5. Schwachkopf! Krimskrams! Schwabbelspeck! Quiek!
Severus konnte nichts tun, als den alten Mann eine ganze Weile schweigend an zu starren. Seine Hände begannen zu zittern, fast unmerklich, auf grund der Tatsache, dass sie in vielen Sitautionen nie hatten zittern dürfen. Vielleicht hatten sie es verlernt.
Er wusste, dass alle Argumente, die Dumbledore ihm dargelegt hatte, richtig und unwiderlegbar waren.
,Ja, Albus, ich werde es tun." presste Severus hervor, nur um es hinter sich zu bringen, froh im nächsten Moment schon wieder schweigen zu dürfen.
Severus trat vom Stuhl des Schulleiters zurück und stellte die Phiole mit dem blau schimmernden Heiltrank in den Kasten zurück. Er holte einen anderen leicht rötlichen Trank hervor. Er stellte ihn mit einer langen, fast schmerzhaft langsamen Geste vor den Schulleiter auf den Tisch.
,Severus." vernahm er die besorgtge Stimme Dumbledores.
,Dieser Trank wird dich heute Nacht ruhig schlafen lassen." sagte Severus mit rauer Stimme. ,Je besser du schläfst, desto besser wird es dir morgen früh gehen. Und es bedeutet, dass du vielleicht ein wenig länger -."
,Severus. Ich danke dir!"
Die Bewegungen des Slyhterinhauslehrers froren ein. Seine bleichen, dünnfingrigen Hände kamen auf seinem Holzkasten zum erliegen.
Er schwieg.
Schweigen. Das einzige, das Dumbledore aus der Fassung bringen konnte.
,Du weißt, dass es sein muss. Ich werde durch den Fluch sterben. Oder durch Malfoy. Aber du weißt, ich habe immer gern selbst über mein Leben bestimmt. Und so soll es auch mit meinem Tod sein."
,Ja, Schulleiter."
,Albus."
Severus Hand klappte mit einer fahrigen Bewegung den Kasten zu. Die Phiolen klirrten portestierend.
,Du hast gewusst, dass es nicht einfach werden wird, Severus. Du hast es gewusst, als du vor vierzehn Jahren zu mir gekommen bist!"
,Ja, Albus." Endlich sah der dunkelgewandtete hagere Mann Dumbledore an. Doch es war ein fixierender vorwurfsvoller Blick.
,Und ich schwor mir, nie wieder zu töten!" Die dunklen Augen blitzen auf. Fast war es, als würde der Slytherinhauslehrer von schlimmen Erinnerungen durchwirkt. Dumbledore fing den Blick seiner traurigen Augen mit den seinen auf.
,Daran kann ich nichts ändern, Severus. Ich habe dich als Freund darum gebeten. Und ein Freundschaftsdienst wird es sein - kein Mord!"
Severus schwieg wieder. Ja, er war ein wortgewandter Mann, doch dies war eine Sitaution, in der nicht einmal er wusste, was er erwidern sollte. Die Sache war beschlossen. Auch in seinem Innern. Obwohl es widerstrebte. Doch sein Verstand hatte längst begriffen, dass es so geschehen musste, wie Albus Dumbledore gesagt hatte.
Er schenkte Albus einen letzten Blick seiner dunklen Augen, bevor er sich abwandte.
,Wir haben noch ein paar Monate. Vielleicht. Selbst ich kann nicht einschätzen, ob Draco schneller als der Fluch sein wird." hörte Severus den Schulleiter hinter seinem Rücken sprechen. Der hagere Mann drehte sich herum und betrachtete Dumbledore, der äußerst lebendig und trotz seiner Todeserwartung voller Elan in seinem Stuhl saß.
Der Stuhl des Schulleiters.
In weniger als einem Jahr würde er – Severus Snape - vielleicht schon in diesem Stuhl sitzen und über die Geschicke Hogwarts bestimmen. Wenn alles nach Plan lief. Er konnte nicht behaupten, eine gewisse Furcht vor dieser neuen Verantwortung zu empfinden, doch er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als dies zu zugeben.
Diese Nacht war voller Erkenntnisse gewesen. Erkenntnisse, die schon lange vorher herangereift waren. Dumbledore hatte nichts dem Zufall überlassen wollen.
Wenn er doch nur ein Mensch wäre, der angenehme Dinge aussprechen hätte können. Severus brannten Worte auf der Zunge. Worte des Dankes. Flehende Worte.
Er konnte sie nicht aussprechen.
Noch immer sah er sich auf der Anhöhe vor ihm stehen. Dumbldore. Aufragend wie ein rettendes Ufer. Die letzte Möglichkeit dem dreckigen Moloch, das sein Leben war, zu entkommen. Die letzte Möglichkeit, seine Seele nicht völlig verkommen zu lassen.
Noch immer sah er das Misstrauen in Gesicht des Schulleiters. Aber auch die warme Zuversicht, die sich in seine Gesichtszüge gemengt hatten, als er voller Reue unter den Blick schwarzen urteilslosen Augen des Phönix vor Dumbledore auf die Knie gesunken war und Tränen über Lilys Tod vergossen hatte.
Severus Hände umklammerten den Kasten.
,Es ist spät, Albus. Du solltest jetzt schlafen gehen!"
,Ja, Severus, geh nur. Eine geruhsame Nacht dir!"
Severus konnte nicht glauben, was er da hörte. Eine geruhsame Nacht dir! Glaubte Albus wirklich, dass er auch nur für ein paar Minuten ein Auge zubekommen würde, jetzt da er die Gewissheit hatte, seinen engsten Freund und Vertrauten töten zu müssen?
Einen Augenblick starrte er in die strahlendblauen Augen des Schulleiters, die ihn über die Halbmondbrille ruhig entgegensahen.
,Schwachkopf! Krimskrams! Schwabbelspeck! Quiek!" entfuhr es Severus Mund rau, ohne, dass er eine Miene verzog. Nur seine Augen erzählten von der Aufruhr, die ihn ihm tobte.
Ein Lächeln huschte über Albus Dumbledores Gesicht. ,Ja, Severus."
Schon im nächsten Moment war der dunkle, hagere Mann hastig zur Tür hinaus geschritten und hastete sie Treppe am Wasserspeier hinab.
Er spürte, dass er sich beeilen musste.
Seine Hände zitterten. Sie zitterten. Sie hatten selten gezittert. Schwachkopf! Krimskrams! Schwabbelspeck! Quiek!
Seine Beine trugen ihn so schnell durch die dunklen Gänge wie fünfundzwanzig Jahre zuvor, als er als Schüler Hogwarts durch die Korridore gerannt war. Manchmal um Lily nach zu laufen. Oft, um den Rumtreibern zu entkommen, die ihn suchten, weil sie sich für einen nicht sehr angenehmen Fluch seinerseits revanchieren wollten.
Habt ihr Severus gesehen? Wollen wir ihm die schwarze Magie austreiben? Remus, meinst du er kann noch einen levicorpus vertragen? Oder, was meinst du, Sirius? Noch einen rictussempa hinterher? Oder wollen wir ihm den Mund waschen? Wäre danach wahrscheinlich die einzige saubere Stelle an seinem Körper! Diese miese Ratte wird dafür büßen, dass er mein Gesicht...
Severus hatte kaum die Kerkergänge erreicht, da sah er eine Gestalt durch den Gang, der an seinem Büro vorbei führte, huschen.
Er blieb stehen und versteckte sich in der dunklen Ecke.
,Wen haben wir da!" schnarrte er, die Gestalt am Umhang packend. Mit einem lumos beleuchtete er ihr das Gesicht.
,Draco, weißt du wie spät es ist!" fuhr er ihn an und ließ von dem Kragen des strohblonden Jungen ab. Dass dieser Bengel zu so später Stunde durch die Kerkergänge schlich hatte ihm gerade noch gefehlt. Und auch die Erinnerung daran, dass ihn nicht nur Dumbledores Bitte, sondern auch der Schwur plagte, den ihm Narzissa abgerungen hatte.
Er starrte Malfoy wütend ins blasse spitze Gesicht. Albus wollte, dass er die Seele dieses Jungen rettete. Malfoy zuckte zusammen als er des bohrenden schwarzen Blicks seines Hauslehrers gewahr wurde.
Severus streckte seinen leuchtenden Zauberstab aus.
,Was hast du da, Draco!"
Schnell verbarg der Junge das seltsame Objekt unter seinem Umhang. ,Nichts, dass sie an zugehen hätte, SIR!" erwiderte er lauernd.
,Ich bin immer noch dein Hauslehrer! Herzeigen!"
,Ich denke nicht, Sir." Draco trat einen Schritt zurück.
,Ich warne dich." knurrte Severus wütend.
,Dann lassen sie mich nachsitzen. Es ist mir egal!" Severus sah in den Augen des jungen Malfoy, dass dieser nicht log. In diesen Augen lag ein Eifer, der alles andere überlagerte.
,INS BETT, Malfoy. Bevor ich mich vergesse!"
,Ja, Sir." erwiderte Draco in einem Ton, der vor Gleichgültigkeit triefte. Schon im nächsten Moment war der strohblonde Junge in der Dunkelheit verschwunden.
Severus betrat ein Knurren ausstoßend sein Büro und warf die Tür hinter sich zu. Er konnte sich an Zeiten erinnern, als der ,kleine" Draco in Ehrfurcht und Bewunderung erzittert war. Aber diese Zeiten war vorbei. Dinge änderten sich.
Waren wirklich schon vierzehn Jahre vergangen?
Hastig stellte Severus den Kasten mit den Heiltränken auf seinen Schreibtisch und riss die Tür zu seinem kleinen Schlafzimmer auf.
Es waren wirklich vierzehn Jahre vergangen. Vierzehn Jahre seit seinen letzten Tränen. Er ließ auf den Rand seines Betts sinken und hob den Zauberstab, um die Tür mit einem colluportus und einem imperturbatio zu belegen. Nachdem dies erledigt war, ließ er den Stab auf den Bücherhaufen neben seinem Bett sinken. Er benötigte seine Hand. Um den lauten Schluchzer darin zu ersticken, der sich mit einem Mal seiner Kehle entrang.
