Die zweite Station

Meg ließ sich mit müden Augen neben Dwight auf das Sofa fallen und starrte auf den Laptop, der auf den Oberschenkeln ihres Freundes ruhte. Der Schlaf haftete immer noch an ihren Gliedern, doch diese Nacht würde sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Nicht so lange Claudette in diesem makabren Spießrutenlauf steckte.
Der Bildschirm des Laptops, den man ihnen anstatt Dokkaebis Tablet gegeben hatte, zeigte den Livestream, der über das Darkweb in alle Welt ausgestrahlt wurde und in dem eine ängstliche Kanadierin langsam einen dunklen Gang entlangschlich. Ihre Haltung war gebückt, ihre Schritte vorsichtig, doch ihr Blick zeugte von Durchhaltewillen.
Immer wieder kam es zu einem Schnitt und einem Wechsel der Kameraposition, während Claudette durch das Gewölbe wanderte. Die White Masks waren aktiv dabei, das Geschehen aufzuzeichnen und Regie zu führen. Kein Moment sollte den stummen Augen entgegen.
Am der linken, unteren Ecke hatte Meg vor fünf Minuten eine Zahl neben einem kleinen, kopfförmigen Symbol entdeckt, bei der es sich nur um die Zuschauerzahl handeln konnte. Seit dem Beginn des Streams war sie beständig nach oben gestiegen und hatte vor kurzem die fünftausend überschritten.
„Meg?"
Die Athletin schaute auf und entdeckte Feng, Nea und David, die gefolgt von Max und einer wankenden Anna in den Aufenthaltsraum traten. Sie mussten wohl von dem Alarm geweckt worden sein. Gähnend näherten sie sich und schauten Meg mit besorgten Blicken an.
„Meg, was ist passiert?", fragte Nea und schaute kurz zu Dwight, der seinen Blick nicht von dem Bildschirm genommen hatte. Meg atmete kurz durch und deutete dann mit dem Kopf auf den Bildschirm. Sie wusste nicht, wie sie die Situation erklären sollte. Am besten verschafften sie sich einfach selbst ein Bild.
„Was ist…", stammelte Feng, nachdem sie sich zu Meg heruntergebeugt hatte. Dann schlug sie die Hände vor den Mund. Nea und David wollten natürlich sofort wissen, was die kleine Asiatin dermaßen schockiert hatte und warfen eilig ebenfalls einen Blick auf den Bildschirm.
„Fuck", fluchte Nea: „Ist das Claudette?"
Meg nickte.
„Wo ist sie?", fragte Feng und schaute schnell zwischen Dwight und Meg hin und her. Die Athletin antwortete betrübt: „Das wissen wir nicht. Aber Team Rainbow versucht das Signal zu orten. Die gesamte Truppe ist nach Paris beordert worden."
„Ich verstehe nicht", stammelte Nea. „Wo habt ihr das Video her?"
„Das ist ein Livestream" erklärte Meg: „Läuft übers Darkweb und hat schon fünftausend Zuschauer."
„Fünftausend?!"
David schüttelte schockiert den Kopf.
„Was zum Teufel… Was haben die überhaupt vor mit ihr? Was macht sie denn da?"
„Es ist ein Spiel", erklärte die Athletin und fasste kurz zusammen, was die unheimliche Puppe vor wenigen Minuten gesagt hatte. Nea, David und Feng hörten ihr aufmerksam zu, während Max und Anna um das Sofa herumgingen und ebenfalls auf den Livestream schauten. Sie schienen die Lage nicht wirklich begriffen zu haben, doch sie hatten verstanden, dass Claudette in Gefahr war.
„Was sollen wir jetzt machen?", fragte Feng und schaute in der Gruppe umher. Nea schüttelte den Kopf und antwortete: „Wir können nichts machen. Nicht so lange wir nicht wissen, woher das Signal kommt. Und selbst dann sollten wir die Angelegenheit wohl lieber Team Rainbow überlassen."
David schaute sich kurz um und murmelte dann: „Wo sind eigentlich Philip und Sally?"

„Sind das die Akten?"
Six, die sich zusammen mit Dokkaebi, Baker, Sally und Philip in einer Kommandozentrale befand, nahm eilig die ihr dargebotenen Unterlagen entgegen und öffnete die Umschläge. Das Licht zahlloser Bildschirme erhellte den ansonsten halbdunklen Raum. Rasch überflog die Kommandantin die erste der beiden Akten, bevor sie sagte: „Kann ein Sechzigjähriger wirklich so gefährlich sein?"
„Myers mag zwar vor vielen Jahren geboren worden sein", entgegnete Baker: „Aber ich glaube nicht, dass er seitdem sonderlich gealtert ist."
„Was wollen sie damit sagen?"
„Damit will ich sagen, dass ich glaube, dass er nach seinem Verschwinden im Nebel gefangen war. Genau wie Sally hier. Seit ihrer Geburt sind beinahe hundert Jahre vergangen, aber dieses Alter würde man ihr nie zuschreiben."
Six schaute kurz hinüber zu Sally, die ihren Blick ausdruckslos erwiderte, bevor sie sich wieder an Baker wandte und fragte: „Myers, Chase und… Sawyer waren also ebenfalls im Nebel?"
„Ich glaube schon", antwortete Baker: „Sie passen genau in die Kriterien für Killer des Entitus und ihr rätselhaftes Verschwinden lässt sich damit hervorragend erklären."
„Sind sie einem der drei jemals begegnet, Sally?", fragte die Kommandantin und schaute zur Krankenschwerster.
„Nein" Sally schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. „Trotzdem könnten sie da gewesen sein. Getrennt von uns, vielleicht in einem anderen Bereich."
„Angenommen sie waren im Nebel", überlegte Six laut: „Unterbrechen sie mich, wenn ich das falsch verstehe… Aber haben die dann auch spezielle… Fertigkeiten?"
„Ich weiß es nicht", sagte Baker: „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Kräfte die von normalen Menschen übersteigen werden. Bei weitem. Es wird ihnen ein leichtes sein, ganze Familien umzubringen."
„Verdammt", knurrte Six und öffnete die zweite Akte. Ihre Augen flogen schnell über die Zeilen, bevor sie fragte: „Clownkostüm?"
„Kenneth Chase war ein Wahnsinniger", murmelte Baker: „der mit seinem eigenen Leben nicht zurechtkam. Laut unseren Psychologen hat er sich wahrscheinlich in der Rolle des Clowns wohler gefühlt, vielleicht auch weil er auf diese Weise unbemerkter an seine Opfer rankam."
Sally schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, während Six nach der dritten und letzten Akte griff.
„Gibt es zu Sawyer kein besseres Bild?"
„Das ist die einzige bekannte Aufnahme", erklärte Baker: „Und auch hierbei handelt es sich nicht um sein wahres Gesicht. Er hat bei dem Überfall auf die Polizisten wohl eine seiner Menschenhautmasken getragen."
„Menschenhautmasken?"
„Bubba Sawyer wird nicht umsonst Leatherface genannt", sagte Baker: „Seine Mordserie ist als Texas Chainsaw Massaker in die Geschichte eingegangen. Wenn er in Paris ist, müssen wir ihn finden und zwar schnell."
Six nickte und drehte sich dann um.
„Dokkaebi. Lassen sie die Polizei mit allen Mitteln nach diesen beiden Personen fahnden."
Sie reichte der Koreanerin die drei Akten.
„Sagen sie ihnen, dass sie unbedingt gefunden werden müssen. Außerdem will ich über jeden Vorfall informiert werden."
Dokkaebi nickte und setzte sich sofort ans Telefon. Baker kratzte sich derweil nervös an seiner Glatze, machte einen Schritt nach vorne und sagte dann: „Vielleicht sind sie noch gar nicht in Paris."
„Woher wollen sie das wissen?"
„Um die beiden nach Paris zu bringen, müssen sie erst aus dem Nebel geholt werden", erklärte Baker: „Am einfachsten wäre es doch, das direkt hier zu tun. Ich glaube nämlich kaum, dass sich einer der beiden mit den White Masks zusammenschließen und ihren Befehlen gehorchen würde. Wahrscheinlich planen sie, eine Janusmaschine nach Paris zu bringen, eine Brücke in den Nebel zu öffnen und die drei einfach loszulassen."
„Sagten sie nicht, dass ihre Maschinen nicht funktionieren?", warf Sally ein.
„Unsere funktioniert nicht", korrigierte Baker: „Ihre kann zwar einen Brunnen herstellen, aber sie konnten die Nebenwirkungen, die beim Übertritt in den Nebel hinein auftreten, noch nicht beseitigen. Jemanden herauszulassen allerdings…"
„Wie wollen sie das eigentlich anstellen?", fragte Philip: „Ich meine, wenn Myers, Chase und Sawyer wirklich im Nebel waren und wir sie damals nicht getroffen haben… Wie wollen die White Masks sie dann finden?"
„Ich habe keine Ahnung", erklärte Baker: „Ich stelle hier auch nur Vermutungen an, aber anders kann ich es mir nicht vorstellen. Ich weiß auch nicht, woher sie von ihnen wissen. Vielleicht hat Lisa es ihnen verraten."
„Lisa?", fragte Sally: „Warum sollte sie das tun?"
Baker schüttelte nur den Kopf, um zu signalisieren, dass er keine Ahnung hatte.
„Verdammt, wir wissen viel zu wenig", fluchte Six: „Aber wenn es sich wirklich so verhält, wie sie vermuten, dann müssen wir ihnen unbedingt zuvorkommen. Gibt es irgendeine Möglichkeit diese Janusmaschinen zu Orten? Eine Signatur oder so?"
„Sie erzeugen ein starkes elektromagnetisches Feld", erklärte Baker: „Das kann sogar von Satelliten problemlos erkannt werden. Allerdings entsteht es erst, sobald die Maschine aktiviert wird."
„Und dann ist es schon zu spät", beendete Six den Gedanken: „Trotzdem müssen wir die Augen offenhalten. Ich werde mich mit der ESA in Verbindung setzen und alle Informationen über elektromagnetische Aktivitäten in und um Paris anfordern. Sie, Sally und Philip sollten sich derweil umgehend in die Innenstadt zu unseren Eingreifteams begeben. Wenn wir irgendein Problem mit dem Nebel oder einer Janusmaschine haben, brauchen wir sie vor Ort."
Baker nickte. Sally und Philip tauschten einen besorgten Blick aus. Die Lage schien sich nur weiter zu verschärfen, doch es war vertrauenserwecken, wie souverän Six die Situation handhabte. Sie war ganz eindeutig nicht umsonst zur Anführerin gemacht worden.

Fuze machte einen weiten Schritt und stieg über eine der Leichen hinweg, die in der Disco die gesamte Tanzfläche bedeckten. Seine Stiefel waren blutverschmiert und seine Waffe hing nutzlos in seiner rechten Hand. Hinter dem Russen lag der tote Körper eines Terroristen und daneben ein Mädchen, das Elise geheißen hatte.
Schweigend schaute der Rainbow Operator den GIGN Soldaten zu, die durch den Raum eilten und nach Überlebenden suchten. Er wusste, dass sie keine finden würden. Feuerwehrleute liefen mit Feuerlöschern und Äxten durch den Nachtclub, während sie versuchten des Brandes in den oberen Stockwerken Herr zu werden. Fuze kümmerte sich nicht großartig um sie.
„Hey"
Der Russe sah auf und entdeckte Twitch, die ihm langsam entgegen ging. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm eindringlich in die Augen. Die Botschaft war klar. Sie hatten vielleicht eine Schlacht verloren, doch der Krieg hatte gerade erst begonnen. Wenn die White Masks ihren Drohungen nachkamen, würde Fuze noch genügend Gelegenheiten bekommen, ihnen ihre Grausamkeiten heimzuzahlen. Doppelt und dreifach.
„Alles in Ordnung?", fragte Twitch und schaute ihn immer noch an. Natürlich konnte sie sein Gesicht unter der Kampfmontur nicht sehen, doch es war nicht schwer zu erraten, was in ihm vorging. Frost, Capitao und Sledge erging es zweifellos ähnlich. Es war niemals leicht, der Exekution einer unschuldigen Geißel zuzusehen.
„Ja", antwortete Fuze mit fester Stimme: „Ich… brauche nur eine kurze Pause."
Twitch nickte und drehte den Kopf. Ihr Blick ging hinüber zu Zofia, die eben in den Raum kam. Kurz zeichnete sich erstaunte Abscheu in ihrem Blick ab, doch sie fing sich sofort und setzte wieder ihre soldatische Miene der Gleichgültigkeit auf. Eiligen Schrittes kam sie herüber zu den beiden Operatoren.
„Bei euch alles in Ordnung?", fragte sie, bekam jedoch keine Antwort. Mit einem Seufzen signalisierte die Polin, dass sie das Geschehene ebenfalls mitgenommen hatte. Trotzdem hielt sie die Schultern gestrafft und den Kopf gehoben.
„Team Orange, Team Gelb", rauschte es plötzlich durch die Funkgeräte: „Sammelpunkt vor dem Haupteingang."
„Verstanden", gab Zofia zurück: „Wir sind unterwegs."
Schweigend verließen die Elitesoldaten die Disco, in der bereits unzählige Agenten des GIGN und Beamte der Polizei mit dem verpacken der Leichen begonnen hatten. Ihre Schritte wurden von den Löscharbeiten der Feuerwehr übertönt und es dauerte keine Minute, bis sie draußen auf der dunklen Straße standen.
Sledge wechselte dort gerade ein paar Worte mit einem Polizisten, offenbar einem Offizier und drehte sich dann zu seinem Team um. Er wartete noch kurz bis mit Frost die Letzte eingetroffen war, bevor er sagte. „Ich weiß, wir haben gerade einen herben Schlag versetzt bekommen. Ich weiß auch, dass diese Dinge nicht spurlos an einem vorrübergehen. Aber die Nacht ist noch nicht vorbei und die White Masks haben weitere Anschläge angekündigt, also bleibt wachsam. Wir begeben uns jetzt zurück an unsere Positionen und halten uns bereit. Irgendwelche Fragen?"
„Ist Echo in Ordnung?", wollte Frost wissen. Zofia nickte und antwortete: „Er ist etwas angeschlagen, aber er kommt mit einem Kratzer davon."

„Max, Nea, David!"
Alles außer Dwight lösten ihre Blicke von dem Livestream und suchten nach der Ruferin. Sie entdeckten Sally, die gefolgt von Baker und Philip in den Aufenthaltsraum gekommen war und sie nun zum Aufstehen aufforderte.
„Wir gehen raus", erklärte die Krankenschwester: „Wir müssen jederzeit mit einem Vorfall im Nebel rechnen, daher stoßen wir jetzt zu den Einsatzteams. Seid ihr bereit?"
Max nickte grimmig, während Nea und David einen besorgten Blick austauschten. Dann gaben auch sie ihr Einverständnis und erhoben sich. Meg wollte ebenfalls aufstehen und auch Anna machte einen Schritt nach vorne, doch Sally hielt die beiden zurück.
„Nein, ihr bleibt hier"
„Warum?", protestierte die Athletin: „Ich kann…"
„Die letzten Tage waren rau für dich", widersprach Sally und drückte sie sanft zurück ins Sofa: „Die Farm, Der Flug und nicht zu vergessen dein Vater. Du hast genug zu verarbeiten. Bleib hier und ruh dich aus."
Meg wollte bereits ihren Mund öffnen, um ein Gegenargument zu liefern, doch Sally brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. Die Athletin erkannte, dass sich die Krankenschwester Sorgen um sie machte. Wahrscheinlich war es das Beste, wenn sie ihrer Anweisung einfach Folge leistete. An Anna gewandt, die entschlossen knurrend nach vorne getreten war, sagte Sally nun bestimmt: „Du bleibst auch hier. Im angetrunkenen Zustand bist du uns keine große Hilfe."
Anna schaute betreten zu Boden.
„Außerdem hast du letztes Mal schon genug getan", fügte Sally aufmunternd hinzu: „Wir hätten dich beinahe verloren. Also bleib dieses Mal etwas ruhiger, okay?"
Anna, die sich noch lebhaft an ihren Kampf gegen den Fallensteller erinnern konnte, nickte leicht und setzte sich zurück neben Meg auf die Couch. Zusammen mit Dwight und Feng blieb sie also zurück, während die fünfköpfige Truppe bestehend aus Philip, Sally, Max, Nea und David nach Paris ausrückte.
Stille erfüllte den Raum, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und Meg richtete ihren Blick wieder auf den Livestream. Claudette wanderte immer noch durch den Tunnel und Dwight folgte jedem ihrer Schritte. Besorgt und grimmig starrte er auf den Bildschirm.
„Ich schau mal, ob die Nachrichten schon etwas bringen", murmelte Feng und ging hinüber zum Fernseher. Kurz fummelte sie an der Fernbedienung herum, bevor sie schließlich ein Bild auf die schwarze Fläche zauberte. Es war ein französischer Sender, der das aktuelle Programm für eine Sondermeldung unterbrochen hatte. Bilder eines brennenden Hauses waren zu sehen. Feuerwehrleute eilten umher und bewaffnete Männer sicherten die Umgebung.
„Ist das Sledge?", fragte Feng und deutete auf einen großen Kämpfer mit einem Vorschlaghammer auf dem Rücken.
„Ja", nickte Meg: „Und das ist Twitch."
„Verdammt, es hat schon begonnen", murmelte die Asiatin und stellte sich neben die Couch. Kurz schaute sie hinunter auf den Livestream und dann wieder zurück zum Fernseher. Mittlerweile war ein Nachrichtensprecher ins Bild getreten und verkündete in schnellem Französisch die schlechten Neuigkeiten. Sie konnten kaum etwas verstehen, doch es war klar, dass der Einsatz schiefgelaufen sein musste.
Nach einer Weile tauchte plötzlich eine Einblendung auf, die einen Screenshot des Livestreams der White Masks zeigte. Darauf war Claudette zu sehen, die mit besorgter Miene durch einen dunklen Tunnel schlich. Die Medien hatten den Livestream wohl ebenfalls entdeckt.
„Das könnte eine Panik auslösen", sagte Meg grimmig und Feng nickte besorgt. Ein Problem mit sofortiger Berichterstattung bestand darin, dass Terroristen wie den White Masks eine unglaubliche Bühne geboten wurde. Egal ob sie ihren Drohungen nun wirklich nachkamen oder nicht, die Bewohner von Paris fürchteten wohl in diesem Moment um ihr Leben. Außerdem lenkte es weitere Aufmerksamkeit auf den Livestream, in dem Claudette gefoltert wurde. Zur Belustigung der Massen, dachte Meg und spürte die Wut in ihr aufkeimen.
Mit einem frustrierten Schrei sprang sie auf. Feng schaute ihr kurz nach, als sie quer durch den Raum marschierte und aus dem Fenster starrte. Sally hat Recht gehabt. Wieder einmal. In den letzten Tagen war wahrhaft so viel passiert, dass sie sich beinahe fühlte, als würde ihr Kopf unter all dem Wahnsinn einfach aufplatzen.

„Du weißt ja schon, wie man mit der umgeht", sagte Baker und reichte Nea eine handliche Pistole. Die Schwedin nickte bitter, als sie den Waffengurt um ihre Brust befestigte und anschließend in die so abscheulich schwere kugelsichere Weste schlüpfte. David bekam ebenfalls eine Waffe ausgehändigt und als man ihm erklären wollte, wie man das Gerät bediente, schüttelte er nur den Kopf und sagte: „Ich habe schon mal geschossen. Nur nicht auf Menschen."
„Hoffentlich müsst ihr das auch nie", fügte Baker hinzu und trat zu Sally. Max und Philip waren mit den Waffen ausgerüstet, die ihnen der Entitus gegeben hatte, doch Sally würde in Kürze mit leeren Händen ausrücken. Als er ihr jedoch eine der Pistolen anbot, lehnte sie dankend ab.
„Ich komme schon zurecht."
„Bist du sicher?", fragte Baker und die Krankenschwester nickte: „Ich habe in meinem Leben bereits genug Menschen getötet. Ich plane, keine weiteren der Liste hinzuzufügen."
„So einfach wird das vielleicht nicht gehen", widersprach Baker, doch Sally beharrte auf ihrer Entscheidung. „Ich bin hier um Menschen zu retten und für nichts anderes."
„Wie du willst", murmelte der FBI Abteilungsleiter und steckte die Waffe wieder ein. Anschließend wies er auf einen Truck, der von einem französischen Soldaten gelenkt wurde. Das Fahrzeug würde sie in die Stadt bringen, und sie nacheinander bei verschiedenen Teams absetzen, sodass sie sich über ein möglichst weites Gebiet verteilten.
Schweigend kletterten sie in den Ladebereich des Trucks, während sich Baker vorne auf den Beifahrersitz setzte. Sein Blick glitt kurz in den Rückspiegel, bevor er dem Fahrer das Zeichen zum Losfahren gab. Brummend startete der Motor.
„Was war eigentlich diese Bemerkung mit Meg?", fragte Baker, nachdem sie bereits ein gutes Stück gefahren waren. Die Stille war schon beinahe unheimlich geworden und Nea war froh, dass endlich jemand ein Wort sagte.
„Welche Bemerkung?", wollte Sally wissen.
„Die mit ihrem Vater", erklärte Baker: „Sie müssen nicht antworten, wenn es privat ist. Aber ich dachte, ihr Vater sei ihr unbekannt?"
Sally schaute nach vorne durch die Windschutzscheibe. In der Ferne erkannte sie die Spitze des Eiffelturms, die als leuchtender Punkt in den Nachthimmel ragte. Kurz überlegte sie, ob es denn angebracht war, Baker ins Vertrauen zu ziehen. Dann sagte sie: „Bis vor ein paar Stunden schon."
„Was meinen sie damit?", fragte Baker und drehte sich im Sitz um. Nea und David wechselten einen Blick. Philip verfolgte das Gespräch ebenfalls gebannt und Sally erinnerte sich, dass man ihm ja noch nicht Bescheid gesagt hatte.
„Vor ein paar Stunden", sagte Sally mit einem Seufzen: „Hat einer der Rainbow Operatoren Meg auf dem Gang angehalten und ihr gesagte, dass er ihr Vater sei."
„Was?", rief Baker: „Einer der Operatoren? Welcher?"
„Er hieß… ähm… Trace. Jordan Trace."
„Thermite?", fragte der rundliche Mann und Sally nickte. Philip beugte sich nun etwas nach vorne und fragte: „Wie wollt ihr wissen, ob es stimmt?"
„Warum sollte er lügen?", warf Nea ein.
„Vielleicht will er uns destabilisieren", konterte der Geist: „Es gibt ja einen Maulwurf, oder nicht?"
„Die Operatoren sind allesamt vertrauenswürdig", sagte Baker von vorne: „Außerdem gäbe es dafür weit bessere Wege."
„Es ist eine wahrhaft kleine Welt", murmelte Sally und Baker stimmte ihr zu: „Das ist es."
Schweigen griff nun wieder um sich und Nea schaute mit grimmiger Miene aus dem Fenster. Sie spürte eine leichte Angst in ihre Glieder fahren, doch sie war entschlossen, sich davon nicht aus der Fassung bringen zu lassen.
Die White Masks hatten ihr Respekt eingeflößt und sie hoffte, ihnen niemals in die Hände zu fallen. Wenn sie wirklich vorhatten, was Meg geschildert hatte, dann war Paris diese Nacht keine sichere Stadt mehr. Immerhin würde sie die beste Spezialeinheit der Welt an ihrer Seite haben. Ein Fakt, der ihre Nervosität ein wenig linderte.
Etwa eine halbe Stunde später bog der Fahrer, der sich in ständigem Funkkontakt mit verschiedenen Einheiten befunden hatte, in eine breite Seitenstraße ein und hielt direkt neben einem weiteren Militärtruck. Zwei bewaffnete Operatoren standen ein paar Schritte von dem Fahrzeug entfernt und überwachten die am Ende der Straße gelegene Kreuzung.
„Das ist Team Weiß", sagte Baker: „Dein Stopp, David."
„Alles klar", brummte der Engländer und sprang aus der Hintertür, die Philip im geöffnet hatte. Eiligen Schrittes lief er hinüber zu den Operatoren, die ihn anwiesen, sich in den Wagen zu setzen. Dort würde er geschützt und gleichzeitig sofort einsatzbereit sein, falls das Team schnell seinen Standort wechseln musste. Nea erkannte einen der Soldaten in Team Weiß als Glaz.
Es dauerte kaum zehn Minuten, bis sie den nächsten Stopp erreicht hatten. Team Rot wurde mit Philip ausgestattet. Noch vor dem Aussteigen griff der Geist zu seiner Jammerglocke und verbarg sich vor neugierigen Augen. Die Operatoren von Team Rot versuchten vergeblich ihm mit ihren Blicken zu folgen, doch sie wussten, dass er da war.
Als nächstes wurde Max abgesetzt und Team Grün zugeteilt. Nea konnte einen kurzen Blick auf die Soldaten der Gruppe werfen und entdeckte Thermite, der wachsam einen Straßenzug nach unten blickte. In den Händen hielt er ein Sturmgewehr und eine seltsame Brille mit rundlichen Gläsern lag über seinen Augen.
Nun traten sie eine etwas länger Fahrt an und Nea konnte den Schein eines Feuers über einigen Dächern ausmachen. Dort musste der erste Anschlag verübt worden sein. Neugierig versuchte sie einen Blick auf die Flammen zu erhaschen, doch sie sah nur Polizeiautos und schwere Einsatztransporter der GIGN. Der Stadtteil ähnelte einem Kriegsgebiet.
Schließlich machte der Fahrer halt und entließ Sally in die zwielichtigen Straßen des nächtlichen Paris. Sie wurde Team Lila zugeteilt und nach näherem Hinsehen konnte Nea Pulse erkennen, der mit einer Schrotflinte in den Händen an einem schweren Militärtruck lehnte. Was sie jedoch viel mehr interessierte, war die Silhouette einer großen Kirche, die kaum zweihundert Meter entfernt hinter der Seine aufragte. Das musste Notre Dame sein.
Das monumentale Bauwerk wurde von hellen Scheinwerfern erleuchtet und hob sich atemberaubend gegen den dunklen Nachthimmel ab. Bevor sie jedoch einen näheren Blick auf die Türme der Kathedrale werfen konnte, schloss sich die Tür des Fahrzeugs bereits und der Fahrer machte auf der Stelle kehrt.
Nach etwa zehn Minuten, in denen sich die Pistole immer schwerer angefühlt hatte, erreichten sie Team Blau und Nea sprang mit zittrigen Beinen hinunter auf die Straße. Ihre Füße trafen auf dicke Pflastersteine und nach kurzem Umsehen, entdeckte sie einen bewaffneten Mann, der sie zu sich hinüberwinkte.
Schnell nickte sie Baker zu und schloss dann die Türen des Fahrzeugs, das sie soeben hergebracht hatte. Laut brummend brachte es seinen Motor auf Touren und fuhr davon, während die Schwedin im Einsatzgebiet einer Antiterroroperation zurückblieb. Eilig lief sie hinüber zu ihren neuen Kameraden.
„Bonsoir", grüßte der größte der Operatoren freundlich. Er trug die Abzeichen des GIGN und war im Gegensatz zu allen anderen mit einer Pistole und einem schweren Schild bewaffnet. Nea nickte ihm nervös zu.
„Bitte, kommen sie ins Fahrzeug", sagte der Franzose mit starkem Akzent und geleitete sie hinüber zu dem Einsatzwagen des Teams. Unbeholfen kletterte die Schwedin in eben jenen Laderaum, den sie vor wenigen Sekunden erst verlassen hatte. Der Franzose folgte ihr und setzte sich ihr gegenüber.
„Mein Name ist Montagne", sagte er und deutete dann nacheinander auf einen männlichen Operator des FBI und zwei weibliche, die eine vom japanischen SAT, die andere von den amerikanischen Navy Seals. „Das sind Castle, Hibana und Valkyrie. Und der Kerl mit dem LMG draußen auf der Straße ist Tachanka."
Nea schüttelte allen außer Castle, der im Fahrersitz saß, die Hand und nannte währenddessen ihren eigenen Namen. Ihre Stimme hatte wohl etwas eingeschüchtert geklungen, denn Montagne sagte sofort: „Sie müssen sich keine Sorgen machen. Wir haben die Situation unter Kontrolle. Folgen sie einfach unseren Befehlen und bleiben sie hier im Wagen. Dann wird ihnen nichts geschehen."
Nea nickte stumm. Trotz der Bewaffnung an ihrer Seite kam sie sich zwischen all den Operatoren irgendwie nackt vor. Sie wollte bereits etwas erwidern, als plötzlich ein Funkgerät mit einem Rauschen zum Leben erwachte.
„Hier Six, wir haben ein neues Ziel."

Claudette wanderte durch den schmalen Tunnel und lugte vorsichtig um eine Ecke. Die versengte Haut an Stirn und Handgelenken jagte bei jeder Bewegung stechende Schmerzen durch ihren Körper, doch sie tat ihr Bestes, um sie zu ignorieren. Kurz spähte sie den dunklen Gang entlang, bevor sie einen Schritt nach vorne machte.
Zahllose Gedanken rasten durch ihren Kopf, allen voran die Frage, was hier denn nun wirklich gespielt wurde. Die unheimliche Puppe und die hässliche Schweinefrau planten sie weiter zu foltern, dessen war Claudette sich bewusste. Doch was sollte der ganze Aufwand? Wenn es sich hier um Terroristen handelte, warum jagten sie ihr nicht einfach auf irgendeinem IS Fernsehsender eine Kugel durch den Kopf oder stellten irgendwelche Forderungen.
Ängstlich durchforstete sie ihr Gehirn nach ihrer letzten Erinnerung und beinahe Augenblick tauchte der Abend mit Chloe und Max vor ihren Augen auf. Sie hatten Omeletten gegessen, als es an der Tür geklopft hatte. Chloe war aufgestanden, um zu öffnen. Einen Augenblick später war bereits eine vermummte Gestalt in die WG gestürmt und hatte das blauhaarige Mädchen mühelos zu Boden gerungen.
Max und Claudette waren ihr natürlich sofort zu Hilfe geeilt, doch zwei weitere Eindringlinge mit den Gesichtern hinter weißen Masken hatten sie davon abgehalten. Claudette hatte sich losreißen und für einen Moment in ihrem Zimmer einschließen können. Gerade lange genug, um einen Anruf zu tätigen und Dwight unter Schock zu sagen, dass der Entitus zurückgekehrt war.
Was für ein Blödsinn. Verhalten fluchend hätte sich Claudette am liebsten selbst in die Zunge gebissen, als sie daran dachte, dass sie von Panik getrieben sofort ihren alten Feind wieder hatte aufleben lassen. Der Entitus war fort und würde sie niemals wieder verfolgen. Doch sein Schatten schien immer noch über ihr zu lauern.
Dann schwebten ihre Gedanken in eine andere Richtung, zu ihren beiden neuen Kolleginnen. Hoffentlich war den zwei nichts passiert. Auch wenn sie Max und Chloe erst seit einem Tag kannte, so hatte sie doch sofort Freundschaft mit ihnen geschlossen. Sie waren angenehme Zeitgenossen. Vielleicht etwas schräg, aber wenn, dann auf eine niedliche Art und Weise. Genau der Schlag Mensch, die Claudette mochte.
Vielleicht gingen sie ja gerade durch dieselbe Tortur wie sie selbst? Oder vielleicht waren sie die Teammitglieder, die im Verlaufe ihres Spiels zu ihr Stoßen sollten. Hoffentlich hatte man ihnen nichts angetan.
Claudette kam nun wieder an eine Biegung. Nervös spähte sie um die Ecke, entdeckte einen leeren Gang und schlich mit vorsichtigen Schritten weiter. Ihr Blick glitt hinauf zu den Kameras, die in regelmäßigen Abständen an den Wänden und der Decke angebracht worden waren. Stumm fragte sich die Kanadierin, wer ihr gerade alles zuschaute und rieb sich leise keuchend die Handgelenke.
Ihre Gedanken blieben an Dwight hängen. Was er wohl getan hatte, nachdem die Verbindung abgebrochen war? Wahrscheinlich hatte er die Polizei gerufen und vielleicht war er sogar nach Paris geflogen. Claudette war sich sicher, dass sie an seiner Stelle sofort einen Flug gebucht hätte. Sie konnte sich kaum ausmalen, welche Sorgen sie durchmachen würde, hätte sie einen solchen Anruf wie er erhalten.
Wie lange war das eigentlich her?
Fluchend schaute Claudette über die Schulter, als sie realisierte, dass sei keine Ahnung hatte, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Vielleicht war es gerade Mal eine Stunde gewesen. In dem Fall würde die Polizei kaum eine Spur aufgenommen haben. Wenn es sich jedoch um Tage handelte, dann befand sich ihre Rettung vielleicht schon auf dem Weg. Ermittlungen brauchten Zeit und je länger die Kidnapper gewartet hatten, umso mehr Zeit war der Polizei zu Verfügung gestanden.
Sie schlich um eine weitere Ecke. Metallene, vom Rost rot gefärbte Rohre zogen sich an der Decke entlang und Claudette konnte heißen Dampf durch die Leitungen fahren hören. An einigen Stellen entließen Ventile die weiße Hitze in den Gang. Sie musste aufpassen, nicht versehentlich von einem der Strahlen getroffen zu werden. Offenbar befand sie sich im Keller eines großen Komplexes, vielleicht einer Fabrik. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Industriegebiet, möglicherweise stillgelegt und verlassen.
Plötzlich blieb Claudette stehen. Sie war soeben zum gefühlt hundertsten Mal um eine Ecke gebogen, doch offenbar hatte sie ihr Ziel erreicht. Am unteren Ende des Ganges, keine fünf Meter entfernt, befand sich eine dunkle Eisentür. Eine flackernde, schmutzige Glühbirne befand sich über dem verschlossenen Durchgang und beleuchtete den Schriftzug, der sich in roten Lettern über das Metall zog: „Station Nr. 2"
Zögerlich verharrte sie auf der Stelle. Dann warf Claudette leise fluchend einen Blick über die Schulter und schaute nervös den Gang zurück, durch den sie gerade eben gekommen war. Nur Dunkelheit starrte ihr entgegen. Der einzige Weg führte nach vorne. Sie hatte keine andere Wahl.
Langsam setzte Claudette einen Fuß vor den anderen und ging auf die schwere Tür zu. Ihre Schritte hallten in leichten Echos an den Steinwänden wider. Ein Schweißtropfen rann ihr über die Stirn und langsam hob sie eine Hand, um die Feuchtigkeit wegzuwischen. Schmerzhaft berührten ihre Finger die von der Elektrizität verbrannten Stellen und mit einem leisen Zischen zuckte sie zurück. Dann hatte sie die Tür erreicht.
Wieder zögerte Claudette. Ihre Augen fuhren den roten Schriftzug entlang und erneut fragte sie sich, was denn dieses ganze Spiel nun sollte. Schließlich kam sie zum Schluss, dass sie es nicht wusste. Vorsichtig trat Claudette nach vorne, legte eine Hand gegen die Tür und drückte gegen das rostige Metall. Zuerst schien es, als wäre sie verschlossen. Erst als sie mit größerer Kraft ans Werk ging, gelang es ihr, die Tür mit einem Quietschen aufzurücken.
„Hallo?"
Claudette zuckte zusammen und ging sofort in eine halb geduckte Haltung, als sie die unerwartete Stimme vernahm. Es war ein Reflex aus ihrer Zeit im Nebel. Sobald sie irgendein plötzliches Geräusch hörte, ging sie sofort in die Knie und schaute sich aufmerksam um. Nicht entdeckt zu werden, war oberste Priorität. Erst nach einem kurzen Moment besann sich die Kanadierin darauf, dass es sich hier um eine andere Art von Spiel handelte.
„W… Wer ist da?", fragte die Stimme, die Claudette als die eines Mädchens identifizierte. Sie sprach mit einer zitternden Tonlage, es konnte sich also kaum um einen ihrer Entführer handeln. Sofort löste sich Claudette aus ihrer Starre und ging eilig nach vorne in den Raum hinein. Er hatte einen L-förmigen Grundriss. Die Wände bestanden aus grauem Stein, ein schlichtes Tonnengewölbe bildete die Decke und ein Maschendrahtzaun teilte den Bereich in zwei Hälften.
Claudette befand sich auf der einen Seite, die bis auf eine seltsame, blaue Tonne vollkommen leer war. Auf der anderen Seite entdeckte sie so etwas wie eine metallene Streckbank, auf die ein Mädchen mit blauen Haaren gefesselt war. Ihre Arme waren komplett unbedeckt und zwei Infusionsnadeln steckten in den Innenseiten ihrer Ellbogen. Über Schläuche waren sie mit einem undurchsichtigen Plastikbehälter verbunden, der auf einem Tisch direkt neben einem altmodischen Fernseher stand.
„Chloe!", rief Claudette und rannte sofort hinüber an den Zaun. Ihre Finger krallten sich um die verflochtenen Drähte, doch es gab kein Durchkommen. Sie waren voneinander getrennt.
„Claudette", rief Chloe mit zitternder Stimme und starrte die Kanadierin mit panischen Augen an: „Claudette, was geht hier vor?"
„Ich weiß es nicht", antwortete Claudette: „Wir wurden entführt und diese Kerle… die wollen irgend so ein krankes Spiel mit uns spielen."
„Was für ein Spiel?" Chloe riss ruckartig den Kopf nach unten und schaute auf die Nadeln in ihren Armen. Claudette wusste nicht, ob sie bereits etwas verabreicht bekommen hatte, doch abgesehen von ihrem Schockzustand, sah sie unversehrt aus.
„Beruhige dich", sagte Claudette langsam. Sie wusste, dass es keinen Sinn machte in Panik zu verfallen. Sie wusste auch, dass es leichter gesagt als getan war, einen kühlen Kopf zu bewahren. Claudette selbst hatte immerhin sechs Monate Erfahrung mit tödlichen Spielen. Für Chloe hingegen war die Situation komplett neu.
„Ich versuch, zu dir durchzukommen", sagte Claudette so beruhigend sie konnte und schaute sich nach einem Werkzeug um. Irgendetwas, mit dem sie den Zaun durchschneiden konnte. Währenddessen redete sie auf Chloe ein: „Versuch dich nicht zu bewegen. Diese Nadeln in deinen Armen gefallen mir überhaupt nicht. Du könntest dich an ihnen verletzen."
„Claudette…", rief Chloe, doch bevor sie etwas sagen konnte, drang einen Knacken aus den Lautsprechern des Fernsehers neben ihr und statisches Rauschen füllte den Bildschirm. Wenig später erschien die unheimliche Puppe, die Claudette bereits die Regeln des Spiels erklärt hatte. Chloes Augen fixierten sich panisch auf die grässliche Fratze, als sich die Augen des Männchens langsam zu ihr hindrehten.
„Guten Abend, Chloe."

„Es ist so weit", murmelte Meg und ballte ihre Hände zu Fäusten. Wieder spürte sie die Wut in sich hochkochen, doch es gab nichts, was sie tun konnte. Nichts außer stumm dazusitzen und das Schauspiel zu verfolgen, in der Hoffnung, dass Claudette es unversehrt und am Leben überstehen würde.
Feng, die hinter Meg stand, begann nervös an den Nägeln zu kauen. Dwights Miene hingegen blieb auffallend ausdruckslos. Sie war eher gekennzeichnet von grimmiger Entschlossenheit, fast so, als wolle er Claudette über telepathische Bande zum Durchhalten anfeuern.
„Du wunderst dich sicher", begann die Puppe zu sprechen: „Warum ich dich hierhergebracht habe, worin die Begründung deiner Entführung besteht. Nun, die Antwort ist simpel. Du wurdest auserkoren, um an meinem Spiel teilzunehmen. Die Regeln sind ebenfalls simpel. Überlebe und du gewinnst. Ich bin sicher, Claudette wird dir die Details verraten, sobald ihr diese zweite Station hinter euch gelassen habt."
Das blauhaarige Mädchen, das von der Puppe in dem Fernseher als Chloe angesprochen wurde, riss nun die Augen von dem Bildschirm los und schaute panisch hinüber zu Claudette, die hinter dem Maschendrahtzaun in eisernem schweigen den Monolog verfolgt hatte.
„Claudette, was… was geht hier vor?", kreischte Chloe und riss an den Eisen um ihre Fuß- und Handgelenke: „Hol mich hier raus! Bitte! Ich habe Angst!"
„Das habe ich auch", antwortete Claudette behutsam und schaute Chloe eindringlich an: „Aber Panik bringt uns nicht weiter. Wir finden einen Weg."
„Was…"
Doch bevor Chloe weitersprechen konnte, wurde sie von der unheimlichen Puppe unterbrochen, die ihr hässliches Gesicht mittlerweile der Kanadierin zugewandt hatte.
„Willkommen zur zweiten Station, Claudette", sagte das Männchen: „Und willkommen zur Präsentation deiner ersten Mitspielerin."
„Was zur Hölle", keuchte Chloe und zerrte weiterhin an ihren Fesseln, wenn auch nicht mehr so stark. Die Hoffnung schien sie zu verlassen.
„Wieder geht es darum, ein Leben zu retten", sagte die Puppe und lachte dann kurz in sich hinein: „Zumindest von einem gewissen Standpunkt aus. Erlaube mir, die Konstruktion, in der unsere liebe Chloe platzgenommen hat, zu erklären. Wie du siehst, steckt in jedem ihrer Arme eine Infusionsnadel. Amanda hat diese medizinischen Gerätschaften präzise platziert und sie dringen direkt in die Hauptschlagadern. Verbunden sind die beiden Nadeln mit einem Behälter, den du nur unschwer auf der rechten Seite erkennen kannst und der mit einer Lösung gefüllt ist, die Lysergsäurediethylamid enthält, gemeinhin abgekürzt als LSD."
Chloe riss in Panik die Augen auf, doch sie brachte kein Wort hervor und ihr Blick war auf die unheimliche Puppe fixiert.
„Aufgrund ihrer reichhaltigen Erfahrung mit Drogen und Halluzinogenen verschiedenster Arten, gehe ich davon aus, dass Chloe bereits bestens mit den Nebenwirkungen des genannten Stoffes vertraut ist. Um es kurz zu machen, eine starke Überdosis führt im Gegensatz zu anderen Stoffen nicht unbedingt körperliche Schäden herbei. Organe, Kreislauf und Vitalfunktionen bleiben intakt.
Stattdessen hat eine hohe Dosis an LSD verheerende Auswirkungen auf die menschliche Psyche. Wer einmal den Wirkungen ausgesetzt wurde, bleibt ein Leben lang geschädigt. Die Betroffenen können nicht mehr klar denken, ihr Geist ist eingestürzt und sie verbringen den Rest ihres Lebens als Wracks in Irrenanstalten."
Chloe schaute verzweifelt zwischen dem Fernseher und Claudette hin und her. Dann stieß sie einen wütenden Schrei aus und warf sich erneut gegen ihre Fesseln. Das Metall klapperte, doch es rührte sich keinen Millimeter. Plötzlich wandte sich die Puppe ihr zu und sagte: „Amanda hat diese Vorrichtung einwandfrei konstruiert, Ausbruchsversuche haben keinerlei Chancen auf Erfolg. Schone deine Kräfte. Du wirst sie brauchen."
„Ist die Puppe am Leben?", fragte Feng, die mittlerweile leicht zu zittern begonnen hatte. Meg war ebenfalls der Gedanke durch den Kopf geschossen, hatte die Puppe doch soeben direkt auf ein Ereignis reagiert. Doch andererseits konnte das jeder Puppenspieler imitieren. Es war nichts Übernatürliches, höchstens etwas Perverses.
„Claudette", fuhr die Puppe nun fort: „Wenn du dich nach links wendest, wirst du einen blauen Behälter finden. Sobald das Spiel beginnt wird sich der Deckel entsperren und du hast freien Zugang zum Schlüssel am Grunde des Fasses. Hol ihn heraus und steck ihn in das Schlüsselloch an der gegenüberliegenden Wand. Tu das innerhalb einer Minute und die Fesseln um Chloe werden sich lösen. Brauchst du zu lange, wird ein Mechanismus ihre Adern vorher mit LSD vollpumpen und sie wird dir noch gerade Mal bis zur nächsten Station in zusammenhängenden Sätzen antworten können."
Chloe hatte mittlerweile aufgehört, sich zu wehren und hing nun vor Angst gelähmt in ihren Ketten. Mit Panik in den Augen schaute sie zu Claudette, die ihren Blick entschlossen erwiderte. Doch bevor es losging, hatte die Puppe noch etwas zu sagen.
„Wie angekündigt wird mit dem Beginn der zweiten Station auch das Spiel für unsere Freunde bei Team Rainbow in die nächste Runde gehen. Sobald der Timer startet, wird das Ziel bekanntgegeben. Der Angriff erfolgt eine Minute später. Genug Zeit, um eine Verteidigung vorzubereiten, wie ich finde."
„Ich hol dich hier raus", flüsterte Claudette und richtete ihren Blick wieder auf Chloe: „Ich verspreche es dir."
„Wir werden sehen", sagte die Puppe, bevor ein kurzes Rauschen über den Bildschirm flackerte und sie hinzufügte: „Lasst das Spiel beginnen."
Meg konnte eine Sirene hören und im selben Moment erschien eine rote Stoppuhr in der linken, oberen Ecke. Daneben das Bild eines monumentalen Bauwerks vor einem wolkenlosen Nachthimmel.

„Der Invalidendom", meldete sich Six über Funk: „das ist das nächste Ziel. Der Angriff beginnt in einer Minute. Team Rot, ihr seid am nächsten. Macht euch sofort auf den Weg."
„Verstanden", antwortete Thatcher: „Team Rot unterwegs."
Beinahe im selben Moment startete Vigil den Motor des schweren Trucks und trat aufs Gaspedal. Unter lautem Brummen rauschte das Fahrzeug dahin und bog sofort in eine Seitenstraße. Zwei Polizeiautos gesellten sich mit einigem Rückstand hinzu.
„Also", murmelte Thatcher und drehte sich im Beifahrersitz um: „Wir haben keine Ahnung, was die Bastarde vorhaben. Wahrscheinlich Sprengstoff oder sonst was. Wir gehen blind rein. Passt auf und sichert die Umgebung. Feinde sind auf Sicht zu erschießen."
IQ, Blitz und Caveira nickten. Philip, der den vierten Mann auf der Ladefläche des Trucks darstellte, schaute kurz zwischen den Soldaten hin und her, bevor er fragte: „Was soll ich tun?"
„Gar nichts", antwortete Thatcher: „Bleib im Wagen und in Sicherheit."
„Nein" Philip schüttelte den Kopf und hob seine Jammerglocke: „Ich bin zwar nicht unverwundbar, aber unsichtbar. Ich kann euch helfen."
„Kommt nicht in Frage", rief Thatcher, doch Blitz warf ein: „Warum nicht? Wenn wir Probleme haben, kann er sich reinschleichen und den Arschlöchern in den Rücken fallen."
„Unsere Befehle sind eindeutig", erwiderte Thatcher: „Wir sollen ihn beschützen und aus jeder Gefahr heraushalten."
„Noch vierzig Sekunden", murmelte IQ, während Vigil den Wagen waghalsig um eine Kurve lenkte. Philip beugte sich nach vorne und sagte: „Ihr sollt die Kirche verteidigen. Das sind eure Befehle und ich glaube, ihr könnt jede Hilfe gebrauchen. Außerdem bin ich ein freier Mann, ich kann gehen wohin ich will."
Thatcher schien kurz zu überlegen. Das Gesicht des alten Briten war hinter einer Gasmaske verborgen, daher kam seine Antwort gedämpft und undeutlich: „Na schön. Aber bleib unsichtbar."
„Natürlich", antwortete Philip.
„Noch dreißig Sekunden", murmelte IQ
„Wir sind da", rief Vigil und lenkte den Truck über eine Wiese auf einen hohen Kuppelbau zu. Es war keine allzu weite Fläche, doch jede Sekunde zählte und die Unversehrtheit eines Gartens war das letzte, worum sich Team Rainbow im Moment kümmerte.
„Los, los, los", rief Thatcher und sprang aus der Beifahrertür, kaum dass der Wagen zum Stehen gekommen war. Blitz, IQ und Caveira verließen ebenfalls mit gehobenen Waffen den Truck, während Philip eilig auf seine Jammerglocke schlug. Einen Augenblick später war er bereits verschwunden.
Blitz, der mit erhobenem Schild nach vorne gestürmt war, war der erste, der die Stufen erreichte, die zum Eingangsportal des Doms führten. Dicht gefolgt von seinen Kameraden und in einigem Abstand auch Philip stellte er sich vor die Tür und wartete auf den Durchbruchsbefehl. Thatcher war einen Schritt hinter ihm und nachdem er sich mit einem Schulterblick vergewissert hatte, dass alle bereit waren, klopfte er Blitz zweimal gegen die Hinterseite des Helms.
Philip richtete kurz den Blick zum Himmel, wo er ein helles Licht entdeckt hatte. Während Blitz, gefolgt von seinen Kameraden in den Dom stürmte, erkannte der Geist die Silhouette eines Nachrichtenhelikopters, der über der Szene schwebte und den Einsatz verfolgte. Wahrscheinlich wurde das Geschehen live in die gesamte Welt übertragen. Doch Philip würde allen verborgen bleiben.
Mit gehobenem Schild stieß Blitz die schwere Holztür auf und stürmte als erster in den Innenraum. Der Invalidendom war, wie viele andere Kathedralen, eine beeindruckende Konstruktion aus steinernen Säulen, massiven Strebepfeilern und kunstvollen Gewölben. Eine kreisrunde Kuppel erhob sich über der Vierung, in der sich ein roter Steinsarkophag befand. Es war die Ruhestätte Napoleon Bonapartes, eines der größten Helden der Geschichte dieses Landes.
Knatternde Schüsse krachten durch das Steingebäude und hallten von den Wänden wieder, als sie gegen Blitz´s Schild schnellten. Unbeeindruckt und auf eine Attacke vorbereitet drehte sich der deutsche Operator sofort in die Richtung des Angreifers und löste den Flasheffekt seines Schilds aus. Ein heller Lichtblitz erleuchtete das Mittelschiff und enthüllte dem Team die Situation.
In der gesamten Kathedrale verteilt befanden sich feindliche Kämpfer. Sie waren gerade dabei gewesen, dunkle Pakete mit roten Lämpchen an verschiedenen Stellen im Gebäude anzubringen und hatten wohl nicht mit einem so flinken Auftauchen des Einsatzteams gerechnet. Alles stehen und liegen lassend griffen sie nun nach ihren Waffen. Eine Salve nach der anderen krachte gegen Blitz los, doch das war genau, wofür er ausgebildet war. Eisern hielt er stand.
Thatcher war unterdessen eilig hinter einer Säule in Deckung gegangen. Vorsichtig lugte er hinter dem Stein hervor und zählte die roten Lämpchen, die wie glühende Augen in der Dunkelheit leuchteten. Es mussten mindestens zehn Sprengsätze sein.
„Fuck", murmelte der alte Brite, während Vigil kaum zwei Meter entfernt das Feuer erwiderte. Der Schrei eines Mannes, zweifellos eines White Masks gellte durch die Luft, doch das Geräusch des zu Boden fallenden Körpers wurde von Schüssen überdeckt. IQ hatte ebenfalls ein paar Salven in Richtung der Terroristen, die hinter Säulen und Bänken in Deckung gegangen waren, abgegeben. Nun ging sie in die Knie und legte ihre Waffe beiseite.
Unter Feuerschutz ihrer Kameraden klappte sie das Gerät an ihrem linken Unterarm auf. Es wurde Spectre genannt und diente dazu, elektronische Mechanismen und Gerätschaften aufzuspüren. Sie hatte es selbst entwickelt.
„Die Bomben sind über Kabel verbunden", rief sie Thatcher zu, der sich eine Säule entfernt von ihr befand. IQ wies mit ihrer Pistole in Richtung des Zentrums des Gebäudes. „Es gibt nur einen Zünder, direkt unter dem Sarg."
Caveira hatte sich unterdessen im Schutze der Dunkelheit in eines der Seitenschiffe geschlichen und bewegte sich nun in gebückter Haltung zwischen zwei Kirchenbänken entlang. Vigil und Blitz taten ihr Bestes, um das Feuer der White Masks auf sich zu ziehen. Niemand bemerkte den Schatten, der sich ungesehen auf die Flanke der Terroristen zuschob. Mit einem diabolischen Grinsen griff die Brasilianerin nach ihrer Maschinenpistole.
Philip, der den Kampflärm sofort gehört hatte, war vorsichtig hinter Team Rainbow in die Kathedrale gekommen und hatte sofort hinter einer Säule Schutz gesucht. Zwar konnten ihn die Terroristen nicht sehen, doch das bedeutete nicht, dass sie ihn nicht verwunden konnten. Ihre Kugeln waren so tödlich wie immer. Er musste Vorsicht walten lassen.
Als er IQs Schilderung der Lage hörte, richtete sich sein Blick sofort auf den roten Sarg. Wenn der Zünder wirklich dort deponiert war, hatten die White Masks einen fatalen Fehler begangen, indem sie die einzige Möglichkeit ihren Angriff durchzuführen direkt in der Schusslinie ihrer Gegner platziert hatten. Team Rainbows schnelles Eingreifen hatte ihnen zusätzliche Zeit verschafft. Sie mussten sie nutzen, oder der gesamte Dom würde in einem Feuersturm zusammenbrechen.
„IQ", rief Thatcher und rannte hinüber zu der deutschen Operatorin, als Vigil gerade eine Salve aus seiner Waffe entließ und die White Masks dazu veranlasste, in Deckung zu gehen. „Du gibst uns Feuerschutz. Blitz und Vigil, ihr geht durch die Mitte. Wir müssen zu diesem Sarg, bevor sie es tun. Auf mein Zeichen…"
IQ nickte und klappte eilig ihr Spectre zu, bevor sie zu dem LMG am Boden griff. Entschlossen lud sie ein neues Magazin in die Waffen und zog kurz am Hebel an der Seite. Mit einem zufriedenstellenden Klicken signalisierte das Maschinengewehr, dass es bereit war, Leben auszulöschen.
„Bereit", rief IQ und Thatcher stellte sich hinter Vigil. Blitz hingegen befand sich in der Mitte der Kirche, direkt im Durchgang zwischen den beiden Bankreihen. Hinter seinem Schild geschützt zog er alles Feuer auf sich. Holzsplitter flogen umher und kleine Steinbrocken krachten gegen seinen Helm. Doch er hielt stand.
„LOS", kommandierte Thatcher und todesmutig lehnte sich IQ hinter ihrer Deckung hervor. Ein ohrenzerfetzendes Rauschen hallte durch die Kirche, als sie ihr gesamtes Magazin in Richtung der White Masks entleerte, ohne auch nur einmal den Finger vom Abzug zu nehmen. Sowohl Blitz, als auch Caveira erkannten die Gelegenheit und drangen einige Schritte nach vorne, während Thatcher und Vigil hinter ihren Säulen hervorsprangen und in geduckter Haltung ebenfalls vorrückten.
In den Lichtblitzen der Schusswaffen erkannte Vigil einen runden Gegenstand, der durch die Luft auf ihn zugeflogen kam. Er war leicht oval, sah beinahe aus wie ein Ei, doch er war auch weit gefährlicher. Ohne zu zögern steckte der Koreaner einen Arm aus und fing die Granate gekonnt in der linken Hand. Er wusste, dass die Zeit lief und wenn die White Masks einen Moment gewartet hatten, vor ihrem Wurf, dann war es unweigerlich aus mit ihm.
Zum Glück war dem nicht so und in einer fließenden Bewegung schleuderte er den runden Todesboten zurück in die Reihen der Terroristen. Kurz bevor sie auf den Boden aufschlug, explodierte die Granate und sandte tödliche Metallsplitter durch die gesamte Halle.
Philip konnte sehen, wie zwei White Masks durch die Luft geschleudert wurden. Einem fehlte ein Bein und wie Marionetten schlugen sie gegen eine Steinsäule, bevor sie leblos zu Boden fielen. Blut spritze aus ihren Leichen und rann über den Steinboden.
„Maldicao", rief Caveira, die sich am nächsten an den White Masks befunden hatte und von der Explosion ebenfalls zu Boden geschleudert worden war. Verkrampft presste sei eine Hand auf ihren Bauch, von wo aus dunkles Blut auf den harten Untergrund tropfte, während sie mit der anderen nach ihrer Maschinenpistole tastete. Sie konnte sie nicht finden.
Kein Augenblick später flogen bereits Kugeln in ihre Richtung und hastig zog sie sich hinter eine Kirchenbank. Es war kein wirklicher Schutz, doch es musste genügen. In einem Knurren machte sie ihren Schmerzen Luft, bevor sie links von ihr ihre Waffe entdeckte. Sie befand sich einen halben Meter außer Reichweite.
Thatcher hob vorsichtig den Kopf, den er bei der Explosion eingezogen hatte. Als der Knall durch die Kirche gehallt war, hatte er bereits geglaubt, die Sprengsätze um sie herum seien irgendwie ausgelöst worden. Ein Blick auf Vigil, der neben ihm kniete und das Feuer in Richtung der White Masks erwiderte, verriet ihm, dass dem nicht so war. Sie hatten immer noch eine Chance.
„Verdammte…", fluchte IQ auf Deutsch, als ein metallenes Klicken ihres LMGs das Ende des Magazins signalisierte. Die letzte Kugel war verschossen worden und sie musste so schnell wie möglich nachladen. Unter keinen Umständen durften die White Masks die Feuerüberlegenheit gewinnen. Ihr Team zählte auf sie.
Blitz hatte beim Aufleuchten der Explosion seinen Schreck unter Kontrolle halten können. Er hatte gerade noch die Granate im Flug entdecken können, weshalb er von dem lauten Knall nicht allzu überrascht worden war. Nun war er bereit und mit erhobenen Schild nutzte er die allgemeine Verwirrung aus und stürmte weiter vor. Wieder löste er einen Flash aus, blendete zwei White Masks, die sich hinter einer Kirchenbank verkrochen hatten und machte ihnen kurz darauf mit seiner Pistole den Garaus.
Caveira hörte einen wütenden Schrei hinter sich und als sie sich umdrehte, entdeckte sie einen maskierten Terroristen, der zornig sein Sturmgewehr zu Boden warf. Offenbar hatte es keine Munition mehr. Wild brüllend zog er ein Messer aus einer Halterung an seinem Oberschenkel und stürmte auf Caveira zu. Ihre Waffe lag immer noch außer Reichweite. Niemals würde sie sie zu fassen bekommen, bevor der White Mask sich auf sie gestürzt haben würde.
So schnell sie konnte hob sie die Hände und blockte den Angriff des Terroristen ab. Mit erhobenem Messer hatte er sich auf sie geworfen und sein Gewicht drückte sie mit dem Rücken zu Boden, während die Spitze der Klinge auf ihr Gesicht niederfuhr. Mit aller Kraft wehrte sich Caveira. Adrenalin ließ den Schmerz in ihrer Seite verstummen und nur der Wille zum Überleben dominierte ihren Verstand.
Kaum zehn Zentimeter vor ihrem Auge brachte sie das Messer des White Masks zum Stehen. Mit aller Kraft drückte er nach unten, legte sein ganzes Gewicht in den Angriff, während sie verzweifelt versuchte, dem Druck standzuhalten. Zitternd hatte sie beide Hände um die Unterarme des Terroristen gelegt, der ihren Körper unter seinem Gewicht eingeklammert hielt.
Caveira wusste nicht wie sie sich befreien sollte. Langsam spürte sie wie ihre Kraft schwand. Immer stärker drückte der White Masks nach unten. Sein gesamtes Gewicht war auf die Messerspitze fokussiert und Caveira konnte ihm kaum noch standhalten. Das war das Ende.
Doch plötzlich verschwand die Klinge und der Terrorist wurde wie von einer unsichtbaren Hand nach hinten gezogen. Er flog kurz in die Höhe, bevor er abrupt die Richtung wechselte und gegen eine Kirchenbank krachte. Caveira konnte sein Genick brechen hören. Dann wurde sie plötzlich behutsam gepackt, eilig nach oben gezogen und mit dem Rücken gegen eine Säule gelehnt, in Deckung vor feindlichen Feuer.
„Bleib hier", flüsterte die Stimme eines unsichtbaren Mannes: „du bist verwundet."
Caveira knurrte nur und schmeckte Blut in ihrem Mund. Mit schmerzverzerrtem Gesicht presste sie eine Hand gegen ihre Seite, wo sie von einem Granatensplitter getroffen worden war. Ihre Glieder zitterten und ihr wurde langsam klar, dass sie bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte. Caveira wusste nicht, ob Philip noch über ihr stand oder nicht. Trotzdem murmelte sie leise: „Danke"
Thatcher rammte grimmig ein neues Magazin in seine Waffe und als er hinter seiner Deckung hervorlugt, entdeckt er einen Terroristen, der panisch auf den roten Sarkophag zulief. Er wollte zweifellos an den Zünder gelangen.
„Vergiss es", knurrte der Brite wütend, legte an und drückte ab. Drei Schüsse knatternden durch die Kirche und der White Mask ging schreien zu Boden. Blut spritzte auf den Marmor und besudelte die Ruhestätte Napoleons.
Zu seiner rechten konnte Thatcher Blitz erkennen, der nun die letzte Zeile der Kirchenbänke säuberte und einen White Mask ausschaltete, indem er ihm das Schild ins Gesicht rammte und ihm anschließend eine Kugel in den Kopf jagte. IQ war ebenfalls etwas vorgerückt und gab immer noch Feuerschutz, während Vigil hastig seine Waffe nachlud. Es war sein letztes Magazin. Caveira hingegen war nicht zu sehen.
Dann kehrte plötzlich Ruhe ein Das Echo des letzten Schusses, den Blitz gegen seinen Gegner abgegeben hatte, verstummte in der Dunkelheit und Stille erfüllte die Halle. Fahles Mondlicht schien durch die Fenster unter der Kuppel herein. Staubpartikel hatten sich in dichten Wolken angesammelt und hingen in der Luft.
„Sicher", rief Blitz von der rechten Seite. Vigil bewegte sich ein Stück nach links, schaute das Seitenschiff hinunter und verkündete: „Sicher"
Mit immer noch gehobenen Waffen bewegten sich Thatcher und IQ nach vorne, auf den White Mask zu, der im letzten Moment einen verzweifelten Sprint auf den Zünder hingelegt hatte. Er lebte noch, doch es würde keine dreißig Sekunden dauern, bis er seinen letzten ruckartigen Atemzug tun würde. Thatcher hatte Erfahrung mit solchen Dingen.
„IQ", sagte der alte Brite und schaute auf den Zünder, der keine zwei Meter entfernt lag: „Mach dich sofort an die Entschärfung."
Die Deutsche nickte und Thatcher schaute sich um. Blitz und Vigil sicherten immer noch den Innenraum und vergewisserten sich, dass sich nirgendwo ein White Mask versteckt hatte. Gleichzeitig kontrollierten sie, ob es Verwundete unter ihren Feinden gab. Thatcher griff zum Funkgerät an seiner Schulter und sagte: „Hier Team Rot. Tangos am Zielort ausgeschaltet. Wir haben Sprengstoff gesichert. GIGN soll uns Entschärfungsspezialisten schicken."
„Verstanden", antwortete Dokkaebi nach kurzem Rauschen und Thatcher nickte grimmig. Wieder schaute er sich um und suchte nach Caveira, doch immer noch konnte er keine Spur von der Brasilianerin finden.
„Hey, Blitz", rief der alte Brite: „Wo ist Caveira?"
„Ich bin hier", tönte die Stimme der Brasilianerin hinter einer entfernten Säule hervor. Thatcher konnte sofort erkennen, dass sie an Schmerzen litt, doch immerhin konnte sie noch sprechen. Fluchend lief er durch das Mittelschiff und auf die Säule zu, von der aus der Ruf gekommen war. Beinahe im selben Moment hörte er eine Glocke und erschrocken hob Thatcher die Waffe. Erst als er Philip erkannte, senkte er sie wieder und lief zu Caveira.
„Sie ist verletzt", sagte Philip, als sich Thatcher neben ihr niederkniete. Blut rann von der Säule hinter ihrem Rücken und sammelte sich am Boden in einer glänzenden Lacke. Die Brasilianerin hatte eine Hand auf ihren Bauch gepresst und hustete schwach.
„Verdammt, Caveira, was ist passiert?", knurrte Thatcher und zog sich eilig die Handschuhe aus. Dann bewegte er vorsichtig die Hände von ihrem Bauch, um die Wunde zu untersuchen.
„Granatensplitter", antwortete Caveira schwach: „Und Bastard mit Messer. Er hat mir den Arsch gerettet."
Sie deutete mit dem Kopf über Thatchers Schulter in Richtung Philip, der nur stumm nickte. Thatcher hingegen besah sich kurz die Wunde, aus der auffallend viel Blut austrat bevor er sagte: „Press drauf so fest du kannst." Anschließend griff er zu seinem Funkgerät und sagte: „Hier Team Rot. Ein Operator verwundet. Wir brauchen MedEvac."
„Zur Hölle mit MedEvac", knurrte Caveira und versuchte aufzustehen, dich Philip hielt sie behutsam zurück. Thatcher drehte sich zu ihr um und sagte mit entnervter Stimme: „Du bist verwundet, ob´s dir gefällt oder nicht. Also bleib unten. MedEvac nimmt dich mit."

Eine schrille Sirene kündigte den Beginn der zweiten Station an und Claudette entdeckte eine rote Stoppuhr neben dem Kanister mit dem LSD, die langsam nach unten zählte. Es blieben sechzig Sekunden.
Sofort rannte sie hinüber zu dem blauen Plastikfass und legte die Hände um den weißen Deckel. Es kostete einen Moment, bis sie unter Aufwendung aller Kraft den Verschluss öffnen und sich das Innere des Fasses zugänglich machen konnte. Chloe hatte derweil leise zu fluchen begonnen und schaute panisch zwischen Claudette und den Nadeln in ihren Unterarmen hin und her. Sie wusste genau, was LSD mit Leuten anstellen konnte.
Eilig hob die Kanadierin ihren Kopf über das blaue Fass und erkannte, dass es mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt war. Die Innenwände waren offenbar mit Glas ausgekleidet worden, warum auch immer. Am Boden des Fasses, unter der gelben Flüssigkeit lag ein einsamer Schlüssel. Sofort langte Claudette mit der Hand in das Fass und stieß einen spitzen Schrei aus als ihre Finger die Oberfläche der Substanz berührten.
„Fuck", knurrte sie verzweifelt und schüttelte eilig die Flüssigkeit von ihrer Haut.
„Was?", rief Chloe und rüttelte erneut an ihren Fesseln: „Was ist los?"
„Das ist Säure", murmelte Claudette und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Noch dreiundfünfzig Sekunden.
„WAS?", rief Chloe, die offenbar ihren Ohren nicht trauen wollte. Claudette antwortet ihr nicht, sondern legte eilig die Hände um das Fass. Mit aller Kraft zog und zerrte sie, doch es ließ sich keinen Millimeter bewegen. Sie hatte keine Chance, dass Fass irgendwie umzuwerfen. Als nächstes schaute sie sich nach einem Eimer um, einer Kelle oder irgendetwas, dass sie verwenden konnte, um die Säure aus dem Behälter zu schöpfen. Ihre Seite des Raumes war vollkommen leer, bis auf zwei verrostete Eisenstangen.
„Tu irgendwas", rief Chloe verzweifelt: „BITTE"
„Ich bin dabei", antwortete Claudette, die alles daran setzte ruhig zu bleiben. Ein schneller Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie noch fünfzig Sekunden Zeit hatte. Eilig sprang sie hinüber zu den beiden Eisenstangen und hob sie vom Boden. Anschließend lief sie sofort zurück ans blaue Fass. Unschuldig lag die gelbe Säure darin und Claudette konnte ihr eigenes Spiegelbild sehen, als sie die Eisenstangen in die Flüssigkeit tauchte.
Ihr Plan war es, den Schlüssel an eine Seite des Fasses zu schieben und ihn anschließend an der Wand hochzuziehen. Es würde ein schwieriges Unterfangen werden, doch sie war sich sicher, dass sie es innerhalb einer Minute schaffen konnte. Bevor sie allerdings loslegte, rammte sie die Stangen heftig gegen die Glasverkleidung.
Es war eine starke Säure und vielleicht würde sie sich durch die Plastikhülle des Fasses fressen, wenn sie nur das Glas zerstörte. Allerdings verhielt es sich, wie sie erwartet hatte. Das Glas war hart, unzerbrechlich und mit einfachen Metallstangen nicht zu zerstören. Die kleine Puppe hatte offenbar an alles gedacht.
„Scheiße", murmelte Claudette und tauchte die Stangen nun tiefer in die Säure, während Chloe stumm zuschaute. Tränen der Panik rannen über ihre Wangen und wieder versuchte sie sich selbst zu befreien. Es gelang ihr genau so wenig, wie all die Male zuvor.
Claudette angelte derweil in der Säure nach dem kleinen Schlüssel, der am Fuße des Fasses lag. Sie warf einen Blick über die Schulter und erkannte, dass der Timer bereits die vierzig Sekunden unterschritten hatte. Mit einem Fluch zog sie die Stange in ihrer Linken aus dem Fass, da sie kaum auf den Boden hinunter reichte. Stattdessen stützte sie sich nun mit der freien Hand am Rande des Behälters ab und versuchte allein mit der Stange in ihrer Rechten an den Schlüssel zu gelangen.
Schweiß sammelte sich in ihren Handflächen und ließ ihren Griff unsicher werden. Die Brandwunden von ihrem letzten Spiel begannen schmerzhaft zu brennen, als das Salz in die Wunden gelangte. Doch Claudette gab nicht auf. Angestrengt tastete sie mit der Stange nach dem Schlüssel am Boden und versuchte ihn in eine Richtung zu schieben. Es war schwieriger als erwartet.
Keuched langte sie wieder nach der zweiten Stange, verwendete für einen kurzen Moment beide, bevor sie erneut erkannte, dass es nichts half. Der Schlüssel lag nun im Fass direkt unter ihr. Mit ausgestrecktem Arm konnte sie ihn wahrscheinlich erreichen, doch dazu musste sie bis zur Schulter in die Säure eintauchen. Eilig warf Claudette einen Blick auf die Uhr, die sich gerade der fünfundzwanzig Sekunden Marke näherte. Ihr ging die Zeit aus.
Verzweifelt riss die Kanadierin einen Stoffstreifen von ihrem Hemd und wickelte ihn um ihre Rechte Hand. Wenn sie nur mit der Hand eintauchte, würde es vielleicht einfacher sein, mit der Stange nach dem Schlüssel zu angeln. Zitternd legte sie ihre nur behelfsmäßig geschützten Finger um das kalte Metall. Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn und es kostete sie alle Überwindung, die Hand in die Säure zu tauchen.
Für einen Moment, in der sich die Flüssigkeit noch durch den Stoff fraß, spürte sie nichts. Doch dann benetzten die ersten Tropfen ihre Haut und brannten sich schmerzhaft in ihr Gewebe. Claudette unterdrückte einen Schrei, biss die Zähne zusammen und stocherte mit der Stange nach dem Schlüssel. Unbeholfen schaffte sie es, ihn zwischen der Seitenwand und dem Metall einzuklemmen. Sie musste ihn nur noch in die Höhe ziehen.
Ihre Hand unter aller Anstrengung ruhig haltend, zog sie ihren Arm langsam zurück und damit den Schlüssel an der Seitenwand des Fasses nach oben. Sie zitterte immer heftiger, als die Schmerzen immer stechender wurden und immer tiefer in ihr Fleisch schnitten. Sie konnte bereits sehen, wie sich Stofffetzen von dem Streifen um ihre Hand lösten. Claudette hatte kaum den halben Weg zurückgelegt, als plötzlich ein Zucken durch ihren Arm fuhr und sich die Metallstange für den Bruchteil vom dem Schlüssel entfernte. Sofort sank er wieder nach unten. Gnadenlos langsam und unerreichbar.
„Fuck, nein", flüsterte Claudette verzweifelt und versuchte ihre Tränen zurück zu kämpfen. Eilig zog sie ihre Hand aus dem Fass und schüttelte krampfartig die Säure von ihren Fingern. Ihre Haut hatte bereits angefangen Blasen zu werfen.
Für einen Moment hielt Claudette inne. Ihr Blick schoss hinüber auf Chloe, die sie nur verzweifelt anstarrte. Das blauhaarige Mädchen sagte nichts mehr, wehrte sich nicht mehr und wollte nur noch aufwachen. Aufwachen aus diesem Alptraum, in dem sie gefangen war. Doch Claudette wusste, dass das nicht möglich war.
Kurz schaute sie auf die Uhr, die noch dreizehn Sekunden zeigte. Gnadenlos wechselten die roten Ziffern auf zwölf. Dann biss Claudette die Zähne zusammen und trat erneut ans Fass. Ohne lang nachzudenken, ohne überhaupt irgendwelchen Schutz anzubringen, tauchte sie ihre Hand in die Säure und fuhr im Fass hinunter. Die Säure reicht nun biss an ihren Ellbogen und sofort brannte sich die Substanz in ihren entblößten Arm.
Es war eine Art von Schmerz die sie noch nie vorher gespürt hatte. Am ehesten kam es wohl glühenden Eisen gleich, die auf die Haut gelegt worden. Aber glühende Eisen flossen nicht in die Wunden, die sie schlugen. Glühende Eisen umhüllten den Arm nicht so perfekt, wie eine Säure. Kein Fleck wurde verschont, keine Stelle ausgelassen.
Mit einem lauten Schrei fuhr Claudette tiefer in die Flüssigkeit. Tränen ließen ihre Sicht verschwimmen und der Schlüssel am Boden des Fasses wurde zu einem dunklen Fleck. Die Säure schwappte nun über ihren Unterarm herauf, berührte die kurzen Ärmel ihrer Bluse und floss sogar über das Fass hinaus, als ihr Arm genug Volumen verdrängte. Schließlich steckte sie bis zur Schulter in der Substanz. Ihre mittlerweile tauben Finger kratzten schmerzhaft über den Boden und es dauerte eine Sekunde, bis sie einen flachen Gegenstand spürte.
Verzweifelt und unter Schmerzensschreien, mittlerweile halb blind vor Qual tastete sie nach dem Schlüssel. Zweimal entwischte er ihr, bis sie ihn schließlich zwischen Mittel und Ringfinger einzuklemmen vermochte.
Sofort zog sie die Hand aus dem Fass und fiel rücklings zu Boden. Claudette schlug hart mit dem Rücken auf und sie hörte ein metallisches Klirren, als der Schlüssel über den kalten Steinboden fiel. Schwer atmend versuchte sie ihre Sicht zurückzugewinnen. Mit der linken Hand tastete sie nach dem Gegenstand, der Chloe freilassen würde. Ihre Rechte spürte sie kaum mehr.
Gerade als wieder Licht in ihre Augen fiel und sie wieder etwas sehen konnte, schlossen sich die unversehrten Finger ihrer linken Hand um einen kalten Metallgegenstand. Die Säure, die an dem Schlüssel haftete, brannte sich in ihre Haut, doch sie spürt es nicht. Ihr Schmerzsinn war weit überlastet und ihr Verstand drohte abzuschalten.
Keuchend und hustend versuchte Claudette auf die Beine zu kommen, stolperte hinüber zu dem Schlüsselloch an der Wand und steckte den kleinen Schlüssel in die Öffnung. Gerade noch schaffte sie es ihn herumzudrehen, bevor sie kraftlos zu Boden fiel. Chloe war kaum mehr als eine verschwommene Silhouette, als sie sich panisch die Nadeln aus den Armen zog. Dann wurde Claudette schwarz vor Augen. Die Welt verstummte.

„Sie hat´s geschafft", murmelte Baker und schaute hinüber zu Six: „gerade so. Noch fünf Sekunden."
„Gut", sagte die Anführerin salopp. Es war erstaunlich wie wenig Gefühle sie zeigte, doch Baker konnte sie verstehen. So grausam es auch war, sie konnte Claudette nur einen kleinen Teil ihrer Aufmerksamkeit widmen. Der Rest ging an Paris. An jene Stadt, die sich einem Angriff der White Masks gegenübersah und die auf Team Rainbow vertraute.
„Team Rot ist am Invalidendom", meldete Dokkaebi: „Sie befinden sich im Gefecht."
„Ist die GIGN unterwegs?", fragte Six und die Koreanerin nickte: „Ja"
„Irgendwelche Zivilisten im Kampfgebiet?"
„Noch keine Meldungen."
Eine Bewegung am Rande seines Sichtfelds ließ Baker den Kopf drehen. Sein Blick landete auf einem Bildschirm, der etwas abseits stand und eine Liveübertragung eines geostationären Satelliten über Paris zeigte. Mit verschiedenen Farben wurde auf dem Bild elektromagnetische Strahlung sichtbar gemacht und bisher war es weitgehend blau geblieben. Nun hatte sich, etwas entfernt vom Stadtzentrum in einem Wohnviertel, ein hochroter Fleck gebildet.