Kapitel 9
„Margaret, was ist denn in London passiert?" fragte Edward mit besorgtem Blick, als sie auf das Pfarrhaus zugingen.
Margaret hatte Barton nach einer zweitägigen Reise mit Mrs. Harvey erreicht, die sogar noch mehr schwatzte als Mrs. Jennings, wenn das überhaupt möglich war. Sie war angekommen, den Kopf voller Gedanken und Besorgnis über Eliza. Lord Grenvilles Aussagen über Oberst Brandons Pläne, Eliza anderswohin zu schicken, und seine unvollendete Drohung, was passieren würde, wenn Willoughby oder sie selbst einen Fuß auf sein Anwesen setzten, beschäftigten sie vor allem.
Gleich nach ihrer Ankunft hatte sie zu ihrem großen Entsetzen von ihrer Mutter erfahren, dass Oberst Brandon bereits nach London abgereist war. In dieser Nacht, die sie in Barton Cottage verbracht hatte, wälzte sie sich im Bett umher, geplagt von Träumen von Eliza und ihrem Sohn, die einsam in einem riesigen Ödland standen oder zu einem weit entfernten Ort reisten und im Sonnenuntergang verschwanden. Sie wachte mit roten Augen auf.
Am nächsten Morgen war sie so bald wie möglich mit entschlossener Miene nach Delaford aufgebrochen. Aber beim Anblick Mariannes, schöner als je zuvor, voller Lachen, mit verträumten, lebendigen Augen, hatte sie die Idee fallen lassen, ihre in London gemachten Erfahrungen mitzuteilen. Ihre gezielten Erkundigungen über Oberst Brandon hatten nur eine vage Antwort zur Folge gehabt. Er war wegen irgendwelchen dringenden Geschäften nach London gefahren. Er würde in zwei Wochen wieder zurück sein. Nachdem sie einige Zeit mit Marianne verbracht und das Strampeln der kleinen Nichte befühlt hatte, denn sie war sicher, dass es dieses Mal eine Nichte war, hatte sie es geschafft, vom Verwalter Elizas Adresse zu bekommen. Sie hatte ihr sofort einen langen Brief geschrieben, um ihr die Situation zu erläutern.
Margaret fühlte sich durch und durch beschwingt, als sie Edward traf, nachdem sie den Brief abgeschickt hatte. Sie hatte das Gefühl, etwas geleistet zu haben, etwas wert zu sein. Sie hatte etwas erreicht. Sie war bereit, jedem, der es wagte, sie für das, was sie getan hatte, zu tadeln, ins Gesicht zu sehen. Sie war zuversichtlich, dass Eliza, nachdem sie den Brief gelesen hatte, den Wunsch haben würde, mehr über die Sache zu erfahren. Sie hatte mit Bedacht niemandem Vorwürfe gemacht, sondern einfach die Tatsachen berichtet; aber was auch immer es war, es war kein Geheimnis mehr. Sie würde bald Bescheid wissen.
Sie antwortete Edward lächelnd, dass nichts Interessantes passiert war.
„Ich war höchst besorgt über Oberst Brandon, meine Liebe. Weißt du, bevor er abfuhr, kam er zu mir und sagte in einem höchst ungewöhnlichen Ton, er hoffe, dass Elinor und ich uns um Marianne kümmern würden. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Er murmelte etwas über dich und Willoughby. Was ist denn passiert?" fragte Edward.
Margaret blieb stehen, etwas Kaltes umklammerte ihr Herz. Mit wachsendem Schrecken bat sie Edward langsam zu wiederholen, was er gerade gesagt hatte. Großer Gott. Was meinte er damit bloß? Doch nicht ein weiteres Duell. Das war nun wirklich kein Duell wert! Auf ihrer Stirn bildeten sich Schweißperlen, während das Gewicht dessen, was er gerade gesagt hatte, immer schwerer auf ihr lastete.
Die Worte purzelten aus ihr heraus, als sie alles, was Willoughby betraf, erklärte. „Edward, denkst du, dass ...?" fragte sie mit heiserer Stimme. Marianne, wie konnte sie ihr ins Gesicht sehen, wenn dem Oberst etwas passierte? Wie konnte sie sich selbst ins Gesicht sehen? Was hatte sie getan? Er war ein rechtschaffener Mann, ein Soldat, ein älterer Mann mit einem besonderen Ehrgefühl - sie hätte sich darüber im Klaren sein sollen, was er möglicherweise tun würde.
Edward verlagerte unbehaglich seine Stellung, wusste nicht, was er tun sollte, und sie gingen schweigend weiter. Es gab nichts, was sie tun konnten. Der Oberst musste bereits in London sein. Sie wünschte, Willoughby wäre zu seinem Landgut abgereist. Sie wünschte, Oberst Brandon würde wiederkommen, nachdem er Eliza gesehen hatte. Sie wünschte vieles.
Sie verbrachte die nächsten zwei Wochen in Delaford in Erwartung der Ankunft des Oberst oder irgendwelcher Nachrichten über ihn. Die Tage verbrachte sie in Todesängsten, die Nächte mit Alpträumen. Oft wachte sie keuchend auf. Ihre Träume endeten immer damit, dass sich Oberst Brandon ans Herz griff, Blut aus seinem Herzen quoll und er mit einem anklagenden Gesichtsausdruck zu Boden fiel. Ein paarmal variierte es, indem Lord Grenville die Kugel abfing.
Sie aß kaum, ging bis zur Erschöpfung auf und ab und spielte sogar selten mit ihren Neffen. Ihre Mutter leistete Marianne gute Gesellschaft und sie blieb außerhalb ihrer Sichtweite, unfähig, ihr in die Augen schauen.
Dann sah sie eines Morgens, als sie gerade um den Springbrunnen und den Rasen herumging, seine Kutsche kommen. Sie rannte bis zur deren Tür, noch bevor er ausstieg. „Oh Oberst Brandon, Gott sei Dank, Sie sind unbeschadet. Es tut mir so leid. Verzeihen Sie mir bitte. Oh, ich bin so glücklich", rief sie mit Tränen in den Augen. Als sie merkte, dass sie zu viel plapperte, dass er eine lange, anstrengende Reise hinter sich haben musste und die Pferdeknechte ihr neugierige Blick zuwarfen, trat sie hastig zurück. Er wischte ihr sanft die Augen trocken und sagte mit weicher Stimme: „Ist schon gut, Margaret", bevor er die anderen begrüßte, die sich zu ihnen gesellt hatten.
Einen Tag später bat Oberst Brandon sie nach dem Frühstück, mit ihm in sein Arbeitszimmer zu kommen. Sie begleitete ihn, neugierig, was los war, und nachdem er die Tür geschlossen hatte, sagte er mit einem neckischen Lächeln: „Margaret, ein guter Kapitän muss auf Verluste gefasst sein."
Sie lächelte über diese (für ihn) so untypische Verspieltheit und sagte dann nachdenklich: „Ich habe schon darüber nachgedacht, Oberst, und bin zu dem Schluss gekommen, dass ein guter Kapitän zunächst überprüfen und einschätzen sollte, was ihn eine Schlacht kostet. Ich bin in diese gezogen, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, und ich habe nicht einmal im Entferntesten daran gedacht, dass Sie sich vielleicht auf ein Duell einlassen würden. Jetzt weiß ich Bescheid. Das nächste Mal werde ich besser vorbereitet sein und eine bessere Strategie haben."
„Also wird es ein nächstes Mal geben?"
„Da bin ich mir sicher", antwortete sie lachend, „Es wird noch viele weitere Gelegenheiten geben, für die Rechte einer Frau zu kämpfen."
„Gut zu sehen, dass du deinen Kampfgeist bewahrt hast", sagte er lächelnd. „Ich nehme an, du möchtest wissen, was passiert ist." Er sah ein paar Augenblicke lang nach draußen. „Als ich deinen Brief bekam, war alles, was ich empfinden konnte, Wut auf Willoughby. Dieser Schuft ist immer noch hinter meiner Familie her, war der Gedanke, der an erster Stelle stand. Ich hoffte aufrichtig, dass dich meine Antwort von ihm fernhalten würde. Aus Unruhe über das, was er bei Eliza versuchen könnte, beschloss ich jedoch, ihren Aufenthaltsort zu ändern. Deshalb schrieb ich den Brief an Grenville. Ich wusste auch, dass ich ihm vertrauen konnte, dich zu warnen. Doch schon bald danach bekam ich deinen zweiten Brief, in dem du darauf bestanden hast, seine Partei zu ergreifen, und ich konnte nicht länger in Delaford bleiben. Aufgrund meiner Erfahrungen mit ihm malte ich mir die schlimmstmöglichen Dinge über seinen Einfluss auf dich aus und mein Blut kochte. Ich brach nach London auf und war entschlossen, Willoughby aufzufordern, Christopher, Eliza und dich in Ruhe zu lassen oder aber ..." Er hielt inne.
„Oder aber Ihrer Pistole entgegenzutreten", beendete sie leise.
„Ja. Margaret du warst zu jung, um zu verstehen, was dieser Mann damals ... Lord Grenville hat mich trotzdem gebeten zu versprechen, im Namen unserer Freundschaft drei Tage lang nichts zu unternehmen. Ich konnte es nicht ablehnen. Er lud mich ein, bei ihm zu bleiben, und brachte verschiedene Argumente vor; er redete mir zu, bis ich mehr und mehr empfänglich dafür wurde. Marcus Antonius hätte etwas von diesem Mann lernen können! Zuerst überzeugt er mich, dass ein Duell nicht notwendig sei, und ein paar Tage später überredete er mich, seinen Plänen vollständig zuzustimmen. Er arrangierte ein Treffen und ließ seine Rechtsanwälte einen Vertrag ausarbeiten. Willoughby hat zugestimmt, einen großzügigen Betrag für Christophers Ausbildung aufzuwenden, wird für ihren üblichen Unterhalt zahlen und wird ihn in der Gesellschaft als seinen Sohn einführen. Im Gegenzug wird er seinen Namen annehmen. Alles in allem, muss ich sagen, ist es eine sehr vorteilhafte Vereinbarung. Ich fühlte mich nie in der Lage, ihn zu treffen, daher hat es Lord Grenville auf sich genommen, alles zu tun, was notwendig war." Er seufzte und fügte hinzu: „Er sagte, wir seien dir alle zu Dank verpflichtet, meine Liebe, und dass du ihn überzeugt hättest."
Margaret saß unbeweglich da. Er hatte ihre Auffassungen berücksichtigt und sie brillant ausgeführt, sogar besser als sie es getan hätte. Er hatte im Wesentlichen damit übereingestimmt, was sie gesagt hatte. Er hatte ihr und auch wiederum Elizas Urteil vertraut. Welch eine Rechtfertigung. Ihr Herz hob sich. „Und was ist mit Eliza?" fragte sie.
„Eliza, meine Liebe, hat uns alle überrascht. Sie hat sich geweigert, Willoughby zu treffen, und ihn gebeten, nie wieder zu versuchen, mit ihr in Kontakt zu treten. Sie und Christopher werden bei Grenville bleiben. Willoughby wird ihn von Zeit zu Zeit treffen. Es war sehr erfreulich für mich, Margaret, und ich muss dir dafür danken", sagte er mit sanfter Stimme.
An diesem Abend, in ihrem eigenen Bett in Barton Cottage, dachte Margaret über all die Dinge nach, die ihr in den letzten Wochen passiert waren. Sie war sehr zufrieden mit sich selbst, zweifelsohne, aber sie war sich auch der Dinge bewusst, die sie gelernt hatte. Vor allem floss ihr Herz über vor Liebe und Dankbarkeit gegenüber Lord Grenville, für sein Verständnis und seine Anerkennung ihrer Argumentation. Sie weinte nicht mehr um ihn. Schließlich hing ihr Glück nicht von ihm ab, es hing allein von ihr selbst ab. Sie würde in Barton bleiben, glücklich wie immer, nur dass sie nicht mehr von der Ehe als einer Knechtschaft reden würde. In dieser Nacht schlief sie friedlich.
