Kapitel 8

Kibus PoV

Einen Tag vor der Einreise nach Silbermond machte ein stürmisches Unwetter Kibu einen Strich durch die Rechnung. Der Guss war plötzlich gekommen, es war als schütteten die Ahnen der Sin'Dorei den Regen eimerweise auf das Land. Grelle Blitze durchzuckten den nachtschwarzen Himmel und erleuchteten die Wolkentürme, welche sich innerhalb von Sekunden bedrohlich vor der Sonne aufgebaut hatten. Mehr und mehr hatte sich der Regen verstärkt und man musste nun vielmehr von dicken Hagelkörnern sprechen, als von Wassertropfen, die niedergingen. Kibu hatte es gerade noch so geschafft in einem kleinen Gebäude Unterschlupf zu suchen, viele andere waren ihr gleich gekommen und die Elfen, welche von nah und fern angereist waren, drängten sich eng zusammen, um der Kälte, die nun draußen herrschte, nicht nachzugeben. Kibu hingegen stand am Eingang des kleinen Turms und blickte fasziniert nach draußen, hinein in den düsteren Himmel. In der Ferne konnte sie die Tore einer Stadt erkennen. Silbermond. Sie war groß, sehr groß sogar, doch wirkte die Stadt von dieser Entfernung aus betrachtet und zwischen all dem Regen und der Düsternis eher bedrohlich und nicht sehr einladend, fast wie ein Schatten, ein Loch in der Welt. Sie betrachtete die Umgebung. Das waren wahrlich Mächte, die sich im inneren der Wolkenmassen abspielten und gegeneinander kämpften. Dunkle und bedrohliche Mächte, die Spannungen erzeugten und dem Licht keinerlei Möglichkeiten gaben, sich hindurch zu ringen. Um den kleinen Turm herum schlich sich ein tiefes Grollen an. Kibu wusste nicht recht, was sie von diesen Gewalten halten sollte. Sie waren zwar bedrohlich aber bei genauerem Betrachten nicht direkt gefährlich. Natürlich, ab und zu schlug ein Blitz in die durchnässte Erde ein und hinterließ einen kleinen dampfenden Krater, aber Elfen hatte er bisher nie etwas getan. Konnte man vielleicht diese Energien für sich nutzen? Kibu dachte über die vergangenen Nächte nach. In jeder eben dieser hatte die seltsame Gestalt, halb Troll, halb Elf sich an sie gewand und sie ermutigt, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Kibu war unschlüssig. Sie bezog das Erfahrene auf das Gewitter, wurde sich aber nicht klar darüber, in wie fern Das Licht den Schatten einhüllte, wenn diese dunklen Mächte doch wohl eindeutig die hellen verdrängt hatten.

Sie blickte auf, als ein junger Elf, etwa 23 Menschenjahre musste er wohl sein, den kleinen Turm hastig betrat, um nicht noch nasser zu werden. Er sah zerzaust aus und mitgenommen, Kibu wusste nicht, ob das Gewitter der Grund war, oder etwas anderes… Er war recht hübsch für einen männlichen Blutelfen. Sein Gesicht zeigte, im Gegensatz zu so vielen, ebenmäßige und sehr feine Züge und sein braunes Haar war zerzaust und hing wahllos aus seinem Zopf hinunter auf seine Schultern. Die Robe war durchnässt und wies Spuren von Dreck und Unrat auf. Über seine Schulter trug er einen Stab, scheinbar einen Priesterstab, an welchem ein kleines braunes Säckchen baumelte. Sein Umhang war zerrissen und überhaupt wirkte der junge Elf etwas verwirrt und betrübt. Kibu wusste mit einem Mal, dass etwas mit ihm nicht zu stimmen schien. Es war nicht das Wetter oder die lange Reise, die ihn so mitgenommen hatte. Der Blutelf versuchte seine Kleider auszuwringen, was allerdings nicht richtig gelingen wollte. Er sah sich nach einem trockenen Plätzchen und einer Decke um, wobei sich die beiden Blicke trafen. Kibu lächelte. Der junge Mann hatte ausgesprochen hübsche Augen, aber Kibu entdeckte eine Spur von Trauer in ihnen. Es war interessant diesen Blutelfen zu betrachten. Er war etwas besonderes, das spürte Kibu. Er hatte etwas Magisches an sich, doch sie konnte bei weitem nicht sagen, was es war. Er erwiderte ihr Lächeln und blickte dann zu Boden, um sich um seine durchnässte Habe zu kümmern. Kibu wandte sich wieder dem Himmel zu und konnte Zeuge eines Schauspiels werden, welchem die meisten in diesem Raum kaum Aufmerksamkeit zukommen ließen. An einer Stelle der Wolken, fast kreisrund, bildete sich eine Ansammlung von Licht und durchbrach die dunklen Wolkenpyramiden, als würden sie von innen verbrennen. Ein gleißendheller Lichtstrahl fiel durch die Dunkelheit und beschien in seiner Kreisform direkt die Hauptstadt Silbermond. Mehrere weitere Lichtstrahlen folgten und bald hörte auch der Regen auf zu fallen. Es war ein faszinierender Anblick, wie dieser einzelne Lichtpegel sich genau auf Silbermond beschränkte und erst danach vereinzelt überall kleinere folgten, als wäre das Licht von der Stadt gerufen worden… Die Dunkelheit wurde gebrochen und das Unwetter verstummte. Wie schön die Landschaft da lag, in ihrer Dunkelheit, erhellt von vereinzelten Lichtsäulen und –fäden. Die Wolken zogen langsam und schwerfällig weiter und die Wassertropfen, die die Erde befleckten glänzten hell im Lichte der wärmenden Sonne. Noch war es nicht Taghell, aber es herrschte eine Atmosphäre, die die Umgebung in etwas Geheimnisvolles hüllte, in ihrer Mitte die Stadt der Blutelfen. Kibu schloss die Augen und atmete den frischen Duft des feuchten, neugeborenen Landes ein. Jetzt verstand sie, was das Wesen von ihr verlangte. Ihre Aufgabe lag zum Greifen nahe und beinahe wollte sie loslaufen und direkt in die Stadt einmarschieren. Doch sie blieb noch etwas, um den wunderschönen Anblick zu genießen.

Jemand räusperte sich hinter ihr. „Es ist wunderschön, nicht wahr?" Sie blickte sich um. Hinter ihr stand der junge Mann, der zuvor ihren Blick gefangen hatte und blinzelte in den rötlichen Himmel.

„Ja…es ist magisch." Erwiderte Kibu und betrachtete nun wieder den Horizont. „Fast so, als wollte das Licht beweisen, dass nichts ihm trotzen kann." Der Elf nickte zustimmend, dann wandte er den Blick von dem Landschaftsspiel ab und blickte sie freundlich an.

„Mein Name ist Mimus, dürfte ich den Euren erfahren?" Kibu machte einen leichten Knicks und nannte ihn.

„Kibu, es ist mir eine Ehre." Mimus lächelte.

„Was verschlägt Euch in diesen Teil des Landes?" fragte er interessiert und reichte ihr einen Krug mit köstlichem heißen Met, den ein paar Blutelfen in einer Ecke des Turmes zubereitet hatten. Kibu nahm dankend an und trank einen Schluck. Es schmeckte vorzüglich und verströmte in ihrem gesamten Körper eine wohlige Wärme, die sich weiter ausbreitete und ihre kalten Gliedmaßen wieder zum Leben erweckte.

„Ich…bin auf der Durchreise. Mein Ziel ist Silbermond, ich werde dort den Weg eines Hexenmeisters beschreiten und suche größeres Wissen als das, was ich bisher erwerben konnte." Mimus betrachtete sie aufmerksam.

„Soso, eine Hexenmeisterin also." Er lächelte. „Nun, dann können wir später ein Stück des Weges zusammen gehen, natürlich nur, wenn Ihr erlaubt. Ich bin nämlich ebenfalls auf dem Weg nach Silbermond, allerdings leitet dieser mich nicht in das Sanktum der Hexenmeister, sondern in den Tempel." Er deutete auf seinen Stab. „Ich werde die Lehre des Priesters ergreifen." Kibu nickte leicht.

„Ich würde Euch sehr gerne begleiten. Zu zweit verfliegt die Zeit schneller und der Marsch wird nicht so trostlos, als wenn man alleine losmarschiert." Mimus schien erfreut und blickte wieder in den Himmel, an welchem nur noch wenige Wolken zu hängen schienen und bereits vereinzelte Sterne funkelten. Es war ein sehr seltsamer aber atemberaubender Anblick. Dort draußen war es weder dunkel noch hell, doch schien der Tag in die Nacht hinüber zu gleiten. Das verbliebene Licht verschmolz von hellem Orange in tiefes Rot, hinein in die ersten violett-blauen Nebelschwaden des Abends, gespickt mit Millionen von funkelnden Punkten, die die Sterne bedeuteten. In weiter ferne, noch hinter Silbermond, deren Türme und Zinnen im letzten Licht glänzten und strahlten, lag der Umriss eines blutroten Planeten, welcher von zwei dunklen Monden umgeben war. Der Kontrast von Tag und Nacht, Dunkel und Hell, Nähe und Ferne glitt in eins über und machte aus der Welt ein Bilderbuch. Es war einfach fantastisch. Kibu ließ den Tag hinter sich und begrüßte die Nacht. Beide, Mimus und sie, blieben noch lange wach, erzählten von ihrer Kindheit und grübelten und lachten. Mimus hatte sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt, seitdem ihn der Schicksalsschlag getroffen hatte und Kibu genoss die Nähe eines weiteren einsamen Menschen, der einfach nur nach Akzeptanz und ein wenig Liebe bat. Als die Nachtschwärmer die Glühwürmchen begrüßten war es an der Zeit zu ruhen. Sie teilten sich für die Nacht ein Feldbett und eine Decke und schliefen unter den farbenprächtigen, in Violett, Grün und Blau gehaltenen Polarlichtern des Ostens und der Sternendecke ein, um sich am nächsten Morgen ausgeruht auf den Weg in die Blutelfenhauptstadt zu machen…nach Silbermond, der sagenumwobenen Stadt der damaligen Hochelfen, welche schon in Legenden besungen und aus welcher der Stoff der Träume gesponnen wurde…