22

Merle rückte seine Prothese zurecht und überprüfte das Klebeband mit dem er ein Messer dort befestigt hatte, wo früher seine rechte Hand gewesen war. Heute würde er das erste Mal die Führung übernehmen wenn er mit den Jungs in den Wald ging, um die Gegend im Auge zu behalten und Besorgungen zu machen. Der Governor setzte großes Vertrauen in ihn und das hatte er auch zu ihm gesagt. Es machte ihn stolz, doch hatte er gleichzeitig Angst zu versagen, denn Martinez war der erste, der ihn verpfeifen würde. Aber zuerst mussten sie raus fahren, bevor irgendetwas schiefgehen konnte.

Merle stand auf und wollte gerade aus dem Haus treten, als er vor dem Fenster einige Aufregung wahrnahm. Die Männer liefen auf die Barrikade zu und hielten ihre Waffen auf den Eingang. Anscheinend ging gerade das Tor auf und jemand wollte eintreten. Er ging zurück zur Tür und trat ins Freie. Die Männer verdeckten die Person, die gerade eintrat, aber er konnte sehen, dass sie mit erhobenen Händen hereinkam.

Merle trabte zu der Menschentraube und versuchte zu erkennen wer das war. Dann blieb sein Herz für einen Schlag stehen und er sah das Gesicht des Mannes, der ihn in Atlanta brennende Zigaretten in seinen Stumpf gedrückt hatte, bevor die Kleine ihn befreit hatte. Der Tag der Abrechnung war also gekommen. Sollte er sich erst in Sicherheit wiegen. Sie hatten noch einiges zu bereden.

XXX

Am Abend machte Merle sich auf den Weg zum Governor, um ihn auf den Neuankömmling anzusprechen. Gerade trat er vor dessen Wohnungstür als er Stimmen von innen hörte. Die des Governors beendete gerade einen Satz, den er nicht verstand. Dann hörte er Milton. „-können ihm nicht einfach vertrauen, Philip. Er könnte gefährlich sein."

„Milton, das haben wir von Merle auch gedacht und er hat sich als äußerst nützlich erwiesen. Wir sollten diesem Mann eine Chance geben."

„Ich weiß nicht... Das scheint mit zu riskant, der Mann war schwerbewaffnet und schweigt sich beharrlich über seine eigene Person aus."

„Zeig etwas mehr Glaube an die Menschheit. Aber ich werde vorsichtig mit ihm sein, bist du damit einverstanden?"

Das Gespräch schien eine Pause einzulegen. Merle klopfte bevor einer von ihnen herauskam und ihn beim Lauschen erwischte. „Herein!" rief der Governor und Merle öffnete die Tür.

„Hallo, Governor", sagte er zur Begrüßung und trat in die Wohnung. Milton sah ihn einen Moment an und nickte dann bemüht freundlich. Er schien mit dem Ergebnis seines Gesprächs nicht zufrieden, versuchte es aber zu verbergen.

„Ich gehe dann", murmelte er und verließ den Raum. Als Merle hinter sich die Tür ins Schloss fallen hörte, begann er: „Governor, ich habe eine Frage"

„Na, ich hoffe sie ist wichtig, es ist nämlich schon spät." Ein süffisantes Lächeln war auf dem Gesicht des Governors, während er sich einen Whisky einschenkte. „Auch einen Drink?"

„Nein, danke. Es ist wichtig, Governor"

Sein Gesichtsausdruck wurde wieder ernst. „Was ist deine Frage, Merle?"

„Der Neue, der heute angekommen ist-"

„Jetzt fang du nicht auch damit an", unterbrach ihn der Governor ungeduldig. „Milton war auch schon deswegen bei mir und hat seine Bedenken geäußert. Ich bin gewillt diesem Mann eine Chance zu geben. Er kann nützlich sein, sieht das denn keiner außer mir?" Er runzelte die Stirn. „Na gut. Was hast du zu dem Thema zu sagen?"

Merle überlegte seine Worte wohl. „Du weißt doch noch wie ich aussah, als du mich gefunden hast, nicht wahr?"

„Wie könnte ich das vergessen? Dein Zustand war unbeschreiblich schlecht", sagte der Governor glucksend.

„Dieses Arschloch hat dazu beigetragen, dass er so schlecht war. Ich will ihn für mich und ihm das heimzahlen, was in Atlanta passiert ist."

Der Governor blickte lange in Merles Gesicht. Dann nahm er einen Schluck von seinem Drink und stellte das Glas bei Seite. „Was hat er getan, Merle?"

Merle rieb sich über das Kinn und zupfte kurz an seiner Prothese. „Er hat mich gefoltert. Er und drei andere Wichser. Wenn ich die schon nicht bekomme, dann wenigstens einen von ihnen."

„Du hast Recht, Merle. So etwas sollte bestraft werden. Du kannst ihn dir morgen holen und ins Lager bringen, du weißt schon, da wo Milton seine Experimente macht. Ich werde dir einen Raum einrichten lassen und du kannst dich nach Herzenslust an ihm austoben. Wie findest du das?" Er war zu Merle gegangen und stand nun direkt vor ihm. Merle respektierte ihn und er war froh über das Angebot, doch hatte die Stimme des Governors ziemlich angsteinflößend geklungen. So als würde er sich darauf freuen, was Merle vorhatte.

Er nickte und der Governor klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter.

„Na dann! Ich werde morgen zu dir kommen, wenn alles bereit ist. Dann bekommst du was du willst."

Merle hatte das Gefühl, dass er zu leicht seinen Wunsch bewilligt bekommen hatte. Aber am Ende konnte es ihm egal sein, denn der Drecksack bekam endlich was er verdiente. Und es würde kein schneller Tod werden. Zuerst wollte er nämlich ein paar wichtige Fragen beantwortet bekommen.

23

Randall lief immer noch ziellos durch den Wald. Es war jetzt schon fast drei ganze Tage her, dass er von den anderen getrennt wurde. Wer weiß, was sie mit denen angestellt hatte. Ein zähes Miststück war sie, dass musste man ihr lassen. Doch jetzt war es an der Zeit an sich zu denken, denn er musste überleben. Er wollte noch nicht sterben, das war ihm jetzt umso klarer, seit er innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehrfach dem Tod von der Schippe gesprungen war. Glück musste man haben.

Die Wunden, die sie ihm zugefügt hatte, entzündeten sich allmählich, denn er hatte keine Möglichkeit gehabt sie zu versorgen. Will hatte ihn gezwungen direkt zu der Hütte zu gehen, weil er so unbedingt zu dieser Frau wollte. Das hatte er jetzt davon. Wahrscheinlich würde er daran sterben, aber dazu war Randall noch nicht bereit.

Unbeirrt schlich er weiter und tatsächlich fand er irgendwann das Ende des Waldes. Vor ihm breitete sich ein weites Feld aus, er war auf einer Farm gelandet. In einiger Entfernung konnte er das Haus ausmachen und wenn ihn sein Blick nicht täuschte, dann hatte er sogar jemanden davor herumlaufen sehen, der eindeutig keine Matschbirne war. Vor Freude und Erleichterung war er fast auf die Knie gefallen, weil ihn bei der Aussicht auf Hilfe fast augenblicklich die Kraft verlassen hatte. Mit großer Mühe begann er seinen Marsch zum Farmhaus.

XXX

Rick stand auf der Veranda und sah sich um. Er hatte die Befürchtung, dass jeden Moment eine Herde aus dem Wald stürmte und sie überrannte. Das wäre jetzt das Ende. Sie waren verwundbar. Sophia war gerade erst gestorben, Shane drehte durch, Daryl distanzierte sich immer weiter und seine Frau war schwanger. Eine explosive Mixtur. Und er hatte sich die Verantwortung für sie alle aufgebürdet. Sicherheit war jetzt das Wichtigste. Egal was passierte, er musste immer einen Plan B haben, das wurde von ihm erwartet.

In dem Moment sah er etwas aus dem Wald kommen. Es sah aus wie ein Mensch, könnte aber auch ein Beißer sein. Er war sich nicht sicher und ging mit der Waffe in der Hand von der Veranda herunter, auf die Gestalt zu. Sie war noch etwa einhundert Meter entfernt und bewegte sich langsam und unsicher. Rick öffnete das Zauntor und ging auf das offene Feld. Seine Hände umklammerten fest die Waffe und er hob sie, bereit zum Schießen. Es war ein junger Mann, der sich mit den Händen auf den jeweils anderen Arm drückte. Seine Kleidung war durchtränkt mit Blut, er sah verwahrlost aus und schwach. Als er immer näher zu Rick kam, streckte er die Hände in die Luft und sackte auf die Knie.

„Bitte, erschießen Sie mich nicht. Ich brauche Hilfe, bitte...", krächzte er noch, bevor er bewusstlos nach vorne auf die Erde sank. Rick ließ die Waffe sinken und sah sich schnell um, ob irgendjemand in der Nähe war. Glenn kam schon angelaufen, er hatte wohl gesehen was passiert war.

„Was ist passiert? Ist er tot?" fragte Glenn außer Atem, als er angelaufen kam.

„Nein, nur ohnmächtig. Er ist verwundet, keine Ahnung, ob da Bisse oder Kratzer bei sind."

„Wir sollten zuerst nachschauen"

„Ja. Du hast Recht..." Rick beugte sich mit Glenn zusammen über denn Mann und sie betrachteten seine Schnittwunden. „Sieht aus wie Schnitte. Wie von einem Messer." Als sie keinerlei Spuren von Beißern an ihm finden konnten, packten sie ihn unter den Armen und schleiften ihn zum Haus. Dort hoben sie ihn auf die Veranda und trugen ihn in eines der Schlafzimmer. Hershel kam herein und sah sich die Wunden an. „Sie entzünden sich bereits. Müssen etwa drei bis vier Tage alt sein. Noch länger hält er ohne Antibiotika nicht durch."

„Dann los, tu was du kannst", sagte Rick und überließ Hershel das Kommando, indem er zurücktrat.

„Was ist hier los?" fragte Maggie, die ihren Kopf gerade durch die Tür hereinsteckte.

„Er kam aus dem Wald, ist zusammengebrochen. Keine Bisse und keine Kratzer, nur tiefe Schnitte. Dein Dad wird ihn sich ansehen."

Maggie nickte und ging zusammen mit Glenn in den Hausflur. Rick blieb noch einen Moment stehen und sah den Jungen an. Er konnte kaum zwanzig Jahre alt sein. Wer hatte ihm das angetan und warum? Das wollte er herausfinden, falls Hershel ihn wieder auf die Beine bekam. Bis dahin musste er sich um einen Verrückten im Wald sorgen, der Leute zerschnitt und hier jeden Moment einfallen könnte. So viel zum Vertrauen in seine Kompetenzen als Anführer der Gruppe.

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(Inspiriert von 'Unrest', Parkway Drive)

Der Gestank war bestialisch, aber eine Notwendigkeit. Überall lagen Körperteile herum und verwesten langsam. Nur so hatte sie weitere Beißer fernhalten können. Sie hatte herausgefunden, dass sie einen nur angriffen, wenn man nicht nach ihnen roch. Also hatten die Jungs, die sie überfallen haben doch noch einen Zweck erfüllt, und zwar indem sie als Mauer aus Verwesungsgeruch gedient hatten.

Judith hatte die letzten Tage in der Hütte verbracht und die Leichen mit Randalls Machete zerteilt. Dann hatte sie sich um den Streifschuss an ihrer Flanke gekümmert. Zum Glück war dieser Kerl ein schlechter Schütze gewesen. Auch seine Einzelteile hingen wie Traumfänger vor der Tür und an den Fenstern.

Sie hatte nur ein Mal gekotzt als sie die Männer auseinander gehackt hatte, danach hatte sie sich mit dem Gedanken getröstet, dass das Blut nur auf ihrer Maske landete und eigentlich nicht auf ihr. Mittlerweile war es ihr sogar egal, die Routine am dritten Tag erleichterte ihr Handeln. Jetzt hatte sie keine Leichen mehr übrig, aber dafür einen Umkreis von zwanzig Metern, der mit Eingeweiden und abgetrennten Gliedmaßen gesäumt war. Bisher funktionierte ihr Plan.

Aus einem Rettungswagen, den sie in Atlanta glücklicherweise noch durchsucht hatte, hatte sie alles mitgenommen, was sie irgendwann einmal gebrauchen konnte: Kompressen, Verbandszeug, Wundsalbe und sogar Nadel und Faden.

Das würde interessant werden, dachte sie sich, denn sie hatte noch nie eine Wunde unter diesen Bedingungen genäht. Es war ihr irgendwann einmal zu lästig geworden wegen jeder Kleinigkeit, die ihr Vater ihr zugefügt hatte in die Notaufnahme zu fahren und dort zu erklären, dass sie so ungeschickt war. Eine gewisse Routine hatte sie also.

Mit zitternden Händen fummelte sie den Faden durch das Nadelöhr. Dann schraubte sie die Flasche Wodka auf, die sie in den Resten gefunden hatte, die Merle gehörten und klemmte den rechten Arm hinter den Kopf. Sie atmete kurz durch und schüttete dann langsam den Alkohol über den Riss in der Rippengegend. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich vor Schmerzen und sie biss die Zähne zusammen. Sie stellte die Flasche neben sich, nahm ein Stück Stoff und steckte es sich zwischen die Zähne, um drauf beißen zu können.

Dann nahm sie die Flasche wieder in die Hand und ließ eine zweite Ladung über die offene Wunde laufen. Eigentlich hätte sie das direkt erledigen sollen, nachdem sie den Kerl getötet hatte, das war etwa drei Tage her. Es hatte sich nur schwierig gestaltet, da ständig diese Biester zum Fenster hereingeschaut hatten.

Sie wartete ein paar Minuten, bis sich der schlimmste Schmerz gelegt hatte und begann zu nähen. Eine Scherbe aus dem eingetretenen Fenster diente ihr als Spiegel und ohne einen Laut von sich zu geben verschloss sie den Riss mit insgesamt acht Stichen. Nicht ihre beste Arbeit, aber sie war zufrieden. Judith drückte so viel Wundsalbe wie nötig auf die Fingerkuppen ihres Zeige- und ihres Mittelfingers. Dann zerrieb sie sie vorsichtig auf der Naht und lehnte sich erschöpft gegen die Wand. Jetzt musste sie sich nur noch schonen. Und was dann? Lohnte sich die Anstrengung überhaupt?