°°KAPITEL 9°°
Willkommen neues Leben, ich bereue dich jetzt schon
„Dort waren tausende Dinge auf turmhohen Stapeln gelagert?", flüsterte Harry, während er seine blaue Ratte, die gerade hoffnungsvoll flüchten wollte, an ihrem Schwanz festhielt.
„Malfoy könnte dort alles Mögliche machen!", jammerte Ron. „Herauszufinden was er da treibt ist unmöglich."
„Und du bist sicher, dass er dich nicht gesehen hat?", fragte Harry weiterhin an Hermine gewandt.
„Nein!", sagte Hermine. „Ich habe-"
„Miss Granger, Mr. Potter, würden Sie bitte Ihre privaten Gespräche auf die Pausen verlegen!", keifte McGonagall. „Und, Miss Granger, könnten Sie bitte Mr. Weasley helfen?"
„Natürlich Professor", erwiderte Hermine. „Ich habe nur durch einen Spalt hineinspähen können", fuhr sie im Flüsterton an Harry und Ron gewandt fort. „Ich war schnell da und die Tür war noch nicht verschwunden. Ich konnte- Um Himmels Willen, Ron!"
Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes brachte sie Rons Ratte, die laut quiekend im Kreis lief und anstatt Fell von einer wachsartigen blauen Haut überzogen war, zum Schweigen.
„Ich konnte nicht all zu viel sehen, nur diese Berge aus Büchern und anderen Gegenständen."
Hermine wandte sich ihrer blauen Kerze zu, die sie mit einem Schlenker wieder zu einer braunen Ratte zurück verwandelte.
„Hermine, du musst vorsichtiger sein. Er hätte alles mit dir anstellen können", meinte Ron.
Am darauffolgenden Donnerstag arbeitete Hermine ihre Hausaufgaben ab. Der Schultag war vorbei und die meisten Schüler hatten sich in ihre Gemeinschaftsräume zurückgezogen. Die ganze Sache mit Malfoy hatte sie so sehr in Beschlag genommen, dass sie teilweise ihre Hausaufgaben vernachlässigt hatte, was sie jetzt nachholen würde. Malfoy würde ihr nicht auch noch ihr Schuljahreszeugnis versauen.
Hermine hatte sich in der Bibliothek niedergelassen, die bis auf sie und Madam Pince vollkommen leer war. Die Bibliothekarin wuselte zwischen den Regalreihen umher, legte Bücher an ihre vorhergesehen Plätze und rückte Tische und Stühle zurecht. Hermine schrieb an einem Aufsatz für Slughorn mit der Überschrift: Trunk des Friedens. Innerhalb der letzten halben Stunde hatte Hermine die Hälfte des Pergaments gefüllt, da hörte sie, wie sich jemand auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder lies.
Sie sah hoch. „Wer verfolgt jetzt wen?"
„Ich musste mit dir reden", sagte Malfoy mit einem Ton, der sie erahnen lies, dass er dieses Gespräch nicht gerade herbeigesehnt hatte. „Wegen den letzten Wochen."
„Zu schade!", erwiderte Hermine genervt und wandte sich wieder ihrem Pergament zu „Aber ich habe zu tun."
„Nun ja, dann muss das halt warten, denn ich habe keine Lust dir durch das gesamte Schloss nachzurennen, bis du endlich mal Zeit für mich hast."
„Ich denke, das könnte tatsächlich auf dich zu kommen, ich möchte nämlich nicht mir dir reden."
„Bist du schlecht gelaunt, Granger?", feixte Malfoy. „So unfreundlich kennen wir dich doch gar nicht."
„Ich bin nicht schlecht gelaunt. Ich mag dich einfach nicht." Hermine klappte das Buch zu und rollte das Pergament zusammen. „Und deshalb brauchen wir auch nicht reden."
„Ich muss einfach sicher gehen, dass du niemanden von uns erzählst", sagte er und lief hinter ihr durch die verlassenen Regalreihen während sie das Buch an seinen Platz zurückstellte.
„Weißt du Malfoy, es gibt kein uns", sagte Hermine in einem gleichgültigen Ton. „Und nein, ich werde niemanden von unserer kleinen Privatparty erzählen. Ich bin schließlich nicht geisteskrank."
Hermine kehrte zurück zu dem Tisch, an dem sie gesessen hatte und warf sich ihre Tasche über die Schulter.
„Nun ja, was das angeht würde ich mich ungern festlegen, aber-", fing Malfoy an doch Hermine unterbrach ihn.
„Und ein bisschen Anteil an der Geheimhaltung dieser Nacht könntest du gleich mal beitragen, indem du aufhörst irgendwelchen bescheuerten Bemerkungen vor Harry und Ron zu machen."
„Angst, dass sie es nicht verstehen und dich sitzen lassen würden?", grinste er.
„War ja klar, dass die Zerstörung von tiefen Freundschaften in dir ein Glücksgefühl ausbreitet, Malfoy! Nein, natürlich würden sie es nicht verstehen", fauchte Hermine. „Was glaubst du würden sie mit mir machen, wenn sie herausfinden würden, dass ich mit ihrem größten Schulfeind seit der ersten Klasse, rumgemacht habe und fast schwanger geworden bin. Aber was viel interessanter, oder in deinem Fall, unangenehmer, ist, ist die Frage, was sie mit dir machen würden…" Sie sah mit großem Vergnügen, dass er etwas ängstlich aussah. „Aber", fuhr sie fort. „Ich weiß eigentlich, dass du nichts sagen wirst. Dazu bist du dir doch viel zu wichtig."
Mit diesen Worten drehte sie ihm den Rücken zu, doch auf halben Weg zur Tür, wandte sie sich ihm noch einmal zu.
„Woher wusstest du, wo du mich findest?", fragte sie.
„Du bist die Einzige, der ich zutrauen würde, so spät abends, kurz vor der Sperrstunde, noch in der Bücherei zu sitzen und zu büffeln", sagte er nüchtern.
„Bilde dir bloß nicht ein du würdest mich kennen. Ich bin nicht unsicher. Die letzten Jahre haben mich stark gemacht und der Krieg wird es auch tun. Ich bin schon längst kein Kind mehr."
Sie wusste, dass er etwas sagen wollte aber sie schnitt ihm das Wort ab.
„Du kannst mich beleidigen oder verletzen aber ich werde bei deinem Spiel nicht mitmachen."
Sie drehte sich um und ging weg. Als sie hörte, wie Malfoy hinter ihr lachte, beschleunigte sie ihren Schritt, um so viel Meter wie möglich zwischen ihn und sie zu legen. Sie wollte einfach nur weg von ihm.
Das war das letzte Mal, dass sie ihn für eine Weile sehen sollte. Anstatt in den Osterferien in Hogwarts zu bleiben, so wie es die meisten Schüler taten, fuhr Hermine am ersten Ferientag mit dem Hogwarts-Express nach Hause. Sie war jetzt in ihrer siebten Woche und da gaben ihr die Ferien eine einzigartige Möglichkeit für ein paar Tage zu verschwinden, um ein Muggelkrankenhaus aufzusuchen. Auch wenn es für sie, als sechzehnjähriges Mädchen, furchtbar unangenehm war, so durfte sie ihre Erstuntersuchung nicht verpassen.
Als ihre Eltern sie am Bahnhof Kings Cross abholten, stellten sie keine Fragen. Hermine wusste, dass diese Zurückhaltung verschwinden würde, sobald sie ihren Fuß über die Türschwelle setzten würde. Kaum hatte ihr Vater ihren Koffer auf dem Holzparkett des Flures abgestellt und ihre Mutter ihren Mantel an einen Haken an der Wand gehängt, drehten sie sich mit erwartungsvollen Blicken ihrer Tochter zu.
Die Schwangerschaft ihren Eltern zu beichten war eine Unannehmlichkeit, die sich nicht vermeiden ließ. Irgendwem musste sie es erzählen und ihre Eltern, welche sie, bis auf ein paar Wochen, das ganze Jahr nicht zu Gesicht bekommen würde, schienen dafür ziemlich geeignete Kandidaten zu sein. Und ein Kind konnte sie zudem schlecht vor ihnen verstecken. Was sollte sie auch sagen, wenn sie mit einem dicken Bauch bei ihnen ankommen würde. Dass sie ein bisschen zu herzhaft bei den Festessen in der großen Halle reingehauen hatte? Und das Baby wäre nur eine Babybornpuppe mit ein paar Spezialfunktionen wie eine mehrmals täglich volle Windel.
Nur gab es bei ihren gesamten, zugegeben sehr oberflächlich überdachten, Überlegungen einen Haken: Sie waren Eltern. Und Hermine war sechzehn. Und schwanger! Aber wie schon gesagt, früher oder später kam es sowieso heraus, wieso also nicht früher?
Hermine bugsierte ihre verwirrten Eltern in das Wohnzimmer und platzierte sie auf der Couch. Doch als sie in die erwartungsvollen Augen ihrer Mutter und ihres Vater sah, konnte sie ihre gesamte eingeübte Rede nicht über die Lippen bringen. Stattdessen seufzte sie einmal theatralisch und brachte anschließend hervor, dass sie schwanger war. Im selben Satz fügte sie hinzu, dass sie kein Mitleid wollte und elterliche Unterstützung dringend nötig hatte. Aber als sie ihre Eltern ansah, ihr Vater bleich wie eine Leiche, ihre Mutter mit einem Gesichtsausdruck, als würde sie sich gleich von einer Brücke stürzten müssen, sah sie ein, dass sie von Mitleid höchstwahrscheinlich sowieso nicht viel sehen würde.
Als ihr Vater aufstand, fragte sie sich, ob er sie einsperren würde und ob ihr Zimmerfenster zu hoch war, als dass man hinaus springen konnte, doch dann lies er sich wieder kraftlos auf das Sofa fallen.
Nachdem die erste Verwirrung abgeflaut war, zeichnete sich tatsächlich Zorn auf den Gesichtern ihrer Eltern ab. Während ihre Mutter immer wieder sagte: „Wie kann das nur wahr sein? Das Kind ist verloren!" und Hermine sich nicht ganz sicher war, welches Kind sie denn nun meinte, fing ihr Vater mit der schon erwarteten moralischen Rede an.
„Hermine! Du warst doch sonst immer so verantwortungsvoll, schon als kleines Kind. Wie konnte ausgerechnet dir, ich meine dir, so etwas passieren!"
Wie das passieren konnte? Ja, dachte sie, das frage ich mich seit verdammten 32 Tagen.
„Deine Mutter und ich haben uns immer sehr um deine Erziehung bemüht, wir haben immer unser Bestes gegeben, dich auf den richtigen Weg zu bringen."
Die wir-haben-alles-für-dich-getan-Tour. Die es-ist-alles-deine-Schuld,-fühl-dich-schlecht-Masche. Nicht oft musste Hermine solche Gespräche durchstehen, aber ihr Vater war sehr durchschaubar. Es lief immer gleich ab. Kurz sah er aus dem Fenster, als würde er versuchen seine Gedanken zu sammeln. Verzweifelt griff sie nach dem letzten Ausweg, der ihr noch blieb. Ihre Augen wurden wässrig, ihre Stimmer brüchig und dann vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzte, dass sie wüsste, wie falsch alles gewesen war und dass sie ja schon genug Strafe hatte durch das Ding in ihr. Ihre Eltern waren viel zu liebenswerte Menschen, als dass sie weiterhin mit ihr schimpfen konnten. Die Fragen würden später alle noch kommen, und Hermine musste sich einen effektiven Weg ausdenken, die meisten davon zu umgehen, aber jetzt begnügte sie sich damit auf dem Sofa zu sitzen, in eine warme Decke gekuschelt und mit einer Mutter, die ihre Hand hielt und mit einem Vater, der ihr liebevoll den Kopf tätschelte.
Am nächsten Tag, es war der Abend vor der Untersuchung, sprach ihre Mutter das Thema an, über welches Hermine die letzten Tage konsequent geschwiegen hatte. Die Fragen. Das waren sie. Und plötzlich fing Hermine an zu reden. Sie hatte zu lange über alles geschwiegen. So viele Wochen hatte sie einfach jeden belogen. So viele Wochen hatte sich alles in ihr angestaut. Sie erzählte von der Nacht, an die sie sich nicht mehr erinnerte. Sie erzählte von dem Jungen, den sie angelogen hatte, auch wenn sie peinlich genau darauf achtete nie seinen Namen zu erwähnen, denn dafür hatte sie schon zu viel Schlechtes von ihm in diesem Hause erzählt. (Das Tattoo erwähnte Hermine nicht, denn ob magisch oder nicht, ein Tattoo war ein Tattoo.)
Die Untersuchung am nächsten Morgen verlief ohne Komplikationen. Blut abnehmen. Urintest. Alles in Ordnung. Ihre Frauenärztin hatte sie etwas skeptisch angesehen, doch es war ihr Job sie zu untersuchen und nicht unangebrachten Fragen zu stellen. So würde es Hermine wahrscheinlich nächstes Jahr mit jedem gehen. Ihre Jugend war wohl damit beendet. Ein für alle Mal und sie würde sie nicht mehr zurückbekommen.
Hermine hätte sich am liebsten für immer zu Hause verkrochen, wo, wie es schien, jeder sie verstand und sie niemanden anlügen musste. Aber leider vergingen die Ferien viel zu schnell und am 6. April packte ihr Vater ihren Koffer in das Auto. Da es Sonntag war, waren kaum Autos auf den Straßen. Zum ersten Mal in ihrem Leben, wünschte sich Hermine, dass ein riesiges Verkehrschaos einen Stau von Brigthton durch London bis zum Bahnhof King's Cross bewirken würde. Aber dann saß sie wieder in dem Zug und die Landschaft von Schottland raste an ihr vorbei.
Die nächsten neun Stunden vergingen viel zu schnell. Hermine starrte aus dem Fenster, auf die vorbeirauschenden Büsche und Bäume, Berge und Felder und verfluchte sie dafür, dass sie so schnell an ihr vorbeirasten. Es war, als würde sie durch einen Staubsauger wieder in die Realität gezogen werden und sie hielt sich mit ihrer gesamten Kraft im Inneren des Staubsaugers fest, wo sie so geschützt und sicher vor der Realität war, doch sie wusste, dass sie keine Chance haben würde und so lies sie los, wurde aufgesaugt und stieg aus dem Hogwarts-Express aus.
Nicht viele Schüler waren über die Ferien nach Hause gefahren. Der Zug war beinahe leer gewesen und jetzt im Dunkeln auf den Bahngleisen, auf denen schließlich nur noch sie zurückblieb, hatte sie furchtbare Angst. Sie wollte einfach wieder in den Zug steigen und zurück nach London fahren. Hermine wollte nicht alleine auf diesem, von Rauchschwaden der roten Dampflok umgebenen, Gleis stehen und sie wollte auch nicht in die große Halle gehen, in der ihre Freunde auf sie warteten, die sie belügen und betrügen musste.
In einer der Kutschen, die nur von ihr und zwei jüngeren Schülern besetzt war, fuhr Hermine zu dem Schloss und durchquerte die Eingangshalle. Mit zitternden Knien betrat sie die große Halle, gesellte sich zu ihren Freunden, die sie freudestrahlend begrüßten, und setzte ein Lächeln auf. Das Spiel begann von neuen und es würde irgendwann zu Ende gehen. Ohne Zweifel, mit ihr als Verliererin.
