Kerkermond
Lady of the Dungeon
Alle Figuren gehören J.K. Rowling. Ich werde sie unbeschadet zurückgeben, soweit sie selbst diese Figuren angemessen behandelt.
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Vielen Dank für die Reviews zu Kapitel 7 an Nadjahaexe, Silbergold und Reinadoreen.
Nach den Überraschungen des letzten Kapitels ist der Inhalt des hiesigen beinahe vorhersehbar – oder doch nicht?
9. Severus: Niederlage und Betrug
Als Lucius Malfoy mit Narcissa im Schlepptau in den Exekutionsraum trat und Pettigrew sowie alle anderen Wächter fortschickte, wusste Severus, dass sich sein schlimmster Albtraum anschickte, Realität zu werden.
Man durfte einem Gegner niemals seine Schwäche offenbaren, und genau das hatte Severus getan, als Lucius ihn in Narcissas Armen vorgefunden hatte.
Doch noch war das Spiel nicht verloren, die Schlacht nicht geschlagen. Narcissa war auch Lucius' weicher Punkt. Er würde vielleicht damit drohen, sie zu foltern. Vielleicht war er auch so wütend und verletzt, dass er sie tatsächlich mit dem Cruciatus bestrafen würde. Aber er würde niemals so weit gehen, sie bis zum Äußersten zu bringen. Er würde Narcissa nicht opfern.
„Hast du es bequem da oben, Severus?" fragte Lucius kalt.
Es ist nur Fassade, diese Kälte, sagte sich Severus. Er antwortete nicht und Lucius nötigte ihm auch keine Antwort ab, obwohl das jetzt eigentlich Teil des Spiels gewesen wäre.
Stattdessen fesselte Lucius seine Frau mit ein paar schlichten magischen Stricken zu Severus' Füßen an einen der Ringe in der Wand.
Ohne ein weiteres Wort richtete er seinen Stab auf Severus.
„Crucio."
Eine heiße Flamme raste in irrsinniger Geschwindigkeit durch jede Faser von Severus' Körper, er konnte kaum atmen, doch das musste er, wenn er schreien wollte, und schreien wollte er. Er hörte Narcissa Stimme, sie flehte Lucius offenbar an, von ihm abzulassen, aber die einzelnen Worte konnte er nicht verstehen. Der Hitze folgte ein Reißen, als versuchte ein ganzes Rudel Riesenspinnen aus dem verbotenen Wald Stücke aus seinem Körper zu schneiden und hörten auf halben Wege mit den Schneiden auf, um nur noch zu zerren und ihn auseinander zu reißen.
„Finite incatatem."
Lucius hatte den Stab gesenkt.
„Er weiß es doch nicht, Lucius, bitte, bitte, hör auf!"
Narcissa liefen Tränen über die Wangen. Sie kniete zu seinen Füßen und rang die Hände.
„Sei still, Cissy. Silencio."
Narcissas Worte wurden unhörbar.
„Das war nur eine Erinnerung, Severus. Damit du weißt, wie es sich anfühlt. Und jetzt sag mir wo Potter ist."
Lucius' Stimme war eisig, und der Blick seiner grauen Augen stand ihr in nichts nach.
Severus schüttelte den Kopf. Die Robe klebte ihm am Leib, und seine Muskeln brannten immer noch wie Feuer.
„Ich kann es dir nicht sagen, Lucius. Ich weiß es wirklich nicht. Warum sollten sie es mir verraten? Meine Chancen, irgendwann in Voldemorts Fokus zu gelangen, waren doch viel zu hoch."
Lucius schüttelte scheinbar resignierend den Kopf.
„Muss ich Narcissa das wirklich antun? Du wirst es am Ende doch ohnehin sagen."
Merlin! Severus schloss die Augen. Cissy, verzeih mir.
„Bestrafe deine Frau ruhig, wenn es dir etwas gibt."
Gott, seine Stimme klang nicht nach ihm selbst.
„Sie ist für mich nur eine gelegentliche Abwechslung gewesen, mehr nicht."
Severus versuchte, jedes Gefühl aus seinen dunklen Augen zu verbannen. Es war nur eine kleine Chance, dass Lucius auf diese Masche reinfiel, aber dennoch…
Doch es waren Lucius' Augen, die kalt und gefühllos waren, als er jetzt den Stab auf seine Frau richtete.
„Finite silencio."
Ein letzter Blick zu Severus. Der schüttelte stumm den Kopf.
„Lucius, nein", bat Narcissa.
„Crucio!" rief Lucius, und es war mehr ein Schrei als ein Fluch.
Narcissa begann sofort, sich in Krämpfen zu winden. Ihre Fesseln ließen ihr jede Menge Raum, so dass sie mit dem Kopf gegen den harten Boden schlug. Sie verlor das Bewusstsein.
„Finite incatatem."
Lucius kniete an ihrer Seite. „Sanitas."
Merlin sei dank, dachte Severus. Er glaubte nicht, dass Lucius fortfahren würde. Die Sorge um seine Frau stand ihm ins Gesicht geschrieben. Aber er hatte Lucius' Willensstärke unterschätzt. Nachdem dieser sich vergewissert hatte, dass Narcissa nicht schwerer verletzt war, wirkte er einen ‚Enervate'.
Er sah Severus an. „Wo versteckt sich Potter?"
„Ich weiß es nicht. Bitte glaub mir doch."
„Dir werde ich nie wieder etwas einfach so glauben, Severus. Du hast mich eines Besseren belehrt."
Er richtete den Stab wieder auf seine Frau.
„Crucio."
Diesmal hatte er die magischen Stricke enger gezogen, Narcissa hatte weniger Bewegungsfreiheit, und so konnte sie sich nicht verletzen. Fast eine halbe Minute kämpfte sie gegen den Schmerz, die Hände und Arme um ihren Kopf geschlungen, auf den Lucius seinen Stab gerichtet hatte. Dann endlich begann sie zu schreien.
Severus wartete, er flehte innerlich, dass Lucius den Stab senken möge, aber es sah nicht so aus, als würde der blonde Zauberer nachgeben.
Narcissa Schreie wurden durchdringender. Es gab keine Gewöhnung an diesen Schmerz, das wusste Severus aus eigener, bitterer Erfahrung.
Nach einer Viertelstunde hatte Severus genug.
„Hör auf, Malfoy!"
Lucius ließ den Stab sinken, aber er hob den Zauber nicht auf. Narcissa schrie und krampfte immer noch.
„Ich höre, Severus!"
Er sah zu dem dunkelhaarigen Zauberer hinüber, sein Gesicht war schweißüberströmt, seine Miene grimmig.
„Ich weiß nicht, wo Potter ist, Lucius", rief Severus über Narcissas Schluchzen hinweg, das sich jetzt einstellte und die Schreie ersetzte. „Und wenn du sie umbringst, ich weiß es einfach nicht."
Lucius drehte sich von ihm fort und richtete den Stab abermals auf seine Frau. Sie begann sofort wieder sich zu winden und laut zu schreien. Nach etwa einer Minute sagte er: „Finite incantatem."
Severus holte tief Luft.
„Ich spiele keine Spiele mehr mit dir, Severus", sagte Lucius.
„Ich habe nur aufgehört, weil mir die Lautstärke zusetzt. Ich bekomme Kopfweh. Silencio! Crucio."
Es war ein entsetzliches Schauspiel, wie sich Narcissa Malfoys schlanker Leib verbog, unter unendlichen Schmerzen krümmte, und ihr Mund stumme Schreie ausstieß. Severus schloss die Augen, aber er sah es trotzdem.
Ganz offenbar war Lucius Malfoy fest entschlossen, seine untreue Frau umzubringen, um an Harry Potters Aufenthalt zu kommen. Götter, er durfte das nicht zulassen. Nicht Cissy, nicht so. Aber Severus hatte das große Problem, dass er tatsächlich keine Ahnung hatte, wo genau Potter war, Lucius ihm jedoch nicht glauben würde. Natürlich hatte Severus eine Vermutung, wer es wissen konnte. Und wenn er nicht bald etwas anderes sagte als ‚ich weiß es nicht', würde Narcissa sterben – auf die grausamste Art, die er sich vorstellen konnte. Und würde Lucius aufhören, wenn er ihm sagte, was er wirklich wusste, auch wenn es nicht die ersehnte Information war?
„Finite incatatem."
Severus blickte auf. Blutiger Schaum lief aus Narcissa Mund, und wieder kniete Lucius an ihrer Seite und murmelte Heilzauber.
„Ich bin erstaunt, dass du über so viele Jahre die Mühe auf dich nimmst, dich heimlich mit derselben Frau zu treffen, Severus. Die Betten der Frauen um den Dunklen Lord standen dir offen – Bellatrix Blacks zum Beispiel. Welch ein Risiko bist du eingegangen – irgendwann musste es herauskommen."
Malfoys Stimme klang interessiert, aber emotional völlig unbeteiligt.
„Das Risiko machte es erst interessant", log Severus.
Lucius sah zu ihm auf. „Ach, da habe ich doch glatt etwas vergessen."
Er zog eine kleine Phiole mit einer klaren Flüssigkeit aus der Tasche. Der Trank zog sich im Glas sternförmig an dessen Wand hoch.
„Deine tägliche Dosis Veritaserum."
Er zog es in eine kleine Kanüle und injizierte es Severus mit der routinierten Geschicklichkeit eines Heilers in eine Vene am Fuß. Malfoy wartete eine Weile, dann wandte er sich wieder Narcissa zu und untersuchte sie. Sein Stab blinkte gelb, an einige Stellen blau. Offenbar waren bereits Knochen gebrochen.Lucius zuckte die Schultern, dabei sah er schrecklich aus. Seine Haare klebten ihm strähnig im Gesicht und sein Gesicht trug einen Ausdruck von Abscheu, den Severus an ihm noch nie gesehen hatte.
„Und jetzt sag mir noch mal, warum du unsere Freundschaft verraten hast, Severus, lange bevor es aus übergeordneten Gründen vielleicht nachvollziehbar gewesen wäre."
Die Spitze von Lucius' Stab wies auf Narcissas Bauch.
„Silencio. Cru…"
„Nein! Lucius, bitte nicht mehr. Ich schwöre dir, ich weiß nicht, wo Potter sich versteckt hält. Was soll ich tun, damit du mir glaubst?"
„Da gibt es wohl nicht mehr sehr viel, dass du tun kannst, Severus", erwiderte Lucius eisig.
Die Gedanken in Severus' Kopf wirbelten wild durcheinander. Merlin, er hatte Lucius anders eingeschätzt. Grausam, ja, skrupellos, auch, Voldemort absolut ergeben, das war offensichtlich, aber für gefühllos im Bezug auf seine Familie hatte er ihn nie gehalten.
Narcissa war sich so sicher gewesen, dass Lucius ihr letztlich alles vergeben würde. Nun, auch sie hatte sich offenbar getäuscht.
Lucius hob den Stab, dann ließ er ihn wieder sinken.
„Aber wenn ich davon ausgehe, dass dein Antiveritaserum alle ist und ich eben eine ziemliche Dosis eines neu modifizierten Tranks in dein Blut appliziert habe, sagst du vielleicht die Wahrheit."
„Du wusstest von dem Antidot?" entfuhr es Severus. Er war so vorsichtig gewesen.
„Ich wäre ein schlechter Kerkermeister, wenn ich es nicht gewusst hätte. Außerdem kenne ich dich seit zwanzig Jahren. Warum Narcissa, Severus? Warum ausgerechnet meine Frau?"
Lucius fixierte ihn durchdringend.
Severus schloss die Augen, sammelte sich, dann begegnete er dem kalten Blick des anderen Mannes.
„Weil ich mich in sie verliebt habe. Es tut mir leid, Lucius. Deine Freundschaft war stets…aufrichtig im Rahmen deiner Möglichkeiten. Selbiges galt auch lange für mich. Aber Narcissa ist…" Merlin, Narcissa war die eine Person, deren Leid er nicht ertragen konnte. Sie war sein Waterloo.
„Ich hätte uns allen diese Situation gerne erspart."
Er suchte nach einem Funken Menschlichkeit in Lucius Malfoys eisgrauen Augen.
Er fand ihn in seiner Stimme. „Wenn das so ist, dann hättest du sie heute Abend besser wieder nachhause geschickt, anstatt mit ihr…verdammt! Hättest du dich stattdessen mit ihrem Stab hier heraus gekämpft, ich hätte deine Flucht keine vierundzwanzig Stunden überlebt, Severus."
„Das weiß ich. Du nicht, aber Draco auch nicht. Narcissa liebt ihren Sohn über alles. Stirbt er meinetwegen, verliere ich sie. Ich hatte keine Wahl, Lucius. Ich kann sie nicht schützen. Du kannst es."
Bei Merlin, es stimmte. Nur Lucius' Stellung würde Narcissa unter Voldemorts Regime eine gewisse Sicherheit garantieren. Wenn ihre Liaison mit ihm, dem Verräter, bekannt wurde, war sie so gut wie tot.
Lucius warf Severus einen langen, bohrenden Blick zu. Er zog den Rest des Veritaserum aus der Tasche, setzte die Phiole an die Lippen und trank.
Dann sagte er: „Wenn ich Potters Versteck nicht binnen fünf Tagen lokalisiert habe, brennt Narcissa. Ich meine das wörtlich."
„Was willst du mir sagen, Lucius? Dass du sie mit einem Inflammare belegst? Das glaube ich dir nicht."
„Nicht ich. Draco. Genau das hat der Dunkle Lord mir vor wenigen Stunden avisiert. Und jetzt, Severus, sag mir, was du über Potter weißt. Mir ist klar, dass du seinen Aufenthaltsort nicht kennst, aber ich bin überzeugt, du hast einen Schlüssel dazu."
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Als Severus, mit einem Petrificus belegt, eine halbe Stunde später von zwei Todessern in seine Zelle verfrachtet wurde, hatte er den Mann preis gegeben, der zumindest nach seinem Dafürhalten wusste, wo Potter versteckt wurde.
Es hatte Lucius Malfoy letztlich nur eine Stunde gekostet, das Schweigen des Severus Snape zu brechen.
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„Finite incatatem." Sie lösten den Zauber, sobald die Kerkertür ins Schloss gefallen war, und Severus stolperte. Er schleppte sich zu dem Bündel aus Decken und Stroh hinten in der Ecke. Als er es berührte, stöhnte es auf. Er zog die Decke von der Gestalt herunter.
„Cissy! Aber das ist nicht möglich. Du warst eben noch unten im Exekutionsraum."
„Lucius hat dich ausgetrickst. Er hat einen der Gefangenen bringen lassen, und ihm versprochen, dass er ihn laufen lässt, wenn er sich für mich ausgibt, sich so verhält und sich dem Cruciatus aussetzt", flüsterte sie.
„Aber wie…?" Severus war konsterniert. Mental hatte ihn diese Stunde dort unten so unendlich viel gekostet.
„Ach, Severus. Bist du nun ein Tränkemeister? Vielsafttrank. Er hat mir eine Strähne ausgerissen und der Fremde hat dann getrunken. Dann hat Lucius mich betäubt. Er muss mich hierher gebracht haben."
Severus schluckte trocken. Natürlich… Narcissa hatte ihren Ehemann doch richtig eingeschätzt. Lucius hatte es nicht über sich gebracht, seine Frau zu foltern. Stattdessen hatte er einen Deal mit einem der gefangenen gemacht. Schmerz gegen Freiheit. Beinahe jeder hier unten im Kerker wäre darauf eingegangen.
Er war auf Lucius' Charade hereingefallen. Wie hatte er nur so dumm sein können?
„Du konntest nicht ahnen, dass er so gerissen sein würde", sagte Narcissa sanft, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Sie zog ihn in eine Umarmung.
Severus legte resigniert den Kopf an ihre Schulter. "Ich hätte es wissen müssen." Er hatte noch Fragen. „Warum bist du hier, Cissy? Warum hat er dich nicht mitgenommen nach Malfoy Manor?"
Sie schlug die Augen nieder. „Ich befürchte, Lucius hat seine Prioritäten neu geordnet. Er kann mich vielleicht nicht foltern, aber er kann mich aus seinem Leben verbannen. Ich bin ein Sicherheitsrisiko – für ihn und für Draco."
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Die nächste, die eine Ahnung davon bekam, wie sehr sich Malfoys Prioritäten geändert hatten – allerdings ohne zu ahnen, was da vor sich ging – war Fleur Delacour. Sie hatte eben einen letzten hilflosen Blick in Lupins Hundefuttereimer geworfen und beschlossen, sich für den Rest ihres Lebens vegetarisch zu ernähren.
„Ich dachte immer, Veelastämmige hätten einen Hang zu rohen Speisen", sagte Lupin mit seinem typischen müden Lächeln.
„Was mich betrifft, beschränkt sich dieser Hang auf Filet Mignon und Entrecôte double", belehrte ihn Fleur.
Sie sah zu ihm hinüber. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Übermorgen war Vollmond, hoffentlich saß sie dann wieder bei Severus Snape im Kerker. Aber nein, sie würden Lupin ja fortbringen, zu diesem grässlichen Kampf.
„Wie sehr ich hoffe, dass Sie Greyback töten werden, Remus", brach es aus ihr heraus.
„Haben Sie Angst?" fragte sie, bevor sie sich selbst Einhalt gebieten konnte.
Er hielt ihren Blick eine ganze Weile, bevor er zu Boden blickte.
„Ich wäre ein Narr, keine zu haben. Nicht einmal jemand wie ich rennt dem Tod mit offenen Armen entgegen, und von Greyback zerrissen zu werden…"Seine Stimme versagte. Er schlang die Arme um seine Schultern, wie um sich selbst Halt zu geben.
„Wenn mein Tod wenigstens einen Sinn hätte, wenn er zu Harrys Sieg betragen könnte. Ich habe immer an unsere Sache geglaubt, Fleur. Uns allen, damit meine ich Sirius, Albus, Minerva, Moody und…und Tonks war immer bewusst, dass es jeden von uns erwischen konnte, jeden Tag in den letzten Jahren. Aber wir hatten die Hoffnung, dass es am Ende nicht umsonst sein würde, dem großen Ganzen dienen würde: Voldemort aufzuhalten. Wie es scheint, haben wir versagt."
„Wo Leben ist, ist Hoffnung", warf Fleur ein, und sie glaubte daran.
„Das haben Sie sehr treffend formuliert, Mademoiselle", vernahm sie eine glatte, kühle Stimme von der Tür her.
Die Tür des Kerkers schwang auf, ohne dass Lucius Malfoy etwas sagte. Er hielt seinen Zauberstab auf Lupin gerichtet, verzichtete jedoch ganz offenbar darauf, die Ketten des Werwolfs zu kürzen.
„Zwei Besuche an einem Tag in meinem Kerker, was ist los, Malfoy? Haben Sie Snape endlich umgebracht?" fragte Lupin auf für ihn sehr untypisch provozierende Art.
Doch der Angriff glitt an Malfoys glatter Fassade ab.
„Heben Sie sich besser Ihren Atem für die Vollmondnacht auf, Lupin", empfahl er.
„Miss Delacour, ich benötige Ihre Dienste. Wenn Sie mir bitte nach oben folgen wollen?"
Fleur erhob sich, und warf einen letzten Blick auf Lupins abgerissene Gestalt. Er hatte nicht einmal versucht, Malfoy zu überrumpeln. Sie konnte es ihm nicht verdenken.
„Viel Glück, Remus", sagte sie, dann folgte sie Lucius nach oben.
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Er beorderte sie in sein Büro.
„Sie wünschen nach Marokko zurückzukehren, Miss Delacour?"
Ihr blieb beinahe das Herz stehen. Woher wusste dieser Mann davon, dass sie dort untergeschlüpft war? Ihr entsetzter Blick musste sie verraten haben, denn ein feines, raubtierähnliches Lächeln spielte um seine Lippen.
„Dachten Sie, die Organisation um den Dunklen Lord wäre nicht in der Lage, Ihr kleines Wüstenversteck ausfindig zu machen? Nun, das war ein Irrtum."
„Sie bluffen!" entfuhr es ihr.
„Aber nein. Sehe ich aus, als hätte ich das nötig? Sehen Sie."
Über den Schreibtisch hinweg, der sie trennte, ließ er einen runden, silbrigen Gegenstand auf sie zurollen. Sie wusste, worum es sich handelte, noch bevor sie die Hand um Bills Ring schloss.
„Was sind Sie nur für ein Mensch, Mr. Malfoy? Sind Sie überhaupt einer?" schrie sie ihn an.
Sein Blick gebot ihr zu schweigen.
„Wahren Sie Ihre guten Umgangsformen, Miss Delacour. Diese tragen neben Ihrer Schönheit erheblich zu Ihrem Charme bei. Ich versichere Ihnen, dass Ihr Verlobter bei guter Gesundheit ist – noch. Die weitere Entwicklung dieses Zustand wird sehr maßgeblich von Ihrer Kooperation abhängig sein." Malfoy entnahm dem Schrank zwei Gläser. In das seine schenkte er aus einer bauchige Karaffe eine dunkelroten, erdig riechenden Wein hinein, in das ihre goss er klares Wasser. Diesem fügte er ein paar Tropfen einer klaren Substanz aus einem winzigen Fläschchen hinzu.
„Was ist das?" fragte sie.
„Trinken Sie, Mademoiselle."
Mit zitternder Hand griff sie zum Glas und hob es an die Lippen.
„Ich versichere Ihnen, es enthält kein Gift. Tot nützen Sie mir nichts mehr." Lucius hob sein Weinglas. „Salut!"
Fleur trank. Sie schmeckte nur klares, reines Wasser.
„Veritaserum, wie Sie sich bestimmt schon gedacht haben", erläuterte Lucius. „Eine nützliche, ungefährliche Droge."
Er wartete einen Moment, bis der Zaubertrank seine Wirkung entfalten würde.
„Ihre Großmutter war eine Veela?" erkundigte er sich.
Fleur nickte.
„Wie funktioniert der Zauber, mit dem Sie bis Marokko apparieren konnten, Miss Delacour? Spurlos, fast jedenfalls."
„Ich kann es nicht erklären", antwortete sie. „Man muss die gewöhnliche Magie des Apparitionszaubers konzentrieren und dann in der Kraft der alten Magie erblühen lassen. Es ist wie… atmen, um ein Kind zu gebären."
„Klingt interessant, aber scheußlich", stellte Malfoy fest.
„Wie kommt es, dass Sie trotz der Apparitionssperre fliehen konnten, die über der Stelle lag, an der Sie von uns angegriffen wurden?"
„Die Veelamagie durchbricht derlei arkane Strukturen. Oder eigentlich…umfließt sie sie eher."
Fleur wusste nicht genau, wie sie es erklären sollte. Es geschah einfach.
„Wie lange kann man die Schwäche in den Apparitionsschutzschilden, oder vielmehr das Durchdringen nachweisen, wissen Sie das?"
Malfoy nahm noch einen Schluck seines Weines.
„Ich habe keine Ahnung", bekannte Fleur.
„Schade. Aber gut, dann müssen wir das eben riskieren. Eine letzte Frage, Miss Delacour. Veela besitzen angeblich ein hervorragendes Orientierungsvermögen, ein Rest ihres Falkenerbes. Falls Sie von hier disapparieren würden, nur mal angenommen, Sie wären in der Lage, den Schild, der auf dieser Anlage liegt zu ‚umfließen'. Würden Sie zurückfinden?"
Fleur sah Malfoy in die sturmgrauen Augen.
„Ja. Wenn ich zurückkehren müsste, um Bill zu retten, würde ich es finden. Aber es ist illusorisch, denn ohne Zauberstab kann auch ich nicht von hier fliehen, sonst hätte ich es längst getan."
Lucius nickte bedächtig. „Ja, das hätten Sie wohl." Er erhob sich.
„Ihr Weg führt nach Norden, Miss Delacour. Apparieren Sie nach Kopenhagen. Verschaffen Sie sich Zutritt zu Mortensen & Mortensen & Co. Der Geschäftsführer ist ein Lars Mortensen. Ich gebe Ihnen einen Brief, den Sie Mortensen überbringen werden. Sagen Sie ihm, wer Sie schickt und dass die Tarnung seines Bruders Søren aufgeflogen ist. Danach lassen Sie sich von Lars helfen. Er ist ein Freund."
„Ihr Freund oder meiner?" fragte sie.
„Ihrer, das hoffe ich zumindest."
Lucius Malfoy lächelte nicht mehr. Er sah jetzt aus wie jemand, der eine unsägliche Last auf seinen Schultern trug.
„Was ist mit Bill?"
Ihre Stimme schwankte.
„Er wird überleben, wenn Sie sich an diese Anweisungen halten. Ich gebe Ihnen mein Wort."
„Ihr Wort? Was ist Ihr Wort denn noch wert, Mr. Malfoy?" fauchte sie.
„Das wird sich in Dänemark erweisen, Miss Delacour."
Er trat zu ihr. Aus der obersten Schublade seines Schreibtisches entnahm er ein versiegeltes Pergament, ein längliches Päckchen und eine Schere, außerdem eine Phiole. Letztere steckte er ein, dann schnitt er Fleur eine lange Strähne vom Kopf.
„Ich neige zur Sentimentalität", sagte er und steckte das blonde Haar in seine Umhangtasche. Als letztes reichte er ihr den Brief und das Päckchen. Fleur wusste, was in dem seidenen Einschlagtuch war, bevor sie es entrollte.
„Es ist der Stab meiner Frau. Er sollte gut zu Ihnen passen. Hüten Sie ihn sorgfältig."
Malfoy fixierte ihre Augen als suche er etwas darin.
„Wann muss ich hierher zurückkommen?" fragte sie.
Merlin, es schien, als wolle er sie tatsächlich laufen lassen. Doch sie würde zurückkehren müssen. Er hatte Bill, der Ring bewies es.
„Auch das wird sich erst noch herausstellen", erwiderte Malfoy. „Wichtig ist nur, dass Sie den Weg hierher finden, wenn es nötig werden sollte."
Er trat zur Tür.
„Bonne chance, Mademoiselle Delacour."
Fortsetzung folgt
