9. Eileens Stab
Es war ein anstrengender Nachmittag gewesen, den sie die meiste Zeit auf der Polizeiwache verbracht hatte, um die Muggelbehörden davon zu überzeugen, dass es ihren Eltern gut ging und sie nicht wusste, wer da randaliert hatte. Im Haus selbst konnte Hermine nicht mehr viel ausrichten, die Todesser hatten ihre ganze Wut, ihre Eltern nicht gefasst zu haben, dort ausgelassen.
Ihren Zauberstab hatte sie gefunden. Zerbrochen. Auf dem Bett liegend, auf das Todesser gewi..., nein darüber wollte sie nicht nachdenken. Als sie die Hinterlassenschaften gesehen hatte, war sie mit auf den Mund gepresster Hand aus dem Haus gerannt.
Tonks hatte sie zurück nach Hogwarts begleitet, wo sie gerade rechtzeitig für das Abendessen angekommen waren.
Es war eine kleine Runde, die dort saß. In diesem Jahr hatte es keine Schüler gegeben, die geblieben waren und so waren die Jungs und sie die Einzigen am Tisch.
Auch viele Lehrer verbrachten die freien Tage bei Freunden oder Verwandten und nur die Professoren Dumbledore, McGonagall, Sprout, Trewlaney, Severus und Poppy waren da.
»Wie war es, Mine?«, fragte Harry besorgt.
Sich schüttelte nur den Kopf. Tonks antwortete für sie. »Nicht gut. Alles kaputt. Leider auch Hermines Zauberstab und Kingsley ist der Meinung, dass es im Moment zu gefährlich ist, ihr einen Neuen zu besorgen.«
»Aber ... aber das geht doch nicht«, echauffierte sich Ron, »Wie soll sie sich denn ohne Stab verteidigen?«
»Wir werden eine Lösung finden, Mr. Weasley«, beendete Professor Dumbledore die aufkommende Diskussion, »doch jetzt sollten wir essen. Die Hauselfen haben sich sehr viel Mühe gegeben.«
Keiner wagte es, dem Schulleiter zu widersprechen, doch die Stimmung am Tisch war nicht feierlich. Zwar unterhielten sich Professor McGonagall und Professor Sprout leise, doch ansonsten blieb es sehr ruhig.
Heimlich beobachtete Hermine Severus. Sie hatte ihn seit ihrem Gespräch am Morgen nicht mehr gesehen und sie versuchte herauszufinden, was sie über ihn dachte. Schon am Morgen war ihr aufgefallen, dass er auch für sie nun wieder den Glamourzauber trug. Es war hohe Magie, denn man erkannte den Zauber nicht und er konnte ihn sogar nur für bestimmte Personen lösen.
Seit dem Morgen wahrte er Distanz, behandelte sie wie eine Schülerin, vermied es, sie anzusehen oder gar zu berühren. Einerseits war sie froh darüber, doch anderseits waren sie sich so nahe gekommen, wie es zwei Menschen nur konnten. Egal unter welchen Bedingungen. Sie teilten ein Erlebnis, dass ihr beider Leben für immer verändern würde.
Sie selbst fühlte sich wie hinter einer dichten Nebelwand. So richtig ließ sie die letzten zwei Tage noch nicht an sich heran. Ob das noch am Emotionslostrank lag? Vielleicht sollte sie Poppy danach fragen.
Durch eine Bewegung wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Severus war hinter sie getreten und räusperte sich leise. Sie hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass er aufgestanden war und wie es schien, hatte er die Halle sogar verlassen, denn er trug ein Kästchen in der Hand, das er vorher noch nicht dabei gehabt hatte.
»Miss Granger, ich würde mich kurz mit Ihnen unterhalten. Vielleicht nehmen wir den kleinen Tisch in der Ecke?«, er deutete hinter sich und Hermine entdeckte einen kleinen Tisch, an dem zwei gemütliche Sessel standen, die vorher definitiv noch nicht da gewesen waren.
Wahrscheinlich wollte er keine Zuhörer, jedoch in der Nähe der anderen bleiben, damit sie sich sicher fühlte, mit ihm allein zu sein.
Sie nickte und folgte ihm.
»Möchten Sie etwas zu trinken?«
»Einen Kaffee bitte.«
Er zog eine seiner Augenbrauen in die Höhe, bestellte jedoch ohne einen Kommentar eine Kanne Kaffee für sie beide.
Nachdem er ihr eingegossen hatte, sprach er einen Zauber, den Hermine zu gut kannte – den Muffliato. Woher kannte Severus ihn? Bisher war er ihr nur im Buch des Halbblutprinzen begegnet und außer Harry wandte ihn niemand an, den sie kannte.
»Ich habe hier etwas für Sie«, langsam drehte er den länglichen Kasten in seinen Händen, bevor er ihn ihr gab, sorgsam darauf bedacht, sie nicht zu berühren, »öffnen Sie ihn.«
Vorsichtig hob sie den Deckel auf und zum Vorschein kam ein Zauberstab aus hellem Holz, das jedoch mit einer dunkelroten Flüssigkeit eingerieben worden sein musste. Einzig die Schlange, die sich über den Stab wand, hatte noch die ursprüngliche Farbe. Der Kopf endete kurz vor dem Griff und trug eine Krone. Der Griff selbst war kunstvoll mit geschnitzten Vögeln, Blumen und Ranken verziert, die durch die dunkelrote Farbe hervorgehoben wurden.
Hermine fand den Stab wunderschön, traute sich jedoch nicht, ihn in die Hand zu nehmen. Erstaunt sah sie Severus an. Woher hatte er den Stab und warum gab er ihn ihr?
»Dieser Stab ist aus Hasel. Er wurde mit Drachenblut eingerieben, daher die rötliche Tönung. In seinem Inneren befindet sich das Haar eines schwarzen Einhorns. Er gehörte meiner Mutter.«
Erschrocken schlug Hermine sich die Hand vor den Mund. »Aber dann ist dieser Stab doch ...«, sie brach ab.
»Nein, ist er nicht. Ich weiß nicht warum er noch völlig intakt ist, obwohl meine Mutter nicht mehr lebt. Er ist nicht mit ihr gestorben. Bitte probieren Sie, ob er Sie akzeptiert. Ich kann kleinere Zauber mit ihm ausführen, aber das tut er nur widerwillig. Er lässt es zu, weil sie meine Mutter war, aber er wäre mir nicht nützlich im Kampf.«
Hermine schluckte, streckte langsam die Hand aus und berührte den Stab ganz vorsichtig am Kopf der Schlange. Wärme schoss durch ihren Finger den Arm entlang, erreichte ihre Brust und breitete sich dann auf ihrem ganzen Körper aus. Andächtig hob sie den Stab heraus, drehte ihn und spürte, wie er in ihren Fingern erzitterte.
Als sie ihn in die rechte Hand, ihre Zauberstabhand, nahm, stoben rote Funken aus ihm heraus und sie hatte das Gefühl, er würde eins mit ihr werden, sich mit ihrem Körper verbinden. Dieses Gefühl hatte sie bei ihrem alten Zauberstab nie gehabt. Sie spürte die Macht, die ihm innewohnte.
Sie überlegte, welchen Zauber sie sprechen sollte und entschied sich für einen, zu dem sie die Vögel auf dem Griff inspirierten. Sie versuchte es nonverbal und tatsächlich erschienen die Vögel und umkreisten sie. Doch sie hatten sich verändert. Nun waren es keine Gelben mehr, sondern sie hatten ein schwarz-rotes Gefieder.
»Er scheint zu funktionieren. Bitte versuchen Sie es mit einem schwierigeren Zauber.«
Also beschwor Hermine ihren Patronus und ihr geliebter Otter zog nur wenige Sekunden seine Kreise um sie und Severus.
»Ich würde sagen, er akzeptiert Sie. Wenn Sie möchten, dann dürfen Sie ihn behalten«, erklärte er mit leiser Stimme, in der ein leichter Ton von Wohlgefallen mitklang.
»Ich ...«, sprachlos sah sie ihn an. Es war der Stab seiner Mutter! Wieso gab er ihn ihr?
»Meine Mutter würde sich freuen, wenn sie wüsste, dass er doch noch genutzt werden würde. Sie hat ihn zu ihrer Hochzeit von ihren Eltern geschenkt bekommen, obwohl sie gegen die Ehe gewesen waren. Vielleicht wollten sie mit der Geste auch nur meinen Vater ärgern, der es nicht mochte, wenn meine Mutter zauberte. Deswegen nutzte sie ihn selten. Meist nur, um mir etwas zu zeigen, wenn er nicht da war. Als ich sieben Jahre alt war, legte sie ihn in dieses Kästchen und hat ihn nie wieder herausgeholt.«
Hermine schluckte und konnte nicht verhindern, dass sie ihn aus großen Augen ansah. Seine Stimme klang so kalt und doch konnte sie hören, wie sehr es ihn mitnahm. Eigentlich wollte sie ihre Neugierde unterdrücken, doch sie konnte nicht. »Warum?«
»Mein Vater verlor seine Arbeit, als ich sechs Jahre alt war und veränderte sich. Er wurde immer unzufriedener, trank und hatte er es vorher nicht gemocht, wenn sie zauberte, so fing er an, es regelrecht zu hassen. Heute weiß ich, dass sie in eine Depression fiel, aber als Kind habe ich nicht verstanden, warum meine Mutter sich auf einmal um nichts mehr kümmerte, nur noch in ihrem Bett lag.«
Sein Blick starrte ins Leere, fast hatte sie das Gefühl, er war sich nicht bewusst, dass er ihr das erzählte. Sie schwieg und auch er hing seinen Gedanken nach.
***SS***
Wieso hatte er den Stab geholt und ihn ihr gegeben? Diese Frage beherrschte sein Denken, seit er wieder in seinen Räumlichkeiten war und realisierte, was er getan hatte.
Er hatte Hermine den Zauberstab seiner Mutter gegeben. Seiner Mutter! Warum ihr? Was hatte ihn dazu veranlasst?
Als er gehört hatte, dass ihr Stab kaputt war, waren ihm die gleichen Gedanken durch den Kopf gegangen, die der Rotkopf ausgesprochen hatte. Sie wäre schutzlos.
Das wollte er nicht zulassen. Nie wieder sollte sie ungeschützt sein. Sie sollte die Chance haben, sich zu verteidigen und der Zauberstab seiner Mutter war ein mächtiges Artefakt.
Schon lange im Besitz der Familie Prince ging er immer am Hochzeitstag an die letzte lebende Frau der Blutlinie. Das musste nicht unbedingt eine direkte Nachfahrin sein, es konnte auch die Frau eines Prince' sein. Nun, mit seiner Mutter endete diese Tradition, denn er selbst würde nie heiraten.
Es wunderte ihn, dass der Zauberstab Hermine anerkannt hatte und das sogar ziemlich deutlich. Das war sehr selten passiert. Aber vielleicht wusste der Stab auch, dass es Zeit wurde, die Familie Prince zu verlassen. Wer verstand schon Zauberstäbe?
Er bereute auch nicht, sie belogen zu haben, denn würde sie die Geschichte des Stabes kennen, sie hätte ihn nie angenommen.
Immer noch wunderte er sich, dass sie ihm tatsächlich gefolgt war, um alleine mit ihm zu reden. Sie schien ›die Sache‹ bisher gut zu verpacken, aber er rechnete damit, dass es noch Probleme geben würde. Nicht nur bei ihr.
Er selbst musste es auch verarbeiten. Noch nie war er in dieser Situation gewesen. Oh ja, er hatte es beobachten müssen, wenn andere Todesser über Frauen herfielen, aber er selbst konnte es bisher vermeiden. Ob das der Grund war, warum der Dunkle ihn gezwungen hatte?
Auch so eine Sache, über die er sich schon den ganzen Tag den Kopf zerbrach. Warum er? Einer der Lestrange-Brüder wäre mit vollem Eifer dabei gewesen. Es konnte nicht nur daran liegen, dass er ihr Lehrer war. Er kannte den Lord. In all seinem Wahnsinn lag immer ein noch hinterhältigerer Plan, ein Grund.
Er drehte sich im Kreis und der irische Whisky, den er sich zu Gemüte führte, sorgte nicht dafür, dass seine Gedanken klarer wurden. Er trank heute zuviel. Etwas, dass er eigentlich vermied. Wegen seines Vaters.
Und noch etwas, was er nicht verstand. Wieso hatte er ihr von seinen Eltern berichtet? Ihr erzählt, wie seine Familie an der Arbeitskrise zerbrochen war?
Doch alles führte ihn immer wieder nur zu einer Frage: Wieso hatte er ihr den Stab seiner Mutter gegeben?
***HG***
Hermine saß auf dem Bett von Dean, dass ab jetzt ihres sein würde. Ron und Harry waren im Bad, sie würde danach gehen.
Natürlich hatten die Jungs gefragt, was Severus gewollt hatte und was sich in dem Kasten befand, doch sie hatte sie auf später vertröstet.
Langsam hob sie den Deckel von der Schachtel und betrachtete erneut den Stab. Muggel würden sich sicher ekeln, weil das Holz mit Drachenblut behandelt worden war, doch als Hexe wusste sie, wie machtvoll diese Zutat war, nicht nur bei Zaubertränken.
Mit dem Schlangenverziehrung war er alles, jedoch nicht unauffällig. Jeder der ihn kannte, wusste, wem dieser Stab mal gehört hatte. War sich Severus dessen bewusst? Es könnte zu einer Gefahr werden. Doch sie wusste schon jetzt, sie wollte ihn nicht mehr hergeben.
Vorsichtig hob sie den Stab vom Samt und wieder spürte sie die Verbindung. Es war ein berauschendes Gefühl.
Sie hielt ihn locker in der Hand, probierte, ob er federte oder steif in der Hand lag. Er federte ganz leicht, so dass es bei komplizierten Zauberstabbewegungen nicht störte.
Leicht strich sie mit dem Zeigefinger der linken Hand die ausgearbeitete Schlange entlang und erschrak. Hatte sich das Reptil tatsächlich bewegt? Es hatte sich angefühlt, als würde es sich der Bewegung entgegenstrecken.
Nachdenklich betrachtete sie den Stab und zuckte zusammen, als sich die Badezimmertür öffnete und Harry und Ron zurück zu ihr kamen.
Sie wollte schnell den Zauberstab neben sich verstecken, als etwas geschah, dass fast ihr Herz stehen ließ – die Schlange schlängelte vom Stab und legte sich wie ein Armband um ihr Handgelenk. Jetzt wirkte der Zauberstab ziemlich schlicht und schon wurde er von Harry entdeckt.
»Du hast einen neuen Stab«, stellte er überrascht fest.
»Ja, Professor Snape hat ihn mir gegeben.«
»Kann es sein, dass der Mistkerl ein schlechtes Gewissen hat?«, tönte Ron, ach ja, die sprichwörtliche Axt im Wald. Hermine verdrehte die Augen.
»Vielleicht ging es ihm wie dir und er wollte nicht, dass ich mich nicht wehren kann?« zickte sie ihn an. Was ging er ihr doch in letzter Zeit auf die Nerven.
»Was interessiert es mich, was der Typ denkt. Blöde Kerkerfledermaus«, brummelte Ron und legte sich in sein Bett.
Hermine schüttelte genervt ihren Kopf, so dass die Locken flogen. »Was hab ich ihm jetzt wieder getan?«
Harry zuckte mit den Schultern. »Weiß ich nicht. Er meinte nur, dass er doch eh im Fuchsbau hätte bleiben können, wenn du ihn eh nur ignorierst und ständig Snape beobachtest.«
»Pffft. Fehlt Won-Won Lav-Lav?«, äffte sie Lavender nach.
»Ach, Mine«, seufzte Harry. Sie wusste, er hasste es, wenn Ron und sie stritten, »darf ich mir den Stab mal ansehen?«
Er hielt ihr seine Hand hin und sie sah auf ihre herunter, die ihn immer noch in der Hand hielt. Würde die Schlange an ihrem Handgelenk bleiben, wenn sie Harry jetzt den Stab gab? Würde es überhaupt gehen oder würde das Reptil es verhindern?
Vorsichtig hielt sie ihn ihm hin und Harry griff vorsichtig zu, wiegte den Stab in der Hand und strich über das Holz. Spürte er die Macht, die ihm innewohnte, ebenfalls?
»Liegt gut in der Hand. Die Maserung ist echt interessant. Weißt du, was es für Holz ist?«
Kein Wort, dass etwas komisch für ihn war. Er hätte was gesagt, wenn er es gefühlt hätte.
»Hasel. Die Maserung kommt durch das Drachenblut, mit dem er behandelt wurde.«
»Interessant. Ich glaube nicht, dass der Stab von Ollivander ist, oder was denkst du?«
»Nein, ganz bestimmt nicht. Er passt nicht zu seinem Stil. Der Stab gehörte Snapes Mutter«, damit ließ sie die Bombe platzen.
Harry reagierte, wie sie es gedacht hatte. Er riss seine Augen auf und schrie, »Waaas?«, bevor er ungläubig schwieg.
Hermine zuckte mit den Schultern. »Ich hab dir gesagt, er ist nicht, wie es scheint. Professor Dumbledore vertraut ihm und er hat seine Gründe. Denk da mal drüber nach.«
Sie nahm ihm den Stab ab, stand auf und ging ins Bad.
***18.09.2017***
