Es versteht sich wohl von selbst, dass Morgoth es nicht auf sich beruhen lassen konnte, dass Círdan gegen ihn rebellierte, und so schickte er 473 E.Z., ein Jahr nach der Nirnaeth Arnoediad, ein starkes Heer zu den Falas. Seine Streitmacht kam die Flüsse Brithon und Nenning herab und belagerte Círdans Städte hinter ihren Mauern.
An jenem Tag, einem 13. laire, einem angenehm warmen, wenn auch wolkigen Sommertag, wurde Gil-galad schon zu undómie von hellem Trompetenklang geweckt. Es war das Warnsignal, dass Feinde gesichtet worden waren. Erschrocken und mit pochendem Herzen sprang er aus dem Bett und sah zum Fenster hinaus. Zu dem Zeitpunkt hatte Morgoths Heer schon vor den Stadtmauern Aufstellung genommen. Morgoth hatte zahlreiches Kriegsgerät auffahren lassen, Maschinen direkt aus der Hölle, ebenso folgten Stollengräber und Flammenwerfer seinen Heeren, die die Mauern der Stadt einreißen und gleichzeitig untergraben sollten.
Es war wohl einer der schrecklichsten Anblicke, denen Gil-galad je in seinem Leben begegnen sollte. Wie versteinert stand er da, als er die schwarz wogende Masse vor den weißen Stadtmauern sah, erhellt von zahlreichen boshaften Feuern, die geradezu nach der Stadt lechzten. Erst Círdan, der zu ihm geeilt kam, um ihn zu warnen, riss ihn aus seiner Starre. Círdan riet ihm, seine Rüstung anzulegen, Aeglos bereit zu halten und für den äußersten Fall das Nötigste zusammenzupacken. Dann sollte er zu Elloth gehen und ihr nicht von der Seite weichen, egal, was passierte. Der äußerste Fall, damit meinte Círdan natürlich das Scheitern ihrer Verteidigung und den Fall von Eglarest, und dieser schien, obgleich es niemand aussprach, allen sehr wahrscheinlich.
Gil-galad folgte Círdans Anweisungen ohne zu zögern. Die unmittelbare Gefahr, die ihm nun drohte, verängstigte ihn sehr. Man kann schließlich von keinem Heranwachsenden wie ihm verlangen, dass er schon bei jenem allerersten Feindkontakt die Tapferkeit späterer Tage kannte. Allerdings war es auch diese Gefahr, die Elloth aus ihrer selbst gewählten Isolation riss. Als ihr Sohn ihre Gemächer betrat, schien sie wieder ganz jene Elbin zu sein, die Gil-galads Mutter war, durchsetzungsfähig und mit einem starken Willen gesegnet.
Círdan hieß sie beiden, in diesen Räumen zu bleiben, wo sie vorläufig in Sicherheit waren. Dennoch sagte er ihnen im selben Atemzug, dass sie ihre Sachen bereithalten sollten. Damit ging er, um die Verteidigung zu organisieren.
Es wurde ein langer und schwerer Tag für alle. Bald schon brannten viele Feuer in der Stadt, die wie durch Hexerei kaum zu bekämpfen waren. Schwerer, dicker Rauch hing über der ganzen Stadt, der in Augen und Lungen brannte und das Kämpfen schwer machte. Die Verteidiger konnten die Stadtmauern lange halten, dennoch war es bald ersichtlich, dass sie nicht obsiegen konnten. Immer häufiger gelangten Orks auf die Mauern und jedes Mal waren es mehr, bevor sie wieder zurückgeschlagen werden konnten. Ebenso waren die Mauern zwar hoch und dick gebaut, doch die Kräfte, die Morgoth gegen sie sandte, konnten sie nicht auf Dauer aufhalten.
Gil-galad und seine Mutter hatten einige Zeit die Belagerung aufmerksam verfolgt, und Elloth erkannte bald, dass Hilfe benötigt wurde. Sie als Frau konnte nicht viel tun, denn sie führte keine Waffen (auch wenn sie an diesem Tag nichts sehnlicher wünschte, als dies tun zu können), aber sie beschloss, so gut, wie es in ihren Möglichkeiten stand, zu helfen. Mit Gil-galad begab sie sich also zur Stadtmauer, um dort dabei zu helfen, die Verwundeten zu versorgen. Sie besaß zwar kaum nennenswertes Wissen über die Heilkunde, ebenso wenig ihr Sohn, doch ich weiß aus Erfahrung, dass es oftmals schon sehr hilfreich sein kann, einfach nur Trost und Mut zu spenden. Círdan, als er sie ausmachte, zeigte sich freilich wenig erfreut, doch ließ er sie gewähren; er wusste, dass man nur schwer gegen Elloth und ihren starken Charakter ankam.
Die Belagerung zog sich den ganzen Tag hin, doch es war nur ein aufgeschobenes Ende Eglarests, ein langsames, qualvolles Verenden der Stadt der Falathrim. Gegen Abend war die Verteidigung überwunden. Die Mauern lagen größtenteils in Trümmern, die Tore waren eingerissen und der Großteil der Stadt war zerstört, zerschmettert und verbrannt. Círdan musste sich endgültig eingestehen, dass sie nicht gewinnen konnten, und gab den Befehl zum Rückzug und zur geordneten Flucht über See.
Schon den ganzen Tag über waren die Zivilisten auf die Schiffe im Hafen evakuiert worden, der Großteil von ihnen hatte die Stadt bereits verlassen. So gelang es den Verteidigen im tapferen Rückzugskampf den Hafen zu erreichen und in vergleichsweise kurzer Zeit die Schiffe zu bemannen. Als einer der letzten ging Círdan mit Elloth und Gil-galad an Bord seines großen weißen Flaggschiffes. Die meisten der Schiffe konnten den Hafen sicher verlassen, die Orks konnten nur einige wenige in Brand setzten und versenken.
Eglarest war verloren und am nächsten Tag sollte auch Brithombar fallen. Die weißen Städte der Falathrim gingen in Rauch und Flammen unter. Círdan zog sich nach Balar zurück, seiner letzten Bastion.
Gil-galad hatte damit endgültig alles verloren: Großvater und Vater waren in der Schlacht gefallen, seine Heimat war nicht mehr und er musste nun im Exil leben. Die Schrecken der Schlacht, obgleich er nicht selbst kämpfen musste, hatten sich tief in sein Gedächtnis eingegraben und ließen ihn bis zum Ende seines Lebens nicht mehr los. Seine Kindheit hatte nun endgültig ein Ende gefunden, er hatte erwachsen werden müssen. Natürlich hofften alle, dass Turgon vom verborgenen Gondolin aus lange regieren konnte, doch insgeheim befürchtete Gil-galad schon jetzt, dass Gondolin verraten und Turgon, sein Onkel, den er nie kennen gelernt hatte, mit seiner Stadt untergehen würde. Und dann war die Krone, die doch noch vor einer vergleichsweise kurzen Zeit so entfernt von ihm schien, an ihm. So war es eine Notwendigkeit, dass er nun erwachsen wurde und seine Kindheit nur noch eine angenehme Erinnerung war.
Círdan hatte Balar schon seit jeher als Festungsanlage besiedeln lassen. Entlang der Küsten der Insel waren immer wieder Festungen errichtet, auch die Städte im Landesinneren waren mit starken Wehranlagen versehen. Die Versorgung der Einwohner erfolgte teils über das, was die Insel selbst und das Meer hergaben, teils über die fruchtbaren Sirionmündungen. Die von zahllosen Möwen bewohnte Insel vor den südlichen Küsten Beleriands mochte idyllisch wirken mit ihren sanften Hügeln und grünen Wiesen, doch nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass Balar ein letztes Refugium der Heimatlosen war. Gil-galad fand sich im Exil wieder.
Turgon vernahm natürlich auch in Gondolin, dass die Städte der Falathrim gefallen waren. Er erkannte vielleicht nicht als erstes, dass sie der Hilfe aus Aman bedurften, doch er ergriff nun in seiner Pflicht als Hoher König als erster Maßnahmen dafür. Er schickte Nachricht zu Círdan mit der Bitte, um Hilfe ersuchende Schiffe nach Valinor zu schicken. Daraufhin ließ Círdan sieben schnelle Schiffe bauen und entsandte sie mit günstigen Winden aus. Am Tag ihrer Abfahrt stand Gil-galad am Kai, und sah ihnen lange nach, auch, als das letzte Segel schon lange hinter dem Horizont verschwunden war. Von den Schiffen hörte man bis auf eines nie wieder etwas, und dieses eine kehrte nach langem Kampf gegen schlimme Stürme schließlich um, nur um in Sichtweite zur Küste zu sinken. Von den Seeleuten überlebte nur einer, Voronwe mit Namen, einer von Turgons Gesandten.
Damit schien auch die letzte Hoffnung zunichte, auch wenn es Earendil, wie man weiß, nicht von seinen späteren Fahrten abhalten sollte. Die Welt schien nun endgültig zerbrochen.
Die hier beschriebenen Ereignisse habe ich noch einmal in einem OS festgehalten: Dark Harbor.
