Kapitel 8:
Jaspers POV:
Einkaufen mit Alice war furchtbar. Ich liebte meine Frau, keine Frage, aber sie konnte wahnsinnig anstrengend sein. Wenn sie etwas wirklich wollte, war sie stur ohne Ende und ließ nicht locker, bis sie bekam was sie wollte. Und leider war Shopping eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, was im Endeffekt bedeutete, dass sie mindestens ein bis zweimal im Monat loszog und einen halben Laden leerkaufte. Ihr Schrank platzte aus allen Nähten und hätte sie nicht regelmäßig einen Teil des Inhalts an wohltätige Organisationen gespendet, hätte sie vermutlich einen eigenen Raum allein für ihre Bekleidung gebraucht. Ich liebte Alice über alles- aber ich hasste es mit ihr einkaufen zu gehen.
Seufzend verlagerte ich das Gewicht vom einen auf den anderen Fuß und verdrehte in Edwards Richtung die Augen. Er grinste, zuckte dann aber zusammen und sah sich hastig um. Bella war gerade das dritte Mal in Folge auf die Nase gefallen und versuchte sich jetzt fluchend aufzurichten. Wie Alice auf die mehr als dämliche Idee gekommen war, gerade Bella Swan in hochhackige Schuhe zu stecken war mir ein Rätsel. Edward lachte, rannte zu seiner Freundin herüber und stellte sie wieder auf die Füße. „Alles klar?", fragte er mit zuckenden Mundwinkeln, woraufhin sie ihm beleidigt gegen die Brust boxte, nur um aufzustöhnen und sich die Hand zu reiben. „Aua", maulte sie vorwurfsvoll und Edward verdrehte die Augen. „Langsam solltest du aber gelernt haben, dass man sich nicht mit einem Vampir anlegt", kommentierte er trocken und Bella streckte ihm die Zunge heraus, drehte sich um und stolzierte davon. Nun, sie wollte davonstolzierten, knickte allerdings schon nach zwei Schritten um und hätte sich sicherlich den Knöchel verstaucht, wenn Edward sie nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Es leben die Vampirreflexe.
Bella fluchte lautstark und riss sich die Unfallbeschleuniger von den Füßen. „Ich bring Alice um", knurrte sie und stampfte durch den Laden auf meine Frau zu, die gerade versuchte Hope in ein paar hohe Stiefel einzuschnüren. Das arme Mädchen wirkte fast noch gequälter als Bella und warf mir einen hilfesuchenden Blick zu. Ich winkte nur fröhlich. „Und?", fragte Edward und ich wusste sofort was er meinte. „Sie sind nicht halb so schlecht drauf wie sie tun." „Dachte ich mir fast", grinste er und verwuschelte sich das Haar. „Was denkst du wie lange es noch dauert?" „Musst du nicht mich fragen", antwortete ich und verdrehte die Augen. „Ich bin nicht derjenige der Gedanken lesen oder in die Zukunft sehen kann. Ich kann dir nur sagen, was die Mädels fühlen. Und Alice ist noch lange nicht zufrieden und hat noch jede Menge Elan. Rechne lieber mit ein paar Stunden." Edward seufzte theatralisch und lachte dann. „Was tun wir nicht alles für unsere Frauen." Aber hallo.
In diesem Moment polterte es hinter uns und ich hörte Bella fluchen: Sie war in ein Schuhregal gefallen. Edward eilte ihr schnell zu Hilfe, konnte sich aber ein Lachen nicht verkneifen, was seine Freundin natürlich bemerkte. Leise schimpfend warf sie ihre Schuhe nach ihm und versuchte gleichzeitig Alice mit ihrem Blicken zu töten. Meine Frau gab auf und erlöste uns. „Kein Schuhe-Shopping mehr für heute", sagte sie und machte dabei den Eindruck als hätte sie gerade zugestimmt ein Jahr lang von Tofu zu leben. Dann grinste sie und klatschte freudig in die Hände. „Auf in den nächsten Laden." Unser vierfaches Protestieren gekonnt ignorierend stolzierte sie voran und verfrachtete uns in einen Designerklamottenladen.
Hier wurden dann leider auch Edward und ich nicht mehr verschont. Während er schon bald hinter dem Haufen Hemden, Pullover und T-Shirts, die er anprobieren sollte verschwand, drückte Alice mir einen Stapel Jeans in die Hand, die meinen „zuckersüßen Hintern" betonen sollten. Edward lachte fast zehn Minuten lang gehässig und ich wäre am liebsten im Boden versunken. Meine Frau konnte wirklich peinlich sein. Ich tat ihr aber den Gefallen, nur um dann ein paar Minuten später Edward auszulachen, der in seinem karierten, lilanen Hemd etwas von einem schwulen Cowboy hatte und ganz offensichtlich vor Scham am liebsten gestorben wäre. Alice warf ihm einen strengen Blick zu. „Das ist dafür, dass du dich über Jasper lustig gemacht hast, niemand verspottet den Hintern meines Ma... Freundes." Sie warf Hope einen kurzen Blick zu, aber die schien nichts bemerkt zu haben, war sie doch zu sehr damit beschäftigt ihr Gesicht möglichst ausdruckslos zu halten. Man musste kein Empath sein um zu wissen, dass sie sich innerlich halbtot lachte. Bella dagegen war nicht so rücksichtsvoll, sie lachte Edward ganz offen aus, verschluckte sich allerdings kurz darauf an der Luft und hickste, woraufhin ihr Freund äußerst zufrieden aussah. „Niemand lacht über mich", schnaubte er und stolzierte dann so gut es in der knallengen Lederjeans ging zurück in die Umkleidekabinen. Hope kicherte und schlug sich dann die Hand vor den Mund, offenbar war sie von ihrem Lachen selbst überrascht. Ich lächelte ihr aufmunternd zu und sie wurde rot. Bella grinste, legte ihr einen Arm um die Schultern und warf mir einen warmen Blick zu. Sie war glücklich.
„Gut", sagte sie schließlich und wandte sich ergeben Alice zu. „Tob dich aus." Meine Frau quietschte aufgeregt und klatschte begeistert in die Hände. „Jaaa, Shopping!" Damit schnappte sie sich Bella und Hope, zerrte sie durch die Gänge und drückte ihnen immer mehr Kleidungsstücke in die Arme. „Bella, du bist immer noch eine sechs, oder? Ach was frag ich, natürlich bist du das. Und Hope dürfte Größe vier tragen, so wie ich." Sie nickte zufrieden und schob die beiden dann in die Umkleidekabinen. „Alice", sagte ich. „Mach mal langsam und lass die beiden auch mal zu Wort kommen." „Aber..." „Ich weiß, dass du ganz aufgeregt bist, Schatz. Aber du weißt auch, dass Bella kein großer Shoppingfan ist und dass sie das hier nur wegen dir tut. Und Hope wirkt gerade auch etwas überfordert, wenn du mich fragst. Und wenn es einer weiß, dann ich", sagte ich ruhig und Alice zog eine Schnute. „Aber wenn sie schon mal mitkommen, muss ich das doch auch ausnutzen!" „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass sie vielleicht öfter mit dir einkaufen gehen würden, wenn du es nicht jedes Mal auf Stunden ausdehnen würdest?", fragte ich ruhig und sie schob schmollend die Unterlippe vor. „Du bist doof." „Danke für die sachliche Diskussion", entgegnete ich nur und sie streckte mir die Zunge raus, küsste mich kurz und rannte dann zu den Umkleiden zurück. „Seid ihr fertig, Mädels?"
Etwa fünfundsiebzig Minuten und neunzehn Outfits später wirkten die beiden tatsächlich vollkommen fertig und selbst die sonst so zurückhaltende Hope jammerte jetzt schon nachdrücklich, dass ihr heiß war, ihre Füße wehtaten und sie keine Lust mehr hatte. Alice war zwar nicht glücklich darüber, erinnerte sich aber offenbar an meinen Rat und stimmte schließlich zu das Shoppingmassaker zu beenden. „Aber nur wenn ihr noch ein Kleid anprobiert!" Die beiden verzogen gleichzeitig und fast identisch das Gesicht und in diesem Moment sah man ihnen deutlicher denn je an, dass sie verwandt waren. „Supi. Edward, das blaue Kleid hinten links in Größe sechs und das cremefarbene Kleid einen Ständer weiter in Größe vier, bitte!" Edward salutierte, verschwand und war keine zwei Sekunden später mit den erwünschten Kleidungsstücken wieder da. Ich warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Was denn?", machte er. „Hat doch keiner gesehen. Außerdem will ich hier raus, mir reicht es für heute." Damit drückte er den beiden Mädchen die Kleider in die Hände und drängte sie wieder in Richtung Umkleidekabinen. „Na los, hopp hopp! Und danach lade ich euch dann zum Essen ein, okay?" Hope zuckte kurz und ich spürte eine Welle von Unbehagen zu mir herüberschwabben. Wahrscheinlich war es ihr unangenehm, dass jemand Geld für sie ausgeben wollte. Ich verstand sie gut, aber das war etwas womit sie sich bei uns anfreunden müssen würde.
Ich winkte Edward zu mir herüber. „Was...?" „Keine Ahnung", murmelte er. „Ich kann ihre Gedanken immer noch nicht lesen. Ich hätte schwören können, dass ich als sie mit Bella im Badezimmer war irgendetwas gehört habe, aber dann war es auch schon wieder weg, wahrscheinlich habe ich mich getäuscht und einen Gedanken von irgendwem anders aufgeschnappt." Er seufzte frustriert. „Bei ihr ist es noch schlimmer als bei Bella, denn in ihr kann man wenigstens lesen wie in einem Buch. Aber Hope... die ist undurchdringlich." Er knurrte unzufrieden. „Jetzt erfährst du wenigstens mal wie es uns Normalos geht", kommentierte ich nur. „Nicht jeder weiß immer und überall was jeder um ihn herum denkt, also stell dich mal nicht so an, nur weil du es bei zwei einzelnen Menschen nicht weißt!" Edward ignorierte mich. „Vampire als normal zu bezeichnen, das kann auch echt nur von dir kommen", sagte er stattdessen und brummte erneut. „Aber deine Fähigkeiten funktionieren bei ihr, oder?" „Klar." Ich zuckte mit den Schultern. „Sie funktionieren ja auch anders als deine. Allerdings ist Hope manchmal wirklich etwas schwierig zu durchschauen, ihre Gefühle sind teilweise wirklich sehr verwirrend und sprunghaft und manchmal kann ich sie auch gar nicht einordnen oder sie passen nicht zu der Situation. Wie gesagt, es ist merkwürdig." „Wie meinst du das?", fragte Edward mit gerunzelter Stirn und zuckte kurz zusammen, als ein Spiegel klirrte. „Alles klar, Schatz?" „Nichts passiert!", ertönten zwei Stimmen gleichzeitig und er grinste und wandte sich wieder mir zu. „Also?"
„Ich kann es nicht richtig erklären. Manchmal wenn sie lächelt, ist sie nicht glücklich. Manchmal wird sie innerhalb von einer Sekunde auf die andere ohne ersichtlichen Grund total panisch und manchmal quillt ihr Herz vor Zuneigung beinahe über, ohne dass irgendetwas Besonderes passiert wäre. Am extremsten ist es bei Bella- und bei Emmet. Jetzt wissen wir ja warum." Edward nickte nachdenklich und ich musste automatisch an die Frage denken, die mir seit gestern unter den Nägeln brannte. Mein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Nein, sie haben nicht weiter darüber gesprochen und da ich ihre Gedanken nicht lesen kann..." „Hat Bella denn nicht gefragt?", wisperte ich leise, sodass die Mädchen uns nicht hören konnten. „Nein. Hope sagte ihr, dass es an ihrem dreizehnten Geburtstag passiert ist und dass ihr Bruder einen Unfall hatte. Ich glaube, Bella war zu geschockt um zu fragen und als sie sich wieder gefangen hatte, muss sie gemerkt haben wie sehr Hope die Erinnerung daran noch immer zusetzt. Das arme Ding, ich hab sie später stundenlang weinen gehört." Ich nickte. Armes Ding, das traf es ziemlich genau.
„Denkst du, sie hat eine Chance? Denkst du, wir kriegen sie wieder hin?", fragte Edward und ich sah ihn nachdenklich an. „Ja. Du weißt nicht wie sehr sie Bella liebt und wie glücklich sie darüber ist, dass wir sie mögen. Ihr Herz geht auf, wenn wir mit ihr reden, wenn sie mit uns zusammen ist. Sie wirkt glücklich. Klar, sie hat definitiv innere Dämonen zu bekämpfen, aber ihre Emotionen unterscheiden sich nicht so wahnsinnig von denen der anderen Menschen, auch wenn sie um einiges intensiver sind. Aber sie ist weitestgehend in Ordnung, ihr Leben wird nicht von ihren Ängsten bestimmt, sie blitzen nur immer wieder mal durch." Ich zuckte mit den Schultern. „Ich kann nicht in sie hineinschauen, ich kann dir nur sagen was ich fühle, was sie fühlt. Sie ist voller Hoffnung und Sehnsucht nach Normalität. Ich denke, dass sie bereit ist alles Nötige zu tun, sie ist bereit zu kämpfen. Sie hat sich nicht aufgegeben, Edward und sie liebt Bella über alles. Sie will nicht weg von hier."
Edward sah mich lange an. „Und Bella?" „Sie ist glücklich und hat gleichzeitig panische Angst, dass Hope wieder verschwinden könnte. Sie hängt wahnsinnig an ihr, ich schätze sie ist auf sie ähnlich fixiert wie auf dich, jedenfalls reagiert sie gefühlsmäßig auf sie genauso stark wie auf dich. Und sie hat das Gefühl, dass du ihr Hope wegnehmen willst, sie hat Angst, dass du sie zwingst sich zu entscheiden. Die beiden scheinen sich mal sehr nahe gestanden zu haben und Bella ist überglücklich, dass sie ihre Cousine jetzt wieder hat. Sei vorsichtig, Edward, sie wäre beinahe zerbrochen, als du sie verlassen hast und eine Trennung der beiden würde Ähnliches auslösen. Die beiden lieben und brauchen sich. Beide haben Schuldgefühle und Angst, dass der andere sie nicht mehr mag, ihre Gefühle zueinander sind sich extrem ähnlich. Sie sind gut füreinander, sie ergänzen sich. Du weißt nicht was sie fühlen, Edward. Es ist als waren sie zerrissen oder als hätte ihnen ein Stück von sich selbst gefehlt. Ich weiß, dass du dir Sorgen um Bella machst und das ist auch dein gutes Recht, aber du hast keine Ahnung welches Ausmaß Hope in ihrem Herzen einnimmt. Wenn du sie trennst, wird Bella niemals vollständig glücklich sein. Wenn du also Bella beschützen willst, musst du auch Hope beschützen. Wenn die eine glücklich ist, ist es die andere auch. Und ich weiß, dass du Hope magst, mir kannst du nichts vormachen." Ich lächelte ihn ruhig an.
„Ich habe nicht gesagt, dass ich sie nicht mag", antwortete Edward und ich seufzte. „Nein, aber du versuchst dich selbst davon zu überzeugen. Edward, du vergisst was für Fähigkeiten ich habe. Ich fühle, was du fühlst! Sie tut dir Leid und du hast sie gern, aber sobald Gefühle dieser Art aufkommen, versuchst du sie sofort mit negativen Gefühlen zu überdecken. Es ist genauso wie bei Bella damals. Du hattest sie gern, aber du wolltest es nicht. Es hat dir Angst gemacht, du wolltest dich nicht auf Bella einlassen, weil du sie nicht gefährden wolltest, aber vor allem auch weil sie menschlich ist und damit verletzlich. Vampire sind so gut wie unzerstörbar, du musst keine Angst haben, dass sie krank werden oder sterben, bei Menschen ist das anders, sie verlassen dich früher oder später. Bei Hope hast du instinktiv gespürt, dass sie labiler als andere Menschen ist und damit ist die Wahrscheinlichkeit sie bald wieder zu verlieren höher."
Edward starrte mich an, wütend. „Versuch nicht mich zu analysieren." „Ich kann nichts dafür", seufzte ich. „Glaub mir, mir gefällt es auch nicht, dass ich ständig spüre was ihr spürt und dass ich damit automatisch ins Grübeln komme. Es ist als hätte ich neun, zehn verschiedene Vergangenheiten, Ängste und Schicksale in meiner Brust, die versuchen mich aufzufressen. Du hast deine Eltern früh verloren, wurdest als Erster von uns verwandelt und bist mit Carlisle herumgezogen. Du hattest lange keine Familie, aber das war immer alles, was du wolltest. Du bist auf die Menschen, die du liebst fixiert, noch um einiges schlimmer als Bella und du hast Angst, dass sie dir wieder genommen werden, deswegen versuchst du niemanden an dich herangelassen. Bei Bella hattest du keine Chance, du hast versucht dich zu wehren, aber du hast es nicht geschafft. Und es war doch gut so, oder nicht? Du bereust nicht sie zu lieben und du bist glücklicher als je zuvor. Warum gibst du nicht auch Hope eine Chance? Du magst sie doch schon und sie ist ein liebes Mädchen und tut Bella gut. Manche Freundschaften brauchen Jahre, bei manchen funkt es sofort. Sie könnte unsere Schwester sein, Edward. Wäre das denn wirklich so schlimm?"
Er sah gequält aus und ich wusste, dass ich die Grenzen der Privatsphäre weit überschritten hatte, als ich angefangen hatte über seine Familie zu reden. Es tat mir leid, aber ich bereute es nicht. Ich hatte Jahrzehnte damit zugebracht zu fühlen was jeder um mich herum fühlte und oft fiel es mir schwer mich abzugrenzen, an manchen Tagen konnte ich den Kontakt zu meiner Familie kaum aushalten. Und Edward war in seinen Gefühlen teilweise sehr extrem, auch wenn er es sich nie anmerken ließ und so hatte ich eine Weile gebraucht um zu verstehen wo sein Verhalten herrührte. Seine Trennung von Bella hatte mich dann endgültig in seinen Verlustängsten bestätigt. Er hatte sie verlassen, bevor ihr etwas zustoßen und sie ihn verlassen würde, so wie es mit seinen Eltern geschehen war. Edward war nicht so abgeklärt wie er immer tat und ich hatte schon lange das Bedürfnis gehabt ihm zu helfen. Und vielleicht half ihm diese Konfrontation ja. Und so eigennützig das klang: Wenn es ihm besser ging, hielt auch ich es besser in seiner Nähe aus. Edward war ein schwieriger Charakter, voller widersprüchlicher Gefühle und Ängste. Ihn zu verstehen war beinahe so kompliziert wie Rosalie zu durchschauen. Ohne meine Fähigkeiten wäre mir beides sicherlich noch lange nicht gelungen.
Edward starrte mich an, sein Blick wirkte leer und ich konnte sagen, dass seine Gefühle verrücktspielten und er absolut durcheinander war, aber nichts von dem ließ er an die Oberfläche kommen. „Tut mir Leid, Ed", sagte ich leise, aber ich wusste, dass diese Unterhaltung längst überfällig gewesen war. Unser Verschwinden hatte Bella beinahe gebrochen und auch wenn er geschworen hatte sie nie wieder zu verlassen, konnte ich doch immer wieder fühlen, dass er sich ihre Liebe nicht erklären konnte und die Gefühle am liebsten abgetötet hätte. Edward war so dermaßen voller Angst Bella zu verlieren, dass er sie kaum noch alleine lassen wollte. Er schlief bei ihr, wachte über sie und wenn er mal nicht bei ihr sein konnte, bat er Alice ein Auge auf sie zu werfen. Er lebte ständig in der Angst, dass ihr etwas passieren könnte und das machte ihn kaputt. Auch Vampire hatten eine Seele und wir waren nicht unbegrenzt belastbar. Manchmal mussten auch wir gerettet werden.
Eine Welle der Frustration und der Wut schwabbte zu mir herüber und ich wusste, dass Edward meine Gedanken gelesen hatte und dass es ihm nicht passte, dass ich ihn auf diese Art und Weise wahrnahm, dass ich so über ihn dachte. Ich habe nicht vor, mit irgendjemandem darüber zu reden, Ed. Es ist dein Leben und deine Entscheidung. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich für dich da bin, wenn du mich brauchst, dass wir alle für dich da sind. Wir sind eine Familie. Edward sah mich an, lange, dann lächelte er und nickte ernsthaft. Eine paar Sekunden hielten wir den Blickkontakt, dann wandte er sich ab und ging zu Alice herüber. Es war klar, dass sie alles verstanden hatte, aber sie war intelligent genug um zu wissen, wann sie sich besser raushielt. Sie lächelte mich an, offenbar war ich nicht der einzige, der sich um Edward Gedanken machte. Ich nahm ihre Hand und drückte sie leicht. „Gut gemacht", wisperte sie, wechselte aber das Thema als Edward zu grollen anfing. Er hatte die Nase voll von dem Thema und ich spürte instinktiv, dass die Situation eskalieren würde, wenn wir jetzt nicht vorsichtig waren. Und der Blick meiner Frau sagte mir, dass sie genau diese Eskalation gesehen hatte und deswegen den Mund hielt. „Mädels", sagte sie stattdessen. „Ihr seid schon Ewigkeiten da drin, lebt ihr überhaupt noch?"
Ein paar Sekunden lang herrschte Stille, dann ertönte Bellas leicht hysterische Stimme. „Glaub ja nicht, dass ich rauskomme, Alice! Man sieht meine Brüste", fügte sie unglücklich hinzu und ich hörte, dass sie zweimal auf und absprang. Alice verdrehte die Augen. „Das ist ja auch Sinn der Sache, sei froh, dass du welche hast!" Ich gluckste, woraufhin mir Edward kurz aber kräftig gegen die Brust hieb, allerdings konnte auch er ein Zucken seiner Mundwinkel nicht verhindern. „Und was ist mit dir, Hope?", fragte Alice. „Hast du auch Brüste?" „Haha", erklang es hinter dem dicken Vorhang. „Ich glaube, ich habe das Kleid falschrum an." Es raschelte. „Ups. Nein, nein, war richtig. Heilige Scheiße." Alice seufzte. „Mädels, kommt schon, ich wette ihr seht fantastisch aus! Zeigt doch mal her!" Sie machte einen Schritt nach vorne, zuckte dann aber zurück, als sie den heftigen Protest der beiden hörte. „Auf keinen Fall!" „Verschwinde, Alice!" „Man sieht meine Brustwarzen!" „Und praktisch meinen Bauchnabel!" Bella lachte. „Der war gut, Hope!" „Danke sehr", antwortete diese. „Aber mal im Ernst, ich zieh keine Kleider mit so einem Ausschnitt an, ich will nicht..." Sie schwieg und fügte dann leise hinzu: „Außerdem hab ich kein Geld für Schnickschnack, ich weiß schon nicht wie ich mir eine neue Jacke leisten soll." Den letzten Satz hatten wir wohl nicht hören sollen und die Welle der Scham, die zu mir herüberrollte überwältigte mich fast. Mann, dieses Mädchen hat intensive Gefühle, das ist ja der Wahnsinn!
„Okay", lenkte Alice überraschenderweise ein. „Zieht euch um und wir gehen dann essen, in Ordnung?" Hope schwieg, aber Bella stimmte überschwänglich für zwei zu und keine fünf Minuten später standen die Mädchen wieder vollkommen bekleidet neben uns. „Und, was hat euch am besten gefallen?", fragte Alice und Bella warf einen kurzen, scheuen Blick auf das Kleid in ihrer Hand. Auch Hope starrte die vielen Klamotten um sich herum an und wirkte sehnsüchtig. Sie würde gerne Klamotten wie diese haben. „Sie sind ganz hübsch, aber nicht so mein Stil", sagte sie leise und strich sich nervös durch das Haar. Sie kann sie sich nicht leisten. Alice nickte und drückte Edward dann die beiden Kleider in die Hände. „Dann lasst uns gehen. Sag mal Hope, du hast doch meine Größe, oder? Ich habe letzte Wochen einen fürchterlichen Fehlkauf getan, eine Jacke, wunderschön, aber sie steht mir leider überhaupt nicht. Ich wollte sie eigentlich zurückbringen, aber kann den Bon nicht mehr finden und da hab ich mich gefragt, ob du sie vielleicht haben möchtest? Wie gesagt, mir steht sie gar nicht und sie würde sonst nur im Schrank rumhängen." Ich hob eine Augenbraue, Alice war länger nicht mehr einkaufen gewesen, aber ich wusste natürlich, was sie bezweckte und hätte sie dafür am liebsten geküsst. Sie musste gesehen oder geahnt haben, dass Hope keine Almosen annehmen würde und wollte es ihr auf diese Weise leichter machen. Das Mädchen wirkte verunsichert, aber nicht gewillt ein Geschenk anzunehmen. „Ich... vielleicht. Aber dann möchte ich zumindest einen Teil..." Ich konzentrierte mich und sie entspannte sich merklich. „Vielleicht... okay, ja. Das ist lieb, danke." Sie wirkte etwas verwirrt über den Umschwung ihrer Gefühle, aber offenbar kannte sie das von sich schon und schöpfte keinen Verdacht. „Das ist toll, Alice. Wirklich, ich freue mich sehr."
Alice nickte zufrieden und klatschte dann fröhlich in die Hände. „So, Fütterungszeit." Damit schob sie die Mädchen in Richtung Ausgang und packte Edward am Arm. „Schnapp dir den grauen Pullover da vorne in Größe vier, bezahl ihn mit den Kleidern zusammen und versteck sie in meiner Tasche, okay?" Edward hob eine Augenbraue. „Wann haben wir beschlossen, dass ich bezahle?" „Glaub mir, du wirst mehr Freude an Bellas Kleid haben als ich", kommentierte sie trocken. „Außerdem bist du der Kerl, du bist fürs Bezahlen zuständig und ich überleg mir im Gegenzug eine Möglichkeit, bei der sie die Kleider tragen können. Du zahlen, ich denken, weißt du?" „Haha", machte mein Bruder, aber ich wusste, dass er nicht wirklich verärgert war. Er liebte Alice wie eine Schwester und nur ihr war es erlaubt Witze wie diese zu machen, ohne danach mit den Konsequenzen rechnen zu müssen.
Und während Edward brav zur Kasse dackelte und die Kleidung für die Mädchen bezahlte, legte ich meiner Frau einen Arm um die Schultern, küsste ihren Scheitel und zog sie eng an mich heran. „Und, darf ich erfahren was du mit den Kleidern vorhast?" „Nope", antwortete sie und grinste. „Das ist geheim." „Du hast also mal wieder einen Plan." „Jap." „Und du willst mir nicht sagen, worum es geht?" „Nö." Sie grinste fröhlich. „Vertrau mir einfach." „Ja, weil dein letzter Plan ja auch so super funktioniert hat! Ich hab da so eine dunkle Erinnerung, dass ich Bella damals mal eben nebenbei das Leben aushauchen wollte." Alice warf mir einen bitterbösen Blick zu. „Und wenn schon. Du hast dich doch mittlerweile viel besser unter Kontrolle und außerdem hat mein Plan funktioniert, wir stehen Bella jetzt immerhin viel näher als vorher, oder nicht?" Ich verdrehte die Augen, meine Frau hatte definitiv die Angewohnheit sich die Sachen so hinzudrehen wie es ihr gefiel. „Alice..." Sie sah mich traurig an. „Komm schon, Jazz! Es wird super werden, der absolute Knaller! Bitte Jazz, ich freu mich doch schon so!" Sie sah mich mit ihren großen, kullerrunden Augen von unten herauf an und machte einen Schmollmund. „Biiiittteeee!" Ich stöhnte innerlich auf. Verdammt. „Meinetwegen." Alice quietschte begeistert und begann wie ein Flummi auf und ab zu springen. „Ich liebe dich! Ich liebe, liebe, liebe dich!" Ich liebte sie auch. Wie sonst wäre ich wohl darauf gekommen erneut eine ihrer Wahnsinnsideen zu unterstützen? Das konnte doch nur schief gehen. Ich war erledigt. Oh Mann. Oh Mann. Oh Mannomannomann. Ich war so was von erledigt. Es lebe die Liebe. Woohoo.
