Kapitel 8 – Der Tag danach (Harry)

Er musste Ron bitten zu wiederholen, was er eben gesagt hatte: „WAS ist gestern geschehen?"

Draco, der im Krankenzimmer im Bett neben Harrys lag, war bleich geworden. Kreidebleich. Dann kam dieser unschöne Grünton dazu. Es war kein angenehmer Anblick. Zumindest für Harry, denn Rons Mund krümmte sich einen Moment lang zu einem schadenfrohen Lächeln, als er auf den Slytherin blickte, der immer grüner wurde.

Und dieses Lächeln auf Rons Gesicht verschwand in dem Moment, als Hermine Dracos Hand fasste, um ihm Beistand zu leisten.

Ron wiederholte also, diesmal etwas ausführlicher, was er soeben gesagte hatte: „Also, irgendjemand, höchstwahrscheinlich ein Slytherin, hat Euch beiden was in das Butterbier gemischt. Prof Slughorn hat Eure Becher untersucht und festgestellt, dass Reste von einem Verwandlungstrank und Malk, Magischem Alkohol, drinnen waren. Der Verwandlungstrank hat dafür gesorgt, dass Euch beiden ein Schwanz gewachsen ist."

Alle sahen auf den langen, gelben Schwanz mit buschigem Ende, der unter Dracos Bettdecke hervorlugte und an einen Löwenschwanz erinnerte, und auf den mit schwarzen und gelben Streifen versehenen Tigerschwanz, den Harry mit seinen Händen umfasst hielt.

Hermine setzte Rons Erläuterungen fort: „Wir wissen nicht wirklich, ob es ein Slytherin war, aber es ist wohl kein Zufall ist, dass Draco einen Löwenschwanz hat, mit einem Gryffindor zusammen ist und das Wappentier unseres Hauses ein Löwe ist. Das deutet darauf hin, dass jemand Draco eine Art Bestrafung verpassen wollte. Da passt Slytherin gut hinein. Das hat auch Prof McGonagall gemeint. Aber wenigstens müsst Ihr Euch keine Sorgen machen, dass die Schwänze dauerhaft sind, spätestens morgen werden sie abfallen."

Harry warf einen Blick zu Draco, der im selben Augenblick seinen Kopf zu Harry gedreht hatte, und auch er schien mit Erleichterung zu hören, dass der Schwanz nicht lange bleiben wird. Doch dann drehte sich der Slytherin fragend zu Hermine: „Wir haben morgen wieder Unterricht, die erste und die sechste Klasse. Was, wenn ..."

Ron antwortete, bevor Draco aussprechen oder Hermine antworten konnte: „Na, dann werden morgen hinter dem Lehrerpult vier Schwänze hängen!"

Alle mussten über den blöden Schmäh lachen, sogar Hermine, dann setzte sie eine besorgte Miene auf und sagte: „Ich hätte es zwar anders ausgedrückt, aber das ist inhaltlich richtig." Und als sie sah, dass das keine sonderlich tröstende Antwort war, fügte sie hinzu: „Und macht Euch nichts draus. Harry, Draco, Ihr seid zwei der beliebtesten Lehrer, alle Schüler werden auf Eurer Seite stehen. Ich vermute, sie werden Euch sogar ihre Hilfe anbieten, die Missetäter zu finden."

Draco schien aus Hermines Antwort Zuversicht zu schöpfen, aber er sagte nur: „Hoffentlich."

Und Ron machte sich dran, die Wiedergabe des gestrigen Abends fortzusetzen: „Also einer der Tränke war ein Verwandlungstrank, der andere war Malk. Das ist ein ungeheuer starker Alkohol, er wirkt zwar nicht sofort, aber Du wirst davon fast schlagartig sternhagelvoll." Er wandte sich Draco zu und sagte: „Du bist betrunken ein ziemliches Ekel."

Harry fiel auf, mit welchem Genuss Ron die niederschmetternde Wirkung seiner Worte auskostete. Der Blondschopf hingegen verlor den letzten Rest seiner Gesichtsfarbe, auch das Grün wurde nun von seiner Leichenblässe überdeckt, und sein Schwanz zuckte unruhig hin und her.

Den Beleidigten spielend, sprach Ron weiter: „Du hast mich als Schlammficker bezeichnet, und dann einige ziemlich unangebrachte Worte über Hermines Äußeres gebracht. Und dann hast Du sie begrabscht. Und ich meine aggressiv begrabscht."

Hermine hakte ein, von der Erinnerung mäßig aus der Fassung gebracht und mit leicht geröteten Wangen: „Aber mach Dir nichts draus. Du hast plötzlich so gelallt, dass klar war, dass da nicht wirklich Du sprechen kannst. Bevor es jemandem auffallen konnte, habe ich Dich und Harry gelähmt und mit Ron und Ginny, die grad in der Nähe war, konnte Ich Euch unauffällig durch einen Seitenausgang verschwinden lassen."

Harry bekam ein flaues Gefühl im Magen: „Und was habe ich angestellt? Habe ich Euch auch beleidigt?"

Ron und Hermine sahen einander an, dann sagte sie: „Beleidigt? Nein ... Das würde ich nicht sagen ... Du hast kein Wort von Dir gegeben ... Aber du bist Draco genauso unverschämt an die Wäsche gegangen, wie er mir."

Ich hab Draco begrabscht! Oh Scheiße ... Ich wünschte, die Erde würde sich auftun und mich verschlingen. – Halt, ich hab ja mal so einen Zauber beim Flitwick gelernt, vielleicht ...

Und während er nach diesem Zauber suchte, tauchten in seinem Geist schemenhaft Bilder aus der vergangenen Nacht auf: seine Hände, die durch jemandes blondes Haar streichen ... die unter jemandes Pullover fahren und einen flachen Bauch betasten, nach dem Nabel suchen ... seine Füße, die ihn in der Dunkelheit zu jemandes schlafendem Körper tragen ... und dass seine Hände jemanden ausziehen und berühren und ...

„Ach, mach Dir nichts draus, Harry", unterbrach Ron Harrys Grübelei. „Wie gesagt, das ist kaum jemandem aufgefallen, nur ein paar Gryffindors aus den höheren Jahrgängen, und die würden für Dich durchs Feuer gehen, die schweigen alle wie ein Grab. – Jedenfalls haben wir dann Mme Pomfrey geholt, die hat sich Euch beide angeschaut und gleich festgestellt, was Sache war. Und Sie hat Euch dann in den Krankenflügel gebracht, während wir Prof McGonagall informierten."

„Dabei hattet Ihr noch Glück! Stellt Euch vor, wir wären nicht dabei gewesen! Das hätte viel schlimmer ausgehen können."

Während die Anwesenden verstummten, blickte Harry hinüber zu Draco, dessen Gesicht wieder einen Farbwechsel durchmacht hatte und im Moment fast scharlachrot war.

Scharlachrotes Gesicht, goldenes Haar und ein Löwenschwanz. Vor ein paar Monaten wollte ich ihn als Werbefigur für Slytherin sehen, jetzt sieht er aus wie ein Maskottchen für Gryffindor.

Und ich habe ihn begrabscht.

Und Harry wusste nicht, worüber er sich mehr schämte: darüber, dass er ihm an die Wäsche gegangen war, oder darüber, dass er sich wünschte, sich genauer daran erinnern zu können ...

Plötzlich klopfte jemand an der Tür. Harry bat den Gast einzutreten und die Schulleiterin betrat den Raum. Sie sah sich um und sagte: „Ah, wie erwartet, da sind alle vier, mit denen ich reden wollte."

Prof McGonagall erkundigte sich kurz nach dem Wohlbefinden der Rekonvaleszenten, dann verdüsterte sich ihre Miene, als sie zum eigentlichen Grund ihres Besuchs kam: „Der Angriff auf Ihre körperliche Unversehrtheit, Mr Malfoy, Mr Potter. Wir gehen davon aus, dass ein Schüler des Hauses Slytherin sich an Ihren Bechern zu schaffen gemacht hat. Einige Schüler haben ihn gesehen, wie er sich verdächtig oft in der Nähe Ihrer beider Plätze aufgehalten hat, als sie woanders waren. Ich werde auch bald ein ernsthaftes Gespräch mit dem Verdächtigen führen."

Slytherin. Wie überraschend.

Hermine fragte sogleich: „Wer war es?"

McGonagall drehte sich zu ihr um und sagte: „Ich verstehe ihre Neugier, Ms Granger, aber solange es keinen Beweis für seine Schuld gibt, kann ich diese Information nicht weitergeben."

Daraufhin erwiderte die Junglehrerin: „Sie können es uns ruhig sagen. Wenn es einige Schüler bereits wissen, wird sich sein Name wie ein Lauffeuer verbreiten."

McGonagall seufzte und sagte: „Bulstrode. Rodric Bulstrode."

Harry fühlte in sich die Wut hochkochen.

Dieses fette, kleine Arschloch!

Harry blickte zu Draco und sah, wie er seine Fäuste ballte.

Das war derselbe, der ihn im Unterricht als Mörder bezeichnet hat.

McGonagall richtete Ihren strengen Blick auf Draco, dessen Schwanz daraufhin wieder unruhig zuckte.

„Mr Malfoy, es besteht kein Zweifel daran, dass dieser Angriff in erster Linie gegen Sie gerichtet war. Und dies war nicht der erste Angriff gegen Sie, wenngleich der erste, der wirklich gegen ihre physische Gesundheit gerichtet war. Ich habe selbst ansehen müssen, wie sie von Schülern ausgebuht wurden, und ich erhielt Meldungen von Schülern, die von Beleidigungen im Unterricht berichteten, und ein Erstklässler beklagt sich regelmäßig, dass jemand vor ihrer Zimmertür, ähm, seine Notdurft verrichtet. Ich bin selbst auch entsetzt über das Verhalten der Schüler dieser Schule, das kann ich Ihnen sagen." Ihre Stimme zitterte ein wenig, während der letzten Sätze. „Und es ist meine Pflicht als Erzieher, solchem Mobbing ein Ende zu setzen."

Harry musste innerlich lachen. Dann sprach er laut aus, was so komisch war: „Sieben Jahre lang hindurch war es den ‚Erziehern' egal, dass mich Draco quälte. Und jetzt kommen Sie auf einmal mit ‚Wir müssen solchem Mobbing ein Ende setzen'? Mit Verlaub, aber wollen Sie mich verar–"

Bevor Harry den Satz beenden hätte können, hatte McGonagall ihren Zauberstab gezückt und dessen Mund gegen seinen Willen zuschnappen lassen. Mit eiskaltem Ton sagte sie: "Mr Potter, hüten Sie Ihre Zunge!" Ihr Blick bohrte sich einen Moment in Harrys Kopf, dann fuhr sie etwas gelassener fort: „Albus hatte bestimmt seine Gründe, in Ihren Fall nicht einzugreifen. Und selbst wenn nicht, wenn er einen Fehler gemacht hätte, dürfen wir uns nicht davon abhalten lassen, jetzt das Richtige zu tun. Ich sehe jedenfalls die Situation so, dass mein Eingreifen notwendig ist."

Harry war mit der Antwort keineswegs zufrieden und schmollte. Draco starrte auf seine im Schoß gefalteten Hände.

Hermine räusperte sich und fragte: „Und wie wollen sie eingreifen, Frau Professor?"

Draco antwortete zuerst: „Sie wollen mir das Unterrichten nehmen, oder?"

Harry rief sofort: „Was? Nein! Das können Sie nicht! Draco ist ein erstklassiger Lehrer, und die Schüler wären so enttäuscht!"

Aber die weise Zauberin wischte diese Idee so schnell vom Tisch, wie sie gekommen war. „Mr Potter, beruhigen Sie sich, und Mr Malfoy, seien Sie nicht lächerlich! ... Ich weiß, es ist in Hogwarts fast schon Tradition geworden, Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste frühzeitig abzuberufen, aber so einfach gebe ich nicht einen exzellenten Lehrer auf. Auch gibt es im Unterricht, wie man mir berichtet, die wenigsten Probleme mit den Slytherin, weil Ihre Freunde Ihnen beistehen. Nein, ich habe einen anderen Weg, um sie vor ihnen zu schützen."

„Und der wäre?"

„Nun, obwohl es das in der jahrhundertelangen Geschichte Hogwarts' noch nie gegeben hat – was natürlich nie eine gutes Argument gegen irgendwas ist –, möchte ich Sie in einem anderen Haus unterbringen, um Sie außerhalb des Unterrichts besser vor Missetaten zu schützen. Vorfälle wie der gestrige lassen sich leider nur mit lächerlich strengen Sicherheitsvorschriften völlig verhindern, aber mit ihrer Umsiedlung lassen sich zumindest viele andere Vorfälle verhindern. Daher, gesetzt den Fall, dass Mr Potter und Mr Weasley zustimmen, möchte ich Sie bis zum Ende des Schuljahres, bis zum Ende ihres Aufenthaltes in Hogwarts, im Turm der Gryffindors, im Schlafzimmer ihrer Kollegen einquartieren."

Harry hatte erwartet, ein strahlendes, hoffnungsvolles Lächeln in Dracos Gesicht zu sehen – dasselbe, das jetzt in Harrys Gesicht geeilt war. Aber Draco schien nicht sonderlich begeistert.

„Ich kann Sie auch gerne in einem anderen Zimmer unterbringen, wenn Sie das vorziehen würden –", sagte die Schulleiterin. Auch sie hatte mit einer anderen Reaktion gerechnet.

Langsam sah Draco auf in das von Alter und Erfahrung gezeichnete Gesicht der Rektorin. Mit fester Stimme sagte er: „Ich bin ein Slytherin. Ich gehöre in kein anderes Haus als das Salazar Slytherins."

McGonagall antwortete: „Das stellt niemand in Abrede. An Ihrer Zugehörigkeit zu Ihrem Hause wird sich nichts ändern." Sie schwieg einen Moment und fuhr fort: „Es ist Ihre Entscheidung. Ich will Sie zu nichts zwingen. Und ich muss sagen, wenn Sie nicht wollen, würde mir das eine Menge Scherereien ersparen. Die ganze Schule und nicht wenige Außenstehende wissen von Ihrer Beziehung mit Mr Potter. Wenn ich zwei Schüler, die ein Paar sind – noch dazu eines dieser Natur –, in ein Schlafzimmer gebe, werden sich scharenweise Eulen mit Briefen und Heulern wütender Eltern in mein Büro stürzen."

Harry, der sich sofort in den Gedanken, mit Draco ein Zimmer zu teilen, verliebt hatte, versuchte die Idee am Leben zu halten: „Also, ich habe wirklich kein Problem damit. Ich würde mich sogar sehr freuen, wenn wir ein gemeinsames Zimmer hätten."

McGonagall blickte zu ihm. Ihre schmalen Lippen wurden wieder zu einem dünnen Strich, bevor sie knapp sagte: „Daran hatte ich keinen Zweifel." Dann drehte sie sich zu Ron. „Mr Weasley, Ihre Meinung ist es, die mich mehr interessiert. Haben Sie Einwände gegen diese Umsiedlung?"

Ron zögerte. Und in diesem Moment wäre Harry ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen. Er will dafür sorgen, dass ein Unschuldiger weiter von seinen Mitschülern gemobbt wird. Und warum? Weil Ron völlig paranoide und aus der Luft gegriffene Vorstellungen von einer Verschwörung Dracos hat. Weil er Angst hatte, dass Hermine ihn für Draco verlassen könnte; für den schönen, den klugen, den interessanten Draco – obwohl jedem außer Ron klar war, wie lächerlich der Gedanke war: Hermine würde Ron nie verlassen.

Ron schaute drein, als ob er Eiternde Grindwürmer essen müsste. Er richtete seinen Blick weg von McGonagall hin zu Hermine und dann zu Harry, die beide hoffnungsvoll seinen Blick erwiderten: „Ähm ... also ... ich ..."

Harry konnte fast den kleinen Ron mit Heiligenschein, Flügeln und Harfe, und den kleinen Ron mit Hörnern, Hufen und Dreizack sehen, die auf seinen Schultern sitzend ihm ins Ohr flüsterten:

‚Harry ist Dein bester Freund! Tu ihm den Gefallen, er hat so viel für Dich in Kauf genommen! Und tu Draco den Gefallen, er hat sich gewandelt!'

‚Malfoy ist Dein schlimmster Feind! Du spielst ihm geradewegs in die Hände, wenn Du ihn in den Turm lässt!'

Doch dann formte Harry mit den Lippen ein stummes Bitte!, das Ron überzeugte.

„Also, wenn Draco will ...", das Wort wenn betonte er ganz besonders, „dann meinetwegen."

Harrys Herz machte einen Freudensprung. Jetzt musste nur noch Draco zusagen.

„Mr Malfoy?"

Draco sah zu Ron: „Wenn es Euch beiden wirklich nichts ausmacht –"

Draco, Du Vollidiot! Gib Ron keine Möglichkeit für einen Rückzieher! Sag zu, solange es geht!

Er richtete seine Augen auf Harry, der jetzt nervös seine Tigerschwanz quetschte, und sagte: „– dann ziehe ich in den Turm!"

Harry hüpfte aus seinem Bett, hin zu Dracos. Er konnte seine Freude nicht verbergen – sollte er auch nicht, schließlich hatten sie ja so zu tun, als wären sie ein Paar – und umarmte den teilnahmslos daliegenden Draco.

Da erklang wieder die kühle Stimme von McGonagall: „In diesem Falle, Ms Granger, Mr Weasley, ich möchte noch ein Wörtchen mit dem glücklichen Paar unter sechs Augen sprechen."

Als sich die beiden verabschiedet hatten, sprach die Zauberin: „Nun, Ich weiß ein wenig, wie junge Leute heutzutage sind, darum bitte ich Sie um Folgendes: Sollten Sie etwas ... Unsittliches machen", das Thema gefiel ihr offensichtlich nicht, wie jetzt auch die plötzlich auftretende, leichte Röte ihrer Wangen verriet, „so denken Sie an, ähem, Ihre Sicherheit ... Sollte sich herausstellen, dass sich einer von Ihnen beiden beim anderen mit, ähem, einer Krankheit infiziert hat oder dergleichen, werde ich Ihrem Zusammenwohnen ein Ende setzen. Und zwar schneller als sie ‚Quidditch' sagen können. Und ich werde einen anderen Ausweg für ihr Mobbing-Problem finden. Nötigenfalls quartiere ich Sie bei Mr Filch ein, wo, darauf können sie Giftwurz nehmen, Mr Malfoy, sie kein Schüler jemals belästigen wird!"

Damit ging sie zur Tür und ließ die beiden allein. Harry legte sich neben Draco auf das Bett, der das ebenso gleichgültig hinnahm wie die Umarmung.

Sein Körper ist so nahe ... ich kann seine Muskeln fühlen ... seinen Duft riechen ... seinen Atem hören ... Das könnte ein so schöner Augenblick sein, wenn er sich nur ein wenig freuen würde!

Er blickte ihm in die grauen Augen und lachte ihm zu: „Mitbewohner!"

Draco erwiderte das Lächeln kaum.

Was ist heute nur los mit ihm? Warum freut er sich so wenig?

Er nahm seinen Schwanz in die Hand und kitzelte damit Dracos Nase: „Freu Dich gefälligst!"

„Ich freu mich ja, Harry", er gab ein nicht echt klingendes Lachen von sich, und sprach mit finsterer Miene weiter: „Aber ... Slytherin zu verlassen ... also die Schlafräume ... Das ist keine leichte Sache. Sicher, jetzt ist es dort nicht mehr so schön, wo ich der Geächtete bin, aber ... das war sechs Jahre lange mein Zuhause ..."

Er hängt so an diesem eiskalten, unbequemen Schlafzimmer? Als ich dort war, war das der letzte Ort der Welt, an dem ich mich wohl gefühlt hätte. Dort fühlte ich mich so willkommen wie bei den Dursleys.

„Und Du wirst im Turm ein neues Zuhause finden. Mach Dir keine Sorgen. Dafür werden wir sorgen."

Wie gerne würde ich ihn jetzt küssen ... Sein Gesicht ist so nahe an dem meinen ... Und er kann Trost gebrauchen ... Aber ... er empfindet nicht für mich, so wie ich für ihn empfinde ... Was würde er tun, wenn ich es täte? ... Würde er sich freuen, würde er es verstehen? ... Oder würde er sich nur freuen, weil das unser kleines Theater überzeugender machen würde? Und wären ihm meine Gefühle egal?

„Harry ... Harry! ... HARRY!"

„Oh, 'tschuldige, ich war grade im Gedanken woanders."

„Schon gut. Ich wollte Dir noch etwas sagen." Er atmete tief ein. „Und zwar, dass es mir leid tut."

Harry wunderte sich. „Was tut Dir leid? Du hast doch gar nichts getan?"

„Doch, habe ich. Hätte ich Dich nicht in meinen privaten Rachefeldzug reingezogen und hätte ich Dich gestern nicht gezwungen, den Becher auszutrinken, hätte niemand versucht, Dich zu vergiften und Du hättest Du jetzt diesen Schweif nicht."

„Ach, das ist doch nichts. Im Gegenteil, ich find das sogar recht lustig! Siehst du?" Er packte seinen Schwanz wieder und hielt ihn grinsend vor seine Oberlippe, als hätte er einen schwarz-gelb gestreiften Schnauzer, und streckte die Zunge raus.

Draco lachte nicht.

Entweder hat er seinen Sinn für Humor verloren oder ihm liegt echt was auf dem Herzen.

„Und ich rede nicht nur von gestern. Da sind noch so viele anderen Sachen, die Ich Dir im Lauf der Jahre angetan habe! Zum Beispiel vor zwei Jahren, als ich Dich mit dem Cruciatus-Fluch foltern wollte!"

„Und erinnerst Du Dich noch daran", fragte Harry plötzlich ein wenig traurig und mit einem flauen Gefühl im Magen, „was ich einen Moment danach getan habe?" Er schluckte einmal und beantwortete selbst seine Frage: „Ich hab Dich mit dem Sectumsempra-Fluch fast umgebracht. Wenn hier einer dem anderen vergeben muss, dann Du mir. Das war schlimmer als alles, das Du mir jemals hättest antun können."

„Das war Notwehr, Du wolltest Dich nur zur Wehr setzen!"

„Ich hab einen Zauber ausprobiert, von dem ich nicht wusste, was er bewirkte! Er hätte alles Mögliche bewirken können! Das war so dumm von mir! Weißt Du, wie schwer mir das auf dem Gewissen gelastet hat? ... wie oft ich in der Nacht schweißgebadet aufgewacht bin, weil ich in Alpträumen wieder den Anblick Deines geschundenen Körpers vor mir sah, weil man mir in Alpträumen erzählte, dass Du wegen mir gestorben seist? ... Einmal konnte ich mich wirklich überwinden, Dich im Krankenflügel zu besuchen, aber Mmr Pomfrey wollte mich rauswerfen ... Mein Anblick könne Deinen Zustand noch verschlechtern, hat sie gesagt ... da bin ich weinend zusammengebrochen."

Draco erstarrte einen Moment: „Daran erinner ich mich! Ich hab mal jemanden meinen Namen weinen hören, als ich dort gelegen bin; was komisch war: Niemand hat je wegen mir geweint ... – genaugenommen hat nie jemand UM mich geweint, WEGEN mir haben schon viele Leute geheult ... Das warst wirklich Du?"

Harry nickte, dann lachte er auf, in der Hoffnung, Draco würde es ihm gleichtun. Er mochte ihn nicht so niedergeschlagen sehen. „Wir haben beide in der Vergangenheit Fehler gemacht. Wir müssen aus ihnen lernen, und dann in die Zukunft schauen!"

Draco sagte mit etwas zittriger Stimme: „Nein! Das geht nicht! Das ist ungerecht! Ich habe Dir soviel mehr Schmerzen zugefügt, Dir und Deinen Freunden so viel mehr Leid bereitet! ... Das hat doch wehgetan, als ich Dich im Hogwarts Express überfallen, versteinert und Dir die Nase gebrochen habe, oder nicht?"

„Das hat sehr wehgetan ... ." Unbewusst fasste er sich an die Nase. Dann grinste er: „Aber das ist die Vergangenheit!"

Gereizt zählte Draco weiter auf: „Ich hab in der Dritten versucht Dein Quidditch-Spiel zu sabotieren, indem ich mich als Dementor verkleidet hab und aufs Feld gelaufen bin. In der Ersten hab ich Dich um Mitternacht zu einem Duell herausgefordert, damit Du von der Schule geworfen wirst. Ich hab mitgeholfen Dumbledores Armee zu zerstören! Ich hab–"

Harry lächelte und fiel ihm ins Wort. „– einen Haufen Dummheiten gemacht. Vergiss sie endlich!"

Draco sprang jetzt wütend aus dem Bett und warf dabei Harry fast zu Boden: „Warum kannst Du darüber so einfach lachen und hinwegsehen! Hätte mir jemand so viel Scheiß angetan, ich würde ihm eins in die Fresse hauen!" Er hielt sein Gesicht zu dem ruhig dasitzenden Gryffindor und sagte: „Schlag zu! Die Ohrfeige gestern war ein guter Anfang, jetzt mach weiter!"

„Dein Verhalten sagt alles, was ich wissen muss." Harry setzte sich auf den Bettrand und sagte: „Kannst Du mir den Sectumsempra-Fluch vergeben, Draco?"

„Das habe ich schon längst", antwortete er, sichtlich enttäuscht, dass Harry Schmerz nicht mit Schmerz vergelten wollte. „Ich hab schon immer gewusst, dass Du das nicht tun wolltest und dass es Dir leid tut."

Da stand Harry auf und trat vor Draco hin, um ihm in die Augen sehen zu können, damit er die Aufrichtigkeit seiner Worte auch verstand. Mit ruhigem Ton sagte er: „Ganz genau. Es tut mir leid, so wie es Dir leid tut. Weil wir diese Taten bereuen. Und Reue brennt und schmerzt, hier", dabei legte er eine Hand auf Dracos Brust, „Reue kann so schlimm brennen wie ein Cruciatus-Fluch, nicht wahr? Wozu soll ich Dir noch zusätzlich wehtun? Ich habe Dir all das vergeben, weil Du diesen ‚Scheiß' bereust, weil Du aus Deinen Fehlern gelernt hast und weil Du dadurch zu einem besseren Menschen geworden bist."

Und weil ich Dich liebe, Du Idiot.