9.
„Ich bin mir ganz sicher, dass er seine Umgebung schon erkennt, obwohl er erst 3 Tage alt ist" – „Oh natürlich, diese kleinen Windelträger sind schlauer als sie aussehen." Max war in seinem Element – bisher konnte er sich kaum über das Vatersein kaum austauschen, aber jetzt konnte er mit stolzgeschwellter Brust mit Rokko wetteifern: Mein Baby beim Schlafen, mein Baby beim Trinken, mein Baby beim Baden, mein Baby mit seiner Mami – nun, letzteres sah bei Rokko eher nach „das Baby meiner Schwester mit Lisa" aus und wieder einmal mehr wünschte er sich den gleichen Satz wie Max benutzen zu können, aber das ging ja nicht… noch nicht…hoffentlich. Rokko liebte den kleinen Fratz schon jetzt über alles und er wusste, dass es sehr schwer werden würde, wenn Gaby Oliver zurückwollte. „Der ist aber schon ziemlich klein", bemerkte Max. „Naja, drei Wochen zu früh…" – „Drei Wochen?! Also unsere Bärbel war auf den Tag genau pünktlich. Das hat sie von mir und hoffentlich guckt sie sich da nichts von ihrer Mutter ab." Immer mehr Fotos wurden vor diesem Meeting herumgereicht und selbst Davids anfänglicher Missmut wich. Er setzte sein Good-Game-Face auf, hielt sich aus dem Gespräch aber weitestgehend raus. Was sollte das auch bringen? War ja schließlich nur ein Baby… Diese Einstellung musste er aber mit dem nächsten Foto revidieren. „Oliver ist nur halb so kamerascheu wie Lisa", kommentierte Rokko das Bild, das Lisa dabei zeigte wie sie Oliver fütterte. Sein ganzer Charme lag genau darin, dass Lisa mit ihrer ganzen Konzentration bei Oliver und dem Fläschchen war, während der Kleine vertrauensvoll in ihren Armen lag. David spürte wie er melancholisch wurde – am liebsten hätte er das Bild heimlich eingesteckt. In ihm stieg etwas auf, das er zu seinem Entsetzen sofort identifizieren konnte: Neid. Sehr zu seiner Erleichterung oder auch zu seinem Erstaunen war das nicht der David-Seidel-Neid, der ihn dazu getrieben hätte, diese Fotos zu zerreißen und laut: „Nein, alles meins und du kriegst gar nichts" zu brüllen, sondern es war die Form von Neid, die mit Sehnsucht und Wehmut gepaart war, die sagte: „Das, was du hast, gefällt mir und das möchte ich auch, aber nicht deins, sondern mein ganz eigenes." Genauso wie er es bei Max und Yvonnes Familienglück auch immer spürte. „Hey, das hier kenne ich gar nicht, das muss Lisa gemacht haben", riss Rokkos erfreuter Aufschrei David aus seinen Gedanken. Als das Bild endlich ihn erreichte, musste er heftig schlucken. Es zeigte einen schlafenden Rokko mit Oliver auf dem Bauch. Das hatte Lisa doch nicht einfach so fotografiert… „Haben Sie noch Bilder von vollgekackten Windeln oder ist die Diashow endlich vorbei?" David konnte nicht aus seiner Haut, die Gefühle und ersten Ansätze von Erkenntnis versetzten ihn so in Verwirrung, dass sich sein Frust darüber ein Ventil suchte: Rokko und die Frage, was aus der Präsentation werden sollte. „David, niemand macht Fotos von Windeln, zumindest nicht solange es keine Geruchsfotos gibt, dann würde ich vielleicht eins machen, damit ich Bärbel später mal den ‚Ich habe dich aus deinen Windeln geholt, also kannst du während deinen pubertären Stimmungsschwankungen auch nett zu mir sein'-Vortrag halten kann und dann kann ich zur Untermalung mit dem Geruchsbild wedeln, aber so ist das einfach nur kein schöner Anblick." – „Ich sehe schon, Herr Petersen, Sie sind ein Meister der Erziehung, da kann ich bestimmt viel von Ihnen lernen." Max war richtig stolz – endlich konnte er mal Tipps geben. „Aber ist schon komisch wie viele Windeln der Kleine braucht… Man könnte meinen, aus ihm kommt mehr raus als man 'reingetan hat." – „Oh ja, davon kann ich auch ein Lied singen." Entnervt rollte David mit den Augen. Das konnte ja wohl nicht war sein: „Gibt es hier noch andere Themen außer Babys und Windeln?" – „Man David, hast du schlecht geschlafen oder was? Sonst verlierst du doch auch nicht so schnell die Nerven, wenn ich von Bärbelchen erzähle." Max verstand seinen besten Freund in diesem Moment gerade gar nicht und nahm sich vor, ihm mal genau auf den Zahn zu fühlen.
„LISAAAA! ICH BIN ZUHAUSE!!!" So amüsant Rokko Fred Feuerstein auch fand, so wenig nachahmenswert erschien er ihm auch. Da er Oliver nicht weinen hörte, gab er sich besondere Mühe, leise in seine Wohnung. Keine Spur von Lisa und Oliver im Wohnzimmer – wo sie wohl waren? „Und das ist ein Kugelschreiber", hörte er Lisas lachende Stimme, die aus seinem Schlafzimmer drang. Ein Blick durch die Tür zeigte ihn, dass Lisa auf seinem Bett saß – ihr Laptop zu ihrer Rechten, Oliver zu ihrer Linken. Sie war so versunken in ihr „Gespräch" mit Oliver, dass sie noch gar nicht bemerkt hatte, dass Rokko im Türrahmen stand. „Hey, ihr zwei. Was macht ihr da?" Lächelnd sah Lisa auf: „Wir haben Spaß." – „Ohne mich? Das geht ja wohl nicht." Vorsichtig setzte Rokko sich zu den Beiden auf das Bett und gab Lisa einen Begrüßungskuss – der erste seit sie Mama und Papa spielten. Lisa war angenehm überrascht, für Beziehungspflege war ja keine Zeit mehr geblieben… und gut anfühlen tat es sich ohnehin. „Was habt ihr Schönes gemacht?", fragte Rokko und nahm Oliver in den Arm. „Oh, wir haben die Bilanzierung gemacht und Kostenvoranschläge für die Präsentation verglichen, jede Menge E-Mails geschrieben. Und Besuch hatten wir auch." Mit aufgesetzt besorgter Miene sah Rokko seinen Neffen an: „Also, Oliver, wenn du keine Lust darauf hast, dann musst du Lisa ganz dezent darauf hinweisen, dass Kinderarbeit verboten ist." Oliver begann zu glucksen, so als hätte er Rokkos Scherz verstanden. „Und wer war der Besuch?" – „Hugo war hier und hat uns sein Leid geklagt. Dafür haben wir ihm dann auf's Hemd gesabbert…" – „Also wirklich Oliver, hast du Lisa nicht davon abhalten können?" – „Hat die Polizei dich schon erreicht?" Lisas Gesichtsausdruck war ernst geworden, als sie Rokko ansah. „Ja, die Spur hat ins Nichts geführt", gab er frustriert zur Antwort. Die Fahndung nach Gaby hatte immer noch nichts ergeben. Der einzige brauchbare Hinweis kam von einem Motorradfahrer, der gesehen haben wollte, wie sie am Abend nach Olivers Geburt per Anhalter mit einem LKW mitgefahren ist. Lediglich dass es die Autobahn Richtung Hamburg war, wusste der Mann noch – wichtige Hinweise wie Kennzeichen und Farbe des LKWs, Namen der Firma und so weiter, wusste er nicht mehr. Rokko hatte viel Hoffnung in diese Spur gelegt und war sehr enttäuscht, als der leitende Beamte ihn unter Mittag anrief, um ihm vom „Fortschritt" der Fahndung zu berichten. „Sie kann ja nicht vom Erdboden verschluckt sein. Die Polizei wird sie schon finden." Für Lisa klangen Rokkos Worte nicht sehr überzeugt. „Übrigens soll ich dich von deiner Mutter grüßen", versuchte Rokko das Thema zu wechseln. „Danke. Wie geht's ihr?" – „Gut genug, um uns den halben Großmarkt vorbeizuschicken." – „Oh, wie nett." Lisa verzog das Gesicht: Helga meinte es wirklich gut mit ihnen, aber noch mehr Lebensmittel konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen. „Ich sag dir was: Wir zwei Männer gehen jetzt baden und wenn wir zurück sind, wollen wir was zu Essen." Rokko grinste Lisa frech an. „Aha, verstehe. Lass mich raten: Viel totes Tier und möglichst wenig tote Pflanzen für dich und ein optimal vorgewärmtes Fläschchen für unseren kleinen Gourmet." Lisa grinste nun genauso frech zurück. „Ja, du hast es erraten." Vorsichtig stand Rokko mit dem Baby im Arm auf und drehte sich dann noch mal zu Lisa um. „Ich fände es schön, wenn du nur ein bisschen was vorbereitest und wir anschließend gemeinsam kochen würden." – „Okay, gut." Lisa zog verschämt die Schultern hoch. Bevor Rokko ins Badezimmer ging, küsste er Lisa noch einmal auf den Mund. Er sah nicht mehr, wie sie sich mit dem Finger über die Lippen strich und selig zu lächeln begann.
„Also noch mal: Du hast der Pl… Lisa gesagt, dass du sie liebst und sie ist trotzdem noch mit Rokko zusammen?" Max hatte sich fast an seinem Bier verschluckt, als David ihn mit dieser Tatsache konfrontierte. „Rokko? Seid ihr jetzt schon dicke Kumpel oder was?" – „Nein, aber ein gemeinsamer Erfahrungsschatz verbindet nun mal. War doch bei uns auch so – nur dass ich aus der Frauen-aufreiß-Phase raus bin. Man Alter, das ist natürlich heftig für dich. Andererseits, du kannst sie nicht zwingen, dich zu lieben, oder? Wie lange ist sie dir hinterher gedackelt? Ein Jahr?" David nickte geknickt. „Du hättest die Augen halt eher aufmachen sollen. Ich meine, was ist denn jetzt anders an ihr als noch vor einem Jahr?" – „Jetzt liebe ich sie eben." – „Und diese Erkenntnis kam dir, als unser Werbekomet zum Plenskebaggerer wurde? Seltsamer Zufall, würde ich mal sagen…"
„Und du weißt wirklich niemanden in Hamburg zu dem sie gefahren sein könnte?" Lisa und Rokko zerbrachen sie beim gemeinsamen Abwasch die Köpfe darüber, wo Gaby sein könnte. „Was ist mit Olivers Vater? Ist sie vielleicht zu dem?" Wieder schüttelte Rokko nur den Kopf. „Von dem wollte sie nichts mehr wissen." Richtig, das hatte sie ja auch bei der Frauenärztin gesagt. „Was ist mit deinen Eltern? Vielleicht ist sie ja da." – „NEIN!" fiel Rokko Lisa barscher ins Wort als beabsichtigt. „Du könntest sie anrufen und nachfragen. Oliver kennen sie auch noch…" – „NEIN! Denk nicht einmal daran. Ich werde unsere Eltern bestimmt nicht anrufen – nie im Leben! Und Oliver werden sie auch nicht kennen lernen!" Lisas Augen weiteten sich entsetzt. Was war denn mit Rokko los? Hatte sie einen wunden Punkt getroffen? Ihre Unterlippe begann zu beben, so als würde sie gleich anfangen zu weinen. Verletzt drehte Lisa sich wieder dem Geschirr zu. Von Zeit zu Zeit warf sie Rokko einen Blick zu und die Kälte und der Zorn, die in seinen Augen lagen, machten ihr Angst. Hörbar atmete sie ein und nahm dann all ihren Mut zusammen: „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das mit uns beiden funktionieren soll. Ich meine, vertraust du mir eigentlich? Ich habe den Eindruck, du weißt alles von mir und immer wenn das Gespräch auf dich und deine Vergangenheit kommt, dann blockst du ab. Woher kommt das? Gebe ich dir das Gefühl, du könntest mir nicht vertrauen? Das kannst du aber. Du kannst mir genauso vertrauen wie ich dir vertraue. Also, wenn du reden willst, dann kannst du das. Du musst natürlich nicht, aber du könntest. Also, was ich sagen will: Du kannst immer zu mir kommen, wenn du möchtest. Wenn du das Gefühl hast, dass du das nicht könntest, dann trügt dich dein Gefühl, weil du kannst... Aber du musst nicht… also nur wenn du willst. Ich meine, Vertrauen sollte doch die Basis sein, oder? Und du traust mir offensichtlich nicht…" Lisa brach ab. Was faselte sie denn da nur zusammen? War sie nicht einmal in der Lage, Rokko das gleiche Gefühl von Sicherheit zu geben, das er ihr gab? Und ordentlich in Worte fassen konnte sie es offensichtlich auch nicht. „Ich schaffe den Rest dann alleine", antwortete Rokko ihr zusammenhanglos. „Das Geschirr – ich schaffe den Rest auch alleine." Wortlos legte Lisa das Geschirrtuch auf die Küchenzeile und setzte sich auf das Sofa. Am liebsten hätte sie geheult. Wenn sie sich wenigstens richtig gefetzt hätten, aber so? Rokko hatte eigentlich nicht viel gesagt, aber sein Blick und seine Körperhaltung sprachen Bände. Vielleicht hätte sie nicht so viel reden sollen… Hoffentlich hatte sie nicht wieder zu viel in etwas hineininterpretiert, das eigentlich nicht da war und sich mit ihrer „Ansprache" total lächerlich gemacht…
„Man, man, man, David, dich hat tatsächlich erwischt. Du und Lisa, na das passt doch mal – Aschenputtel und ihr Prinz." Zwischenzeitlich war es bei Max und David ein paar Bier später und auch Yvonne hatte sich zu der Herrenrunde gesellt und staunte nicht schlecht, bei dem was sie da hörte. „Du kennst Lisa doch schon lange, Schatz? Wie tickt sie? Wieso ist sie noch bei…äh… Brokkolifrisur und nicht bei unserem Womanizer hier?" Yvonnchen fand ihr Mäxchen auch noch süß, wenn er ein bisschen beschwipst war, aber antworten konnte sie ihm auch nicht. „Naja, Lisa ist ja ziemlich pflichtbewusst und wenn Rokkos Schwester nun mal wollte, dass sie mit ihm gemeinsam auf den Pimpf aufpasst, dann macht sie das auch." – „Das heißt, ich sollte die Flinte noch nicht ins Korn werfen? Ich habe immer noch eine Chance bei ihr?", schlussfolgerte David. Yvonne machte eine Kopfbewegung, die eine Mischung aus Nicken und Kopfschütteln war. Sie hatte keine Ahnung. Vielleicht hatte Lisa sich ja doch in diesen Kowalski verguckt… Sie war ja schon so lange und so dolle in David verknallt, dass sich Yvonne sich kaum vorstellen konnte, dass Lisa diese Chance so einfach an sich vorbeiziehen ließ. „Jungs, ich geh dann mal ins Bett." Aber vorher packte Yvonne noch ein paar alte Babysachen von Bärbel als guten Vorwand, um Lisa mal zu besuchen und ein Gespräch unter besten Freundinnen zu führen.
Lisa saß immer noch auf dem Sofa und blätterte wahllos in einer der Zeitschriften, die dort lagen. Im Augenwinkel sah sie, wie Rokko sich leise neben sie setzte. Kategorisch sah sie in die andere Richtung. „Lisa?", fragte seine sanfte Stimme sie. „Es tut mir leid", als er das sagte, strich er ihr ein paar Strähnen hinter das Ohr, so dass er ihr Gesicht sehen konnte. „Das muss es nicht." – „Doch, das muss es. Ich hätte nicht laut werden dürfen. Du hast es doch nur gut gemeint." Lisa drehte sich nun doch zu ihm und sah ihn mit ihren großen traurigen Augen an. Rokko musste hart schlucken, bevor er weiter sprach: „Du weißt, dass ich dich liebe und da gehört natürlich Vertrauen dazu." Unbewusst rieb sich Lisa über die Unterarme – Rokkos Worte lösten eine Gänsehaut bei ihr aus. „Natürlich vertraue ich dir und natürlich würde ich auch mit dir reden. Es ist nur…" Lisa sah Rokko immer noch abwartend an. „Es ist eben keine schöne Geschichte." Lisa nickte und zog Rokko dann so an sich, dass er mit seinem Kopf auf ihrem Schoß lag. Liebevoll strich Lisa ihm immer wieder durch die Haare – wenn sie eines von ihm gelernt hatte, dann war es Geduld und wie man jemandem alle Zeit der Welt ließ. Er würde mir ihr reden… wenn er soweit war und darauf würde sie geduldig warten.
