Leon S. Kennedy 1977: Vielen, lieben Dank für dein nettes Review. :) Das motiviert sehr.
Ich bin froh, dass die Geschichte glaubwürdig rüberkommt, denn es ist nicht gerade einfach, über Wesker zu schreiben.
Und ja, ich finde auch, dass es zu wenig deutsche RE-Fanfictions gibt. Wahrscheinlich hat mich das auch bewogen, gleich zwei anzufangen. :)
So, erst mal sorry, dass ihr so lange warten musstet, aber dafür bekommt ihr ein sehr langes Chap. Hier passiert ganz schön viel. Der kleine Jake macht sich allmählich bemerkbar, ein anderer Lieblingscharakter von mir hat einen Auftritt und die Ereignisse, die in dem und den folgenden Kapiteln vorkommen, sind auch für meine andere Fanfiction wichtig.
Viel Spaß beim Lesen, eure Snowi.
Es war halb sieben, als es an Weskers Tür klingelte. Er war gerade mit der Zubereitung ihres Abendessen fertig geworden und wartete bereits auf Anna.
„My Lady. Komm rein", sagte er mit einer einladenden Handbewegung und bat sie in seine Wohnung. Wie bei den vergangenen Malen oft, verzichtete er auch heute auf seine Sonnenbrille. Es war ungewöhnlich für ihn, doch in Annas Gegenwart hatte er nicht ständig das Gefühl, sie wirklich zu brauchen und sie gab ihm genug Sicherheit und Vertrauen, dass er auch ohne sie bleiben konnte.
Anna trat in den Flur und legte ihre Jacke ab. Sie umarmte Wesker und sie küssten sich.
„Das riecht aber lecker", sagte sie, als sie sich von ihm löste, und schnupperte den Duft des Essens, der in der Luft lag.
„Ist gerade fertig geworden. Diesmal alles rechtzeitig", sagte Wesker.
Er geleitete sie in die Küche, wo er den Tisch gedeckt hatte. Anna nahm Platz, während er Pasta und Soße in einer Schüssel mischte und sie zwischen sie auf den Tisch stellte.
„Ich hab einen ganz schönen Hunger", sagte Anna und begann sofort, sich eine für sie ungewöhnlich große Portion Nudeln auf ihren Teller zu laden.
„Was ist?", fragte Sie Wesker irritiert.
Dieser grinste sie an. „Du schaufelst ganz schön rein", bemerkte er amüsiert.
„Das kenne ich nicht von dir. Sonst isst du ja eher Mäuseportionen."
„War eben eine anstrengende Arbeitswoche", sagte Anna zwischen zwei Bissen. „Der Stress wahrscheinlich. Und es schmeckt verdammt gut. Spitze." Sie reckte den Daumen nach oben.
„Wenn das kein Kompliment ist", meinte Wesker grinsend und tat sich selbst auf.
Bis auf Annas ungewöhnlichen Appetit verlief das Essen normal wie sonst. Nachdem sie geendet und das Geschirr abgeräumt hatten, gingen sie mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern auf den Balkon.
Es war frisch, aber angenehm und am sternenklaren Himmel stand hell leuchtend ein fast runder Mond.
Anna stellte ihr Glas auf dem Geländer ab und sah nach oben in den Nachthimmel.
„Du hast es sehr schön hier", bemerkte sie mit einem verträumten Blick. „Ich finde es so schön, bei dir, in deiner Wohnung, zu sein."
Wesker nahm den letzten Schluck aus seinem Glas, stellte es auf dem hölzernen Klapptisch ab, der auf seinem Balkon stand, und näherte sich ihr langsam von hinten.
„Neidisch?", fragte er und lachte leise.
„Total. Die Aussicht auf den Stadtpark ist wirklich ... wundervoll", seufzte Anna sehnsuchtsvoll. „Wenn ich da an meine paar Quadratmeter denke, in dieser schmutzigen Gasse, wo ich nur graue Wände anschauen kann ..."
Wesker war von ihrem Kommentar amüsiert.
Er stand jetzt vielleicht einen Schritt von ihr entfernt. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und sah auf den Park hinüber. Langsam und vorsichtig näherte er sich ihr und legte seine Hände auf ihre Hüften.
Sie erschrak und zuckte zusammen. „Huch! Was machst du?"
Seine Hände glitten über ihre Taille. Er trat dicht hinter sie und hauchte ihr einen Kuss auf den Hals.
Er merkte, wie sie sich entspannte und sich mit einem leisen Seufzen an ihn fallen ließ. Sie legte ihren Kopf zur Seite und ließ ihn gewähren.
Wesker legte mehr Forderung in seine Küsse, sodass sie sofort wusste, auf was er aus war.
„Ich kenne einen Ort, der noch viel interessanter ist", schnurrte er ihr ins Ohr.
Sie ließen sich küssend auf dem Sofa im Wohnzimmer nieder, Wesker bemerkte jedoch schnell, dass Anna nicht richtig bei der Sache war. Sie überließ ihm die Führung und erwiderte seine Küsse nicht mehr, sondern fiel erschöpft gegen ihn.
„Was ist denn los mit dir?", fragte Wesker erstaunt, der sonst anderes von ihr gewohnt war.
„Ich bin leider heute nicht wirklich in Stimmung. Ich bin viel zu müde. Tut mir leid, aber du wirst heute nicht auf deine Kosten kommen."
Wesker nahm sie in seine Arme und lachte leise. „Du bist mir eine."
„Tut mir leid, aber ich schlaf sonst dabei ein."
„Schon gut. Komm her."
Er bot ihr an, sich an ihn zu lehnen, was sie sofort erleichtert tat.
„Tut mir leid. Nächstes mal wieder"
„Was ist denn los?", fragte Wesker.
„Ich weiß nicht. Ich könnte andauernd schlafen in letzter Zeit, weil ich so müde bin. Und irgendwie bin ich ständig am Futtern so wie heute Abend."
Sie verzog das Gesicht. „Keine Ahnung, was in letzter Zeit mit mir los ist."
„Hast du viel Stress bei der Arbeit?", bemerkte Wesker besorgt.
„Ja", sagte Anna zustimmend. „ich glaube, es ist einfach der Stress. Das Hotel ist komplett ausgebucht und wir haben Arbeit, dass wir nicht mehr ein und aus wissen. Das einzig positive daran ist das viele Trinkgeld, das abfällt."
Sie schloss die Augen und schmiegte sich näher an ihn. Wesker legte einen Arm um sie.
„Oh, das habe ich dir ja noch gar nicht erzählt. Etwas Tolles ist kürzlich passiert", sagte sie dann.
„Was?"
„Ich habe ein Lob von meiner Chefin bekommen, wie gut meine Arbeit ist und sie hat gesagt, ich werde wohl bald zur Teamleitung befördert. Das heißt, ich bekomme auch mehr Gehalt."
„Das ist toll. Ich freue mich für dich."
„Danke. Dann ist es hoffentlich finanziell nicht mehr ganz so eng und ich kann etwas zurücklegen. Ich muss nämlich sparen."
„Hast du etwas geplant?"
„Naja, ich wollte ja eigentlich die Kochschule besuchen, aber die ist ja viel zu teuer. Ich habe mir überlegt, dass ich die Abendschule machen werde, damit ich einen höheren Schulabschluss bekommen kann."
„Verstehe. Was bedeutet dein Abschluss aus Edonien?"
„Wir haben mehrere Schulformen und Abschlüsse. Wenn man auf der Universität studieren möchte, braucht man den höchsten Abschluss. Ich habe so was wie einen mittleren. Ich habe mich mal erkundigt, ich müsste ungefähr drei Jahre lernen, dass ich einen Highschool-Abschluss machen kann, mit dem ich auf ein College gehen könnte. Das wird sicher nicht einfach, wenn ich nebenher arbeiten muss, aber ich denke, das wäre das Sinnvollste. Dann habe ich im Job einfach mehr Chancen und vielleicht habe ich dann irgendwann mal die Möglichkeit zu studieren."
„Was würdest du dann gerne studieren?", fragte Wesker interessiert.
„Ich mag alles, was mit Sprachen, Literatur, Kultur und solchen Sachen zu tun hat", sagte Anna. „Irgendetwas in diese Richtung wäre schön. Ich könnte eigentlich aus meinen Sprachkenntnissen etas machen. Aber Studieren ist leider auch teuer. Das ist viel Geld."
„Daraus folgere ich, dass du nicht in der Hotelbranche bleiben möchtest", sagte Wesker lachend.
„Nein, wirklich nicht", sagte Anna bestimmt. "Ich habe wirklisch schon genug Zimmer geputzt."
Er nickte. „Das finde ich sehr gut. Meine Unterstützung hast du. Wann kannst du einfangen?"
„Im Sommer könnte ich schon anfangen", erklärte Anna. „Ich muss nur ein paar Unterlagen zusammentragen und mich anmelden."
„Ich finde, du solltest das in Angriff nehmen."
„Hm, jetzt aber muss ich mich erst mal ein bisschen erholen." Sie kuschelte sich noch ein Stück näher an ihn.
Wesker strich vorsichtig über ihren Kopf. Er hatte seit seinem Treffen mit Spencer darüber nachgedacht, ob er Anna fragen sollte, ob sie mit ihm zu dem Essen gehen wollte. Er war sich unsicher, da es das erste Mal war, dass sie öffentlich zusammen auftreten würden, dass sie von anderen als Paar wahrgenommen werden würden. Es war ein großer Schritt für beide.
Er hatte sich oft vorgestellt, wie William und Annette und andere Umbrella-Leute darauf reagieren würden. Er mochte Anna und sie waren seit einigen Monaten zusammen. Er wollte sie gern an seiner Seite wissen.
„Ich wollte dich gerne schon länger etwas fragen. Hast du Lust, mit mir ins Theater zu gehen?", fragte Anna und richtete sich ein Stück auf, sodass sie ihn ansehen konnte. Sie riss ihn damit aus seinen Gedanken.
„Ins Theater? Was wird gespielt?"
Wesker stand Kultur nicht gleichgültig gegenüber, zu seinen Interessen gehörte sie allerdings nicht unbedingt. Er war nur wenige Male bisher im Theater oder in der Oper gewesen.
„Lass dich überraschen", meinte Anna mit einem Grinsen.
„Überraschen?!", fragte Wesker.
Anna nickte. „Was liegt dir eher: antike, griechische Tragödie oder moderne Komödie?", fragte Anna.
Wesker überlegte kurz. „Dann bin ich für den Klassiker."
„Also gut. Ich werde die Karten kaufen, OK?", sagte Anna. „Ich werde sehen, dass ich gleich die erste Aufführung im Mai bekomme."
„Einverstanden", meinte Wesker. „Du hast mich gerade an etwas erinnert. Ich wollte dich nämlich auch gerne etwas fragen."
„Was denn?", fragte sie und lehnte sich wieder an ihn. Ihre Hand strich über seinen Oberschenkel.
„Nächsten Samstag muss ich bei einem Abendessen mit ein paar Umbrella-Geschäftspartnern anwesend sein. Besser gesagt meine Anwesenheit wird dort verlangt. Es wird eine ziemlich große Veranstaltung werden, weil die Firma 10 Jahre Geschäftsbeziehungen mit ausländischen Partnern feiern möchte und es werden an die hundert Gäste kommen. Ich wollte dich fragen, ob du ... ob du mich begleiten würdest."
„Du würdest mich mitnehmen?", fragte Anna ungläubig. Sie blickte ihn an, als hätte sie sich verhört.
„Natürlich nur, wenn du möchtest. Es wird vermutlich ... ziemlich langweilig werden. Ich selbst würde nicht hingehen, aber... Es ist nun mal erforderlich."
Plötzlich grinste Anna amüsiert. „Das heißt, in deinem Alter wird es langsam peinlich, wenn man ohne Begleitung auf solchen Veranstaltungen auftaucht."
Er wollte etwas erwidern, doch stattdessen lachte er leise auf. „So kann man es natürlich auch betrachten. Aber vielleicht habe ich dich ja gefragt, weil ich gerne dich als Begleitung hätte?"
Sie lächelte ihn an und knuffte ihn sanft in die Seite.
„Das war doch nur ein Scherz. Nein, ich freue mich doch, dass du mich fragst. Ich würde dich sehr gerne begleiten. Aber das ist doch bestimmt sehr formal und ... Passe ich da rein? Ich habe für so einen Anlass gar nichts anzuziehen."
„Darüber mach dir keine Sorgen. Ich sehe dich gerne in deinem schwarzen Kleid. Und jetzt ist sogar endlich die richtige Jahreszeit dafür gekommen."
Wesker meinte das Kleid, dass sie bei ihrem gemeinsamen Essen im Winter getragen hatte. Es hatte ihm wirklich gut an ihr gefallen.
„Du möchtest, dass ich das trage?", fragte sie erstaunt und errötete ein bisschen.
„Ja. Du siehst wunderschön darin aus."
„OK, wenn du das möchtest, werde ich das anziehen. Und wo geht es hin, wenn ich fragen darf?"
„Umbrella bringt die Gäste in einem Hotel unter und wir haben das Restaurant dort einen Abend für uns. Ein sehr edles italienisches Lokal. Ich war noch nicht dort, aber sein Ruf ist exzellent. Der Empfang ist um sieben und das Essen wird ab acht serviert."
„Hört sich toll an."
Anna nickte und schloss die Augen.
„Ich habe noch etwas für dich", sagte Wesker. „Ich habe dir die Noten rausgesucht, nach denen du gefragt hast. Die wolltest du doch bei deiner nächsten Klavierstunde benutzen. Die Mondscheinsonate. Anna?"
Als er sich ihr zuwandte, stellte er fest, dass sie an ihn gelehnt eingeschlafen war.
Er betrachtete sie einige Zeit und streichelte ihr dabei zärtlich über den Arm.
Sie sah wirklich geschafft und erschöpft aus. Er hatte zwar etwas anderes für den Abend geplant, doch er nahm es ihr nicht übel.
Vorsichtig löste er sich von ihr und hob sie vom Sofa hoch. Er trug sie in sein Schlafzimmer und legte sie auf das Bett. Im Halbschlaf griff sie nach seiner Hand und wollte, dass er bei ihr blieb.
Er wollte eigentlich wieder nach nebenan gehen, doch schließlich gab er doch nach und setzte sich neben Anna auf das Bett. Er lehnte sich an die Wand und sie schmiegte sich eng an ihn. Mit einem leisen Seufzer fiel sie in tiefen Schlaf.
„Ich bin schon irgendwie aufgeregt", sagte Anna leise, während sie sich an Wesker schmiegte. „Ich war noch nie auf so einer Veranstaltung. Ich hab ein bisschen Angst, wie mich die anderen Leute sehen werden. Das ist ja eine komplett fremde Welt für mich."
„Mach dir keine Gedanken darüber", meinte Wesker.
Er sah auf die Uhr, die auf seinem Nachttisch stand.
„Es ist schon fünf Uhr vorbei, wir sollten uns allmählich fertig machen."
Er setzte sich auf und wollte sich gerade vom Bett erheben, als er Anna hinter sich spürte.
Ihre Finger strichen mit sanftem Druck an seinem Haaransatz über seinen Nacken und sie küsste ihn seitlich am Hals.
Ein leises Keuchen entfuhr ihm. Sie wusste genau, an welchen Stellen er es gern mochte angefasst zu werden. Es kostete einiges an Selbstbeherrschung, nicht wieder auf ihre Liebkosungen einzugehen.
„Das heben wir uns für später auf, OK? Wir müssen."
Er stand auf und ging ins Bad, um eine Dusche zu nehmen.
„Bist du soweit?", fragte Wesker wenig später und sah ins Badezimmer, wo Anna gerade vor dem Spiegel stand und sich die Haare kämmte. Sie hatte sich eben zu Ende gefönt und trug bereits ihr schwarzes Kleid.
„Ich brauch noch ein bisschen", sagte sie.
Anna fuhr mit der Bürste durch ihre langen roten Haare, die ihr offen über die Schultern fielen. Wesker gefiel es besser, wenn sie ihre Haare offen trug. Normalerweise hatte sie sie immer fest zusammengebunden, damit sie ihr bei der Arbeit nicht störend ins Gesicht fielen.
Er trat von hinten an sie heran. Sie sah ihn durch den Spiegel und lächelte.
„Ich habe ein Geschenk für dich", sagte Wesker und öffnete eine kleine, schwarze Schachtel. Darin lag, auf Samt gebettet, eine silberne Halskette. Er legte sie Anna um den Hals und schloss sie in ihrem Nacken.
Anna befühlte vorsichtig den Schmuckstein, der in die Kette eingelassen war, und der knapp über ihrem Dekollete ruhte.
„Sie ist wunderschön", raunte sie.
Sie wandte sich um und umarmte ihn. „Hab vielen Dank. Sie ist wunderbar."
„Freut mich, dass sie dir gefällt."
Er besah sie von oben bis unten. „Du siehst ... wirklich bezaubernd aus."
Sie errötete vor Verlegenheit. „Danke."
„Ich warte schon mal draußen", sagte Wesker und setzte seine Sonnenbrille auf.
„Ich hab es sowieso gleich", sagte Anna.
Kurze Zeit später waren sie auf dem Weg Richtung Hotel.
Noch nie war Anna so aufgeregt gewesen wie jetzt. Nicht mal auf der Hochzeit ihres Cousin vor ein paar Jahren, auf der sie eine Rede hatte halten müssen.
Die ganze Autofahrt über hatte sie schon ein flaues Gefühl im Magen gehabt, was sie zuerst auf die Aufregung geschoben hatte. Es wollte allerdings nicht besser werden, da half auch der ermutigende Zuspruch von Albert nichts, als sie aus dem Auto ausstiegen und mit den anderen Gästen die Hotellobby betraten.
Anna staunte nicht schlecht, als sie, von einer freundlichen Hotelangestellten angeführt, die Eingangshalle durchquerten und das edle Restaurant betraten, das in dezenten, warmen Farben gehalten war. Ein großer Leuchter hing von der Decke und tauchte den Raum in helles, aber angenehmes Licht.
Die Tische befanden sich auf der einen Seite, auf der anderen hatte man Platz für eine Tanzfläche geschaffen. Die Terrassentüren waren geöffnet und man konnte sich auch draußen aufhalten. Unzählige Gäste waren schon anwesend. Bedienungen liefen mit Tabletts durch die Menge und boten Champagner an.
„Wow, so viele Leute", sagte Anna.
„Ich habe ja gesagt, an die hundert Leute werden es."
Sie hakte sich bei ihm unter und ließ sich von ihm führen. Sie fühlte sich ein wenig unbehaglich und unsicher, umringt von all den Leuten, in edler Kleidung, die vermutlich alle hohe Positionen bei Umbrella innehatten.
Albert neben ihr gab ihr Sicherheit, doch hier wurde ihr wieder einmal vor Augen geführt, dass sie und er völlig verschieden waren.
Sie kannte niemanden hier und niemand kannte sie, doch trotzdem hatte sie das Gefühl, alle Blicke ruhten ständig auf ihr und taxierten sie.
Sie erblickte auch viele chinesische Geschäftsleute und schlussfolgerte, dass dies die ausländischen Partner sein mussten, zu deren Ehren das Fest veranstaltet wurde.
„Ich würde dir jetzt gerne jemanden vorstellen", sagte Albert und ging mit ihr in Richtung der Terrassentüren.
„Albert", begrüßte ihn ein Mann mit schmutzig blondem Haar. Er war in einen Anzug gekleidet und wurde von einer ebenfalls blonden Frau in einem langen roten Kleid begleitet.
„William, Annette."
„Sie müssen Anna sein", sagte der Mann namens William. „Albert hat schon von Ihnen gesprochen."
„Tatsächlich?", fragte Anna mit einem kurzen Blick auf Albert.
„Anna, das sind die Birkins, William und Annette. William und ich haben zusammen im Labor gearbeitet."
„Hi", sagte Anna etwas schüchtern.
Sie gaben sich zur Begrüßung die Hände.
Anna waren die Birkins auf Anhieb sympathisch und sie war froh, dass es ihr leicht fiel, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Sie unterhielten sich eine Weile und nahmen sich Getränke.
Irgendwann fiel Anna auf, dass Alberts Blick in die Menschenmenge abgeschweift war und sich sein Gesichtsausdruck verfinsterte.
„Was hast du?", fragte sie, doch er schüttelte nur den Kopf.
„Entschuldigt mich bitte", sagte er kurz angebunden und verschwand unter den anderen Gästen.
Anna war für einen Moment völlig vor den Kopf gestoßen. Eben noch hatten sie sich gut mit William Birkin und seiner Frau unterhalten und jetzt auf einmal war Albert wie ausgewechselt.
„OK", sagte sie nur schnell. Sie konnte ihn nicht mehr fragen, was passiert war.
Wenig später sah sie ihn draußen auf der Terrasse stehen und mit einem anderen Mann sprechen. Irgendwann sahen sie zu ihr und er winkte sie zu sich.
Wesker hatte so gehofft, diese eine Person hier nicht sehen zu müssen, doch er sollte enttäuscht werden. Sheila Yamamoto war ebenfalls anwesend.
Er hatte sich unauffällig entschuldigt, doch in seinem Inneren kochte der Ärger in ihm hoch.
Wesker schritt durch die Tür nach draußen auf die Terrasse aus Sheilas Sichtfeld. Es behagte ihm nicht, sich von Anna zu trennen, aber er wollte nicht riskieren, dass seine Kollegin ihm und ihr den Abend verdarb. Und er hielt es noch dazu für keine gute Idee, wenn Sheila erfuhr, dass er in Begleitung hier war.
Nur wenige Gäste waren draußen, als Wesker durch die Tür trat. Die Terrasse befand sich in einem Innenhof mit Garten und war rings von einem Geländer eingefasst. Ein paar Treppenstufen führten auf einen gepflasterten Weg, der auf die andere Seite reichte. In der Mitte des Gartens befand sich ein Brunnen. Das Wasser plätscherte leise und ein paar Vögel hatten sich auf den Bäumen und Sträuchern niedergelassen.
Wesker schritt zum Geländer und sah über den Garten.
Er war vielleicht zehn Minuten dort gestanden und hatte gedankenverloren auf die Bewegungen des Wassers geachtet, bis ...
„Albert Wesker? Ja, ist das die Möglichkeit", ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Eine Stimme, die ihm vertraut war, aber die er seit sehr langer Zeit nicht mehr gehört hatte.
Als Wesker sich umdrehte, um zu sehen, wer ihn angesprochen hatte, staunte er nicht schlecht.
„Kennst du mich noch?"
Ein Mann, ganz in schwarz gekleidet, wie er selbst, und einer Sonnenbrille stand vor ihm und grinste ihn verschmitzt an. Er hatte dunkles Haar und ungefähr die gleiche Größe und Statur wie Wesker.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fehlten Wesker die Worte, als er den Mann erkannte.
„Alex?"
Der Mann nickte.
„Die Welt ist wahrlich ein Dorf. So trifft man sich wieder."
Die beiden Männer umarmten sich kurz.
„Alex Wesker. Ich hatte mich schon gefragt, was aus dir geworden ist", sagte Albert.
„Das müssen doch locker 15 Jahre sein?", meinte Alex.
Albert nickte. „Ich fürchte, das reicht nicht mehr."
„Ich muss zugeben, ich habe dich nur an der Sonnenbrille erkannt", gab Alex zu.
„Dito."
„Gut siehst du aus, Albert."
„Du auch, Alex."
Alex nahm zwei Gläser vom Tablett eines vorbeilaufenden Obers und reichte eines Albert.
„Ich bin ehrlich gesagt baff", bemerkte er dann. „Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, ausgerechnet dich hier zu sehen."
„So ging es mir auch", sagte Albert zustimmend. „Was führt dich hier her?"
„Spencer hat mich angerufen und gesagt, ich solle unbedingt kommen."
Alex verdrehte hinter seiner Sonnebrille die Augen.
„Tatsächlich? Mich hat er auch, sogar persönlich, darum gebeten, zu kommen. Irgendein besonderer Grund?"
„Keine Ahnung", sagte Alex und machte eine abwehrende Handbewegung. Er nippte an seinem Champagner. „Aber sag doch mal, wie geht es dir denn eigentlich? Ich habe dich so lange nicht gesehen. Was ist aus dir geworden? Das letzte Mal, das ich dich gesprochen habe, war als du deine Doktorarbeit geschrieben hast."
Albert nickte.
„Lange her. Spencer hat mich angeheuert."
„Spencer hat dich angeheuert?"
„Ja, mit 17 kam ich zu Umbrella. Ich habe zusammen mit William Birkin unter Dr. Markus gearbeitet. Und was ist aus dir geworden?"
„Dr. Markus, ich bin wirklich beeindruckt!", gab Alex anerkennungsvoll zu. „Der T-Virus?"
„Ja. Wir haben daran geforscht."
„Nicht schlecht. Ich bin Arzt und Genetiker geworden. Ich arbeite ebenfalls für Umbrella. Und auch mich hat Spencer angeheuert."
„Arzt, ist das wirklich dein Ernst? Spencer hat dich auch zu Umbrella gebracht?", fragte Albert erstaunt.
„Ja. Auch mit 17, nachdem ich meinen Doktor hatte. Was für ein Zufall."
„Und was genau machst du für Umbrella?"
„Ich bin eher im klassischen Feld tätig", erklärte Alex. „Ich entwickle neue Medikamente."
„Verstehe."
„Und du? Arbeitest du immer noch mit Birkin zusammen?"
Alex warf kurz einen prüfenden Blick über seine Schulter, dann sprach er mit gedämpfter Stimme weiter.
„Wie ich hörte, hat Spencer Doktor Markus aus dem Weg räumen lassen, weil es ein paar interne Differenzen zwischen den beiden gab."
Albert nickte. „Spencer hatte mit Markus' Arbeit andere Pläne als dieser selbst. Der gute Doktor hat sich nur um das Wohlergehen seiner Egel geschert. Er hat irgendwann nur noch in seiner Laborwelt gelebt. Spencer wollte die Ergebnisse seiner Arbeit für andere Zwecke nutzen und die beiden hatten einen Streit. Markus muss wohl gedroht haben, an die Öffentlichkeit zu gehen."
Alex blickte ihn entsetzt an. „Wie bitte? Davon habe ich nichts mitbekommen."
„Man hat sich irgendeine blöde Geschichte ausgedacht, dass er gekündigt und danach bei einem Unfall ums Leben gekommen sei. Birkin und ich haben dann die Arbeit übernommen."
„Ich verstehe. Und du und ... William heißt er, oder? Arbeitet ihr beiden immer noch zusammen? Spencer ist ziemlich in Aufruhr, weil dieser Birkin irgendeinen neuen Virus entdeckt hat. Den G-Virus, wenn ich mich nicht täusche."
„Du bist wirklich gut informiert", musste Albert zugeben und er war überaus erstaunt, wie viel Alex Wesker wusste. Albert war augenscheinlich nicht der einzige, zu dem Spencer ein enges Verhältnis pflegte. „Nein, wir arbeiten nicht mehr zusammen. Ich habe vor ein paar Monaten meine Versetzung beantragt."
„Wohin denn?"
„Ich bin jetzt Agent im Information Department."
„Geheimagent, so so. Ich nehme mal an, Spencer war wenig begeistert."
„Das kann man laut sagen", sagte Albert bitter und leerte sein Glas. „Er hat versucht, mich zu überzeugen, wieder ins Labor zurückzugehen, aber ich habe abgelehnt."
„Warum hast du deinen Tätigkeitsbereich gewechselt? Ich meine, dass ist schon ein ziemlicher krasser Tapetenwechsel."
„Den ich aber gebraucht habe", sagte Albert. „Mich interessiert die Arbeit am G-Virus nicht und ..."
Er überlegte kurz, ob er Alex gegenüber ehrlich sein sollte und entschied sich dann, ihm zumindest einen Teil der Wahrheit zu sagen.
Nachdem Alex regen und engen Kontakt mit Spencer hatte, wollte er ihm gegenüber nichts von seinem Misstrauen und seiner Abneigung gegenüber Spencer äußern.
„Wenn ich ehrlich sein soll, der G-Virus ist zu hoch für mich. Das übersteigt mein Können als Forscher und ich habe gemerkt, dass ich an Grenzen gekommen bin. Birkin arbeitet mit seiner Frau weiter alleine daran, aber ... William packt das nicht, noch weniger als ich. Spencer setzt ihn ganz schön unter Druck."
„Das kann ich mir gut vorstellen. Hat dich Spencer auch einmal nach deinem Privatleben gefragt?"
Albert stutzte auf Alex' Kommentar hin.
„Ja, dich etwa auch? Das ist aber seltsam."
„Aber wie ich vorhin schon gesehen habe, hast du ja auch etwas zu berichten", bemerkte Alex mit einem Grinsen. Er nickte mit dem Kopf Richtung Anna, die allein etwas abseits stand.
„Die kleine Rothaarige ist doch mit dir hier, oder?"
Albert grinste. „Ja. Das ist Anna. Wir sind seit ein paar Monaten zusammen. Heute ist unser erster offizieller Auftritt zu zweit."
„Sie ist hübsch. Ich wusste nicht, dass du auf rothaarige stehst. Arbeitet sie auch für Umbrella?", fragte Alex interessiert.
„Nein, ich habe sie in einem Hotel kennengelernt. Sie arbeitet dort als Zimmermädchen."
Alex zog skeptisch eine Augenbraue nach oben. Albert wusste, was gleich kommen würde.
„Ein Zimmermädchen? Du überraschst mich in jeder Hinsicht, Al. Nicht nur, dass du eine Freundin hast, es ist auch noch eine recht ungewöhnliche Kombination."
Albert hatte mit der Reaktion gerechnet.
„Das hat bisher jeder gesagt. Aber Anna und ich sind glücklich zusammen. Wir verstehen uns sehr gut, trotz der Tatsache, dass sie nur ein Zimmermädchen ist."
Alex klopfte ihm auf die Schulter.
„So war das doch nicht gemeint. Ich weiß nur, wie schwierig es für dich ist, eine Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen. Und ich freue mich wirklich sehr für dich, wenn du jemanden gefunden hast, der mit dir auf einer Wellenlänge ist. Ging mir ja genauso."
„Soll das heißen, du hast eine Freundin, Alex? Ich sehe schon, wir haben uns wirklich lange nicht gesehen."
„Ja, habe ich. Und ich bin schon ein bisschen weiter als du", sagte Alex vielsagend und hielt seine Hand hoch. Er trug einen Ring.
„Du bist verheiratet?", fragte Albert ungläubig. „Jetzt hast du mich aber sprachlos gemacht."
„Seit einem Monat ganz frisch. Meine Frau und ich mussten unsere Flitterwochen für diesen Abend unterbrechen. Spencer hat darauf bestanden, dass ich komme. Aber wie ich sehe, hat es sich ja gelohnt. Ich schaue gerade mal, wo meine Frau ist. Aja, da drüben. Sie steht bei ihrer Schwester."
Alex winkte jemandem zu, den Albert allerdings nicht sehen konnte, weil eine Gruppe Leute ihm die Sicht versperrte. Er gab Anna ein Zeichen, dass sie ebenfalls kommen sollte. Kurz darauf war sie an seiner Seite.
„Du hast mich gerufen."
„Ja, ich würde dir gerne jemanden vorstellen."
Neben Alex trat eine junge Asiatin. Sie hatte kurze schwarze Haare und trug ein dunkelblaues Coktailkleid und hohe Schuhe.
„Darf ich vorstellen, dass ist meine Frau, Laura Yamamoto", sagte Alex. „Das ist Albert, ein alter Jugendfreund. Und seine Freundin, Anna."
„Sehr erfreut."
Laura schüttelte Albert und Anna die Hand.
„Anna, das ist Alexander, jeder nennt ihn allerdings Alex. Wir kennen uns von früher."
„Wir haben gerade von der bezaubernden Lady gesprochen", sagte Alex und grinste, während er Anna die Hand gab. Sie lächelte verlegen. Albert fiel sofort ihre Unsicherheit auf und er legte seinen Arm um ihre Taille und zog sie an sich.
„Wie hast du deine Frau kennengelernt?", fragte Albert an Alex gewandt.
„Sie arbeitet auch für Umbrella. Sie ist Botanikerin. Wir sind beide in der Medikamentenforschung tätig."
„Ich schreibe gerade meine Doktorarbeit", erklärte Laura. „Sehr angenehm auf einer karibischen Insel, aber Spencer hat darauf bestanden, dass wir auch kommen."
„Die beiden waren in ihren Flitterwochen", erklärte Albert Anna.
„Verstehe. Alles Gute nachträglich zu ihrer Hochzeit."
„Danke", sagte Alex und nickte.
Sie unterhielten sich einige Zeit, bis plötzlich eine weitere Person zu ihnen trat.
Albert hatte zuerst gar nicht bemerkt, wer es war, weil er in ein Gespräch mit Laura über ihre Arbeit vertieft war, doch als ihm ein wohlbekanntes Parfüm in die Nase stieg, bestätigte sich seine schlimmste Befürchtung. Offenbar hatte Sheila ihn doch gesehen.
„Hier bist du also", sagte Sheila an Laura gewandt. Sie war ein Stück größer als Laura und mit den beiden Männern auf Augenhöhe.
„Sheila, wo warst du denn?", fragte Alex. „Du bist einfach so in der Menge verschwunden."
„Sie hatte keine Zeit für uns", meinte seine Frau. „Sie war zu beschäftigt mit ein paar anderen Männern."
Albert und Sheilas Blicke kreuzten sich. Bei ihm war sofort der Groschen gefallen.
„Albert, was für eine ... Überraschung. Ich hatte nicht mit dir hier gerechnet. Und du bist in Begleitung hier, was für eine Freude."
Sie musterte Anna mit kritischem Blick von oben bis unten, sagte aber nichts weiter.
„Ihr kennt euch?", fragte Laura erstaunt.
„Die beiden arbeiten beide in derselben Abteilung", schlussfolgerte Alex, an dessen Blick Albert ablesen konnte, dass auch er sofort begriffen hatte. „Sheila ist Lauras Schwester und meine Schwägerin."
„Anna, das ist Sheila Yamamoto, eine Arbeitskollegin von mir", erklärte Albert der Höflichkeit wegen.
„Nett, Sie kennenzulernen", sagte Anna freundlich.
„Ganz meinerseits", meinte Sheila und die Verachtung stand ihr ins Gesicht geschrieben, sie ließ sich jedoch vor den anderen nichts anmerken.
Die anderen Gäste begaben sich zu den Tischen.
„Wir sollten uns auch langsam einen Platz suchen. Das Essen wird bald serviert", sagte Alex mit Blick auf seine Uhr, um die Situation zu entschärfen.
Ihm war offenbar die Spannung, die plötzlich aufgekommen war, ebenfalls nicht entgangen.
Albert war froh darüber. Und noch erleichterter war er, als Sheila sich zu einem anderen Tisch begab.
„Ich sehe schon, da ist was im Gange", flüsterte Alex Albert zu. „Was ist das mit dir und Sheila?"
„Sie ist ...", begann Albert, doch er fand kaum die richtigen Worte. „Sheila zeigt ziemliches Interesse an mir, was ich allerdings nicht erwidere. Und jetzt, nachdem sie Anna gesehen hat ..."
„Verstehe. Ich war zuerst mit Sheila zusammen, aber es hat nicht geklappt zwischen uns. Als ich ihre Schwester kennengelernt habe, hat es sofort gefunkt. Sheila war mir aber nicht böse."
Offenbar hatte sie kein Problem damit, sich schnell nach jemand anderem umzusehen, dachte Albert säuerlich, doch er behielt den Kommentar für sich.
Anna spürte sofort, dass irgendetwas passiert sein musste. Wo vorher eine freundliche Atmosphäre geherrscht hatte, war die Temperatur gefühlt um ein paar Grad gefallen, nachdem Sheila Yamamoto zu ihnen gestoßen war.
Alberts Griff um ihre Taille war plötzlich stärker geworden und die Spannung zwischen ihnen war mehr als deutlich zu spüren gewesen. Jeder hatte sich zurückgehalten, aber Anna hatte sich anhand der ausgetauschten Blick sofort ausrechnen können, dass Sheila die Kollegin war, mit der Albert desöfteren Probleme gehabt hatte.
Sie hielt sich jedoch aus Höflichkeit zurück und entschied sich, Albert erst im Auto oder Zuhause danach zu fragen.
Ihr Mittagessen lag bereits geraume Zeit zurück und war nicht sonderlich groß ausgefallen, weil sie im Hotel fiel zu tun gehabt hatte, dennoch hatte Anna fast keinen Hunger. Und das seltsame Gefühl in ihrem Magen machte ihr nach wie vor zu schaffen. Es war keine richtige Übelkeit, doch es fühlte sich so an, als würde ihr irgendetwas nicht bekommen. Es war praktisch das genaue Gegenteil zu ihrem gesteigerten Appetit der letzten Zeit. Sie konnte sich nicht erklären, was im Moment mit ihr los war. Sie hoffte nur, es würde bald besser werden.
Alex und seine Frau ließen sich gegenüber von Anna und Albert an einem runden Vierertisch sehr mittig im Restaurant nieder. Die Ober brachten sofort die Karten.
Als Anna die Karte aufschlug, fielen ihr sofort die viel zu hohen Preise auf, die sie sich niemals leisten konnte. Einige Gerichte und Weine waren so teuer, wie manche Menschen in ihrer Heimat im Monat verdienten.
Albert musste ihr Stutzen bemerkt haben, denn er raunte ihr zu: „Keine Sorge, das geht auf Kosten der Firma. Du darfst essen und trinken, was du möchtest."
„Du weißt, dass ich solchen Prunk eigentlich nicht mag. In meiner Heimat ist das viel Geld und ich bin einfach ... etwas mehr Bescheidenheit gewohnt."
Albert legte seine Hand auf ihren Unterarm. „Du hast es verdient, dir etwas zu gönnen."
Sie nickte langsam, doch wirklich überzeugt war sie nicht.
„Wie wäre es, wenn wir uns einen Vorspeisenteller zu viert teilen?", fragte Alex an Albert gewandt. Seine Frau nickte zustimmend.
„Möchtest du?", fragte Albert sie.
„Wieso nicht, klar", sagte Anna achselzuckend.
„Einen Wein zum Essen?"
„Ich denke, ich muss leider ablehnen", sagte Anna. „Mein Magen ist momentan nicht ganz in Ordnung."
„Also meinetwegen auch nicht", pflichtete ihr Albert bei. „Hast du schon etwas gewählt?"
„Ich weiß nicht so recht", gab sie zu. „Es gibt so viele Gerichte hier, ich kann mich nur schwer entscheiden. Ich fürchte aber, ich werde etwas Leichtes nehmen wegen meines Magens."
Albert entschied sich für ein gegrillte Leber mit Kartoffeln, Anna nahm schließlich eine Fischplatte und Gemüse.
Es dauerte nicht lange, bis ihre Vorspeise gebracht wurde.
Die verschiedenen kleinen Speisen rochen verlockend und waren appetitlich angerichtet, doch tatsächlich fand Anna den Geruch von mediterranen Kräuter, den sie sonst gern mochte, plötzlich schrecklich aufdringlich.
Sie aß nur wenig von dem Vorspeisenteller und die meiste Zeit sprach sie nur wenig. Albert und die anderen bemerkten glücklicherweise nichts, da sie in ein Gespräch vertieft waren.
Eine halbe Stunde später wurde der Hauptgang gebracht.
Schon während des Essens war es Anna flau in der Magengegend geworden und sie hatte einen Großteil ihres Tellers aus Appetitlosigkeit zurückgehen lassen müssen. Als anschließend jedoch Kaffee serviert wurde und ihr der Geruch des Getränks in die Nase stieg, überkam sie eine Welle von Übelkeit. Sie atmete tief durch und nahm einen Schluck Wasser, in der Hoffnung, das Gefühl möge schnell verfliegen. Außerdem wollte sie am Tisch keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen, nachdem Albert und Alex gerade über Geschäftliches sprachen.
Die Minuten krochen dahin und ihr wurde heiß. Schließlich hielt sie es nicht länger aus und stieß Albert leicht am Arm, dass er sich ihr zuwandte.
„Albert, bitte entschuldige mich", raunte sie ihm leise zu und versuchte, sich so gut es ging nichts anmerken zu lassen.
Anna entfernte sich mit zügigen Schritten von der Gruppe und eilte hinaus in Richtung der Toiletten.
Glücklicherweise war sie allein, als sie, der Beschilderung folgend, einen Flur entlang eilte und die Damentoilette betrat. Die Übelkeit war so stark geworden, dass sie sich die Hand vor den Mund hielt. Sie schaffte es gerade noch, in eine Kabine zu flüchten, die Tür hinter sich abzusperren und vor der Toilettenschüssel auf die Knie zu gehen, da passierte es schon.
Sie musste sich mehrmals hintereinander übergeben.
„Gott", stöhnte sie leise.
Nachdem sich ihr Magen auf diese unfreiwillige Art entleert hatte, ging es ihr zwar besser, doch sie brauchte eine Weile, bis sie sich hochstemmen und die Spülung betätigen konnte.
Langsam trat sie aus der Kabine und ging zum Waschbecken, um sich den Mund auszuspülen.
Ein Schall kaltes Wasser ins Gesicht war belebend und wohltuend. Sie trocknete sich Gesicht und Hände mit den Einweghandtüchern.
Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr deutlich, dass es ihr nicht gut ging. Sie war blass und müde und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Die letzten Wochen in der Arbeit hatte sie sich wohl zu viel zugemutet.
Sie verspürte das dringende Bedürfnis nach Hause zu fahren und sich in ihr Bett zu legen. Sie genoss die Stille hier und eigentlich wollte sie nicht mehr ins laute Restaurant zurückkehren.
Anna sah nicht auf die Uhr und wusste nicht, wie lange sie vor dem Spiegel gestanden hatte, doch irgendwann öffnete sich die Tür und Sheila Yamamoto betrat die Damentoilette.
„Na wen haben wir denn da?", sagte sie mit einem falschen Lächeln, das nichts Gutes verheißen konnte.
Anna wäre gerne noch allein geblieben, doch in Sheilas Gegenwart fühlte sie sich nicht wohl und sie wollte keinesfalls mit der Frau allein sein.
Als Anna hinausgehen wollte, stellte sich ihr Sheila jedoch in den Weg. Die Asiatin war ein gutes Stück größer, sodass Anna zu ihr aufsehen musste.
„Lassen Sie mich vorbei", forderte Anna, doch es klang weitaus weniger selbstsicher, als sie gedacht hatte.
„Nein, wir haben etwas zu klären."
Sheila kam ihr bedrohlich nahe und Anna wich unweigerlich ein paar Schritte zurück. Ihre Hand klammerte sich hilfesuchend an den Waschtisch.
„Was fällt dir eigentlich ein, du kleines Miststück?!"
„Wie bitte, wir reden Sie denn mit mir?!"
„Du meinst wohl, du bist eine ganz Schlaue und hast einen großen Fang gemacht, oder?" Ihr entfuhr ein abschätziges Lachen. „Was glaubst du denn, was du für ihn bist?", sagte Sheila voller Verachtung. Sie sah auf Anna herab, als wäre diese etwas Schmutziges, Abstoßendes.
„Du bist doch nur ein kleines Spielzeug, mit dem er sich einige Zeit vergnügt, bis er es schließlich wegwirft."
Anna starrte Sheila fassungslos an. Sie konnte nichts erwidern, blankes Entsetzen hielt sie davon, ab einen klaren Gedanken zu fassen. Ihr Kopf war plötzlich wie leergefegt.
„Und was bist du denn genau genommen? Irgendeine Hure, ein billiges Flittchen aus Osteuropa, das sich nur an Albert heranschmeißt, weil sie sich davon Vorteile verspricht. Ein Zimmermädchen, pfft, ich bitte dich. Was sollte er denn von so einer wie dir wollen? Du wirst nie gut genug für ihn sein."
Sie beugte sich jetzt nah zu Anna heran und zischte ihr im Flüsterton zu: „Ich gebe dir einen guten Rat, Schätzchen, geh dahin, wo du hergekommen bist und halte dich von Albert fern."
Mit diesem Satz wandte sich Sheila um und stürmte hinaus.
Anna zitterte am ganzen Leib von der Konfrontation und ihr Herz pochte wie wild. Die Worte hallten noch in ihren Ohren wider und sie erschauderte. Eine Kältewelle durchfuhr sie.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie konnte und wollte nicht zum Tisch zurückkehren, wo sie Sheila gegenübersitzen musste. Und sie wollte auch Albert nicht treffen. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich plötzlich unwohl, fehl am Platz und wünschte sich, sie hätte auf die Einladung nicht zugesagt. Sie musste die Tränen unterdrücken.
Sie drehte sich zum Waschbecken wusch ihr Gesicht noch mal mit eiskaltem Wasser. Ihre Hände und Knie zitterten. Sheilas Worte bohrten sich regelrecht in sie hinein wie scharfe Klingen und sie fühlte sich plötzlich, als wäre ihr Fundament wie ein Kartenhaus zusammengebrochen.
Als sie in den Spiegel sah, sah sie keine Frau, sondern ein kleines, verschüchtertes Schulmädchen.
Ein Klopfen an der Tür ertönte und sie wurde aus ihren Gedanken gerissen.
„Anna?" Es war Albert.
„Äh, ja", rief sie zurück, richtete sich so gut es ging auf und strich ihre losen Haarsträhnen zurück.
„Geht es dir gut? Du bist seit 20 Minuten da drin."
„Ja, alles OK", log sie. Ein Blick in ihr Gesicht reichte freilich, um zu erkennen, dass es ihr nicht gut ging. Sie war völlig bleich und sah erschöpft aus. Noch dazu stand sie nach der Begegnung mit Sheila kurz vor den Tränen und war völlig aufgelöst.
„Kann ich mal reinkommen?"
Zögerlich betrat Wesker die Damentoilette.
„Ist wirklich alles in Ordnung? Du siehst nämlich nicht so aus. Was ist los?"
„Es ... Es tut mir so leid, ich will ... dir keine Unannehmlichkeiten bereiten, aber ... können ..."
„Was?"
„Können wir bitte nach Hause fahren. Mir ist nicht gut. Ich fürchte, der Fisch ist mir nicht bekommen."
Wesker überlegte kurz. „Ich denke, die können mich entbehren. Kannst du zum Auto vorgehen, ich komme dann nach. Ich muss den anderen Bescheid geben. Ich hol dann unsere Sachen."
Anna nickte erleichtert, doch gleichzeitig überkam sie ein schlechtes Gewissen, dass sie Albert den Abend ruinierte. Sie hoffte, seine Abwesenheit würde keine Nachteile für seine Arbeit bedeuten.
Er schritt hinaus und zurück ins Restaurant, während Anna den Weg Richtung Eingangshalle und Ausgang einschlug.
„Was ist los mit Anna?", fragte Alex besorgt.
Albert kam zum Tisch zurück, um Bescheid zu geben, dass sie gehen wollten.
„Es geht ihr nicht so gut. Wir werden nach Hause gehen."
„Sie sah vorhin schon ein bisschen blass aus", bemerkte Laura.
„Das stimmt und sie hat kaum gegessen ist mir aufgefallen", sagte Alex. „Soll ich sie mir mal ansehen?", bot er an. Verständlich, da er ja Arzt war, doch Albert winkte ab.
„Lass gut sein. Das weiß ich zu schätzen, aber ich glaube, sie braucht einfach ein bisschen Ruhe zu Hause. Sie hatte viel Stress in letzter Zeit und hat sich zuviel zugemutet."
„Tut mir leid. Da sehen wir uns nach einer Ewigkeit mal wieder und dann kommt etwas dazwischen. Schade. Bitte richte ihr eine gute Besserung von uns aus und es hat mich gefreut, sie kennenzulernen und dich mal wieder zu sehen."
„Ja, das werde ich machen. Vielleicht kommen wir zu anderer Gelegenheit mal wieder zusammen, Alex. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend."
Sie verabschiedeten sich und Albert verließ das Restaurant.
Schweigend saßen sie nebeneinander im Auto. Anna wagte es nicht, Albert anzusehen, außerdem drohte sie schon wieder die nächste Welle Übelkeit zu übermannen.
„Alex lässt dir im Übrigen eine gute Besserung ausrichten", sagte Albert, als er in ihre Straße einbog und den Wohnblock ansteuerte.
„Vielen Dank. Dieser Alexander scheint ein netter Kerl zu sein. Es hat mich gefreut, deine Kollegen kennenzulernen. Und ich danke dir, dass du mich als deine Begleitung mitgenommen hast. Auch wenn der Abend jetzt so ...", antwortete sie etwas zu hastig und hoffte, Albert möge ihre Aufgewühltheit entgehen.
„Halb so wild."
Er begleitete sie die Treppen nach oben und Anna war dankbar dafür. Sie war etwas wacklig auf den Beinen und ihr war erneut speiübel. Sie zog im Flur ihre Schuhe aus und flüchtete danach sofort ins Badezimmer, wo sie sich das zweite Mal an diesem Abend übergeben musste.
„Um Himmels Willen", murmelte sie auf Edonisch.
Albert schien nicht recht zu wissen, wie er mit der Situation umgehen sollte.
„Kann ich dir irgendwie helfen?", fragte er etwas hilflos.
„Ich fürchte, da muss ich allein durch", sagte Anna abweisend, während sie sich das Gesicht wusch.
Sie ging an ihm vorbei und beachtete ihn nicht. Sie wagte es auch nicht, ihn anzusehen.
Er folgte ihr in ihr Schlafzimmer, blieb jedoch in der Tür stehen und lehnte sich gegen den Rahmen.
Anna kannte diese Distanz und Kühle nicht von sich. Sie schob es auf ihre schlechte Verfassung im Moment, aber zum ersten Mal spürte sie nicht das Bedürfnis, ihn bei sich haben zu wollen.
Albert tat nichts. Er beobachtete sie, während sie ihren Schmuck ablegte und diesen in eine Schachtel legte. Sie drehte ihm den Rücken zu, als sie sich auf ihr Bett setzte. Ihre Haare verdeckten ihr Gesicht und schirmten ihre Augen von seinem Blick ab.
„Willst du, dass ich die Nacht über hierbleibe?", fragte Albert vorsichtig.
„Ähm, nein, du musst nicht ... also ... Ich komm schon allein zurecht ... Aber musst du nicht morgen arbeiten?"
„Anna, morgen ist Sonntag, da muss selbst ich nur in Ausnahmefällen ins Büro. Ich muss von Zuhause aus arbeiten, aber das macht nichts. Ich kann hier bleiben. Es geht dir nicht gut und ich möchte dich nicht gern allein lassen", sagte er.
„Stimmt, sorry, ich bin ... ein bisschen durcheinander. Ich muss ins Bett."
„Was ist los? Du bist im Restaurant auf die Toilette verschwunden und seitdem verhältst du dich ziemlich eigenartig. Was ist passiert?"
Anna seufzte. Nervös fuhren ihre Hände über ihre Oberschenkel. Sie zog ihr Kleid nicht aus. Es war ihr unbehaglich, sich vor ihm auszuziehen, zu entblößen. Er schien es zu merken, denn er musterte sie mit einem seltsamen Blick.
„Ich bleibe die Nacht hier, OK? Aber du sagst mir bitte, was los ist."
Sie zögerte, dann nickte sie stumm.
Wesker nahm auf der anderen Bettseite Platz und begann sich auszuziehen.
„Ich hatte auf der Toilette eine kleine Begegnung mit Sheila. Eine ... etwas unschöne Begegnung, wenn man es ... diplomatisch ausdrückt."
„Was ist passiert?", wollte Wesker wissen und Ärger war aus seiner Stimme herauszuhören.
„Oh ja, Sheila ist eine reizende Frau. Sie hat mich als Flittchen und als Hure beschimpft. Und gesagt, dass ich nur eine kleine Abwechslung für zwischendurch für dich bin, aber dass du dich doch nie mit einem Zimmermädchen abgeben würdest. Außerdem meinte sie, dass ich mich an dich ranschmeiße, weil es halt ... opportun ist. Sie ist doch die Kollegin, mit der du Probleme hattest, oder?"
Annas Stimme zitterte und Tränen stiegen in ihre Augen.
„Du sagst ja gar nichts."
„Sheila ist eine furchtbare Frau, du solltest nicht auf sie hören", sagte Albert schlicht und in einem Ton, der keinen Zweifel offen ließ, dass das Thema für ihn beendet war.
„Tja, weißt du, dass ist .. nicht so leicht", meinte Anna und versuchte, ihr Schluchzen zu verbergen. Die Begegnung hatte sie bis ins Mark erschüttert und sie zitterte jetzt noch, wenn sie daran dachte, mit welch hasserfülltem Blick sie die Asiatin angesehen und in die Enge getrieben hatte. Ihre Welt war erschüttert worden und sie fühlte Zweifel und Ängste in sich aufkommen.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?", fuhr Anna fort. „Das, was sie gesagt hat, das ..."
„Anna", Albert wandte sich jetzt zu ihr. „Sheila versucht bei jeder Gelegenheit, sich an mich heranzumachen. Ich hab ihr dutzende Male gesagt, dass ich nichts von ihr will. Sie ist einfach erbärmlich. Nimm das bitte nicht ernst, OK? Vergiss sie und ignorier das, was sie gesagt hat."
„Ich hatte gerade ... eine Begegnung der dritten Art, die ich mir gerne erspart hätte, zumal es mir momentan sowieso nicht so gut geht, und du spielst das hier so runter, als wäre gar nichts", entgegnete Anna. Tränen rannen ihr jetzt übers Gesicht.
Sie musterte Albert eingehend, doch dieser wich ihr aus.
„Hat sie denn Recht, mit dem, was sie gesagt hat?" Der Satz war ihr rausgerutscht, aber er drückte genau das aus, was in ihrem inneren Chaos der Gefühle vor sich ging.
Albert, der sich gerade wieder von ihr weggedreht hatte, um sein Hemd auszuziehen, stutzte.
„Wie bitte?", fragte er ungeduldig und verärgert. Er starrte sie ungläubig an. „Was soll das denn?"
„Du hast mich gehört." Sie wich seinem Blick aus und sah auf die Bettdecke.
„Was bin ich denn für dich? Bin ich wirklich nur ein kleines Flittchen aus Osteuropa? Für zwischendurch?"
„Anna, jetzt hör mir mal zu", sagte Albert und machte aus seiner Ungeduld und seinem Ärger keinen Hehl. „Das ist doch das, was Sheila will! Dass sie dich fertig macht! Also, vergiss das einfach! Ignorier sie! Kümmere dich nicht darum!"
„Beantworte mir doch einfach die Frage!", forderte Anna. „Was ist so schwer daran?"
Albert seufzte und schüttelte den Kopf.
„Was bin ich für dich? Was sind wir? Bin ich nur ein kleines Vergnügen oder ... ist das ernst mit uns?"
Albert hatte seine Ellbogen auf seinen Knien abgestützt und ließ den Kopf hängen. Er atmete tief durch. Er antwortete nicht auf ihre Frage.
Anna wollte ihn nicht mehr ansehen.
„Ich fand die Monate mit dir total toll und ich war davor noch nie richtig glücklich. Ich hab mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, was ich für dich bin. Ich dachte immer, wir sind auf einer Höhe."
Sie schniefte und wischte sich die Tränen weg.
„Aber durch das, was Sheila gesagt hat ..."
„Warum ... Warum lässt du dich von dieser Frau so verunsichern?", fragte Albert erbost. „Unser Leben geht sie gar nichts an. Was ist los mit dir, Anna? Das ist doch kein Thema für dich gewesen. Wir haben uns nicht zu rechtfertigen."
„Ja, eben das ist es ja. Ich habe es bisher nicht gesehen, aber ... Heute Abend ist es mir ziemlich vor Augen geführt worden. Ich kam mir so fremd und fehl am Platz vor und konnte nur daneben stehen und gar nichts sagen. Jeder sieht mich schief an, weil ich aus Osteuropa komme und nur ein Zimmermädchen bin. Glaubst du, ich merke nicht, wie mich die Leute ansehen? Wie sie von mir denken? Die Birkins waren sehr nett aber, im Grunde denken sie doch, dass ich nicht richtig für dich bin. Jeder von denen hat ein Studium und einen tollen Job und was bin ich? Ich muss Zimmer putzen."
Tränen rannen ihr unerbittlich über die Wangen. Sie fühlte Schmerzen in ihrer Brust. Es war, als drängten all die Dinge, die sie ignoriert und verdrängt hatte, mit einem Mal an die Oberfläche.
„Die Leute sehen mich komisch an, weil ich nicht reinpasse und aus einer völlig anderen Welt komme. Aber was noch viel schlimmer für mich ist ..."
Sie wandte sich um und traf seinen Blick.
„Sie sehen dich genauso an, weil du mit so einer wie mir zusammen bist. Das tut mir weh."
Ein unangenehmes Schweigen entstand zwischen ihnen.
Er seufzte erneut, doch er wusste offenbar nichts zu sagen. Sie saßen jeder auf einer Seite des Bettes, aber plötzlich schien es, als hätte sich ein gewaltiger Graben zwischen ihnen aufgetan. Anna verstand Albert nicht. Er versuchte zu beteuern, dass Sheila Unrecht hatte, doch es klang nicht überzeugend. Es hörte sich eher so an, als wolle er eine unbequeme Thematik einfach beiseiteschieben. Es verletzte sie, dass er nicht klar Stellung bezog. Dass er sich nicht zu ihr bekannte.
„Ich ... Ich bin ... so gern mit dir zusammen", sagte sie schließlich. „Ich ... Ich liebe dich."
Die Worte waren einfach so über ihre Lippen gekommen und im nächsten Moment bereute sie es.
Es war genau das, was sie für ihn empfand, doch ihre schlimmste Befürchtung bestätigte sich. Warum hatte sie es ausgesprochen? Sie bekam von Albert keine Reaktion. Er sagte gar nichts.
Seine Stille auf ihren Satz riss ihr Herz buchstäblich auseinander.
„Es tut mir jeid, ich ... Ich hätte das nicht sagen sollen", sagte Anna beschämt.
„Ich glaube, es ist besser, du gehst."
Albert protestierte nicht. Er nahm wortlos seine Sachen und verließ die Wohnung.
