materiellen Welt verbunden. Doch in der Geisterwelt existierte noch mehr. Zum Einen natürlich die Geister, die noch nicht in die Welt der Toten reisen konnten und deren schwache Projektionen in der materiellen Welt sichtbar waren, zum anderen aber auch körperlose magische Wesen wie mächtige Naturgeister, Dämonen und Entitäten, wie diese apokalyptischen Ungeheuer aus Hermines Buchtitel.

„Voldemorts Seele hat den Übergang in die Totenwelt nie geschafft. Er ist verdammt, in der Geisterwelt zu schmoren, nicht wahr?" murmelte Harry, während sich ein fürchterlicher Gedanke formte.

Hermine nickte, aber man konnte sehen, dass sie die Richtung, in die Harry Gedanken gingen, nicht mochte. Ihr Gesicht war eine einzige zweifelnde Furche.

„Ja schon, Harry, aber es ist nicht möglich, die Überreste einer Seele, die einmal die Verbindung zur materiellen Welt verloren hat, wieder in die materielle Welt zu bringen. Ist das Band einmal gerissen, kann es nicht mehr erneuert werden. Außerdem ist Voldemorts Seele derart beschädigt, dass er nicht einmal mehr als Geist zurückkommen könnte."

„Du sagt, es ist nicht möglich, aber es hat auch niemand gedacht, das Voldemort seine Seele in sieben Stücke teilen könnte. Was ist, wenn Xang Fu einen Weg gefunden hat, Voldemort wiederzuerwecken?" Harry bekam Gänsehaut, seine Finger zitterten. Das konnte es sein! Das würde alles erklären! Xang Fu wollte Voldemort wiedererwecken und Juran Asalim hatte ihn davor warnen wollen.

Hermine schüttelte wieder den Kopf. „Es ist nicht möglich. Horkruxe sind Teil der materiellen Welt und daher verlässt die Seele die Welt nie. Die Verbindung wird nie ganz abgetrennt. Deshalb ist es möglich, einen leeren Körper mit der Seele aus einem Horkrux zu füllen. Jetzt aber ist die Seele völlig getrennt vom Körper. Sie existiert nur noch in der Geisterwelt und die wird sie niemals verlassen können. Voldemort ist tot, Harry, und er wird es immer bleiben!"

Man konnte sehen, wie sehr es sie sorgte, dass Harry sich so sehr auf dieses Thema stürzte. Sie wollte nicht, dass er wieder diese Ängste ausstehen musste, die ihn nun schon so lange plagten. Aber Harry war in Fahrt gekommen und nicht gewillt, sich von seiner Spur abbringen zu lassen.

„Es gibt doch Rituale, mit denen man Naturgeister und Dämonen beschwören kann. Dieser Dr. Faust, nach dem deine Universität benannt ist, hat dies einst getan, oder nicht? Es ist also möglich, jene Geisterwesen in unsere Welt zu holen. Warum also nicht auch Voldemort?"

„Weil er kein Geistwesen ist, sondern ein Mensch. Wenn Teile seiner Seele noch in der Geisterwelt existieren, sind sie nicht mehr als schale Erinnerungen an sein altes Selbst. Es sind spirituelle Fetzen dessen, was er einmal war. Magische Signaturen, mehr nicht. Du hast doch selbst von diesem schreienden, verkrüppelten Baby erzählt, das du damals gesehen hast, als du die Geisterwelt betratst. Mehr ist nicht von ihm übrig. Man kann Menschen nicht von den Toten zurückholen. Sie haben jeden Kontakt zur Welt verloren. Die Geistwesen sind möglicherweise anders. Es gibt Gerüchte, dass Dr. Faust einst einen Erdgeist beschwor, aber wahrscheinlich stimmt das nicht. Die magische Energie, die das erfordert, ist viel zu hoch. Die lässt sich überhaupt nicht produzieren. Und mit Voldemort, wie gesagt, geht es erst recht nicht. Selbst wenn man seine Seele zusammenflicken könnte, die Mengen an Beschwörungsmagie, die man bräuchte, um ihn dann noch wieder an seinen Körper zu binden, sind unvorstellbar hoch. Er ist tot Harry, das musst du endlich einsehen."

Noch immer weigerte er sich, den Gedanken fallen zu lassen. Wenn das nicht stimmte, was hatte Juran Asalim dann gemeint? Er hatte Voldemorts Augen gesehen, er war jetzt so sicher. Die Augen einer Schlange, die Augen seines schlimmsten Feindes. Und doch… Hermine würde sich nicht irren, sie wusste mehr von diesen Dingen als er jemals lernen würde. Erschöpft sank er in sich zusammen. Er war wieder am Anfang angekommen.

„Es ist der Stress, Harry. Du warst monatelang gefangen und wurdest auf fürchterliche Weise gefoltert. Es ist nur natürlich, dass du Albträume hast."

Harry blickte sie an und fragte leise: „Hast du was von Ginny gehört?"

Hermine schaute ihn mitleidig an und legte ihren Arm um seine Schulter.

„Du musst sie verstehen. Sie hat Angst. Das ist alles nicht einfach für sie. Es ist ja ihr erstes Mal und sie ist völlig verunsichert. Wenn sie den Schock überwunden hat, kommt sie zu dir zurück, da bin ich mir sicher."

Harry starrte sie verständnislos an. „Hä?"

Hermine schluckte, als sie begriff, dass Harry nicht wusste, wovon sie sprach.

„Sie hat es dir nicht gesagt?" frage sie fassungslos.

„Sie hat mir was nicht gesagt?"

Hermine schlug sich gegen die Stirn und fluchte leise. „ Ach… vergiss es, es ist nichts, nicht so wichtig. Frauenkram." Dabei verdrehte sie die Augen wie immer, wenn sie zu lügen versuchte, und Harry wusste, dass etwas nicht stimmte.

„Hermine, was ist los? Sage es mir sofort."

„Ich habe ihr versprochen, nichts zu verraten. Sie wollte es dir selbst sagen und dann kam euer Streit. Ich dachte sie hätte es dir wenigstens im Brief erklärt."

„Jetzt rede schon, du machst mich wahnsinnig."

„Ich darf nicht, sie hat mich schwören lassen", jammerte Hermine.

„Und ich schwöre dir, dass ich durchdrehe, wenn du mir nicht sofort sagst, was mit Ginny los ist. Ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt, ich wusste, dass dieses Schlussmachen seltsam war. Sie ist krank, nicht wahr? Sie hat sich irgendeine schreckliche Krankheit im Dschungel geholt oder einen Fluch oder was weiß ich."

Harrys Verstand raste. Jetzt machte alles einen Sinn. Sie hatte sich verzaubern lassen, vielleicht musste sie sterben, vielleicht war es ansteckend und sie hatte Angst gehabt, Harry in Gefahr zu bringen. Natürlich, das musste es sein. In Brasilien gab es unzählige magische Krankheiten. Warum war er nicht gleich darauf gekommen?

„Sie ist nicht krank, Harry"

Sein Kopf lief rot an vor Wut, seine Hände zitterten und plötzlich schrie er aus voller Kehle: „Was zur Hölle hat sie dann?"

Hermine seufzte und tätschelte seine Wange schwesterlich. „Sie ist schwanger Harry. Du wirst Vater."

Der Patronus wählte genau diesen Augenblick, um mitten im Zimmer zu erscheinen. Es war ein silbern schimmernder Jack Russel Terrier.

„Es ist passiert, Hermine" bellte der Hund aufgebracht, „es ist wirklich passiert. Concador hat Rio de Janeiro angegriffen. Es gab eine riesige Explosion und Tausende Tote und Verletzte in der Innenstadt. Alles ist in Chaos hier, die Aurorenzentrale ist völlig verwüstet und wir versuchen uns zu sammeln, aber von überall strömen Concadors Männer in die Stadt. Das ist Krieg, Hermine. Mir geht es gut, mach dir keine Sorgen, ich bin mit Adrian und Howard unterwegs, aber wir vermissen Ginny. Beim Angriff wurden wir getrennt und wir wissen nicht, wo sie ist und wie es ihr geht. Ich glaube nicht, dass sie tot ist, sie ist stark, aber man weiß nie. Sag bloß Harry nichts davon, wenn du ihn triffst. Kingsley wird ihn informieren, dass Ginny zum Zeitpunkt des Anschlages nicht in Brasilien war. Er darf es nicht wissen, du weißt, wie er ist. Ich liebe dich. Hab keine Angst."