Kapitel 9
Durch den Staub der Jahrhunderte
Zitternd und fluchend vor Kälte, kämpften wir uns durch die unzähligen Kartons eines feuchten Abstellraumes.
„Es ist ganz bestimmt hier", versicherte mir Fantana und schüttelte den Inhalt eines Kartons auf den Tisch vor uns. Ein Haufen von Halsketten, Holzperlen, Armreifen und sonstigen Schmucks ergoss sich über die Tischplatte. Bobby stöhnte leise.
„Wir kommen näher!", verkündete Fanny siegessicher.
„Ich will zurück ins Ministerium!", verlangte Jack und zog aus dem Haufen ein Knäuel aus Gold- und Silberketten. „Fanny, Liebling, sag mir bitte was das ist?"
„Ein Abwehamulett gegen Shronks", antwortete sie nach kurzer Begutachtung.
„Es gibt aber gar keine Shronks", erwiderte Jack nachsichtig.
„Da kannst sehen, wie gut dieses Ding funktioniert!" Sie nahm ihm das „Amulett" aus der Hand und schüttelte es. Heraus fiel ein einzelner Diamantohrring. Selbst mit bloßem Auge sah man dass es bis an den Rand mit allen möglichen Abwehrzaubern geschützt war.
„Oho!", rief Rigo begeistert. „Das Reicht auch, um einen Dementor abzuschrecken." Fanny nahm den Ohrring und hielt es gegen das Licht. Die farbigen Funken tanzten durch den Raum und verliehen dem muffigen Keller etwas Geheimnisvolles.
„Dazu war es auch gedacht", erklärte sie und legte den Ohrring vorsichtig auf den Stapel mit brauchbaren Dingen ab.
„Nachdem der Patronuszauber verboten wurde, musste man sich auf andere Weise helfen. Und jetzt macht euch an die Arbeit!" Seufzend begannen wir das Durcheinander zu sichten.
Set drei Monaten durchforsteten wir alle möglichen und einige unmögliche Abstellräume, Dachkammern und Kellerräume auf der Suche nach einem Zeitumkherer. Einen der älter war als zwei – drei Jahre. Ältere Exemplare befanden sich entweder im privaten Besitz oder lagen unter Verschluss im Ministerium. Dort haben wir als erstes gesucht und festgestellt, dass der älteste dort kaum ein Jahrhundert alt war. Viel zu „jung" für unser Vorhaben. Denn der Zeitumkehrer konnte nur bis zu dem Zeitpunkt „reisen", an dem seine Herstellung angefangen wurde. Ein Jahrhundert war für die Pläne zu wenig.
„Ich habe es!" Jack hielt triumphierend einen mattgolden glänzenden Zeitumkehrer. Alle Blicke hefteten sich an das kleine Ding.
„Ich wusste es!", Fanny sprang ihrem frisch gebackenen Ehemann an den Hals uns warf ihn damit fast um.
„Wie alt ist es?", fragte ich. Fantana zuckte mit den Schultern. „Mal sehen…. „ Sie richtete ihren Zauberstaub auf das Schmuckstück in Jacks Hand und flüsterte einen Spruch. Ein schwaches Leuchten wurde schnell dunkler. Das helle gelb wurde zur Orange, das immer intensiver wurde und schließlich einen satten Rotton annahm. Es wurde noch dunkler, bis es zu einem tiefen Weinrot wurde. Mit vor Aufregung feuchten Händen betrachtete ich den Zeitumkehrer.
„Bei, Merlin", flüsterte Rigo ehrfürchtig. „Das kann doch unmöglich wahr sein!" Fassungslos betrachtete er die Berge von unnützem und kaputtem Kram, die sich um uns herum auftürmten. Bobby nickte anerkennend.
„Warum nicht? Ich wette selbst Er würde in diesem Chaos nicht mal die eignen Socken wiederfinden." Mit zitternden Händen nahm ich Jack das Schmuckstück ab. Es fühlte sich zu schwer für seine Größe an.
„Fünf Jahrhunderte", meinte Fantana, die eben erst ihre Sprache wiedererlangt hatte. „Vielleicht weniger. Jacks Alter müsste man natürlich abziehen…." Wir alle schauten zur Jack, als ob wir feststellen mussten wie alt er war, um die Rechnung zu vervollständigen.
„Nun. Ich denke etwas Älteres wird nicht mehr zu finden sein", meinte Rigo. „Und das bedeutet wohl, dass wir dieses freudige Ereignis sehr bald vergessen werden."
„Leider", gab ich zerknirscht zu.
„Wir warten dann oben", meinte Fanny und zog die anderen mit sich aus dem Raum. Ich blieb mit Bobby allein.
„Ich würde gern mit dir gehen", meinte sie, während ich meine Arme um sie schloss. „Ich werde dich vermissen."
„Selbst wenn du nicht mehr weißt, wer ich bin?"
„Du bist mein Verlobter, der drei Monate vor unserer Hochzeit das Weise sucht! Das werde ich mir schon merken können." Es klang nicht wie ein Vorwurf, aber es fühlte sich danach an.
„Bobby, wenn du willst…."
„Nein. Ich will, dass du es machst. Mir zuliebe. Ich will Ihn tot wissen. Ich will wissen, dass jemand es wenigstens versucht!"
„Gut. Ich gehe."
„Ich warte auf dich", versprach sie und küsste mich zum Abschied.
Sich von den anderen zu verabschieden fiel mit schwer. Besonders nachdem ihre Erinnerungen bereinigt wurden. Aus ihrer Sicht ging ich für eine kurze Zeit ins Ausland, um in Asien auf Drachenschau zu gehen. Es war die offizielle Erklärung für mein Verschwinden für den Fall dass jemand danach fragen sollte.
Vor meiner Abreise stöberte ich noch einmal durch den Unterschlupf, denn ich im Keller des eigenen Hauses gefunden habe. Ich versuchte so viel wie möglich über die Zeit in die ich ging einzuprägen. Namen, Daten, Ereignisse und ihre Folgen. Nach einigem Nachdenken steckte ich eins der Tagebücher in die Tasche. Zwar würde ich die Ereignisse dort wahrscheinlich nicht miterleben, aber eine „nähere" Quelle gab es einfach nicht. Oben wartete meine Familie auf mich. Auch für sie ging ich in Vaters Auftrag nach Indien, um dort die asiatischen Drachen besser kennen zu lernen. Mann würde mich zu in drei Monaten zurück erwarten. Und zwar zu meiner Hochzeit mit Bobby. Sie war die einzige, die wusste, wohin ich wirklich ging. Es war ihre Bedingung, um mich gehen zu lassen. Sie wollte unbedingt „den Verstand behalten".
Nach einem kurzen Abschied von meiner Familie, apparierte ich zum Haus von Thea Grand. Sie hatte den Zauberspruch. Holly und sie haben es ausgearbeitet, Thea hat es letztendlich vervollständigt und perfektioniert. Aus Gründen der Sicherheit wurde beschlossen, dass der Zeitumkehrer und der Spruch in verschiedenen Händen bleiben sollten. Daher wurde ich aus dem Haus der Grands in die Vergangenheit aufbrechen.
Ich wurde von einem steifen Muggelbutler hereingelassen und darüber informiert, dass er mein Erscheinen augenblicklich den Herrschaften ankündigt.
Es Dauerte nur einen Augenblick, bis ich hereingebeten wurde. Ich wurde von Thea Grand und ihrem Mann erwartet. Ich habe beide nur kurz gesehen und kannte sie nicht persönlich. Ich bezweifelte auch, dass sie mich kannten. Daher verwunderte mich nicht, als ein mächtiger Schutzzauber über dem Raum gelegt wurde. Anerkennend sah ich zu, wie der blaue Schimmer langsam verblasste. Sollte jemand sich dem Raum nähren, würde er auf der Stelle getötet werden. Als ich wieder zu dem Paar blickte, merkte ich, dass der ältere Mann mich aufmerksam betrachtete. Hastig besann ich mich auf meine gute Erziehung und verbeugte mich kurz vor den beiden.
„Mrs. Grand! Mr. Grand! Ich freue mich Sie kennen zu lernen!", sagte ich mit aller Herzlichkeit, die ich im Augenblick aufbringen konnte.
„Wurden sie uns bitte ihren Namen nennen?", fragte mich der Mann und ich lief rot an. Verdammt! Da will man guten Eindruck machen und vergisst das Einfachste. Sich vorzustellen.
„Es tut mir Leid! Die Neuigkeit ließ mich meine gute Erziehung vergessen!", meinte ich verlegen. „Mein Name ist James Alexander Weasley! Und ich bin hier, um ihnen das hier anzuvertrauen!", verkündete ich voller Stolz und reichte Thea das kleine, in grauen Stoff gehülltes Päckchen. Vielleicht würde Thea unzufrieden bleiben und diese verrückte Sache abblasen. Ray beobachtete wie seine Frau das Päckchen in die Hände nahm.
„Du hast es gefunden! Ich weiß nicht was ich sagen soll...", Thea schienen tatsächlich die Worte zu fehlen. Wenn sie wüsste! Im Laufe der letzen Monate habe ich vier von diesen verdammten Dingen gefunden! Eins davon in dem Keller, den ich vor Jahren im eigenen Haus entdeckt hatte. Der Zeitumkehrer des Urgroßvaters Abbot war allerdings „nur" zwei Jahrhunderte alt.
„Wie alt ist es?", fragte Thea plötzlich, als würde sie ahnen, dass mich ausgerechnet diese Frage quellen würde.
„Höchstens fünfhundert, vielleicht noch weniger!", antwortete ich betrübt.
Ray weit aufgerissene Augen ließen erahnen, dass er langsam verstand, was für einen Plan seine Frau da schmiedete. Als sie das Päckchen endlich aufmachte, wurde der Mann leichenblass.
„Es war das Einzige, das ich kriegen konnte!", log ich. Niemand braucht zu wissen, dass irgendwo noch drei dieser Dinge herumlagen. „Aber ich denke nicht, dass es ein älteres Exemplar existiert! Höchstens bei dem Lord selbst, aber ich hoffe, Sie werden verstehen, dass ich nicht in die Nähe seines Schloßen will." Mich hätte aber eine entsprechende Anweisung des Ordens nicht gewundert. Bei dem Gedanken, wem sie einen solchen Auftrag anvertrauen konnten, festigte sich meine Entschlossenheit die Sache hier und jetzt selbst zu erledigen. Thea lächelte und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
„Ist schon gut, es wird funktionieren. Es muss funktionieren!"
Es dauerte eine halbe Stunde Ray in den Plan einzuweihen. Entgegen meiner Erwartungen wurde er nicht früher in die Sache einbezogen. Während Thea ihm ruhig die Einzelheiten berichtet, sprang er immer wieder auf, fluchte vor sich hin und knetete nervös die Hände.
„Seid ihr sicher, dass es diesen Potter tatsächlich gegeben hat?", fragte er endlich. Er schämte sich für seine Zweifel, aber er konnte sie nicht mehr bei sich behalten. Ich erinnerte mich an all die Tagebücher, Berichte und Zeugnisse aus dieser Zeit. Nein, Harry Potter gab es wirklich. Er war keine fiktive Figur. Er lebte wirklich. Natürlich könnte all das auch eine Täuschung sein. Eine ausgeklügeltes Vorhaben, um den Menschen Hoffnung in einer schweren Zeit zu geben.
„Ich bin davon überzeugt, dass er tatsächlich lebte!", sagte ich fest. „Es sind hunderte von Dokumenten aus verschiedenen Ländern, Quellen und Zeiträumen! Einige dieser Materialien stammen sogar von Muggel!" Diese letzte Bemerkung schien Ray am meisten zu überraschen. Kein Wunder. Für jeden normalen Zauberer waren Muggel nichts weiter als primitive Wesen, die nicht in der Lage waren selbstständig zu existieren. Thea, die dem Zauberspruch die letzten Feinheiten zufügte, hob den Kopf.
„Es kann unmöglich schlimmer werden! Sogar wenn die Zauberwelt sich wieder verstecken musste, wäre es tausendmal besser als jetzt!", sagte sie und sah mich und ihren Mann abwechselnd an, als suche sie unsere Zustimmung. Ich nickte. Wahrscheinlich hatte sie Recht.
Es dauerte fast drei Stunden, bis wir den Plan in aller Ausführlichkeit noch einmal besprochen haben. Wir überlegten uns jede Kleinigkeit und überlegten alle Möglichkeiten, die mir zur Verfügung standen. Angefangen von Vielsaft-Trank bis zu einer Aufnahme in die Reihen der Todesser. Als alles endlich fertig war, hängte ich mit das Stundenglas um den Hals.
„Warum ausgerechnet du?", fragte mich Ray. Weil ich nicht zulassen kann, dass meine Familie und meine Freunde in Gefahr gebracht werden? Weil ich jung und verrückt genug bin, um mich auf so etwas einzulassen? Weil Bobby mich darum gebeten hat?
„Ich habe alles was in der Bibliothek meiner Eltern war gelesen", antwortete ich. „Auch alles, was Rigo mir zur Verfügung stellen konnte, habe ich studiert. Ich glaube nicht, dass es heute jemanden gibt, der mehr über diese Menschen und ihre Zeit weis als ich!" Das war auch eine Wahrheit. Ray nickte.
„Du muss vorsichtig sein! Verrate die Wahrheit nur wenn es unbedingt sein muss!" Diese Anweisung gab mir Thea schon um hundertsten Mal. Offenbar war sie nicht weniger aufgeregt, als ich es war und wiederholte daher alles. Auch das, was ich längst begriffen hatte.
„Der Zeitumkehrer allein reicht nicht. Er ist für solch weite Reisen gedacht. Mit diesem Spruch soll es funktionieren. Ich weis nicht wie es funktioniert, aber es könnte sein, dass du so zu sagen ein „Zwischenstopp" einlegen muss. Ich hoffe du wirst Erfolg haben!" Sie drückte mir das Pergament in die Hand. Auch das hätte sie sich sparen können ich kannte es mittlerweile auswendig.
„Du muss es selbst sprechen. Wenn du angekommen bist wirst du sehr schwach sein, denn die Reise wird viel Kraft verbrauchen. Wenn alles gut geht, müsste die Rückreise kein Problem sein... und wenn nicht, dann bleibe lieber dort..." Diese Anweisung war neu. Aber ich hatte ohnehin nicht vor sie zu befolgen.
„Viel Glück!", sagte Thea und umarmte mich plötzlich. Unter Rays mürrischen Blick wurde ich rot.
„Viel Erfolg!", sagte der Mann und schüttelte meine Hand. Ich nickte ihm anerkennend zu und trat dann einen Schritt zurück. Es war soweit. Vor Aufregung und Angst zitterten meine Beine und mein Kopf fühlte sich auf einmal völlig leer an. Dankbar klammerte ich mich an den Fetzen Pergament mit dem Spruch. Ich war dankbar, dass mich wenigstens daran halten konnte. Meine Stimme zitterte, als ich den Spruch las. Mit den letzten Silben drehte ich das Stundenglas um. Die Welt um mich herum wurde zu einer bunten Mischung aus Farben, Tönen, goldenen Funken und dem schwarzen Nichts...
