9. Dezember
Wieder löste sich die Szene um sie herum auf. Kathryn behielt ihr selig lächelndes jüngeres Selbst und die Kaffeepackung so lange wie möglich im Blick, doch in nur Sekundenbruchteilen waren beide verschwunden und die zwei Captains befanden sich in einem tiefverschneiten Park.
„Der Central Park in New York", sagt Kathryn leise. „Ich habe mir schon gedacht, dass Sie dieses Weihnachten nicht auslassen würden."
Kirk nickte nur. Schweigend gingen sie die ruhigen Wege entlang, der Schnee auf den Bäumen glitzerte im Mondlicht. Kathryn wurde ganz eng ums Herz, als sie sah, wie wunderschön, wie perfekt hier alles war. Nach einigen Minuten schlossen sie zu einem weiteren Pärchen auf, dass durch den Park spazierte. Das lange rote Haar der Frau quoll unter einer beigen Strickmütze hervor, die grauen Haare des Mannes waren unbedeckt. Kathryn hätte ihn unter Tausenden erkannt und sie stellte fest, dass es auch nach den vielen Jahren immer noch schmerzte, ihn zu sehen.
„Mark."
Ihr ehemaliger Verlobter und ihr jüngeres Selbst wanderten vollkommen in sich versunken durch den nächtlichen Park. Die beiden Captains folgten ihnen im Abstand von wenigen Metern. Für einen Moment musste Kathryn bei dem Gedanken lächeln, was wohl die Leute denken würden, wenn sie sie beide sehen könnten. Kirk in seiner veralteten Uniform und sie selbst im rosa Seidenpyjama. An der Schlittschuhbahn machten beide Paare halt.
„Du hast Recht, Mark." Kathryn sah, wie der Atem ihres jüngeren Selbst beim Sprechen in der Kälte der Nacht kondensierte. „Ein Spaziergang durch den Central Park in der Weihnachtsnacht ist wirklich etwas Besonderes."
„Und ich hoffe, dass dieser Spaziergang noch besonderer wird", sagte Mark Johnson warm. Kathryn zog es das Herz zusammen, sie wusste, was gleich kommen würde. Ihr jüngeres Selbst war hingegen vollkommen ahnungslos.
„Besonderer!", lachte sie.
„Ganz und gar besonders", sagte Mark ernst. „Ich habe hier etwas für dich."
Er überreichte Kathryn ein festlich verpacktes Päckchen.
„Noch ein Weihnachtsgeschenk?", fragte Kathryn, die jüngere lachend. „Aber wir hatten doch schon Bescherung." Mit den Zähnen zerrte sie an ihrem Handschuh, um eine Hand zum Öffnen des Päckchens freizubekommen.
„Nein, kein Weihnachtsgeschenk", sagte Mark. „Oder, nur wenn du es so möchtest."
„Wenn ich es so möchte?", frage Kathryn, während sie das Geschenk auswickelte – ein wunderschönes ledergebundenes Exemplar von Dantes Göttlicher Komödie. „Und andernfalls?"
„Andernfalls könnte es auch mein Verlobungsgeschenk sein." Kathryn hörte das leise Zittern in Marks Stimme, damals hatte sie es nicht wahrgenommen. „Kathryn Janeway, möchtest du mich heiraten?"
Kathryn sah, wie ihre Mine erst einen schockierten, dann einen freudig erregten Ausdruck trug. „Ja, Mark", sagte sie rau. „Ich würde dich gerne heiraten."
Irgendwoher hatte Mark Johnson nun einen Ring gezaubert und steckte ihn auf Kathryns durch die Geschenk-Auspack-Aktion noch unbehandschuhte Hand, bevor er sie an sich zog und zärtlich küsste.
„Ein erstklassiger Antrag", sagte Kirk anerkennend. „Der Junge weiß, wie man es anstellt."
„Es war unser letztes Weihnachten zusammen", Kathryn schluckte. „Im Jahr darauf war eine wichtige Konferenz auf Bajor und im Jahr darauf war die Voyager schon im Delta-Quadranten gestrandet. Mark hatte schnell heiraten wollen, aber ich war der Meinung, wir hätten doch noch so viel Zeit."
„Eine weit verbreitete Sternenflotten-Krankheit", bemerkte Kirk. „Die Leute sind so beseelt von ihrem Auftrag, dass sie ihr eigenes Leben ganz vergessen. War schon zu meiner Zeit so."
„Ich schätze mal, das ist die Lektion, die ich aus der ganzen Sache lernen sollte", sagte Kathryn, während sie das glückliche Paar an der Schlittschuhbahn beobachtete, „dass die Pflicht nicht alles ist."
„Lebenswert wird das Leben erst, wenn man neben der Pflicht die Menschlichkeit nicht vergisst", bemerkte Kirk. „Selbst Ihr Vulkanier weiß das – auch wenn er es vermutlich nie zugeben würde."
„Das ist schön und gut", sagte Kathryn bitter. „Aber weder Sie noch Tuvok sind dafür verantwortlich, dass die Voyager im Delta-Quadranten gestrandet ist."
„Sie glauben, Sie haben sie alle unglücklich gemacht", sagte Kirk sanft.
„Ich glaube, dass es meine erste Verantwortung ist, sie wieder sicher nach Hause zu bekommen", entgegnete Kathryn. „Alles andere ist zweitrangig."
„Tatsächlich?", fragte Kirk. „Nun das ist nicht mehr mein Thema. Dafür ist mein Kollege verantwortlich."
Kirk wies auf die Schlittschuhbahn, auf der sich nun schwungvoll eine Gestalt näherte.
