Melethil: Danke schön :) Aber ich schreibe nicht allein, Eowyn 29 schreibt die Kapitel aus Gimlis Sicht...


Hên en anor

Kapitel 8: Der Fluch der Eldar (Legolas' POV von Mirenithil)

Gehetzt blickte ich mich um, suchte mit meinen Blicken das dunkle Unterholz zwischen den Bäumen ab. Augen schienen durch die Dunkelheit zu leuchten, doch ich wusste genau, dass ich mir diese nur einbildete. Noch konnten sie mich nicht eingeholt haben, noch hatte ich einen guten Vorsprung. Obwohl er alt war und schwach schien, war Arod immer noch schneller und zäher als die Pferde aus der Zucht meines Vaters. Seine harten Hufe trommelten laut auf dem ausgetrockneten Boden, brachen Zweige und zermalmten das Laub vom letzten Winter zu Staub. Hitze waberte schwer zwischen den Bäumen, der Wald schrie nach Regen. Mir strömte der Schweiß bereits die Schläfen hinab, doch ich konnte weder mir noch meinem Pferd eine Rast gönnen. Welcher Zauber auch immer über meinem Vater und meinem Volk lag, er war stark – so stark, dass ihr Hass gegen mich mit einem Mal stärker wog als alle Vernunft.

Mein Messer. Es war mein Messer gewesen, das sie gefunden hatten in einem der Ställe. Dies genügte ihnen als Beweis, dass ich schuldig war – dies und das Wort der Soldaten, die mich gesehen haben wollten vor dem Anschlag auf meinen Vater. Es musste ein Zauber sein. Anders konnte ich mir nicht erklären, was geschah, wieso sich plötzlich alle gegen mich wandten, gegen mich, dem sie zuvor bedingungslos vertraut hatten. Nun glaubten sie, ich würde sie alle gefährden, würde Soldaten auf geheimnisvolle Weise töten, würde meinen Vater vom Thron stürzen wollen.

Doch wer? Und warum? Wer war in der Lage, einen solch mächtigen Zauber zu sprechen, der ein ganzes Volk zu blenden vermochte und stärker war als jede Vaterliebe? Warum sollte mich jemand aus dem Reich meiner Eltern vertreiben wollen? Wem stand ich im Weg...?

Und wenn all diese Fragen ohne Antwort blieben? Wenn der Zauber nicht existierte... und wenn ich wirklich der Schuldige war? Aber ich hatte Erinnerungen an diese Tage, an jede einzelne Stunde... und ich war selbst betroffen gewesen von den Anschlägen, erinnerte ich mich. Arquens Zügel war gerissen... der Gedanke war unsinnig, ich hatte nichts, aber auch gar nichts damit zu tun – und sollte auch nicht an meinem eigenen Verstand zweifeln. Weder daran noch an der Entscheidung, die ich traf, als ich dort in den Räumen meines Vaters stand, umgeben von denen, die ich für meine Freunde und Vertraute hielt.

Schnell war ich schon immer gewesen, schneller als andere meines Volkes. Geschicklichkeit wurde mir in die Wiege gelegt, ich kannte die Gänge in der Festung besser als jeder, selbst als mein Vater. Es war kaum mehr als eine Ahnung, die mir befahl zu fliehen, und ich gehorchte ihr – was mein Leben rettete, wie ich nun wusste. Wäre ich ein wenig langsamer gewesen... ich wollte es mir nicht ausmalen, was dann geschehen wäre, wurde jedoch unangenehm wieder daran erinnert, als ich weiter Ferne einen elbischen Ruf vernahm. Der Ruf galt mir, sie hatten meine Spur gefunden, trotz des steinharten Bodens, in den sich kein Hufabdruck eingraben konnte. Die Männer meines Vaters waren gut ausgebildet, vermochten an Zweigen und Gräsern abzulesen, wer wann vorbei geritten war, beinahe so geschickt wie die Waldläufer des Nordens.

„Lauf, Arod, lauf!" trieb ich mein altes, treues Pferd an. Er hatte auf den Weiden außerhalb der Festung gegrast und war sofort gekommen, als ich nach ihm gepfiffen hatte. Arquen aus den Ställen zu holen hatte ich mich nicht mehr gewagt, da sich auf dem Hof ungewöhnlich viele Soldaten aufgehalten hatten. Doch ich konnte mich auf den Hengst der Rohirrim verlassen, damals wie heute. Unermüdlich lief er, nicht beachtend den Protest seiner schmerzenden Knochen, den Schweiß und das Blut an seinen zerkratzten Beinen, nicht verlangend nach Wasser und Rast. Das leiseste Wort, das sachteste Streicheln von mir trieb ihn zu noch schnellerer Gangart an, durch den glühend heißen Wald, dessen Blätter mehr und mehr verdorrten, je weiter wir uns von der Festung Eryn Lasgalens entfernten. Unbarmherzig brannte die Sonne durch das ausgedünnte Blattwerk der Eichen und Buchen.

Erschöpft wie selten zuvor in meinem Leben erreichte ich schließlich die Grenze des Reiches meines Vaters. Mein Reise würde nach Nordwesten gehen, zum Einsamen Berg, in der Hoffnung, dass die Männer meines Vaters mir dorthin nicht folgen würden, denn noch immer war diese Gegend gefährlich und die Heimat vielerlei lichtscheuen Gesindels. Der Wald um mich herum wurde dunkler, doch noch vernahmen meine Ohren nichts, was mir gefährlich werden konnte – obwohl etwas unbestimmtes, ein leises Gefühl mich warnte, weiter zu reiten, besonders, als Arod unruhig zu werden begann und langsamer lief. Aber mir blieb keine Wahl; wenn ich hier blieb, würden die Soldaten mich bald gefunden und nach Eryn Lasgalen zurückgebracht haben... ich wusste nicht, was mein Vater mit mir vorhatte, hatte jedoch während meiner Flucht beschlossen, es auch nicht herausfinden zu wollen.

Einige Stunden später war ich mir ziemlich sicher, dass die Soldaten von meiner Verfolgung abgelassen hatten in der Gewissheit, dass ich auch nicht weit kommen würde in diesem Land. Womit sie wahrscheinlich sogar Recht hatten, musste ich mir widerwillig eingestehen. Was wollte ich überhaupt hier? Hätte ich nicht besser nach Lórien reiten sollen... oder, noch besser, zurück in mein eigenes Reich? Wo wäre ich besser geschützt gewesen als hinter meinen eigenen Mauern und Türmen? Jedoch... früher hätte ich es ihm niemals zugetraut, mittlerweile hätte mein Vater vielleicht sogar gegen Süd- Ithilien Krieg geführt, gegen seinen eigenen Sohn. Riskieren wollte ich dies nicht, denn obwohl meine Männer vielleicht sogar etwas besser ausgebildet waren als die meines Vaters, waren ihrer doch nur wenige und die Mauern meiner Stadt können einem Ansturm nicht lange standhalten.

Aber was überlegte ich eigentlich? Dachte ich tatsächlich darüber nach, wie meine Chancen im Krieg gegen meinen eigenen Vater standen? Was war nur geschehen, dass ich für ihn plötzlich vom Sohn zum Feind geworden war...?

Ein feines, aber schiefes Sirren sowie Arods plötzliches Scheuen riss mich aus meinen Gedanken. Stechender Schmerz durchfuhr meine Schulter, riss mich beinahe vom Rücken meines Pferdes, das ängstlich durch ein Gebüsch brach, aber mit unverminderter Geschwindigkeit weiter lief.

Ein Pfeil, ein schwarzer, dicker Pfeil hatte meine Schulter durchbohrt, verursachte mir beinahe unerträgliche Schmerzen. Mit einer Hand gelang es mir, Arod etwas zu bremsen, während die andere mit einer schnellen Bewegung den Pfeil durchbrach und die Stücke aus meinem Fleisch zog. Blut quoll aus der Wunde, benetzte meine Haut und durchtränkte innerhalb von Augenblicken meine grünen Gewänder. Ich warf das schwarze Holz beiseite und versuchte herauszufinden, woher der Pfeil gekommen war, als mich etwas traf und zu Boden schleuderte. Ich prallte mit dem Rücken auf den harten Boden, kam jedoch schnell wieder auf die Füße – schnell genug um zu sehen, wie Arod sich mühsam wieder auf die Beine quälte und dann in Panik floh, floh vor dem Warg, der jedoch nur Augen für mich hatte.

Gelächter drang aus den umliegenden Gebüschen, heiseres, hohes, quiekendes Gelächter, dass nur von Orks stammen konnte. Von sehr vielen Orks. Einer von ihnen sprang direkt vor mir aus einem Baum, besudelte die einst so fruchtbare Erde. Schnell hatte ich mein Schwert in der noch gesunden Hand. Die scharfe, silbern schimmernde Klinge fuhr zwischen den eisernen Teilen seiner Rüstung hindurch und zerfetzte sein Herz, ließ dunkles, stinkendes Blut durch das einstmals grüne Gras in den dahin siechenden Boden sickern. Ein letztes Röcheln, ein letztes Aufbäumen der sterbenden Kreatur zu meinen Füßen – dann herrschte Stille, für einen winzigen Augenblick, bevor die Hölle loszubrechen schien.

In dem Geschrei der Orks hörte ich, wie eine Klinge hinter meinem Rücken Luft durchschnitt, wich zur Seite, war jedoch nicht schnell genug. Triumphierend lachte der Ork auf, als mir ein Schmerzensschrei entfuhr. Tief hatte sich die Klinge in mein Bein gebohrt, ich hatte das Gefühl, mir würde das Fleisch von den Knochen gerissen, bevor mein Schwert zustieß und dem überraschten Wesen in die Eingeweide fuhr. Einen Kampfesschrei ausstoßend warf ich mich herum, ließ meine Klinge noch einmal Blut kosten, als ich sie zurückriss und die scheußliche Fratze vor mir von dem verkrüppelten Körper trennte, der noch kurz schwankend auf der Stelle brach, bevor er zusammenbrach und das Blut, getrieben von einem verzweifelt schlagenden Herzen, den Durst der harten Erde stillte. Der abgeschlagene Kopf rollte davon, doch ich beachtete ihn nicht, richtete meine schwindende Aufmerksamkeit auf meine Feinde, die in einer absoluten Übermacht waren und dies auch wussten.

Dem nächsten, der mich angriff, schlug ich einen Arm ab; an das, was danach geschah, verschwendete ich keinen Gedanken mehr. Zu schnell wehrte ich die Angriffe ab, zu schnell schwanden meine Kräfte, immer mehr Wunden zehrten an mir. Eine schreckliche Gewissheit stieg langsam in mir auf, mit jedem Ork, den ich tötete, denn immer traten neue Krieger an die Stelle der Gefallenen: Wenn ich keine Hilfe erhielt, würde dies mein Ende sein. Keine Hoffnung hatte ich, gegen die immer größer werdende Übermacht der Orks einen Sieg zu erringen oder auch nur zu fliehen. Verzweiflung wuchs in mir... und Angst. So eingenommen vom Kampf und meinen Gedanken war ich, dass ich nicht bemerkte, wie die Luft schwer wurde und der Himmel immer dunkler. Erst, als Schreie unter den Orks laut wurden und sie zu fliehen begannen, bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. In diesem Moment traf mich eine grobe Klinge im Rücken, trieb mir die Luft aus den Lungen und ließ mich zu Boden gehen. Mein Körper fühlte sich an als würde er brennen, beinahe konnte ich spüren, wie das Leben langsam aus mir wich. Doch die Orks verschwanden langsam und offenbar verschreckt zwischen den Bäumen, und bald wusste ich auch, warum.

Heiße und hungrige Flammen verzehrten den Wald um mich herum. Ihr Rauch verdunkelte den Himmel, ließ der Sonne jedoch genug Raum, um brennend hinab zu scheinen auf mich, der ich dort lag, ohne die Kraft aufzustehen und mich in Sicherheit zu bringen. Panik ergriff mich, als die Hitze der Flammen immer näher kam, als der Qualm mich zum Husten brachte und die letzten Orks zwischen den Bäumen verschwanden. Allein war ich plötzlich inmitten dieses Feuers, das aus dem Nirgendwo gekommen zu sein schien, das gerade in diesem Moment die Leichen der von mir getöteten Orks ergriff und verschlang. Heiß und hell brannten die Flammen, brannten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Für einen Augenblick fragte ich mich, wie sich der Tod durch das Feuer wohl anfühlen würde. Schmerzhaft würde es sein, in jedem Fall. Und irgendwie... armselig. Ich war elbischen Blutes, ein Krieger und König, und ich sollte durch Flammen sterben statt durch ein Schwert? Noch weigerte sich mein Verstand, diese Tatsache zu akzeptieren.

Mühsam hob ich den Kopf, ließ meinen Blick über die Flammen vor meinen Augen schweifen, die sich plötzlich nicht mehr weiter voranfraßen, sondern sich selbst zu verzehren schienen. Eine einzelne Flamme schoss aus dem Feuer hervor, heller als die Sonne selbst, ließ mich geblendet die Augen schließen. Durch meine geschlossenen Lider brannte sich dieses Licht, heiß und voller Zorn, voller Zorn und so etwas wie... einer leisen Sehnsucht...

Dann ließ die Hitze um mich herum nach, die Luft wurde wieder klarer. Schwer atmend öffnete ich die Augen, blickte mich um.

Schwarz war der Wald, schwarz und tot. Das Feuer hatte alles gefressen, ganz gleich ob lebendig oder tot, hatte nichts übrig gelassen von dem, was vorher hier noch gewesen war. Wüsste ich es nicht, hätte ich nicht geglaubt, dass dies der gleiche Ort war, wo ich soeben noch gekämpft hatte.

Erschöpft ließ ich meinen Kopf zurück auf den harten Boden sinken, versuchte meinen Herzschlag zu beruhigen und meine Sinne wieder zusammen zu suchen. Ich bezweifelte, dass die Orks bald zurückkehren würden, verschwendete keinen Gedanken mehr an den Warg, der wahrscheinlich ebenfalls geflohen war. Ich blieb einfach dort liegen, ließ meine Gedanken schweifen und versuchte zu verstehen, was geschehen war. Es wollte mir nicht gelingen. Statt dessen driftete ich hinab in das, was die Menschen Schlaf nennen, in Träume und Gedanken. Wie durch einen Schleier meinte ich eine Stimme zu hören, die zu mir sprach...

„Verflucht sollst du sein, Legolas Thranduillion, und verbannt aus meinem Reich, verstoßen von allen, die zu deinem Volk gehören. Kein Eldar unter dieser Sonne soll dir Schutz gewähren und nirgends sollst du sicher sein vor unserem Zorn, denn Verrat war es, der dich von uns entzweite und Blut klebt an deinen Händen. Gezeichnet sollst du sein solange du lebst, und niemals mehr Ruhe finden. Der Tod soll dich finden, näherst du dich einer Grenze die von einem deines Volkes bewacht wird... meinen Namen sollst du nicht mehr tragen, nicht mehr mein Sohn sein und nicht mein Erbe. Verflucht seiest du, bis eine höhere Macht als die der Erstgeborenen diesen Fluch zu brechen vermag..."

Schwerfällig öffnete ich die Augen, sah eine graue Pferdenase vor mir, weißes Fell, dunkle, kluge Augen. Arod, mein treuer Arod. Du hattest mich noch nicht verlassen...

Wird fortgesetzt...