Teil: 9/11

Kapitel 8 - Vorboten

Atemu saß mit geschlossenen Augen im Schatten einer halbgroßen Palme in seinem Palastgarten und hatte sich gemütlich gegen den Stamm gelehnt. Er hatte sich eine kleine Auszeit von seinen Aufgaben als Pharao genommen und war mit Yuugi hinunter in den Garten gegangen. Und weil dieser ebenso wie die Frauengemächer verbotenes Territorium für alle ohne Sondererlaubnis war, erlaubte sich Atemu hier, ein wenig zu entspannen.

Überhaupt hatte er festgestellt, dass die Anspannung des Tages viel leichter von ihm abfiel, wenn Yuugi in der Nähe war. Der Junge hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn mit seiner unkomplizierten und zutraulichen Art. Plötzlich schien das Leben etwas zu sein, dass man auch ab und zu genießen konnte.

Und im Gegensatz zu allen anderen hatte der Junge auch keine Angst vor ihm. Respekt ja, aber er fürchtete sich nicht vor ihm. Yuugi blieb freiwllig bei ihm und sagte gerade heraus, was er dachte. Keine Lügen, keine Halbwahrheiten. Und gerade deshalb machte sich der junge Pharao so viele Gedanken, über das, was der Kleinere sagte. Weil er sich sicher sein konnte, dass diese Worte aus seinem Herzen kamen.

Yuugi hielt ihn also für verrückt. Das hatte er vor nicht allzu langer Zeit selbst gesagt und Atemu hatte den Spitznamen, den ihm sein Volk (undankbare Bastarde!) gegeben hatte, nicht vergessen: Des Wahnsinns liebster Sohn. Stimmte es? War er tatsächlich nicht mehr ganz bei Verstand?

Er hatte bisher angenommen, dass er sich an seiner Kindheit und seiner frühen Jugend gar nicht so sehr von Gleichaltrigen unterschieden hatte, aber jetzt, wo er darüber nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass das nicht stimmte. Er war immer anders als sie gewesen. Er war gebildeter und an Luxus gewöhnt. Mit den üblichen Flausen Heranwachsender konnte er nichts anfangen, denn für ihn war seine Kindheit spätestens mit dem Tod seiner Mutter vorbei gewesen.

Manchmal hatte sich das Kind in ihm noch seinen Weg gebahnt, doch mit zehn Jahren war auch das vorbei gewesen. Statt ein fröhliches Kind zu sein, das mit seinen Freunden spielte, war er ein ernster, junger Mann gewesen, der in einem Kindeskörper steckte. Er hatte nie menschliche Wärme erfahren und Familie war ein abstrakter Begriff für ihn, mit dem er nicht viel anfangen konnte und den er schließlich mit Geringschätzung behandelte. Und weil er nicht wusste, wie es sich anfühlte, geliebt und umsorgt zu werden, vermisste er es auch nicht. Nicht bewusst, jedenfalls.

Und dann entschied sein Vater, dass es Zeit wurde, seinen zehnjährigen Sohn in die Kunst der Schattenspiele einzuführen. Seine Priester hatten protestiert, dass das viel zu früh und grausam einem Kind gegenüber wäre, doch sie waren zum Schweigen gebracht worden. Und Atemu hatte sein erstes Duell um seine Seele führen müssen.

Unnötig zu erwähnen, dass er kläglich gescheitert war. Er war zu schwach, um starke Monster zu beschwören und er hatte keinerlei Erfahrung. Seine schwachen Kreaturen waren eine nach der anderen vernichtet worden und jedes Mal durchzuckte ein scharfer, lang anhaltender Schmerz den kindlichen Körper des Prinzen von Ägypten, der ihm die Luft zum Atmen nahm und ihn taumeln ließ. Schließlich war er so weit, das er seinen Vater erschöpft und gepeinigt anflehte, er möge das Duell abbrechen und ihn in sein Quartier zurück schicken.

Es war das erste und einzige Mal, dass er jemanden anflehte und sein Gesuch wurde ihm mit einem kalten Lächeln verwehrt. Und schließlich, nachdem er sich endlose Minuten gemüht hatte, versagte ihm sein Körper den Dienst. Sein letztes Monster wurde vernichtet und er brach kraftlos und unter Krämpfen zuckend zusammen. Er spürte kaum, dass sie ihn eilig davon trugen, aber er hörte den Schrei des Sklaven, dessen Seele die Schatten an seiner statt verschlangen.

Und kaum hatte er sich erholt, musste er sich wieder duellieren. Manchmal gab es eine Pause von ein paar Tagen, in denen seine Lehrer ihn wieder unterrichteten und in denen er neue Kräfte sammeln konnte, doch sie genügte nicht, damit der Prinz sich auch von den seelischen Strapazen, die ein solches Duell mit sich brachte, erholen konnte.

Und einen dieser Kämpfe auf magischer Ebene hätte er beinahe nicht überlebt. Beseelt von dem ehrgeizigen Wunsch, endlich zu siegen und nicht länger der Verlierer zu sein, hatte er alles gegeben, das er zu geben vermochte. Er hatte ein Monster beschworen, das so mächtig war, das seine Bändigung die Kräfte des Prinzen überstieg.

Und statt den Gegner zu eliminieren, hatte es sich gegen seinen Herrn gewandt und der Sklave, den man opferte, wäre beinahe zu spät gekommen. Die Schatten hatten Atemu bereits berührt und an die folgende Zeit hatte er keine Erinnerung mehr. Er war wochenlang bewusstlos gewesen und hatte darum gekämpft, dass seine Seele nicht ins Schattenreich gezogen wurde. Und als er endlich wieder erwachte- beinahe zum Erstaunen aller- hatte er diese merkwürdige Tätowierung an der Hüfte getragen. Er wusste nicht, woher sie kam und es konnte sich auch niemand daran erinnern, seit wann er dieses Mal trug.

Aber anstatt seinem Sohn nun erst einmal eine ausgedehnte Ruhephase zu gönnen, bestand der Pharao darauf, dass sich Atemu wenige Wochen später schon wieder duellierte, obwohl sich dieser heftig dagegen sträubte. Er wollte nie wieder etwas mit Schatten zu tun haben, doch die Peitschenhiebe seines Vaters belehrten ihn, dass er sich dem Wunsch des Pharaos zu beugen hatte.

Und er lernte nach und nach mit dem Schmerz umzugehen, wenn seine Monster vernichtet wurden. Es tat immer noch weh, aber er ignorierte es. Ohne es zu merken, stumpfte er immer mehr ab. Wenn er zum Duell geführt wurde, verloren seine Augen ihren Glanz, denn was noch von seiner Seele übrig war, zog sich hinter schützende Mauern zurück. So etwas wie ein Gewissen gab es bald nicht mehr. Und als er seinen ersten Triumph errang, fühlte er kein Mitleid für den Priester, der nun ein Opfer der Schatten wurde. Aber er war auch nicht zufrieden, dass er es endlich geschafft hatte, über seinen Gegner zu triumphieren. Es war ihm schlichtweg egal. Gefühle hatten in einem Schattenduell nichts zu suchen; so viel hatte er früh begriffen.

Und dann kam der schicksalhafte Tag, an dem er es schaffte, das Millenniumspuzzle zusammen zu setzen. Von da an stiegen seine Kräfte unkontrolliert und rasant an. Er gewann alle seine Duelle, obwohl er nicht einmal bis an seine Grenzen ging. Und eben deshalb, weil er nicht alles offenbarte, unterlief seinem Vater ein tödlicher Fehler. Er unterschätzte seinen Sohn.

Zufrieden mit der sprunghaften Entwicklung des Prinzen stellte er sich selbst als Gegner- natürlich nur, um seinem Sohn zu zeigen, wie viel dieser noch zu lernen hatte, wie unvollkommen er noch war, und um an dessen Millenniumspuzzle zu gelangen. Dem Pharao war klar, wie viel Macht diesem Gegenstand inne wohnte, doch er ging davon aus, dass Atemu diese nicht zu nutzen wusste.

Dieser Irrtum wurde ihm letzendlich zum Verhängnis. Natürlich war es ein hartes Duell, der alte Pharao hatte schließlich sehr viel mehr Erfahrung, doch Atemu siegte. Er nutze die Macht des Puzzles und der tief verwurzelte Hass, den er seinem Peiniger gegenüber hegte, verlieh ihm zusätzliche Kräfte. Zum Schluss ging alles so schnell, dass niemandem Zeit blieb, zu reagieren. Das Millenniumspuzzle erstrahlte hell, erleuchtete den gesamten Raum und als das grelle Licht erlosch und alle wieder blinzelnd die Augen öffneten, war der Pharao verschwunden.

Nur Atemu stand noch da. Stolz, aufrecht und unnahbar. Sein Gesicht eine kalte Maske der Gleichgültigkeit. Kein Bedauern, kein schlechtes Gewissen, kein Triumph.. Mit zwölf Jahren übernahm er den Thron seines nun spurlos verschwundenen Vaters (man wagte aus Furcht vor dem neuen Regenten nicht einmal darüber zu munkeln, was wohl dem alten Pharao widerfahren war) und ab sofort wurde Ägypten mit eiserner Hand regiert.

Etwas wie Mitgefühl war dem neuen Pharao fremd, obwohl er eigentlich noch ein halbes Kind war. Seine Gefühle waren mit seinem Vater in die Schatten gegangen.

Atemu seufzte und öffnete die Augen, um sich nach Yuugi umzusehen. Sein Kätzchen streifte im Garten umher, um ihn einmal bei Tageslicht zu erkunden und zu bewundern. Wahrscheinlich hatte er Junge recht und er war wahnsinnig. Sein gesunder Menschenverstand hatte sich irgendwo zwischen all diesen Schattenspielen verabschiedet. Die Sklaven und sein Vater waren nicht die einzigen Opfer der ewig hungrigen Schatten gewesen.

„Worüber grübelt Ihr nach, mein Pharao?" Yuugis weiche Stimme riss Atemu aus seinen Gedanken und er blickte zu dem Jungen auf, der in diesem Moment zwischen den großen Blättern zweier Pflanzen hervor trat. Wie lange hatte er dort wohl schon gestanden?

„Komm zu mir, Kätzchen." Er winkte Yuugi zu sich heran und dieser ließ sich rittlings auf seinem Schoß nieder, um ihn vertrauensvoll aus seinen dunklen, violetten Augen anzublicken. Überrascht wanderten Atemus Hände ganz instinktiv auf die Oberschenkel des Jungen. Sie hatten zwar ihr allabendliches Massage-Ritual wieder aufgenommen und Atemu genoss es mehr denn je, doch ansonsten wahrten sie wie bisher einen respektvollen Abstand zueinander. Sie waren sich seit jener Nacht nie wieder so nahe gekommen und deshalb war Atemu über die plötzliche Intimität ihrer Pose ziemlich irritiert- allerdings auf eine sehr positive Weise. Anscheinend war es für Yuugi nicht nur eine einmalige Sache gewesen. Er empfand es offensichtlich nicht als Ausrutscher oder Fehler, worüber der junge Pharao seltsam erleichtert war.

Es schien ganz so, als wären doch nicht alle seine Gefühle im Reich der Schatten verschwunden. Einige waren geblieben, tief verschüttet, aber immer noch lebendig. Und dieser Junge schien sie alle nach und nach ans Tageslicht zu holen. Atemu wusste, dass Gefühle ein Zeichen von Schwäche waren, doch bei Yuugi konnte er sich nicht dagegen wehren. Der Junge war viel zu faszinierend.

Eine Hand wanderte zu dem Gesicht des Kleineren und strich behutsam über dessen Wange. „Warum bleibst du bei mir?" Er hatte diese Frage nicht laut stellen wollen. Aber diese Worte waren ihm plötzlich durch den Kopf geschossen und sein Mund hatte eigenständig gehandelt.

Yuugi schloss die Augen und lehnte sich in die Berührung. Und als er antwortete, war seine Stimme voller Aufrichtigkeit und liebevoller Wärme: „Ich kann Euch nicht verlassen, ohne dass es mir das Herz brechen würde."

Und etwas lösten diese Worte in Atemu aus. Etwas regte sich in ihm, das lange geschlafen hatte, doch er konnte nicht genau identifizieren, was es war. Und er hatte in diesem Moment auch besseres zu tun, als diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Er zog Yuugi enger an sich und küsste ihn leidenschaftlich.

Und als er begann, den kleineren Körper zu streicheln, ergab sich Yuugi beinahe willenlos seiner Zärtlichkeit und ließ sich widerstandslos erneut in den Himmel führen.

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Unruhig rutschte Yuugi auf dem großen Bett des Pharaos hin und her. Er war so aufgeregt! Atemu feierte heute seinen achtzehnten Geburtstag und er würde dieses Fest an der Seite des jungen Herrschers miterleben. Wenn etwas neben der Grausamkeit und Gefühlskälte ihres Regenten unter den Menschen in Ägypten legandär war, dann seine rauschenden Feste, die er allerdings nur selten gab und noch seltener für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Yuugi hatte sich immer gewünscht, mal eines mitzuerleben.

Bis zur Hauptstadt würden sie etwas reiten müssen- Atemu hatte von einer Stunde gesprochen- und Yuugi war bereits den ganzen Morgen aufgeregt im Zimmer auf und abgelaufen. Solange, bis Atemu ihm entnervt und irritiert befohlen hatte, sich hin zu setzen. Der Junge freute sich auf die Feier, aber er wusste nicht genau, ob er auch heil dort ankommen würde. Schließlich hatte er noch nie auf einem Pferderücken gesessen. Die edlen Vierbeiner waren Prestige-Objekte der Mächtigen und er als Sohn eines einfachen Handwerkes hatte deshalb keinerlei Erfahrung im Umgang mit diesen Tieren.

„Und? Bist du bereit?" Atemu, der das Gemach noch einmal kurz verlassen hatte, um ein paar letzte Dinge vor seiner Abreise zu regeln, lehnte im Türrahmen und musterte Yuugi schmunzelnd. Der Junge hatte seinen Befehl tatsächlich auch dann noch befolgt, als er allein gewesen war.

„Natürlich, mein Pharao", strahlte Yuugi und sprang auf, im Begriff, an Atemu vorbei nach draußen zu stürmen. Doch eine Handbewegung des jungen Herrschers Ägyptens hielt ihn zurück.

„Einen Moment noch Kätzchen."

Verwundert blickte Yuugi ihn an. „Was denn? Stimmt etwas nicht? Habe ich etwas falsch gemacht?"

Mit einen kleinen Lächeln trat Atemu näher und umfasste Yuugis Kinn liebevoll mit Daumen und Zeigefinger. „Wir kennen uns jetzt so schon so lange... wir wohnen seit beinahe einem dreiviertel Jahr zusammen in einem Gemach... warum gewöhnst du dir die Anrede „mein Pharao" nicht langsam ab, Kätzchen?"

„Aber...", begann Yuugi unsicher. „Es ist doch nur höflich und respektvoll Euch so zu nennen."

„Deinen Respekt hast du schon sehr viel öfter auf andere Weise ausgedrückt. Bei dir bin ich bereit, eine Ausnahme in der Etikette zu machen."

„Aber wa-"

Sanft legte ihm Atemu einen Finger auf die weichen Lippen. „Shhh. Frage nicht, warum. Nimm es einfach als gegeben hin."

Mit klopfendem Herzen schaute Yuugi zu ihm auf. „Und wie... und wie soll ich Euch dann nennen?"

Nun zögerte Atemu kurz, bevor er antwortete: „Ich denke Yami dürfte genügen."

Yuugi klappte schlichtweg der Unterkiefer auf den Boden und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen auf das Doppelte ihrer normalen Größe. „Y-Yami?", stotterte er ungläubig. „A-aber das ist der Name, bei dem euch nur Eure Eltern nennen dürfen. Ich bin nicht dazu priviligiert."

Er spürte, wie sich Atemu an ihn presste und er zurückgedrängt wurde, bis er sich schließlich liegend auf dem großen Bett des Pharaos wieder fand, Atemu über sich. „Oh doch, das bist du Yuugi. Mein Wort ist Gesetz und ich sage, dass du priviligierter bist, als es mein Vater je war. Du bist tausend Mal mehr wert als er."

Yuugi schluckte, um die Tränen der Freude zurück zu halten, die sich in seinen Augen sammelten. Ihm war sehr wohl bewusst, welche Ehre ihm der Größere mit diesem Angebot zu kommen ließ... und es verriet ihm, dass seine Liebe nicht einseitig war. Auch wenn der Pharao es nicht sagte- möglicherweise existierte das Wort Liebe in seinem Wortschatz nicht einmal- so drückte diese Geste so viel Gefühl aus, dass Yuugi warm ums Herz wurde. „Sagt doch so etwas nicht...", flüsterte er und ließ seine Hände liebevoll durch Atemus Haare gleiten.

„Ich sage, was ich will. Ich bin der Gottkönig Ägyptens." Damit drückte er seine Lippen auf Yuugis, um den Kleineren leidenschaftlich zu küssen. Willig ging Yuugi auf das Spiel von Atemus Zunge ein und Glück pulsierte durch seinen gesamten Körper. Das konnte alles nur ein Traum sein. Es war zu schön, um wahr zu sein. Er hatte manchmal von so einem Moment geträumt, doch er hatte nie zu hoffen gewagt, dass es wirklich geschehen könnte.

Keuchend bog er sich Atemus streichelnden Händen entgegen, mit Gefühlen überladen und deswegen hochsensibel, und blinzelte desorientiert und verwirrt, als der warme Körper über ihm verschwand. Atemu hatte sich aufgerichtet und musterte ihn nun mit einem undeutbaren Ausdruck in den Augen. „Lass uns gehen, Kätzchen. Wir wollen doch nicht zu spät kommen, oder?"

Für einen Moment war es Yuugi egal. Das Fest war vergessen und er wollte einfach nur hier bleiben, zusammen mit Atemu. Er war bereit, alles mit sich machen zu lassen und sich dem Älteren vollständig hinzugeben, doch dann siegte die Vernunft. Die Leute warteten auf ihren Herrscher. Es war alles bereit und arrangiert und es waren viele Gelder in die Festvorbereitungen geflossen, die nicht verschwendet werden durften.

Mit einem lautlosen Seufzen stand auch Yuugi wieder auf und nahm den Reiseumhang entgegen, den der Größer ihm reichte. Er legte ihn sich um die Schultern und ließ die Kapuze tief ins Gesicht fallen, ehe er Atemu nach draußen folgte.

Es würde das erste Mal seit vielen Monaten sein, dass er sich außerhalb des Palastes bewegte und er fragte sich, was ihn wohl erwartete. Als er ins helle Sonnenlicht trat, schloss er einen Moment geblendet die Augen, denn auch wenn es im Inneren des Palastes keineswegs dunkel war, so war das Licht dennoch gedämpft. Noch war es relativ kühl, denn die Sonne stand noch nicht lange am Himmel und die Prozession wollte die Hauptstadt erreicht haben, lange bevor das feurige Rad am tiefblauen, wolkenlosen Himmel seinen Höchststand erreicht hatte. Dafür war Yuugi extra früh von Atemu gweckt worden, doch der Junge fühlte sch keinswegs müde.

Und dann fiel Yuugis Blick auf ihre vierbeinigen Begleiter. Die Pferde des Pharaos waren auf Hochglanz gestriegelt worden und ihr Fell schimmerte nun seidig im Licht der Sonne. Und auch sie schienen zu spüren, dass der heutige Tag ein besonderer war. Unruhig traten sie von einem Bein auf das andere und scharten mit den Hufen über den festen, sandigen Boden des Innenhofes.

Wie selbstverständlich griff Atemu nach den Zügeln eines schneeweißen Hengstes, der für einige Momente in seinem unruhigen Tänzeln inne hielt und seinen Herrn zur Begrüßung mit dem samtigen Maul anstupste. Atemu legte ihm behutsam eine Hand auf die Nase und streichelte ihn langsam zwischen den Nüstern, während er mit einer Kopfbewegung auf eine Braune deutete. „Das ist dein Pferd, Kätzchen. Hab keine Angst, sie ist lammfromm. Sie hat noch nie einen Reiter abgeworfen."

Yuugi fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippe als er auf das kastanienbraune Tier zutrat. Sie musterte ihn aus ihren dunkelbraunen Augen mit einem neugierigen Blick und schlug mit dem Kopf, als er zögernd nach den Zügeln griff. Um ein Haar hätte Yuugi sie erschrocken wieder fahren gelassen, doch als er einen halben Schritt zurücktrat, klammerte sich seine Hand ganz ungewollt daran.

Erst als die Stute wieder still stand und sich gleichmütig mit dem Schweif schlagend die Insekten vom Leib hielt, traute sich Yuugi wieder näher. Unsicher legte er eine Hand auf ihren Hals und strich bewundernd daran herab. Die Pferde des Pharaos waren wirklich ausgezeichnet gepflegt. Ihr Fell fühlte sich an, wie die seidenen Bettwäsche, in der Yuugi mit Atemu schlief, und glänzte genauso.

Doch als er einen Blick auf ihren Rücken warf, bekam er arge Zweifel. Es lag zwar eine Decke darauf, die mit einem Gurt um ihren Bauch festgemacht war, aber ansonsten gab es keinen weiteren Halt für den Reiter. Und wie sollte er überhaupt hinauf kommen? Da er nun sehr klein war, war der Rücken der Stute auf Augenhöhe und da es augenscheinlich keine Aufstiegshilfen gab (1), bezweifelte der Junge, dass er jemals auf dieses Pferd kommen würde.

Außerdem befürchtete er, dass er mit diesem großen Tier überhaupt nicht zurecht kommen würde. Wie zum Beipiel wurde es denn gelenkt? Doch nicht etwa mit diesen beiden Leinen, die er gerade in den Händen hielt! Das konnte doch unmöglich genügen, um so ein starkes Tier im Zaum zu halten!

„Gibt es ein Problem, Kätzchen?", fragte Atemu stirnrunzelnd, der Yuugis zögerliche Annährung an die Stute beobachtet hatte. „Sie frisst dich sicher nicht."

Yuugi blickte sich zu ihm um und irgendwie wirkte sein Blick hilfesuchend, fand der junge Pharao. Dann nährte sich der kleinere Junge ihm schüchtern, sein Pferd am Zügel mit sich führend, und sah ihn scheu an.

„Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen. Und ehrlich gesagt, sie machen mir ein bisschen Angst... könnte ich nicht... könnte ich nicht mit Euch reiten?", fragte er, die Augen groß und bittend.

Atemu lachte leise und stimmt dann zu. Er befahl einem Sklaven, Yuugis Stute zurück in den Stall zu bringen und winkte den erleichterten Jungen dann zu sich heran. „Okay, greif einfach in die Mähne... so, siehst du?" Er demonstrierte es kurz. „Und dann schwing' dich auf seinen Rücken."

Misstrauisch musterte Yuugi den Schimmel. Er war noch zwei handbreit größer als die braune Stute und wirkte auch viel kräftiger. Und als der Junge dem Pferd in die Augen sah, hatte er das Gefühl, dass auch der Hengst ihn argwöhnisch musterte. „Ähm... gibt es nicht vielleicht noch eine andere Methode?"

Seufzend winkte Atemu einen weiteren Sklaven heran, der Yuugi per Räuberleiter auf das große Tier half. Das ging so schnell und kraftvoll, dass der zierliche Junge beinahe wieder auf der anderen Seite heruntegepurzelt wäre. Schnell presste er seine Beine an die Seiten des Hengstes und krallte sich in die weiße Mähne. Das Pferd schnaubte und tänzelte zur Seite, doch Atemu hielt die Zügel fest in der Hand und beruhigte seinen Schimmel rasch wieder, bevor er sich hinter Yuugi auf dessen Rücken schwang.

Und als Yuugi je einen von Atemus Armen auf jeder Seite spürte, die ihn umschlossen, damit der Pharao die Zügel halten konnte, fühlte sich der Kleinere gleich viel sicherer. Sicher, so ein Pferd war eine verdammt wackelige Angelegenheit, aber mit den Armen seines Liebsten um sich konnte ihm ja nicht mehr viel passieren. Richtig?

Und die Sicht vom Pferderücken aus hatte schon etwas für sich. Plötzlich konnte Yuugi auf alle herabblicken, obwohl er sonst immer aufschauen musste. Eine sehr interessante Perspektive.

Dann trieb Atemu seinen Hengst an und Yuugi, der nicht darauf gefasst war, dass sich das Pferd plötzlich in Bewegung setzte, klammerte sich wieder ängstlich in die Mähne. „Hab keine Angst", raunte Atemu ihm plötzlich leise ins Ohr. „Ich passe schon auf dich auf."

Dankbar lächelte Yuugi ihn über die Schulter hinweg an und entspannte sich ein wenig.

„Gut so", sagte der Pharao leise. „Und nun versuch nicht gegen das Pferd zu arbeiten. Versuche ein Gefühl für seine Bewegungen zu bekommen und sie mitzumachen. Du musst hier", er legte ein Hand auf Yuugis Hüfte und dem Jüngeren wurde plötzlich ziemlich warm „beweglicher werden. Nicht so steif, mein Kätzchen."

Yuugi versuchte, das angenehme Kribbeln, das von der Stelle ausging, an der Atemu seine Hand hatte, zu ignorieren und stattdessen die Anweisungen des Älteren zu befolgen. Und als es ihm endlich gelungen war, wechselte die Prozession in eine schnellere Gangart und Yuugi hatte dasselbe Problem erneut.

Eine kleine Ewigkeit später (so empfand es zumindest Yuugi...) zügelten sie ihre Tiere wieder, um ihnen eine Verschnaufpause zu gönnen und Yuugi war froh darüber. Es mochte ja Spaß machen, ein Pferd im sanft wiegenden Schritt zu reiten...doch der holprige Trab war einfach grausam und Galopp eindeutig viel zu schnell, dafür, dass es keine Sicherungen gegen das Herunterfallen gab. Jedenfalls fühlte sich der Junge inzwischen ziemlich durchgerüttelt.

Atemu hatte unterdessen ganz andere Probleme. Ihm war die ganze Zeit nicht aus dem Kopf gegangen, was für ein Ausdruck für den Bruchteil einer Sekunde in Yuugis Augen gelegen hatte, als er ihn am Morgen zurück auf das Bett gedrängt hatte. Der junge Pharao war sich sehr wohl bewusst, dass er viel weiter hätte gehen können. Sein Kätzchen war so willig wie nie zuvor gewesen... und doch hatte ihn etwas davon abgehalten. Vielleicht befürchtete er, es zu überstürzen und den Jüngeren zu etwas zu drängen, zu dem er eigentlich noch nicht bereit war.

Vielleicht lag es aber daran, dass er diesen unschuldigen Geschöpf nicht weh tun wollte. Auch wenn er bisher nur mit Frauen geschlafen hatte, so war er doch ausreichend theoretisch unterrichtet, was den Akt zwischen zwei Männern betraf und er wusste, dass es für den Passiven oft nicht völlig schmerzfrei war. Und auch wenn er sonst kein Problem damit hatte, anderen weh zu tun und ihr Leid meist sogar auf beinahe perverse Art genoss, so drehte es ihm den Magen um, wenn er sich das ebenmäßige Gesicht seines kleinen Gesellschafters schmerzverzerrt vorstellte.

Vielleicht war es auch diese Hemmschwelle gewesen, die ihn am Morgen davon abgehalten hatte, ernst zu machen und sich zu nehmen, was Yuugi so offensichtlich bereit war zu geben und- vermutlich unbewusst- anbot. Doch nichtsdestotrotz war es ein erregender Anblick gewesen... und Yuugis Körper hatte sich während des gesamten Rittes gleichmäßig an seinem gerieben...

Er nahm die Zügel in eine Hand und ließ die andere Hand unter Yuugis Reiseumhang gleiten, um seinen Oberkörper zu streicheln. Der Junge keuchte überrascht auf, lehnte sich dann jedoch entspannt gegen ihn, um die Streicheleinheiten zu genießen. Doch schnell wurde Atemus Hand fordernder und Yuugi spürte wie sein Unterkörper darauf reagierte. Verlegen wollte er sich wieder aufsetzen, um etwas Abstand zwischen sie zu bringen und sich wieder zu beruhigen, doch er wurde zurück gegen Atemu gedrückt. Die Hand auf seinem Oberkörper verschwand kurz und kurz darauf glitt seine Kapuze nach einem beharrlichen Zupfen von seinem Kopf. Dann war wie Hand wieder da- dieses Mal auf seinem Oberschenkel.

Yuugi wollte ganz instinktiv die Beine etwas spreizen, doch das stellte sich als sehr schwierig heraus, wenn er nicht im selbem Moment vom Pferd fallen wollte.

„Was hältst du von einem Spiel, Kätzchen?", wisperte Atemu an seinem Ohr.

„Was... was für ein... Spiel?", fragte Yuugi leise zurück, ziemlich ablenkt durch die streichelnde Hand auf seinem Oberschenkel, die seinem Intimbereich immer wieder gefährlich nahe kam.

„Lass uns sehen, ob ich dich zum Höhepunkt bringen kann, ohne dass jemand etwas mitbekommt... wenn ja, hast du gewonnen und darfst dir etwas wünschen."

„Und... und wenn nicht?" Yuugi fiel es inzwischen immer schwerer, zusammenhängend zu denken, denn sein Blut floss längst nicht mehr in Richtung Gehirn.

Atemu zog die Konturen von Yuugis Ohr mit der Zunge nach und saugte dann behutsam an seinem Ohrläppchen. Der Junge erschauderte. „Ich werde das hier abbrechen, sobald jemand etwas merkt. Ich denke, es ist Strafe genug, wenn du unbefriedigt bleibst..." Damit ließ er seine Hand ohne Vorwarnung über Yuugis Schritt reiben und dieser konnte im letzten Moment ein lautes Stöhnen zurückbeißen und drückte sich stattdessen enger gegen Atemu.

Dieser schloss die Augen, um seine Selbstkontrolle aufrecht zu erhalten, denn Yuugi war nicht der Einzige, der inzwischen hochgradig erregt war. Und zu spüren, wie der Jüngere unter seiner Hand hart wurde, hatte nicht unwesentlich dazu beigetragen.

„Z-zu eng", keuchte Yuugi leise und Atemu verstand den Wink. Er schob die Hose des Jungen so weit herunter wie es ging und umfasste dessen Erektion nun ohne irgendwelche stofflichen Barrieren. Yuugi presste die Augen zusammen und biss sich auf die Unterlippe, um keinen Laut entweichen zu lassen und weil er nicht wusste, wohin sonst mit den aufgestauten Gefühlen, begann er sich gleichmäßig, im Rhythmus von Atemus Streicheleinheiten, an dem Körper hinter sich zu reiben.

Atemu lehnte sich gegen Yuugis Körper, stöhnte ihm leise ins Ohr und fühlte den Kleineren erschaudern. Offensichtlich erregte es ihn noch mehr, denn er drückte sich mit mehr Nachdruck gegen den Schritt des Pharaos, dessen Atmung inzwischen schnell und unregelmäßig war. Es tat so gut, sein Kätzchen auf diese Weise zu spüren... so willig... so vertrauensvoll... so nahe...

Er lehnte seinen Kopf gegen Yuugis, der anscheinend alle Mühe hatte, still zu bleiben. Seine Atmung war schnell und hastig, die Hände hatten sich in der Mähne des Pferdes so sehr verkrampft, dass die Knöchel weiß hervor traten. „Ahhh... bei Ra... jahhh...", hauchte er fast unhörbar und nun war es an Atemu zu erschaudern. Unglaublich, wie die Erregung des Kleineren immer wieder auf ihn wirkte...

Seine Lenden kribbelten und er spürte, dass er mit jeder Bewegung von Yuugis Hüften, die sich gegen ihn rieben, seinem eigenen Höhepunkt immer näher kam. Seine Finger umkreisten Yuugis Eichel, verteilten die Flüssigkeit dort und der Junge erbebte unter seinen Fingern. Eine Hand löste sich plötzlich von der Mähne und er biss sich hart darauf, um das laute Stöhnen zu ersticken. Ganz gelang es ihm freilich nicht, aber inzwischen war es Atemu egal, ob es jemand mitbekam- was wahrscheinlich war. Aber niemand würde es wagen, einen Blick zu ihnen zu werfen, denn sie kannten das Gesetz. Und wer wollte schon das Augenlicht verlieren, nur weil er einen flüchtigen Blick auf Yuugi geworfen hatte?

Und sie waren beide so nahe an ihrem Höhepunkt... aufzuhören hätte mehr Willenkraft erfordert, als der junge Pharao im Moment aufbringen wollte.

„M-mein Pharao...", keuchte Yuugi erregt und Atemu umfasste Yuugi wieder ganz, hielt seine Hand aber ganz still und der Jüngere wimmerte leise.

„Wie heiße ich?", raunte Atemu ihm ins Ohr, seine Stimme rau von seiner eigenen Erregung.

„Y-Y-Yami", stotterte Yuugi hastig, längst nicht mehr Herr seiner Sinne und schob sich der Hand in seinem Schritt entgegen.

Zufrieden mit der Antwort und seltsam berührt vom Klang seines Namens aus Yuugis Mund, begann Atemu ihn in schnellen, gleichmäßigen Zügen zu streicheln. Yuugi drückte den Rücken durch, presste sich dabei besonders fest gegen Atemus Erektion und riss die Augen auf. Und der Ältere wusste, dass er Kleinere jeden Moment kommen würde. Begierig wartete auf diesen Augenblick, auf diesen Anblick.

Womit er allerdings nicht gerechnet hätte war, die Hand, die sich plötzlich unter seinen Rock geschlichen hatte und ihn etwas ungeschickt berührte, denn in ihrer Position war das ein recht schwieriges Unterfangen. Das gab ihm den Rest. Er drückte sich eng an Yuugi und mit einem leisen Stöhnen fand er seine Erlösung, im selben Moment, als der Jüngere den Kopf in den Nacken fallen ließ und in seiner Hand kam.

Außer Atem lehnte sich Yuugi vorneüber, für einen Moment zu schwach, um sich wie besessen an das Pferd zu klammern, um nicht herunterzufallen, während Atemu seine Hand sauber leckte und ebenfalls versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

„Ihr seid unmöglich", sagte der Junge leise, richtete seine Kleidung und lächelte. Atemu grinste nur und schmiegte sich an den warmen Körper vor sich.

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Als sie schließlich die Stadt erreichten, in der das Fest stattfinden sollte, herrschte überall schon geschäftiger Trubel. Neugierig musterte Yuugi die Menschen um sich herum. So viele verschiedene Gesichter, so viele verschiedene Trachten. Wie aufregend! Doch das allgegenwärtige Murmeln und Summen der vielen Stimmen verstummte plötzlich und die Bewegung der Masse kam mit einem Ruck zur Ruhe, als sie von der königlichen Leibgarde zur Seite gedrängt wurden und sich ehrfürchtig zu Boden warfen.

Atemu hingegen schenkte ihnen keine Beachtung. Mit unbewegter Miene, den Blick starr geradeaus gerichtet, ritt er an ihnen vorüber und schien überhaupt keine Notiz von ihnen zu nehmen. Einen Arm hatte er immer noch um Yuugis Taille gelegt und der Junge hatte sich zufrieden lächelnd gegen ihn gelehnt und konnte sich nicht satt sehen.

So lange hatte er schon einmal herkommen wollen... und jetzt tat er es sogar in den Armen des Pharaos... – Ich träume – dachte Yuugi etwas zusammenhanglos und wünschte sich, nie wieder aufzuwachen.

Atemu hingegen beschäftigeten ganz andere Gedanken. Die Menschen um ihn herum waren ihm egal und auch, was sie wohl denken mochten, wenn sie ihn mit Yuugi ihm Arm sahen (falls jemand dreist genug war, aufzublicken). Es fühlte sich zu angenehm an, den kleinen, warmen Körper an seinem zu spüren, um sein Kätzchen wegzudrücken. Aber dafür spürte er ein sehr unangenehmes Ziehen an seiner Hüfte. Genau dort, wo sich die Tätowierung befand. Ein Ziehen, dass sich in genau diesem Moment zu einem schmerzhaften Brennen steigerte.

Unbewusst drückte er Yuugi enger an sich und biss sich auf die Unterlippe, um keinen Laut von sich zu geben. Es tat weh! Und statt besser zu werden, wurde es schlimmer. Der Schmerz pulsierte durch seinen Körper und die Umgebung begann plötzlich zu verschwimmen. Es erinnerte ein wenig an die Vernichtung eines seiner Monster in einem Schattenduell, nur schlimmer. Viel schlimmer und konzentrierter. – Irgendetwas stimmt nicht – dachte Atemu, halb benommen vom Schmerz.

„-mi? Yami?" Yuugis besorgte Stimme klang unendlich weit weg und schaffte es kaum, den Nebel, der Atemus Sinne umgab, zu durchdringen. Sein Griff um den Kleineren verstärkte sich als Antwort, aber zu mehr war er im Moment nicht in der Lage.

Und gerade, als er dachte, der Schmerz würde ihn wahnsinnig machen, begann er abzuklingen. Erleichtert entspannte der junge Pharao seine verkrampfte Muskulatur wieder und öffnete die Augen (wann zum Teufel hatte er sie geschlossen?), nachdem der beißende Schmerz einem kaum wahrnehmbarem Ziehen gewichen war.

Sein Blick traf auf die zutiefst besorgen dunkelvioletten Augen von Yuugi, der ihn ängstlich musterte. Mit den Händen hatte er sich an dem Arm festgekrallt, mit dem der Pharao ihn an sich drückte.

„Schon gut, Kätzchen. Es ist alles in Ordnung." Er lächelte, doch das schien Yuugi nicht wirklich zu beruhigen. Seine großen, unschuldigen Augen ruhten immer noch auf dem Älteren; mit einem Ausdruck bei dem Atemu warm ums Herz wurde. Er wusste, er war der Gottkönig Ägytens und musste deshalb niemandem etwas erklären oder sich rechfertigen, aber trotdzem hatte er das unwiderstehliche Bedürfnis, dieses wundervolle Geschöpf in seinen Armen zu beruhigen.

Er vergrub sein Gesicht in Yuugis weichen Haare, atmete zufrieden dessen Geruch ein und murmelte dann. „Es ist wirklich okay. Es war nur ein Krampf." Das war nicht wirklich gelogen, aber es war definitiv auch nicht die Wahrheit. Doch Atemu wusste nicht, wie er die Wahrheit erklären sollte. Es war einfach zu merkwürdig. Und immer noch wurde er das Gefühl einer unsichtbaren Bedrohung nicht los. Etwas stimmte nicht und er wusste nicht, was es war. Er musste acht geben. Auf sich und vor allem auf Yuugi.

Dieser seufzte leise und wandte seinen Blick wieder der Menge zu. Er wurde das Gefühl nicht los, dass der Pharao ihm etwas verschwieg und das machte ihn ein wenig traurig. Aber andererseits- wer war er schon? Natürlich würde Atemu ihm nicht alle seine Geheimnisse anvertrauen. Plötzlich schien die farbenfrohe Umgebung viel grauer zu sein und sein Herz schmerzte. – Ich liebe dich –, dachte der Kleinere mit einem Anflug von Verzweiflung und schmiegte sich enger an den Größeren. –Natürlich wirst du meine Gefühle niemals erwidern, aber verschließ dich nicht vor mir. Lass mich an deinem Leben teilhaben. Wenigstens das gestatte mir. –

Er war so versunken in seine trüben Gedanken, dass er sich beinahe erschrocken aufsetzte, als Atemu ihn plötzlich losließ und der warme, schützende Körper hinter ihm verschwand. „Komm!" Der Pharao war abgestiegen und hatte Yuugi beide Arme entgegen gestreckt, um diesem behilflich zu sein. Und in einer ganz natürlichen Bewegung glitt der Junge vom Rücken des Hengstes in die Umarmung des Älteren, die eigenen Arme um dessen Hals geschlungen. Atemu streichelte ihm kurz zärtlich über den Kopf und schob ihn dann behutsam von sich.

Yuugi spürte, wie der junge Pharao an seinem Halsband herumnestelte und als er sich fragte, was das sollte, kam bereits ein Sklave herbei geeilt. Er trug ein rotes Samtkissen, auf dem etwas lag, das aussah wie eine filigrane goldene... Leine? Seit wann benutzte Atemu so etwas?

„Eine Leine?" fragte Yuugi stirnrunzelnd, doch bevor er zu einem wirklichen Protest ansetzen konnten, hörte er ein leises Klick und die Leine war befestigt. Irritiert hob er die Hand und ertastete auf der vormals glatten, goldenen Oberfläche seines Halsbandes ein kleine Erhebung, die die Befestigung möglich gemacht hatte. Was für ein seltsames Schmuckstück. Änderte es etwa nach Atemus Willen seine Form?

„Ich will nicht, dass du mir verloren gehst, Kätzchen." Tatsächlich war die Vorstellung, Yuugi könnte von ihm getrennt werden, ein Albtraum, der Atemu seit mehreren Tagen beschäftigt hatte. Inzwischen hatte es sich sicher im ganzen Land herum gesprochen, dass er nun einen Gesellschafter hatte, der ihm nicht mehr von der Seite wich. Und sicher vermuteten viele richtig, wie viel ihm an dem kleinen Jungen lag. Gerade, wenn so viele Menschen auf einmal zusammen kamen, war es ein Leichtes, sich in der Menge heranzuschleichen, den Jungen zu packen und wieder in der Menge unterzutauchen.

Natürlich würde Atemu das verlange Lösegeld zahlen (und die Entführer hinterher ausfindig machen lassen und vernichten), aber die Vorstellung, was Yuugi in der Zeit bis zu seiner Freilassung möglicherweise widerfahren könnte, drehte Atemu den Magen um. Er hatte das Bild von Junias über seinem Kätzchen sehr wohl noch vor Augen. Und was, wenn sie den Jungen nicht frei ließen? Wenn sie das Lösegeld nahmen und ihm die Kehle durchschnitten? Der Zorn des Pharaos würde sie vernichtend treffen, aber das brachte Atemu den Jungen auch nicht zurück.

Nein, es war besser, auf Nummer sicher zu gehen. Auch wenn es Yuugi nicht gefiel, an der Leine zu gehen, so war es besser, als wenn der Junge plötzlich verschwunden war. Auch der Pharao konnte seine Augen schließlich nicht überall haben. Und was seine Wachmannschaften anging... denen vertraute er schon lange nicht mehr.

„Lass uns gehen." Damit setzte er sich in Bewegung und Yuugi folgte ihm zunächst etwas widerwillig. Es war ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich an die Leine gelegt worden zu sein. Er wünschte sich, Atemu hätte es gelassen. Es war das eine, freiwillig bei Atemu zu bleiben. Das tat er gerne, weil er ihn liebte. Aber mit dieser Leine nahm ihm der Pharao alle Freiheit und es wirkte wie ein Zwang. Zwänge hatte Yuugi noch nie gemocht.

Seufzend trottete er hinter Atemu her und warf verstohlene Blicke um sich. Die Menschen zu beiden Seiten ihres Weges hatten sich zu Boden geworfen und Yuugi wusste, eigentlich sollte er dazu gehören. Schließlich war er sein Vater nur ein einfacher Handwerker gewesen. Stattdessen schritt er aufrecht hinter Atemu her und der Pharao persönlich sorgte nun für sein Wohl. Bei diesem Gedanken meldete sich das gewohnte Herzflattern und Yuugi wurde ein wenig rot um die Nasenspitze.

Er richtete seinen Blick wieder nach vorne und seine Augen wurden vor Erstaunen kugelrund. Das Gebäude, auf das sie zusteuerten, war kaum weniger prächtig als der eigentliche königliche Palast. Und obwohl Yuugi dort nun seit einem dreiviertel Jahr lebte, hatte er sich immer noch nicht richtig an all die Pracht gewöhnt. Sie erstaunte ihn immer wieder. Er fragte sich, wie viele solcher und ähnlicher Paläste wohl noch in Ägypten existierten. Vielleicht würde er sie im Laufe der Zeit ja alle zu Gesicht bekommen.

Nachdem sie das angenehm kühle Gebäude betreten hatten, reichte Yuugi seinen Reiseumhang einem bereit stehenden Sklaven und ließ sich dann von Atemu durch die langen, breiten Gänge zum Thronsaal führen. Die Türen wurden ihnen von zwei Wachen geöffnet, die sich respektvoll verneigten. Und während Atemu auf seinem Thron Platz nahm, ließ sich Yuugi auf den Kissen daneben nieder und erwartete eigentlich, dass der junge Pharao nun die Leine von seinem Halsband entfernen würde, doch er wartete vergebens darauf.

Atemu hielt die goldene Leine immer noch fest umschlossen und Yuugi schmiegte seine Wange mit einem leisen Seufzen gegen die Hand des Älteren, die auf der Lehne des Throns ruhte. Hatte der Herrscher Ägyptens wirklich solche Angst, er würde ihm weglaufen? Dabei war es doch etwas, das Yuugi niemals übers Herz bringen würde.

Einen Moment ruhte Atemus Blick auf seinem kleineren Gefährten, der Ausdruck in seinen Augen undeutbar, doch dann wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt durch die Ankündigung, dass die ersten Gratulanten eingetroffen waren.

Staunend verfolgte Yuugi die scheinbar nicht enden wollende Prozession, die einer nach dem anderen niederknieten und dem Pharao ihre Aufwartung machten und ihm Geschenke überreichten. Kostbare Stoffe, Sklaven und Sklavinnen, exotische Tiere, Kamele, Pferde, weitere Frauen für seinen Harem, Räucherwerk, Salben, erlesenen Speisen, Gold und so vieles mehr, das Yuugis Augen vor Staunen groß werden ließ. Ein Schreiber, der etwas abseits stand, hielt alles akribisch fest.

Doch während Yuugi ganz gefesselt vom Aufmarsch der Gratulanten war, langweilte sich Atemu. Er kannte das nun schon zur Genüge. Jedes Jahr dasselbe. Wieder, viele Dinge, die er nicht brauchte, die ihn aber milde stimmen sollten. Und wieder viele schmeichelnde Worte, die alle gelogen waren. Er sagte aber nichts dazu- er kannte seine Pflicht als Herrscher- und nickte alles ab, den Anschein von Zufriedenheit erweckend.

Voller Ungeduld fragte er sich, wann der Strom der Besucher denn endlich abreißen würde und seine Hand fand ihren Weg in Yuugis weiches Haar, um ihn zu kraulen. Aber eigentlich wollte Atemu den Jungen viel näher bei sich haben. Doch das musste warten, bis alle Geschenke überreicht waren und seine Aufgaben als Pharao erfüllt waren. Er hatte gerade noch genug Selbstbeherrschung, um zu verhindern, dass die Finger seiner anderen Hand nicht ungeduldig auf die Lehne des Throns trommelte. Und ihm wurde wieder einmal klar, warum er solche Feierlichkeiten hasste.

Nachdem endlich das letzte Geschenk überreicht war, war es Zeit für Bittsteller. Aber natürlich nicht solche aus dem einfachen Volk. Es waren zumeist Fürsten aus den Provinzen Ägyptens oder aus anderen Ländern, die ihre Bitten vortrugn. Atemu hörte sie sich alle an, versprach den meisten, darüber nachzudenken und lehnte einige von vornherein ab. (Zum Beispiel die Bitte um Beistand gegen die Fürstendynastie des jeweiligen Nachbarstaates. Bei Ra- wie dumm waren diese Leute eigentlich, dass sie sich mit einer solchen Bitte hierher bemühten! Ägypten führte selbst gerade Krieg gegen einen aufmüpfigen Staat an seiner Grenze- wie kamen diese Dummköpfe auf die Idee, der Pharao würde sie in einer solchen Situation bei ihren Kleinkriegen um Macht und Besitz unterstützen!)

Doch schließlich war auch das erledigt und nun, am späten Nachmittag, begann endlich der vergnügliche Teil des Tages. Musik wurde gespielt, Essen aufgetischt und der Pharao hatte endlich ein wenig Zeit für sich selbst. Ein Sklave kam herbei, verbeugte sich tief und bot seinem Herrn Weintrauben auf einem silbernen Tablett an.

Atemus Hand verließ Yuugis Haare und als dieser irritiert die genüßlich geschlossenen Augen öffnete, lächelte Atemu. „Komm, Kätzchen." Dabei klopfte er sich mit einer Hand auf die Oberschenkel und Yuugi errötete, ließ sich aber trotzdem ohne zu Zögern auf dem Schoß seines geliebten Pharaos nieder. Er schmiegte sich glücklich an Atemu und ließ sich bereitwillig mit den Trauben füttern, die der Ältere von dem dargebotenen Tablett nahm.

Es war schon spät in der Nacht, als sich Yuugi gähnend und müde blinzelnd auf Atemus Schoß zusammenrollte. Das Fest dauerte noch immer an, mit ungebrochener Fröhlichkeit, obwohl der eine oder andere inzwischen nicht mehr richtig stehen konnte. Aber man unterhielt sich gut und laut und wurde zudem noch exquisit verköstigt.

Nur Yuugi wurde es langsam zu viel. Er wollte eigentlich nur ins Bett. Er wollte sich an Atemu schmiegen und dann in seinen Armen einschlafen. Der Junge seufzte leise und fragte sich, wie lange er wohl noch durchhalten musste und wo sie überhaupt schlafen würden. Hier? Oder würden sie mitten in der Nacht noch zurück reiten? Darauf war Yuugi nicht besonders erpicht.

„Bist du müde?", fragte Atemu ihn leise und streichelte über seinen Rücken.

„Ja", seufzte Yuugi und schloss die Augen.

„Gut, dann schlaf jetzt. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir ins Bett kommen."

„Schlafen wir denn hier?"

Atemu lachte leise. „Natürlich. Was hast du denn gedacht? Es ist viel zu gefährlich, im Dunkeln zurück zu reiten."

„Gut", murmelte Yuugi.

„Eins noch bevor du einschläfst Kätzchen." Sanft hob Atemu Yuugis Kopf an und Yugi erschrak ein wenig, als er sah, wie ernst der Blick des jungen Pharaos war. „Sollte mir entwas zustoßen, nimm das Puzzle an dich. Es darf nicht in die falschen Hände geraten, hörst du? Nimm es und wenn es sein muss, zerstöre es. Aber niemand außer dir und mir darf es berühren. Hast du mich verstanden?"

Yuugi fühlte, wie sich sein Herz ängstlich zusammen zog. Wie kam Atemu plötzlich auf dieses Thema? Stand ihnen etwas Schlimmes bevor, von dem Yuugi noch nichts wusste? Er schmiegte sich eng an den Älteren. „Nein", erwiderte er leise. „Euch wird nichts passieren. Euch darf nichts passieren. Ich brauche Euch wie die Luft zum Atmen" Damit drückte er seine Lippen zärtlich auf Atemus und dieser erwiderte den Kuss sanft, bevor er Yuugi wieder ein Stück von sich fortdrückte.

„Ich habe nicht gesagt, dass mir etwas passieren wird, nur, dass mir etwas passieren könnte. Und für diesen Fall will ich vorgesorgt haben. Versprich mir, auf das Millenniumspuzzle Acht zu geben. In den falschen Händen kann es eine furchtbare Waffe sein."

„Yami..."

Atemus Griff wurde fester. „Versprich es!"

Yuugi nickte schließlich. „In Ordnung. Ich verspreche es. Aber Ihr müsst mir auch etwas versprechen. Lasst mich niemals alleine. Ich könnte es nicht ertragen, euch zu verlieren." Seine großen Augen wurden flehend und Atemu spürte, wie dieser Blick sein Herz berührte. Er würde diesen Augen wohl niemals widerstehen können.

„Nein, Yuugi. Ich habe nicht vor dich alleine zu lassen. Du gehörst mir. Und ich bleibe immer bei dir." Damit drückte er Yuugis Kopf sanft gegen sich. „Nun schlaf. Wir reden ein anderes Mal weiter."

Doch Yuugis Müdigkeit war verflogen. Er blieb mit offenen Augen an Atemu gekuschelt sitzen und hatte Angst. Angst um Atemu. Angst ihn zu verlieren. Und plötzlich meinte er ganz deutlich zu spüren, dass die Zukunft nichts Gutes für sie bereit hielt. Dass sich über ihren Köpfen ein Sturm zusammen braute, dem sie nicht gewachsen war. Der Junge hoffte, dass er sich in diesem Punkt schwer irrte. Er schloss die Augen und seine Lippen bewegten sich in einem lautlosen Gebet zu Ra.

„Allmächtiger Ra! Ich bitte dich, erhöre mich! Beschütze meine Liebe. Beschütze deinen Sohn. Fege die Feinde in seinem Angesicht hinweg und halte einen Schutzschild über ihn. Ich bitte dich, erhöre mich! Atemu darf nichts passieren. Und wenn ich mein eigenes Leben opfern muss..."

Yami+schweigt+

Fellfie: Was ist? Hast du gar nichts zu meckern?

Yami+schweigt+

Fellfie+beugt sich zu Yuugi+flüstert+ Was ist mit ihm? Das ist mir unheimlich...

Yuugi+zuckt mit den Schultern+ Ich weiß auch nicht... o.O

Yami+packt Fellfie plötzlich am Kragen+faucht+ Wenn du Yuugi sterben lässt, dann verbanne ich dich endgültig ins Reich der Schatten klar!

Fellfie: o.O … Ähm...äh... a bit protective today, hm+sweatdrop+

Yami+lässt Fellfie los+zieht Yuugi an sich+ Stirbt er, kann dir niemand mehr helfen +glare+

Fellfie o.O Wer sagt überhaupt, dass Yuugi stirbt?

Yami+deathglare+ In Ordnung. Wenn doch, sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt+stapft mit Yuugi im Schlepptau von der Bildfläche+

Fellfie: -.- Ich sag gar nichts mehr. Hast du nun davon +Zunge rausstreckt und auch verschwindet+

(1) Steigbügel wurden nämlich erst später von den Hunnen erfunden .