Emmett grinste breit. „Du bist verdammt stark, aber diese Runde ging ja wohl ganz klar an mich", sagte er unverschämt heiter.
Mir klappte der Mund auf. „Ganz sicher nicht! Ihr wart zu viert, das zählt nicht."
Emmett grummelte vor sich hin. „Das nächste Mal krieg ich dich!", drohte er, aber es war nur spielerisch gemeint. „Wir lassen es besser nicht auf ein weiteres Mal ankommen", widersprach Rose, die dicht gefolgt von Esme und Alice aus dem Haus trat.

Jasper

Wie seltsam war das bitteschön? Ich konnte Bellas sprunghafte Gefühle zwar spüren, sie allerdings nur bedingt beeinflussen. Langsam glaubte ich, Bella tanzte uns allen auf der Nase herum. Ich hatte es geschafft, sie zu beruhigen, als sie bereits am Boden gelegen hatte und dazu bereit gewesen war, sich beruhigen zu lassen.
Ihre Gefühle zu beeinflussen war so zäh, als würde eine große Entfernung zwischen uns liegen und nicht nur wenige Meter. Es strengte mich extrem an, mich mit Bella im selben Raum aufzuhalten. Ihre ständigen Stimmungsschwankungen kamen so plötzlich, dass mir kaum Zeit blieb, um zu versuchen sie zu beeinflussen.
Oder stimmte etwas mit meiner Gabe nicht? Probeweiße konzentrierte ich mich auf Roses Gedanken, die gerade völlig außer sich war und kurz davor schien, Emmett eine rein zu hauen. Verdient hätte er es ja. Einen neugeborenen Vampir herauszufordern war wohl das dümmste was man machen konnte. Ich musste mich nicht weiter anstrengen, um Rose zu beruhigen. Sie warf mir einen bösen Blick zu.
Bellas Impulsivität und ihre Wutanfälle waren nicht weiter verwunderlich. Für neugeborene Vampire war so ein Verhalten ganz normal. Allerdings musste ich zugeben, dass mich die Tatsache, dass sie bereits drei Monate verwandelt war und trotzdem noch so wild war, ein bisschen beschäftigte.
Zur Zeit ihrer Verwandlung hatte sie sich an einem emotionalen Tiefpunkt befunden... teilweise geschah es, dass Vampire, die in einem solchen Zeitabschnitt verwandelt wurden, nie wirklich in der Lage waren, sich zu beherrschen.
Das wäre wohl das schlimmste, was eintreffen konnte. Doch es war nur eine Befürchtung, nichts was sich bewahrheiten musste. Ich hatte schon viel erlebt und gesehen und war für bestimmte Themen dementsprechend sensibilisiert. Ich warf einen kurzen Blick auf Edward, der immer noch vor Wut kochte. Seinen schrecklichen Schuldgefühlen rund um die Uhr ausgesetzt zu sein, war wahrlich kein Vergnügen. Doch ein positives hatte die Sache dennoch. Er war zu beschäftigt mit sich selbst, dass er wenig auf die Gedanken von uns anderen achtete. Ihm entgingen häufig irgendwelche Sachen. Hätte er meine Vermutungen zu Bellas Temperament mitbekommen, wäre er jetzt ganz anderer Stimmung gewesen. Ich wollte keinem von meinen Befürchtungen erzählen und auch nicht von meine Schwierigkeiten Bellas Gefühle zu beeinflussen. Sie würden sich nur unnötig Sorgen machen.
Als ich auf sah, spürte ich Carlisles Blick auf mir ruhen. Er dachte konzentriert nach. Wahrscheinlich war er schon von selbst darauf gekommen, dass meine Fähigkeit bei Bella nur eingeschränkt funktionierte. Ihm entging einfach nichts.

Bella

Wir überquerten mit einem eleganten Satz den Fluss und rannten in den Wald hinein. Das Rennen gefiel mir, der Wind peitschte in mein Gesicht, die hohe Geschwindigkeit vermittelte mir ein Gefühl von Freiheit. Emmett versuchte um alles in der Welt mit mir mitzuhalten, doch ich zog ohne Mühe an ihm vorbei. „Bleib stehen!", rief Jasper irgendwann. Ich gehorchte widerwillig.
Jasper und Emmett sahen mich grinsend an. „So... jetzt weisen wir dich mal in die Kunst des Jagens ein", sagte Emmett und rieb sich voller Vorfreude die Hände.
„Das Jagen von Tieren wohlgemerkt", warf Jasper ein.
„Schließ die Augen und lausche", forderte mich Emmett auf.
Ich zögerte misstrauisch, man sollte niemals vor dem Feind die Augen verschließen. Doch dann gab ich mir einen Ruck und tat wie mir heißen.
Ich hörte das Leben im Wald, das Summen und Brummen seiner kleinen vielbeinigen Bewohner. Doch nur ganz leise und verhalten, da es mitten in der Nacht war.
In den Baumkronen raschelten Vögel, ein Käuzchen rief. Weiter entfernt, hörte ich etwas auf samtenen Pfoten schleichen.
„Eine Wildkatze", vermutete ich und öffnete die Augen. Emmett strahlte.
„Und jetzt, riech!", forderte mich Jasper auf. Ganz unterschwellig nahm ich einen würzigen animalischen Geruch war. Nicht vergleichbar mit menschlichen Geruch, doch meine Kehle loderte trotzdem auf. „Und jetzt?", fragte ich neugierig.
„Jetzt wird gejagt!", rief Emmett und rannte los.

Emmett

In geduckter Jagdstellung rannten wir immer der Nase nach. Es wunderte mich, wie elegant und aggressiv jede von Bellas Bewegungen war. Aber sie war noch jung und musste noch vieles lernen. Es ärgerte mich unwahrscheinlich, dass sie schneller war als ich. Jasper kicherte von Zeit zu Zeit. Klar, der fand das witzig, wenn die kleine Bella mich übertraf. Ich musste sie unbedingt dazu überreden mit mir zu kämpfen. Ich hasste es, wenn ein Spiel unentschieden ausging. Bella war furchtbar impulsiv... Wenn sie das nur abstellen könnte... Edward hielt sich von ihr fern, das wunderte mich, doch ich hatte noch keine Gelegenheit gefunden, ihn unter vier Augen darauf anzusprechen. Eigentlich war doch jetzt alles perfekt, oder? Bella war ein Vampir und Edward musste sich jetzt keine Sorgen mehr machen, seine niedliche kleine Freundin ausversehen umzubringen. Aber Edward neigte ja dazu, alles viel komplizierter zu machen, als es eigentlich war. Er brauchte dringend einen Rat von seinem großen Bruder. Ich grinste. Und bald würde er auch in anderen Dingen einen guten Rat brauchen. Mir entwischte ein schallendes Lachen. Bella und Jasper drehten sich mitten im Lauf neugierig zu mir um.
Mal schauen wie viele Betten Bella und Edward mal zertrümmern würden... Aber davor musste ich ihm als großer Bruder ein paar Tipps geben, schließlich war er noch eine Jungfrau. Ob er mit der wilden Bella zurrecht kommen würde? Ich verkniff mir ein weiters Lachen, die Vorstellung war einfach zu göttlich.
Inzwischen hatten wir uns der Wildkatze auf wenige Meter genähert. Ihr schlammfarbenes Fell war schmutzig und verfilzt, sie schlich auf ein Tannendickicht zu.
„Und los!", flüsterte ich Bella zu. Jasper und ich hielten uns im Hintergrund. Wir mussten noch nicht jagen. Bella schraubte sich elegant in die Luft und landete lautlos in geduckter Haltung vor der Raubkatze. Diese schrie vor Überraschung auf.
Sie hob die Tatze und fuhr mit ihren scharfen Krallen über Bellas Brust. Der dunkelgrüne Stoff zerriss und es hätte nicht viel gefehlt und Bella wäre in Unterwäsche vor uns gestanden.
Ich kicherte. Die Raubkatze fauchte wütend, Bella knurrte bedrohlich zurück. Ich brüllte vor Lachen.
Das Kätzchen sprang Bella an und sie landeten zusammen auf dem Waldboden. Unter dem markerschütternden Kreischen der Wildkatze und Bellas lautem Knurren, wälzten sie sich auf dem Waldboden. Hin und wieder hörte man das Reißen von Bellas Klamotten. Sie schien auf den Geschmack gekommen zu sein. Sie hätte den Kampf sofort beenden können, doch sie hatte zu viel Spaß. Es hätte nicht viel gefehlt und Jasper und ich hätten uns ebenfalls auf dem Boden gewälzt, allerdings vor Lachen. Bella mit der Raubkatze kämpfen zu sehen war einer der lustigsten Dinge, die ich je gesehen hatte. Doch schließlich schien sie genug zu haben und biss in die Halsschlagader des Kätzchens. Ihre Schreie wurden lauter und sie schlug um sich, doch dann erschlafft ihr Körper. Als Bella ihren Durst gestillt hatte und sich wieder aufrichtete, brachen Jasper und ich wieder in schallendes Gelächter aus. In Bellas Haaren hatten sich allerhand Äste verfangen, ihre Klamotten waren zerfetzt, dreckig und mit Blut getränkt. Fellreste klebten daran fest.
Wir Schlugen uns gegenseitig auf die die Schultern vor Lachen. Bella sah uns pikiert an.
„Was ist?", fragte sie unsicher. Jasper riss sich wieder zusammen, ganz der Verantwortungsbewusste. Er räusperte sich um einen weiteren Lacher zu tarnen. „Das war ziemlich witzig", sagte er, sein Körper bebte unter dem Versuch, nicht wieder in Gelächter auszubrechen. Ich brüllte immer noch vor Lachen. „Du solltest dich mal anschauen", presste ich zwischen den Zähnen heraus.
Bella sah uns beleidigt an. „Können wir zurückgehen, wenn ihr fertig seid?"
Ich hüstelte und auch während dem Lauf zurück zum Haus entwischte mir hin und wieder ein Lacher. Ich war unheimlich gespannt, wie die anderen reagieren würden. Ich musste das alles nur richtig inszenieren. Ich hörte die anderen im Wohnzimmer diskutieren, das war perfekt.
Ich hielt Bella die Türe auf, damit sie zuerst den Raum betrat. Auf einen Schlag war es totenstill, ich musste mich wirklich zusammen reißen, um den Moment nicht zu zerstören.
Ich blickte reih um in die schockierten Gesichter. Dann hörte ich das glockenhelle Lachen von Alice. Carlisle, Rose und Esme stimmten mit ein, bis wir alle schallend lachten. Sogar Edwards Lippen verzogen sich zu einem amüsierten, fast ungläubigen Lächeln.
Bella sah uns alle missmutig an, doch dann zuckte es um ihre Mundwinkel, bis sie ebenfalls mit einstimmte. Der Tag hatte ja schon so einiges sonderbares mit sich gebracht, doch jetzt hier mit meiner Familie zu stehen und zu lachen war wohl das außergewöhnlichste.
Das war das erste Mal, seit wir Bella verlassen hatten, dass wir wieder lachten. Mein Plan war aufgegangen. Das was hier dringend gebraucht wurde, war eine ordentliche Portion Humor.

Edward

Bella sah wieder genauso aus, wie an dem Tag, an dem wir sie zum ersten Mal als Vampir gesehen hatten, so unglaublich wild, so faszinierend. Ihr dunkelgrünes Seidenoberteil, hing in Fetzten an ihr herunter. Ihre linke Brust wurde nur noch von einem schwarzen Spitzen BH bedeckt. Es kribbelte mir in den Fingern, ihr auch diesen abzustreifen. Ihr wundervollen, sinnlichen Lippen mit den Meinen zu berühren, meine Hände in ihr wallendes Haar zu winden... Ich sollte aufhören, sie so anzustarren. Bella war nicht mehr diese Bella, die ich geliebt hatte, sie war nicht mehr die Bella, die mich geliebt hatte.
Doch dann sah ich es, so überwältigend, so wunderschön und so wahnsinnig vertraut: Ein scheues Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Dieses scheue Lächeln. Es fühlte sich so an, als hätte sich nichts verändert, als wäre sie kein Vampir, als wäre sie noch ein Mensch.
Alles andere rückte in den Hintergrund, als ich in Bellas vertrautes Gesicht sah und unwillkürlich breitete sich auch auf meinem Gesicht ein Lächeln aus. Solange Bella auf diese Weise lächeln konnte, solange sich dasselbe hypnotisierende Grübchen an ihrem Kinn bildete, ja, solange konnte sie nichts anderes sein als meine Bella. Sie war ein Vampir, aber sie war Bella, so wie ich sie kannte, so wie ich sie... liebte?
Ein heißes Glücksgefühl breitete sich in meinem Inneren aus. Die Gewissheit hob sich deutlich über allem anderen hervor: Ich hatte nie aufgehört Bella zu lieben, selbst als sie über einer Leiche gekniet und ihr Blut getrunken hatte, waren meine Gefühle dieselben geblieben. Ich hatte nur die Augen vor ihnen verschlossen. Eine weitere Gewissheit drängte sich mir auf, die das Heiße Glücksgefühl schlagartig erkalten ließ.
Ich würde Bella niemals anfassen können. Es war nicht nur so, dass sie es nicht wollte, sondern auch, dass ich es mir nicht erlauben konnte. Nach dem was ich ihr angetan hatte, durfte ich sie nicht auf diese Weise in Besitz nehmen, wie es zuvor der Fall gewesen war. Selbst wenn sie es irgendwann wollen würde, was sehr unwahrscheinlich war, durfte ich mir nicht erlauben, ihr meine Liebe zu gestehen. Es wäre mehr als unfair, nach dem was ich ihr angetan hatte, von ihr zu verlangen, darüber hinweg zu sehen. Ich war das Monster, weil ich zugelassen hatte, dass an ihrem Gewissen die Schuld klebte, unschuldige Menschen getötet zu haben. Selbst in ihren dunkelsten Stunden war sie zu gut für mich. Selbsthass loderte in mir auf. Ich hätte doch alles haben können.