Kapitel 8

Es war ein sonniger Tag, sie waren auf dem Markt einkaufen gewesen, hatten etwas gegessen und waren dann an den Strand gegangen. Natürlich war es zu kalt, um ins Wasser zu gehen oder sich zu sonnen, also waren sie eine Weile am Strand spaziert, bis James schließlich nach ihrer Hand griff. Sie wollte sich dieser Geste augenblicklich wieder entziehen, aber er hielt sie fest und zog sie nur noch näher. „Was machst du?", fragte sie unsicher.

„Wir spazieren am Strand entlang. Ich halte deine Hand.", gab er ganz einfach zurück. Er war sich natürlich darüber im klaren, dass er das sehr viel einfacher sagte, als das tatsächlich war, aber trotzdem wollte er es mal versuchen.

Vielleicht gab sie ja nach?

„Das halte ich für keine gute Idee!", ermahnte sie ihn auch sofort.

„Wieso?"

„Weil das – das ist etwas, was Pärchen tun!", maulte sie total verlegen.

„Ich würde behaupten, wir sind diese Woche ein Pärchen.", argumentierte er. „Gehen zusammen auf den Markt, liegen abends nackt vor dem Kamin, essen in hübschen Restaurants und turteln dabei...", zählte er auf, da seufzte sie.

„Nun, ich würde behaupten, wir sind diese Woche ein Lehrer mit seiner Schülerin, die ganz offensichtlich die Selbstbeherrschung einer Erbse haben...", erwiderte sie, worauf er lediglich seufzen konnte. „Was? Ist doch wahr, James, wir sind kein Pärchen, wir sollten solche Sachen nicht tun!", stöhnte sie.

„Aber wir tun sie dennoch, also was definiert hier was?", fragte er. „Müssen wir ein Pärchen sein, damit ich deine Hand halte und mit dir schlafe, oder halte ich deine Hand und schlafe mit dir und das macht uns dann zu einem Pärchen?", ihr entwich ein ungeduldiges Schnauben.

„Du stellst dich bescheuert an.", ermahnte sie ihn.

„Dass wir all diese Sachen machen, heißt nicht, dass wir nach dieser Woche nicht wieder Abstand zueinander halten müssen.", meinte er schulterzuckend. „Darum lass uns diese Woche doch einfach genießen?", sein Vorschlag schien bei ihr nicht so gut anzukommen, denn sie antwortete nicht. „Ach nun komm schon, Lily, es ist alles nicht so schlimm, wie du dir das ausmalst...", seufzte er.

„Du hast deine Ausbildung schon.", sagte sie.

„Merlin."

„Nein, das ist doch wahr! Du hast deine Ausbildung schon, du kannst dich verschließen und so tun, als wäre nie etwas gewesen. Ich bin diejenige, die am Ende der Woche alleine zurück bleibt und irgendwie damit klar kommen muss. Wenn ich hier die Grenze ziehen möchte, dann solltest du mir das gewähren!", maulte sie vorwurfsvoll, woraufhin er sie nachdenklich von der Seite ansah.

„Du meinst, ich bleibe am Ende der Woche nicht alleine zurück?", hakte er nach.

„An dir prallt das doch ab, du bist ja eh aus Stein!", erinnerte sie ihn an seine eigenen Worte.

„So einfach ist das nicht, Lily.", widersprach er. „Ich unterdrücke meine Emotionen, das heißt nicht, dass ich keine habe.", sie antwortete nicht. „Vielleicht sollten wir ein anderes Mal darüber sprechen."

„Wir können dieses Thema nicht ewig vor uns her schieben!", ermahnte sie ihn darauf.

„Weiß ich, aber ich will jetzt nicht mit dir streiten!", gab er zurück.

„Es fühlt sich nicht gerade toll an, dein schmutziges, kleines Geheimnis zu sein, bist du dir darüber im Klaren?", fragte sie ihn jetzt hitzig, woraufhin er ihre Hand endlich los ließ und über sein Gesicht fuhr.

„Du bist nicht mein schmutziges, kleines Geheimnis, das kann ich mir nicht leisten!", erwiderte er kein bisschen weniger hitzig. „Wenn mich jemand fragt, dann muss ich ehrlich antworten, weil du mich sonst angreifbar machst! Wir müssen uns nach der Woche so verhalten, dass niemand Verdacht schöpft und auf die Idee kommt, mich zu fragen, ob ich mit meiner Schülerin bumse!", sie warf ihm einen unglücklichen Blick zu und seufzte letztendlich.

„Es tut mir Leid."

„Was tut dir Leid?", fragte er stirnrunzelnd.

„Dass ich mit dir mit gekommen bin.", gab sie zu. „Ich hätte widerstehen müssen."

„Ich bin froh, dass du mit mir mitgekommen bist.", erwiderte er. „Ich darf es nur niemandem sagen, das ist alles.", fügte er schulterzuckend hinzu, da seufzte sie erneut. „Können wir dieses Thema jetzt bitte beenden? Die Woche ist noch lange nicht vorbei und ich habe keine Lust, mit dir zu streiten.", bat er dann.

„Worauf dann?"

„Wer zuerst am Cottage ist, muss auf die Knie.", schlug er vor. Sie warf ihm einen Seitenblick zu, dann rannte sie einfach los. „Hey – Evans, das ist unfair!", rief er hinter ihr her, dann rannte er ebenfalls los.

Glücklicherweise gewann er, weil sie irgendwann die Orientierung verlor und am Cottage vorbei lief...


Er musterte ihre nackte Rückseite, während sie ihre Zähne putzte, sein Atem ging dabei noch ein bisschen schneller, aber das wollte er nicht vor ihr zugeben. „Darf ich dir eine Frage stellen?", fragte er.

„Mh?", machte sie auffordernd, dann beugte sie sich vor und spuckte aus.

„Wieso hast du keinen Freund?", fragte er neugierig. Sie schnaubte belustigt. „Nein, ich meine diese Frage ernst. Hat sich denn niemand um dich bemüht? Das kann ich mir kaum vorstellen.", beharrte er, da warf sie ihm ihm Spiegel einen ermahnenden Blick zu.

„Wir haben über dieses Thema geredet.", erwiderte sie.

„Ach ja?"

„Ja. Ich war 'Bücherwurm Evans' und Gideon wollte ich nicht.", erinnerte sie ihn, aber irgendwie machte das herzlich wenig Unterschied für ihn.

„Und du willst mir sagen, dass sich nie jemand anders, außer Gideon um dich bemüht hätte?", bohrte er. Sie verdrehte ihre Augen sodass er es sehen konnte, da grinste er breit. „Ich bleibe hartnäckig, sag schon!", forderte er sie auf. Letztendlich drehte sie sich wieder zu ihm herum, er musterte sie gierig, während sie ins Bett zurück kam und unter die Decke rutschte.

„Also schön: Doch, ich habe einige Angebote bekommen, aber nicht immer schmeichelhafte.", gab sie zu.

„Nicht immer schmeichelhafte?", hakte er nach.

„Na ja, McNair hat mal vorgeschlagen, er könnte mich im Kerker seines Vaters einsperren und hier und da über mich steigen.", gab sie missbilligend zurück. „Das ist wahrscheinlich der Inbegriff von 'nicht schmeichelhaft'.", er schnaubte.

„Wie hast du reagiert?", fragte er.

„Habe ihm die Nase gebrochen.", grinste sie und James tätschelte ihren Kopf.

„Brav so."

„Richard Diggory hat mal gefragt, ob ich mit ihm ausgehen würde, aber der ist weniger mein Typ und ich habe gesagt, ich hätte ein Quidditchtraining.", murmelte sie. „Und – uh – ob du es glaubst oder nicht, aber Amanda Bones hat mal gefragt, ob ich mit ihr nach Hogsmeade gehe. Ich habe mir nichts dabei gedacht und bin mit ihr mit gegangen und habe erst festgestellt, dass das ein Date sein sollte, als sie mich geküsst hat.", er lachte.

„Du lügst."

„Nein, das ist die Wahrheit.", erwiderte sie grinsend.

„Seid ihr im Bett gelandet?", fragte er also gierig, sodass sie breiter grinste.

„Das erfährst du nie.", sie lachten beide, dabei kletterte er über sie und begann, ihr Gesicht abzuküssen. „Was ist mit dir? Ich weiß von Marlene und Hestia, aber war da je jemand anders?", fragte sie nachdenklich.

„Niemand ernstes.", tat er das ab.

„Niemand?", da sie nicht in der Stimmung für's Küssen war, landete er wieder neben ihr auf der Matratze und streckte sich stöhnend.

„Das mit Marlene und mir ist – uh – Anfang siebte Klasse auseinander gegangen und eher unschön noch dazu. Bis sich die Wogen geglättet hatten, hat es eine ganze Weile gedauert und dann war Hestia. Dazwischen gab es nur ein paar-", sie schnaubte.

„One-Night-Stands.", machte sie abfällig.

„Nun, es gibt schlimmeres als ein alleinstehender Mann, der One-Night-Stands hat.", verteidigte er sich.

„Zum Beispiel?"

„Ein Mann, der eigentlich in einer monogamen Beziehung lebt, der One-Night-Stands hat?", schlug er vor. Sie musterte ihn abwartend. „Uh – du weißt schon, daran sind Marlene und ich gescheitert.", gab er verlegen zu und wieder schnaubte sie, dieses Mal abfällig und missbilligend.

„Sehr uncool.", meinte sie.

„Ja.", bestätigte er. „Sehr uncool, mich haben alle mal verdroschen und Marlene hat ein halbes Jahr nicht mit mir geredet. Ich bin mir sehr wohl darüber im klaren, wie uncool das war.", sie runzelte ihre Stirn. „Was?"

„Keine Rechtfertigung.", stellte sie fest. „Normalerweise haben Männer Ausreden.", er verdrehte seine Augen als eine Art Antwort darauf. „Sie waren betrunken, sie wussten nicht, was sie tun, sie waren unglücklich, sie wollten sowieso Schluss machen...", zählte sie auf.

„Ich habe keine Ausrede."

„Gab es eine Situation, in der du deine Finger nicht still halten konntest?", fragte sie aber gezielt, was ihm nur bewies, dass sie ihm schon viel zu nahe gekommen war, wenn sie einschätzen konnte, dass er normalerweise eher ehrlich und treu war.

„Siehst du? Typisch Frauen! Sie wollen die Ausreden hören, aber akzeptieren sie dann nicht.", murmelte er.

„Ich frage aus Neugierde, das ist alles!", gab sie zurück.

„Okay, also es gab eine Situation, in der ich meine Finger nicht still gehalten habe, ja, aber die ist vertraulich.", erwiderte er widerwillig.

„Wie meinst du?", fragte sie.

„Ich meine damit, dass die Situation, in der ich meine Freundin hinten angestellt und – uh – im weitesten Sinne betrogen habe, streng vertraulich ist, bitte frag' mich nicht weiter darüber aus. Ich darf es nicht erzählen.", sie musterte ihn.

„Aber das war noch in Hogwarts.", erinnerte sie ihn.

„Ich weiß."

„Was könnte es für eine streng vertrauliche Situation in Hogwarts gegeben haben, wo du-", er stöhnte und unterbrach sie.

„Mein werter Pate hatte mich im Sommer um etwas gebeten, etwas, von dem er wusste, er kann keinen Auror darauf ansetzen, ohne, dass der auffliegt.", sie runzelte ihre Stirn nachdenklich.

„Weiß Marlene, dass du aus einer solchen Situation heraus gehandelt hast?", fragte sie schließlich.

„Nein."

„Du hast es ihr nie erzählt?"

„Nein.", sagte er nur wieder knapp.

„Die Prügel eingesteckt und ihre Strafe hingenommen, ohne jemals zu erklären?", er seufzte erneut.

„Das stand mir nicht zu, das ist wirklich eine sehr heikle Situation gewesen und ich bin nicht gerade heldenhaft gewesen, wenn man es von außen betrachtet.", umschrieb er es vage. „Ich habe getan, was ich tun musste, Lily, verstehst du? Das war der Moment, in dem ich entschieden habe, welchen Weg ich einschlagen muss.", nachdem er das gesagt hatte, starrte sie einen Augenblick gegen die Decke.

„Wie hat sie es heraus gefunden? Hast du dich in der streng vertraulichen Situation auch noch erwischen lassen?", fragte sie schließlich unschlüssig nach.

„Nein.", gab er steif zurück. „Nein, ich habe – uh – ich habe entschieden, dass ich Auror werde und gebeichtet, damit sie mich sitzen lässt.", zuerst schien sie diese Antwort anzunehmen, dann schüttelte sie ihren Kopf unverständig und richtete sich auf.

„Du meinst, du hast gebeichtet, damit sie dich sitzen lässt? Wieso wolltest du, dass sie mit dir Schluss macht?", hakte sie nach.

„Bis dahin hieß es immer, dass sie Heilerin werden will und Auroren wird hinterher gesagt, dass sie keine Beziehungen zu normalen Menschen führen können, weil sie ihre Gefühle einschließen müssen. Und wenn ein Paar es schafft, dieses Hindernis irgendwie zu bewältigen, dann wird die Nicht-Auroren-Hälfte entweder zum Druckmittel oder sofort umgebracht.", er zuckte mit seinen Schultern.

„Aber sie ist Auror geworden, wieso-"

„Da sie bis heute nicht weiß, dass ich aus einer Situation heraus gehandelt habe, kannst du dir vielleicht vorstellen, dass es für sie keine Option ist, sich noch einmal mit mir einzulassen.", gab er zurück. „Und ich habe es auch nie wieder versucht. Ich liebe Mar, aber... Aber nicht mehr so."

„Aber sie hat dir trotzdem vergeben?", hakte sie nach.

Einen Moment musste er darüber nachdenken. Marlene und er waren ein heikles Thema, zumindest dieser Aspekt ihrer Beziehung war manchmal heikel. „Im Großen und Ganzen denke ich schon.", wog er schließlich ab. „Sie hat es noch ein oder zwei Mal ausgepackt, hauptsächlich um mich zu manipulieren, wenn ich ihrer Meinung nach gehorchen sollte, aber was das angeht, bin ich zu stur, ich lasse mich nicht mit Schuldgefühlen manipulieren.", sie nickte. „Möchtest du noch etwas bestimmtes wissen?", fragte er nach einem Blick zu ihr, weil ihr geradezu ins Gesicht geschrieben stand, dass sie noch eine Frage gehabt hätte.

„Hast du das je bereut?", fragte sie auch sofort.

„Was genau?"

„Dass ihr es nicht geschafft habt.", meinte sie. „Oder – oder hattest du keine so starken Gefühle für sie, dass das an dir abgeprallt ist?", er zuckte mit seinen Schultern.

Doch. Marlene und er, das wäre es gewesen. Mindestens genau so, wie Hestia und er es gewesen wären. „Uhm...", er musste sich räuspern, ehe er diesen Umstand preis geben wollte. „Im Gegensatz zu Hestia und mir haben Mar und ich sehr wohl das – uh – das L-Wort benutzt und ich habe das wirklich sehr ernst gemeint. Unsere Eltern hatten sogar schon Pläne geschmiedet, falls wir nach Hogwarts heiraten wollen würden und so.", gab er zögerlich zu. Sie seufzte traurig. „Was?"

„Dass du mir das erzählst, bedeutet nur, dass Marlene trotzdem keine Schwachstelle ist. Du würdest auch sie opfern ohne zu zögern.", erwiderte sie, seiner Meinung nach klang sie dabei sogar ein bisschen vorwurfsvoll.

„Lily, ich bitte dich, das jetzt zu begreifen, okay: Dass ich Auror bin, heißt nicht, dass ich kein Mensch mit Gefühlen bin.", mahnte er sie. „Und das Prinzip funktioniert in beide Richtungen. Dass ich Gefühle habe, macht mich nicht weniger zum Auror."

„Ich verstehe nicht."

„Ich meine damit, dass ich natürlich Gefühle habe, auch wenn ich Auror bin. Aber ich habe mich nun einmal dazu entschieden, Auror zu sein, darum lasse ich meine Gefühle außer Acht. Das macht sie nicht weniger wertvoll.", zu seinem Entsetzen schossen Tränen in ihre Augen und ihre Mundwinkel zogen sich nach unten.

„Das macht sie weniger wertvoll, als deine Entscheidung, Auror zu sein.", gab sie ihm zu bedenken.

„Das ist deine Ansicht.", gab er zurück, worauf sie sich überrascht aufrichtete und ihn musterte.

„Du meinst, dass deine Gefühle, die du hinten anstellst, genau so wertvoll für dich sind, wie die Entscheidung, sie zu unterdrücken und außer Acht zu lassen und zu ignorieren?", er seufzte.

„Ich lebe im Moment.", antwortete er. „Ich lebe nach Priorität, verstehst du? Das bedeutet, wenn ich zum Beispiel hier mit dir liege, dann ist mir nichts wichtiger, als dass ich hier mit dir liegen kann.", sie wurde knallrot. „Aber im Unterricht, da bin ich dein Lehrer. Dann ist mir nichts wichtiger, als meine Klasse darauf vorzubereiten, was da draußen auf sie wartet.", erklärte er ihr todernst.

„Und wenn du mit Marlene zusammen bist?", fragte sie.

„Dann ist sie meine beste Freundin und mir ist nichts wichtiger, als dass sie sicher ist.", gab er zurück. „Wenn ich aber einen Auftrag habe, dann hat mein Auftrag Priorität. Wenn ich sie dafür opfern muss...", er schluckte, zuckte mit seinen Schultern und nickte dann bitter. „Dann sei es so."

„Und sie ist damit okay?", fragte sie.

„Marlene ist Auror.", erinnerte er sie. „Auch sie lebt im Moment. Auch sie lebt nach Priorität, Lily. Wir vertrauen einander bis zu einem gewissen Grad, das schon, aber Marlene kennt meine Pflichten und ich kenne ihre. Ich habe schon mehr als einen Kollegen zurück gelassen, weil ich es musste, und wollte ich ihn noch so sehr retten.", Lily fuhr über ihr Gesicht und stöhnte.

„Ich weiß nicht, ob ich das könnte.", gab sie zu.

„Entweder du wirst es lernen oder du wirst nicht zugelassen.", antwortete er darauf. „Es gibt nur die zwei Möglichkeiten, Lily. Auror zu sein ist eine Entscheidung. Entscheidest du dich dafür, dann entscheidest du dich für alles, was dazu gehört.", warnte er sie.

„Was gehört dazu?", fragte sie.

„Einstecken, opfern, lügen, stehlen, töten.", fasste er mal ein paar Punkte zusammen. „Zum Auror-sein gehört, sich die Hände schmutzig zu machen.", sagte er dann vage. Es fühlte sich schön an, dass sie sich trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen wieder näher an ihn heran kuschelte und ihren Kopf auf seiner Brust bettete. Er küsste ihre Haare zögerlich, aber keiner von beiden sagte noch etwas und so schliefen sie schließlich ein.


Er wachte schwer atmend auf, warum er wach wurde, wusste er nicht, aber noch ehe er realisiert hatte, was passiert war, spürte er Haut an seinen Fingern. Seine Sinne waren noch nicht scharf und er trug auch seine Brille nicht, aber die Haut spürte er. Weiche Haut, vermutlich gehörte sie an einen Hals. Tatsächlich, so wurde ihm nun klar, würgte er jemanden und er war wach geworden, weil der jemand sich gewehrt hatte.

Erst nach und nach wurde ihm bewusst, dass er mit Lily auf dem Boden lag, aber als er einmal begriffen hatte, dass er sie würgte, da ließ er ihren Hals sofort los. Sie sackte auf dem Boden zusammen und hustete. In seinem Magen machte sich ein Gefühl bemerkbar, welches er besonders gut kannte. In seinem Traum hatte er wieder vor diesem Fenster gestanden. Frustration und Benommenheit durch sich strömend, dass er jemanden nicht gerettet hatte, den er eigentlich hätte retten wollen, im Hintergrund gequältes Jammern und Flehen einer Frau. Erschöpft tastete er nach seiner Brille, zog sie auf und wandte sich Lily zu. Sie kauerte immer noch am Boden und atmete schwer, sodass er stöhnte. „Sorry.", machte er verlegen, aber darauf antwortete sie nicht. Das klamme Gefühl in seiner Magengegend ließ ihn jetzt frösteln. „Was ist passiert?", hakte er dann nach.

Es dauerte noch eine Weile, bis sie sprach, aber schließlich richtete sie sich zittrig auf. Zwei Tränen liefen über ihr Gesicht, aber er war sich fast sicher, dass sie von der Anstrengung kamen, als er sie gewürgt hatte. „Du hast gejammert.", antwortete sie endlich tonlos.

„Gejammert?", hakte er überrascht nach.

„Ja. Im Schlaf.", der Blick, mit dem sie ihn bedachte, machte das hässliche Gefühl in seinem Körper nicht unbedingt besser. „Du hast gejammert und ich wollte dich wecken, da hast du mich gewürgt. Im Schlaf.", darauf konnte er nichts sagen. „Du bist nicht einmal wach geworden, du hast mich im Schlaf gewürgt und hätte ich nicht ausgeholt, hättest du mich umgebracht und wärst nicht einmal wach geworden!", sie klang reichlich vorwurfsvoll.

„Ich bin mir sicher, dass ich unterbewusst sehr wohl wach war.", wich er aus.

„Nun, auf mein Zureden hast du jedenfalls nicht reagiert.", schnaubte sie. „Was hast du geträumt?"

„Nichts.", log er.

„Das halte ich für unwahrscheinlich.", antwortete sie.

„Gut, es geht dich nichts an, was ich geträumt habe.", erwiderte er nun hitzig. Er hatte Kopfschmerzen. „Darauf kannst du dich auch schon freuen, wenn du schläfst, kannst du nämlich nichts unterdrücken oder steuern, du bist völlig wehrlos deiner eigenen Erinnerung ausgesetzt.", ächzend kam er auf seine Beine und tigerte zur Küchenzeile, um einen Schluck Wasser zu trinken. Lily musterte ihn dabei, schließlich räusperte sie sich und stand ebenfalls auf. Einerseits fand er es sehr nett, andererseits traute ihr nicht, denn sie trat hinter ihn und massierte für einen Moment seine Schultern.

„Du meinst, du träumst von Zeug, das du gesehen oder getan hast?", fragte sie nach, da löste er sich sofort von ihr. Er würde seine Abwehr nicht verlieren, nur weil sie ihn ein bisschen massierte, dafür war er zu stark. „Was-"

„Ich sagte, es geht dich nichts an, was ich geträumt habe.", wies er sie erneut ab.

Im ersten Moment machte es ihm gar nichts aus, dann tat es ihm Leid, dass er sie abgewiesen hatte, denn sie akzeptierte es einfach. Ihr Gesicht verschloss sich ein wenig, sie musste sich räuspern und drehte ihm dann den Rücken zu. Überrascht darüber, was das für eine Wirkung auf ihn hatte, ließ er sich auf einen Küchenstuhl sinken und starrte gegen ihren Rücken. „Ich schlafe lieber im Bett.", meinte sie schließlich.

„Wieso?"

„Wieso?", hakte sie ungläubig nach. „Weil du mich nächstes Mal genauso umbringen könntest. Du würdest es ja nicht einmal bemerken!", maulte sie dann als Antwort direkt hinterher.

„Das ist bisher nicht anders gewesen, du wusstest es nur nicht.", gab er ihr zu bedenken.

„Jetzt weiß ich es!", hielt sie dagegen. „Und ich weigere mich, zu sterben, weil du Albträume hast!", darauf verdrehte er seine Augen.

„Ich habe keine Albträume, Lily!", ermahnte er sie.

„Was ist das dann?", fragte sie.

„Das – ich-", stammelte er im ersten Moment sprachlos, aber dann fing er sich. „Ich verarbeite!", trumpfte er.

„Nun, dann weigere ich mich eben, zu sterben, weil du verarbeitest!", antwortete sie patzig.

„Ich habe noch nie jemanden im Schlaf umgebracht, Lily, mach' dich nicht lächerlich.", schnaubte er. „Vielleicht ist es besser, wenn du mich nicht anfasst, wenn ich im Schlaf rede."

„Jammere.", korrigierte sie ihn und er warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ist doch wahr, du hast gejammert!", beharrte sie.

„Hör auf, das so zu sagen, du hast einfach keine Ahnung!", ärgerte er sich. „Sei lieber froh, dass du das in erster Reihe beobachten darfst. Irgendwann wirst du verstehen, warum ich im Schlaf jammere! Du wirst verstehen, warum ich dich würge, wenn du mich im Schlaf anfasst! Du wirst verstehen, warum ich nicht darüber rede, was ich in meinen Träumen sehe!", er fuhr über sein Gesicht, dann durch seine verschwitzten Haare, als er wieder aufsah, da hatte sie sich wieder zu ihm gedreht und musterte ihn traurig.

„Du sagst also, ich soll mir keine Sorgen machen, dass du mich im Schlaf erwürgen könntest?", hakte sie unsicher nach.

„Ich halte das für unwahrscheinlich.", bestätigte er ein bisschen sarkastisch, woraufhin sie ihm einen ermahnenden Blick zuschickte. „Lily, ich werde regelmäßig geprüft und genaustens von Moody überwacht, okay? Ich bin so normal, wie ein Auror sein kann.", endlich setzte sie sich auf den Stuhl neben ihm und musterte ihn einen Moment unglücklich. „Das ist wie mit dem Anfall unter der Dusche.", erwähnte er die Begebenheit, von der Sirius erzählt hatte. „Hier und da kommt es durch, das ist soweit noch nicht bedenklich. Erst, wenn es mich beeinflusst, muss ich aus dem Verkehr gezogen werden, verstehst du?", sie nickte schließlich und griff ein bisschen zögerlich nach seiner Hand. Einen Moment betrachtete er ihre Hände, wie sie ineinander verknotet auf der Tischplatte lagen, und ein warmes Gefühl durchströmte seine Magengegend, wo eben noch Frustration und Benommenheit gewesen war.

„Okay.", brachte sie hervor, aber er merkte, dass es sie einiges kostete. Was genau konnte er nicht bestimmt sagen, aber er spürte, dass sie gerade einsteckte, so wie es zum Aurorendasein gehörte.

„Verlier' das Ziel nicht aus den Augen.", murmelte er. „Du willst Auror werden, weil du etwas bewegen willst, richtig?", sie nickte wieder. „Ich bin Auror, weil ich etwas bewegen will. Was wir tun bedeutet eine Menge, für eine Menge Menschen. Wir dienen unseren Land mit höchster Hingabe, es ist logisch, dass wir dafür einen Preis zahlen müssen.", rief er ihr ins Gedächtnis. Sie nickte.

„Ich beginne langsam, das zu verstehen.", meinte sie langsam. Merlin, es fühlte sich wirklich extrem schön an, wie sie seine Hand berührte. Das hatte schon lange niemand mehr so gemacht. „Wieso wird das nicht im Unterricht erwähnt?", fragte sie.

„Moody bereitet euch auf-"

„Nein!", unterbrach sie ihn. „Ich meine nicht: Wieso erwähnst du das nicht? Es wird gar nicht erwähnt, wieso nicht?", er seufzte, weil sie seine Ausrede durchschaut hatte. „Du kennst die Wahrheit.", ermahnte sie ihn nun noch.

„Es wurde irgendwann mal beschlossen, dass zu viele Leute abspringen, wenn man sie zu früh darauf hinweist, was alles dazu gehört Auror zu sein.", erklärte er ihr also. „Es ist klüger, die Schüler zuerst entscheiden zu lassen, bevor sie Skrupel entdecken."

„Also wieso erzählst du mir das alles?", bohrte sie.

„Weil du schon so viel weiter bist, als die anderen.", erwiderte er schulterzuckend. „Du stellst jetzt schon Skrupel fest, darum musst du dich auch jetzt schon mit dem Thema auseinander setzen. Sonst wirst du dich nicht entscheiden.", sie schnaubte.

„Ich würde mich dagegen entscheiden, meinst du.", korrigierte sie ihn. Widerwillig und ein bisschen ertappt nickte er also. „Und dir liegt aber zu viel daran, dass ich Auror werde, als dass du einfach tatenlos riskieren willst, dass ich mich dagegen entscheide.", schlussfolgerte sie.

„Das ist schon zu viel gesagt, ich nehme einfach meine Aufgabe als dein Lehrer wahr.", wich er aus.

„Nein, deine Aufgabe als mein Lehrer ist es, meinen Körper zu trainieren. Wenn, dann nimmst du Moody's Aufgabe als mein Lehrer wahr.", er stöhnte.

„Lily, es ist mitten in der Nacht, kannst du bitte aufhören, alles auf die Goldwaage zu legen?", fragte er erschöpft.

„Ich will die Wahrheit!", beharrte sie jedoch. Er musterte sie lange.

„Ich bin Auror, ich sage selten die Wahrheit.", seufzte er schließlich, worauf sie ihm einen äußerst enttäuschten Blick zuwarf. „Natürlich liegt mir viel daran, dass du Auror wirst.", gab er also letztendlich nach, ohne darauf einzugehen, warum es ihm wichtig war, dass sie Auror wurde. Darüber wollte er nämlich selber gar nicht nachdenken... „Aber auch das macht mich angreifbar, darum versuche ich mit aller Macht, das nicht überwiegen zu lassen. Ich will dich einfach fördern, weil ich großes Potential in dir sehe. Das ist mein überwiegender Grund.", stellte er klar.

„Wie soll ich dir vertrauen, wenn du selten die Wahrheit sagst?", fragte sie schließlich unsicher. Er seufzte.

„Du kannst mir nicht vertrauen.", schlussfolgerte er abgeklärt. „Nicht vorbehaltslos. Im Gegenteil.", sie nickte, danach entzog sie ihm ihre Hand und stand auf. Er blieb unschlüssig sitzen, denn sie bückte sie nach ihrem Kissen, dann verschwand sie im Schlafzimmer. Da sie die Tür schloss, vergrub er sein Gesicht in seinen Händen und ächzte, statt ihr hinterher zu gehen.


Es hatte ihn überrascht, aber ihr Verhalten ihm gegenüber hatte sich kein bisschen geändert. Sie hatten zwar die Nacht getrennt verbracht, ja, aber sie war am nächsten Morgen früh aufgestanden, hatte Frühstück gemacht, ihn von der Couch geholt und sie waren auch kurz nach dem Frühstück unter der Dusche gelandet, wo sie es wild gegen die gekachelte Wand getrieben hatten.

Und nun spazierten sie am Strand entlang, obwohl es kalt war, trugen beide ihre Schuhe in der jeweils freien Hand, während die anderen Hände verknotet zwischen ihnen schaukelten. „Also-", begann sie endlich wieder ein Gespräch. „Also, wie ist das bei dir Zuhause?", fragte sie.

„Oh – da gibt es nicht so viel zu erzählen, meine Eltern sind tot.", antwortete er sofort.

„Und wie war das früher?", bohrte sie dennoch. Er zuckte mit seinen Schultern, antwortete aber nicht. „Ist das ein wunder Punkt?", er schnaubte.

„Das hättest du gerne, huh?", sie nickte, dabei wurde sie ein wenig rot, also seufzte er und biss auf den sauren Apfel. „Nun, weniger ein wunder Punkt, als einfach etwas, worüber es sich nicht lohnt zu reden.", tat er es ab.

„Wieso?"

Einen Moment betrachtete er sie von der Seite. Ihre Haare flogen im Wind überall um ihr Gesicht umher, ihre Wangen und ihre Nasenspitze waren ganz rot von der Kälte und auch wenn ihre Haut irgendwie rein und ebenmäßig schien, jetzt, da er sie ungeschminkt sah, bemerkte er kleine Hautunreinheiten an ihrem Haaransatz. Letztendlich fing sie seinen Blick auf, da räusperte er sich. „Meine Eltern sind beide Auroren gewesen. Uh – keine Ahnung, wie es jemals zwischen denen funken konnte, denn die haben dieses 'Gefühle einsperren' wahrscheinlich erfunden.", sie runzelte ihre Stirn.

„Wie meinst du?"

„Du weißt schon...", er zuckte mit seinen Schultern. „Ich erinnere mich nicht daran, einen der beiden jemals lächeln gesehen zu haben. Oder eine Umarmung von ihnen gekriegt zu haben. Sie haben nie mit mir geredet, über nichts und auch nicht miteinander, es sei den, sie waren zusammen an einem Fall dran.", erzählte er ihr. „Ich würde also behaupten, dass mir das wahrscheinlich im Blut liegt.", fügte er hinzu.

„Das klingt schrecklich.", meinte sie mitleidig.

„Mh.", er zuckte erneut mit seinen Schultern. „Es war normal für mich. ...als ich vier Jahre alt war, haben sie mich hier hin abgeschoben, natürlich unter Aufsicht eines Privatlehrers und einer Nanny, die rund um die Uhr ein Auge auf mich hatten. Ein Mal im Jahr zu Weihnachten ist Onkel Alastor vorbei gekommen und hat mir ein großes Geschenk von ihnen mitgebracht, das war seine Anteilnahme als mein Pate...", er holte tief Luft. „Ich schätze, ich war ihnen lästig geworden. Habe sie daran gebunden, sich hier und da blicken lassen zu müssen und da musste ich gehen. So schlimm das auch klingt: Als sie gefallen sind, hat mir das nichts ausgemacht, weil ich sowieso keine Beziehung zu ihnen hatte...", als er ihr einen Blick zuwarf, stockte er. Ihr standen Tränen in den Augen. „Was?"

„Ich glaube, das wäre mir lieber.", gab sie unglücklich zu.

„Was meinst du?", fragte er.

„Überleg' doch: Du hattest keinerlei Bezug zu deinen Eltern! Nichts, es hat dir kein bisschen weh getan, dass sie gefallen sind. Es ist dir egal, der letzte Potter zu sein...", sie schniefte und tatsächlich rollte eine Träne über ihre Wange. „Ich hingegen bin dazu verdammt, meine Eltern zu vermissen, weil ich jetzt niemanden mehr habe, der mich liebt.", ihre Mundwinkel zuckten nach unten, aber sie vergoss keine einzige, weitere Träne.

„Ich bin mir sicher, dass das nicht wahr ist.", meinte er betreten.

„Nun, meine Schwester liebt mich schon einmal nicht.", gab sie zurück. „Nun ja. Es macht vermutlich keinen Unterschied, ehrlich. Vielleicht hast du einen Vorteil gehabt, was das Unterdrücken und Vergessen von Emotionen angeht, aber damit bist du vermutlich alleine, richtig? Man kann das lernen...", er nickte.

„Jaah.", murmelte er, dabei sah er sie wieder an.

„Was?"

„Du bist so schön.", stellte er nur fest, aber darauf antwortete sie nicht. „Nicht einmal ein 'Danke'?", hakte er also nach.

„Mir ist bewusst, dass viele Männer mich schön finden.", gab sie von sich. „Aber ich lege es nicht darauf an..."

„Hat dir mal einer was getan?", fragte er nach.

„Nein, ich wusste schon immer, mich zu wehren.", meinte sie schulterzuckend. „Trotzdem ist es mir manchmal unangenehm."

„Müsstest du nicht mittlerweile daran gewöhnt sein, dass Männer dich angucken?"

„Nein, ich meinte: Wenn du mich anguckst.", stellte sie fest.

„Wieso?"

Für einen Moment schwieg sie, dann seufzte sie aber ganz tief. „Weil du es bist, der mich immer überwältigen kann. Und das macht mir Angst.", gab sie zu. „Und wenn du mich ansiehst, dann weiß ich, dass du analysierst, was ich tue. Du bist mir gefährlich.", aber obwohl sie das sagte, klammerte ihre Hand sich ganz fest an seine. Seiner Meinung nach hatte sie den Kampf schon längst verloren, so wie er gesagt hatte, das Kind sei schon lange in den Brunnen gefallen. Merlin, seine Beherrschung schwankte für einen Moment, dann aber konnte er sich wieder fangen.

Trotz allem: Er war ihr Lehrer und er durfte nicht davor zurück schrecken, ihr Lektionen beizubringen und zu benutzen, was sie ihm alles erzählt hatte. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf und fest entschlossen, seine Abwehr ihr gegenüber nicht sinken zu lassen, hielt er inne, sie stockte und wurde von ihm näher gezogen, dann schlang er seinen freien Arm um sie und küsste sie voll auf den Mund. Lily erwiderte den Kuss, was ihn für einen Moment wieder völlig aus der Bahn warf. Mann, was hatte sie nur an sich?

Und da standen sie am Strand, eng umschlungen, und knutschten einfach miteinander. Und ihm war völlig klar, dass er gelogen hatte, als er geantwortet hatte, dass seine Eltern kein wunder Punkt waren...