Kapitel 09
Begegnungen mit der Vergangenheit
Harry schreckte, mit weit aufgerissenen Augen, die sich fieberhaft im Raum umsahen, aus dem Schlaf auf. Dem fahlen, grauen Licht, das durch das Fenster fiel, nach zu urteilen, war es gerade kurz nach Sonnenaufgang. In der Nacht war er wieder von Alpträumen heimgesucht worden, aber glücklicherweise von keinen Visionen. Er hatte in den letzten paar Nächten überhaupt keine Visionen gehabt. Harry ging jede zweite Nacht zur Okklumentikstunde, war sich aber nicht sicher, ob die Tatsache, dass er keine Visionen mehr hatte, bedeutete, dass er jetzt endlich Okklumentik beherrschte, oder dass Voldemort sich einfach nur bedeckt hielt, um seinen nächsten Angriff zu planen. Der Unterricht mit Dumbledore war auf jeden Fall viel besser, als mit Snape. Der Direktor hatte ihm einige Entspannungstechniken gezeigt, die ihm halfen, seinen Geist zu leeren. Ganz langsam wurde so die Beziehung zwischen Harry und Dumbledore repariert. Es würde zwar niemals so werden, wie es einmal war, aber es entstand eine neue, erwachsenere Verbindung zwischen den Beiden. Allerdings gab es keine Erlösung von Harrys quälenden Träumen von seinem Patenonkel. Ginny war in der Nacht einmal bei ihm gewesen, aber es schien, dass ihr geringer Trost es nicht vermochte, die Träume zu verhindern.
Einige Wochen waren seit Harrys Geburtstag vergangen und die Teenager hielten es kaum noch in ihrem Gefängnis aus. Zwar versuchte Mrs. Weasley, sie mit den immer notwendigen Putz- und Renovierungsarbeiten zu beschäftigen, aber den Kindern war langweilig. Es gab noch nicht einmal einen Garten, in den sie gehen konnten. Seit sie ihre Schullisten erhalten hatten, redeten sie nur noch von ihrem Ausflug in die Winkelgasse. Harry war das letzte Mal vor seinem dritten Schuljahr dort gewesen, und freute sich sehr darauf. Die Mitglieder des Ordens dachten, dass es keine gute Idee wäre, Harry gehen zu lassen, aber er bestand darauf. Er weigerte sich, zuzulassen, dass Voldemort sein Leben bestimmte. Harry wollte das Haus für eine Weile verlassen und er wollte wenigstens ein Stück seines Lebens wieder zurück. Dumbledore spürte Harrys immer größer werdende Frustration und stimmte schließlich zu, allerdings unter der Bedingung, dass er ständig von Aufpassern begleitet wurde.
„Alles in Ordnung, Harry?", fragte Ron, bequem eingehüllt in seine Decke, von seinem Bett aus.
„Ja."
„Alptraum?"
Harry seufzte. „Was sonst?"
„Soll ich Ginny holen?"
Harry erschrak und sah zu seinem Freund hinüber, der langsam anfing zu grinsen. „Halt die Klappe, Weasley!"
„Weißt du was, Potter? Ich verstehe nicht, wie du deine ZAGs so gut bestehen konntest, so clever bist du gar nicht. Es ist nicht sonderlich schlau, ein Mädchen ins Bett zu kriegen, wenn ihr Bruder im gleichen Zimmer ist!"
Harry wurde feuerrot, öffnete und schloss den Mund, wie ein Fisch, aber kein Ton kam heraus. Harrys Unbehagen schien Ron zu belustigen, der jetzt laut lachte und seine Augen zwinkerten ähnlich denen von Dumbledore.
Schließlich warf Harry mit einem Kissen nach Ron und stürzte auf dem Weg in die Dusche mit dem Ausruf „Penner!" fast aus dem Zimmer. Rons Gelächter war den ganzen Flur entlang zu hören.
Ron fand das Ganze unendlich lustig. Hier war sein bester Freund, der legendäre Harry Potter. Der Junge, der überlebte. Gewinner des trimagischen Turniers. Unerschrockener Sieger über Dunkle Lords, Basilisken und Acromantulas – und vollkommen durcheinander wegen Ron Weasleys kleiner Schwester! Es machte einfach viel zu viel Spaß, Harry, der keine Ahnung hatte, wie er damit umgehen sollte, damit aufzuziehen! Ron fand es lustig, Harry so verwirrt zu sehen. Es tat Harry sehr gut, sich mal auf etwas Normales zu konzentrieren!
Der Tag war wirklich schön, hell, sonnig und warm. Die Teenager waren schon vor neun Uhr wach, geduscht und angezogen gewesen und warteten nun in der Küche auf Tonks, die sie begleitete. Ihre Haare waren heute kurz und stachelig und rot, fast wie bei den Weasleys. Ginny fand das ziemlich lustig und gab zu, dass sie sich schon immer eine Schwester gewünscht hatte. Hestia Jones, ein anderes Mitglied, begleitete sie. „Wir nehmen das Flohnetzwerk bis zum Tropfenden Kessel", erklärte Hestia ihnen ganz professionell. „Von da aus könnt ihr eure Einkäufe erledigen. Ihr müsst nur immer in unserem Blickfeld bleiben."
„Hier", mischte sich Tonks ein und gab jedem von ihnen einen kleinen Metallzylinder an einer Schnur. „Hängt euch das um den Hals. Das sind Portschlüssel für den Notfall. Wenn ihr an ihnen zieht, bringen sie euch direkt hierher zurück. Nehmt sie nicht ab und habt sie immer in Reichweite."
Selbst Harry war zu aufgeregt wegen des Ausflugs, um sich über die Vorsichtsmaßnahmen zu beschweren. Er kam hier raus! Tonks ging zuerst, dann betraten die Freunde einer nach dem anderen die Feuerstelle und Hestia ging als Letzte.
Der Tropfende Kessel war immer noch so, wie Harry ihn in Erinnerung hatte, dunkel und heruntergekommen, aber mit vielen Kunden. Tom, der Barkeeper, war immer noch da, stand hinter der Theke und trocknete Gläser ab. Tonks führte sie zu einem Tisch nahe der Tür, wo Bill Weasley lässig saß und den Tagespropheten las. Für Harry bestand kein Zweifel daran, dass Bill da war, um den Kamin zu beobachten, während sie in der Winkelgasse einkauften.
„Bill!", rief Ron, „Was machst du hier?"
„Ich muss nur ein paar Kleinigkeiten erledigen", war die ungenaue Antwort des älteren Bruders. „Seid ihr wegen eurer Schulsachen hier?" Nachdem die Teenager alle genickt hatten, machte Bill ihnen ein Angebot. „Wenn ihr mir die Listen gebt, kann ich die Bücher und die anderen Sachen für euch holen. Dann habt ihr mehr Zeit, euch umzusehen."
Hermine sah ihn total entsetzt an und Harry musste lächeln. Die Vorstellung, nicht in den Buchladen zu gehen, hatte sie fast umgehauen. Sie stand nur da und schaute Bill ungläubig an.
Schließlich hatte Ron Mitleid mit seiner Freundin. „Ist schon gut, Bill. Ich denke, der Besuch bei Flourish & Blotts war der einzige Grund für Hermine, mitzukommen. Das wollen wir ihr doch nicht vermiesen."
Bill hatte sich das schon fast gedacht und grinste. „Nicht schlecht, kleiner Bruder. Du hast mehr gelernt, als ich dachte."
Ron grinste verlegen zurück und Hermine war sichtlich beruhigt. „In Ordnung", sagte Tonks. „Ihr habt den Tag für euch, aber ihr müsst um Punkt 4 Uhr wieder hier sein. Wir werden zum Tee wieder zurück sein. Verstanden?"
„Wir werden den ganzen Tag bei euch sein, aber wir werden versuchen unauffällig zu bleiben", fügte Hestia hinzu.
„Genau", fügte Tonks hinzu. „Seid also einfach Kinder bei einem Date!"
Harry und Ginny wurden beide rot, obwohl Harry sich selbst eingestand, dass die Idee von einer Verabredung mit Ginny ziemlich verlockend war. Das ist aber keine Verabredung. Sie waren nur hier, um ihre Schulsachen zu kaufen, sonst nichts. Klar, sagte diese kleine, nörgelnde Stimme in seinem Kopf, und Malfoy ist dein neuer bester Freund. Reiß dich zusammen, Potter.
Als Bill ihnen die Tür öffnete, betrat ein neuer Gast den Pub. Er war ein eher kleiner Mann mit einem Schnurrbart. „Declan!", rief Bill. „Lange nicht mehr gesehen!"
Der Mann schreckte zusammen, beruhigte sich dann aber wieder. „Bill! Was machst du denn hier?"
„Das könnte ich dich auch fragen! Seit wann bist du aus Ägypten zurück?"
„Noch nicht lange. Ich besuche nur meine Familie, du weißt ja, wie das ist."
„Natürlich", lachte Bill. „Und da wir gerade davon reden – das sind meine beiden jüngsten Geschwister..." Tonks warf ihm einen warnenden Blick zu und Bill beendete seine Erklärung, ohne ihre Namen zu nennen.
Der Mann schien das nicht zu bemerken, und sah sich stattdessen im Pub um, als ob er jemanden erwartete. Harry fand, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Als Bill ihn als einen Fluchbrecher-Kollegen vorgestellt hatte, hatte er sie alle gemustert. Ganz besonders schien er Harry zu taxieren und Harry machte schon ganz unbewusst seinen Pony über seine Narbe, um sie besser zu verdecken. Die Teenager verabschiedeten sich und machten sich auf den Weg hinaus zur Gasse. Tonks ging zur Backsteinmauer, berührte sie mit ihrem Zauberstab und wartete darauf, dass der Durchgang erschien.
Als Harry hindurch ging, überkam ihn eine Welle von Nostalgie. Er erinnerte sich daran, wie eingeschüchtert and erstaunt er war, als er das erste Mal mit Hagrid hier gewesen war. Er hatte sich gewünscht, mehr Augen zu haben, um alles zu sehen. Das schien jetzt schon ein ganzes Leben her zu sein. Damals war er noch ein Kind gewesen, unschuldig und naiv. Die Dursley hatten ihn kaum aus seinem Schrank heraus gelassen, um die Muggelwelt zu sehen, ganz zu schweigen von dieser Welt. Die geschäftige Straße sah noch genauso aus und hörte sich noch genauso an. Hexen und Zauberer in bunten Umhängen gingen ihren Geschäften nach. Die Apotheke mit ihren Zaubertränken und Zutaten, die für Harry schon fast mystisch zu sein schienen, war immer noch da. Eeylops Eulenkaufhaus, wo Hagrid Hedwig für Harrys elften Geburtstag gekauft hatte, war auch immer noch geöffnet. Harry erinnerte sich gerne an den Tag vor seinem dritten Schuljahr zurück, an dem er, Ron und Hermine dort gewesen waren und Hermine Krummbein gekauft hatte. Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er gar nicht bemerkte, wie Ginny ungeduldig an seinem Ärmel zog. „Harry, hörst du überhaupt zu? Wir müssen zu Gringotts, musst du auch etwas Geld abheben?"
„Ja, muss ich. Wohin geht es danach?"
„Flourish & Blotts", sagte Hermine entschieden. „Wir werden unsere Schulbücher zuerst holen, nur um sicher zu gehen."
„Ich brauche auch noch einiges für Zaubertränke", fügte Ginny hinzu. „Also müssen wir noch in die Apotheke."
„Und Harry und ich müssen unbedingt zu Qualität für Quidditch", sagte Ron, ohne zu erklären, was genau er benötigte. Harry war es ziemlich egal, wann sie in welche Geschäfte gingen, er wollte sie alle wiedersehen.
Nachdem sie alle ihr Geld aus ihren Verliesen geholt und Hermine etwas Muggelgeld in Galleonen, Sickel und Knuts getauscht hatte, gingen sie hinüber zum Buchladen.
Hermine verschwand sofort und sie würden wahrscheinlich eine kleine Armee brauchen, um sie wieder aus dem Laden herauszukriegen. Ron und Ginny gingen zur Second Hand-Abteilung hinüber, während Harry zu einem Verkäufer ging und ihm seine Buchliste gab. Während die Bücher rausgesucht wurden, lief er durch die Abteilung für Verteidigung. Ein Buch mit sich duellierenden Zauberstäben weckte sein Interesse. In dem Buch gab es viele Zauber und Flüche für Fortgeschrittene und es sah sehr interessant aus. An der Kasse legte er es zu den anderen Büchern und bezahlte. Sie stöberten noch über eine Stunde im Laden, bevor Ron Hermine zur Kasse schleifte, damit sie bezahlen konnte. Gerade als sie das Geschäft verlassen wollten, kam ein neuer Kunde herein. Die Frau war plump und hatte ein krötenähnliches Gesicht, das ab und zu in Harrys Alpträumen erschien. Vor ihm stand niemand anderes als seine Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste vom letzten Jahr, Dolores Umbridge. Er griff instinktiv nach seiner Hand, der Hand, auf der immer noch die blassen Narben seiner Strafarbeiten zu sehen waren. Sie war dünner und sah aus wie jemand, der sich noch nicht vollständig von einer langen Krankheit erholt hatte. Ihr lockiges Haar hing nur herunter und war länger als beim letzten Mal, als Harry sie gesehen hatte.
Sie schaute kurz jeden einzelnen an und als sie bei Hermine angelangt war, konnte Harry gut ihren Ärger erkennen. Aber es war Harry, an den sie sich wandte. Als sie redete, tropfte ihre Stimme vor falscher, süßer Freundlichkeit. „Mr. Potter, wie schön, Sie wiederzusehen."
Wut über die Ungerechtigkeiten, die diese Hexe ihm angetan hatte, kochte in Harry hoch, aber er erinnerte sich an Dumbledores Worte darüber, dass er seine Wut kontrollieren musste. Ohne ein Wort zu sagen, eilte er kalt an ihr vorbei und durch die Tür nach draußen. Er lief mit großen, wütenden Schritten die Straße entlang und bemerkte noch nicht einmal, dass seine Freunde kaum mithalten konnten.
Die anderen konnten sehen, wie aufgebracht Harry war, erkannten aber auch, dass er versuchte, sich zu kontrollieren und hielten deshalb den Mund. Letztendlich war es Ron, der zuerst sprach. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die noch mal wiedersehe, die alte Schachtel!"
„Ich kann nicht glauben, dass sie einfach so herumlaufen darf. Das Ministerium muss sie doch wegen irgendetwas angeklagt haben. Sie hat ihre Schüler körperlich misshandelt!", regte sich Hermine auf.
„Seit wann tut denn das Ministerium das, was es eigentlich sollte, Hermine? Fudge hat genug damit zu tun, sein angeschlagenes Image wieder zu reparieren, da wird er bestimmt nicht noch Aufmerksamkeit auf einen weiteren seiner endlosen Fehler lenken." Die Verbitterung in Harrys Stimme war verstörend. Um wieder auf andere Gedanken zu kommen, liefen sie einfach weiter durch die Straße und kauften ein. Als sie sich Qualität für Quidditch näherten, rannte Ron fast los.
Allerdings war dieser Tag anscheinend für Harry der Tag der unangenehmen Begegnungen, denn im Laden war sein Erzrivale aus der Schule und Nemesis seit der ersten Klasse, Draco Malfoy.
„Na sieh mal einer an", grinste sie der blonde Junge mit seiner affektierten Aussprache höhnisch an, „was die hier rein gelassen haben: Potty, das Schlammblut und zwei Wiesel."
„Hau ab, Malfoy", entgegnete Harry. Er hatte keine Lust, noch mehr Zeit mit Typen wie Malfoy zu verbringen. Er hatte wichtigere Ziele und war fest entschlossen, sich dieses Jahr nicht auf belanglose Zankereien mit Malfoy einzulassen. Er versuchte an Malfoy vorbeizukommen, blieb aber bei der Antwort des Slytherins schlagartig stehen. „Trauerst du etwa immer noch um deinen toten Hund, Potter? Du hättest ihn wohl besser nicht von der Leine lassen sollen."
Er fühlte, noch bevor er hörte, wie Hermine und Ginny scharf einatmeten. Alles war still, abgesehen von dem Rauschen in seinen Ohren und er fühlte sich, als hätte ihm jemand in die Magengrube geschlagen. Harry hatte seinen Zauberstab schon gezogen, bevor Malfoy überhaupt mitbekommen hatte, dass er sich bewegt hatte und jetzt waren seine Augen vor Angst weit aufgerissen. Es war Ron, der Harry zurückhielt und als er ihn aus dem Laden zog konnten sie Ginnys beleidigendes „Wie gefällt es deinem Daddy in Askaban?" hören. Der einzige Grund, warum Harry Ron nicht verfluchte war, dass er ihn wirklich nicht verletzen wollte. Harry hielt sich immer noch an seinem Zauberstab fest und musste sich selber zwingen, nicht wieder zurück in den Laden zu rennen. Das war es dann also mit dem guten Vorsatz!
„Ganz ruhig, Kumpel, nicht aufregen. Ich würde ihm auch am liebsten den Kopf abreißen, aber wir können uns hier keine Szene erlauben, oder Tonks verfrachtet uns so schnell wieder ins Hauptquartier, dass wir gar nicht wissen, wie uns geschieht." Ron hatte Recht, aber Harry war nicht daran gewöhnt, dass Ron die Stimme der Vernunft war. Er nahm tiefe, beruhigende Atemzüge, so wie Dumbledore es ihm geraten hatte, aber nach den Treffen mit Malfoy und Dolores Umbridge konnte er seine Wut kaum noch kontrollieren.
„Es tut mir leid Harry", sagte Ron leise. „Wegen Sirius meine ich. Ich glaube, das habe ich dir noch nie gesagt."
Harry kniff die Augen zusammen. „Ich will jetzt nicht darüber reden." Die Mädchen kamen raus und Ron schüttelte nur den Kopf, um ihnen zu sagen, dass sie nicht weiter fragen sollten.
„Ich finde, wir sollten etwas zu Mittag essen", sagte Ginny freudig. „Es ist so ein schöner Tag, lasst uns zu Florean Fortescue gehen und draußen essen."
„Aber da gibt es doch nur Eiskrem?", war Hermines logisches Argument.
„Na und? Hattest du etwa noch nie Eiskrem zu Mittag?", fragte Ginny mit einem amüsierten Blick.
„Eiskrem zu Mittag hört sich fantastisch an!", lächelte Harry, und so war die Sache entschieden.
Alle vier hatten Eisbecher mit einer ordentlichen Portion Schokolade zu Mittag und fühlten sich danach gleich viel besser! Selbst Harrys Stimmung hob sich, als er da so lachend mit seinen Freunden in der warmen Sommersonne saß. Während sie da saßen, trafen sie noch einige andere Schüler und tauschte ein paar Höflichkeiten aus. Nachdem sie fertig waren, liefen sie noch herum, schauten in verschiedene Geschäfte rein und sahen sich um. Zuletzt war Fred und Georges Laden an der Reihe. Harry war bisher noch nicht dort gewesen und freute sich schon darauf, zu sehen, wie er aussah und wie die Geschäfte liefen. Ron wusste von einer Abkürzung und so folgten sie ihm durch eine schmale Gasse. Harry bemerkte an der Seite eine steinerne Treppe und wusste, dass sie in die Nokturngasse führte. Er war in der zweiten Klasse einmal durch Zufall in der zwielichtigen Gegend gelandet.
Nach all den unangenehmen Begegnungen, die er an diesem Tag schon gehabt hatte, dachte Harry, hätte er es eigentlich wissen, es ahnen müssen. Hatte er aber nicht, und als es dann passierte, war er vollkommen unvorbereitet. Sie waren gerade an der Steintreppe vorbeigelaufen und kamen an einer in schwere, schwarze Gewänder gekleideten Hexe vorbei, als Harry die Stimme hörte, die sein Blut gefrieren lies. „Macht der deine Potter mit seinen Freuden einen Autflut?"
Ihre Stimmer war voller Bosheit und Hass. Harry wirbelte herum und schaute in die glasigen, irren Augen von Bellatrix Lestrange. Sie stand einfach so da auf der Straße, für jeden sichtbar, als ob sie auf jemanden gewartet hätte. In seinem Kopf drehte sich alles. Er war wieder im Ministerium für Magie und sah, wie ein roter Strahl Sirius in die Brust traf, wie er sie durch den Gehirnraum verfolgte, wie er den Cruciatus-Fluch probierte, ihr Gelächter, das ihn so wütend machte...
„Das ist wohl mein Glückstag, Potter", sie wechselte von ihrer kindlichen zu der stahlharten Stimme. „Mein Herr wird sehr zufrieden sein."
Hermine sah sich vorsichtig nach Tonks und Hestia um und begann verzweifelt mit den Armen zu winken. Bellatrix erkannte, was sie da tat und erhob ihren Zauberstab. Ron stellte sich instinktiv vor Hermine.
Harry konnte das nicht noch einmal zulassen! Er musste sie irgendwie von seinen Freunden wegholen, damit sie mit ihren Portschlüsseln fliehen konnten. Knurrend rannte er auf die Frau zu, griff sie um die Hüfte und warf sie beide Hals über Kopf die Treppe hinunter. Als Harrys Kopf auf den Steinen aufschlug, sah er Sterne und kämpfte verzweifelt gegen die Dunkelheit an, die ihn zu übermannen drohte. Werde jetzt bloß nicht ohnmächtig, Potter! Er spürte es zwar nicht, aber er konnte hören, wie ein Knochen in seinem Zauberstabarm brach. Als sie am Fuß der Treppe ankamen, sprangen beide trotz ihrer Verletzungen auf, und standen sich in Duellierpose gegenüber. Weitere Todesser kamen jetzt dazu, Harry hatte keine Ahnung, woher. Tonks und Hestia waren ihm die Treppe hinunter gefolgt. Zwar war die Überzahl der Todesser erdrückend, aber Tonks und Hestia kämpften erbittert. Ron, Hermine und Ginny standen immer noch an der gleichen Stelle oben an der Treppe. Einer der Auroren hatte offensichtlich einen Zauber ausgesprochen, der sie daran hinderte, ihnen zu folgen. Während sie beobachteten, was sich da zwischen Harry und Bellatrix abspielte, waren Sie ganz versteinert vor Schock und versuchten verzweifelt, die Treppen hinunter zu laufen, um zu helfen.
Bellatrix sah schrecklich aus. Sie atmete schwer, blutete stark am Kopf und ihre Schulter war in einem komischen Winkel verdreht. Harry glaubte nicht, dass er selbst viel besser aussah.
„Geht!", rief er den anderen verärgert zu. Worauf warten die denn?
„Will das teine Beeby seine Feunde besützen? Das ist soo süß", sie war wieder zu ihrer nervigen Kindersprache zurückgekehrt. Harry kam in den Sinn, dass er heute sowohl Dolores Umbridge, als auch Bellatrix Lestrange getroffen hatte. Jetzt fehlte nur noch Tante Petunia und er wäre auf einem Einkaufsbummel mit allen Frauen zusammen, die ihm sein Leben zur Hölle gemacht hatten!
Bellatrix sandte einen Schockzauber in seine Richtung, dem Harry einfach aus dem Weg ging. Er ignorierte das Verbot zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger und schoss einen zurück, aber sie blockierte ihn rechtzeitig. Wegen ihrer Verletzungen, Harrys gebrochenem Arm und Bellatrix ausgerenkter Schulter, hatten sie beide Schwierigkeiten, ihre Flüche effektiv zu nutzen. Es ging mehrere Sekunden immer hin und her, bevor sie einen Schrei von der Treppe hörten. Hestia Jones war von Avada-Kedavra getroffen worden. Harry war nur für einen Augenblick abgelenkt, aber das reichte Lestrange schon: Sie zielte mit ihrem Zauberstab auf Harry und zischte „Crucio!"
Harrys Kopf explodierte vor Schmerzen, während sein Blut anfing zu sieden und seine Knochen von der Hitze zu kochen schienen. Die Qualen waren so allumfassend, so intensiv, dass Harry noch nicht einmal bemerkte, wie er selbst schrie, während er zu Boden fiel und sich vor Schmerz krümmte. Er wollte nur, dass es aufhörte, er konnte an nichts anderes denken. Harry hatte das Gefühl, dass es stundenlang anhielt, aber schließlich beendete sie den Fluch und Harry keuchte und rang nach Luft. Sein Kopf pochte und fühlte sich an, als würde er gleich explodieren. Er sah nur noch verschwommen, konnte aber trotzdem Ron ausmachen. Wissend, dass er nur einen Augenblick Zeit hatte, zeigte er Ron ganz deutlich den Zylinder, den er mit seiner Hand umklammerte. In Ron blitzte Verständnis auf, dann umklammerte er die Mädchen und alle vier verschwanden sofort, trotz des wütenden Kreischens von Bellatrix Lestrange.
Sie erschienen wieder in der Eingangshalle am Grimmauldplatz. Harry lag immer noch am Boden und kämpfte darum, bei Bewusstsein zu bleiben. Die anderen drei kamen gerade zu ihm herüber, als Tonks im Raum ankam. Auch sie sah ziemlich lädiert und blutbefleckt aus. „Remus! Moody! Molly!", rief sie. Als niemand antwortete, zischte sie Ron zu: „Finde jemanden und bring Madam Pomfrey hierher, sofort!"
„Harry", sagte Ginny, während sie seinen Kopf vorsichtig in ihrem Schoß wiegte, „kannst du mich hören?" Sein ganzer Körper zitterte und er schien nichts gegen das Zucken tun zu können.
„Mir geht's gut", lallte Harry.
„Also wirklich, Harry!", schnaufte Hermine, „Dir geht es NICHT gut! Sie hat dich lange unter dem Cruciatus-Fluch gehalten! Ich kann nicht glauben, dass du immer noch bei Bewusstsein bist!"
„Denkst du, du kannst dich hinsetzen?", fragte Ginny und versuchte, ihm vorsichtig hoch zu helfen. Sie fasste ihn aber an seinem verletzten Arm und er schrie vor Schmerzen. „Oh! Das tut mir so leid", rief sie und hatte Tränen in den Augen.
In Harrys Kopf drehte sich alles und er blinzelte immer wieder, um die Punkte, die er sah, wegzukriegen. Der ganze Raum schien zu schwanken und Harry versuchte sich am Teppich festzuhalten, um das Gleichgewicht wiederzufinden.
Mrs. Weasley kam in das Zimmer gerannt, dicht gefolgt von Ron. „Oh, Merlin sei Dank, dass ihr hier seid! Wir haben von dem Angriff in der Winkelgasse gehört und alle sind sofort dorthin." Sie kniete sich neben Harry hin und wischte ihm vorsichtig die Haare aus der Stirn. „Madam Pomfrey ist schon auf dem Weg, Harry. Wir müssen dich jetzt erst mal ins Bett kriegen. Tonks, nein! Setz dich dort hin, sie muss sich dich auch ansehen. Ron, hilf mir mit Harry."
Als Ron und Mrs. Weasley ihm auf die Füße halfen, wurden die Punkte, die er schon vorher gesehen hatte, immer größer, bis sie alle zu einem einzigen wurden und Harry das Bewusstsein verlor.
**********
Harry war verwirrt, er wusste nicht, wo er war. Es war ein Haus, oder so etwas ähnliches, klein, aber einladend mit einem warmen, lodernden Feuer. Harry fühlte sich warm und zufrieden, sicher und...friedlich. Als er sich im Raum umsah, kam eine Gestalt scheinbar aus dem nichts. Harry blickte in das lächelnde Gesicht von Sirius Black. Sein Patenonkel sah wundervoll aus! Gesund und irgendwie jünger. Sein Haar war ganz kurz geschnitten und die eingefallenen Linien um seine Augen und seinen Mund waren verschwunden.
„Sirius", flüsterte Harry ungläubig. „Bin ich tot?"
Sirius lachte. Ein tiefes, schallendes Lachen voller Wärme und Humor. „Nein Kleiner, du bist auf keinen Fall tot. Du hast es nur mal wieder geschafft, verletzt zu werden."
„Ich vermisse dich!"
„Ich vermisse dich auch, Kleiner. Es tut mir leid, dass ich dich so verlassen musste. War mal wieder typisch für mich, einfach so loszurennen, ohne vorher nachzudenken. Manche Dinge ändern sich nie", er zuckte mit den Achseln.
„Nein! Es war meine Schuld! Voldemort hat mich reingelegt und ich bin darauf reingefallen. Es tut mir so leid, Sirius, so leid", Harry spürte, wie die Tränen aufstiegen und sah, dass es Sirius nicht anders ging.
„Ich will nicht mehr, dass du so redest, Harry. Ich würde tausend Mal für dich sterben, aber das war nicht deine Schuld. Meine entzückende Kusine hat das getan. Voldemort hat das getan, nicht du. Verdammt, ich habe das Gleiche getan! Wie dachten beide, der Andere sei in Schwierigkeiten, wirst du mir also die Schuld geben?"
„Nein! Aber-"
„Dann will ich nicht, dass du dir weiter selber Vorwürfe machst."
„Ich glaube nicht, dass ich das tun kann, Sirius. Ich kann ihn nicht alleine besiegen, ich weiß nicht wie."
„Du bist nicht allein, Harry. Du wirst niemals alleine sein. Lass Remus, Hermine und die Weasleys rein. Sie lieben dich, Harry, und sie wollen helfen. Sie werden bei dir sein und du kannst es schaffen. Ron, Hermine und deine Ginny sind deine Stärke, lass dich von ihnen unterstützen."
„Sie ist nicht meine Ginny."
Sirius lachte laut. „Sie war schon immer deine Ginny, Harry. Die Frage ist nur, wie lange es dauern wird, bis du das erkennst."
Sirius Umrisse fingen an zu verschwimmen. „Nein! Geh nicht, bitte! Verlass mich nicht!", schrie Harry.
Sirius Stimme war sanft und hörte sich weit weg an. „Ich werde immer bei dir sein, Harry, erinnere dich einfach an mich."
„Geh nicht", schrie Harry. Aber Sirius war schon fort.
*********
Einige Zeit später wurde Harry wach. Ron hatte die Tür zu ihrem gemeinsamen Zimmer geöffnet und hineingeschaut und Harry wurde von dem Geräusch geweckt. Er drehte sich um und sagte „Er ist wach", zu demjenigen, der auf dem Flur war. Ron, Hermine und Ginny kamen alle ins Zimmer und versammelt sich um sein Bett. „Wie fühlst du dich Kumpel?", fragte Ron.
„So, als wäre ich vom Hogwarts-Express überfahren worden", krächzte Harry. Ginny gab ihm ein Glas Wasser, an dem er dankbar nippte. „Wie lange war ich bewusstlos?"
„So ziemlich den ganzen Tag", antwortete ihm Ginny und streifte ihm die Haare aus der Stirn. „Es ist wirklich schon spät, alle anderen sind im Bett."
„Madam Pomfrey war hier", sagte Hermine, „dein Arm ist gebrochen, genauso wie ein paar Rippen. Den Arm hat sie sofort geheilt, aber deine Rippen werden noch für ein paar Tage schmerzempfindlich sein. Sie meinte, dass auch die Schmerzen vom Cruciatus-Fluch einige Tage brauchen werden, bis sie verschwinden."
„Bei deinem Sturz die Treppen runter hat dein Kopf das meiste abbekommen", fügte Ron hinzu. „Und als Beweis wirst du für einige Tage ein ganz schönes Veilchen haben. Madam Pomfrey meint, dass es eine gute Erinnerung für dich sei, dich von Ärger fernzuhalten."
„Was hast du dir dabei gedacht, sie so die Treppen runterzustoßen, Harry? Das hätte dich umbringen können!", Hermine versuchte ihren Frust mit ihrem verletzten Freund zurückzuhalten, aber mit nur mäßigem Erfolg.
„Warum habt ihr nach unserem Sturz nicht den Portschlüssel genommen?", flüsterte Harry, der immer müder wurde.
„Wir konnten dich doch nicht einfach zurücklassen! Komm schon, Harry, du weißt doch ganz genau, dass wir immer an deiner Seite sein werden, egal, was auch passiert!" Ron war entrüstet.
Harry hatte nicht die Kraft mit ihnen zu streiten und er verlor gerade den Kampf, wach zu bleiben. „Geht es sonst allen gut?"
Ginny nickte. „Außer Hestia Jones. Das hast du ja gesehen."
„Der Orden hatte danach ein großes Treffen, die Zwillinge haben uns alles erzählt. Laut Snape war ein Angriff auf Gringotts geplant, dort auf dich zu treffen war nur ein Bonus. Voldemort hat offensichtlich befohlen, dich um jeden Preis zu ihm zu bringen. Ich wette es war Malfoy, der ihnen den Tipp gegeben hat!", erklärte Ron zornig.
„Nein", sagte Ginny, „Umbridge."
„Ich weiß nicht", mischte sich Hermine ein. „Ich denke eher an den Typen, den Bill kannte. Declan sonstirgendwas. Er ist ein Fluchbrecher, wie Bill. Voldemort muss so jemanden wie ihn haben, der für ihn arbeitet, wenn man den ganzen Ärger bedenkt, den wir in letzter Zeit mit den Schutzzaubern hatten."
„Du glaubst er ist ein Todesser?"
Harry hatte Probleme ihnen noch zu folgen und seine Augenlider wurden immer schwerer. Hermine bemerkte, wie er versuchte, wach zu bleiben. „Mrs. Weasley wollte, dass du einen Trank für traumlosen Schlaf einnimmst, aber Madam Pomfrey hat es nicht erlaubt. Sie sagt, du hast momentan schon zu viel in deinem Körper. Schlaf einfach wieder ein. Wir könnten dich ja mit einer Feder umhauen, Harry. Wir bleiben die ganze Nacht bei dir", und sie küsste ihn sanft auf die Stirn.
„He!", sagte Ron.
„Oh, jetzt reg dich ab", antwortete Hermine. Sie stieg in Rons Bett machte es sich unter der Bettdecke gemütlich.
Ron sah ihr dabei verwirrt zu, zuckte aber nur mit den Schultern und wollte selber ins Bett gehen. „Du kannst auf der Decke schlafen und die Steppdecke benutzen", legte Hermine fest.
„Das wusste ich!", prustete Ron.
Ginny hatte zugesehen, wie die beiden sich langsam für die Nacht fertig machten. Sie war sich nicht sicher, was von ihr erwartet wurde. Sie sah Ron immer wieder verwirrt an. Er glaubte doch wohl nicht, dass sie bei Harry schlafen sollte?
Ron schaute hinüber und lächelte über ihren verdutzten Gesichtsausdruck. „Es ist ja nicht so, dass du vorher noch nie hier reingekommen bist! Außerdem ist Loverboy da drüben nicht in der Verfassung, irgendetwas zu versuchen!"
Harry öffnete zwar nicht die Augen, aber er schmunzelte und murmelte: „Ich bin schon früher unterschätzt worden."
Ron wurde bei dem Kommentar plötzlich ganz betrübt. „Das stimmt, Kumpel. Das stimmt."
