9. Fluchtinstinkte
Ihre Finger krallten sich in die feuchte Erde, die Füße suchten Halt auf den glitschigen Steinen. Sie musste Etwas zu greifen bekommen. Eine Wurzel, einen Felsen – irgendetwas! Die Kälte verbiss sich in ihre Haut, drang tiefer in ihr Gewebe ein und drohte, ihre Knöchel anzufallen.
Elena fluchte. Schlamm, durchzogen von Eiskristallen und Schnee, bröckelte auf ihre Kleidung. Das hier war ein Höllenloch. Es kostete Elena viel Mühe, sich an der steinernen Wand zu halten. Sie entdeckte einen kleinen Vorsprung. Jetzt musste sie sich konzentrieren. Mit der Sprungkraft eines Vampirs war es wohlmöglich zu schaffen. Elena fixierte den großen Stein und stieß sich zur Seite ab. Mit ausgestrecktem Arm flog sie drauf zu – und verfehlte die Kante um wenige Millimeter.
Dank ihren Fähigkeiten, landete sie auf den Füßen. Zehn Meter Klettern waren umsonst gewesen. Erschöpft ließ sie sich neben Bonnie nieder. Die Hexe zitterte.
„Du bist weit gekommen", lobte sie, die Arme um den Körper geschlungen. Elena machte die Kälte wenig aus, aber ein Mensch überlebte hier nicht lange. Einzig, dass sie offenbar lebten, schenkte ihnen Trost.
„Gerade mal ein Drittel habe ich geschafft. Nicht weit genug. Ich werde es gleich noch mal versuchen. Wenn ich oben bin, suche ich nach einem Seil. Vielleicht finde ich Leute in der Nähe, die mir helfen können."
„Es ist zwecklos." Die Hexe war weniger optimistisch. Ihre Lippen waren blau angelaufen, mit jedem Wort hauchte sie eine Wolke in die Luft. „Die Schlucht ist zu tief. Von selbst kommen wir hier nicht raus."
Wenn sie wenigstens Holz hätten. Bonnie benutzte ihre Zauberei, um sich innerlich etwas zu wärmen. Es wäre leichter gewesen, ein Feuer zu entfachen. Doch sie fanden nichts als organische Pilze und merkwürdige Insekten, die der Kälte trotzten. Keiner hatte eine Ahnung, wo sie sich befanden. Elena tippte auf Sibirien oder Kanada, traute sich aber nicht, lautstark zu mutmaßen.
„Uns bleibt keine Wahl, Bonnie. Du erfrierst." Sie legte ihrer Freundin einen Arm um die Schulter, was der Hexe nur dürftig Wärme spendete.
„Die Felsen bieten keinen Halt. Selbst ein Vampir hat Grenzen", konterte ihre Freundin.
„Wir haben Unvorstellbares zusammen durchgemacht. Diese Schlucht ist nichts gegen Klaus oder Silas. Du wirst hier nicht sterben. Egal, wie oft ich abstürze, ich komme nach oben und finde einen Weg, dich zu retten. Nicht nur, weil ich deine Freundin bin, sondern auch, weil ich es dir schulde."
Die Hexe wich ihrem Blick aus. „Weil du mich töten wolltest?"
„Ich kann wieder klar denken, Bonnie. Und ich möchte mich entschuldigen. Aber ich muss dir auch beweisen, dass du mir wieder vertrauen kannst."
„Das tue ich."
Elena schluckte. „Trotzdem. Ich gebe nicht auf."
Entschlossen erhob sie sich und versuchte es ein weiteres Mal. Ihre Nägel waren brüchig und voller Dreck. Dennoch bohrte Elena ihre Fingerspitzen in die erdigen Spalten. Bonnie beobachtete ihre Freundin bei jedem Schritt. Zwei Meter hatte Elena bereits unter sich gelassen. Die glatten Solen ihrer Schuhe rutschten immer wieder ab. Im letzten Augenblick fing sie sich. Sie stöhnte. Gerade, als sie glaubte, gefrorene Erde biete ihr genug Standhaftigkeit, brach das Geröll unter ihren Füßen weg.
Bonnie reagierte instinktiv. Ihre Gedanken riefen die Magie herbei. Ein gigantischer Eiszapfen schoss aus der Steinwand heraus und stütze Elena. Überrascht tippte sie mit dem Fuß auf das gefrorene Wasser.
„Ist das ein euer Zauber?", rief sie Bonnie zu.
Die Bennett-Hexe staunte über sich selbst. „Kann ich nicht sagen… Es erschien mir logisch. Ich wusste nicht, dass ich dazu in der Lage bin." Vom Eisblock fasziniert, stand sie auf und legte ihre Hand an die Schlucht. Bonnie atmete tief durch. Plötzlich durchbrachen weitere Platten die Wand, bis sich eine steile Treppe gebildet hatte.
„Komisch…", murmelte sie. „Hier gibt es Spuren von Magie. Ich kann mich aus ihnen bedienen. Das ist mir noch nie unter gekommen."
Elena lächelte. „Zumindest funktioniert es." Sie hielt ihr die Hand hin. „Verschwinden wir von hier."
Natasha gab es auf. Keiner ließ sich auf den anderen ein. Sie waren kein Team. Sie waren ein Haufen Sprengstoff. Ein kleiner Stoß, und sie würden der Menschheit mehr schaden, als dass sie ihr halfen. Tony hasste Steve und Thor war der Außenseiter. Banner benahm sich, aber niemand traute ihm. Auch sie wollte den Hulk nicht in ihrer Nähe wissen. Einzig Fury behielt Ruhe. Falls auch er in Streit verfiel, gab es keine Hoffnung für die Erde.
„Stark hat Recht", erklärte Banner. „Es wäre besser, zu warten, bis sich etwas tut."
„Bis dahin kann es zu spät sein." Thor machte eine Handbewegung. „Der Tesserakt muss nach Asgard gebracht werden. Je länger er in Reichweite der Menschen ist, desto gefährlicher ist es für sie."
„Ich muss Thor zustimmen", pflichtete Steve dem Donnergott bei. „Wir wissen rein gar nichts über Vampire. Ich meine, gibt es noch mehr da draußen? Sind sie womöglich anfällig für magische Waffen?"
Tony verdrehte die Augen. „Man kann nicht auf Waffen anfällig sein. Sie haben wirklich einiges verpasst, als sie im Dornröschenschlaf vor sich hin geträumt haben."
Wie lange bekriegten sie sich noch? Natasha versuchte, die Stimmen auszublenden, um einen klaren Gedanken zu fassen. Clint brauchte sie. Er brauchte Helden. Auf diese Truppe konnte man nicht bauen. Ihnen fehlte eine Gemeinsamkeit, ein Anstoß.
Agent Hill unterbrach die Diskussion. „Direktor. Jemand startet den Quinjet."
„Wer?"
Maria Hill tippte auf den Bildschirm. „Nicht autorisiert."
„Mach lieber, dass du von hier wegkommst", sagte Damon zu dem Agent, der sich ihnen in den Weg stellte. Der Mitarbeiter nickte geistesabwesend und überließ ihnen das Fluggerät. Loki war begeistert von den Fähigkeiten des Vampirs. Oh, könnte er es doch lernen! Wie viel Erleichterung würde dieses Können mit sich bringen? Der Gott würde längst über Asgard herrschen.
„Ich an deiner Stelle, würde mich anschnallen", riet Damon dem Eisriesen. Loki ließ sich nicht gerne Befehle aufdrücken.
„Nicht nötig", erklärte er und stellte sich hinter den Sitz. „Lange genug hielt ich die Füße still. Ich nehme Platz, wenn es mir beliebt."
„Ok." Damon ging nicht weiter darauf ein und schloss die Ladeluke.
Einige Augenblicke tat sich nichts. „Hm… Ich vermute…" Der Vampir drückte ein paar Knöpfe. Etwas blinkte auf, ein Dröhnen ertönte. Loki hielt sich die Ohren zu.
„Wohl eher nicht", murmelte der Blauäugige und stellte den Alarm ab. Weitere Schalter wurden bedient. Das Brummen des Motors ertönte. „Geht doch."
Ruckartig hob der Quinjet ab. Loki taumelte und hielt sich an der Lehne fest.
„Ich nahm an, du kannst das Ding steuern?", erkundigte sich der Halb-Gott.
„Tja, das war wohl gelogen."
Das Flugzeug wirbelte schlagartig zur Seite. Mit einem dumpfen Schrei knallte Loki gegen die Sitze.
„Sorry, meine Schuld." Damon griff nach der Lenkvorrichtung.
„Du hast mich getäuscht?", knurrte Loki, der sich aufrappelte.
„Schlaues Kerlchen. Ich brauche deine Hilfe und du brauchst meine. Gut, ich kann kein High-Tech-Flug-Dings bedienen, aber ich kenne meinen Bruder. Wenn du dein Spielzeug wieder haben willst, wirst du ein braver Außerirdischer sein und Sitz machen. Ach, apropos Hinsetzen – ich hab die Düsen gefunden."
Ein weiterer Stoß schleuderte Loki nach hinten.
Die Triebwerke heulten auf und katapultierten das Fluggerät in die Lüfte.
