Vorweg ein ganz großes Dankeschön an alle, die immer noch mitlesen und insbesondere an die, die so nette Reviews schreiben. Und jetzt geht's weiter... Halt, nein, doch noch nicht, erst noch eine pedantische landeskundliche Anmerkung: Der Galloway Forest Park, in dem die Geschichte angesiedelt ist, befindet sich nicht in den Highlands, sondern südlich von Glasgow. Die Highlands hingegen beginnen nördlich von Glasgow und Loch Lomond. Die Landschaft ist durchaus ähnlich, aber die Berge sind eben nicht ganz so "high". So, jetzt aber...
Kapitel neun: Nachwirkungen
Schaben, Pochen, Hämmern, Dröhnen – wann würde es endlich aufhören? Janet sehnte sich nach Ruhe, sie war müde, sie wollte schlafen, aber das ständige Getöse ließ es nicht zu. Konnte man es nicht abstellen? Mühsam öffnete sie die Augen – ein greller Lichtblitz überfiel sie und sie schloss sie wieder. Was war nur los, wo war sie? Eine Bewegung neben ihr, ein Arm unter ihrem Kopf, das Dröhnen wurde stärker, eine tiefe Stimme sagte, „Trinken Sie." Gehorsames Öffnen des Mundes, Schlucken, Müdigkeit, das Dröhnen wurde weniger, hörte ganz auf, Schlaf...
Normalerweise liebte Janet den Zustand zwischen Schlaf und Aufwachen, das langsame Zusichkommen, das Bewusstwerden von Wärme und Geborgenheit im Bett, und sie versuchte immer, diese Phase möglichst lange auszudehnen, bevor sie sich zum richtigen Wachwerden entschloss. Auch diesmal wollte sie sich wohlig in den Laken räkeln, wollte die Decke noch einmal fester um sich ziehen – und war mit einem Schlag hellwach. Verdammt - sie hatte Schmerzen! Und wo war sie? In wessen Bett? Im Zeitlupentempo drehte sie sich auf den Rücken – oh, das tat weh, ihr Körper fühlte sich an wie eine einzige Prellung! - und öffnete die Augen. Der Raum lag im Halbdunkel, ein Halbdunkel, das von zugezogenen Gardinen herrührte. Vorsichtig drehte sie den Kopf. Neben dem Bett stand ein Sessel und darin saß Septimus Spane. Oder doch nicht? Der Mann sah ihm ähnlich, aber seine Gesichtszüge waren irgendwie viel ausgeprägter. Das Gesicht bleicher, hagerer, älter, die Nase größer, das Haar ungepflegter, strähnig. Und doch...
Janet versuchte, sich aufzurichten, um besser sehen zu können, und sank mit einem kleinen Aufschrei zurück in die Kissen, als ein heftiger Schmerz sie durchzuckte.
„Machen Sie langsam, Sie haben eine Gehirnerschütterung," sagte die Stimme von Septimus Spane. Ja, es war definitiv seine Stimme.
Janet stöhnte eine Antwort. Der Mann stand auf und trat neben das Bett. Er betrachtete sie mit einem Lächeln grimmiger Genugtuung.
„Ich hoffe, es tut richtig schön weh."
Janet schnaubte schwach, kniff die Augen zu und hoffte, dass der Schmerz bald nachlassen möge.
Es dauerte eine Ewigkeit, aber irgendwann fühlte sie sich stark genug, um die Augen wieder aufzumachen. Er stand noch immer da und sah sie an.
„Sie sind..., sie haben ... wieso...?" Ihre Stimme versagte mit einem heiseren Krächzen.
Sie hatte so viele Fragen. Wo sollte sie anfangen? Und warum machte ihre Stimme nicht mit?
„Nein," sagte er nur.
„Nein?"
„Sie werden jetzt keine Fragen stellen oder überhaupt reden, Ms Muir," entgegnete er kühl. Er griff hinter sich und hielt ein kleines Fläschchen hoch.
„Sie werden jetzt das hier trinken, danach noch eine Weile schlafen und wenn es Ihnen dann besser geht, können wir weitersehen."
„Aber ich – im „Inn", die McCleods..." protestierte Janet.
„Ich habe angerufen und Bescheid gesagt, dass Sie bei mir sind. So, und jetzt trinken."
Er schob seinen Arm unter ihren Hals und hob ihren Kopf an. Kühles Glas berührte ihre Lippen und Janet schluckte gehorsam. Sofort überkam sie eine wohlige Müdigkeit und mit einem tiefen Seufzer schlief sie wieder ein.
Als Janet das nächste Mal aufwachte, hörte sie Stimmen, Männerstimmen, zwei verschiedene. Eine davon konnte sie Spane zuordnen, die andere, schottische, kannte sie nicht. Die Stimmen klangen nach Auseinandersetzung.
Neugierig schob sie sich auf die Ellbogen hoch und lauschte. In ihrem Kopf herrschte immer noch ein unbestimmtes Druckgefühl, aber es war kein Vergleich zu den Schmerzen beim letzten Wachwerden. Langsam setzte sie sich auf. Auch das ging. Draußen machten die Stimmen unentwegt weiter. Ihre Hände waren verbunden. Versuchsweise bewegte sie die Finger. Es tat nicht weh, konnte also so schlimm nicht sein, vermutlich hatte sie sie aufgeschürft. Sie saß ganz still, versuchte, etwas von dem Wortgewirr zu verstehen. Zwecklos. Neugierig sah sie sich im Zimmer um. Die Einrichtung war schmucklos, zweckmäßig, fast schon spartanisch. Schmales Bett, Einbauschrank, Nachttisch, Sessel. Und eine antik wirkende Truhe in der Ecke. Holzdielen auf dem Fußboden. Ein kleiner bunter Flickenteppich als Bettvorleger, schlichte weiße Bettwäsche.
Die schottische Stimme wurde lauter, schärfer:
„Komme wieder... Durchsuchungsbefehl... Janet Muir..."
Es ging um sie! Was war da los?
Ohne weiter nachzudenken, schlug Janet die Decke zurück, schwang die Beine über die Bettkante und stand auf. Ihr linker Fuß nahm das übel, Schmerz zuckte auf. Ein Blick erklärte ihr, dass der Knöchel bandagiert war. Egal. Sie hinkte zur Tür und öffnete sie leise. Am Ende des kleinen Flurs war die Haustür offen, davor stand Spane und ihm gegenüber ein sichtlich ungehaltener Polizist.
„Was ist mit mir?" rief Janet und beide Männer fuhren zu ihr herum. Sprachlos starrten sie sie an. Der Polizist wurde rot, Spanes Gesichtszüge entgleisten kurz, er verkniff sich ein Grinsen. Janet wurde plötzlich bewusst, dass sie außer einem kurzen T-Shirt und Unterwäsche nichts an hatte.
Der Polizist räusperte sich heftig.
„Sie sind Janet Muir?" fragte er, nach dienstlicher Autorität ringend.
Janet nickte.
„Was machen sie hier?"
„Ich bin auf einer Wanderung gestürzt und Mr Spane hat mich gefunden und die Verletzungen behandelt."
Zur Demonstration deutete sie mit ihrem bandagierten Händen auf ihren umwickelten Fuß.
„Das ist alles?"
„Danke, mir reicht's," entgegnete Janet bissig. Ein Blick auf das betretene Gesicht des jungen Polizisten ließ sie etwas versöhnlicher fortfahren. „Ich habe bis jetzt geschlafen, es geht mir wieder besser," bestätigte Janet.
„Er hat Sie..." der Polizist räusperte sich und wurde wieder rot. „Er hat Sie nicht - belästigt?"
Jetzt ging ihr ein Licht auf. Offenbar hatten die McCleods Schlimmes befürchtet und die Polizei verständigt. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie erlaubte sich ein ungläubiges Lachen.
„Nein, wie kommen Sie denn darauf? Bestimmt nicht."
Der Polizist nickte und wandte sich an den Hausherrn.
„Es tut mir leid, Mr Spane, aber wir müssen solchen Hinweisen nachgehen. Glauben Sie mir, es gibt in dieser Hinsicht immer wieder einschlägige Vorfälle, auch hier bei uns in Schottland. Entschuldigen Sie die Störung."
Spane nickte müde.
„Schon gut, Constable, Sie tun ihre Pflicht."
Die Haustür schloss sich, Spane verharrte einen Moment mit dem Rücken zu Janet, dann drehte er sich um. Erstaunt registrierte sie, dass er wieder so aussah wie immer, leicht verschwommen. Warum hatte sie ihn zwischendurch anders gesehen? Hatte eine Gehirnerschütterung Auswirkungen auf die Wahrnehmung? Sie begegnete dem nachdenklichen Blick, den er auf sie richtete, mit einem verlegenen Lächeln und setzte zu einer Entschuldigung an.
„Es tut..."
„Ja, schon gut," unterbrach er sie brüsk. „Wenn Sie jetzt wach sind, lassen Sie mich nach ihren Verletzungen sehen."
Er deutete auf die Tür zu seiner Rechten und Janet humpelte folgsam hinein. Es war offenbar das Wohnzimmer. Bücherregale zogen sich an allen Wänden entlang, vom Boden bis zur Decke, gefüllt mit einem bunten Sammelsurium von Gedrucktem. Ein Sessel, ein kleines Tischchen. Ein Schreibtisch unterm Fenster, ein kleiner, quadratischer Esstisch mit zwei Stühlen, eine Anrichte. Die Möbel waren einfach, zweckmäßig, sie trugen eindeutig die Signatur der Billigangebote eines schwedischen Möbelhauses.
Keine Bilder, keine Pflanzen, keinerlei Dekorationen.
Er zeigte auf den Sessel und sie setzte sich. Er hockte sich vor sie und wickelte den Verband von ihrem Fuß ab, ließ ein zufriedenes Brummen hören.
„Die Schwellung geht zurück."
Aus einem Tiegel, den er auf dem kleinen Tisch deponiert hatte, trug er eine Salbe auf und erneuerte den Verband. Dann waren ihre Hände dran. Die Haut an den Handflächen war noch gerötet, aber die Abschürfungen waren verheilt. Zufrieden mit dem Ergebnis der Untersuchung richtete Spane sich auf.
„Tee?"
„Oh ja," antwortete Janet dankbar.
„Mögen Sie Crumpets?"
„Ja, sicher, sehr gerne," sagte sie und verzog dann den Mund zu einem verlegenen Grinsen. „Aber zuerst – ich müsste mal ins Bad."
Er nickte.
„Erste Tür rechts, sie finden dort auch den Rest ihrer Kleidung."
Sie hinkte hinaus.
Spane ging in die Küche und machte sich ans Teekochen. Der Raum war groß, aber nur ein kleiner Bereich war dem eigentlichen Zubereiten von Mahlzeiten vorbehalten, den überwiegenden Teil nahmen diverse Kessel, dickbauchige Glasbehälter und zahllose Dosen, Gläser und Flaschen mit Zutaten ein.
Er legte einige Crumpets auf den Toaster; während sie rösteten, stellte er Geschirr und Besteck sowie einem Teller mit Scones, Butter und Marmelade auf ein Tablett, setzte Teewasser auf und gab den Tee in die Kanne. Mit seinen Gedanken war er ganz woanders. Gleich würde der Augenblick kommen, wo er ihr Rede und Antwort stehen musste, worauf nur hatte er sich eingelassen? Er hätte sie im Krankenhaus abliefern können wie seinerzeit die Malerin. Obwohl das dort auch befremdlich gewirkt hätte: Mr Spane, der immer über verletzte Frauen stolperte! Egal, jetzt war es zu spät, sie war hier bei ihm, ganz Glen Drole wusste es und sprach darüber. Er konnte nicht allen Einwohnern das Gedächtnis manipulieren. Vermaledeites Pflichtbewusstsein, das ihn hatte im ‚Drole Inn' anrufen lassen!
Er hatte sie zu sich geholt, hatte damit zugegeben, dass er der sogenannte ‚Schutzengel' war, sie würde nicht eher ruhen, als bis sie alles erfahren hatte. Wie würde sie auf seine Geschichte reagieren? Würde sie ihm überhaupt glauben? Konnte er sie zur Verschwiegenheit überreden, oder würde sie gnadenlos alles aufdecken und sein so mühsam aufgebautes Leben zerstören? Sein Leben – was man so Leben nannte. Der Vorfall mit dem Polizisten an seiner Tür hatte deutlich gezeigt, was man im Dorf von ihm hielt. Er würde ewig ein Außenseiter bleiben.
Na und? Du willst es doch so, du brauchst keine sogenannten sozialen Bindungen!
Sollte er ihr vielleicht besser doch noch alle Erinnerungen nehmen? Nein, das würde nichts nützen, denn in London gab es Menschen, die von ihrem Auftrag wussten, sie würde wiederkommen, oder jemand anders würde wiederkommen, alles würde von vorne anfangen. Sie würden nicht aufgeben, es hatte keinen Sinn, er musste sie einweihen, musste sich ihr auf Gedeih und Verderb ausliefern. Wie sollte er nur anfangen? Sollte er alles sagen? Es bedurfte so vieler Erklärungen für einen Außenstehenden. Vielleicht wäre es doch sinnvoller, einfach zum Zauberstab zu greifen, ein kurzer Spruch und ...
Seine Argumentation drehte sich im Kreis, sein sonst wohlgeordneter Verstand spielte verrückt. Er hatte einmal junge Muggel beobachtet, wie sie zu lärmiger Musik aufeinander zusprangen und sich anrempelten, wild ihre langen Haare schüttelten – genau so sinnlos benahmen sich seine Gedanken jetzt auch.
Der brodelnde Wasserkessel riss ihn aus seinen Überlegungen. Er überbrühte die Teeblätter, zog dann mit einem resignierten Seufzer einen Stab aus dunklem Holz aus seiner Gesäßtasche und richtete ihn mit ein paar gemurmelten Worten auf sein Gesicht: Das war vielleicht der beste Einstieg.
Entschlossen packte er das Tablett und trug es ins Wohnzimmer, um den Tisch zu decken.
Herzlichen Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot
