In den folgenden Monaten fand Draco wieder zu seinem alten Selbst zurück. Ganz so schlimm wie früher war es allerdings nicht, dafür hatte er gesorgt. Das Extinguere Serum musste etwa einmal im Vierteljahr eingenommen werden, eine weitere Attacke hatte er bereits hinter sich gebracht.

Zweimal war er in Crestville House gewesen, und hatte sich vergewissert, dass nichts Besonderes daran war. Lupin musste einen Knall haben, aber wenn er darauf bestand – bitte. Er biss sich sicherlich nicht daran fest, dafür erinnerte ihn das Haus viel zu sehr an Malfoy Manor.

Die Tage waren länger geworden, und Mitte April war es bereits sehr heiß, ungewöhnlich für Britannien. Draco hatte nicht viel übrig für diese Hitze, und er verkroch sich noch mehr als sonst in den Verliesen. Noch immer hatte er keine Ahnung, was nach Hogwarts geschehen sollte, und er vermied es möglichst, darüber nachzudenken.

Zur Überraschung nicht weniger saß er öfters mit Chloe Sinistra zusammen. Astronomie war zwar noch nie so ganz sein Fall gewesen, aber die ältere Frau – eine ehemalige Ravenclaw – hatte einen trockenen Sinn für Humor, und ein erstklassiges Gedächtnis. Es gab wenig, was sie nicht wusste, und was noch besser war – sie konnte Trelawney auch nicht leiden. Die beiden schienen in der Vergangenheit öfter mal eine Auseinandersetzung gehabt zu haben, denn Sinistra nahm ihren Lehrstoff sehr ernst, Astrologie dagegen war für sie kompletter Schwachsinn. So deutlich sagte sie es zwar nicht, aber es war herauszuhören.

An einem der Abende klopfte es an der Tür zu Dracos persönlichen Räumen.

Draco sah unwillig von seinem Buch auf.

„Habe ich ein Schild an der Tür hängen, bitte stören? Herein!"

„Habe ich's mir doch gedacht, dass Sie sich wieder hier verkrochen haben." Sinistra trug ihre Ausgangsrobe.

Draco stöhnte nur.

„Chloe, ich habe Ihnen schon mal gesagt, ich habe absolut keine Lust, mitzukommen."

Sinistra hatte ihn schon seit Tagen gedrängt, heute Abend mit nach Hogsmeade zu kommen. Fast die halbe Schule würde dort sein, die Schwestern des Schicksals gaben ein Konzert. Allein bei dem Gedanken schüttelte er sich.

Sinistras Meinung nach verbrachte er zuviel Zeit allein. Scheinbar hatte sie sich vorgenommen, die Rolle seiner Ersatzmutter zu übernehmen. Grundsätzlich amüsierte es ihn eigentlich, aber in Augenblicken wie diesen hätte er gerne darauf verzichtet.

„Kommt nicht in Frage. Ich bleibe hier so lange stehen, bis Sie mitkommen. Sie müssen endlich mal raus, sonst wachsen Ihnen noch lange Zähne, und Sie fangen an, Blut zu trinken."

„Ha, ha. Haben Sie niemand anderen, dem Sie auf die Nerven gehen können?"

„Nein", sagte Sinistra ungerührt. „Also, ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf."

„Na gut, ich beuge mich der Gewalt. Aber nur unter der Voraussetzung, dass ich mir das Gejaule nicht anhören muss. Die Damen sind einfach schauderbar, da singt Peeves noch besser."

„Versprochen."


Die meisten Hogwarts Schüler befanden sich bereits auf dem Weg.

Draco und Professor Sinistra ernteten einige neugierige Blicke, aber da sie nicht die einzigen Lehrer waren, die nach Hogsmeade gingen, fielen sie nicht großartig auf. Dumbledore hatte McGonagall und Flitwick angewiesen, ein Auge auf die Schüler zu haben. Gehen durften nur die vierten, fünften und sechsten Klassen. Die Gefahr von Voldemort war zwar gebannt, aber man konnte nicht vorsichtig genug sein.

Draco sah genauer auf eine Gruppe von Zauberern und Hexen, und verdrehte dann die Augen. Potter! War man vor dem überhaupt nicht sicher?

Sinistra war seinem Blick gefolgt und schüttelte nur leicht mit dem Kopf.

„Immer noch die alte Feindschaft? Sie werden nie erwachsen, Draco."

„Das habe ich doch schon mal gehört."

„Vielleicht sollten Sie es noch ein paar Dutzend Male zu hören kriegen, das ist doch wirklich albern."

„Könnten wir vielleicht das Thema wechseln? Es nervt mich."

Sinistra seufzte, aber sie ließ es auf sich beruhen.

„Oh nein, da sind die Banshees des Grauens schon. Bitte, Chloe, lassen Sie uns von hier verschwinden!"


Nicht alle Schüler hatten beschlossen, sich das Konzert anzuhören, und so war der „Drei Besen" ziemlich voll. Zu Dracos Leidwesen saßen auch Potter, Weasley und Granger an einem der vorderen Tische, Ginny bei Ihnen.

Das „Dream-Team" starrte verblüfft in seine Richtung. In Professor Sinistras Begleitung hatten sie ihn sicher nicht erwartet. Ginny dagegen lächelte ihm zu.

Draco nickte nur kurz zurück. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass sich Ron Weasley auf ihn gestürzt hätte, weil seine kleine Schwester den Slytherin freundlich begrüßte.

Die beiden nahmen ziemlich weit hinten Platz. Von dort aus konnte man den ganzen Raum beobachten und wurde selbst kaum gesehen.

Vor ihnen saßen ein paar Mädchen der Ravenclaws und Hufflepuffs, fünfte Klasse. Sie hatten Dracos und Professor Sinistras Auftauchen nicht bemerkt, dafür war ihr Gekicher zu laut.

„Habt ihr schon gehört", sagte eine dunkelhaarige Ravenclaw. „Snape kommt im nächsten Jahr zurück und übernimmt seinen Unterricht wieder."

„Ehrlich?" fragte eine andere. „Woher weißt du das?"

„Ich hab ein paar Slytherins darüber reden hören."

„Schade. Zaubertränke bei Malfoy hat mir besser gefallen, sein ... äh Unterricht ist viel angenehmer."

„Sein Unterricht?" spottete die Dunkelhaarige. „Oder Malfoy selbst? So wie du ihm hinterher starrst, könnte man glauben, er würde sich gleich in einen Zuckerstange verwandeln."

Draco verschluckte sich heftig und spuckte den Schluck Ale aus, den er gerade getrunken hatte. Dann begann er zu lachen und gleichzeitig zu husten. Sinistra schlug ihm auf den Rücken, aber auch sie lachte schallend.

Die Mädchen hatten sich abrupt umgedreht. Die Ravenclaw, die die Bemerkung gemacht hatte, wurde scharlachrot.

„Mr ... Mr Malfoy", stotterte sie. Die übrigen Mädchen waren ebenfalls hochgradig verlegen.

„Ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen", brachte Draco schließlich heraus. „Ich habe nicht vor, mich in nächster Zeit in ein paar Süßigkeiten zu verwandeln."

„Äh ... wir ... also ..." Die Mädchen machten, dass sie wegkamen.

Chloe Sinistra betrachtete Draco grinsend.

„Zuckerstange?"

„Also bitte, ich würde doch einen Schokoriegel vorziehen", antwortete er in der hochnäsigsten Malfoy Art, die er fertig bringen konnte.

Sinistra lachte wieder.

„Hochinteressant, oder?"

„Jetzt hören Sie schon auf. Erstens sind die ein paar Jahre jünger als ich, und außerdem unterrichte ich. Noch."

„Schon eine Idee, was Sie danach machen wollen?"

„Nicht die Spur."

Die Unterhaltung wand sich bald einer anderen Richtung zu, und er war denkbar froh darüber.

Niemandem war aufgefallen, wie dunkel es draußen plötzlich geworden war, bis …

„Autsch!" Draco ließ seinen Becher fallen und griff nach seinem linken Arm. „Das gibt's doch gar nicht!" Das dunkle Mal brannte plötzlich teuflisch.

Quer durch den Raum konnte er sehen, wie Potter ebenfalls beide Hände vor das Gesicht gepresst hielt – seine Narbe.

„Draco? Was ist los?" Sinistras Stimme klang angespannt.

„Das Todesser Mal", sagte Draco gepresst.

„Unmöglich, Voldemort ist tot!"

„Haben wir das nicht alle schon mal gedacht? Schnell, kommen Sie, nach draußen."

Hermine Granger und Ron Weasley bombardierten Harry ebenfalls mit Fragen. Der sah auf, als Draco und Sinistra an ihm vorbeieilten.

„Du auch?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Draco nickte ungeduldig.

„Beeilen wir uns besser. Ich glaube …" Er brachte seinen Satz nicht zu Ende, denn draußen brach plötzlich die Hölle los.

Entsetzensschreie waren zu hören, und ein unglaublicher Lärm. Es hörte sich an, als würden Häuser niedergerissen.

Die Schüler gerieten in Panik und versuchten, den Pub eilig zu verlassen.

„Ruhe!" donnerte Sinistra. „Sie sind hier erst mal sicher, wir werden nachsehen, was passiert ist!"

Draco, Harry, Ron, Ginny und Hermine waren bereits draußen und sahen entsetzt auf das Geschehen. Etwas wie eine riesige Gewitterwolke stand auf der Hauptstraße von Hogsmeade, eine Wolke, in der ein paar leuchtend roter Augen standen. Ein unbändiges Gelächter erscholl. Fliehende Menschen wurden von Blitzen getroffen, die sie niederstreckten. Darüber hinaus waren Dementoren unterwegs, die einen eisigen Hauch hinterließen. Auch andere dunkle Gestalten waren aufgetaucht.

Jemand prallte mit voller Wucht gegen Draco. Es war McKinley, die Augen schreckgeweitet, und er hatte heftiges Nasenbluten.

„Was ist passiert?"

McKinley antwortete nicht, voller Panik versuchte er sich loszureißen.

„ANGUS!" brüllte Draco ihn an. „Was ist passiert?!"

„D ... die kamen wie aus dem Nichts. Die greifen alle an, alle!"

Ron und Harry sahen ratlos in seine Richtung, doch Draco hatte sehr gut verstanden. Wieder schüttelte er den Slytherin.

„Wusstest du etwas von diesem Angriff? Wusste irgend jemand bescheid? Red schon!"

McKinley schüttelte den Kopf.

Auroren apparierten nun in Hogsmeade, genau wie Professor Dumbledore und der Rest der Belegschaft. Die Dementoren richteten sich gezielt gegen sie.

Wieder erklang das höhnische Gelächter. Es war so laut, dass sich alle unwillkürlich die Ohren zuhielten.

„Achtung!" schrie Hermine und zog Ginny beiseite. Eines der Gebäude neben ihnen war in Flammen aufgegangen und fiel nun in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Es musste eine unheimliche Gewalt in diesen Blitzen stecken. Ein paar der Auroren versuchten, mit ihren Zauberstäben das Feuer aufzuhalten, doch es schien ergebnislos.

„Holt die Schüler aus dem „Drei Besen" raus!" brüllte Ron. „Wenn diesem Ding nun einfällt ..."

Doch es war zu spät. Wieder brannte ein gewaltiger Blitz auf und traf genau auf den Pub, der sofort zu brennen begann.

Draco ließ McKinley los und stürzte auf die Flammen los.

„Malfoy! Mach keinen Quatsch, komm zurück!"

Gemeinsam mit den Auroren versuchten die drei Gryffindors, den Brand zu bekämpfen. Die Luft war erfüllt von Rauch, Ruß und den Schreien der Insassen des „Drei Besens". Draco hatte es geschafft, sich einen Weg nach drinnen zu bahnen, und gemeinsam mit einer leichenblassen Sinistra schob er die Schüler hinaus, so schnell es ging. Madam Rosmerta half ihnen dabei.

In dem Durcheinander hatte keiner gemerkt, dass Ginny ihm gefolgt war. Draco spürte, wie ihn jemand heftig am Ärmel packte.

„Was ist?" fauchte er.

„Da hinten!" Ginny wies entsetzt auf die Rückwand. Ein Dementor war eingedrungen und bedrohte nun drei Schülerinnen, die sich ängstlich aneinander drängten. Draco erkannte unter ihnen die dunkelhaarige Ravenclaw von vorhin.

Expecto patronum!" riefen er und Ginny fast gleichzeitig, und das Wesen fauchte, als die silbernen Schutzgeister es trafen. Dann verschwand es einfach, als hätte sich die Erde geöffnet und es verschlungen.

Ginny stürzte zu den zitternden Mädchen und zerrte sie zur Tür.

„Wir müssen raus hier!" schrie sie Draco zu, der jedoch wie erstarrt stehen geblieben war.

Dort, wo eben noch der Dementor gestanden hatte, bildete sich eine dunkle Wolke, die genauso aussah wie die draußen. Dann schälte sich die Gestalt Voldemorts daraus hervor, und seine roten Augen starrten triumphierend auf den Slytherin.

Draco spürte seine Knie weich werden vor Schock. Das war einfach unmöglich!

Voldemort bewegte die dünnen Lippen, doch kein Ton war zu hören. Dann bewegte er sich in schlangengleichen Schritten auf den erstarrten Draco zu.

„Malfoy!" brüllte Ginny ihn an und schlug kräftig zu. Das weckte ihn aus seiner Betäubung, aber Voldemort stand nun direkt vor ihnen. Und dann ... ging er einfach durch Ginny und Draco hindurch.

Es war ein Gefühl wie Eiswasser, und beide schnappten nach Luft. So plötzlich, wie die Gestalt aufgetaucht war, war sie wieder verschwunden.

Eine Stimme erhob sich, leise und kaum zu verstehen, ein müdes Wispern.

Asphodel."

Und dann noch einmal „Asphodel." Dann war auch sie verschwunden.

„Hast du ... hast du das auch gehört?" krächzte Draco. Er traute seiner Stimme nicht.

Ginny nickte stumm.

Beide hatten die Gefahr vergessen, in der sie immer noch schwebten. Erst als ein paar brennender Bretter auf den Fußboden knallten, wurde ihnen bewusst, wo sie sich befanden.

„Schnell, raus. Alles andere nachher."

Es war buchstäblich in der letzten Sekunde, hinter ihnen krachte der Pub in sich zusammen.

Die riesige schwarze Wolke war verschwunden, und mit ihr die Dementoren und dunklen Gestalten. Es war, als hätten sie nie existiert, aber die Zerstörung Hogsmeades zeigte ihnen etwas anderes.

„Ginny!" Ron stürzte auf seine Schwester zu. „Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut? Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht!" Er schüttelte sie ohne nachzudenken.

„Mir geht's gut, hör auf mit dem Theater, Ron!" Unwillig schüttelte sie ihn ab.

Noch traf Rons Zorn mit voller Kraft Draco.

„Du hättest sie aufhalten müssen, Malfoy! Sie hatte da drin nichts zu suchen!"

„Nur zu deiner Information, Weasley, deine Schwester ist fast erwachsen, und ohne ihre Hilfe hätten wir die letzten drei Mädchen nicht retten können! Also, halt endlich deine Klappe!"

Ron setzte zu einer wütenden Antwort an, aber Hermine fuhr ihm über den Mund.

„Ron! Ich glaube kaum, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt ist, Malfoy fertig zu machen. Lass uns lieber herausfinden, was hier passiert ist!"

Die übrigen Lehrer hatten nun die verängstigten und zu Tode erschrockenen Schüler und Einwohner Hogsmeades um sich geschart. Auroren patrollierten durch das halb zerstörte Dorf, um noch Überlebende zu finden und die Toten zu bergen.

Dumbledores Blick fiel auf die kleine Gruppe, und er winkte sie zu sich heran. Die sonst so freundlichen blauen Augen funkelten vor Zorn, und selbst er sah aus, als würde er sich nur mühsam beherrschen können.

„Der Orden des Phönix trifft sich in zwei Stunden in Hogwarts", sagte er knapp. „Mr Malfoy, Miss Weasley, ich will, dass Sie ebenfalls teilnehmen."

„Ja, Sir."

„Helfen Sie uns, die Schüler nach Hogwarts zurückzubringen. Die Verletzten werden von den Auroren auf die Krankenstation gebracht, Ärzte von St Mungos sind bereits hierher unterwegs. Ist jemand von Ihnen verletzt?"

Die fünf schüttelten nur schweigend den Kopf, und machten sich an die Arbeit.


Der Orden war vollständig versammelt. Mrs Weasley stürzte sofort auf ihre beiden Kinder los, als könnte sie nicht glauben, dass sie tatsächlich überlebt hatten. Auch Harry und Hermine wurden genauestens untersucht. Ein leichenblasser Sirius Black stand nur daneben und ließ Harry nicht mehr aus den Augen.

Draco selbst nahm schweigend neben Chloe Platz. Er war immer noch wie vor den Kopf geschlagen von den Ereignissen.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Draco?" fragte Sinistra besorgt.

„Wenn ich ja sagen würde, würde ich lügen", brachte er nur heraus und verfiel dann wieder in ein düsteres Schweigen.

Selbst Snape tauchte nach einiger Zeit auf und setzte sich neben Draco. Sein Gesicht war noch hagerer als sonst, und die schwarzen, normalerweise eiskalten Augen loderten.

Der Schrecken der Ereignisse hing schwer in dem großen Saal, und es war sehr still.

Dumbledore erhob sich.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll", sagte er schließlich, und seine Stimme klang angestrengt. „Wir alle dachten, dass Voldemort besiegt wurde, und zwar endgültig. Scheinbar haben wir uns geirrt, und dieser Irrtum hat heute über dreißig Menschen, davon neunzehn Schülern, das Leben gekostet. Mehr als die doppelte Anzahl von Verletzten ist zu versorgen."

Er verstummte wieder.

„Einige Mitglieder", fuhr er dann fort, „waren von Anfang an am Ort des Geschehens. Ist Ihnen irgendetwas besonderes aufgefallen?"

Harry öffnete den Mund, aber noch bevor er etwas sagen konnte, hatte sich Trelawney erhoben.

„Warum fragen Sie nicht ihn?" sagte sie mit schriller Stimme und wies auf Draco, der sie ungläubig anstarrte.

Sinistra fuhr auf.

„Was soll das heißen, Sybill?"

„Wir haben zwei ehemalige Todesser unter uns. Professor Snape war nicht in der Verfassung, in Hogsmeade herumzulaufen. Doch wie ist es mit Draco Malfoy? Soweit ich das weiß, ist es das erstemal, dass er in Hogsmeade gewesen ist, seitdem er hier aufgetaucht ist. Und schon bricht die Katastrophe aus."

Draco wollte aufspringen, aber Snapes Hand hielt ihn unbarmherzig an einer Schulter fest.

Dumbledores Blick war streng.

„Wer solche Dinge behauptet, sollte sie auch beweisen können, Sybill."

„Ich habe es gesehen", schleuderte sie ihm rechthaberisch entgegen.

Ein wütendes Fauchen antwortete ihr. Ginny Weasley hatte sich erhoben und starrte Trelawney an, ihre Augen sprühten Feuer.

„Wie können Sie es wagen!" sagte sie in einem so eiskalten Ton, dass fast alle zusammenzuckten.

Ron sah seine Schwester mit offenem Mund an. Mr Weasley hatte sich ebenfalls halb erhoben, wie um seine Tochter zurückzuhalten, doch sie warf ihm nur einen Blick zu, und er setzte sich stumm wieder. Mollys Augen hatten sich vor Schreck geweitet.

„Ich schlage vor, Sie hören sich unsere Geschichte erst mal an, anstatt einfach auf irgendjemanden loszugehen, nur weil Sie ihn nicht leiden können und es Ihnen ganz gut in den Kram passt!"

„Ich glaube, ich habe mich verhört!" zischte Trelawney zurück.

„Meine Damen!" Dumbledore unterbrach die Auseinandersetzung.

Ginny blieb weiter stehen, beide Arme vor der Brust verschränkt, und ihr Blick war unnachgiebig.

„Auch wenn ich nicht mit Miss Weasleys Wortwahl einverstanden bin, bin ich durchaus der Meinung, dass sie Recht hat. Professor Trelawney, ich muss Sie darauf hinweisen, dass kein Grund zu der Annahme besteht, dass Mr Malfoy irgendetwas mit dieser Sache zu tun hat."

Trelawney sah wütend aus.

Draco konnte einfach nicht glauben, dass sie ohne die Spur eines Beweises in vor allen Mitgliedern des Ordens beschuldigte, und knirschte mit den Zähnen.

Sinistra und Snape wechselten einen Blick.

„Können wir jetzt vielleicht zu den Ereignissen zurückkommen? Harry, Sie wollten etwas sagen."

Harry räusperte sich.

„Nun, Sir, meine Narbe hat geschmerzt, genau wie damals. Und ich glaube ...", er zögerte und warf Draco einen Blick zu, der kurz nickte. „Das Todesser Mal an Mr Malfoys Arm hat sich ebenfalls gemeldet."

„Nicht nur an seinem", sagte Snape heiser.

Trelawney machte wieder eine heftige Bewegung, doch McGonagalls eisiger Blick ließ sie den Mund halten.

„Es gab ... es gab noch etwas anderes, Sir", sagte Ginny leise.

Sofort richteten sich alle Blicke auf sie. Der kämpferische Gesichtsausdruck war verschwunden, und sie aus, als hätte sie am ganzen Körper eine Gänsehaut. Unwillkürlich suchten ihre Augen die Dracos.

„Bitte, Miss Weasley."

"Nun, in dem Pub, als Dra … Mr Malfoy und ich die letzten drei Mädchen herausgeholt haben, war ein Dementor. Wir ... wir haben ihn mit dem Patronus bekämpft, und er löste sich einfach in Luft auf. Dann ... dann materialisierte sich Voldemort ... und ... und ..."

Sie schluckte.

„Er ist durch uns hindurchgegangen", meldete sich Draco zu Wort. Allein die Erinnerung daran ließ ihn schaudern. „Es war ein Gefühl wie eiskaltes Wasser, und dann verschwand auch er."

Dumbledore hatte sich aufgerichtet, die blauen Augen nachdenklich.

„War das alles?"

Wieder wechselten Ginny und Draco einen Blick.

„Nicht ganz. Ich weiß, es hört sich wie erfunden an, aber eine Stimme wisperte das Wort Asphodel. Man konnte sie deutlich hören, aber ich hatte eher das Gefühl, als würde sie direkt in meinem Kopf sprechen."

Ginny nickte.

„So war es bei mir auch", sagte sie dann leise.

Der nachdenkliche Gesichtsausdruck auf dem Gesicht des alten Mannes hatte sich verstärkt.

„Asphodel?"

„Ja, Sir."

„Was bedeutet das, Albus?" fragte Professor McGonagall.

„Ich bin mir nicht sicher, Minerva. Wir werden es weiter verfolgen. Das Ministerium muss über diese Dinge informiert werden, und wir werden bis auf weiteres strenge Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen. Niemand darf das Hogwarts Gelände verlassen. Und die Toten müssen identifiziert und ihre Familien benachrichtigt werden."

„Und wenn ... wenn es wirklich Voldemort ist?" fragte Remus Lupin.

„Dann müssen wir den Kampf wieder aufnehmen, Remus."

Dumbledore wirkte sehr alt.

„Hat noch jemand etwas hinzuzufügen? Niemand? Dann verkünde ich die Versammlung als beendet."

Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum. Tiefes Schweigen folgte ihm.