Kapitel 9:
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Mac beobachtete aus dem Küchenfenster die Frau, die vor ihrem Haus stand und gedankenverloren auf das Blumenbeet starrte.
Er hatte Emily Talbot bereits einige Male getroffen, doch sie hatten kaum miteinander gesprochen. Seine Eltern hatten sich mit der Frau auseinandergesetzt und das war ihm auch ganz Recht gewesen.
Nun kam er aber nicht drum herum und er würde mit der Frau sprechen müssen.
Seine Mom hatte Emily gemocht und mehrere Male gesagt, dass sie eine gute Sozialarbeiterin war, der die Kinder wirklich am Herzen lagen, die sie betreute.
Mac wollte sich lieber selber ein Urteil darüber bilden. Er konnte nur hoffen, dass die Frau ein Einsehen hatte und sie darin unterstützte, dass Warrick und Eric bei ihnen bleiben konnten. Er wollte sich nicht vorstellen, was passieren würde, wenn die beiden in eine andere Pflegefamilie oder in ein Heim müssten.
Auch wenn er selber nicht so genau wusste, wie es weiter gehen sollte, so war er doch nicht bereit, alles auseinander brechen zu lassen. Und Warrick war sein Bruder, nichts konnte daran etwas ändern. Bei Eric war es etwas anderes. Er war sich darüber im Klaren, dass es ihm hier mehr um seine Eltern ging und was sie gewollt hatten, als um Eric selber. Obwohl er ja nun schon eine ganze Weile bei ihnen war, hatte er zu dem Jungen noch keine wirkliche Beziehung aufgebaut. Dazu war er einfach viel zu selten da gewesen und es hatte ihn auch nicht so sehr interessiert. Dieser Gedanke bereitete ihm Schuldgefühle, aber er versuchte sie abzuschütteln. Niemand konnte ihm vorwerfen, dass er sich um sich und sein eigenes Leben gekümmert hatte. Seine Eltern hatten die Verantwortung für Eric übernommen und nicht er.
Was natürlich nichts daran änderte, dass er diese Verantwortung jetzt trotzdem hatte.
Und es fiel ihm sehr schwer, das zu akzeptieren.
Das war jedoch etwas, was er Emily Talbot bestimmt nicht auf die Nase binden wollte.
Denn was auch immer er jetzt empfand, er wusste ganz genau, dass seine Eltern Eric schon lange in ihr Herz geschlossen hatten und sie wären schrecklich enttäuscht, wenn er sich nun von dem Jungen abwenden würde, den sie zu ihrem fünften Sohn hatten machen wollen. Und das war der Grund, warum er alles daran setzen würde, dass Eric bei ihnen bleiben konnte.
„Hey, sie ist ja schon da," riss ihn Horatios Stimme aus seinen Gedanken. „Warum hast du sie denn nicht rein gelassen?"
„Sie hat noch nicht geklingelt," antwortete er schlicht.
Horatio zog eine Augenbraue hoch. Er legte kurz eine Hand auf seinen Arm, dann wandte er sich ab und ging in den Flur hinaus, um die Haustür zu öffnen.
Mac atmete noch einmal tief durch, dann folgte er seinem Bruder.
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Sie saßen mit Emily Talbot am Küchentisch und Horatio hatte Schwierigkeiten, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Das alles war so verdammt kompliziert und er war sich nicht sicher, ob es überhaupt eine vernünftige Lösung gab.
Aber er hatte Eric versprochen, dass er bei ihnen bleiben durfte und nun musste er irgendwie dafür sorgen, dass er dieses Versprechen nicht brach. Er hatte nur vorher nicht bedacht, dass er nur bedingt Einfluss darauf hatte
Zumindest würde es wegen Warrick keine Probleme geben und das Erleichterte ihn ungemein.
Die Sozialarbeiterin war sofort auf den Punkt gekommen, als sie sich hingesetzt hatten und sie hatte davon gesprochen, dass Warrick mit seinen inzwischen 16 Jahren nicht allein sein konnte, aber natürlich auch nicht mehr ständig beaufsichtigt werden musste. Demnach würde es reichen, wenn jeden Tag jemand da war, an den er sich wenden konnte. Aber es musste nicht notwendiger Weise immer jemand zu Hause sein, wenn er von der Schule kam.
„Ich weiß, dass Warrick ihr Bruder ist und er fest ins Bindungsgefüge dieser Familie integriert ist, und solange das so bleibt, sehr ich keinen Grund, ihn aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen," hatte sie erklärt. „Allerdings müssen wir noch klären, ob Ihre finanzielle Situation sicher gestellt ist und Sie auch in der Lage sind den Jungen zu versorgen."
So wie es aussah, war das zumindest kein Problem und Mac legte ihr die Unterlagen vor, die er bereits am Vormittag von ihrem Anwalt bekommen hatte, den sie bereits am Nachmittag zuvor kontaktiert hatten.
Das Haus war abbezahlt und Lastenfrei, somit fielen nur noch die Nebenkosten an und natürlich die Kosten für die Autos, Verpflegung, Schulsachen und Klamotten. Diese Kosten konnten sie mit ihren beiden Gehältern recht gut decken. Mac war sich sogar sicher, dass es auch einer von ihnen alleine schaffen konnte, wenn es nötig wäre.
„Nun zu Eric," meinte Emily Talbot schließlich, nachdem sie die Unterlagen des Anwalts studiert hatte und offenbar ganz zufrieden war. Und Horatio zwang sich, nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die Frau ihm gegenüber zu richten.
„Eric gehört ebenso zu uns wie Warrick," sagte er in bestimmtem Ton und die Sozialarbeiterin hob erstaunt eine Augenbraue. Damit hatte sie anscheinend nicht gerechnet.
„Wir müssen uns ernsthaft darüber unterhalten, was das Beste für den Jungen ist," erklärte sie. „Er ist noch zu jung, um nach der Schule Stunden lang alleine zu bleiben. Das ginge selbst dann nicht, wenn er emotional ein völlig gesunder Junge wäre. Und Warrick und Nick sind auf jeden Fall nicht alt genug, um sich um ihn zu kümmern. Eric braucht eine feste Bezugsperson und jemanden, der rund um die Uhr für ihn da ist."
„Es wäre in jedem Fall ein Fehler, ihn wieder aus seiner gewohnten Umgebung heraus zu reißen," sagte Horatio und versuchte seine Stimme neutral klingen zu lassen. Er war sich bewusst, dass auch er, ebenso wie Mac, nur um Eric kämpfte, weil ihre Eltern es gewollt hätten. Er hatte es in den vergangen Monaten versäumt, zu dem Jungen eine feste Beziehung aufzubauen, das hatte allein seine Mutter getan. Aber das würde er der Frau sicher nicht erzählen. Und es war auch nicht so, dass Eric ihm total egal war. Nein, er war fest entschlossen, das richtige zu tun.
„Er hat sich inzwischen hier eingelebt, und das war schwierig genug," sagte Mac.
„Ich bin mir dessen bewusst," antwortete die Frau, die ruhig und gefasst auf ihrem Platz saß und sich Notizen machte. Und Horatio hätte sie am liebsten geschüttelt, denn sie hatte scheinbar alles im Griff, während ihr Leben ein einziges Chaos war. Und dazu hatte sie noch die Macht, alles noch viel schlimmer zu machen.
„Tatsache ist," fuhr sie dann fort, bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte, „dass Sie beide einen gefährlichen Beruf haben und dazu noch im Schichtdienst arbeiten. Sie haben also keine festen, planbaren Arbeitszeiten. Und dafür müssen Sie eine Lösung finden. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob Sie wirklich in der Lage wären, sich ausreichen um einen kleinen Jungen zu kümmern. Ich weiß natürlich auch, dass es einige Zeit dauert, um ein Leben völlig zu ändern. Und daher werden wir nun erst einmal einige Wochen warten, bis ich eine endgültige Entscheidung treffe. Aber Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass es nur eine Schonfrist ist. Sie werden sich schnell eine Lösung einfallen lassen müssen."
„Und was für eine Lösung gibt es, die Sie zufrieden stellen würde?" fragte Mac und Horatio konnte die unterdrückte Wut in seiner Stimme hören.
„Soweit ich es sehe keine, die ihr Leben nicht völlig auf den Kopf stellen würde," kam die ehrliche Antwort, die Horatio jedoch nicht hatte hören wollen.
„Soviel war uns schon klar," murmelte sein Bruder neben ihm resigniert. „Warum sagen Sie nicht einfach, was Sie von uns erwarten!"
Und Horatio beobachtete erstaunt, wie sich das Gebaren der Frau vor ihm plötzlich veränderte. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und ihre ernste, professionelle Miene wurde plötzlich weich.
„Hören Sie, Mac, Horatio," sagte sie. „Es tut mir leid, dass Sie in dieser Situation stecken und es ist mir inzwischen klar, dass Sie tun wollen, was ihre Eltern gewollt hätten. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Ich kannte Jane und Rick schon eine ganze Weile und sie waren wunderbare Menschen. Und ihr größter Wunsch war es, dass Eric hier aufwachsen kann und erfährt, was es heißt eine Familie zu haben, die ihn liebt und respektiert. Und der Junge hat nicht weniger verdient, genau wie jedes andere Kind. Und Sie sollten sich in den nächsten Wochen Zeit nehmen, um herauszufinden, ob Sie wirklich bereit sind, ihr Leben für dieses Kind von Grund auf zu ändern. Und zwar, weil Sie es selber wollen und nicht wegen ihrer Eltern. Denn es ist weder Ihnen noch Eric damit geholfen, wenn Sie in einigen Wochen, Monaten oder gar Jahren feststellen, dass Sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. Dann ist es zu spät." Sie wartete einen Moment, bis sie sicher schien, dass sie verstanden hatten, was sie gesagt hatte.
„Ich möchte Sie nicht drängen, eine schnelle Entscheidung zu treffen. Aber ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie nicht besonders viel Zeit haben."
„Und Sie unterstützen den Adoptionsantrag, wenn wir uns einig sind?" fragte Horatio.
„Wenn die Bedingungen stimmen," antwortete die Sozialarbeiterin. „ Das einzige, was für mich zählt ist Eric. Es ist meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht! Ihre Wünsche sind da eher zweitrangig."
„Und werden Sie ihn fragen, was er davon hält?" wollte Mac wissen.
„Natürlich!" Emily Talbot begann ihre Unterlagen zusammen zu packen und Horatio war bewusst, dass er mit seinen Gedanken nicht bei der Sache war, als sie sich von der Frau verabschiedeten.
Er war sich nicht sicher, ob sie jetzt wirklich schlauer waren als vorher.
Und wie zum Teufel sollten sie in so kurzer Zeit herausfinden, ob sie wirklich Willens waren, all ihre eigenen Bedürfnisse für Eric hinten an zu stellen? Und spielte das überhaupt eine Rolle?
Er hatte nicht das Gefühl, dass sie der Lösung ihrer Probleme auch nur näher gekommen waren. Und wenn er seinen Bruder ansah, dann war ihm klar, dass es ihm nicht anders ging.
Er wünschte, seine Eltern wären hier, um ihnen einen Rat zu geben.
Was wirklich ein lächerlicher Gedanke war, wie er zugeben musste. Denn schließlich waren sie in dieser Situation, weil ihre Eltern nicht mehr da waren.
