Aufbauende Worte
Remus blinzelte verwirrt und hörte die Tür des nächstliegenden Klassenzimmers zu donnern. Aber was machte Lucius Malfoy hier? Remus hatte ihn nicht informiert, wie Draco anscheinend gedacht hatte. Warum hätte er sonst so wütend auf ihn sein sollen? Das einzige, das Remus sich denken konnte, war das Lucius aufgrund anderer Aktivitäten seines Sohnes in die Schule gekommen war und der wohl leider von seinem Täuschungsversuch berichtet hatte. Ein Missverständnis…
„Huch…", machte Remus, als er wieder zu Lucius schaute und der sich mit einem lauten ‚Poff' gerade in eine leuchtende Kugel verwandelte. Remus schaltete sofort und ignorierte das kochende Blut in seinen Venen, das ihm beim Anblick des Mondes immer überkam. Er griff in die Innentasche seines Umhangs und richtete seinen Zauberstab auf den Irrwicht.
„Riddikulus!", rief er und mit einem Zischen flog die Kugel wie ein Luftballon, aus dem die Luft herausgelassen wurde, durch die Gegend. Remus prustete ihm ein festes Lachen entgegen, worauf der Irrwicht in kleine Rauchschwaden verpuffte. So kräftig schien der nicht gewesen zu sein. Ein Wunder, das Draco das nicht alleine bemerkt hatte.
„Oh…" Remus kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. Da musste er jetzt was tun. Der arme Junge musste mit den Nerven völlig fertig sein. Remus schämte sich jetzt schon fast, das er heute Morgen so oft von Lucius gesprochen hatte. Damit hatte er Draco wohl tiefer getroffen, als beabsichtigt und dann war es jetzt auch seine Aufgabe dafür zu sorgen, dass der Junge nicht noch den Rest seines Lebens im Klassenzimmer für Geschichte der Zauberei verbrachte. Sirius hätte das vielleicht nicht mal Askaban vorgezogen.
Die Pergamentrollen beachtete Remus nicht weiter, die würde schon niemand mitnehmen, und schritt gemächlich zu der Tür. Er zog sie ganz locker auf und fand sich dann mit einem Pult, das vor den Türrahmen geschoben worden war wieder. Draco musste in seiner Angst wohl völlig vergessen haben, das die Tür nach außen hin aufging.
Zitternd und mit völlig verschwitzten Haaren saß er ganz hinten neben einen Schrank gekauert. Mit dem Zauberstab tippte er sich apathisch auf den Scheitel und murmelte „cave inimicum" vor sich hin. Die Zauberformel für den Desillusionierungszauber, aber es brachte nichts. Kein Wunder. Draco schien vollkommen durch den Wind zu sein und der Zauberspruch kam ja auch erst in wenigen Monaten im Unterricht vor.
Mit einem Schwenker seines Zauberstabes ließ Remus das Pult zur Seite schweben. Das knarrende Geräusch ließ Draco nicht den Kopf heben, aber er hörte auf sich mit dem Zauberstab auf den Kopf zu tippen. Weiter presste er das Gesicht fest auf die angezogenen Knie und traute sich nicht hochzuschauen. Wahrscheinlich hielt er Remus jetzt für seinen Vater.
Seufzend hockte Remus sich neben den verstörten Jungen auf den Boden und bekam das leise Wimmern mit. Draco würde jetzt ja wohl gemerkt haben, das hier nicht sein Vater neben ihm saß, aber er rechnete wohl fest damit, das Lucius draußen mit diesem widerwärtigen Stock auf ihn wartete.
„Mr. Malfoy…", fing er an und legte ein Hand auf die bebende Schulter.
„Fassen Sie mich nicht an!", fiepte Draco und rutschte weg. „Sie… Sie sind Schuld, das er hier ist!" Mit vor Angst weit aufgerissenen Augen drängte er sich dichter an den Schrank und brachte den furchtbar zum Wackeln. „I-Ich hab den Aufsatz doch! Sie haben gesagt, Sie würden wa-warten!" Die vor Tränen glitzernden stahlgrauen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und Draco funkelte Remus wütend an, traute sich aber nicht einen Blick zur Tür zu werfen.
„Ihr Vater ist doch gar nicht hier, Mr. Malfoy.", sagte Remus sanft, aber die Worte brauchten einen Moment, bis sie in den blonden Schädel durchdrangen. Draco legte die schweißnasse Stirn in unschöne Falten und kaute auf der Innenseite seiner Unterlippe herum.
„Nicht?", fragte er und Remus nickte. „Sie lügen! Er hat gesagt, Sie sollen das sagen, damit ich rauskomme und… und… Ich hab ihn doch gesehen! Wollen Sie sagen, ich sei verrückt?"
Remus zog selber die Beine an und lehnte die Schläfe gegen die Knie. „Ein Irrwicht, Mr. Malfoy.", sagte er und während Draco die Gesichtszüge entglitten fing es an heftig gegen die Fenster zu prasseln.
„Ein… was?!", fragte Malfoy mit hoher Stimme und das schien ihn nur noch fertiger zu machen. Beide Hände presste er auf den Hinterkopf und drückte das Gesicht fest auf die Knie. Was jetzt in seinem Kopf vorging, das vermochte Remus beim besten Willen nicht zu sagen, aber der Junge tat Remus furchtbar Leid.
„Hier." Remus kramte in seiner Umhangtasche herum und holte den Schokofrosch heraus, den Harry ihm eben beim Abendessen geschenkt hatte. Er setzte ihn auf Dracos Knie, als der den Kopf hob und Remus einen verstörten Seitenblick zu warf. „Keine Sorge, der ist noch nicht gebraucht.", sagte Remus und nickte Draco ermutigend zu.
Irgendwie hatte Remus trotzdem nicht damit gerechnet, das der verwöhnte Junge das annehmen würde, aber da hatte er sich wohl getäuscht. Mit zitternden Händen öffnete er die Verpackung und war leider nicht schnell genug, denn der Schokofrosch entfleuchte seinen langen Fingern mit den manikürten Nägeln und hüpfte davon.
Remus schloss einen längeren Moment die Augen und seufzte. „Na ja…", murmelte er und schaute zurück zu Draco, der aussah, als hätte er gerade das einzige verloren, das ihn davon abhielt aus dem Fenster in den strömenden Regen zu springen. Und Remus sah im Moment keine Möglichkeit ihm den Besen nachzuwerfen…
„Versuchen Sie es hier mit.", sagte Remus und holte seine Reservetafel aus der anderen Umhangtasche. Das war die letzte, die er für diesen Monat hatte und der hatte gerade mal angefangen. Gut, keine Schokolade wenn er die schmerzhafte Verwandlung hinter sich hatte, aber der zitternde Junge tat ihm so Leid.
Draco hatte nicht einmal einen abschätzigen Blick für die zerknitterte Verpackung der Tafel übrig. Mit beiden Händen nahm er sie Remus ab und achtete schön darauf nicht die vernarbten Finger seines Lehrers zu berühren. Das weißblonde Haar fiel ihm vor die Augen und verdeckte jeden Gesichtsausdruck, als er einfach ein großes Stück abbiss. Das hatte Remus jetzt auch nicht wirklich erwartet, aber Hauptsache es ging ihm ein bisschen besser.
„Ich werde Ihrem Vater nichts erzählen, ja?", versuchte Remus den noch immer leicht zitternden Jungen zu beruhigen. „Sie haben Ihren Aufsatz jetzt geschrieben und ich bin mir sicher, dass er gut geworden ist. Sie sind doch nicht dumm, Mr. Malfoy."
Die Andeutung eines Lächelns huschte über die vor Angst zerfressenen Züge des Siebzehnjährigen. Lob wirkte immer. Vor Allem bei Draco Malfoy.
„Und immerhin haben Sie sich dieses Mal ja richtig Gedanken gemacht.", fuhr Remus fort und Draco zog die Mundwinkel herunter. Schlecht schien ihm aber nicht zu sein, denn er biss noch ein Stück von der Schokolade ab und schien gar nicht zu bemerken, wie er sich leicht den Mund beschmierte.
„Ihr Vater wird Sie schon nicht enterben, wenn sie nicht all Ihre UTZe schaffen.", sagte Remus und da hatte er wohl das Flasche gesagt. Urplötzlich knallte Draco die schöne Schokolade neben Remus alte, aus dem Leim gehende Lederschuhe und presste die Lippen fest zusammen. Mit dem leichten Schokoladenfilm um den Mund sah das schon komisch aus, aber zum Lachen war Remus trotzdem nicht.
„Sie kennen meinen Vater doch überhaupt nicht.", presste Draco hervor und drückte das Gesicht wieder auf die Knie. „Das… Das… we-wenn… Ich…"
„Mr. Malfoy, Sie…", fing Remus an.
„Sie verstehen nicht!", fuhr Draco hoch und seine Augen tränten vor Verzweiflung. „Ich kann nicht einmal einen Irrwicht erkennen! Geschweige denn besiegen! Das ha-hab ich in der Dritten auch nicht gekonnt…" Er hickste und wischte sich über den Mund, wobei er die Schokolade bis auf seine Wange verschmierte. „Das ist Alles Ihre Schuld! Weil Sie mir das nie beigebracht haben! Weil Sie lieber Potter Privatstunden gegeben haben und ihn vor Dementoren retten mussten!" Schnaubend drehte Draco den Kopf weg und starrte in den dunklen Himmel, während der Regen weiter heftig gegen das Fensterglas prallte. „Ich hasse Verteidigung gegen die dunklen Künste…"
„Dann wollte Ihr Vater, dass sie Ihren UTZ in diesem Fach machen?", wollte Remus wissen, aber Draco antwortete nicht. Brauchte er in dem Fall auch nicht. Remus war ja nicht blöd und konnte eins und eins zusammen zählen. In den meisten Fällen kam er sogar auf das richtige Ergebnis. „Sie haben gar keinen Grund Verteidigung zu hassen. Sie sind nicht schlecht. Das war doch eine ganz anständige Wolke, die sie heute produziert haben. Mit ein wenig Übung und ein bisschen mehr Engagement ist ein ‚Erwartungen übertroffen' auf jeden Fall drin." Er hob einen Zeigefinger, als Draco ihm einen Seitenblick schenkte. „Sie müssen nur wollen."
Draco hätte fast geschielt, als Remus Finger so nah vor seinem Gesicht auftauchte. „Sie sagen das nur, damit ich verschwinde und Sie in Ruhe Ihre Schokolade aufheben können…", murmelte er.
Remus setzte ein unschuldiges Lächeln auf. „Nun ja, schlechter kann sie nicht werden, also wird sie wohl noch ein bisschen warten müssen.", sagte er.
Leicht pikiert zog Draco die Oberlippe hoch und zuckte mit einer Schulter. „Sie… werden das doch niemanden erzählen?", fragte er leise und starrte wieder angestrengt aus dem Fenster.
„Es ist nicht so, dass ich die Klatschtante vom Dienst bin, Mr. Malfoy.", beruhigte Remus ihn.
„Sie sagen das also niemanden? Auch nicht… meinem Vater?", wollte Draco es wohl ganz genau wissen.
„Das bleibt unter uns.", sagte Remus und zückte seinen Zauberstab. Ruckartig drehte Draco ihm den Kopf zu und die stahlgrauen Augen weiteten sich vor Entsetzen. Wahrscheinlich rechnete er mit irgendeinem Fluch. Vergessenszauber, oder sowas. Remus murmelte nur ein „Tergeo" und reinigte Dracos noch immer ungewöhnlich blasses Gesicht von den Resten der Schokolade. Der schien das wohl immer noch nicht bemerkt zu haben und ein kleiner Rotschimmer legte sich um seine Nase. So wie Remus ihn einschätzte war ihm das wohl furchtbar peinlich und das selbst vor seinem, wovon Remus fest ausging, Hasslehrer.
„Jetzt beruhigen Sie sich und wenn…" Remus schaute auf seine Uhr. „…wenn Sie sich beeilen, dann schaffen Sie es noch etwas vom Abendessen abzubekommen. Das wird Ihnen gut tun."
Nach einem aufmunternden Lächeln von Remus ließ Draco sich nach vorne fallen und stemmte sich gekonnt hoch. Remus tat es ihm gleich, wobei er leicht ächzte und sich dann den Umhang sauber klopfte.
„Das…" Dracos Blick lag auf der nicht mehr essbaren Schokolade. „…tut…" Er presste die Lippen fest aufeinander und fing an sich die Haare zu richten.
Remus schüttelte leicht den Kopf. „Gehen Sie schon.", sagte er lächelnd und klopfte Draco aufs Schulterblatt, worauf der zusammen zuckte. „Wenn Sie einigen Rauchschwaden begegnen, werden das wohl die Überreste des Irrwichts sein.", fügte er für den Fall, das Draco Angst hatte allein in die Große Halle zu gehen hinzu. Er wollte dem jungen Malfoy ja nicht das Gefühl geben, das er ihn für einen Angsthasen hielt. Dafür konnte er das Vater-Sohn-Verhältnis der Malfoys zu schlecht einschätzen. Wer weiß, was da schon Alles vorgefallen war. Vielleicht sollte er auch mal mit Severus reden. Immerhin kannte der Lucius persönlich und würde Draco da besser zur Seite stehen können, da er zudem auch noch sein Lieblings- und Hauslehrer war.
„Professor?" Malfoy steckte die Hände in die Hosentaschen und betrachtete angestrengt die Regenfäden die über die Fenster liefen.
„Hm?", machte Remus, als Draco nicht weitersprach und sich sichtlich unwohl zu fühlen schien. Was konnte der denn jetzt noch wollen? Schokolade hatte Remus nicht mehr, zu einem dummen Spruch war der Slytherin im Moment nicht im Stande und… wenn er wirklich Angst hatte allein in die Halle zu gehen, dann würde er Remus natürlich nicht fragen, aber gesehen werden wollte er mit dem verarmten Werwolf natürlich auch nicht.
„Wenn es nichts mehr gibt, Mr. Malfoy, dann würde ich jetzt gerne Ihren Aufsatz durchsehen.", sagte Remus. „Das wäre…"
„Urquhart!", platzte Draco raus und Remus hob eine Augenbraue. Entweder plante der Junge irgendwas um Remus eins auszuwischen, weil er ihm irgendwie die Schuld daran gab, das Lucius ihn als Irrwicht verfolgte oder ihm schlotterten tatsächlich die Knie. Aber was wollte er dann bei Urquhart? Sich hinter den Muskeln verstecken? Hatte er dafür nicht Crabbe und Goyle?
„Ich… musste Quidditch ausfallen lassen um Ihren… meinen Aufsatz zu schreiben und Urquhart wird das sicher nicht freuen. Immerhin bin ich ein äußerst wichtiger Teil der Mannschaft.", schwafelte Malfoy vor sich. Warum, das blieb Remus noch immer ein Rätsel.
„Er wird es schon verstehen, wenn Sie ihm erklären, dass Ihre Hausaufgabe wichtiger war.", sagte Remus lächelnd und beförderte die Schokolade mit einem traurigen Seufzer per Wingardium Leviosa in den Mülleimer.
„Ja, natürlich.", sagte Draco und ballte die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten, bevor er die Augen verdrehte. Irgendwas schien ihm unangenehm zu sein, aber Remus hatte keine Ahnung, was er daran ändern konnte. Immerhin kannte er den Grund von Malfoys Unwohlsein nicht. Ob die Schokolade doch schlecht gewesen war?
„Soll ich es Ihnen schriftlich geben?", fragte Remus und Dracos Gesichtsausdruck sagte eindeutig, dass er davon ausging Slytherins Kapitän könne gar nicht lesen.
„Jaah, das wäre sehr sinnvoll…", murmelte Draco und räusperte sich.
Remus seufzte und schaute sich um. „Tut mir sehr Leid, aber ich habe jetzt nichts zum Schreiben dabei.", sagte er. „Vielleicht können Sie bis morgen…"
„Nein, nein…", winkte Draco betont lässig ab. „Ich… begleite Sie einfach noch kurz in Ihr Büro. Das ist ohnehin dieselbe Richtung und… ähm… da wollte ich eben hin."
Resignierend zuckte Remus mit den Schultern und fuhr sich durchs Haar. „Gut, gut… Dann kommen Sie mal mit.", sagte er und ging voran.
