In kurzen und knappen Worten erklärte Brian Debbie den Sachverhalt.

Doch dies schien der impulsierenden Lady nicht zu genügen.

Immer wieder unterbrach sie Brian. Entweder mit einem hysterischen "Was?" einem betroffenen "Mhhh.", oder ein ungläubiges "Aha!".

Sie konnte Brian in dem Punkt einfach nicht verstehen. Und sie hätte sich nicht zu träumen vermögen, dass Brian so etwas tun würde.

"Und was willst du jetzt mit dem Jungen tun? Sein Vater hetzt doch jetzt die Behörden auf dich! Was hast du dir nur dabei gedacht?" Der letzte Satz rutschte Debbie wie schon so oft davor einfach heraus. Sie war zwar froh, dass Brians Herz sich nun etwas erwärmt hatte, doch wieso musste es gleich so viel sein!

Er brachte sich doch nur in Schwierigkeiten.

Aber schließlich kannte sie es auch nicht anders von ihm. Sie kannte den Störenfried schon seid er 14 Jahre alt war, und sie wusste wie schwer er es damals hatte.

"Debbie ich weiß es doch selber nicht!" Brian klang verzweifelt, was Debbies Muttersensoren anscheinend wieder auf Hochtouren brachte.

"Na gut... ich werde dir vorerst etwas mit dem Jungen helfen. Aber du musst unbedingt Melanie Bescheid geben. Wir müssen jetzt wissen wie es weitergeht. Denn blind können wir die Sache nicht angehen."

Brian atmete erleichtert auf. Er konnte es Debbie zwar niemals sagen, doch tief im inneren liebte er sie wie eine eigene fürsorgliche Mutter, die er leider niemals haben durfte.

Er beruhigte sich etwas, im Gedanken nicht alleine zu sein.

"Debbie... Danke..." Es waren nur zwei zögerliche Worte, doch Debbie wusste, es war mehr als man von Brian erwarten konnte.

Und noch viel wichtiger, es war von Herzen. Denn das war das einzige was zählte.

"Schon gut du kleiner Scheißer. Und nun schauen wir mal nach unserem Schützling." Sie gab Brian beim Vorbeigehen einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. "Und wehe du handelst nochmal so unbedacht!"

Brian wollte erst protestieren, doch als er Debbies Lachen hörte, konnte er nichts anderes tun als darin einzusteigen.

Gemeinsam traten sie wieder zur Theke, wo Justin saß.

Alleine. Denn das Essen war schon weg, genauso wie die Süßigkeiten.

"Na, ich hoffe mal du kotzt mir heute nicht ins Bett." Er verdrehte die Augen und schaute Debbie dabei böse an. "Musstest du ihm gleich so viel Ungesundes geben?"

"Zurück!" fauchte sie Brian leise an und lächelte dann wieder Justin zu "Na hat es dir geschmeckt, Schätzchen?"

Justin schaute wie schon so oft erst seinen Prinzen an. Er wartete auf eine Bestätigung, die auch sofort kam und nickte dann Debbie zu.

"Danke?" Er klang zwar immer noch schüchtern, doch wenigstens nicht mehr so ängstlich wie anfangs.

"Das ist schön. Ich pack euch noch etwas für Zuhause ein." Der letzte Teil war an Brian gerichtet.

Sofort machte sie sich auf die Arbeit und packte für die beiden einige Zitronenschnitten, Kuchen, Kekse, Süßwaren und noch Knabberzeug ein.

Immer wieder trafen ihre Blicke die beiden.

Brian hatte sich derweil neben Justin gesetzt und unterhielt sich vorsichtig mit ihm. Er war froh, dass Justin der Unterhaltung folgte, und auch selber mitredete.

Der Junge schien langsam aufzutauen.

Debbie musste immer wieder lächeln wenn sie zu den beiden herüber sah. Sie kannte Brian nun schon so lange, doch hatte sie ihn noch nie so sanft und fürsorglich gesehen. Es musste noch etwas anderes sein als Mitleid, dass Brian Kinneys Handlung steuerte.

Ja, es musste noch etwas anderes sein.

Kurz darauf betrat eine junge, brünette Frau das Diner.

Sie schaute mit ihren braunen Augen forschend durch den gesamten Raum und hielt Ausschau nach...

Da!

Sofort schritt sie zu den beiden lachenden Gestalten herüber.

"Ich hab dich gesucht. Also wo liegt das Problem?"

Melanie Markus in Fleisch und Blut.

Brian war anfangs zu perplex um zu antworten. Er hätte nicht mehr erwartet, dass sie ihren Termin wahrnahm.

Doch erleichtert war er trotzdem.

"Ehm... Melanie? Am besten wir besprechen das weitere woanders. Komm mit." Brian stand auf und wollte Melanie am Arm packen, doch diese wehrte ab.

"Brian du bist nicht mein einziger Termin! Also sag mir jetzt was los ist oder ich gehe wieder!" Ihre Stimme schwang dabei immer wieder in die lautere Ebene, was Justin ängstigte.

Warum mussten denn alle in diesem Diner schreien? Und warum waren alle so sauer auf den Prinzen?

Justin fing an zu zittern. Er hatte Angst vor diesen Menschen. Angst, dass sie ihm etwas antun könnten.

Doch am meisten hatte er Angst, sie würden seinem Prinzen etwas antun. Denn das durften sie nicht!

"Brian!" Justin packte seinen ganzen Mut zusammen, doch mehr als ein leises Krächzen brachte er nicht zustande.

Zu groß war noch die Angst.

Brian verstand sofort, und schritt langsam zu den verängstigten Jungen. Er half ihm vom Hocker und schaute ihm tief in die Augen "Es ist okay, das ist Melanie. Sie wird uns nichts tun." Es strengte ihn an, seine Stimme ruhig zu halten.

Und obwohl er wusste, dass Melanie im Grunde genommen keine Schuld daran trug, da sie ja unwissend war, richtete sich seine Wut trotzdem gegen sie.

Er schaute sie aus funkelnden Augen an "Ich sagte wo-an-ders!"

Melanie verstand wie schon Debbie zuvor nicht sofort was überhaupt los war. Doch das ungewöhnliche Verhalten des Jungens, und am meisten von Brian, verließen sie, der Sache doch noch ein Ohr zu geben.

Sie nickte nur überrascht und beobachtete die beiden genauer.

Wer war dieser blonde Junge? Und warum kümmerte sich Brian um ihn?

Sie hoffte es in dem Gespräch herauszufinden, und erinnerte sich an ihr Telefonat.

-Es geht nicht um mich- schossen ihr die Worte in den Kopf. War etwa der Junge... nein... das konnte doch nicht sein... was könnte er denn damit zu tun haben...

Sie wiegelte den Gedanken schnell ab, doch wenn sie die beiden so ansah, da zweifelte sie nicht mehr ganz an ihrer Theorie, dass der Junge eine immense Rolle in Brians Problem spielte.

Und das schlimmste war... wenn es so sein sollte... dann wäre es auch ihr Problem.

Denn auch wenn Brian und Melanie viele Differenzen zwischen einander pflegten, könnten sie sich nicht im Stich lassen. Denn sie könnten niemals die Community im Stich lassen. Und sie waren ein Teil davon. Alle beide. Aber der blonde Junge doch nicht...

Oder?

Denn anscheinend bedeutete er Brian etwas. Das merkte Melanie sofort. Niemals würde sich Brian so um eine fremde Person kümmern. Also musste er Justin kennen...

Sehr gut sogar... .

"Debbie passt du kurz auf Justin auf?" Er gab Debbie mit einem einheitlichen Blick zu verstehen.

Und diese tat es.

Sie kam lächelnd zu den beiden, und sah Justin aus mitfühlenden Augen an.

Dieser hatte sich eng an Brian geschmiegt, und auch wenn Brian diese Umarmung nicht ganz erwiderte, sondern ihm nur ab und zu eine Strähne aus dem Gesicht strich, genügte es Justin um sich ein wenig zu beruhigen.

Die Nähe war alles was er brauchte. Die Nähe zu Brian. Zu seinem Prinzen.

"Willst du mir helfen das Essen einzupacken?" Debbie wusste, es war keine wirkliche Beschäftigung für einen Autisten, doch was konnte man denn anderes im Diner machen?

Erst als Brian ihm zunickte, ließ sich Justin von Debbie einführen. Seinen Prinzen jedoch immer im Blickfeld.

Denn dieser saß mit der fremden wütenden Frau an einem Tisch gegenüber der Theke, und unterhielten sich.

Justin mochte die braunhaarige Frau nicht. Doch er traute sich nicht zu dem Prinzen zu gehen, und ihn zu sich zu holen.

Als diese Aufgabe erledigt war, malte Debbie mit Justin Tierbilder.

Sie saßen an der Theke und immer wieder hörte man ein leises Lachen von Justin.

Er mochte die rothaarige Frau sehr. Und auch, wenn er sich anfangs vor ihr ängstigte, gefiel sie ihm nun. Er hatte sehr viel Spaß mit ihr. Vielleicht war sie auch ein Clown, oder ein Hampelmann? Denn sie war lustig angezogen fand Justin, sie trug bunte Farben.

Er musterte ihre Weste ausgiebig. "Re...Regenbo...bogen?" Er zeigte mit seinem Finger auf die Farben.

Debbie lachte laut auf "schlaues Bürschen." Sie strich ihm über die Wange.

Ja, und obwohl er Autist war mochte sie ihn. Denn jeder Mensch war anders, und doch ergänzte man sich. Genauso wie der Regenbogen.

Genauso.

Debbie gab ihrer Zeichnung keine besondere Aufmerksamkeit. Viel mehr lauschte sie den beiden Rivalen hinter ihr, und schenkte ihnen immer wieder aufmunternde Blicke.

Denn sie würden sich niemals im Stich lassen.

Justin gähnte zum wiederholten male. Es dämmerte draußen, doch Brian und Mel schienen noch immer nicht fertig zu sein.

Und immer mehr schien Brian bewusst zu werden, welche immense Verantwortung er nun trug. Und was es für Folgen haben würde!

Denn geschah schon mal etwas wie Mr. Kinney es wollte?

Auch Brian schien müde zu sein. Das ganze Gespräch strengte ihn etwas an, doch die meiste Anstrengung waren definitiv seine wirren Gedanken, die er gar nicht erst zu ordnen vermochte. Denn je länger Melanie redete, desto wirrer wurden sie.

"Melanie, ich bin ehrlich müde, und ich schaff es ehrlich nicht mehr!" Brian war es egal, ob er nun vor Melanie Schwäche zeigte. Denn es war die Wahrheit. Es war nicht nur für Justin schwer, sondern auch für seinen derzeitigen inoffiziellen Mündel.

"Ich weiß... am besten wir reden morgen in Ruhe weiter. Du gehst jetzt mit Justin nach Hause, und ich überlege mir schon mal wie es juristisch weitergehen wird. Aber eins muss ich dir vorerst schon mal sagen Brian... es sieht nicht gut aus für dich." Melanie schaute ihn mitfühlend an.

Auch wenn sie sonst kein Verständnis für Pittsburghs Stud hatte, fühlte sie diesmal ein wenig Mitleid. Denn schließlich hatte Brian etwas gutes getan. Selbst wenn es nun für ihn schlecht enden würde.

Denn Melanie wusste, eine richtige Chance hatte er nicht vor Gericht. Und sie wusste, diesmal könnte er sich nicht so einfach den Konsequenzen entziehen. Denn auch wenn Brian mit viel davon kam, manchmal mehr als ihm zustand, würde er diesmal auf seine Kosten kommen.

Welch Irnoie des Schicksals?

Er kam mit schlechten Taten davon, und was war mit den Guten?

Melanie stand auf und goss sich warmen Kaffe ein. Unauffällig besah sie sich den Jungen, der auf der anderen Seite der Theke mit Debbie saß und konzentriert Tierbilder malte.

Er hatte Talent, dass sah Melanie sofort. Denn wenn man schon mit einer Kunstlehrerin als Partnerin zusammen lebte, da musste man ja auch das ein oder andere Wissen aufschnappen.

Sie besah sich nun sein Gesicht. Es war jung, etwas blass, aber mit leicht rosigen Wangen. Seine Augen waren hellblau, sein Haar blond. Ja... er war hübsch.

Und doch wirkte er verletzlich. Langsam nahm sie einen Schluck von ihrer Kaffetasse, und besah sich nun Brian der noch immer am Tisch saß und nachzudenken schien.

Sein Aussehen hatte sich nicht verändert. Doch sein Verhalten. Sie konnte sich noch immer keinen Reim auf Brians Handlung machen, doch in ihren Gespräch hatte er ausdücklich erwähnt, er würde Justin nicht freiwillig wieder bei seinen Eltern abgeben.

Melanie hatte ihm viele Konsequenzen genannt, doch Brian blieb hart. Und Mel wusste, da konnte man nichts mehr ausrichten.

Denn Brian war ein Kinney. Und Kinneys gaben nicht auf.

Brian schien ihren Blick auf sich zu spüren und schaute sie aus müden Augen an.

Und da war es. Ein Lächeln!

Brian Kinney lächelte Melanie Markus an!

Und das nicht aus Sarkasmus, oder Belustigung, ja gar aus Provokation, Nein!

Es war ehrlich. Aufrichtig.

Und Mel wusste, dass er ihre Hilfe schätzte.

Denn letztendlich hatte sie ihm zugestimmt. Ihm ihre Hilfe angeboten. Ihn damit aufgemuntert?

Sie erwiderte das Lächeln schnell und kurz.

Ja, sie waren es einfach nicht gewöhnt nett zueinander zu sein.

Doch was war an dieser ganzen Situation schon gewöhnlich? Wenn alles aus dem Ruder zu laufen schien.

Melanie wusste, viel Zeit hätten sie nicht, bis die Klage kommen würde. Und viel Zeit hätten sie ebenfalls nicht, bis die Behörden Brian ausfindig machen würden, und ihm Justin wegnehmen würden.

Wie zu seinen Eltern bringen würden. Dort hin, wo auf Justin die Schlingepflanzen, und das böse Monster namens Craig Taylor wartete.

Doch sie hatte Brian hoch und heilig versprochen, diese Zeit zu nutzen.

Und auch wenn sie noch kein einziges Wort mit dem Autist gewechselt hatte, strahlte er für sie eine Wärme aus.

Das Klingeln ihres Handy ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken.

Hastig ging sie ran. Es war Lindsay.

Sie versuchte ihre Stimmte ruhig zu halten, auch wenn zurzeit alles in ihr in Aufruhr schien.

"Linds?" Melanie lächelte, selbst wenn Lindsay es nicht sehen konnte.

"Mel? Warum hast du dich nicht gemeldet? Und seid ihr immer noch nicht fertig? Verdammt, ich hab mir Sorgen gemacht!"

Melanie schaute sich im Diner um. Sie bemerkte, dass niemand mehr außer sie, Brian, Justin und Debbie hier waren. Selbst die Köche htten sich verabschiedet. Draußen war es dunkel.

Wie lange hatten sie denn geredet?

"Linds, es tut mir leid. Ich war etwas im Stress, ich hab vergessen dich anzurufen. Ich... ich leg jetzt auf. Wenn ich nach Hause komme erzähle ich dir alles, 'kay?"

"Ja, aber bleib nicht mehr lange weg. Gus will, dass du ihm eine Gute Nacht Geschichte vorliest. Du bist ja heute dran."

Melanie hörte Lindsay durch den Hörer seufzen.

"Er schläft noch nicht?" Auch Melanie stöhnte frustriert auf "Sag ihm, ich lese ihm morgen vor, aber nur wenn er jetzt schläft."

Melanie hörte Gus bei Lindays Vorschlag protestieren, doch Melanie hatte nun wirklich keine Nerven dafür. Selbst wenn sie Gus wie ihr eigenes Kind liebte.

Denn indirekt war es ja auch ihr eigenes Kind!

"Schatz, ich muss jetzt auch schon wieder auflegen. Bring ihn irgendwie zum Schlafen, du schaffst das schon." wimmelte sie Lindsay auf, als diese wieder zum Hörer griff.

Sie steckte ihr Handy wieder weg, und schaute wieder zu Justin.

Doch was sie nicht erwartet hatte war den Blick von Justin haargenau zu treffen.

Er schaute sie durch warme, aber auch verunsicherte Augen an.

Man sah ihn an, dass er ebenfalls überfordert mit der Situation war, was sie ihm nicht verübeln konnte.

Auch ihn lächelte sie kurz an, während sie den Inhalt in ihrer Tasse umrührte.

Sie musste nun wohl oder übel auch Verantwortung übernehmen. Das hatte Brian versprochen.

Und sie wollte ihm auch etwas zurückgeben. Denn wenn Brian Kinney nie ein Versprechen brach, würde sie es auch nicht tun.

Brian raffte sich mühsam hoch. Es wurde Zeit wieder ins Loft zu fahren. Nach Hause.

Er sah Justin an, dass dieser müde war. Hatte er noch anfangs voller Freude auf seinem Papier gemalt, bewegte er seinen Stift nun trübe über die Zeichnung.

Auch wenn er nicht viel getan hatte, fühlte sich Justin ausgelaugt. Die vielen Eindrückte, die vielen Gedanken, die ungewohnten Situationen, und die vielen Menschen hatten ihn erschöpft.

Das ganze Chaos erschöpfte ihn, und auch wenn man es vor ihm zu verbergen vermochte, merkte er, dass selbst die Erwachsenen verzweifelt waren.

Warum musste er nur allen Menschen, die er kannte Leid zufügen?

Er hatte Angst sie würden ihn deswegen verlassen. Angst alleine da zu stehen, wo er doch niemanden mehr hatte.

Warum konnte nur niemand bei ihm bleiben? Für immer?

Wenn es selbst seine Eltern nicht konnten.

Justin hörte Brians Worte, und versuchte vom Hocker zu kommen. Brian half ihm sicherheitshalber herunter "Wir gehen dann mal... und..." Er schluckte bevor er weiterfuhr "Danke..." Damit schaute er Debbie und Melanie eindringlich ein.

Sie würden sein einfaches und schlichtes Danke verstehen.

Und das taten sie.

Ja sie verstanden es. Sie verstanden Brian Kinney.

Er nahm Justin bei der Hand und führte ihn hinaus zum Jeep, und anschließend in sein Loft.

Im Aufzug wurde Justin wieder etwas wacher, und drückte Brians Hand bis sie oben angekommen waren.

Brian ließ es zu. Er war zu müde zum protestieren. Zu müde zum Nachdenken.

Justin lag nur mit Unterhose bekleidet, zugedeckt, auf Brians Bettseite.

Ihm war etwas übel vom vielen Essen. Die zuletzt festgestellte, "nette" Frau, hatte ihm viel angeboten, und er wusste er müsste alles aufessen.

-Es wird alles gegessen was auf den Tisch kommt- So hatte er es von Zuhause aus gelernt. Er wusste es würde wieder eine Schimpftriade von seinem Vater geben, wenn er nicht alles auf aß, was man ihm auf den Teller tat. Denn das machte er nicht immer. Meistens hatte er keinen Hunger, doch er musste essen.

Justin dachte wieder ans Diner. Er hatte alles aufgegessen, aus Angst sein Vater würde sonst kommen und ihn wieder mitnehmen.

Denn das wollte er nicht.

Nein! Er wollte bei Brian bleiben. Für immer... und ewig!

"An was denkst du?" Brian hatte Justin lange beobachtet, als er ebenfalls nur mit Unterhose bekleidet vom Bad herauskam. Er bemerkte sofort Justins nachdenklichen Gesichtsausdruck, und war da auch etwas Angst in seinen Augen zu sehen?

Brian hoffte es nicht. Er sollte keine Angst mehr empfinden. Er sollte sich wenigstens für die verbleibende Zeit sicher fühlen... .

Und vielleicht durfte er sich ja auch für immer sicher fühlen... für immer und ewig.

Justin zog es vor nicht darauf zu antworten. Er wollte nicht mehr von seinem Vater sprechen. Immer wieder fühlte er Angst, wenn er es tat. Er mochte dieses Gefühl nicht.

Stattdessen sah er Brian lange an. Er wusste nicht, warum sein Bauch plötzlich kribbelte. So als wären tausend Schmetterlinge dort und flatterten, und flatterten, und flatterten.

Er fühlte sich auch so schon übel, und obwohl das Schmetterlingsgefühl wunderschön, genauso wie der Prinz war, verstärkte es seine Übelkeit.

Brian konnte nicht so schnell die Sachlage erfassen, als er Justins bittenden Blick sah. Aber als dieser plötzlich anfing zu würgen, wusste Brian sofort was Sache war.

"Oh Shit!" fluchte er und eilte zur Küchenzeile, holte von den unteren Schränken einen sauberen, leeren Mülleimer aus Plastik und eilte mit diesem zurück.

Er platzierte ihn vor der Bettseite, und kletterte dann neben Justin, um diesen in eine halb liegende, halb aufrechte Haltung zu bringen.

Justin stützte sich mit seinem Ellbogen ab, während Brian ihn von hinten umschlang. Brian hatte nicht viel Ahnung von Medizin, oder gar von Hilfe was dieses Thema betraf, doch so hatte es einmal Lindsay bei Gus gemacht, als dieser krank war, und sich übergeben musste.

Justins Würgen wurde immer stärker und er hatte Probleme Luft zu bekommen, als der erste Schwall seinen Mund verließ.

Er mochte dieses Gefühl nicht, und alles drehte sich.

Sein Magen tat weh, und er fühlte sich müde und schlecht.

Aber die Übelkeit blieb, selbst nachdem er sich kurz darauf noch einmal übergab.

Er krallte sich mit seiner freien Hand fest in Brians Arme, die dieser von hinten um seinen Bauch geschlungen hatte.

Brian verbarg den Schmerz, den dieser Griff mit sich brachte.

"Schhh lass es raus. Es ist nicht so schlimm, lass es raus." flüsterte dieser ihm zu, als er Justins Angst mitbekam.

Dieser tat wie ihm geheißen, und erbrach sich nochmal.

Erschöpft lehnte er sich dann an Brian, der ihn wieder sanft in die Kissen sinken ließ.

"Wenigstens hast du das Bett nicht vollgekotzt, Bengel." Seine Stimme hatte einen sanften Unterton, und seine Hand machte sich fast selbstständig, als er Justin eine verschwitzte Strähne aus der Stirn strich.

Er beugte sich über den zitternden, verängstigten Jungen und flüsterte ein leises "Warte kurz."

Mit den Worten stand er auf, entsorgte den Eimer, und brachte Justin ein Glas Wasser, dass dieser durstig annahm.

"Komm, Zähne putzen" Brian ging ins Bad und holte ein großes Badetuch, dass er Justin, als dieser vom Bett stieg, um die Schultern hängte.

Er half ihm ins Bad, was keine schlechte Idee war, so wie er torkelte!

Am Waschbecken spülte sich Justin den Mund aus und putzte sich seine Zähne mit einer neuen Zahnbürste, die in den Medizinkasten lag.

Brian hielt ihn von hinten, als Justin ihm beichtete, dass er sich schwindelig fühlte.

Als er fertig war führte ihn Brian wieder zurück ins Bett. Er ließ das Badetuch vors Bett fallen, und drückte Justin sanft zurück in die Kissen, während er sich derweil auf die Holzvertafelung des Bettes setzte und Justin besorgt anschaute "Gehts dir jetzt besser?"

"Mhhh... Ba..Bauch?"

Brian fühlte ihm die Stirn. Sie war wärmer als sonst, aber Brian schob es auf die Anstrengung.

"Nächstes Mal isst du nur soviel du verträgst. Du hättest nicht alles essen müssen, sondern aufhören sollen, als du satt warst." Seine Stimme sollte nicht vorwurfsvoll klingen, doch ändern konnte er nachträglich nichts mehr daran.

Brian überlegte einen Arzt zu konsultieren, doch er beließ es dabei. Er wollte Justin nicht beunruhigen. Sollte es ihm morgen immer noch schlecht gehen, würde er dann einen Arzt verständigen lassen.

"Schlaf jetzt erstmal." Er war im Begriff aufzustehen, als Justin ihn am Arm packte.

Er sagte nichts, sah ihn nur aus bittenden Augen an.

Brian brauchte nichts weiteres, um sich neben ihn zu legen und ihn sachte in den Schlaf zu streicheln.

Und auch wenn sich Justin anfangs bei Brians Berühungen versteifte, entspannte er sich kurze Zeit später, und schlief dann erschöpft aber trotzdem beruhigt ein.

Der Prinz war ja jetzt da.

Und auch Brian fühlte sich, wie schon lange nicht mehr geborgen und gebraucht.

Denn Justin war ja jetzt da.

In der Nacht wurde Brian mehrmals wach, der anscheinend selbst im Schlaf noch beide Ohren für Justin hatte.

Brian richtete sich mühsam etwas auf und schaute auf die Uhr.

Kurz nach 2 Uhr Nachts.

Er schaute wieder zu Justin. Dieser schien noch immer zu schlafen, jedoch etwas unruhiger als zuvor.

Brian legte sich wieder hin, drehte sich zu Justin, und sah ihn lange an.

Beobachtete sein Atmen, das Flattern seiner Augen unter seinen Lidern und sein wunderschönes Gesicht.

Justin murmelte etwas im Schlaf und fing an zu wimmern.

Anscheinend hatte er einen Albtraum. Aber das war nicht unüblich, bei schlechten Erlebnissen.

Brian hatte gehört, der Mensch würde sich mit Albträumen, von schlechten Erfahrungen langsam heilen.

Trotzdem weckte er Justin auf.

Er rüttelte wollend an seiner Schulter "Justin, Aufwachen. Justin!"

Prompt schlug Justin seine Augen auf, und schaute seinen Prinzen aus verängstigten Augen an.

"Mo.. Monster mit, mit Schl...Schlingel...SCHLINGELPFLANZEN!"

"Schh, es ist okay, du bist bei mir im Loft. Es war nur ein Traum. Ein böser Traum.", versuchte Brian den aufgebrachten Jungen zu beruhigen.

Er nahm ihn nicht in den Arm, und dennoch beruhigte sich Justin bei Brians sanften Worten.

Denn der Prinz log nicht. Er war hier bei ihm. Bei ihm. Und es war nur ein Traum. Ein böser, böser Traum!

"Hmm..." In dem Moment vermisste Justin sein Märchenbuch wieder. Eigentlich las ihm seine Mutter immer etwas vor, wenn er einen Albtraum hatte, während sein Vater nur kurz forschend ins Zimmer kam, und dann wieder verschwand.

"B...Buch!" Justin fing an zu weinen, und wünschte sich, die Welt würde nicht mehr gegen ihn sein.

Brian überwand sich und nahm den Jungen in den Arm. Er streichelte ihn sachte.

Er brauchte unbedingt eine Ausrede dafür, dass sein Buch nicht mehr da war. Das einzige, was Justin Halt versprach.

"Weißt du..." begann er zaghaft während er Justin, der an seiner nackten Brust schniefte, zärtlich die Tränen vom Gesicht wischte "Das Buch war eine Schatzkarte..."

"Hmmm?" Justin verstand nicht so recht. Eine Schatzkarte? Aber zu welchen Schatz denn?

"Ja... und jetzt hast du den Schatz ja, deswegen hast du dein Buch auch nicht mehr..." Brian biss sich auf die Unterlippe.

Er hoffte Justin würde ihm das glauben, und nicht zu sehr nachfragen.

Denn er war kein Spezialist, sich um kurz nach zwei irgendwelche Ausreden für ein verschwundenes Märchenbuch eines Justin Taylors zu befassen.

"Schatz?" Aber Brians Hoffnung wurde nicht erfüllt. Denn Justins Stimme schien einen unglaubwürdigen Unterton zu haben.

"Ja... Ein Schatz..." Brian dachte krampfhaft nach, was nun Justins Schatz sein könnte.

Justin kuschelte sich derweil nur enger an Brian. Er war froh, dass ihn nun gesagt wurde, warum sein Buch nicht mehr da war. Und er war froh, dass Brian ihn nun sagen würde wo sein Schatz war.

Brian brauchte unbedingt schnell eine Antwort. Dieser Bengel schien ja wissbegieriger zu sein, als erwartet.

Oh, wo hatte er sich da nur rein geritten? Er sah schon das verheulte Gesicht vor sich, wenn er keinen Schatz finden konnte, den er Justin vorgaukeln konnte.

Es musste ja wenigstens etwas mit dem Märchenbuch zu tun haben! Justin war ja schließlich nicht dumm... .

Brian konnte seine Worte nicht mehr zurückhalten als diese seinen Mund verließen.

"Ja. Ich!"