Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 9

Irgendwann im Laufe der Nacht ließ die Wirkung des Trankes nach. Eben noch hatte Hermine die Unruhe ihrer schlafenden Bettnachbarin Lavender gespürt, im nächsten Moment waren die Gefühle fort – und übrig blieb eine Leere, die Hermine erschrak. Sie passte zu der Leere in ihrem Kopf.

Ich kann nicht mehr denken. Der Trank hat mir das Gehirn entfernt.

In dieser langen, schlaflosen Nacht versuchte Hermine krampfhaft, ihre Gedanken zu ordnen und sich die Ereignisse der letzten Tage durch den Kopf gehen zu lassen. Aber es ging nicht. Ihre Gedanken sprangen im Kopf herum wie Gummibälle, und sie fühlte sich richtig krank deswegen; sie kannte so einen Zustand nicht. Vorbei war es mit der gewohnten Ordnung in ihrem Kopf, mit den ruhigen, durchdachten Erwägungen.

Es waren seine Gefühle, er empfindet etwas für mich –

... das muss ein Irrtum sein, er will mich nur durcheinander bringen –

... warum konnte ich die Gefühle überhaupt wahrnehmen –

... es tut ihm Leid, er wollte nicht, dass ich ... ach, lächerlich, völlig absurd –

... von wegen, er hat nur einzelne Passagen gelesen ... er hat das ganze Tagebuch gelesen –

... vielleicht war ja noch jemand anderes in dem Gang, jemanden, den wir nicht gesehen haben, es kann nicht Snape gewesen sein, kann nicht, kann nicht, kann nicht –

... er kennt dieses Gefühl, ungeliebt und ausgestoßen zu sein, er ist selber einsam –

... ich hasse ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn ...

Immer wieder musste Hermine an die guten, liebevollen Empfindungen denken, die sie wahrgenommen hatte. Sie wollte mehr davon, mehr ... Es gab Momente, in denen sie sich in ihre Decke kuschelte, und ihre Wut war verschwunden, sie fühlte sich ... geborgen, gewärmt durch diese Gefühle, die ausgerechnet von Snape zu kommen schienen. Von Snape! Es waren die besten Gefühle des ganzen Tages gewesen, und sie kamen von dem Mann, auf den sie so wütend war, dass ihr die Zähne knirschten!

Und dieses Chaos ihrer Gefühle fachte ihre Wut erneut an. Wie konnte er es nur wagen, sie so durcheinander zu bringen? Ausgerechnet er, der selber immer so kontrolliert, beherrscht war ... Naja, fast immer ... Diese Situation vor Snapes Büro war eine Ausnahme gewesen, da war etwas geschehen, mit dem er nicht gerechnet hatte. Er war nicht vorbereitet gewesen, sie zu sehen. Der einzige Moment, in dem ihm die Kontrolle entglitten war ... oh, sie würde dafür sorgen, dass er die Kontrolle komplett verlor. Sie würde ihm das heimzahlen, das schwor sie sich. Sie würde ihm keinen kindischen Streich spielen, oh nein ... sie würde ihn leiden lassen. Er würde sich so schlecht fühlen wie sie sich heute. Leider war sie zu durcheinander, um sich einen vernünftigen Plan auszudenken.

Kurz vor Sonnenaufgang fühlte Hermine sich wie erschlagen – so, als hätte sie tagelang nicht geschlafen. Sie war so weit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie sich die Gefühle von Snape nur eingebildet hatte. Bei diesem ganzen Gefühlschaos musste man ja durcheinander geraten.

Klarheit, ich brauche einen klaren Kopf.

Schließlich entschied sie sich für ein recht brutales Heilmittel: Sie schleppte sich zum Badezimmer, ließ eiskaltes Wasser aus dem Wasserhahn herausschießen und hielt den Kopf voll hinein.

AAHHH!

Hermine unterdrückte ein Kreischen; das Wasser war so kalt, dass ihre Kopfhaut schmerzte. Später saß sie mit halbtrockenen Haaren auf ihrem Bett, starrte stumpfsinnig vor sich hin und musste feststellen, dass das kalte Wasser die Gedanken an Snape nicht hatte wegspülen können. Aber ihr Kopf fühlte sich ein wenig frischer als zuvor, und so atmete sie tief durch und beschloss, dem neuen Tag die Stirn zu bieten.

Während sie auf dem Weg in die Große Halle war, empfand sie wieder das Gefühl der Leere. Und es verstärkte sich. So schrecklich der Tag gestern gewesen war – es fühlte sich seltsam an, all diese Gefühle jetzt nicht mehr spüren zu können. Es war, als sei ihr etwas weggenommen worden, sie fühlte sich selbst irgendwie kalt, gefühlsarm. Am Frühstückstisch saß sie neben Harry und Ron, ohne zu reden, sie ignorierte ihre hilflosen Fragen und besorgten Blicke und sah immer wieder zum Lehrertisch herüber.

Snape war nicht da.

Das war unüblich. Hermine redete sich ein, dass es ihr egal sei; sie war vollauf damit beschäftigt, so etwas wie Normalität wiederherzustellen. Normalität. Es war, als sei sie in weite Ferne gerückt ... Wie betäubt brachte sie ihr Frühstück hinter sich, um anschließend mit einem üblen Gefühl durch die Gänge zu laufen, im Unterricht zu sitzen und die Pausen zu verbringen. Um sie herum waren all die Menschen, von denen Hermine jetzt wusste, dass sie sie nicht leiden konnten oder ihnen gleichgültig war. Sie dachte daran, die Zeit zurückzudrehen ... Sie hätte vieles gegeben, um den gestrigen Tag ungeschehen zu machen, aber es war geschehen, und sie konnte ihr Wissen nicht ignorieren.

Warum trifft mich das so schwer?

Es hätte ihr egal sein sollen. Aber es war ihr keineswegs egal; sie spürte, dass etwas in ihr zerbrach. Ihre innere Ruhe zerbröckelte wie uraltes Gemäuer. Sie wollte, dass die Menschen sie mochten, achteten, schätzten. Liebe erwartete sie ja gar nicht, aber ... doch ein wenig Zuneigung. Sie wünschte sich einfach, dass ihre Umwelt sie schätzte – nicht als helfende Hand im Unterricht oder davor oder danach, sondern einfach als das Mädchen, das sie war. Nicht mehr und nicht weniger. Harry und Ron mochten sie aufrichtig, das hatte sie feststellen dürfen, aber war das genug? Reichte das, um sich wohl in der Welt zu fühlen – ganze zwei Menschen, die einen mögen?

Zufällig weiß ich, dass Sie an einer realistischen Einschätzung der Wirklichkeit interessiert sind ...'

Snapes Stimme hallte durch ihre Erinnerung. Realistische Einschätzung, dachte Hermine bitter, auf so eine Realität würde ich gern verzichten. Und im nächsten Moment fiel sie ihr wieder ein, diese Passage aus ihrem Tagebuch ...

- ... realistisch sein. Ich will wissen, wie die Welt wirklich ist, in der ich lebe. Ich möchte nicht herumträumen und mir nichts vormachen, ich möchte etwas über mein Leben erfahren. Wahrheiten tun manchmal weh. Aber ich ziehe eine schmerzhafte Wahrheit der Illusion vor, wie schön sie auch sein mag. ... –

Er nimmt mich nur beim Wort, schoss es ihr durch den Kopf. Er nimmt mich ernst, das ist alles!

Es war nur ein flüchtiger Gedanke, der gleich wieder verschwunden waren. Zugleich nahm Hermine eine seltsame, unklare Empfindung wahr. Irritation vielleicht, so etwas wie Angst ... aber da war auch noch etwas anderes, ein Gefühl, dem sie nicht weiter auf dem Grund gehen wollte. Es hatte ja doch nur wieder mit Snape zu tun – und sie wünschte nichts mehr, als keinen Gedanken mehr an ihn zu verschwenden.

Der Tag zog sich unendlich in die Läge, so etwas hatte Hermine noch nie erlebt. Am Nachmittag ging sie mit den anderen zu Hagrid, er unterrichtete immer noch Pflege magischer Geschöpfe. Während der Unterrichtsstunde konnte Hermine sich nicht konzentrieren, sie sah immerfort Hagrid an und konnte diesen einen Gedanken nicht verdrängen.

Mag er mich? Oder tut er nur so?

Mit einem Schlag wurde ihr klar, wie vielen Personen sie tags zuvor gar nicht über den Weg gelaufen war. Hagrid war ja nicht der Einzige. Auch den Direktor zum Beispiel hatte sie nicht gesehen, Madam Pomfrey ebenfalls nicht ... oder Dean Thomas ... oder Ginny. Sie war nur eine von vielen, die gestern beim Abendessen gefehlt hatten.

Wieso hatte sie nur gar nicht daran gedacht!

Während des Mittagessens beobachtete sie Ginny verstohlen und versuchte, aus ihren Reaktionen schlau zu werden. Ginny lächelte Hermine an, sie war nett und aufmerksam, sie redete mit ihr über persönliche Dinge. Sie war eine Freundin, oder? Wie Hagrid. Verdammt, sie hatte doch Freunde!

Aber nach dem gestrigen Tag war Hermine sich da nicht mehr sicher. Sie wusste einfach nicht, was all diese Menschen für sie empfanden ... sie hatte es zwar auch schon vorher nicht wirklich gewusst, aber jetzt machte die Unklarheit sie wahnsinnig. Oh ... sie dankte allen verfügbaren Göttern dafür, dass Harry und Ron an diesem Tag da gewesen waren und sie ihre Freundschaft empfunden hatte. Sie hätte bis an ihr Lebensende daran gezweifelt, ob ihre beiden Freunde wirklich ihre Freunde waren.

Oder nein – sie hätte den Trank erneut genommen, um es herauszufinden.

Der Trank. Sie dachte den ganzen Tag daran und wusste nicht mehr, wofür sie Snape verfluchen sollte – dafür, dass er sie diesen Trank hatte trinken lassen oder dafür, dass er ihn ihr heute vorenthielt. So oder so, er war ein Bastard, und sie würde es ihm heimzahlen.

Aber wenn sie die Augen schloss und tief durchatmete, war da keine Wut. Da waren – immer und immer wieder – diese Gefühle von Snape. Da war etwas, das sie noch herausfinden musste, sie brauchte Antworten. Allerdings war sie sicher, dass Snape sie ihr nicht freiwillig geben würde.

Was für eine Idee war das überhaupt - zum Zaubertrankprofessor zu gehen und ihn nach seinen Gefühlen zu fragen?

Entschuldigen Sie, Professor, ich habe da gestern so etwas wie Zuneigung von Ihnen wahrgenommen, können Sie das bestätigen?

Einfach lächerlich.

Nein, sie würde nichts von ihm erfahren. Hermine kannte niemandem, dem es dermaßen wichtig schien, seine Gefühle nicht preiszugeben. Sie erinnerte sich nur an eine einzige Situation, in der er vollkommen die Kontrolle verloren hatte, und das war die Konfrontation mit Sirius Black und Professor Lupin in der Heulenden Hütte gewesen. Es schien da einige Dämonen der Vergangenheit zu geben, die ihn plagten und für ihn gefährlich waren ... aber sonst hatte sie ihn niemals wirklich wütend gesehen, schon gar nicht traurig oder fröhlich ... gar nichts dergleichen.

Sie saß im Gemeinschaftsraum in einem der Sessel und schaute ins Nirgendwo, während sie über Snape nachdachte. Und plötzlich, ganz plötzlich, war die Idee da. Und sie wusste, was sie zu tun hatte.

Rache, Rache, RACHE!

Wie von der Tarantel gestochen sprang Hermine von ihrem Sessel auf; Harry und Ron sahen kurz von ihrer Schachpartie auf und riefen ihr Fragen hinterher, als sie durch den Raum Richtung Ausgang stürzte.

„Muss in die Bibliothek!", rief sie, ohne langsamer zu werden. Sie rannte den ganzen Weg bis dorthin, suchte das Buch heraus, das sie brauchte, und schrieb eine Zutatenliste ab. Vorsichtshalber las sie noch einmal alles durch. Sie musste lächeln, es war so einfach. Der Trank würde schon morgen fertig sein.

Sie besorgte sich die Zutaten, verwandelte ihre Kaffeetasse in einen kleinen Kessel und begann mit ihrer Arbeit.

Snape tauchte auch zum Abendessen nicht auf. Hermine kam spät, sie hatte so lange am Trank gearbeitet wie möglich. Sie registrierte den leeren Platz am Lehrertisch mit einem bitteren Gefühl des Triumphes, weil allzu deutlich war, dass da etwas nicht stimmte. Snapes heutiger Unterricht war ausgefallen, Professor Lupin und Professor Dumbledore hatten für ihn einspringen müssen; der Direktor hatte lediglich verlauten lassen, dass der Zaubertranklehrer kurzfristig auf Reisen sei.

Auf Reisen, ha.

Harry und Ron tuschelten neben ihr herum, und Hermine wusste ebenso wie sie, dass es nur um Voldemort gehen konnte.

Niemand sonst von den Schülern wusste, dass Snape ein Spion für Professor Dumbledore war. Was genau er für den Orden des Phönix tat, wussten auch Hermine, Harry und Ron nicht, aber es schien klar zu sein, dass Snape seine alten Todesser-Kontakte nutzte und immer noch in irgendeiner Beziehung zu Voldemort stand. Wann immer Hermine über Snapes Arbeit für den Orden des Phönix nachgedacht hatte, war ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen, und das geschah auch jetzt. Aber diesmal fühlte es sich anders an. Es war eine grauenhafte Mischung aus Angst und Genugtuung.

Im Laufe des nächsten Tages wurde die Angst mehr und die Genugtuung schwand auf ein Minimum. Hermine beschäftigte sich weiter mit dem Trank, sie begann schon die Lust daran zu verlieren, die erste Begeisterung war verschwunden, aber sie hatte es sich vorgenommen und würde es zuende bringen.

Bei den Mahlzeiten sah sie immer wieder auf Snapes leeren Platz und spürte, wie ihre Unruhe wuchs.

„Ihm könnte etwas zugestoßen sein", sagte Harry am Mittwoch während des Abendessens. „Etwas Ernstes, meine ich."

„Könnte sein", erwiderte Ron ungerührt und schaufelte sich ein weiteres Mal den Teller voll. „Aber mal ehrlich, was geht uns das an? Snape ist nicht gerade der liebe Onkel, dessen nächsten Besuch man nicht erwarten kann, oder? Ich mach lieber das Beste draus."

Ron redete noch weiter, aber Hermine hörte nicht mehr zu.

Mach das Beste draus.

Warum hatte sie eigentlich noch nicht daran gedacht? Warum dachte sie zur Zeit eigentlich überhaupt nicht nach? Snape war nicht da. Und wohin er auch immer gegangen war, er hatte ihr Tagebuch bestimmt nicht mitgenommen.

Heute Nacht, beschloss sie, würde sie sich ihr Tagebuch zurück holen.

t.b.c.