Kapitel 9: „Fortune`s Fool"

Gillian verlagerte das Gewicht auf dem Balken, erhob sich und huschte geduckt ein paar Meter weiter, bis sie sich an einer Position genau über dem Sessel, an dem Steve gefesselt war, befand.

Steve war ruhig und gelassen. Seine violetten Augen funkelten, während er die beiden Vampire beobachtete, in deren Gefangenschaft er sich befand.

Aus irgendeinem Grund lächelte er.

Darren Shan warf ihm misstrauische Blicke zu. „Was hast du mit Gannen Harst zu schaffen? Und wer ist der Lord der Vampaneze?", rief er.

Steve schnaubte verächtlich.

Larten Crepsley hörte auf im Raum auf und ab zu tigern. „Zwecklos, Darren. Er wird nichts preisgeben."

Er sah zu Steve.

„Wir müssen warten, bis Vancha hier ist…"

Gillian schluckte bei dieser Drohung.

„Wozu warten?", höhnte Steve. „Willst du dir die Hände nicht schmutzig machen, Crepsley?"

„Meine Hände sind bereits schmutzig, Leopard", antwortete er bekümmert.

Er trat dichter an den Sessel heran und baute sich drohend vor ihm auf.

„Ich weiß, du wirst uns nichts über den Lord der Vampaneze verraten. Aber vielleicht kannst du mir etwas anderes sagen."

Er beugte sich vor. „Weißt du, wo Gillian ist?"

Gillians Herz machte einen erschrockenen Hüpfer.

Larten suchte nach ihr!

Warum?

Um seine fehlgeleitete Schülerin zur Strecke zu bringen, wie Steve es ausgedrückt hatte?

Aber er war nicht hier, um sie zu jagen, er war ausgeschickt worden, den Lord der Vampaneze zu finden und zu töten!

Eine große Verantwortung lastete auf seinen und Darrens Schultern.

Von dem Gelingen ihrer Mission hing es ab, ob die Vampire den Krieg überlebten oder ob sie alle vernichtet wurden.

Er, Darren Shan und Vancha March waren auserwählt worden.

Oder hatten sie sich freiwillig gemeldet?

Warum nur war Larten dabei?

Er war der einzige der Jäger, der kein Fürst war.

Sie hätten auch Mika Ver Leth oder Arrow schicken können.

Und warum hatten sie den jungen, unerfahrenen Darren gesandt?

War Larten mitgekommen, um ihn zu beschützen?

Steve grinste. „Gillian? Wißt ihr etwa nicht, wo sie ist? Ihr seid doch ihr Lehrmeister, ihr solltet es wissen."

„Mach dich nicht über mich lustig!", fauchte Larten. „War sie bei den Vampaneze? Hast du sie gesehen?"

Steve genoß die Situation sichtlich. „Ist sie wieder einmal weggelaufen? Tsts…dann war sie wohl nicht sehr glücklich bei euch." Er lachte leise.

„Hast du sie gesehen?", knurrte der Vampir in dem roten Mantel.

„Bei den Vampaneze? Warum sollte sie denn bei den Vampaneze sein, sie ist doch ein Vampir so wie ihr." Er grinste breit.

Larten wandte sich ab, und strich sich über die Narbe in seinem Gesicht. „Ich weiß nicht… Kurda sagte, es gäbe keine Spur von ihr. Es ist, als hätte sie sich in Luft aufgelöst…"

Gillians Augen wurden groß, als sie den Ausdruck in Lartens Gesicht sah.

Er wollte sie nicht finden, weil er sie zur Strecke bringen wollte!

Er wollte sie finden, weil er sie vermisste!

Es schmerzte ihn, nicht zu wissen, wo sie war…

Oh, Larten.

Ihr Herz flog ihm zu.

Sie presste ihre Hände vor den Mund, denn sie befürchtete, einen Laut von sich zu geben.

Ich bin hier!, rief ihr Herz und mit jeder Faser ihres Körpers sehnte sie sich danach, sich zu erkennen zu geben, nach unten in den Raum zu springen, und sich in seine Arme zu werfen.

Sie fasste nach der Kapuze, die ihr Gesicht verbarg, und zog sie vom Kopf…

„Wir sind nicht hier, um die verurteilte Vampirin zu suchen, Larten!"

Vancha March betrat mit schnellen Schritten den Raum.

Larten nahm Haltung an und der wehmütige Ausdruck in seinem Gesicht verflog: „Ja, euer Gnaden."

Gillian rümpfte die Nase.

Der Vampirfürst Vancha March trug einen geflickten Fellumhang und sah wild und gefährlich

aus.

„Vancha!", rief Darren erfreut. „Du bist ihnen entkommen!"

Der Fürst der Vampire steckte einen seiner langen Fingernägel in den Mund und bohrte sich zwischen den Zähnen. „Nicht entkommen. Sie sind uns gar nicht gefolgt. Nicht ein einziger Vampaneze war hinter uns her. Man hat uns nicht einen Vorsprung gegeben, man hat uns entkommen lassen…" Er spuckte ein Stück Fingernagel auf den Boden.

Darren starrte ihn verblüfft an.

„Entkommen lassen? Aber warum…?"

„Das…", sagte Vancha und trat bedrohlich an den Gefangenen heran, "… wird er uns beantworten müssen."

„Wir können ihn nicht foltern", rief Darren.

Vancha hob eine Augenbraue und grinste auf Steve herunter.

„Oh, doch, das können wir. Schließlich werden wir unseren Fang nicht einfach so wieder laufen lassen. Wo er doch dem alten Gannen Harst so wertvoll zu sein scheint…" Er stemmte die Hände rechts und links von Steve auf die Armlehnen des zerschlissenen Sessels und grinste Steve böse an.

Steve fletschte die Zähne.

Über ihnen auf den Dachbalken erhob Gillian sich in einer raschen Bewegung und zog den Dolch.

Krümme ihm auch nur ein Haar, Vancha March und du bist eine Leiche!, dachte Gillian grimmig und machte sich bereit, auf den Vampir herab zu springen.

Larten Crepsley runzelte die Stirn.

Etwas stimmte nicht mit dem Licht.

Schon seit einer Weile war ihm, als würde sich das Licht in diesem Raum merkwürdig verhalten. Die Schatten in den Ecken waren zu dunkel, der Raum lag zu sehr in Zwielicht, die Nacht war zu tief…

Er hob den Kopf und sah zur Decke.

In dem Moment knallte grelles Scheinwerferlicht durch das zerbrochene Fenster.

„LEGT EURE WAFFEN NIEDER UND KOMMT MIT ERHOBENEN HÄNDEN HERAUS!", rief eine Stimme durch ein Megafon.

Alle zuckten zusammen, bis auf Steve, der grinsend zu den Vampiren sah.

„Was?", keuchte Vancha und stürzte zum Fenster. Er musste die Hände vor das Gesicht halten um gegen das grelle Scheinwerferlicht anblinzeln zu können, das vom Dach gegenüber auf ihr Stockwerk gerichtet wurde.

Über ihnen hörten sie, wie sich ein Hubschrauber dröhnend herabsenkte und ein paar Stockwerke über ihnen in der Luft stehen blieb. Vancha sah, wie ein Soldat im Cockpit ein Gewehr auf ihn richtete.

Schnell duckte er sich weg und bedeutete den anderen mit hektischen Gesten, von den Fenstern wegzubleiben.

Darren Shan und Larten Crepsley huschten an die Wand und pressten sich dagegen.

„Polizei und Militär!", fluchte Vancha. „Die ganze Strasse ist voll!"

„DAS GEBÄUDE IST UMSTELLT!", rief wieder die Stimme durch das Megafon. „LASST DIE GEISEL FREI UND ERGEBT EUCH !"

„Raus hier!", zischte Mr Crepsley. „Die knallen uns sonst ab."

Vancha March nickte. „Was machen wir mit ihm?" Er deutete auf Steve, der noch immer gefesselt in dem Sessel saß, das Licht der Scheinwerfer verfehlte ihn knapp.

„Wir müssen ihn zurücklassen. Er hält uns nur auf. Außerdem sind sie wegen ihm hier. Sie würden uns nur bis in alle Ewigkeit verfolgen, wenn wir ihn mitnehmen."

Vancha March sah gar nicht glücklich aus. „Wir sollten ihn abmurksen…"

„Nein, Vancha", sagte Darren eindringlich. "Larten hat recht. Wir müssen uns beeilen. Komm. Bevor das Gebäude ganz umstellt ist."

„Durchs Fenster!" befahl Larten Crepsley knapp, und deutete auf die Fenster auf der anderen Seite des Raumes.

„Wir sind im fünften Stock", rief Darren schrill.

„Du schaffst das schon", sagte Larten trocken, packte Darren an der Schulter und rannte los.

Vancha March folgte.

Die drei Vampire stürzten sich aus den Fenstern und Gillian trat einen Schritt vor und ließ sich von dem Dachbalken die paar Meter in den Raum unter sich fallen.

Der grüne Umhang bauschte sich hinter ihr, als sie genau zu Füßen des gefesselten Lords aufkam und sich mit einer Hand am Boden abstützte.

Sie hob den Kopf und sah unter ihren Haaren hervor zu Steve.

Der starrte sie verblüfft an.

Gillian sagte nichts, sondern huschte hinüber zu den Fenstern, durch die die Vampire soeben verschwunden waren.

Sie sah herunter.

Sie hatten den Sprung überlebt, aber ihre Lage war trotzdem schlecht.

Das Gebäude war bereits umstellt, und mehrere Polizisten legten ihre Waffen auf sie an.

Gillian hörte, wie sich über ihr der Hubschrauber bewegte, und zur Rückseite des Gebäudes flog.

Sie sah wie Larten Crepsley seine Hände über den Kopf hob.

Darren Shan und Vancha March taten es ihm gleich.

Die Flucht der Vampire war missglückt.

Gillian fluchte leise, und huschte hinüber zu dem Lord der Vampaneze.

Sie kniete sich zu seinen Füßen, zog einen Dolch und beeilte sich, seine Fesseln durchzuschneiden.

„Hi, Baby", sagte Steve und grinste sie an.

Auf Gillians Stirn war eine steile Falte. Sie erwiderte nichts, löste nur rasch das Seil, und reichte ihm dann eine Hand, um ihm aus dem Sessel zu helfen.

Steve zog sich hoch, und rieb sich dann die Handgelenke. Das Seil hatte rote Spuren hinterlassen.

Gillian sah sich um.

Sie standen in einer Insel der Dunkelheit, rechts und links des Sessels knallte noch immer grelles Licht durch die Fenster.

Wie sollten sie unbemerkt hier herauskommen?

Gillian verschränkte ihre Finger mit Steves und zeigte mit dem Kopf Richtung Treppenhaus.

Steve nickte, und sie huschten Hand in Hand aus dem Raum in den in Dunkelheit liegenden Flur.

Sie hörten schwere Stiefel auf der Treppe.

Gillian biß sich auf die Unterlippe.

„Nach oben", zischte sie, und sie zog Steve an der Hand hinter sich her, zurück auf den Dachboden.

Dort kletterte sie erneut über einen Dachbalken bis in die hinterste Ecke, die im Dunkeln lag.

Sie presste sich an die Wand, und zog Steve dicht an sich heran.

Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und schloß die Augen.

Wir sind nicht da, niemand sieht uns.

Noch nie hatte sie versucht, jemand anderes zu verbergen.

Doch Steve stand so dicht bei ihr, und sie zog die Dunkelheit so eng um sie beide zusammen… es musste einfach klappen!

Sie hörte, wie Soldaten in dem Raum unter ihnen ausschwärmten, sah durch geschlossene Lider, dass sie mit Taschenlampen den Raum ausschwenkten, spürte, wie ein Lichtstrahl sich auf sie senkte… und dann weiterglitt.

„Hier ist niemand!", rief eine Stimme, und schwere Stiefel entfernten sich, um den Rest des Gebäudes abzusuchen.

Als die Schritte verklangen, atmete Gillian erleichtert aus.

Sie öffnete die Augen und sah Steve an.

Seine violetten Augen schimmerten.

„Woher kommt nur all die Polizei?", flüsterte sie.

Steve lächelte. „Ich hab sie gerufen."

Gillian starrte ihn an. „Du? Aber wie?"

Er grinste. „Das gehört alles zum Plan. Wir beobachten die Jäger schon eine ganze Weile. Seit sie vorgestern in die Kanalisation vorgedrungen sind, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie das Gewölbe und den Eingang zum Bunker finden. Doch wir hatten sie bereits verfolgt und wussten, wo sie sich tagsüber aufhielten."

Gillian war sprachlos. „Aber…aber warum habt ihr dann nicht…?"

„Sie getötet? Ts, Gillian, du überraschst mich. Das wäre nicht sehr ehrenhaft, oder?" Seine Augen funkelten, doch dann wurde seine Mine bitter. „Das ist eine Sache zwischen ihnen und mir. Sie sind gekommen, um den Lord zu töten. Ich werde nicht kneifen, sondern mich ihnen stellen. Niemand soll sagen können, der Lord der Vampaneze wäre ein Feigling!"

Gillian schluckte.

„Oh, Steve…"

Sie schlang ihre Arme um ihn und verbarg ihr Gesicht an seinem Hals.

„Aber warum die Polizei?", flüsterte sie.

Er strich ihr über den Rücken.

„Gannen hat sie gerufen. Das war abgemacht, falls ich den Jägern in die Hände falle."

Sie löste sich von ihm und sah ihn an.

Steve sah das Missfallen in ihren Augen. „Wir haben ihnen einen fairen Kampf angeboten", rief er aufgebracht. „Aber sie haben betrogen. Crepsley hat sich in meinen Kampf mit Shan eingemischt!". Das letzte spie er aus.

„Er hat nur versucht, ihre Haut zu retten", sagte Gillian.

„War ja klar, dass du ihn verteidigst", zischte er.

„Sie sind nicht gekommen, um dich zu töten, sondern den Lord! Sie wissen nicht, dass du es bist!", rief sie.

„Sie werden es jetzt wohl auch nie mehr erfahren", zischte Steve. "Vielleicht steckt man sie in Zellen mit Fenstern. Bei Morgengrauen werden sie nur noch Asche sein." In seinen Augen stand ein harter, böser Ausdruck.

Gillian erschrak.

„Das…das darf nicht sein!", rief sie entsetzt.

Sie packte Steve am Kragen. „Sie werden sie untersuchen! Die Menschen dürfen nichts von uns erfahren! Was, wenn sie ihr Blut untersuchen, oder so was?"

Steve grinste böse. „Ja, was ist dann?"

Gillian verstand ihn nicht. „Das darf nicht sein! Steve! Die Menschen… sie dürfen sie nicht untersuchen. Du musst sie da rausholen."

„Ich muß gar nichts!", sagte er und riß sich los. „Es wird Zeit, dass die Menschen erfahren, wer die Herren der Welt sind."

Gillian starrte ihn mit offenem Mund an. „Das… das ist nicht dein Ernst!"

Ein harter Ausdruck lag um seinen Mund. „Oh, doch Gillian. Es ist soweit. Der Krieg der Narben wird nicht nur den Vampiren klar machen, wer die wahren Herrscher sind. Die ganze Welt wird sich den Vampaneze beugen."

„Das ist Wahnsinn!", keuchte Gillian.

Er hob trotzig das Kinn.

„Es ist vorherbestimmt."

Gillian wich vor ihm zurück.

Sie begriff, wie ernst ihm war, was er sagte.

„Vorherbestimmt? Es ist Wahnsinn, Steve und ich werde es verhindern", sagte sie.

Sie sprang von dem Dachbalken und rannte ins Treppenhaus, und aus dem Gebäude hinaus in die Nacht.

Sie folgte dem Blaulicht durch die Strassen.